Adjuna ließ sich, dem weisen Spruch eines kalten Volkes des Nordens folgend: "Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Leute haben keine Lieder", nieder; aber er wußte wohl, wie gerade dieses Nordvolk aus voller Kehle schmetterte, wenn es böse war, deshalb blieb er zurückhaltend und taute nur sehr allmählich auf.

Die Mädchen aber sangen:

  • Einst waren wir unschuldig
    Jetzt haben wir die Sünde
    Oh ja, die Sünde ist schön
    Oh, Eva, du hattest deine Gründe
    Immer nur Hosianna und Hallelujah
    Das mochtest du ja
    Gar nicht, drum gabst du Adam, dem Müden,
    Dich zu lieben.
    Und auch du, mein Liebster,
    Sei kein Kloß
    Stürze dich auf meinen Schoß!
    Hosianna!
  • Jetzt antworteten die Burschen:

  • Wenn das Feuer sinkt
    Die Musik verklingt
    Dann will ich dich pressen
    Dann will ich dich fressen
    Bin kein Kloß
    Liebe Deinen Schoß.
  • Und dann sangen die Burschen und die Mädchen zusammen, das war ein Spektakel, obgleich es so verträumt begann:

  • Wenn das Feuer sinkt
    Die Musik verklingt
    Dann wollen wir schieben und lieben,
    Schmusen am Busen, dienen den Trieben
    Oh, Eva, hattest deine Gründe
    Zu lieben die Sünde.
    Die Erde ist uns recht
    Das Paradies war schlecht.
    Immer nur preisen und loben
    Den Herrn da droben.
    Nein! Laßt uns toben
    Mag er ruhig neidisch von da oben
    fluchen und drohn
    wir bleiben bei unserem Hohn
    Das Paradies ist schlecht
    Eva hatte recht.
  • Einige tolle Evas stürzten sich schon jetzt auf die Burschen und man hörte sie scherzhaft Weisheiten wie: "Bist du auch noch so geil, laß meine Hose heil!" oder "Soll der Stoß geraten, gib mir erst den Braten!" sagen. Dieses Necken und Foppen dauerte noch eine ganze Zeit, erst nachdem man den Braten verschlungen hatte, wurde man ruhiger und begab sich in die Zelte. Feuerschein erlischt, Mondschein allein.

    Da saß sie, schwarzes Haar langwellig tragend, abseits, Hände im beschürzten Schoß haltend, Blick verträumt, träge, traurig, glänzend pechfarbig gesenkt, sinnend, Sinn sinnend, suchen, Fuß hebend, ins Wüstenfeld schwebend, Einsamkeit nehmen.

    Des Unmöglichen Antwort suchen, das Unerreichbare verstehen wollen, das Unerhörte erstreben - unerhört, empörend - unerhörte Gedanken denken wollend, Wille wollen.

    Hört sie denn die Stimme da nicht? Stimme des selbstherrlichen, einzigen Gottes, des alleinigen, Niemand-Sei-Neben-Mir-Gottes, des Vaters eines eingeborenen Sohnes und Schänder desselben, Quäler und Peiniger, der an seine Allmacht glaubend und glauben machend, Glaube machend sagt: Menschen, ihr seid auch nur Tiere und zwar Schafe, ihr habt nicht zu fragen!

    Und wahrlich, wer nur glaubt und nicht zweifelt, wer lebt und nicht fragt, nicht auch da fragt, wo keiner mehr antwortet, antworten kann, sich nicht auch da fragt, wo er, wenn nicht schon an der Frage, auf der Suche nach der unerreichbaren Antwort zugrunde geht, der ist als Mensch auch nur ein Tier, gefräßig und doch so genügsam.

    Sie schluckte, feuchte Lippen formten Ton. Klar klingender Stimme Klang - klang vom Rad der Geburten:

  • Frisch schlüpft er aus dem Ei,
    glaubt sich frei.
    Das Himmelszelt
    ist seine Welt.
    Hoch fliegt er,
    doch seine Träume höher.
    Wird alt, kommt die Wende,
    naht die Ende.
    Tot der Vogel fällt vom Nest,
    Ameisen fressen seinen Rest.
  • Es ist ein Rad, das dreht sich,
    Mühlenrad am Bach, bricht die Gischt,
    klappert nicht, sondern flüstert und zischt:
    geboren, geborgen, gestorben,
    erworben, verloren,
    gewonnen, zerronnen,
    bekommen, genommen.
  • Auf alles Treffen folgt ein Trennen, auf Glücklichsein Traurigkeit, nach jedem Rausch und Taumel kommt Tau trister Nüchternheit.

  • Der Tod uns allen drohnt,
    aber der Tod wäre nicht schlimm,
    wüßten wir des Lebens Sinn.
  • Doch kommt der Sensenmann dann an meine Tür,
    im Leben viel gelitten, jammere ich nicht dafür - nicht darum.
    Gehe ich hinüber, blicke mich nicht mal mehr um.

  • Ein großes Licht wird vor mir ragen
    und mir allen Sinn sagen.
    Liebes Licht, wirst selber Sinn sein.
  • Der Tod uns allen droht,
    aber der Tod wäre nicht schlimm,
    wüßten wir des Lebens Sinn.
  • Da alles geboren und alles stirbt,
    da alles entsteht und alles vergeht,
    ist auch Meru entstanden,
    wird auch Meru vergehn.
    Und alles wird still
    und soll nie wieder von neuem entstehn.
    Ach - so brecht mir diesen Bann!
    Das Rad der Geburten - wer hält es an?
  • Das Lied beendet, sann sie eine Weile stumm: Viele Gründe hat das All, wir vermögen sie nicht zu erhaschen. Nur eitle Menschengedanken glauben, um den Sinn zu wissen; ein Glaube, der ihnen den Sinn in die Hände legt, ein Gott, der alles geschaffen und ausgerechnet den Menschen nach seinem Ebenbilde mit der gleichen Rotznase.

    Da erschien ein verschnupft scheinendes, uraltes Männchen; es war der liebe, alte, graubärtige Niemand-Sei-Neben-Mir-Gott gerade in dieser Zeit öfter und verstärkt, Helfern und Helfeshelfern nicht mehr recht trauend, selbst auf Seelenjagd aus. In seiner Allmacht den Neid auf Meru und auf alles wirklich erhaben Göttliche mit einem mildtätigen, mitleidig wehleidig lächelnden Gesicht tarnend, trat er zu der schwarzhaarigen Zigeunerhellseherin. Zunächst sprach er: "Du bist verzweifelt, mein Kind. Aber hab' keine Furcht! Ich will dir helfen, dir den rechten Weg weisen. Hab' nur Vertrauen! Aber dein Lied war nicht schön, so etwas sollst du nie wieder singen!" - "Ach du, tu doch nicht gütig, wir kennen uns doch, einst warst du bissig, aber als man deinem auserwählten Volke in Ägyptenland die Zähne ausschlug, wurdest auch du zahnlos. Dein `Auge um Auge, Zahn um Zahn' hast du schon mit zahnlosem Mund gezischelt, wenn auch mit noch blutendem Zahnfleisch. Auch ohne Zähne hast du noch genug gebissen und deine Schafe waren schlimmer als Wölfe, haben mehr zerrissen und verschlissen. So manches Mal verbrannte ich auf dem Scheiterhaufen."

    Er stellte sich taub. "Bete Mich an und führe ein sündenfreies Leben und dein Leben bekommt einen Sinn, denn Ich bin . . . "

    "Nun aber husch, husch, hoppa, fort mit dir!"

    Als er nun weit genug fort war, brach das schäumende Donnerwetter los, Fluchen und Verwünschen, Höllenqual, Brennen, Wut, Wut, gottloses Gesindel, Höllenbrut, Hexe, Hexe . . ., ach, könnte man doch noch einmal . . ., und in seinem Schoß regte sich etwas, wie einst bei seinen frommen Hexenfolterern, ja, könnte man doch einmal so die Haut ritzen, die Knochen brechen, die Nägel ausreißen, gottloses Blut verschütten, sengen, brennen. Weiter krächzte der 'liebe Gott', das Göttchen: "Ihr Menschen seid auch nur Tiere und zwar Schafe, alle Schäfchen, mein Mein göttlicher Wille, Ich, der Schöpfer, es so will."

    "Merkst du nicht, daß deine Zeit um ist? Wenn du noch ein nettes Wort von mir hören willst, so mußt du darum betteln und flehen, wie wir einst um deine Gnade haben flehen müssen."

    So ist es recht, dachte Adjuna, auch einem Gott soll man Gleiches mit Gleichem vergelten.

    Die schnaubende Erscheinung, der Gott, war bald darauf verschwunden, obwohl man bei ihm nie sicher sein konnte, daß er wirklich weg war, in seiner schamlosen Gier, Neugier, sah er in jede Stube, in jedes Zelt, ja, sogar unter jede Bettdecke und in jede Seele, solche unanständigen Dinge erzählte man sich jedenfalls von ihm. Adjuna schwebte ein paar Mal um die jetzt wieder allein in der dunklen Wüste Sitzende herum, alle Gedanken an die unangenehme Begegnung schienen vertrieben, verschwunden zu sein; er bewunderte ihre Schönheit, Gelassenheit, dann tauchte er in ihre Höhle, wo Noch-Seelenloses-Wesen schon auf ihn wartete.

    Sramania wußte, diese Nacht war die Seelenempfängnis ihres Ungeborenen, deshalb saß sie still und ließ nichts - gar nichts Böses mehr an sich heran, weder Gedanke noch Dämon.

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