Als Adjuna aus seiner Vision erwachte, stand Bhagavan Vyasa vor ihm. Der alt ehrwürdige Archarya war nieder zur Erde gekommen, um Adjuna zu ermahnen: "Wie damals vor der Vernichtung der Kshatriya-Rasse, stehen wir wieder an der Schwelle der Zerstörung. Unfruchtbar sind des Menschen Pläne, selbst seine gut durchdachten, gut gemeinten, weisen, ohne des Schicksals Hilfe; wenn das Schicksal gegen ihn ist, ist selbst Weisheit machtlos; doch ist das Schicksal ihm freundlich gesonnen, gereichen ihm selbst Narrheiten zum Vorteil. Die Opfer widrigen Schicksals werden erst verführt, verlieren dann völlig das Gefühl für Recht und Unrecht. Die Zeit, die große Zerstörerin, nimmt keinen Knüppel und bricht des Menschen Schädel nicht, sondern durch das Verwirren seiner Urteilsfähigkeit läßt sie ihn falsch handeln, zu seiner eignen Vernichtung. Die Zeit, die kommen wird, wird Städte, Dörfer, die Ameisenhaufen und Sumpfnester ausradieren, Oberflächen polieren, die Eiterbeulen werden nicht rausgeschnitten, sondern mit dem gesunden Muskelfleisch ausgerissen, nur blanke Knochen werden bleiben und Knochenmehl und Knochenasche. Selbst Edelsteine werden schmelzen. Jahrtausende des Schweigens werden folgen, ehe die Welt wieder neuen Mut zum Gebähren finden wird. Doch sei nicht erschüttert, das ist deiner nicht würdig, - gegen das Schicksal kann keiner. Tue deine Pflicht, in der kommenden Zeit ist richtiges Verhalten wertvoller und wichtiger denn je. Ich segne dich, Adjuna: Du sollt der letzte Mensch sein, der diesen Erdboden betritt. Und ich sage es noch einmal: Tue deine Pflicht."
Und da wußte Adjuna, daß er nicht sterben konnte, bevor er nicht seine Pflicht getan hatte. Und er wußte auch, was seine Pflicht war.
Das letzte Kapitel
Als Adjuna aus seinem Alptraum erwachte, war die Welt eine Alpwirklichkeit, eine noch größere Alpwirklichkeit, als sie vor dem Traum schon war.
Die Welt stand in Flammen, endlich in Flammen, im atomaren Feuer. Und zwar an allen Ecken. Bei den Indern waren die Eier der Plutoniumbrüter bei Bombay geschlüpft, die Küken flogen nach Pakistan und verwandelten sich in Sonnen, und auch die islamische Bombe war fertig und flog über indische Städte und verwandelte sich in Sonnen; beide Völker sonnten sich im Angesicht ihrer militärtechnischen Erfolge. Die Inder fragte sich, sollte die Yuga schon zu Ende sein, sie hatte doch gerade erst angefangen, es waren doch eigentlich noch 428 000 Kali-Jahre nach. Und die Pakistanis freuten sich auf die wunderbaren Huris, die ihr Paradies bevölkerten, und die ihnen allen zur Verfügung stehen würden, da sie in einem heiligen und gerechten Krieg gegen die Ungläubigen starben, Jungfrauen, die immer klimaxierten, rhythmisch kontrahierten, aber nie menstruierten.
Nur die Frauen Pakistans hatten nichts, vorauf sie sich freuten, da das moslemische Paradies keine Lustknaben für sie kannte.
Aber die Welt hatte noch mehr Ecken. Drei Ecken trafen sich am Mittelmeer, wo jedem die Abrahamitische Ehe zu eng geworden war. Ehe zu dritt war ja auch Unsinn. Wo sich doch drei immer stritten.
Sie koalierten und kollidierten, aber irgendwie störten jeden die anderen Partner bei der Eigenliebe und Selbstbefriedigung.
Und so lief man seiner Religion entsprechend hinterm Kreuz oder Halbmond oder Magen David her und befriedigte sich selbst seinen Vernichtungstrieb.
Und in den Freidenkerstädten hatte es Geschäftsleute gegeben, die geheimes Militätwissen an die Nichtwisser und Nichtdenker der religiösen Landschaft verkauft hatten, so daß diese dabei waren, die Freidenkerstädte zu überrennen, - und nicht einmal die Hure Rahel, wenn sie sie kriegten, ließen sie am Leben, obwohl doch die Bibel das ausdrücklich verlangte. Der sterbenden Bevölkerung war das natürlich recht.
Alle sahen es so überdeutlich, was man immer geahnt hatte: Das Beste, was man mit Menschen machen konnte, war sie umzubringen. Jeder sah, daß es das Beste war, und jeder tat sein Bestes, es zu tun. Immer dem anderen tat man es an, verständlich, denn es tat weh, wenn man es bei sich selbst machte.
Und es gab so viele, viele, viele, viele, viele vielevieleviele zu ermorden, denn die Erdbevölkerung hatte sich dank humaner Enzykliken, oder Enzykliken à la "Humanae Vitae", wie sich so eine Vermehrungsanleitung mal nannte, auf viele, viele, viele, viele, viele vielevieleviele Milliarden gesteigert. Aber es war nicht das Privileg der Katholiken gewesen, sich zu vermehren, auch die Religionsführer der anderen Konfessionen und Religionen waren so vernünftig gewesen, darauf zu achten, daß die Zahl ihrer Kredoisten und ihr Anteil an der Weltbevölkerung sich nicht durch Geburtenkontrolle verschlechterte. Nur Atheisten waren so unvernünftig gewesen, beim Gebärwettstreit nicht mitzumachen. Jetzt sollten sie das Nachsehen haben.
Adjuna erinnerte sich an seinen Mord am Missionar. Ja, das war ein kleiner, letzter, lächerlicher Versuch gewesen, die Welt vom Irrsinn der Religion zu befreien, und er erinnerte sich auch an seine eigenen antireligiösen Predigten, auch das waren vergebliche Versuche gewesen, das Unwissen aus der primitiven Urzeit der Menschen war nicht zu stoppen gewesen, zu viele Menschen waren selbst primitiv, und zu vielen religiösen Predigern waren zu viele Mittel zur Verfügung gestellt worden, um das Volk zu verführen.
Jetzt erlebte die Dummheit wieder Triumphe und alte Feindschaften lebten wieder auf. Man hatte den Unterschied zwischen der Gottähnlichkeit Jesu und der Gottgleichheit des Erlösers, Homoiouisie und Homousie, und mit oder ohne göttlicher Gebärerin, wiederentdeckt; und an noch anderer Stelle war der noch größere Unterschied von der Gottessohnschaft Jesu und einem Jesu, der ein bloßer Bote Gottes war, jedoch ein geringerer als Mohammed aufgestoßen; Sure 9, Satz 30: Und es sprechen die Nazarener: "Der Messias ist Allahs Sohn." Allah schlag sie tot!
Bloß Allah brauchte die Menschen dazu.
So hatte eine Hochrüstung, ein Rüstungswettlauf, stattbefunden, totaler und radikaler als damals, als sich noch die Ideologen stritten, ob über die Produktionsmittel einzelne Kapitalisten oder einzelne Parteibonzen verfügen sollten.
Aber Ideologien ließen sich leichter auf den Mist werfen, und damals war der kollektive Selbstmord der Menschen mißlungen, schlichtweg ausgefallen, trotz all der langen Vorbereitung und der hohen Investitionskosten.
Die Investition in Waffen hatte aber die Waffenhersteller reich gemacht, und die Zerstörung der Waffen während der allgemeinen Entspannung danach hatte sie noch einmal so reich gemacht, doppelt so reich, und alles auf Kosten der Steuerzahler, wieder Gläubige, diesmal Idioten, die an einen Staat glaubten und seine Herrschaft, Herrlichkeit und Allmacht.
Politiker, die den Waffenfabrikanten all die Aufträge und all das Geld zugeschoben hatten, verloren angesichts der Geldgiganten, die sie gezüchtet hatten, immer mehr an Bedeutung; sie wurden langsam zu Lohnabhängigen der Industriebosse, die dafür bezahlt wurden, vor dem Volke ihren Text aufzusagen, sonst hatten sie nichts mehr zu sagen.
Die Texte schrieben die neuen Bosse, und sie schrieben Texte, die auf neue Antagonismen hinwiesen, wie das Beten mit gefalteten Händen statt mit erhobenem Hintern oder das Essen des Eis von der spitzen statt von der stumpfen Seite, und so hofften sie, die Bonanza vom großen Kommunismus/Kapitalismus-Konflikt zu wiederholen. Aber auch ihnen wurde das Steuer aus der Hand genommen von ihrer eigenen Züchtung.
Aber bei dem großen Krieg ging es nicht mehr um Sieg oder ums Überleben, es ging nur noch darum, wem die Ehre zukam, alles zu vernichten.
Diese Ehre würde aber zweifellos den meisten
zukommen, dachte Adjuna, wie immer dem Volke, den Massen mit all
ihren massenhaften Hurrraaaa-Schreiern, ja, der Pöbel hat wieder
Schuld daran, und Pöbel zu sein, das ist nicht das Privileg der
Proletarier, unteren Kaste und Unberührbaren, sondern Pöbel
findet man selbst unter den Privilegierten, Pöbel sind all die,
die feige und unselbständig mit den Massen gehen und nichts
Eigenes sein wollen. Sie machen die große Vernichtung erst
möglich ---- nötig.
An der pakistanisch-indischen Grenze fing das große Morden an. Hier war uraltes Kulturland, wo der göttliche Funke zum ersten Mal den Menschen traf, zündete und einen fanatischen Menschenhaß und Feuerbrand entfachte, der fortan als Religion, Mythos, Mord und Autodafé durch die Welt geistern sollte wie Nebelschwaden oder mehr noch wie Rauch und Dreck vom Ausbruch eines Vulkans.
Der Gott Vishnu war als Chrishna zur Erde gekommen, in jüdischer Umgebung war aus ihm Jahrtausende später Christus geworden, Mohammed hatte das Christentum gesehen und daraus einen verbesserten Eingottglauben gemacht, und jetzt stand man sich auf indischem Boden gegenüber und erkannte sich nicht.
Die beiden verfeindeten Heere stießen aufeinander, zuerst wie im Schlagabtausch sich pickende Kampfhähne und sich gegenseitig hin- und herschiebende Bullen, dann brodelte das Schlachtfeld auf wie eine Hexenküche, um schließlich wie ein Gemisch von Säure und Lauge zur Ruhe zu kommen - als Leichenfeld, als neutrale Nekropole, als kontaminiertes Tabuland für Noch-Lebende.
Annihiliert wie Materie und Anti-Materie hatten sich auf diesem Feld laut indischer Propaganda die besten Söhne Indras und die bösen Söhne des Anti-Gottes Vritra, der in diesem Falle Allah hieß.
Während sich diese Söhne an der Front beschossen hatten im heroischen Kampf Mann auf Mann und das als Menschenmasse, starb hinter der Front eine Stadt nach der anderen den Atomtod.
Die Pakistani hatten nur Verachtung für die
indischen Teufelanbeter und Gemüsefresser, mit einem
Allah-Akbar, Großer-Gott, auf der Zunge starben sie unter den
großen Bomben der Vegetarier. Sie hatten eine fünfte Kolonne in
Indien, die ihnen aber nichts nutzte, da ihre eigenen großen
Bomben nicht diskriminierten. Großer Gott, wir brauchten
wählerischere Waffen. - Natürlich wußte auch der frommste,
daß Gott nicht lieferte.
im nU klatschten auf dem ganzen globus heerE aneinander, samsaptakas, selbstmordkommandos, natürlich hatten sie ihre BEfehle, abeR sie hatten auch ihren mordwillen und haß in sich, das war etwas eiGenEs und doch etwas fremdes, gepflanztes, gepflegteS. der grund für die mensCHeNabknAllerei war nicht erwähnenswert, kein richter hätte einen mörder wegen eines solchen grundes freigesprochen. Grund war, daß man den anderen nicht mochte, ein bißchen seine äußere erscheinung nicht und ganz und gar nicht die ProPaganda, die sich in seinem innern festgesetzt hatTe.
Die Welt war zum Großen Kampf angetreten. Liebevoll sprach man vom Großen Kampf, vom Harmageddon, und vom Großen Preis. Der Große Preis, den es bei diesem Endspiel angeblich zu erringen galt, war die absolute Herrschaft über die ganze Welt, also diesmal sollte es wirklich ein Krieg sein, der alle Kriege überflässig machte. Nach der letzten Entscheidungsschlacht würde die Zeit des langen Friedens beginnen, das Millienium der Liebe und Gewaltlosigkeit, der Sieger würde schon alle Gewalt unterdrücken. Und die Liebe würde nicht die geschlechtliche Liebe der Geilen sein, sondern die reine Liebe der Religiösen, der Päpste oder Mullahs, oder der Ideologen. Es würde das eine oder das andere sein, aber es sollte nicht Beides sein. Die Zeit nach dem Großen Kampf sollte ohne Antagonismen sein, dafür kämpfte man.
Beim Großen Kampf, da hatten die Propheten und Erlöser ihren großen Paradetag, besonders die Doomsday-Propheten.
Weltuntergangsapostel wurde man, indem man ein Leben lang verachtet, abgelehnt und erfolglos lebte, Beleidigung, Spott und Fußtritte von seinen Mitmenschen erhielt statt Anerkennung, Achtung und Liebe, indem man den Haß der anderen erlitt und sich einem keine andere Möglichkeit der Rache bot, als die übernatürliche, metaphysische Rache der Doomsday-Prophezeiung.
Der Johannes der großen Offenbarung war nicht nur extrem unsauber gewesen, da er sich nie gründlich wusch, sondern er war auch, was seine kretinen Predigten betraf, nicht sehr erfolgreich gewesen, die meisten, die ihn gehört hatten, hatten ihn verlacht wegen seines albernen Christentums und weiter ihr lustiges Leben gelebt. Das war der Giftwurm gewesen, der an seiner Seele fraß, und ihm seine Rachephantasien gab - wie eine Lullaby zur Beruhigung.
Er war ein armer Hanswurst gewesen, häßlich, schwächlich, dümmlich; den Damen konnte er nicht imponieren; verführen und ins Bett kriegen konnte er sie schon gar nicht; einem männlichen Faust- und Ringkampfe ging er aus dem Weg, da ihm die Muskeln fehlten; auch das Schwert verstand er nicht zu führen.
Dieses elende Wesen rettete sich und seine Selbstachtung, indem es sich einen Menschensohn phantasierte, dem ein scharfes, zweischneidiges Schwert aus dem Halse hing.1 Er hatte endlich im hohen Alter verstanden, was ein inuitischer Angakoq schon in jungen Jahren begriff, nämlich, wie man trotz Mängel und Schwächen großartig erschien.
1 Ich empfehle dem Leser, sich an dieser Stelle einmal mit der Offenbarung des Johannes vertraut zu machen.
Jetzt sprach Johannes mit der Autorität Gottes hinter sich, direkt hinter sich im Hinterkopf, und nicht nur an Heiden, sondern an jedem und jeder nahm er seine Rache; wer immer ihn auch aus welchen persönlichen Motiven auch immer hatte mißachtet, der bekam jetzt den Haß Gottes zu hören; eines Menschen Gott war jedoch immer nur ein Abbild des Menschen in seinem Innern, ein inneres Selbst, ein inneres Möchte-Gerne-Groß.
Die christliche Prophetin Isebel der Gemeinde zu Thyatira war sympathisch, erfolgreich und attraktiv, alles Eigenschaften die Johannes vor seiner großen Gottestrickvision nicht besaß. Seine Rache traf also auch sie: "Siehe, ich werfe sie auf ihr Bett (!) und werfe in große Trübsal, die die mit ihr die Ehe gebrochen haben, wenn sie nicht lassen von des Weibes Werken, und ihre Kinder will ich zu Tode schlagen."1 + 2
1 Offenbarung 2:22-23
2 Die Offenbarung ist nach Meinung der Christen und laut Vorwort direkt von Gott offenbart worden, der einzige Teil des NTs, der für sich die direkte Autorschaft Gottes in Anspruch nimmt. Christlichen Abtreibungsgegnern, die den Tod unschuldiger, ungeborener Kinder beklagen, sollte der obige Fluch zu denken geben. Es lohnt sich nicht, die Welt überzubevölkern für quatschige, religiöse Vorstellungen, die nicht einmal einem Blick in die Bibel standhalten. Gott ist der Baby-, Kinder- und Erwachsenenmörder par exellence. Gut, daß es ihn in Wirklichkeit gar nicht gibt, schade, daß er so viele Gläubige hat. - Oder schade, daß es ihn in Wirklichkeit gar nicht gibt, sonst hätten wir jemanden, an dem wir uns für all die Morde rächen könnten.
Wer geschlagen und getreten wurde besonders in der Kindheit und Jugend, einer Zeit, in der sich der geschlechtliche Geschmack formte bei den Menschen, der neigte leicht zu sadomasochistischen Fantasien: "Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich!"1
Johannes Fantasien überstiegen noch die von Marquis de Sade, obwohl dessen Offenbarung `Les 120 Journées de Sodome' die kommenden KZs der Modernen, der Juntas und Klerofaschisten, und des Zweiten Mittelalters schon sehr gut vorweggenommen hatte, aber natürlich vom ersten Mittelalter beeinflußt war. Ein Visionär übertraf den anderen. Was für eine Vision!
"Und es ging heraus ein anderes Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und daß sie sich untereinander erwürgten, und ihm ward ein großes Schwert gegeben."2
"Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere auf Erden. Und da tat es das fünfte Siegel auf und ich sah unten am Altar die Seelen derer, die getötet waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnissen willen. Und sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächest nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und ihnen wurde gegeben einem jeglichen ein weißes Kleid, und ward zu ihnen gesagt, daß sie ruhen müßten noch eine kleine Zeit, bis daß vollends dazu kämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch sollten getötet werden gleich sie."3
1 Offb. 3:19 2 Offb. 6:4 3 6:8-11
Viele geistigarme Gläubige hatten immer wieder aus der Apokalypse die Kraft geschöpft, sich gegen intelligentere Mitmenschen zu behaupten, und die Hoffnung gefunden, am Ende doch noch trotz ihrer Mängel zu triumphieren.
Der Weltuntergang gehörte wie die Hölle zum Drohmaterial der Religionen und Religiösen, nicht nur der christlichen. Da die Endzeit aber in den westlichen Industrieländern in eine christliche Zeit fiel, wurde der johanneschen Offenbarung und den Endzeit-Kapiteln der Evangelisten besondere Bedeutung beigemessen.
Eigentlich hatten die christlichen Evangelisten die endzeitlichen Visionen eines Juden wiedergegeben, aber da dieser Jude mit dem christlichen Messias identisch war, störte sich trotz erneut aufblühendem Anti-Semitismus wieder keiner der etablierten Christen an diesem Widerspruch. für sie war der wegen des Großen Krieges zu erwartenden Weltuntergang auch ein Kommen Christi, ein Wiederkommen Christi, das sie erwarteten. Atheisten hätte gerne darauf verzichtet, ebenso Pazifisten und Menschenfreunde.
Aber hier die letzten Wehen und das Kommen Christi direkt aus der Bibel - aktualisiert - Matthäus, Markus, Lukas1 als Mixtum compositum: "Wahrlich, ich sage euch: Es wird nicht ein Stein auf dem anderen bleiben. - Sag uns, wann wird es geschehen. Was werden die Zeichen sein? - Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Folget ihnen nicht! Wenn ihr aber höret von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht. Es muß so geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da. Es wird sich erheben ein Volk wider das andere und ein Reich wider das andere. Erdbeben, Pestilenz und Inflation. Auch werden große Schrecknisse und Zeichen vom Himmel geschehen: Bombengeschwader, Interkontinentalraketen, atomare Konflagration. Aber vor all diesem werden sie die Hände an euch legen und es werden euch überantworten die Führer und Gaufürsten an ihre KZ-Schergen und Henker. Die Synagogen werden brennen und viele von euch werden getötet werden. Und ihr Juden werden gehasset werden in meinem Namen und viele Anfechtungen werdet ihr erleiden. Viele Propheten werden sich erheben, falsche Lehren werden gepredigt werden in meinem Namen, und viele werden sich verführen lassen. Der Unglaube wird überhand nehmen, die Gebote werden nicht mehr geachtet werden, der Sabat nicht mehr geheiligt werden, stattdessen macht man sonntags frei. Und was ich als Jude zu euch Juden spreche, wird den Gojim der Welt gepredigt werden und dann wird das Ende kommen. Die heiligen Stätten werden zerstört werden von christlichen Fanatikern, wie einst von Kreuzrittern so auch von Bomberpiloten. Wehe aber den Schwangeren und Säuglingen! Die Strahlenschäden sind groß, mißgestaltet werden sie heranwachsen. Eine große Trübsal wird sein, wie sie nicht gewesen war vom Anfang der Welt. Und manch einer wird die große Not ausnutzen und sagen, er sei der Christus oder sein Vertreter auf Erden oder er sei ein Prophet. Und sie werden Wunder tun und große, heilige Zeichen und Gesten, sich bekreuzigen, knien, den Dreck des Erdbodens küssen und die Hände gen Himmel recken. Glaubt diesen Lügnern nicht! Sie wollen sich nur bereichern und meinen wenigen Auserwählten, deren Rettung ich schon lange vorherbestimmt habe, verführen. Wenn jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus! oder da ist sein Vertreter auf Erden! so gehet nicht hin und glaubet es nicht! Wo Aas ist, da sammeln sich die Geier. Seid weder Aas noch Geier! Bald nach der großen Trübsal werden Sonne und Mond ihren Schein verlieren, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen. Und dann wird das Zeichen des Menschensohnes mit starken Scheinwerfern an den Himmel gemalt werden. Und bald danach werde ich selbst die Wolken des Himmels durchbrechen mit großer Kraft und Herrlichkeit in einem energiereichen Raumfahrzeug. Die Triebwerke werden tönen wie tiefe Trompeten, ach nein, wie helle Posaunen. Und die Matrosen meines Raumschiffs werden die Auserwählten einsammeln. Die betrügerischen Bekreuziger und Sakramenter und Scheinwerferbetätiger und Himmelsbemaler und Büßer und Beter werden nicht darunter sein. Die Auslese erfolgt nach eigenwilligen Gesichtspunkten. Da werden zwei auf dem Feld sein, der eine wird angenommen, und der andere wird verworfen werden; zwei werden mahlen an der Mühle, der eine wird angenommen, der andere wird verworfen werden, da sitzen zwei in einem Auto, der eine wird angenommen, der andere wird verworfen werden; (hoffentlich bleibt der am Steuer als Verworfener auf der Landstraße!). Wahrlich, ich sage euch: Das Menschengeschlecht wird nicht eher vergehen, bis nicht alles geschehen ist! Dann aber ist das Reich Gottes nahe, welches sich im interstellaren Raum befindet. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht! Schnell noch ein paar Diätvorschriften: Hütet euch, daß euere Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen!"
1 vgl. Matth. 24, Mark. 13, Luk. 21, 5-34
Warum sollten nur religiöse `Messiahs' die Ankunft der Endzeit propagieren, warum nicht auch Atheisten?
Es gab aber auch atheistische Endzeit-Propheten, wie Holmgeirr der Inselsperr, die lehrten, daß, wenn die Menschen den Religionen weiter Glauben schenkten, dann würden sie sich eines Tages so unversöhnlich bekriegen, daß sie die apokalyptischen Visionen ihrer Religionen verwirklichten und das Ende ihrer Existenz herbeibombten.
Die einen phantasierten den Untergang, die anderen führten ihn aus.
Beim Großen Kampf, da hatten die Ausführer ihren großen Paradetag. Es gab sie in den verschiedensten Ausführungen.
Im Großen Kampf, da war der Mensch endlich wieder der Kriegsknecht, der er immer sein wollte.
Im Großen Kampf: Die Soldaten, die kämpfend starben, man brauchte sie eigentlich gar nicht, denn die Todesmaschinerie des Krieges arbeitete auch ganz gut ohne sie. Doch ließe man die Männer zu Hause unter den Bombenteppichen der Luftangriffe, so bestände die große Gefahr, daß sie loszögen, die Herren Kriegs- und Waffenlobbisten zu suchen, um sie zu erschlagen.
So war es besser - so entschied man -, erst einmal konventionell mit Pistölchen und Kanönchen Krieg zu führen, - um die Massen zu faszinieren und zu dezimieren.
Erst danach sollten die modernen, hochtechnischen Waffen die Entscheidung herbeiführen.
Der Mensch war Kriegsknecht - ein Knecht von der Idee, Krieg zu führen, besessen.
Ein Knecht des Krieges, ein Knecht der Gewalt, die sein Leben bestimmte.
Ein Unfreier, der glaubte für die Freiheit zu kämpfen.
Bäng bäng!
Angetreten stand er, ein jeder nach seiner Art:
Der Europäer stand wie ein greiser General, voller Würde und voller Müdigkeit, er hielt sich immer noch für das Zentrum der Welt (schließlich hatte er ja die Welt entdeckt), obwohl er geographisch gesehen der Wurmfortsatz Asiens war und militärisch ein Anhängsel des WASPenlandes. Er klammerte sich ängstlich an diese Großmacht wie einst die Griechen an den römischen Busen oder Po, ängstlich und würdelos, nur den vermeintlichen Barbaren gegenüber versäumte er nicht, mit seiner Würde zu imponieren.
Der Europäer stand Gewehr bei Fuß, vorsichtig hob er es ein bißchen an, um zu prüfen, ob es auch nicht zu schwer sei. Die moderne Technik und allgemeine Automation hatte ihm so viele Handschläge abgenommen, daß seine Muskeln verkümmert waren. Jetzt stand er Waffe bei Fuß, um seinen WASPen-Freunden einen Freundschaftsdienst zu erweisen und sich zu verteidigen; er sehnte sich aber zurück nach seinem Ohrensessel vor dem Videoschirm. Konnte man da nicht den Krieg auskämpfen? War einem so etwas nicht schon oft vorgemacht worden? Jetzt stand er plötzlich frierend im Freien.
Es war nicht nur ernst, es war auch kalt.
Der Europäer träumte von seiner schönen, gemütlichen Welt: Seit die Städte verrohrt waren, lieferten die Fabriken alles aus ihrer komplizierten Technik direkt frei Haus auf Knopfdruck. Sollte man das jetzt wirklich alles aufs Spiel setzten? Vielleicht wurde alles kaputtgebombt, all der Komfort, all die `conveniences'. Selbst zu kochen brauchte man nicht mehr: das Essen, künstliche, hygienisch einwandfreie Speisen aus Biochemiefabriken, gesünder und wohlschmeckender als jede Naturkost, kam ebenfalls jeder Zeit per Knopfdruck direkt ins Haus. Dem Soldaten lief bei dem Gedanken an Biochemo-Bissen das Wasser im Mund zusammen.
Eine Granate schlug in seiner Nähe ein und riß den Soldeten aus seinen Träumen. Wo war er? Ah, auf dem Schlachtfeld, es hatte Bumm gemacht, die Schlacht ging also los. Er warf sich, wie er es gelernt hatte, auf den Boden. Dreckiger Boden dachte er. Dreckiger Krieg. Er hatte, als es Bumm gemacht hatte, ein Bißchen in die Hose gemacht. Nur ein kleiner Kloß. Aber es war unangenehm. Zu Hause, da hatte er ein schönes, modernes Bad. Nicht einmal selbst zu waschen brauchte man sich darin. Man setzte sich in der Bade-Box auf einen Sessel, und der Raum füllte sich von selbst bis zum Hals mit Warmwasser, in dem kleine Bürstenbälle flottierten und die Haut frottierten, rieben, reinigten und gleichzeitig massierten. Aus der Sitzplatte des Sessels erschien automatisch eine Hand, die die Gesäßfalte entlang auf und ab fuhr zur Reinigung und Erheiterung. Außerdem erschienen von der Rückseite des Sessels zwei Hände, die das Gesicht, die Haare, den Kopf wuschen. Finger, die in Ohrlöffel und Wattestäbchen endeten, reinigten ihm sogar die Ohren. Die Erinnerung an die Sauberkeit tat ihm gut, jetzt wo er so schmutzig war.
Er erinnerte sich jetzt an ein Gespräch mit einem Konsumverweigerer, der hatte behauptet: `Die Natur hat alles gut eingerichtet, wir brauchen nicht dazwischen zu greifen. Den Ohrenschmalz muß man nur so weit entfernen, wie man mit dem kleinen Finger kommt. Man nehme keine Hölzchen oder anderen Reiniger, denn man stopft damit den Dreck nur nach innen. Ein Ohr sorgt für sich selbst.'
Er hatte damals gesagt: `Du bist also der Meinung, daß die Natur alles gut eingerichtet hat und selbst für alles sorgt. Aber was ist mit dem After, der ist doch nicht selbstreinigend, sonst brauchten wir die Spül- und Abwischanlagen an unseren Toiletten doch nicht?'
Der Konsumverweigerer hatte darauf geantwortet: `Nein, solche Anlagen brauchen wir nicht, denn die Natur hat uns Arme gegeben, die gerade lang genug sind, um dort selbst abzuwischen.'
`Igitt, was für ein Gedanke', so hatte er damals empört reagiert... ...und jetzt lag er hier in der Scheiße und wußte nicht, ob er die Hose runterziehen sollte, um da unten abzuwischen, oder ob er sie lieber oben lassen sollte, was auch hieß, die braune Masse am Gesäß zu lassen, oder vielleicht die Beine runterkleckern zu lassen, dafür aber behielte er die Hände am Schießprügel und konnte wie ein Schießhund aufpassen, ob sich Feinde zeigten.
`Machen wir uns nichts vor', gähnte der europäische Soldat, diesmal Gewehr bei Backe, Wange für feine Leute, die auch angesichts des Krieges nicht den Sinn für überkorrekten Sprachgebrauch verloren, `Europa, das gewiß einmal viel geleistet hat, ist müde geworden, und mit ihm jeder einzelne Europäer.'
Der erlösende Dornröschenschlaf sollte nicht auf sich warten lassen. Kein Paukenschlag konnte ihn mehr wachkriegen.
Lassen wir Europa hinter uns. Endlich will ich Großes sehen, will wieder Optimismus und Wagemut um mich wittern und barbarische Grobheiten grölen hören, wie sie ein jedes Volk zur Morgenröte seines Aufstiegs von sich gibt.
Mit Optimismus und Wagemut gingen all jene Völker in den Großen Krieg, die nichts hatten außer den großen Hunger, denn jetzt plötzlich hatten sie eine Waffe in der Hand, das war doch schon immerhin mal was, ein Anfang. Woher hatten sie die Waffen? Von den Schwellenländern, von ehemalig armen Ländern, die jetzt an der Schwelle zum Reichtum standen und dachten, im großen Waffengang schneller durch die Tür zu kommen.
Es war die wirtschaftliche Entwicklung schuld.
Arbeit war in den reichen Industrieländern zu teuer geworden, so wanderte die Arbeit ab in arme Länder, eigentlich wanderten die Fabrikationsanlagen ab. In den armen Ländern wurde man dadurch ein bißchen reicher.
Eigentlich hätte die Entwicklung wie folgt weitergehen sollen: In den reichen Ländern Arbeitslosigkeit, Verarmung, dadurch kein Konsum, kein Absatzmarkt mehr. Aber kein Problem für die Fabrikanten! Die Arbeiter, die in den Entwicklungsländern an den neuen Fabrikanlagen arbeiteten, erstreikten sich höhere Löhne, wodurch in ihren Ländern ein neuer Absatzmarkt und neuer Wohlstand entstand. Nach diesem System wären alle armen Länder reich geworden, bis die Arbeit in ihnen durch Streiks immer teurer und teurer geworden wäre, bis sie das Niveau der ehemaligen Industrieländer, wo durch die hohe Arbeitslosigkeitsrate das Lohnniveau natürlich immer tiefer gesunken wäre, erreichte. Dann wäre es egal geworden, wo man produzierte, Arbeit und Wohlstand hätte sich auf der ganzen Welt ausgebreitet, am Ende wären Lohn- und Preisniveau auf der ganzen Welt gleich.
Es war nicht so gekommen. Die Regierungen der armen Länder hatten auf die ersten Streikenden schießen lassen, in der Annahme, sich und den ausländischen Fabrikanten einen Gefallen zu tun. Die hatten auch tatsächlich eine Belohnung dafür gezahlt. Um die Bevölkerung auch weiter in Schach zu halten, wurde immer mehr Militär und Polizei benötigt. Schließlich fühlte man sich so stark und mächtig mit all den willigen Militärmenschen, den Robot-Mörderhülsen, daß man meinte, gemeinsam mit den armen und hungernden Völkern eine Armee aufstellen zu können, die beim Großen Kampf die Trophäe erheische.
Pancasila und Panafrika gegen Panamerika und die Eu.
Pan-Islam gegen eine katholisch-protestantische Koalition - und ein russisch-orthodoxes Land, das nicht friedlich abseits stand und zuschaute (keine respektable Großmacht tat so etwas, wenn Weltkriegs-Zeit war!), sondern Angst hatte, daß, wenn es nicht mitmischte, nichts von der Beute abbekam. Da man im Zarenreich wohl meinte, daß mehr Beute in den westlichen Industrieländern zu holen sei als anderswo, und man außerdem einen gesunden Haß auf die papistischen und protestantischen Ketzer hatte, die in Friedenszeiten so frech ihre Missionare ins Land geschickt hatten, fiel die Entscheidung leicht.
Und bei diesem Wahnsinn hielten sich noch immer einige Städte der Freiwisser und Freidenker. Auch wenn sie ihre überlegenen Waffen und die unsichtbaren Wälle ihrer Städte verloren hatten, durch ein besonderes System der Tarnung überlebten viele. Dieses System nannte sich Im-Klosett-Verkriechen.
Außerdem waren es Freiwisser und Freidenker gewesen, die den Mond kolonialisiert hatten. Und ihre plötzliche Abhängigkeit von den religiösen, irdischen Ökonomien stieß ihnen übel auf. Wie die nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens Unabhängigkeit vom britischen Mutterland gefordert hatten, so hatten die Mondkolonisten Unabhängigkeit von Muttererde gefordert. Aber die irdischen Ökonomien hatte diese Unabhängigkeit immer verweigert wegen der Ausbeutung der Erzlager.
Erde und Mond waren also bewohnt von Menschen. Aber das Menschsein als Gemeinsamkeit zu haben, hieß nicht unbedingt, daß man viel gemeinsam hatte. Wie auf Erden also auch auf Mond.
Die irdischen Abgesandten, die die freiheitlich gesonnenen Mondsiedler in Schach halten sollten, wurden aber, als zu große Spalten die Erdenmenschheit entzweiten und der fürchterliche Krieg zwischen ihnen tobte, nach einem kurzen, aber mühsamen Gemetzel beseitigt. Und auf dem Mond herrschte Einigkeit darüber, daß das ein gutes Werk gewesen war.
Die Siedler des Mondes fühlten sich sicher. Sie glaubten, sie hätten einen sicheren Ort, einige glaubten sogar, sie hätten den sichersten Ort. Und sie hielten sich sogar für überlegen, was Raumschiffschlachten betraf. Weil man über eine große Raumflotte verfügte, glaubte man, den außeratmosphärischen Raum zu beherrschen, wie einst die legendären Engländer die Meere.
Andererseits dachte man, die durch den Krieg schwächer werdende Erde werde eine leichte Beute werden. Und man erinnerte sich des alten Grolls, den man auf die Erdregierungen hatte, von denen man sich so mühsam die Unabhängigkeit abgerungen hatten.
Und fortan kreiste der Mond wie ein Geier über der Erde. Ein auf Aas wartender Geier.
"Man erdachte sich eine Kriegslist. Da man den Mond mit Antriebsdüsen lenkbar bemacht hatte, konnte man ihn dichter an die Erde heranfliegen, aber sich aber auch von ihr entfernen. Man holte den Mond dichter an die Erde heran, schleifte die Mondberge und schüttete sie in die Erdmeere, verschüttet so submarine Städte und Siedlungen. Dadurch wurden auch die Meeresfestungen der Erdbewohner, riesige, befestigte Inseln teilweise überschwemmt, teilweise auf dem Landweg erreichbar. Mit Riesenmaschinen, wie sie die Erdbewohner nicht benutzten, nicht benutzen konnten, da ihre Straßen zu eng waren, stürmten die Lunauten die Burgen und Energielager der Erdwürmer. Die Kruste der Erde bebte unter diesem Krieg, als wollte sie die Plagegeister abschütteln. Aber die Lunauten bissen sich fest und es waren nur die Erdenbewohner, die litten."
"Nein, so kommt es nicht wirklich. Das ist das Programm eines Computerspiels für junge Mondlinge. Damit sie lernen, wer ihr Feind ist."
Der Mond zog weiter seine gewohnte Mondbahn, er
war zu weise aus einem Computerkinderspiel ernst zu machen. Er
war so weise wie ein Geier, der Warteschleifen über dem
Todeskampf Verendender flog.
Wie trat nun der Nordamerikaner an?
Wie drängte er in den Tod?
Ohne Furcht und Verstand, und doch verstand er es, andere vorzuschicken.
Nordamerika, das erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends nach der Zeitrechnung des vorvorletzten Erlösers von weißen Herrenmenschen und schwarzen Sklavenmenschen überflutet worden war, die Einheimischen verdrängend, mordend, ausrottend, hatte mit indianischer Strenge eine hohe Blüte, Macht und Reichtum erreicht, erkämpft, doch in den Städten blühte der Straßenkampf und Terror, denn die Erdgeister,1 indianische Seelen, die keinen lebenden Indianer zur Inkarnation fanden, gönnten den neuen Menschen nicht den Segen des Friedens, Ruhe, Reife und Zufriedenheit. Die Erdgeister aber waren primitiv. Das Christentum der weißen Herren, in der Alten Welt schon fast überwunden oder umgelogen zu einem modernen DeÏsmus, war hier wieder zu primitiver Magie und Zauberlehre geworden. Mit der Wissenschaft hatte man es ähnlich getrieben. Einst hatte man sie primitiv fanatisch hochgetrieben. Dann hatte man sie primitiv fanatisch verdammt. Man genoß fundamentalchristlich die Produkte der Wissenschaft, deren Existenz man leugnete, flog in Superjets um den Globus, um die Flache Welt zu propagieren. Und Kultur? Zu lange schon hatten sich die Erdgeister kultiviert gegeben, hatten mit Messer und Gabel gegessen und sich bemüht, mit den Leuten der Alten Welt zu konversieren. Jetzt hatten sie wieder Sehnsucht nach entvölkerten Gegenden, öd' und leer, Ebenen mit vereinzelten Büffelherden und noch einzelneren Menschen, harten, unmenschlich harten, einsamen Menschen, stolz und aufrecht wie eine Felswand, entmenschlicht, scharfe, gefühllose Gesichtszüge, Menschen, die ebensogut Wind oder Stein hätten sein können, übermenschlich, unheimlich.
1 `Ahnengeister in Amerika' ist eine Beobachtung, die einmal C. G. Jung machte (Studienausgabe bei Walter: Seelenprobleme der Gegenwart, S. 146ff). Ich selbst konnte einmal eine ähnliche Beobachtung machen, nämlich, als ich hier in einem Tokioter Stadion die in der Art von Waschmittelwerbung abgehaltene Propagandaveranstanltung des amerikanischen Evangelisten Billy Graham zwei Stunden lang auf meine Sinne einhämmern ließ (Zum Glück war ich robust genug und endete nicht behämmert als Jesus und Billz Graham Fan). Dabei zauberte er allerdings nicht, sondern beließ es bei seiner primitiven Show bei Lügen und Bekenntnissen zu Verbrechern wie den Kreuzrittern. Für so einen hielt er sich selbst, und er forderte die japanischen Christen (ca. 1% der Bevölkerung) auf, ebenfalls wie Kreuzritter zu werden. Zum Glück leistete ihm keiner Folge.
Daß es primitiv war, kann ich beschwören, aber daß ein Erdgeist in ihm inkarniert war, nicht.
Magie und Zauberei findet man in Büchern der Christian Science.
Der britische Biologe und Nobelpreisträger von 1960 für Physiologie Peter Brian Medawar ist der einzige mir bekannte, eminente Wissenschaftler, der sich die Mühe gemacht hat, mit wissenschaftlichen Mitteln dem pseudowissenschaftlichen Obskurantentum eines Gustav Jungs oder eines Teilhard de Chardin zu entgegnen.
Übermenschlich, unheimlich war der Drang, mit dem sich die Amerikaner alten Schlages, dieser schwarzweißrotgelbe Eintopf, in Krieg und Tod drängen sollte.
Die Erdgeister sollten lange warten auf ihren Neuen Indianer und die Büffelherden, in der Tat mußten sie sehr sehr lange warten, warten bis sich wieder Leben regen sollte, und das sollten Mikrobien sein. Die Wartezeit sollte selbst Geistern zu lang werden. Dem zweiten Gesetz der Thermodynamik gehorchend, flossen sie vorher ab in Entropie.
Sollte alles sinnlos gewesen sein? Die neuen
Mikrobien freuten sich ihres Lebens, führten ihre Kriege, doch
waren sie sich dessen noch unbewußt.
Afrika, Panafrika, die Vereinigten Staaten von Afrika, auch sie traten an zum Großen Krieg. Nicht alle Nationen Afrikas machten mit in der Föderation. Die Araber hatten auf Grund ihrer Religion zu einer eigenen panarabischen Großmacht zusammengefunden. Für den Krieg aber bildeten sie eine Allianz mit den Afrikanern. Nur zu gern ließen sie die afrikanischen Heere durch die Sahara dem europäischen Kontinent zustreben. Die Afrikaner sollten die ersten sein, der Araber wollte sich gern mit dem zweiten Platz zufrieden geben.
Der panafrikanische Staat war in gewisser Hinsicht das Gegenteil des nordamerikanischen Staates. Während man in Nordamerika von einer ehemaligen Blüte bergab ging, strebte man in Afrika aufwärts. Hier wie dort gab es hochmoderne Zentren neben Slums und primitiven Landgemeinden, Reiche neben Armen, die Hunger litten, und da es keine Geburtenkontrolle gab, wurden die Gegensätze immer grasser.
In Nordamerika gab es zwar wesentlich mehr Reiche als in Afrika und auch viele Wohlhabende, aber in Afrika hatte die kleine Elite der Reichen und Gebildeten mehr von ihrem Reichtum. Ungehemmter bedienten sie sich wie alle Neureichen. Die ehemaligen Neureichen Amerikas hatten sich mitterweile alle alte Adelstitel angeeignet und sich in das Korsett feiner Lebensformen eingezwängt. Habgier war offizell tabu, Wohltätigkeit nach außen hin die wichtigste Tätigkeit, die unaufrichtigste Tugend. Im Geheimen kämpfte man genauso brutal wie Straßengangs um Reviere und Macht und mehr Reichtum, sogar um ein tugendhaftes Ansehen. Solchen Eiertanz erwarteten die Neureichen Afrikas nicht von ihren Mitreichen. Sie protzten offen mit ihrem Reichtum und dachten nicht daran, den Armen wenigstens als Geste eine Almose zukommen zu lassen. Sie zahlten Hungerlöhne und als die maschinelle Fertigung billiger kam, setzten sie die Leute auf die Straße. Aufstände wurden sofort blutig niedergeschlagen.
Da die Armen aber vom Hungern kraftlos waren und es ihnen auch an Mut fehlte, waren sie weder für die Reichen noch für die Regierenden ein Problem, gesättigte und übersättigte Massen waren schwerer zu regieren, meinte jedenfalls die Power Clique, deshalb protestierten sie auch als die UN Notnahrung schicken wollte. So etwas sei Kolonialismus. Bei den Armen verbreiteten sie das Gerücht, daß die Weißen sie mit der Notnahrung vergiften wollten. Impotent machende Gifte seien darin, Seuchen, noch schlimmer als Aids. `Mit dem Weizen wollen die Weißen uns wieder versklaven', hieß eines der Machtworte der Marktführer und Herrschenden. Als ob die Weißen noch Sklaven brauchten.
Die Armen Afrikas waren zwar unterernährt, aber nicht wie in Amerika obdachlos, denn die UN hatte für die Armen Kapselwohnungen zur Verfügung gestellt. Da die einheimischen Regierungen sie verteilt hatten und die Armen nicht lesen konnten, ernteten die Einheimischen die Dankbarkeit.
In so einer Kapsel war man sehr geschützt. Die Tsetse-Fliegen und Moskitos konnten einem darin nichts anhaben, auch vor Regen, Wind und Sonne war man geschützt. Manch einer weinte beim Einzug vor Freude. - Und schwor ewige Dankbarkeit an die falsche Adresse.
Diese Kapseln waren eine ursprünglich in Japan gemachte Erfindung, die dort als Kapselhotel bei Geschäftsreisenden sehr populür gewesen war. Eine solche Kapsel war praktisch eine drei Meter lange Plastikhülse mit ein Meter achtzig Breite oder besser Durchmesser, denn die Ecken und Kanten waren stark gerundet. Jede Kapsel besaß eine eingegossene Steckdose und eine Lampe, die nie kaputt ging, allerdings oft nicht brannte, da die Stromversorgung für die Slums meist abgeschaltet war. Dem Eingang gegenüber war ein Plexiglasfenster angebracht, das aber meistens nur wenig natürliche Helligkeit hereinließ, denn die Kapseln waren in stabilen Rahmen eingehängt, dreireihig übereinander leicht versetzt, wobei die Eingänge alle zur gleichen Seite lagen und wegen der leichten Versetzung über nebeneinander stehenden Leitern einzeln zugängig waren. An die Seite mit dem Plexiglasfenster stieß im allgemeinen schon die Rückseite des Parallelblocks. Die meisten verfluchten also das kleine Fenster. Einige hatten sich beim Versuch, das Ding zuzunageln, ihre Kapsel versaut, denn die Hülse platzte leicht, riß und splitterte. Auf jeden Fall entstand ein Loch in der dünnen Haut, so daß Feuchtigkeit sogar Regen reinkam. Um das Wasser wieder loszuwerden, schlug man ein Loch in den Boden und zerschlug dabei oft aus Versehen gleich die Decke des unter einem Wohnenden. Wegen akuten Platzmangels hatte man in den meisten Städten gut verankerte und verstrebte Gerüste mit Plattformen errichtet, die es ermöglichten, die Kapseln zu achtzig bis hundertstöckigen Konstruktionen aufzutürmen, also höher als die Cheops-Pyramide, die übrigens auch zufällig von solchen sich über viele hundert Quadratkilometer hinziehenden Konstruktionen umgeben war. für Leute, die ein bißchen Geld hatten und die Extra-Kosten nicht scheuten, gab es statt der `Government-Gratis-Hülse' eine Luxusausführung zu kaufen mit zum Beispiel Doppelwänden, Klimaanlagen, Fernseher etc. Aber an den Enden der langen Gänge lief sowieso immer ein großer Bildschirm, der viel von den Verdiensten der eigenen Herrscherclique zu berichten wußte.
Die Herrschenden aber fütterten in ihrem Zynismus den Armen nur Religion und afrikanische Tradition. Da ehemals weiße Missionare mit ein paar frommen Geschichten aus dem Neuen Testament die Anbetung Jesu erreicht hatten, und die Panafrikanisten sich fürchteten das kaputtzumachen - wer eine Religion kaputtmacht, macht vielleicht alle Religion kaputt, so war ihre Furcht -, spannen sie einen neuen Faden über Äthiopien und Ägypten zu Jesu als einen Negroiden. Sie lagen damit wahrscheinlich richtiger als die, die einen blonden Jüngling Jesu propagierten.
Überhaupt hatten die Neureichen soviel Selbstbewußtsein entwickelt, daß sie alles Afrikanische und besonders die schwarze Hautfarbe für überlegen hielten. Ja, sie waren Rassisten geworden. Ihre Luxusstädte waren für Weiße und sogar Hellschimmernde Tabu. Kein Weißer aber wagte es, sie dafür zu kritisieren, um nicht selbst als Rassist verschrien zu werden. Schließlich hatte man es ja mal selbst nicht besser gemacht, man, das waren eigentlich die Vorväter gewesen.
Jede Kitschvorstellung, die der Westen von Afrika einst gehabt hatte, griffen die Neureichen begierig auf, um sich und den Massen eine afrikanische Identität zu geben. Selbst Menschenfleisch aßen sie wie einst ihre Vorfahren und wie es auch einer ihrer großen Könige der Neuzeit getan habe sollte.
Die großen Pyramiden und Pyramidenmalereien hatten sie auf die Idee gebracht, sich als reiche, regierende Rasse durch die Körpergröße von den Massen abzuheben. Zum Zeichen ihrer Würde ließen sie die Hypophyse zwischen ihren Hirnhälften anregen zur Überproduktion des Wachstumshormons Somatotropin und die neuen Pharaonenkinder entwickelten sich so zu übergroßen Menschen, die riesige Marmorpaläste brauchten mit riesigen unterirdischen Bunkern weitab von den Plastikslums der kleinen Leute.
Aber selbst bei einer Größe von 2,50m fühlten sich die großen Leute irgendwann nicht mehr sicher vor den vielen vielen, kleinen Leuten, für die sie keine Arbeit und kein Brot hatten. Da war es günstig, die Überflüssigen aufzuhetzen gegen die Un, die vom reichen Westen kontrolliert wurde. Die Un wurde zum Untier erklärt, das die schwarzen Menschen verschlingen wollte.
Das traf sich gut, da auch im Westen, also in den ehemals reichen Industriestaaten, immer mehr soziale Unruhe entstand. Arbeit war nicht mehr für alle da. Die Armen lagen auf der Straße. Jeden konnte es jeder Zeit selbst treffen. Sparen konnte man kaum noch, da die gewohnten Lebensansprüche sehr hoch waren, aber leider immer teurer und unerreichbaren wurden, und da die Steuern und Sozialabgaben ebenfalls sehr hoch waren. Was die Leute aber besonders ärgerte, war, daß ein großer Teil ihrer Steuern direkt an die Un ging und nicht der eigenen Gemeinde zugute kam. Auch für diese Leute wurde die Un zum Untier, das ihnen ihren Lebensstandard wegfraß. Aber die Großen des Westens dachten mit den Gaben der Un, die ganze Menschheit wie ein gebändigtes Tier, das aus der Hand fraß, in der Hand zu halten.
... und das Tier biß doch.
Während die Un an die Afrikaner die Wohnwaben verteilen ließ, verteilten die Pharaonenkinder Handfeuerwaffen an die armen Massen und schickten sie los in den Norden, um sich selbst das zu holen, was die reichen Industrienationen ihnen angeblich immer vorenthalten hatten. Eigentlich half man den Pancasilanern und den Mohammedanern, die ihren Glauben schwer bedroht sahen, durch christliche Wirtschaftssanktionen. Das größte Problem dieser Tripelallianz aber war die Überbevölkerung. Irgend jemand mußte ausgerechnet haben, daß, wenn der größte Teil der unnützen Bevölkerung und alle Bewohner der Feindländer tot waren, die Erde wieder ein ganz schöner Platz zum Leben werden könnte.
Vorderindien war das Vorbild. Das Vorbild für alle Kriegstreiber. Vorderindien war laut Legende ein nackter Haufen fickender und gebärender Menschenwürmer gewesen, ein Haufen Lebender und Leichen, sich selbst fressend, unbelehrbar. Die Mullahs, Magier und Megamenschen beider Seiten waren auf diesem Subkontinent gezwungen gewesen, einen gegenseitigen Ausrottungskrieg anzuzetteln.
Und die Un hatte sich wie immer bei Konflikten eingemischt.
Angeblich, um glaubwürdig zu bleiben, hatte sie, als es zur Halbzeit etwa hundert Millionen zu hundert Millionen stand, nuklear-militärisch eingegriffen, als die beiden Kriegsparteien trotz Verwarnung weiterschießen wollten. Der ganze Subkontinent war zur Abschreckung ausgerottet, abgebrannt worden, weil die Kriegsparteien sich geweigert hatten, Frieden zu schließen.
Jetzt stank die Erde nach Schwefel und verbrannten Proteinen. Brach lag die verkohlte Erde des Subkontinents. Nur verklebte Körper reihten sich aneinander. Doch es war nur der Pöbel, dessen Leichen hier den Boden vergeblich düngten. Die Reichen und Edlen waren gerettet. Der Pöbel hatte sich gern geopfert. So großherzig konnte Pöbel sein.
"Dieser grausige Schritt war notwendig geworden, da die Bevölkerung Argumenten zum Trotz auf ihren mystischen Standpunkt beharrte, Kinder wären von den Göttern gesandt, was zur Folge hatte, daß ein gefährlich brodelnder Menschenkessel entstand, der an den Rändern, Indus, Himalaya und Brahmaputra, überzubrodeln drohte", meinten einige zynische Herrenmenschen der Un, obwohl sie dem Prunkmännchen in ihrer westlichen Heimat das Recht gaben, die Abtreibung außer bei klerikaler Indikation, also Gefahr hoher Kritikfähigkeit, bei Strafe zu verbieten.
"Das Land kann aufgeforstet werden. Da kann eine neue Lunge der Welt entstehen", meinte ein anderer. Ein Kapitalist der Sauerstoffbranche protestierte, er sah schon die Bonanza, die er für seine Kinder visionierte, gefährdet.
Als die Tripelallianz auf Europa zu marschierte, lief die Diplomatie auf Hochtouren, Afrika und die Inselstaaten wollten nicht im atomaren Feuer untergehen, Zivilisten sollten geschont werden, nur die Statisten, die mit der stummen Nebenrolle, sollten fallen.
Das war nur fair. Die Zivilbevölkerung umzubringen, war ein Kriegsverbrechen, so hatte der Völkerbund früher einmal entschieden.
Warum eigentlich?
Warum war es richtig, Soldaten umzubringen, junge Männer, die von einer aufgehetzten Zivilbevölkerung losgeschickt wurden, ob sie nun wollten oder nicht?
Es war eines der Mysterien der Zeit, warum man die Ermordung von Zivilisten für unmoralischer hielt als die von jungen Männern, die halbe Kinder waren, als man ihnen die Mordwaffen in die Hand drückte.
Man versprach sich also gegenseitig, die Zivilbevölkerung zu schonen, aber schon die ersten Bomben, die man auf die Waffenschmieden schmiß, fielen absichtlich in einem großen Bogen um die Fabriken auf die Werkswohnungen.
Schnell versprach man sich, wenigstens konventionell zu bomben, und erst ganz zum Schluß die modernen Massenvernichtungsmittel einzusetzen.
Das versprach man sich gern. Denn was Rang und Namen hatte, wohnte damals unter der Erde wegen der aggressiven ultravioletten Strahlung der Sonne, der Sicherheit vor Überfällen und vor allen Dingen der Angst vor Bomben, besonders auch vor Atombomben. Die unkonventionellsten Bomben aber waren HBB; H-BohrBomben, die die unterirdischen Städte ausgruben.
Die Superreichen waren plötzlich besorgt, daß sie Waffen produziert hatten, die auch ihnen schaden konnten. Auf deeen Profit hätte man verzichten sollten!
Uranfabriken an Drittwelt-Länder, was hatte doch die Elterngeneration für Fehler gemacht.
Pancasila hatte sich ausgedehnt und ein größeres Wohlstandsgebiet erobert als einst die Japaner, ganz Südostasien war in seiner Hand, auch Australien und Neuseeland. Eines der Glaubensthesen, um die im Großen Kampf gefochten wurde, war die Anzahl der irdischen Kontinente. Da Australien eine südostasiatische Insel geworden war, gab es offiziell nur noch fünf Kontinente, nur Amerika und die Eu beharrten halsstarrig auf Australien als eigenen Kontinent.
Die weiße Bevölkerung dieser neuen, südostasiatischen Inseln - sie wurde zusehends durch die Zuwanderung asiatischer Pioniere zu einer unbedeutenden Minderheit - machte sich das Leben so schwer wie einst Indianer und Aborigines, besonders dadurch, daß sie sich hartnäckig weigerte, den erlösenden Glauben des Propheten anzunehmen. Der Prophet war der einzige, der ihre Leiden hätte mindern können. Aber die meisten Weißen wollten Jesus, jetzt mehr denn je. Ihre Priester hatten recht gehabt, wenn es einem dreckig ging, kehrte man sich zu Gott. Natürlich nur, wenn man als Kind mit der Gottes-Idee gefüttert, geimpft und rektal behandelt worden war und man auch die Zeit des Wohlstands nicht genutzt hatte, um sich über diese Idee klarzuwerden, sondern nur gefressen und gefaulenzt hatte.
Auf jeden Fall erlitt manch ein Christ den Tod, weil er nicht mit erhobenem Hintern den falschen Gott anbeten wollte, wo ein Atheisten seinen Tormentoren schon mal den Gefallen tat, sich so absurd zu verhalten, um sein einziges, wertvolles Leben zu retten, - um sein einziges Scheißleben noch ein bißchen länger mit Ekel anzufüllen.
`Moslemischer Pazifikrand' hieß der Schlachtruf.
Man hatte eine heilige Scheu vor den alten Kulturländern China, Korea und Japan, die so großzügig Kredite gaben und Waren und Waffen so preisgünstig lieferten, aber man hatte auch einen Erzfeind auf der anderen Seite des Pazifiks: das WASPenland. Dort wollte man hin, und die Islamic Nation of America, die islamischen Brüder Amerikas, aus der Unterdrückung befreien.
Den WASPen gefiel die Idee, konventionell zu kämpfen mit Soldaten. Das war eine gute Gelegenheit, das ganze Land mal auszumisten vom Bevölkerungsüber- und -ausschuß. Besonders lästig waren die vielen Latinos geworden. Den WASPen gelang es, ganz Süd- und Mittelamerika für ein großes Bollwerk des Christentums zu mobilisieren. Die ganze Pazifikküste bis Feuerland, ja, sogar bis in die Antarktis hinein, wegen der Rohstoffe, wurde eine einzige Verteidigungslinie.
Man war aber in der Defensive. Noch. Wie man meinte. Überall tauchten plötzlich riesige Unterseeboote auf und spuckten ihre Krieger aus, manche bis weit hinter die Defenslinien. Die schnellen Nahkampfhüpfer rissen eine Menge Verteidiger in den Tod, bevor sie selbst umkam. Auch die großen, überseeischen Meeresgleiter hatte es mit Hilfe von Spiegeln und falschen Radarreflektoren zu so perfekter Tarnung gebracht, daß man sie erst bemerkte, wenn sie wie eine Tsunami auf Land platschten und ihr kriegerischer Inhalt im Handstreich die Befestigung nahm.
Die Herren des WASPenlandes machten sich große Sorgen, als sie sahen, daß den Feinden die Landung auf dem amerikanischen Festland gelungen war, auch wenn der Brückenkopf nur in Peru war.
Riesige Menschenmassen strömten von dort auf den Kontinent. Um sie zu vernichten, mußte man vielleicht sein eigenes Land zerstören. Man hatte zwar Hemmung davor, aber wenn der Feind sich in den letzten Urwäldern des Kontinents verkroch, blieb einem keine Wahl. Die Wälder mußten wieder entlaubt werden, wie früher einmal in Indochina. Wie sollte man die feindlichen Soldaten konventionell erschießen, wenn man sie unter einem dicken Laubdach nicht sah? Die neuen Entlaubungsgifte waren auch nicht mehr so schädlich wie Agent Orange, sondern töteten nur kurzzeitig ohne langzeitige Schädigung. Das war jedenfalls, was die Chemiebosse behaupteten.
Südamerika war schnell verloren oder gewonnen, je nach dem auf welcher Seite man stand. Und wenn der Papst einmal geglaubt hatte, mit südamerikanischen Vielvermehr-Katholiken die Welt zu erobern, jetzt unter moslemischem Druck zeigte es sich, daß es den meisten egal war, was sie glaubten, Hauptsache, sie durften was glauben. Mit Überzeugung traten sie der neuen Religion bei, und behielten doch ihre alte Magie. Sie halfen jetzt der Tripelallianz im Kampf gegen die weißen Teufel.
Die WASPen riegelten Südamerika mit riesigen Minenfeldern am Isthmus von Panama ab, außerdem bombte man den Panamakanal so breit, daß die beiden Ozeane zusammenflossen. U-Boote von Pancasila schlichen durch die Öffnung, bevor sie vermint wurde, und tauchten wenig später im Mississippi auf und spuckten ihre Soldaten ans Ufer. Sie waren aber zu wenige, und jeder Amerikaner hatte seine eigene Waffe, selbst Schulkinder schossen sich ihre Moks oder Mokkas, wie sie die Eindringlinge nannten.
Gemein war nur, daß die Eindringlinge Spielverderber waren. Als der Kommandant seine letzten Leute sterben sah, entließ er im Untergang schreckliche Gemeinwaffen, Würmerbomben, die ganz New Orleans unterwanderten und den Erdboden tanzen ließen. Ganz New Orleans wurde so zerstört. Als es vorbei war, zuckten die herrschenden WASPen mit den Schultern: Eine Stadt verloren, das konnte man verschmerzen.
Sie hatten gerade aufgeatmet, da tanzte der Erdboden in Baton Rouge und dann in Mobile und Jackson. Was war geschehen? Die Würmerbomben fraßen sich weiter durch den Erdboden. Sie fraßen die Erde und schissen Bomben aus. Sie waren tief und gewaltig und intelligent. Sie wußten, wo die nächste Stadt zu finden war. Sie waren nicht konventionell.
Amerika drohte mit atomarer Vernichtung, wenn die Würmer nicht hinter den 30° Breitengrad zurückgezogen würden. Die Tripelallianz lenkte ein. So wurde Florida, das innerhalb des WASPenlandes sowieso zum Problemgebiet geworden war, von den Würmern total zerfressen.
Einst zeigten die Würmer so überdeutlich: Daß man den einfachen Lanzer gar nicht brauchte. Große, ferngelenkte oder Computer gesteuerte Maschinen hätten genauso gut, gegeneinander krachen können und eine Entscheidung herbeiführen können. Bloß hätte man dann weiter das lästige Problem der Überbevölkerung gehabt.
Außerdem wer so argumentierte, hätte genauso gut sagen können, die verfeindeten Nationen hätten ja gegeneinander Schach spielen können oder ein Fußball-Match machen können. So etwas war doch unrealistisch. Im Krieg wollte man Tote sehen, Blut, Leiden und Verkrüppelte.
Übrigens konnten ferngelenkten Waffen doch ganz gut das Problem der Überbevölkerung lösen - sogar besser, am aller Besten sogar.
Die Würmer hatten gerade Florida zerstört und ihre Herren lenkten sie als nächstes ins Meer, damit sie sich dem pro-WASPisch-faschistischen Kuba zuwandten und es zerstörten, da griff das russische Zarenreich ins Kriegsgeschehen ein. Es wollte Alaska wieder haben, obwohl es noch lange nicht alle Bodenschätze Sibiriens ausgebeutet hatte.
Durch die Hintertür betrat es den amerikanischen Kontinent. Sie waren nicht die legitimen Betreter des Landes, wie die Hopi-Indianer sofort wußten, aber sie waren mächtig, verfügten über riesige Waffenarsenale.
Aus der Tripelallianz war über Nacht eine Quadrupelallianz geworden. Und der neue Gegner war mächtig und gut organisiert und hatte massenweise Atomwaffen für den Endkampf.
Unter dem Zaren war Rußland nach dem Zusammenbruch wieder auferstanden zu neuer Blüte und Einheit. Jedenfalls sah es immer so aus auf den häuslichen Videoschirmen. Wenn man von einigen hohen Beamten, dem Adel und der Regierung absah, schien es dem ganzem Volke gleich zu gehen, jeder bekam die gleiche Menge Futter und die gleiche Art von Übernachtungswabe, und jeder bekam, Tests entsprechend, seine zwölf Stunden Arbeit und seine zwölf Stunden Freizeit zugeteilt. Es war auch der einzige Staat, wo man sich noch völlig natürlich ernährte und vermehrte, was hieß von landwirtschaftlichen Produkten und ohne Wehenbeschleuniger, pain-killer und Obstetrik und natürlich auch ohne Kondom oder Anti-Baby-Pille, was natürlich Hungersnöte mit sich brachte. Die Russen rauchten auch immer noch richtigen Tabak, während im hoch entwickelten Westen nur noch rauchfreie Drogensticks erlaubt waren. Russische Soldaten mit ner Kippe im Mund waren bei der Eroberung Alaskas gute Ziele für amerikanische Scharfschützen. Aber der Große Zar konnte die paar kleine Raucher leicht verschmerzen.
Die Erd- und Naturverbundenheit, die natürliche Ernährung, schwere Arbeit und strenge Kontrolle machten zusammen mit der Propaganda die Leute in diesem Staate - Mütterchen Rußland nannten die Bewohner ihn zart - wohl zu den glücklichsten Menschen der damaligen Zeit.
`Obwohl wir arm sind, sind wir glücklich', hatte ihnen Väterchen Zar so oft vorgesagt. Eins war auf jeden Fall richtig: Obwohl dieser Staat eigentlich einer der ärmsten war, war er einer der am besten gerüsteten. Das war die Folge einer Missionsaufgabe, die der Zar vom Christentum über den Propheten Karl Marx, dem Erlöser Lenin und dem Halbgott Stalin mit in sein orthodox-christliches Gottkaisertum gebracht hatte. Es war für ihn wichtig geworden, daß auch andere christliche Konfessionen erkannten, daß Christus Kommunist gewesen war und Christsein nur heißen konnte, alles mit allen teilen, also Kommunismus. Nach dem Chaos des Zusammenbruchs hatte er so seinem Volke wieder neuen Halt gegeben. Kommunismus und Christentum, was ein Antagonismus gewesen war, hatte in seinem Gottkaisertum eine Harmonie gefunden, bloß schade, daß das Volk immer noch so viel soff und nicht verstand, Wohlstand zu erwirtschaften. Die bürokratische Hierachie war ein anderes Problem dieses Riesenreiches. Gut durchorganisiert und gut durchbürokratisiert, konnte man wohl sagen.
Nachdem die Heere Alaska erobert hatten, wußte man nicht weiter, weil Befehle von oben ausblieben. Die WASPen hatten Frieden angeboten und keine Antwort erhalten, da das russische Heer aber beim Picknicken war, gedacht: Die sind mit Alaska zufrieden.
Sollen sie's haben, wir haben jetzt andere Sorgen.
Da ging den Russen beim Picknick das Essen aus und sie wurden immer unruhiger. Bürokraten hatten offensichtlich wieder versagt. Der Zar selbst ordnete das Vorverschieben der Front an, als seine Soldaten zurück zu Mütterchen Rußland wollten, weil sie hungrig waren.
Die WASPischen Soldaten waren völlig überrascht, als die großen Kriegsmaschinen plötzlich wieder loshauten, Wälder und Berge in Splitter hackten. Die neu eroberten Ölquellen dienten den Russen für eine der konventionellsten Waffen: Feuer.
Eine Feuerwalze mit Ventilatoren zur Weißglut gebracht, rollte, überrollte WASPische Verteidigungsanlagen im Norden. Und von Florida hoch krochen die bombenden Würmer. Die WASPischen Herren drohten Pancasila noch einmal mit atomarer Vernichtung, wenn die Würmer den 30° Breitengrad überquerten. Aber diesmal kam die atomare Vernichtung Retour von Rußland: Wenn ihr Pancasila vernichtet, vernichten wir euch atomar.
Jacksonville war die erste größere Stadt hinter dem 30° Breitengrad. Sie wurde evakuiert. Und als die Würmer sie erreichten und die Erde und die Hochhäuser hochstieben von den Explosionen, da ließen die WASPischen Herren von schrecklicher Furcht getrieben, ihre schlimmsten Waffen auf diese Stadt nieder, Wasserstoffbomben mit Flammenlanzen zum Tiefenbohren. Tief unten im Erdreich, tiefer noch als die Würmer detonierten sie und rissen ein unförmiges Loch in den Boden, das größer war als Jacksonville. Die Detonation verkrümelte nicht nur die Würmer, sondern kippte den ganzen Kontinent, daß der Mississippi nach Norden abfloß in den Michigan-See und die ganze Ostküste bis Long Island sich im Atlantik nasse Füße holte. Eine Umweltkatastrophe unermeßlichen Ausmaßes, Klärgruben und schlimmer noch Öltanks waren ausgelaufen und bildeten eine Schlickschicht, die mit dem Golfstrom über den Atlantik zog.
Es war abzusehen, wer konventionell oder wie
auch immer am Verlieren war:
Mutter Erde!
Ehre Deine Mutter Erde,1
auf daß Deine Tage lange währen.
Sie ist ein Stück von Dir
und Du bist ein Stück von ihr.
Sie gebar Dich, gab Dir Leben
und einen Leib.
Unzertrennlich bist Du mit ihr verknüpft.
Ihr Schicksal ist auch Deins.
Deins auch ihrs.
Sie leidet mit Dir
und Deine Freude wäre auch ihre.
Doch Du bist nicht wirklich froh.
Freue Dich auch um ihretwegen.
Überhäuft sie Dich nicht mit Gaben?
Greife nicht zu gierig zu.
Nicht im Haben liegt das Heil,
sondern in Einkehr
und innerer Ruh.
1 Der Anfang
dieses Textes (2 Zeilen) ist `den verlorenen Schriftrollen der
Essener' übersetzt von Dr. Ed. Bordeaux Szekely entnommen.
Das europäische Theater.
Mittlerweile am europäischen Kriegsschauplatz oder Kriegstheater, wie man es auch nannte. Denn das waren Kriege: gigantische Theatervorstellungen, Theater auf dem Theater, Theatrum mundi mit beweglichen Figuren und unbeweglichen Puppenspielern, théâtre de la cruauté des ästhetischen Schocks und der sublimen Höhepunkte, aber auch ein lustiges Trauerspiel, ein trauriges Lustspiel, absurdes Theater mit absurden Handlungen und vielen absurden Toten, die starben für eine absurde Schnapsidee. Schade, daß auch die Nüchternen mitstarben.
Konventionell zu kämpfen war gut. Die ersten Wellen der Afrikaner - sie kamen in Wasserfahrzeugen der primitivsten Art - hatte man gut abgewehrt. Alle Mittelmeerstrände, Ausflugziele einer friedlichen Vergangenheit, waren zu Leichenhalden geworden. Nur das schlecht verteidigte Sardinien hatten die Afrikaner nach hunderttausend Gefallenden auf ihrer Seite erfolgreich erobert. Den ersehnten Reichtum des Nordens suchten sie auf dieser Insel vergeblich.
Die zweite Angriffswelle war schlimmer. Es waren die Araber, und die hatten mit Ölmillionen sich ein modernes Waffenarsenal im WASPenland zusammengekauft. Damals beim Kauf hatten sie behauptet, sie brauchten die Waffen, um sich gegen Israel, dem Land der Verheißung, zu verteidigen.
Absurderweise waren sie damit durchgekommen, obwohl Israel einer der treusten Verbündeten der WASPen gewesen war. Die meisten Juden waren sowieso sehr WEiß. Sie gehörten dem dreizehnten Stamm an und waren von ihrem Blute her Khazaren, Blutsverwandte der Hunnen und Magyaren,1 Nachkommen von gläubigen Juden, die ihr Judentum wie eine Religion angenommen hatten, aber keine wirklichen Kinder Abrahams gewesen waren.
1 vgl. Arthur Koestler, "The Thirteenth Tribe: The Khazar Empire and Its Heritage".
Viele Isrealiten aber waren aufgeklärte, wissenschaftlich nüchtern denkende Menschen. Sie lebten auf dem Land, weil sie das Judentum ihrer Vorfahren nicht wie Atheisten, die christliche Eltern hatten, einfach abschütteln konnten. Es klebte an ihnen wie ein Aussatz dieses Jüdische, dabei war es doch bloß eine Religion wie jede andere auch, wie hundertausende andere auch.1 Selbst als 100%iger Atheist blieb ein Jude ein Jude, und selbst atheistische Juden fanden das meist nicht einmal verwunderlich.2
1 Selbst in meiner Wahlheimat Japan, von dem man eigentlich sagt, daß es atheistisch sei und keine spirituellen Werte kenne (laut Umfrage der Yomiuri-Shimbun glaubten 1995 nur 20% der Japaner an irgendeine Religion), gibt es, wie ich neulich (Mai 1995), als die Aum-Sekte wegen ihres Sarin- Anschlags auf die Tokyoer U-Bahn für Schlagseiten sorgte und Religion aktuell wurde, aus der Zeitung entnehmen konnte, über 184 000 eingetragene Religionsgemeinschaften, die alle steuerfrei existieren, also mit anderen Worten: Die Ungläubigen finanzieren mit ihren höheren Steuern den religiösen Quatsch der Leichtgläubigen mit. Wer sich den Luxus Religion leistet, der soll ihn auch bezahlen! Und nicht mit Steuerfreiheit belohnt werden!
2 Ich bin in meinem Leben öfters in der `peinlichen' Situation gewesen, daß sich mir gegenüber ein Staatsbürger der USA bzw. Israels vorstellt und dazu sagt: "Ich bin Jude." Wahrscheinlich, weil ich vorher gesagt hatte, daß ich ursprünglich aus Deutschland käme. Ich antworte dem `Juden' dann immer freundlich lächelnd: "Oh, interessant, ich bin Atheist." Es ist mir dabei sogar schon passiert, daß mein Gegenüber mir sagte, daß er auch Atheist sei, woraus sich dann ein interessantes Gespräch entwickelte.
Da es keinen Gott gab, konnte kein Gott ihnen das Land gegeben haben, soviel wußten sie als Atheist, und doch lebten sie auf dem `gelobten Land', weil sie die Anklage fürs Anders-Sein in den sogenannten christlichen Ländern nicht ertragen konnten.
Aber das war ein Verbrechen: das Land war die Heimat der Palästinenser. Nach dem zweiten Weltkrieg waren 4 Millionen Palästinenser vertrieben worden. Sie waren wie die Indianer Amerikas oder die Juden Deutschlands zu Beginn der national-sozialistischen Arisierung, als die Juden noch fliehen konnten, behandelt worden und der Westen hatte zugeschaut oder sich Wild-West-Filme angesehen, wo der Sieg der weißen Rasse über die Rothäute wie eine Corrida de toros zelebriert wurde.
Auch den meisten Arabern war das Schicksal der Palästinenser egal gewesen. Sie waren aber auch immer zu hilflos gewesen gegen die übermächtigen, westlichen Verbündeten Israels. Erst die Pan-Islamische-Union hatte den Muskel, mit Israel aufzuräumen.
"Man erinnere sich nur einmal daran, wie hilflos wir Araber damals waren, als wir untereinander noch so zerstritten waren wie Deutschland vor dem Zollverein. Westliche Mörderpräsidenten konnten wegen irgendwelcher Terrorismusverdachte ungestraft Mordausflüge in arabische Teilstaaten anordnen und ausführen lassen, die Israelis ebenfalls. Man denke einmal daran, wie viele Mordausflüge die Israelis mit ihren Bombern auf Flüchtlingslager der Palästinenser gemacht haben, oder die WASPen, z. B. als auf die Berliner Discothek La Belle ein obskures Attentat verübt wurde und ein US-Soldat starb, da haben sie in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1986 mit 35 Bombern die beiden größten Städte Libyens Tripoli und Benghazi kaputtgebombt und mal schnell dabei 70 Menschen ermordet,3 oder der WASPische Mörderpräsident Clinton, der als Vergeltung für ein angeblich geplantes Attentat auf den WASPischen Ex-Präsidenten Massenmörder Bush während seines Kuwaitaufenthalts (gemerkt hatte keiner etwas von dem Attentat und die Kuwaitis hatte die mutmaßlichen Attentäter später auch wegen nicht erwiesener Schuld freigelassen!), also dieser Mörderpräsident ließ als Rache für einen fragwürdigen, mißlungenen Präsidenten-Mord mal schnell 23 Raketen vom Typ Cruise missile aus seinem Zwinger zum Zerfleischen irakischer Bürger. Diesem wahllosen Massenmord des WASPen-Präsidenten fiel auch die international namhafte Malerin Leila al-Attar zum Opfer.4 Die Täter und Führer der verschiedenen Mordkommandos kamen im WASPenland nie für ihre Morde auf den elektrischen Stuhl, obwohl das Land für Mord die Todesstrafe durchaus vorsah. Die Täter blieben auch nach der Tat mit ihrem Hintern auf dem Präsidententhron. Jetzt, wo wir genug haben von Kolonialismus, Imperialismus und Demütigungen und losmarschieren, um alle Täter, Mitläufer, Handlanger und Hurraschreier, die uns immer böse gewollt haben, zu bestrafen, da nennt der Westen uns blutrünstig. Aber ihr im Westen habt euch uns gegenüber nie fair verhalten. Eure eigenen, demokratischen Grundregeln Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit galten nie für uns und die arme Welt, jetzt zahlen wir euch mit gleicher Münze zurück!"
3 siehe "Die libysche Herausforderung" von Karam Khalla
4 siehe " Ketzerbriefe Nr. 42, Falschenpost für unangepaßte Gedanken" vom AHRIMAN-Verlag.
Atheisten konnten sagen: `Weil es keinen Gott gibt, konnte kein Gott den Juden das Land geben', aber die Pan-Islamische-Union sah es anders: Da es nur einen Gott gab, Allah, und der auf ihrer Seite war, waren die Israeliten ein illegitimer Dorn im arabischen Leib.
Aber Israel war gefährlich. Es hatte atomar aufgerüstet. Als die arabischen Nationen sich geeint hatten, hatte die Union ein `faires' Angebot an den jüdischen Staat gerichtet: Langsamer Rückzug aus dem besetzten Gebiet in alte Wirtsländer oder neue und Übergabe des Bodens an die arabischen Autoritäten. Eine traumhafte Forderung, wie sie die Hopis, Navajos, Irokesen, Sioux und Crees, und wie sie alle hießen, auch gerne ihren weißen Landwegnehmern gestellt hätten.
Einige Juden hatten eingesehen, daß das Land nicht mehr zu halten war und hatten sich eine neue Heimat gesucht im Westen, aber ein fanatischer, frommer Rest wollte ausharren. Sie hatten trotz ihrer Religion gelernt, wie man die atomaren Feuer entzündete. Aber sie zerstörten nur zwei arabische Städte mit ihren Bomben. Die beiden heiligsten, Mekka und Medina. (Jerusalem wäre die drittheiligste gewesen.) Es schreckte die Araber aber nicht ab, sondern entfachte ihren Zorn.
Das heilige Land war schnell überrannt. Aber die Qualen, die man der Bevölkerung antat, sollten lange und grausam sein. Jede moslemische Familie bekamen einen von den Kaaba-Schändern, um an ihm persönlich Rache zu nehmen für den einzigen Gott, den es gab:
"Und wer ist sündiger als wer verhindert, daß in Allahs Moscheen sein Name genannt wird, und sich beeifert, sie zu zerstören?"1
"Und sie sprechen: `Nimmer geht ein ins Paradies ein anderer denn Juden oder Nazarener.' Solches sind ihre Wünsche. Sprich: `Bringt her euren Beweis, so ihr wahrhaftig seid.'"2
"Und es sprechen die Juden: `Die Nazarener fußen auf nichts', und es sprechen die Nazarener: `Die Juden fußen auf nichts.' Und doch lesen sie die Schrift. Ebenso sprechen gleich ihren Worten die, so da keine Kenntnis haben. Allah aber wird richten unter ihnen..."3
"Und es sprechen die, welche kein Wissen haben: `Wenn doch Allah zu uns spräche oder du uns ein Zeichen brächtest!' So sprachen auch gleich ihren Worten die Früheren; ihre Herzen sind einander ähnlich; schon zeigten wir deutlich die Zeichen für Leute von Glauben."4
"Nicht werden die Juden und die Nazarener mit dir zufrieden sein, es sei denn, du folgtest ihrer Religion. Sprich: `Siehe, Allahs Leistung, das ist die Leistung.' Und fürwahr, folgtest du nach dem, was dir von der Kenntnis zuteil ward, ihren Gelüsten, so würdest du bei Allah keinen Schützer noch Helfer finden."5
"Die, denen wir die Schrift gaben und die sie richtig lesen, die glauben an sie; wer aber nicht an sie glaubt, das sind die Verlorenen."6
"O ihr Kinder Israels, gedenket meiner Gnade, mit der ich euch begnadete, und daß ich euch vorzog vor aller Welt."7
"Und als wir die Kaaba zu einem Versammlungsort für die Menschen und einem Asyl machten und sprachen: `Nehmt die Stätte des Erbauers Abrahams als Bethaus an', und wir Abraham und Ismael verpflichteten: `Reinigt mein Haus für die es Umwandelnden und darin Verweilenden und die sich Beugenden und Niederwerfenden!'"8
"Und als Abraham sprach: `Mein Herr, mache dieses Land sicher und versorge sein Volk mit Früchten, wer da glaubet von ihnen an Allah und an den Jüngsten Tag', sprach ER: `Und wer nicht glaubet, dem will ich wenig geben, alsdann will ich ihn stoßen in die FEUERSPEIN; und schlimm ist die Fahrt dort hinein.'"9
Neben Schlägen quälte man die gefangenen und gefesselten Israeliten besonders gern mit Feuerspein, ein langsames, gelindes Feuerlein.
Prometheus der Feuerbringer hatte den Menschen keinen Segen gebracht, sondern ein Stück Hölle in die Hand gegeben.
"Und sähest du nur, wie sie über das Feuer gestellt werden und dann sprechen: `Ach, daß wir doch zurückgebracht würden, wir würden dann nicht die Zeichen unsers Herrn Lügen zeihen und würden gläubig sein!"10
"Und sie sprechen: `Werdet Juden oder Nazarener, auf daß ihr geleitet werdet.' Sprich: `Nein, die Religion Abrahams, der den rechten Glauben bekannte und kein Götzendiener war, das ist unsere Religion.'"11
"Siehe die Ungläubigen - nimmer hilft ihnen ihr Gut noch ihre Kinder etwas wider Allah; sie sind die Speise des Feuers!"12
"Nach dem Brauch des Volkes Pharaos und derer, die vor ihnen waren, ziehen sie unsere Zeichen Lügen. Und Allah ergriff sie in ihren Sünden, denn Allah ist streng im Strafen!"13
"Sprich zu den Ungläubigen: `Ihr sollt Übermacht und im Dschehannam, dem Höllenfeuer, versammelt werden; und schlimm ist der Pfühl!"14
"Es ward euch ein Zeichen gegeben in zwei Heereshaufen, die aufeinander stießen. Ein Haufen kämpfte in Allahs Weg, und der andere war ungläubig. Sie sahen sie als zweimal soviel als sie selber mit sehendem Auge. Und Allah stärkt mit seiner Hilfe, wen er will. Siehe, hierin ist wahrlich eine Lehre für die Verständigen."15
"An einem Tage soll es an Dschehannams Feuer glühend gemacht werden, und gebranntmarkt werden sollen damit ihre Stirnen Seiten und
Rücken: `Das ist's, was ihr aufspeichertet für eure Seelen; so schmecket, was ihr aufspeichertet.´"16
Während die einen noch quälten und höhnten die habhaften Israeliten und die Muezzins Frommes ausriefen, tobte der Krieg weiter.
1 Koran 2. Sure (Die Kuh): 108. Satz, 2 105. Satz, 3 107. Satz, 4 112. Satz, 5 114. Satz, 6 115. Satz, 7 116. Satz, 8 119.Satz 9 120. Satz. 10 6. Sure (Das Vieh): 27. Satz, 11 2. Sure (Die Kuh): 121. Satz, 12 3. Sure (Das Haus Imrân): 8. Satz, 13 9. Satz, 14 10. Satz, 15 11. Satz, 16 9. Sure (Die Reue): 35. Satz. (RECLAM Taschenbuch: Übersetzung aus dem Arabischen von Max Henning)
Über den Bosporus stürmte eine große, arabisch-türkische Heeressäule auf den Balkan zu. Sie wollte ins europäische Herz. Wien sollte sie diesmal nicht aufhalten können.
Die Türken machten einen Abstecher nach Süden, um ihren Erzfeind Griechenland zu entwaffnen und zu entvölkern. Griechenland war in dieser ersten Phase des Großen Kampfes von seinen Alliierten genauso schändlich im Stich gelassen worden, wie Polen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges.
Wenn Kleines sich an Großes schmiegt, wird Großes größer, aber das Kleine wird auch kleiner dabei. Hätten die Griechen sich soviel Zeit gelassen, wenn ihre großen Freunde Hilfe brauchten, hätte es dafür eins aufs Dach bekommen, jetzt bekam es selbst türkische Besatzung und vollen türkischen Terror wie einst die Armenier und Kurden zu spüren, und tröstende Versprechungen für eine ferne Zukunft von ihren großen Freunden.
Da die Türken Kemal Atatürks Erbe abgeschüttelt hatte, also seine Prinzipien Nationalismus, Säkularismus und Etatismus nicht mehr galten, oder viel mehr als Vergehen an dem einzigen Gott, den es gab, galten, war das größte Anliegen der Eroberer Griechenlands, die Griechen zum einzig rechten Glauben zu führen.
Islamische Kleriker und Gläubige hatten die Türkei mit dem gleichen Trick `reislamisiert', mit dem auch ihre christlichen Gegenstücke in Europa Europa `reevangelisiert' hatten, nämlich, indem sie sich im Bereich Wohlfahrt, Krankenpflege und Kindergärtnerei engagiert, bzw. mit salbungsvollen bzw. schmierigen Worten vorgedrängelt hatten und sich so unter den Untergebildeten ein übergroßes Heer an Unterstützlern bzw. Umstürzlern herangezogen hatten.
Für die Bekehrung Griechenlands zum Islam ging man nun den entgegengesetzten Weg: Statt Wohlfahrt Unwohlfahrt, Höllenfahrt. Wer nicht schnell genug begriff, wer der richtige Gott war, kam in Vernichtungslager, die nach dem Vorbild von Auschwitz und Jasenovac errichtet worden waren. Wer aber begriff, der durfte zur Belohnung mit auf den großen Feldzug gegen die Ungläubigen; - an der Front in vorderster Linie verstand sich oder als Handlanger. "Allah liebt die Märtyrer, die im heiligen Krieg sterben."
Einem Moslem war es verboten, in einem unheiligen Krieg zu kämpfen! Er durfte aber Mosleme, denen es an der vordersten Front zu heiß wurde und die in die hinteren Kaltfrontgebiete verduften wollten, erschießen.
Das Überleben an der vorderen Front war ein reines Glückspiel. Alles hing nur davon ab, ob man sich in der Nähe eines Granateneinschlags befand oder nicht. Rechtzeitig weglaufen brachte nichts, hinschmeißen schon eher was, aber immer weniger, je dichter es Granaten hagelte.
"Täusche ich mich oder werden die Explosionen wirklich größer?"
"Sie werden größer. Jede Partei ärgert sich über die Bomben der anderen und wirft aus Rache, immer größere Bomben zurück."
"Warum hat man uns überhaupt solche Schießprügel in die Hand gedrückt, wenn man doch bloß mit Bomben wirft?"
"Das weiß ich auch nicht."
Bäng!
Das islamische Heer hatte erstaunliche Mitstreiter bekommen: Die Russen und die Ukrainer. Erstaunlich war an diesem Bündnis, nicht so sehr das Christentum der Verbündeten, es war ja immerhin ein anderes Christentum als das des Westens, erstaunlich war, daß die neuen Freunde das ekligste fraßen, was sich ein Moslem vorstellen konnte: Schweinefleisch, und das in Mengen. Die neuen Waffenbrüder hielten den Weltrekord im Schweinefleischkonsum.
Besonders die Ukrainer. Jeder Ukrainer hatte immer ein großes Stück Salo, rohes, gesalzenes Schweinefett mit Schwarte, in seinem Tornister, dazu - igitt wie pfui - eine Flasche Vodka und ein Stück Schwarzbrot. So ausgerüstet war er glücklich und überstark.
Wenn man bedachte, daß sich einst moslemische Krieger über indische Vegetarier mokierten, obwohl der Koran doch gar nichts gegen Gemüse hatte, dann war die Duldung des Schweinefleischkonsumes der neuen Waffenbrüder erstaunlich.
Die Heere rieben sich weiter aneinander und die großen Bomben fielen immer weiter hinter die Linien. Aber noch fielen die ganz großen Bomben nicht.
Noch hatte das Endspiel nicht begonnen. Aber die großen Herren des Westens rieben sich schon die Hände. Beim Endspiel da hätten sie alle Trümpfe in der Hand. Das freute sie. Aber noch schickte sie in den konventionellen Krieg. Erst mal richtig ausbluten. Was am Ende noch in seinen Bunkern lebt, das pusten wir dann atomar weg. Dann gib's ein paar verseuchte Gebiete, aber der Rest bleibt verschont und da er entvölkert ist, wird er es auch lange bleiben.
Die Herren schwitzten über ihrem Kriegsspiel wie Schachspieler über ihrer Partie, die ganze Erde war ihr Spielbrett, die Soldaten ihre Bauern - oh, wie viele Millionen man doch zum Opfern hatte! -, Panzerregimenter waren die Läufer, die Luftflottenverbände die Springer, die Satelliten waren die Türme, die Aussichtstürme, die die Übersicht über das Spielfeld ermöglichten, die ABC-Waffen aber waren die kostbaren Damen des Spiels, mit denen man den feindlichen König, in diesem Fall die feindliche Herrscherclique, matt setzen würde.
Teilte das Volk die Spielbegeisterung seiner Herren? Ja, natürlich! Aber nicht alle hielten sich für das Volk.
Und wie war es mit dem Weinen? Tat man auch weinen?
Man weinte auch.
Natürlich weinte man auch.
Hatte man bei der großen Kurukshtra-Schlacht oder meinetwegen auch bei der Schlacht um Troya einst geweint, wenn die großen, edlen Helden fielen, jetzt war alles nur Statistik.
Hier oder dort, irgendwo an der Front kamen bei einer Kampfhandlung hunderttausend Leute um, so trauerten sofort hunderttausend noch lebende Kameraden um sie, drei Tage später, wenn den Familien die Todesmeldungen aus den Faxmaschinen ins Haus flatterten, weinten pro Gefallenen durchschnittlich vier weitere Menschen. In den Vielvolkstaaten der Angreifer waren es natürlich mehr - bis zu zehn oder gar zwanzig. So genau wußte man es nicht. In den Vielvolkstaaten gab es zwar viel Volk, aber wenige Statistiker.
In den westlichen Industrieländern war es in der ersten Zeit des Krieges so, daß statistisch gesehen für jeden Toten - und das galt auch für Bombenopfer - dreieinhalb Erwachsene und eins Komma ein Kind weinten. Auf Grund des fortschreitenden Sterbens sank diese Zahl freilich mangels lebender Verwandten und Bekannten im Laufe der Zeit; zur Halbzeit war die Zahl der Weinenden pro Toten auf eins gesunken, und bei Ende der kriegerischen Handlungen hatte diese Zahl die Null erreicht.
Andere Statistiken zeigten, daß die Eu den aus dem Osten anrollenden Verbänden nicht mehr genug eigene Truppen entgegenwerfen konnten. Die Treib- und Rohstoffe wurden auch knapp. Die Araber lieferten nichts mehr, die Bohrinseln der Nordsee hatten die eignen Öllager leergelutscht, Solarbatteriebatallione wurden mit Rauch und Sonnenverfinsteris zum Stillstand gebracht, auch an Metallen mangelte es, seit der Mond nicht mehr lieferte, und auch das Menschenmaterial, das man mal so im Überfluß hatte, war schon ziemlich verbraucht...
"Die vielen kleinen Leute sind gefährlich", so hatte man damals gedacht, als der Große Kampf gerade erst angefangen hatte, "laßt uns die mal ruhig losschicken, wenn die dezimiert werden, das kann nicht schaden, die sind sowieso zu viele. Jeder von denen hat in Friedenszeiten viel zu große Forderungen: Großraummobile für die Urlaubsfahrt, Stadtmobile für die Schaufensterbummelfahrten, Großraumkuppeln mit Swimmingpools, gigantische Wolkenkratzerwaben mit Klimaanlagen und Fitneßeinrichtungen, Arbeitsschutzgesetze und Anstrengungsvergütigungen etc., und alles auf unsere Kosten."
"Ich will ja nicht ums Geld klagen. Geld haben wir ja genug, aber den Platz, den die uns wegnehmen."
"Platz und sogar die Atemluft."
"All den Scheiß, den die Vielzuvielen konsumieren."
"Die sind gefährlich. Die können sich nicht mäßigen."
"Wie könnten sie auch, wo wir uns mästen."
"Uns gehört alles. Wir können ein kultiviert hochstehendes Leben führen. Aber die Vielzuvielen bringen mit ihrer Gier noch die ganze Welt zum Kippen."
So hatten die reichen, schönen, herrschenden Menschen beklagt, daß sie ihr Menschsein mit viel zu vielen häßlichen, kleinen, wertlosen Menschen teilen mußten und den Krieg als Problemlöser willkommen geheißen.
"Auf dieser Welt gibt es mehr Menschen als gebraucht werden, auch besonders bei uns im Westen. Laßt uns einen Drang erzeugen, der sie wie die Lemminge in den Tod ziehen läßt: Patriotismus, religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum."
Damals hatte man sich in den allerobersten Chefetagen der westlichen Gesellschaft für die Reduzierung der Bevölkerung durch Fronteinsatz à la Großväterchen-Art entschieden, obwohl man gleichzeitig und zwar schon seit Jahrzehnten die Abtreibung verboten hatten. Aber so war das Leben immer gewesen: voller Widersprüche.
Jetzt, wo die Computer es klar ausgerechnet hatten, daß man den Krieg nicht konventionell gewinnen konnte mangels Masse. Die Bombe der Bevölkerungexplosion hatten die Gegner besser entwickelt. Da wurde man in den Chefetagen der Eu nervös. Sollte man schon unkonventionell losschlagen? Über die Atlantikbrücke1 kam der Befehl noch zu warten.
1 Bei `Atlantikbrücke' wurde nicht an eine futuristische Autobahnverbindung nach Amerika gedacht, sondern an den in Bonn beheimateten Verein "Atlantik-Brücke e. V.", in dem sich die Eliten von Politik, Wirtschaft und Medien mit ihren amerikanischen Gegenstücken beraten und ihre Handlungsweisen `koordinieren'. Für ein besseres Verständnis siehe "Das RAF-Phantom - Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen" von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgräber und Ekkehard Sieker.
Die Großen Führer von Berlin, Paris und London verfielen zunächst darauf, Abtreibung noch schwerer zu bestrafen, mit schwerer Zwangsarbeit in der Waffenproduktion und in Schützengraben-Schaufelbatallionen. Aber das war eine schlechte Lösung. Dabei wurden nur Frauen im gebärfähigen Alter in die Luft gesprengt. Besser und sinnvoller war überführte Abtreiberinnen für jede Abtreibung mit zehn Zwangsgeburten zu bestrafen.
Die Leute wurde aufgerufen, eifrige Schnüffler zu werden, und den Behörden zu melden, ob sie in ihrer Verwandtschaft oder Nachbarschaft irgendwelche Frauen oder Mädchen kannten, die sich des Schwangerschaftabbruchs verdächtig gemacht hatten. Viele Leute verrieten gerne junge Frauen aus ihrem Bekanntenkreis. Es tat ja so gut, Verantwortungsgefühl zu zeigen. - Die Aufdecker durften die zehn Zwangsdeckungen an der Abtreiberin vollstecken, äh, vollstrecken.
Manche Leute dachten wohl, solche Maßnahmen führten zum Sieg: Geburten, um neue Krieger zu haben. Aber selbst die besten Wizards der Pharmaindustrie konnten kein Wachstumsmedikament herstellten, daß den Wachstum der Neugeborenen so stark beschleunigte, daß sie groß genug waren für den Frontgebrauch, bevor die Front unter dem Überdruck angreifender Horden zusammengebrochen war.
Das war vorauszusehen.
China, Japan und Korea waren zu diesem Zeitpunkt noch neutrale Staaten. Wirklich neutral waren sie nicht, denn sie lieferten Waffen und Berater an die Quadrupelallianz. Die WASPen waren sauer. Sie wollten auch mit Waffen beliefert werden, schließlich hatte man in Friedenszeiten ja auch viele Elektrogeräte und Automobile von ihnen importiert.
Der Sprecher dieser drei Ökonomien lächelten freundlich: "Ihr habt doch immer über unseren Exportüberschuß geklagt. Wenn wir euch jetzt auch noch mit Waffen beliefern, wird der Überschuß noch größer."
"Wenn ihr euch nicht wirklich neutral verhaltet und uns Waffen liefert und unseren Feinden keine mehr, dann werden wir euch mit einer Seeblockade bestrafen", drohten die WASPen.
Aber die Chinesen wiesen den WASPen nur höflich die Tür. Es kam für sie gar nicht in Frage, der Ami-Eu-Allianz zu helfen. Es war nicht, daß sie etwas gegen WASPen oder Europäer hatten. Als Mensch war ihnen jeder Mensch sympathisch, Gefühlsmenschen waren ihnen aber eher unsympathisch, von Unvernunft hin- und hergerissene Menschen mochten sie nicht. Es war vernünftig, weiter die Quadrupelallianz mit Waffen zu beliefern, damit sie den Krieg gewann, denn, wenn man es nicht tat, würde die Allianz verlieren. Wenn sie aber verlor, konnte sie nie die Kredite zurückzahlen, die sie China und den zwei anderen Ökonomien schuldete.
China wollte keinen Krieg. Es fand, daß es nicht die Probleme der anderen Staaten hatte. Es war selbstzufrieden. Die Strategic Defense Initiative, die es nach WASPischen Vorbild errichtet hatte, schützte das Land durch einen Raketenabwehrschirm. Das Projekt nannten die Chinesen übrigens nicht `star wars', sondern `Große Mauer 2000'.
Die Chinesen wollten hinter oder unter ihrer Großen Mauer in Ruhe gelassen werden. Sie hatten nicht wie die WASPen, die über ihrem eigenen Land einen noch gewaltigeren Schirm errichtet hatten, im Innern Probleme. Durch eine Einkind- bzw. Nullkind-(bei Unfähigen)-pro-Ehepaar-Politik war die chinesische Ökonomielandschaft in eine stabile Lage geraten, die einen gradlinien Weg der Wohlstandvermehrung ermöglicht hatte. Ehemalige Hungergebiete des Reiches waren verschwunden, entweder reich geworden oder durch sterilmachende Mittel entvölkert worden. Keine Morde, bloß Sterilität, also keine nachwachsende Generation.
Der Westen hatte immer gegen diese Mißachtung des individuellen, reproduzierenden Grundrechtes des Menschen protestiert. Es würde dem Westen ein Leichtes sein, diese alte Hetze der Menschenrechtsmißachtung jetzt für See-Blockaden und andere militärische Schritte gegen die Chinesen zu nutzen.
Die Japaner, die das gleiche Problem mit dem WASPenland hatten, wie die Chinesen, entschieden sich ihrem Charakter gemäß für eine andere Taktik: Sie versprachen auf die Wünsche der WASPen einzugehen. Sie prüften und prüften, bedachten die Anliegen der Bittsteller und kriegten nicht eine Bombe geliefert. Die ganze Produktion lief aber auf Hochtouren für das eigene Militär und die Vierer-Allianz.
Japan hatte mal einen Paragraphen in seiner Verfassung gehabt, der den Krieg als Mittel zur Konfliktlösung ächtete. Das war ein guter Paragraph gewesen. Er war in die Verfassung geraten, als die WASPen nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer so vor der Martialität der Japanern zitterten, daß sie als Siegermacht die Japaner zwangen, in ihrer Verfassung den Krieg als Konfliktlöser für immer zu verleugnen. Doch fünfzig Jahre später war die Furcht gewichen. Man kannte nur noch die immer höflich lächelnden, bescheiden scheinenden, japanischen Geschäftsleute und Politiker, die einen immer zu verstehen schienen, immer zu allem `ja' sagten. Was die WASPen nicht wußten, war das `Ja' nur soviel hieß wie `das habe ich akustisch verstanden', aber niemals eine Zustimmung war.
Als die WASPen fünfzig Jahre nach dem Weltkrieg entdeckten, daß es da auf dem Globus ein Volk gab, daß zu allen ihren Vorschlägen `Ja!' sagte, freuten sie sich. Und sie sagten dem Volk, es solle sich doch wieder bewaffnen und seinen internationalen Verpflichtungen als Peace-Keeping-Forces nachkommen, und den WASPen aktiv helfen, Weltpolizist mit UNO-Mandat zu spielen. Und die Japaner sagten wieder `Ja' und rüsteten.
Und so kamen die Japaner wieder zu ihren Waffen, zu Hoch- und Höherrüstung. Besser wäre gewesen, sie hätten die ganze Welt überredet, den Krieg zu ächten.
Japanische Samurai-Seelen hatten seit der Meiji-Restauration mehrere gewaltige Veränderungen durchgemacht. Aus den ehemaligen Schwertkämpfern waren zuerst moderne Industrialisten und Militaristen geworden, dann nach verlorenem Krieg Pazifisten, die als realistische Kämpfer an der `corporate business frontier' Profite erwirtschafteten und als Geschäftemacher selbst die legendären, jüdischen Händler in den Schatten stellten.
Was diese Samurai-Seelen nie waren, waren ruhende, selbstzufriedende Menschen, selbst wenn sie als buddhistische Mönche meditierten, taten sie es übereifrig, gehetzt, gequält - sogar geprügelt.
- - -
"Der Samurai hatte gekämpft. Die Gegner waren überlegen gewesen. Was war edler, als übermächtige Gegner zu bekriegen! Er hatte verloren, seine Rüstung war zerschlagen, sein Schwert der zerschmetterten Hand entglitten, sein Köcher leer, seine Bögen entzweigebrochen. Blutend war er dem Blachfeld entkommen, durch den dunklen Wald gestolpert und vor einem Dorfe der Landarbeiter war er auf einem Buchweizenfeld eines Soba-Bauern zusammengebrochen. Der Soba-Bauer hatte ihn gefunden und zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter gepflegt, bis er wieder gesund war und aufstehen konnte. Die Tochter des Bauern hatte sich in ihn verliebt, und auch der Bauer selbst mochte den großen Mann, er wäre ihm recht gewesen als Schwiegersohn, auch wenn er alles verloren hatte. Er sprach zu dem Samurai: `Deine Feinde haben deine Burg erobert und suchen überall nach dir. Du kannst hier versteckt auf meinem Bauernhof als mein Schwiegersohn den Rest deiner Tage in Frieden verbringen, das Land pflügen und Hirse und Buchweizen ernten. Das Land ist groß, zwar nicht wie eine Grafschaft, aber es wird dir immer genug zu essen geben.' - `Oh nein', sprach da der Krieger, `ich muß Seppuku machen.' `Warum?'
fragte der Soba-Bauer. `Damit ich reinkarniert als Krieger neue Kriege kämpfen kann!' Und der Samurai nahm den Pflug des Bauern - nicht um Furchen in das Feld zu kratzen, sondern um sich damit über den Bauch zu pflügen und zu verblühen. So ungeduldig war er."
Nach diesem fernöstlichen Zwischenspiel zurück zum europäischen Schauspielplatz.
Der Westen sah von seinen Satelliten aus, daß sich eine schier unermeßliche Heeresmasse auf sein Land zu bewegte. Eine vorgeschobene Stellung nach der anderen wurde überrannt. Bald würden Berlin und Wien fallen, die katholischen Bollwerke gegen die Orthodoxie, Kroatien und Polen, waren schon gefallen. Da entschied man sich den Todesvorhang vorzuziehen.
Dieser Vorhang sollte das ganze Gebiet vom Balkan bis zum Baltikum, vom Schwarzen Meer bis zum Weißen Meer bedecken. Und die Decke, mit der man die Menschen zuzudecken gedachte, war geblümt, es waren die Blumen der Senfgaspflanze, aus ihnen rieselte giftig gelber Blütenstaub.
Es war nun aber nicht so, daß die Heerführer so vieler Krieger bei der Ausrüstung gespart hatten. Freilich, die Ausrüstung war eine Kostenfrage, und die Verteidigungsminister der armen Länder hatten sich gesagt: Ein junger Mann ist billiger als eine Gasmaske, also bekommen unsere jungen Männer keine Gasmaske. Die reicheren Länder hatten ihre Krieger aber alle gut ausgerüstet, sie hatten nicht nur Gasmasken für den Fronteinsatz, sondern auch Baracken und Mannschaftsräume und fahrzeuge mit eigener, sauberer Atmosphäre. Die ganz reichen Länder, die sogar Kriegswitwenrenten zahlten, hatten ihre Soldaten sogar mit schußsicheren Westen, Hosen und Hüten ausgerüstet.
Viele in diesem Gebiet noch lebende Zivilisten schlossen unter dieser Blütenstaubdecke für immer die sengenden, brennenden Augen, aber auch unter den Zivilisten hatten viele für diesen Augenblick vorgesorgt und sich Gasmasken angeschafft. Jetzt setzte man sie sich auf und sah mit dem Atemrüssel wie Rüsselschweine aus.
Die Giftgasdecke lag schwer auf dem Land, kein Windchen wehte sie für lange Zeit zur Seite, das Gift aber schlüpfte in die letzten Winkelchen. Keiner, der nicht über hermetisch abgeriegelte Räume verfügte, durfte seine Rüsselmaske abnehmen. Wer es doch tat, war sofort tot. Trotz voller Vorratskammern mußten die Leute hungern. Aber wer hungert, lebt, lebt vielleicht sogar zwei Monate bis zum Verhungern.
Wer unter diesem Todesvorhang ganz sicher zu Tode kam, das waren die Tiere, die Haustiere und die Tiere der Natur, alle Tiere von den Würmern und Insekten bis zu den großen Drachen und Wölfen. Einst hatte die Erde die Tiere auf die Erde gelassen, damit es durch Evolution einen Fortschritt des Lebens auf Erden gab und den Fortbestand desselben. Jetzt waren so viele Tiere tot.
"Die Erde ist ein denkendes Wesen, ein großes Gehirn, sie entwickelt Ideen und verwirft sie. Die Saurier wurden verworfen, der Neanderthaler und der Cro-Magnon-Mensch. In ihrer großen Weisheit wird sie auch den homo sapiens sapiens verwerfen. Atomare Vernichtung. Die Richtigen überleben oder die Falschen. Wird sie richtig denken? Sind's die Richtigen, werden sie friedlich bis zum Ende des Planeten hier leben, Wissen erwerben und sich das Überleben sichern. Sind's die Falschen, so werden sie sich immer wieder hochschaukeln bis zur neuen Vernichtung, bis eines Tages das Ergebnis gut oder zumindest zufriedenstellend ist oder der Versuch Mensch ganz aufgegeben wird. Die Erde ist wie ein Wissenschaftler, der plant und verwirft, wie ein Forscher, der eine Reihe von Versuchen durchgeht, bis er sein Ziel erreicht hat oder die Fruchtlosigkeit seiner Mühen erkennt."
"Die Erde ist ein mittelmäßiger Planet
auf mittelmäßiger Umlaufbahn um eine mittelmäßige Sonne am
Rande einer milchigen Straße, wie kann man hier große Gedanken
erwarten? Sie wird mit ihrem mittelmäßigen Gehirn
mittelmäßige Entscheidungen treffen."
Ehre Deine Mutter Erde,1
auf daß Deine Tage lange währen.
Sie ist ein Stück von Dir
und Du ein Stück von ihr.
Sie gebar Dich
und gab Dir Dein Leben und einen Leib.
Unzertrennlich bist Du mit ihr verknüpft.
Ihr Schicksal ist auch Deins.
Deins auch ihrs.
Sie leidet mit Dir
und Deine Freude wäre auch ihre.
Doch Du bist nicht froh.
Freue Dich auch ihretwegen,
sind wir Menschen doch umgeben von ihrem Segen.
Ein Füllhorn wäre sie uns,
tränken wir mit Maßen,
ein überreicher Tisch wäre für uns gedeckt,
äßen wir nur so viel wie uns schmeckt.
Großzügig gibt die Erde ihre Gaben.
Hielten wir ihre Gesetze,
könnten wir uns noch lange an ihrem Busen laben.
Doch zu gierig griff der Mensch nach ihren Gaben,
ohne nach der Zukunft zu fragen,
riß er ihr Narben,
die auch sein eigenes Gesicht entstellen
- zum widerlichsten Teufelsgesellen.
Ein Paradies wollte er schaffen,
ein Schlemmer- und Schlaraffenland,
doch eine Teufelshand
läßt ihn zur Hölle ins Inferno schlittern.
Was wird ihm bleiben
außer Heulen und Zittern
in Dunkelheit?
Reue vielleicht
- und viel Asche.
Der einzelne ist machtlos,
wenn die Massen
Mutter Erde
morden wollen,
morden sie auch ihn.
1 Die ersten zwei Zeilen des Textes sind `den verlorenen Schriften der Essener' übersetzt von Dr. Ed. Szekely entnommen.
Auch auf dem Schlachtfeld gab es Märchenerzähler:
"Das Märchen vom Nachklang
Es gab einmal ein Volk, das war fleißig wie die Bienen und hatte eine höherentwickelte Arbeitsteilung als die Ameisen; die einen regierten, die anderen experimentierten, Atomphysik, Biochemie, Astrologie, die einen den Untergang vorbereiteten, die anderen ihn in den Sternen voraussahen, die nächsten heilige Bücher studierten, interpretierten, wieder andere predigten, noch andere straften, und noch andere paßten auf, manche bauten, einige rissen nieder, manche sangen und musizierten, andere malten und modellierten, manch einer machte Spaß, und manch einem war alles ernst, und dann gab es noch überall die Handlanger.
Die ersten Spezies der menschlichen Morgenröte, Sumerer aus der Zeit vor der Sintflut, hatten ein langes Leben, wurden 30 000 Jahre alt, später, in der ersten Dynastie von Ur, nur noch knapp 1 000 Jahre, dann starb man, das heißt spätere Generationen, oft schon mit 30, 40 oder 50, dann dank Medizin zwischen 80 und 100 und dann schon meist mit 10, die Menschheit an der Schwelle zu einer noch kürzeren Lebensdauer, denn lange zu leben, wurde vielen sauer. Nennen wir die kurze Lebensdauer eine Abgewöhnungskur, denn drei Generationen später nur gab's kein Gebären mehr, aus Überdruß machten alle Schluß.
Nach dem menschlichen Abendrot
folgte die Nacht.
Der Mensch war eine Sonne,
besaß Schönheit und Macht.
Seinem Untergang folgte fröstelnde Kühle,
Leere und Armut und göttliche Andacht.
Wie einsam ist das All ohne ihn,
sprachen die Götter bei der Totenwacht.
Nach dem menschlichen Abendrot
folgte die Nacht.
Der Mensch war eine Sonne,
besaß Schönheit und Macht.
Der Welten Lauf ist ein Lied,
der Mensch war eine Strophe darin,
besaß seinen Sinn,
war eine Melodie,
hatte seinen Abgesang,
war ein Sänger,
hatte seinen Auftritt und Abgang,
war ein Ton
verklungen im Äon."
"Das Märchen vom göttlichen Menschen und seiner Allmacht
Der Mensch wurde immer göttlicher. Zumindest würde man das behaupten, wenn man seine Leistungen betrachtete, ohne ihn selbst zu sehen. Durch Gen-Manipulation war es ihm gelungen, neue Wesen zu schaffen. Alles war durch seine Hände gegangen, nichts vor seiner Besessenheit zu verbessern sicher, von den Mikroorganismen über Futterpflanzen bis zu den Haustieren, die er sich geschaffen hatte, und die ihm nützlicher als die herkömmlichen Haustiere erschienen.
Aber der Mensch war nicht nur Subjekt dieses Dranges, sondern auch Objekt: Großhirnige Denker, Muskelmenschen, geniale Musiker und andere Künstler, geschickte Techniker und Leute, die den Bedingungen der Schwerelosigkeit besonders gut gewachsen waren, waren geschaffen worden; großartige Sportler zu züchten, hatte man wie den Sport selbst aufgegeben, nachdem Spinnenmenschen mit zehn Meter langen Beinen und viele Tonnen schwere Turmmenschen auf der Bildfläche erschienen waren; aber auch Moden folgend veränderte sich das Bild des Menschen, die nordische Rasse, die schon immer ein schlechtes Verhältnis zu ihrem bleichen Aussehen und strohblonden Haar hatte, hatte sich genetisch schwarzhaarig gemacht und trug passend eine stolze Arabernase dazu, leider war ihnen wie allen eine unerwünschte Zugabe zuteil geworden, hier die südländische Laissez-faire-Mentalität, die man früher so verachtet hatte, und deretwegen man jetzt weltpolitisch gesehen immer bedeutungsloser wurde; dafür trugen Japaner und andere Asiaten jetzt blondes Haar; auch war es erreicht worden, Frauen weitere Becken für leichtere Geburten und aus ästhetischen Gründen große, feste Busen zu geben; überhaupt sah man jetzt zu viele Leute mit Idealfigur. Ideale Menschen allerdings waren nicht geschaffen worden; alle kränkelten irgendwie herum, Nervenzusammenbrüche waren an der Tagesordnung, und zufrieden war keiner und friedlich nur die, die eine Überdosis Beruhigungstabletten genommen hatten.
Der letzte Schrei aber war, das Wachstum zu stoppen, so daß die Mütter, die ein bestimmtes Stadium in der Entwicklung ihrer Kinder - meist das Säuglingsalter - besonders liebten, dieses, indem sie die weitere Entwicklung hinauszögerten, länger genießen konnten. Da eine solche Wachstum-Manipulation sehr teuer war, wurde sie nur von wenigen reichen Leuten wahrgenommen. Allerdings waren Institute entstanden, die solche Babys und Kleinstkinder an Frauen, die zwar den Drang hatten, jemanden zu bemuttern, sich aber scheuten, richtig Mutter zu werden, vermieteten. für solche Institute amortisierten sich die einmaligen Wachstumsmanipulationskosten durch die hohen Ausleihgebühren bis zum Eingehen der Kleinstkinder nach etwa zehn Jahren leicht.
Wir sehen schon, die göttlichen Fähigkeiten des Menschen beschränken sich auf sein Können. Wollen, können, machbar machen und dann machen,so konjugierte man sein Menschsein.
Ans Dürfen dachte keiner."
"Aber ähnelte man nicht auch hier dem Gott, der sich nicht fragte, ob er den Menschen überhaupt machen durfte?"
- - -
"Du irrst, Gott war zwar bei der Erschaffung des Menschen kurzsichtig, aber ganz unbedarft und blauäugig ist er nicht, er wird seine Schöpfung wieder zurücknehmen."
"Kein Zweifel, der Mensch wird zugrunde gehen und mit ihm vieles mehr, aber es wird gegen den Willen Gottes sein, denn der wird ohne sein Ebenbild leer und einsam sein, was ihm ein größeres Greuel ist, als manch einem Menschen."
"...das war das Märchen vom Mächtigsten."
"Nachdem wir nun das Märchen vom Mächtigsten gehört haben, ein kaukasisches Märchen, dem ich noch eine Zeile hinzugefügt habe.
Ein Schaf, das über das Eis gehen wollte und ausrutschte, schrie: `Eis, Eis, deinetwegen bin ich hingefallen. Bist du stark? Bist du vielleicht am stärksten von allen?' Aber das Eis antwortete: `Wie kann ich am stärksten sein, wo die Sonne mich doch schmelzen kann?' Da ging das Schaf zur Sonne und fragte: `Sonne, Sonne, bist du am stärksten von allen?' Und die Sonne antwortete: `Wenn ich am stärksten wäre, wie könnten die Wolken mich dann verdecken?' Da fragte das Schaf die Wolken: `Wolken, Wolken, seid ihr am stärksten von allen?' Und die Wolken antworteten: `Wenn wir am stärksten wären, wie könnten wir dann durch Regen vernichtet werden?' Und als das Schaf den Regen fragte: `Bist du am stärksten von allen?' antwortete der: `Wie könnte ich am stärksten sein, wo mich doch die Erde verschluckt?' Da fragte das Schaf die Erde: `Erde, Erde, bist du am stärksten von allen?' und die Erde antwortete: `Nein, sieh doch das Gras bohrt seine Wurzeln in mich hinein, und ich bin machtlos dagegen.' Da fragte das Schaf das Gras, ob es am stärksten sei. Aber das Gras antwortete: `Wie könnte ich am stärksten sein, wo doch ein Schaf mich pflücken und fressen kann?' Da sprang das Schaf vor Freude in die Luft und rief aus: `Mag ich auch ausrutschen und fallen, ich bin am stärksten, am stärksten von allen!'
Ein paar Tage später wurde es
geschlachtet."
Schafgulasch für hungrige Krieger, für die, die dann, als sie den Schritt von der Gulaschkanone vor die Mündung richtiger Kanonen taten, ins Gras bissen und die Pflanzen düngten.
Der Mächtigste war doch immer noch der, der die Kanonen hatte und fütterte, also der Mensch, der homo canonicus.
Seit der Westen mit Giftgas unkonventionell geworden war, wurde bombastischer gekämpft. Erst schoß man sich gegenseitig mit Mini-Nukkis, mit kleinen taktischen Nuklearwaffen, eine Einheit nach der anderen kaputt, dann hagelte es die großen Bomben der beschleunigten Neutronen auf die westlichen Industriegebiete. Diese verbesserten A-Bomben entwickelten eine relativ geringe Druck- und Hitzewelle und gaben den größten Teil ihrer Energie als radioaktive Strahlung ab.
Der Zar hatte das Flächenbombardement der westlichen Industrielandschaft mit solchen Bomben angeordnet. Seine Computer hatten ihm nämlich ausgerechnet, daß einer Besetzung nichts mehr im Wege stand, in so einem Fall leistete ein Bombenteppich von Neutronenbomben gute Dienste, denn jede Bombe zerstörte nur die Gebäude und Industrieanlagen in einem engen Kreis von 200 m, brachte aber die Leute in einem Umkreis von 3000 m um.
"Eine Waffe, die nur Menschen tötet, aber kaum Sachen zerstört, welch ein Segen, denn die Menschen sind ja im Moment das Wertloseste, besonders die feindlichen Menschen."
Der Westen aber konterte mit Dreiphasenbomben auf Moskau, Zünder aus Uran 235, Lithiumdeuterid als Fusionsmaterial und Uran 238 als Fissionsmaterial. Der Zar selbst fiel dieser Explosion zum Opfer.
In Rom war ein alter Papst gestorben, angeblich vor Gram ob der menschlichen Gottlosigkeit, Sündhaftigkeit und Gewalttätigkeit. Ein neuer war gewählt worden. Er brach mit der Tradition - oder kehrte zu einer älteren Tradition zurück. Da gerade Ostern war, wollte er wieder selbst den Segen `urbi et orbi' von der Loggia der Peterskirche spenden. Seit Adjuna einen Papst an die Balkontür genagelt hatte, hatte es kein Papst mehr gewagt, ins Freie zu treten, sondern jeder immer nur vom gesicherten Bunker aus über Bildschirme seine mit Friedensschwören bestickte Kreuzzughetze betrieben. Der neue Papst wollte anders sein. "Gerade in dieser schweren Zeit..."
Die Orthodoxen wußten es schon lange, ihr verstorbener Zar hatte es ihnen oft genug gesagt: `Von Rom geht die Vernichtung aus.' Von Rom waren tatsächlich viele Aufrufe zu neuen Kreuzzügen ausgegangen.
Und auch jetzt zu Ostern erwarteten die Leute vom neuen Papst neben Beschwörungen des Friedens und der Nächstenliebe eine Stärkung ihrer Kampfmoral. Eine große Menschenmenge versammelte sich vor der großen Kirche. Der neue Papst trat vor die Leute. Die Leute jubelten. Vom orthodoxen Rußland kam ein Gruß angeflogen in Form einer Neutronenbombe. Die Russen waren rücksichtsvoll. Aus Rücksicht auf die vielen Kulturschätze des Vatikans ließen sie diese Neutronenbombe ganz hoch über dem Vorplatz der Großen Kirche explodieren, so daß kein Sachschaden entstand. Nur die Menschen (und dazu gehörte auch der neue Papst), die waren natürlich tot.
Was waren nun die letzten Worte des servus servorum Dei, des Knechts der Knechte Gottes, des knechtigsten aller weltlichen Herrscher? Es waren die Worte: "Veni sancte spiritus!" Was darauf hindeutete, daß in diesem Jahr Ostern und Pfingsten auf den gleichen Tag fielen. Wie antwortete nun der Heilige Geist? Er antwortete: "Warum ich? Du kommst!" Selbst Himmelfahrt fiel auf diesen Tag.
Der Westen schlug natürlich zurück. Aber der Westen hatte viele Sorgen. Eine Sorge war die Umwelt. Man hatte gesehen, wie der gelbe Staub ein riesiges Gebiet zur Totenlandschaft gemacht hatte, und man fürchtete beim Einsatz der Nuklearwaffen die Langzeitschäden der radioaktiven Verseuchung.
Die Virologen des Verteidigungsministeriums hatten aber einen idealen Krankheitserreger synthetisch produziert und massenproduziert, der wirklich nur Menschen einen schnellen Tod brachte und schon bei anderen Hominoiden, wie Schimpansen, Gibbons, Gorillas, Pongos und Bonobos, nicht funktionierte. Die Virologen hatten sogar ein Gegenmittel für die eigenen Hominiden entwickelt. Den Virologen der Gegenseite aber würde der Virus dieser V-Waffe niemals die Zeit lassen, die Forschungsarbeit an einem Gegenmittel zu Lebzeiten zu Ende zu bringen, und einfach Interferon spritzen half bei ihm nicht.
Der Westen schöpfte Hoffnung angesichts dieser Bio-Wunderwaffe: "Wenn man Pflanzen, Tiere und Sachen läßt, wird sich das übrigbleibende Menschenhäufchen schon wieder aufrappeln können, aber wenn man auch die Pflanzen und Tiere vernichtet, hüllt sich die Welt in ewiges Schweigen. Die Feinde handeln unmoralisch, wenn sie so wahllos Neutronenbomben werfen."
Neben der Immunisierung der weißen, westlichen Menschen und der Infektionierung der Feinde verfiel man im WASPenland noch auf eine andere Kriegslist: Soldaten, Wissenschaftler und Wirtschaftskapitäne wurden durch kryonische Kryptobiosis konserviert für ein Leben nach der totalen Vernichtung.
"Soldaten-Tiefgefrierung! Krieger für nach dem Krieg! So gewinnen wir bestimmt!" verhießen die Prospekte der Kühltruhenfabrikanten.
Man vergaß, daß nach der totalen Vernichtung keiner mehr dasein würde, sie wieder aufzutauen.
Die virologischen Gifte des Westen sollten den Asiaten eine Lehre verpassen. Keine Große Mauer 2000, kein Raketenabwehrsystem sollte ihnen helfen können, die Viren trieben ganz einfach mit der vorherrschenden Windrichtung des Sommermonsuns vom Indischen Ozean her ins Land. Die Chinesen taten das nächstliegende. Sie evakuierten die überlebenden Bevölkerungsteile so schnell wie möglich nach Zentral- und Mittelamerika, Australien, Alaska und in die Mittelmeerregion, wo sie auch gleich als Volksmiliz im Kampfgeschehen eingesetzt wurden.
Die Japaner wurden von den Chinesen gezwungen, auch aggressiv gegen die WASPen vorzugehen. Die Kriegserklärung Japans beantworteten die WASPen mit großen Wasserstoffbomben, die sie in zehn Kilometer Tiefe im Japanischen Graben zündeten, dadurch lösten sie eine Kette von Erdbeben aus, die Japan halb ins Meer bröckeln ließ. Es war die überbevölkerte Osthälfte.
Während Europa mit all den Raketen, die die Quadrupelallianz und China besaßen, beschossen wurde und keine Erholung mehr fand, blieb dem WASPenland ein solcher Raketenbeschuß erspart. SDI, das Raketenabwehrsystem, hätte einen solchen Beschuß zur Raketenverschwendung gemacht. Ein guter Stratege verschwendete aber keine Raketen. Der Abwehrwall der WASPen hatte eine Schwäche. Diese Schwäche war unter der Erde. Die BomWü, die Bomberwürmer wühlten sich von allen Küsten her ins Land und wüteten unter der Zivilbevölkerung. Nur an den Wänden der großen Silos scheiterten sie.
Jetzt erklärten die WASPen auch noch dem Mond den Krieg. Der Mond war ihnen aus so vielerlei Gründen zum Ärgernis geworden: Einmal, weil die ehemaligen Kolonialisten das Mutterland nicht im Krieg gegen die feindliche Übermacht unterstürzten, zweitens keine Rohstoffe schickten, drittens war Ebbe und besonders die Flut wegen der leichten Kippung der tektonischen Platte von Nordamerika für die amerikanische Atlantikküste ein Problem geworden, und viertens, und das lag den WASPischen Häuptlingen besonders am Herzen, war ein feindlicher Mond bei einer Flucht ins Weltenall eine unberechenbare Gefahr.
Als die Lunauten merkten, daß den Erdlingen ein Mond, der über ihnen friedlich am Himmel zog wie zu Großvaters Zeiten, ein Ärgernis war, und einsahen, daß man ihnen hier unten auf dem Mond ihren Frieden nicht länger gönnte, entschieden sie sich zu handeln: Der Geier hatte lange genug gegiert, es war Zeit zuzugreifen.
WASPische Militärberater hatten behauptet, daß die Mondkolonien hoch verwundbar seien; eine einzige Brandbomde könne, wenn sie die Außenhaut einer Wohnsiedlung durchschlug, der ganzen Siedlung die Atemluft nehmen. Die Lunauten hatten aber ihr eigenes Raketenabwehrsystem. Es funktionierte sehr energiesparend, da die Gravitationskräfte des Mondes sehr bescheiden waren. Wenn immer die Erdlinge eine Rakete auf den Weg schickten, flog ihr vom Mond eine Hülse entgegen, die die Rakete einfing und in einem großen Kreis umlenkte, zurück zur Erde. Leider trafen die Lunauten dabei manchmal von der Quadrupelallianz kontrollierte Gebiete.
Die Erdlinge verfielen jetzt auf die Idee, zwei Raketen dicht hintereinander hochzuschicken. Die erste mit einer großen Sprengladung, um die Hülle wegzusprengen, die zweiten dann, der ja nichts mehr im Weg stand, mit dem Brandsatz.
Die erste Rakete flog in die Hülse und explodierte. Es blieb den Lunauten genug Zeit auch eine Hülse auf die zweite Rakete zu schießen und sie wieder umzulenken. Die Erdlinge versuchten es dann mit noch mehr Raketen dicht hintereinander, aber die Strecke Erde-Mond war zu lang, jede Rakete wurde eingefangen und umgelenkt. Man brauchte größere und stärkere Raketen, um durchzukommen. Es eilte, schnell schweißte man in dem Gerüst eines ausgebrannten Hochhauses eine riesiglange Rakete zusammen, die noch genug Kraft haben sollte mit der lunautischen Hülse auf der Nase zum Mond zu kommen.
Die Lunauten verstanden sich als Freidenker und Freiwisser, auch wenn auf der Erde offiziell solche Leute vernichtet worden waren, insgeheim gab es noch viele von ihnen, und insgeheim arbeiteten sie für die Lunauten, das hieß sie waren Spione. Das Projekt `Durch-Schlagende-Faust' wurde auf die Art verraten. Die Lunauten richteten einen superstarken Laserstahl auf die Brennkammern der Rakete und das ganze Ding explodierte noch auf dem Erdboden. Die verbrannte Stadt, in der man es gebaut hatte, brannte ein zweites Mal.
Laserstrahlen aber, das sahen die WASPen jetzt, waren die Lösung. Mit Laserstrahlen würde man die Hüllen der Lunautenstädte zum Schmelzen bringen und ein Massensterben auf dem Mond auslösen, und dann könnte man auch die Rohstoffe des Mondes wieder ausbeuten.
Laserstrahlen und Spiegel und Gegenlaserstrahlen und Raketen und Gegenraketen. Die Lunauten wurden nervös. Laserstrahlen konnte man zwar mit Spiegeln zurückschicken, aber die Spiegel konnte man nicht so schnell bewegen wie das Spot-Light vom irdischen Laserstrahl.
Einige Siedlungen konnten die Lunauten mit Spiegeldächern schützen, aber für alle Siedlungen reichten die Spiegel nicht aus. Die Bewohner der anderen Siedlungen flohen in ihren geräumigen Camper-FOs auf die Mondrückseite. Wegen der geringen Mondanziehung benutzte die Lunauten kaum Rad-Fahrzeuge, sondern fast nur FOs =Flug-Objekte. Reiche Lunauten, wie reiche Erdbewohner auch, besaßen natürlich Space-Archen, in denen sie völlig autark leben konnten selbst im interstellaren Raum.
Wer auf dem Mond Golf spielte, dem konnte es leicht passieren, daß er seinen Ball nicht wiedersah, weil der sich auf eine Umlaufbahn um die Erde begab, ja, am Ende sogar von der Erde eingefangen wurde. Zwar würde der Golfball nicht auf einem irdischen Golfplatz noch sonst wo auf der Erde landen, sondern in großer Höhe beim Eintritt in die 80º Grad kalte Mesosphäre der Erde schmelzen, verdampfen, verglühen. Daß der Mond nicht für Ballspiele geeignet war, lag daran, daß die Schwerkraft des Mondes eine Leichtkraft war.
Die Strategen des Mondes erinnerten sich an das Computerspiel, das sie einst ihren Kindern geschenkt hatten. Das war natürlich Blödsinn gewesen, den Mond mit Düsen zu versehen und dichter an die Erde heranzufahren, um Flutwellen auszulösen und Berge in irdische Meere zu kippen. Dabei taumelte man nur selbst in den Tod. Aber was man machen konnte, war, von hier unten dem großen Bruder da oben, die gewünschten Rohstoffe über Förderbänder und Rohrleitungen gleich so als Mondstaub entgegen pusten. Die Erde würde den Dreck schon einfangen. Das gäbe Meteoritenschauer und Leuchterscheinungen am irdischen Himmel! ...und kostete nur wenig. Vielleicht würden die Erdlinge den Mond vor lauter Staub gar nicht mehr sehen können.
...und der dritte Teil des Sternenlichts verfinsterte sich mit ihm.
Der Mond schickte noch schnell seine Weltraumkreuzer zur Erde, um im irdischen Kampfgeschehen einzugreifen und die Erde für eine Kolonialisierung durch Lunauten vorzubereiten, dann verdunkelten die zurückgebliebenen Lunauten mit Staubwolken die klare Sicht zum Mond.
Auf dem Mond gab es viele Gebläse, Laufbänder und Beschleunigungsanlagen, die Staub, Sand und sogar Gestein aufwirbeln und zur Erde schicken konnten. Das irdische Laser kam nicht mehr durch. Bald wurden die Satelliten blind. Der irdische Nachthimmel flimmerte unter der Verdampfung der Meteoriten. Die Satellitenkommunikation funktionierte nicht mehr auf Erden. Gerade in Kriegszeiten so wichtig. Alle Erdlinge bekamen eine furchtbare Wut auf die Mondlinge. Das orthodoxe Rußland schickte seine Mega-Energia-III-Raketen, alle mit Mega-Wasserstoff-Bomben bestückt, sie sollten den Mond bei Neumond treffen und Richtung Sonne schubsen.
Das orthodoxe Rußland sah in den Lunauten, obwohl die sich mit den WASPen bekriegten, heimliche Verbündete des Westens. Wenn die Lunauten Atheisten waren, die Westler waren unfromm und die WASPen unkeusch.
Die Explosionen auf dem Mond waren so groß, daß große Stücke vom Mond abplatzen und der Mond eine verbeulte Form annahm. Er taumelte tatsächlich von der Erbe fort auf eine eigene Umlaufbahn um die Sonne.
...und der dritte Teil des Mondes verfinsterte sich.
Die auf dem Mond hatten sich wie gesagt mal sicher gefühlt, doch als die großen Bomben trafen, rissen die Häute der künstlichen Atmosphären, Flammen saugten gierig den Sauerstoff auf, der Rest verflüchtigte sich. 1,068 x 1011 Menschen waren mit einem Schlag tot. Das entsprach den Kriegsopfern einer ganzen Irdenwochen.
Nur etwa 100 000 Lunauten überlebten den ersten Schock der großen Explosionen und die nachfolgenden Mondbeben in ihren Camper-FOs dadurch, daß sie den Autopiloten auf eine sichere Schwebehöhe über dem festen Camping-Gelände eingestellt hatten. Ihnen war ein Tod durch Aufzehrung ihrer Vorräte gewiß.
Die oberen 10 000 entkamen in ihren Space-Archen. Ihnen stand das ganze Universum offen.
Der Mond selbst bleierte von der Erde fort. Er hatte sich schwerfällig gedreht und zeigte ihr jetzt seinen Rücken. "Die Erde ist mir zu klein und kleinlich, ich suche mir ein größeres Muttergestirn."
"Irgendwann verglüht er in der Sonne", freuten sich die irdischen Raketenschützen.
Als die lunautischen Krieger in ihren Kreuzern von der Erde aus sahen, was man ihrer Heimat angetan hatte, kannten sie keine Zurückhaltung mehr, sie regneten ABC-Bomben um sich herum, um auch die Erde unbewohnbar zu machen. Ihre Kreuzer waren so schnell und so schrecklich in ihrer Zerstörung, daß die irdischen Kriegsparteien für einen Moment ihre Auseinsetzungen vergaßen, und alle Kräfte einsetzten, um die Kreuzer der Lunauten zu vernichten.
Aber die waren überall, wo es noch etwas zu zerstören gab, die antarktischen Glashüllenstädte zerbrachen unter ihrem Ansturm ebenso wie die letzten Hochhäuser der WASPen. Und es waren ihre Super-Bomben, die die Bunker-Paläste der afrikanischen Übermenschen bloßlegten, ausgruben, ausglühten, und die Hitzewelle war so stark, daß auch die fernen Plastikbastillen der Armen unter den Strahlen schmolzen; erst als die brodelnde, überall hinfließende Plastikmasse den Siedepunkt erreichte, Gase aussand', entstand der Brand. - Und giftiger Rauch.
Die im irdischen Theater kämpfenden Raumkreuzer der Lunauten benutzten eine neuartige Antriebsart, die die Erdbewohner noch nicht beherrschten. Diese Antriebsart verlieh ihren Schiffen große Kraft und eine große Beschleunigung. Immer entkamen sie irdischen Verfolgern.
Es war im Eifer ihres Zerstörungswerkes, daß
sie den Tod fanden: Sie wollten die Erde so total vernichten...,
so total tot machen, wie es einst der Mond war vor der Besiedlung
durch Lunauten. Sie hagelten ihre großen MegaT-Bomben um sich
und vernichteten so den Feind und sich selbst völlig.
Die Erde brannte an allen Ecken. Es war der
lang erwartete Weltenbrand am Ende der Zeiten. Es brannten
atomare Feuer, es brannten chemikalische Feuer, es brannten all
die organischen Stoffe, die Sonnenenergie in sich gespeichert
hatten.
Ohne Brennbares brennt kein Feuer.
Ohne Krieger gibts keinen Krieg.
Auch die Krieger brannten. Sie waren das Ende einer Nahrungskette, an deren Anfang ne Pflanze stand, die Sonnenenergie trank, Photosynthese, Assimilation von Kohlenstoff, von Stickstoff, von Schwefel und Phosphor, Stoffwechsel der grünen Pflanzen, Stoffwechsel der fressenden Tiere, Dissimilation, Dissoziation, Dissipation, Histolyse, Verwesung, Feuer, Anorganisches.
Die Menschen kriegten, bekriegten sich, die Menschen westen, verwesten sich. Siechen und Kriechen, Toben der Kanonen.
Menschen brannten, verbrannten sich für ne große Idee und Werte, die sie hatten.
Holocaust.
Das hieß ja sogar Brandopfer.
Götter schnüffelten gerne.
Menschen opferten gerne.
Aber jede Religion, jede Idololatrie der Menschen war nur eine Idiolatrie der Betenden.
Was blieb denn da den Göttern, wenn sich ihre Anbeter alle geopfert hatte?
Wieder Idiolatrie? - Um das zu glauben, müßte man religiös sein.
Wenn nichts sich selbst anbetet, betet es nichts an. Es könnte sich genauso gut einen Fußtritt geben.
Die Idiolatrie der Götter nach dem Verscheiden der Menschen fällt aus.
Adjuna ging nun und weckte die Erzväter. Und sie fragten: "Womit ist dieser Tag anders als die Tage vorher?"
"Die Menschen bringen einander um."
"Na und, das haben wir auch schon getan."
"Aber diesmal ist es total."
"Das haben wir auch schon so gehalten."
"Es wird keiner am Leben bleiben."
"Hauptsache die Feinde Gottes sind tot."
"Alle Tempel des Herrn liegen verbrannt und zerstört."
Da zerrissen sie ihre Kleider, rauften ihre Haare und weinten und schrien sie: "Nun hat der Herr keine Stätte mehr auf Erden!"
Das Elend der noch lebenden Menschen war groß. Nachdem der Krieg die Energiezentren, die Deuterium-Thermonuklear-Reaktoren, zerstört hatte und die Energiezufuhr stoppte, erkalteten die Biochemienahrungsbrüter und schwiegen die großen Wasserpumpen und Versorgungs- und Entsorgungsanlagen. Man sah die Leute verdreckt, sich vor Hunger den eigenen Kot in den Mund steckend, die meisten auf allen Vieren, da ihre Kraft für die schwabbeligen Bäuche nicht mehr reichte, nach einem Ausweg aus ihren unendlichen Städten suchen. Die wenigen Kriegswochen hatten aus hundert Milliarden Menschen eine Milliarde Tiere gemacht. Und die Zahl der Vertierten nahm ständig ab.
Wer jetzt noch Mensch war, der lebte irgendwo tief unten in den verborgenen Bunkerstädten der Reichen und gehörte zu den Herrenmenschen, die sich in jeder menschlichen Rasse zu Führern über ihre Mitmenschen aufgeschwungen hatten. Und Adjuna war natürlich auch noch immer Mensch, ein aufrechter Mensch, unantastbar, ungeführt.
Die meisten anderen erreichten eine immer tiefere Stufe des Nicht-Aufrechtseins. Viele formten sich jetzt, wo sie nichts mehr von ihren Führern hörten, kleine Fetische aus Dreck und Kot und beteten vor ihnen auf dem Bauch liegend um einen Erlöser.
Ein jedes Grüppchen betete nach eigener Façon um einen Erlöser. Den Bewohnern der beheizten Kuppelstädte in den extremen Polgegenden erschien der Erlöser als erster in Form von Meister Frost. Denn als die Bomben die Kuppeln wegrissen, erfroren die dortigen Bewohner sofort, denn die Plastikmoden der Städter waren nicht konzipiert, warm zu halten, sondern hatten den Vorteil die Geschlechtsteile hervorzuheben und auf Knopfdruck erogene Zonen zu stimulieren. Die Verbrennung der erfrorenen Leichen ermöglichte einigen robusteren Städtern der Eisregionen, sich noch über längere Zeit warm zu halten, bis die radioaktiven Wolken auch ihrem Welken die Erlösung brachte.
Andere hofften auf andere Erlöser.
Juden, arme, vegetierende Juden auf der Welt überall dachten, daß ihr Messias diesmal angesichts dieser großen Katastrophe ganz bestimmt kommen würde und der Bund erneuert würde und das gelobte Land in all seiner Herrlichkeit wieder hergestellt würde, und Gott keinen der feindlichen Nachbarn am Leben ließe. Während sie so träumten, rüsteten reiche Juden in ihren unterirdischen Quartieren ihre Space-Archen aus, um dem irdischen Jammertal zu entkommen. Eine neue, größere Diaspora stand ihnen bevor.
Einige von ihnen hofften vielleicht ein ganz klein' Bißchen, irgendwo im All Jahwe zu treffen oder zumindest ein neues Zion zu finden, besonders die Kinder.
Während die betenden Juden nicht recht wußten, wer ihnen als Erlöser geschickt werden würde, und ob sich ihnen nicht vielleicht doch wieder bloß ein Pseudo-Messias wie Sabbatai Zwi zur Zeit der polnischen Pogrome offenbaren würde, wußten die betenden Christen vor ihrem kleinen Kot-Kruzifixus - formbares Material war ja so rar - genau, wen sie erwarteten, nämlich wieder J. C. diesmal als Lamm-Monster wie in der Apokalypse offenbart mit sieben Hörnern und sieben Augen, die die sieben Geister Gottes waren.1
1 Offb. 5:6. Christen müßten eigentlich einen neungeteilten Gott anbeten: sieben Geister plus Vater plus Sohn macht neun, das heißt, wenn man die Geistlosigkeit nicht mitzählte - und die unehelichen Kinder aus 1 Moses 6.
Benedictus, qui venit, gepriesen sei, der da kommt!
Einige behaupteten sogar, er sei schon da, denn die Zeichen seien ja schon dagewesen: `Als es das sechste Siegel auftat, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward finster wie ein schwarzer Sack, und der Mond ward wie Blut, und die Sterne fielen auf die Erde, der Himmel entwich, alle Berge und Inseln wurden bewegt und die Könige der Erde und die Großen und Obersten und die Reichen und die Gewaltigen ... verbargen sich in den Klüften und Felsen und sprachen: Fallet über uns und verberget uns vor dem Zorn des Lammes!'1 Die armen, betenden Christen mußten, daß ihre Herren im Untergrund Unterschlupf gesucht hatten. Sie wußten auch, daß Menschen versiegelt2 worden waren und konserviert in kryonischen Kryptobiosiskammern lagen, aber die genaue Zahl wußten sie nicht.
1 Offb. 6:12-16 2 Offb. 7:4
`Der erste Engel posaunte, es ward ein Hagel und Feuer, Feuerhagel! mit Blut vermengt und fiel auf die Erde und der dritte Teil der Erde verbrannte und der dritte Teil der Bäume verbrannte und alles grüne Gras verbrannte und der dritte Teil des Meeres ward Blut ...und der dritte Teil des Mondes ...und der dritte Teil der Sterne.'
"Ich dachte immer, die Zerstörung sei perfekt, die Erde 100%ig verbrannt." - "Aber nein, sie ist doch immer noch da. Es ist nur ihre Oberfläche, die verbrannt ist." - "Und die Bäume?" - "Die haben doch immer noch ihre Wurzeln. Weißt du, wieviel Wurzel die haben?" - "Nein." - "Na siehst du. Vielleicht sind die Wurzeln das 2/3, das noch nicht verbrannt ist."
`Der Brunnen des Abgrunds tat sich auf.' "Das sind die unterirdischen Bunker!" `Es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es ward verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens.' "Ein Raketenstart!"
Und so würde die Erlösung aussehen: `Aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben, und es ward ihnen gesagt, daß sie nicht sollten Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch einem Baume, sondern allein den Menschen, die nicht haben das Siegel Gottes an der Stirn, und es ward ihnen gegeben, daß sie die Menschen nicht töteten, sondern sie quälten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie die Qual vom Skorpion, wenn er einen Menschen sticht. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sind wie gleich den Rossen, die zum Kriege gerüstet sind, und auf ihrem Haupt ist's wie Kronen, dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz; ...und hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel war wie das Rasseln der Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen, und hatte Schwänze gleich den Skorpionen, und Stacheln; und in ihren Schwänzen war ihre Macht, Schaden zu tun den Menschen fünf Monate lang...' "Jetzt erkenne ich's! Das waren die Helikopter unserer christlichen Koalition und die anderen Flugkampfmaschinen mit ihren chemischen Kampfstoffen wie das Gift der Skorpione." `Und es posaunte der sechste Engel und es wurden die vier Engel los, die gebunden waren am großen Wasserstrom Euphrat...' "Die Quadrupelallianz!" `...und sie töteten den dritten Teil der Menschheit, und die Zahl des reitenden Volkes war vieltausendmal tausend.' "Die riesigen Armeen unserer einst so übervölkerten Welt!" `...und aus ihren Mäulern ging Feuer und Rauch und Schwefel und da ward getötet der dritte Teil der Menschheit, von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihren Mäulern ging.' "Kanonen! Kanonenfeuer!" `...und die übrigen Leute taten noch nicht Buße...' "Wie tut man denn Buße? Wir haben doch so fleißig gebetet und gebeichtet." `...für die Werke ihrer Hände, daß sie nicht mehr anbeteten die bösen Geister und die goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen...' "Unser Kruzifixus ist nicht aus solchem Material." `...welche weder sehen können, und taten auch nicht Buße für ihre Morde, Zauberei, Unzucht und Dieberei.'1 "War es nicht unsere christliche Pflicht, die Ungläubigen zu töten?"
1 Offb. 9
`Da sind zwei Ölbäume und zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen, und wenn ihnen jemand will Schaden tun, so geht Feuer aus ihrem Munde und verzehrt ihre Feinde... Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, daß es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung, und haben Macht über die Wasser, sie zu wandeln in Blut und zu schlagen die Erde mit allerlei Plagen...' "Blut. Das Blut ist Öl. Blut der Erde, Öl. Die großen Ölspills."
`Und der siebte Engel posaunte. Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und die vierundzwanzig Älteresten fielen auf ihr Angesicht und beteten zu Gott: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, daß du hast an dich genommen deine Macht und herrschest! Die Völker waren zornig geworden; da ist gekommen dein Zorn und die Zeit, zu richten... und zu verderben, die die Erde verderbt haben. ...Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet und dem Mond zu ihren Füßen und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen, und sie war schwanger und schrie in Kindesnöten.'
Das elende Häufchen vor dem Kot-Kruzifixus sann nach, was dieses Zeichen wohl bedeuten könne. Ihr Leichenlagerfeuer drohte zu erlöschen. Leichen brannten ja so schlecht, wenn man nicht genug Plastikhölzer zum Untermischen hatte. Die Elenden fröstelten. Jemand flüsterte: "Vielleicht ein großer UFO?" Es war ja egal, wer die Erlösung brachte.
`...ein anderes Zeichen am Himmel: ein Drache! ...und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne hinweg. ...Und es erhob sich ein Streit im Himmel.' Streit am Himmel hatte das arme Häufchen genug gesehen. `Und er erhob sich ein Streit am Himmel: Michael und seine Engel stritten wider den Drachen. Und der Drache stritt und seine Engel und siegten nicht, auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel.' "Die atheistischen Mondkolonien!" `Und es ward gestürzt der große Drache, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er ward geworfen auf die Erde. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus. ...Darum freuet euch, ihr Himmel und die ihr darinnen wohnet! Wehe aber der Erde...'1 `...die Ernte der Erde ist reif geworden.'2
`Christus der Sieger'
`Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hieß: Treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Seine Augen sind seine Feuerflammen und auf seinem Haupte viele Kronen... Und er war angetan mit seinem Kleide, das mit Blut besprengt war, und sein Name heißt: Das Wort Gottes. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer, reiner Leinwand. Und aus seinem Munde hing ein scharfes Schwert, daß er damit die Völker erschlüge; ...'3
1 Offb. 12 2 Offb. 14:15 3 Offb 19:11-15
`Der Herr kommt'
`Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Selig sind, die ihre Kleider waschen...'
Die Elenden hatten endlich das Ende der Offenbarung erreicht. Sie schnitten sich aus einer über dem Leichenfeuer gebratenen Leiche ein Stückchen Fleisch heraus, entfernten mit dem gleichen, scharfen Gegenstand die dicke, schwarze Rußschicht und steckten sich das Stück hoc est corpus in den Mund.
Nachdem sie gegessen hatten, setzten sie ihre
Wanderung fort. Morgen abend würden sie, wenn sie noch am Leben
wären, an anderer Stelle einen neuen Kruzifixus formen und
wieder Andacht halten.
Und wie die einen die Wiederkunft Jesu Christi erwarteten, so erwarteten andere den kommenden Buddha. Auch sie hatten sich aus dem Kot, den die Zerstörung hinterlassen hatte, eine Statue geformt, sie hatte lange Ohren und saß auf einem Lotus-Luna-Thron in Meditation, - Untätigkeit. Es war eine Darstellung des Maitreyas, des kommenden Buddhas, der der Liebende war, der mit den langen Ohrläppchen, der die Welt wieder heilen würde.
Die Gläubigen wußten, er würde vom Tushita-Himmel herniedersteigen, einem Paradies nur für Bodhisattvas, also für Wesen, die im nächsten Erdenleben Buddhas werden würden und dort in Tushita auf den Tag warteten, an dem sie die Erde wieder betreten würden. Der Tushita-Himmel war noch höher als der Berg Meru. Auch Adjuna hatte dort seine Zeit vertan, bevor er von Sramania erlöst worden war.
Die Buddhisten wußten nun, daß, wenn Maitraya herniederstieg auf die Erde, er ein Neues Zeitalter inaugurieren würde, a New Age. Liebe und Brüderlichkeit. Damit es auch wirklich geschah, warf sich das kleine Häufchen Buddhisten auf den Bauch und hielt seine Handflächen aneinandergedrückt. Die Statue dagegen hatte ungerührt die Hände in den Schoß gelegt, die Finger der linken Hand bedeckten die Finger der rechten Hand, Zeigefinger und Daumen einer jeden Hand bildeten runde Öffnungen wie Brillenränder.
"Wenn er doch nur schon auf Erden wandeln würde, daß wir geheilt würden!" Wenn er auf Erden wandeln würde, dann würde er seine rechte Hand erheben in der Mudrâ des Predigers und Lehrers. Und an seinen Handflächen und Fußsohlen wären Stigmen, Wundmale wie das griechische Kreuz, geformt aus goldenen Punkten, einem golden Punkt in der Mitte als Sonnensymbol und zwölf goldenen Punkten in vier Gruppen zu je drei, so daß die Punkte zusammen die heilige Zahl dreizehn ergaben, als Symbol für die dreizehn Stufen, die zur Erleuchtung führten.
Vielleicht würde er nackt sein, als Symbol für die nackte Wirklichkeit. Vielleicht würde sein Körper blau sein, wie der alles durch dringende blaue Himmel. Oh, wie lange hatte man schon keinen blauen Himmel mehr gesehen, sondern nur schwarze Rauchwolken.
Wenn Maitreya auf Erden wandeln würde, hätte er ein goldenes Gefäß gefüllt mit der Essenz der Reinheit und Heilung. Und er gösse sie aus diese Essenz auf die lebenden und toten Dinge der Welt und sie würden geheilt werden und Erlösung finden von Haß und Schmerz und Leiden. Aus seinem dritten Auge, das sich zwischen den Brauen der beiden anderen befand, strahlte Weisheit, Erkenntnis und göttliche Vision. Sein Nimbus wäre grün, seine Aura tiefblau. Er wäre die alles umarmende Buddhaessenz.1
1 Für die Beschreibung Maitreyas war mir W. Y. Evans-Wentz's `The Tibetan Book of the Great Liberation' eine Hilfe.
Auch Hindus gab es immer noch auf der ganzen Welt verstreut, obwohl ihr Mutterland zerstört war. Für sie war die buddhistische Auffassung, daß die Götter nur arme Wesen der Sangsara waren, die wie Menschen der Erlösung bedurften, eine Ketzerei. Buddha war für sie eine Inkarnation Vishnus gewesen wie Chrishna, aber Buddha hatte an keinem Krieg teilgenommen und keinem Krieger `foul play' gelehrt, um weltliche Reiche zu gewinnen, sondern er hatte gelehrt: Menschen leiden, weil sie auf Erden geboren werden, und sie werden geboren, weil sie leiden, leiden Begierde, Sehnsucht, Bindung an weltliche Dinge. Des Menschen Bereicherungssucht und seine anderen Süchte machen sein Leben zur Qual und zur Gier. Am Ende stirbt er. Aber der Tod bringt ihm keine wirkliche Erleichterung von seiner Qual und Gier. Er giert weiter eine Sehnsucht nach weltlichem Dasein, wo all der vermeintliche Reichtum zu finden ist. Den wirklichen Reichtum der Welt aber zerstört er in seiner Gier im Kriegen und Bekriegen.
Buddha lehrte, daß es notwendig war, sich von allen Bindungen ans Dasein zu lösen, die Begierde zu zerstören, um das Rad der Geburten anzuhalten. Buddha lehrte viele Jahre und viele hörten ihm zu und viele erreichte er mit seiner Lehre. Doch was er geben konnte, war nur ein Tropfen in das unendlich großen Meer der Menschheit, das gepeitscht wurde von den Miseren der Kali-Yuga.
Viele gute Menschen betraten die Welt seit Buddha, aber ihr Einfluß war noch geringer, das Böse mehrte sich, Gier und Qual nahmen zu. Doch wenn die Scheußlichkeiten ihren Höhepunkt erreicht hatten, die Kali-Yuga an ihrem Nadir angelangt war, dann würde Vishnu in seiner sattvischen Form als Kalki vom Zenit herniederreiten. Sein Köcher wäre unerschöpflich, sein Schwert würde auf einen bloßen Wink hin aus der Scheide schnellen und sich in tausend scharfe Waffen auffächern und ganze Armeen niedermachen, sein Diskus würde von seinen Gedanken gesteuert in der Geschwindigkeit des Lichts die korrupten Verführer und Knechter der Menschheit köpfen. Milliardende von Mördern und Waffenträgern werden umkommen und alle Räuber und Überreiche und alle Anführer der großen Lügensysteme und alle, die ihre Nachbarn nicht in Ruhe lassen können. Er wird die Leidenden trösten, die Geschlagenen und Verwundeten heilen, die Verfolgten von ihren Verfolgern erlösen, die Wahren die Wahrheit sagen lassen, er wird die Friedliebenden, die Kriegsdienstverweigerer und die anderen Zeugen der Wahrheit, `daß du deinen Mitmenschen nicht schaden sollst', aus ihren Verliesen befreien, er wird seine schützende Hand vor die halten, die standrechtlich erschossen werden sollen, weil sie den Herren das Mordhandwerk verweigerten, er wird auch denen ihre Zunge wiedergeben, denen man sie rausgerissen hatte, damit sie nicht die Götter lästerten und den Priestern reinredeten, er würde den Fabrikanten die Schlote zuhalten, daß sie in ihrem eigenen Dreck erstickten, er würde geknechtete Völker befreien, und die Völkerknechter zu Knechten machen. Und alle Dummen und Gemeinen werden mit dem Untergang der Kali-Yuga verschwinden.
Und die neue Yuga, deren Vorreiter Kalki sein wird, wird unter dem Licht der Wahrheit stehen. Die neue Menschheit wird edel, stark und intelligent sein. Sie wird in Frieden, Wohlstand und Schönheit leben. Das Wissen wird groß sein. Und es wird gutes Wissen sein, nicht das Wissen der Kali-Yuga, das das Wissen der Vernichtung und Übervorteilung war, sondern das Wissen der Heilung. Und ein jeder Mensch wird ein langes, erfülltes Leben haben, frei von Krankheit und Schmerz und Häßlichkeit. Und nach diesem einen langen Leben wird er Erlösung finden und nicht mehr sein, nie wieder.
Dieser Traum der Menschen erfüllte sich aber nicht. Das wirkliche Ende kam immer näher und mit immer mehr Häßlichkeit und Schmerz und Brutalität. Erlöser gab es nicht.
Es gab nur Adjuna den Atheisten. Er hatte nicht die Fähigkeiten eines Kalkis gehabt, er hatte das Zerstörungswerk nicht verhindern können. `Unfruchtbar sind des Menschen Pläne', hatte Vyasa einst gesagt, `selbst seine gut durchdachten, gut gemeinten, weisen, ohne des Schicksals Hilfe; wenn das Schicksal gegen einen ist, ist selbst Weisheit machtlos; doch ist das Schicksal ihm freundlich gesonnen, gereichen ihm selbst Narrheiten zum Vorteil.'
Seine Narrheit gereichte dem Menschen nicht zum Vorteil, und sein Schicksal hatten die falschen Leute zu seinem Nachteil in die Hand genommen. Jetzt jammerten die Überlebenden.
Adjuna traf ein paar kretine Vierbeiner, die niedergesunkenen Menschen ähnelten. Sie krochen aus der riesigen Ruinenlandschaft einer der früheren Stadtschaften hervor in eine schwarze Rußwüste und klagenden: "Selig sind die Toten!1" und "Johannes hat recht gehabt: In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren zu sterben und der Tod wird vor ihnen fliehen. Uäääh!" Adjuna wurde ihnen zum Erlöser. Er stach sie ab. Er wollte die Unehrlichen nicht am Leben lassen, denn in Wirklichkeit suchten sie nicht den Tod, den gab es überall kostenlos, sondern was sie suchten, war etwas zu fressen.
1 Offb. 14:13
ENDE: Dies irae, Tag des Zorns, Nadir der Kali-Yuga, der Tag, an dem die Menschen von allen Göttern verlassen waren, und sich ihnen doch so nah fühlten, Apokalypse, atomarer Holocaust, Kataklysmus.
ENDE: Dies irae. Wie der Zerstörer der Welten in die Hirne der Kauravas gestiegen war und diese dann ihren eigenen Untergang gesucht hatten, so war der Weltenzerstörer in die Hirne des modernen Menschen, des selbst ernannten homo sapiens sapiens gestiegen und die Oberschlauen hatten es zugelassen.
Und der Echtmensch oder Jetztmensch, wie er sich auch mal genannt hatte, war der Letztmensch geworden, der letzte Mensch.
ENDE: Dies irae. Leichenberge. Die gläubige Menschheit hatte ihre apokalypischen Visionen verwirklicht.
ENDE: Dies irae. Selbst Zwillinge, die die Welt hintereinander aus dem Geburtskanal heraus betreten hatten, verließen am diesen Tag zur gleichen Sekunde, dem gleichen Bruchteil einer Sekunde die Welt wieder. Der Tod riß sie gleichzeitig fort.
ENDE: Menschheit für zu dumm befunden und aussortiert.
ENDE: Wie der Einhodige schon gewußt hatte, so hatten die Herrscher der Welt erkannt, daß das Beste, was man mit Menschen machen konnte, war sie in den Tod zu schicken.
Ideologien hatten versagt, sie hatten zu wenig Überzeugungskraft besessen, nur die Religionen hatten es geschafft, mit ihnen hatten sich die Völker gerne in den Tod schicken lassen. Wie gut, daß es Frömmigkeit gegeben hatte! Wer weiß, zu was für einem elenden Wurm der Mensch sonst degeneriert wäre! War er doch schon als Zweibeiner Dei gratia degoutant genug gewesen.
ENDE: Mutter Erde stand einst verzweifelt vor den Göttern, und sie bat, von den Kshatriyas, die ihr große Pein bereiteten, befreit zu werden. Darauf stieg einer der Götter herab und verwirrte die Sinne der Kshatriyas, daß sie sich töteten in einem mörderischen Kampf.
Mutter Erde war damals zufrieden gewesen, nur an der Grasnarbe des Kurukshetra-Schlachtfeldes hatte sie kurz leichte Schmerzen verspürt, aber danach hatte sie sich erleichtert gefühlt.
Jahrtausende später stand sie wieder vor den Göttern, geschwächert und geschunden mehr denn je, diesmal waren nicht nur die Krieger, sondern alle Menschen zur Seuche geworden. Sie bat wieder um Erleichterung. Und die Götter setzten wieder ihr alt bewährtes Rezept an und verwirrten die Menschen und führten sie in den Krieg. `Gott mit uns' brüllend vernichtete die Seuche sich selbst.
Mutter Erde tat diesmal mehr als nur die Grasnarbe weh, ihre eigenen Sinne wurden verwirrt und sie erkannte nicht, daß sie sich mit ihrer Bitte, von den Menschen befreit zu werden, ihr eigenes Grab gegraben hatte.
Mutter Erde, das war die Biosphäre gewesen, die alle beherbergt hatte. Ein toter Planet war keine Mutter Erde, sondern herzlos, und wenn wirklich noch ein paar Bodenbakterien vorhanden waren, dann war das trotzdem nicht mehr die alte Mutter Erde, die da lebte, sondern eine neue Baby-Erde, die eine neue Zukunft vor sich hatte, Evolutionen, Devolutionen, Irrsinnigkeiten, die aber auch nur älter werden würde, wenn es ihr gelänge, sich der aggressiven Strahlung der Sonne zu widersetzen.
ENDE: Leichenberge. Adjuna bahnte sich einen Weg. Was für elende Menschenwürmer, -würmerleichen bildeten hier an der alten Müllkipplandschaft doch die Barriere. Die Plastikkleidung war ihnen abgesplittert. Nackt lagen sie da. Adjuna ekelte sich vor ihnen. Er packte sie bei den Schwänzen und warf sie zur Seite. Wie den Katzen die Schwänze verkümmert waren, so waren diesen Menschen kleine, knotenartige, häßliche Schwanzstummel gewachsen.
Adjuna fluchte: Schwächliche Idioten führten Krieg und die Feuermaschinen kämpften für sie, ihre Arme waren so kümmerlich, daß sie nicht einmal eine Streitaxt hätten halten können. Hätte ihr krankes Gehirn ihnen nicht die Ungeheuermaschinen erfunden, wären sie hilflose Nichtse; die Helden der Kurukshetra-Schlacht hätten sie wie Ungeziefer auf dem Boden zertreten; aber jene großen Helden sind schon lange tot, sie betrieben die Selbstvernichtung genauso gründlich, wie dieses Ungeziefer die Ungeziefervernichtung betrieb. Dieses Ungeziefer hatte keine großen Muskeln und auch keinen großen Verstand, aber es besaß ein großes Feuerwerk und einen großen Feuerzauber. Sie hatten ihr großes Feuerfest, aber sie waren selbst nicht feuerfest und auch keine Leuchten. Das einzige, was bei ihnen leuchtete, war ein himmelhoher Pilz, das Symbol ihrer Vernichtung, ihr neues Wappenzeichen, das den stolzen Adler der früheren Zeit von ihren Schilden verdrängt hatte. Doch sonst waren sie Dunkle, dem Mittelalter verwandt, im Innern pechschwarz.
ENDE: Die andere Behauptung vom Ende: Supersaurier, Hochhäuser, Großhirnwesen alles Hochleistungen, die nicht lange zu halten waren. Mittelmaß wäre beständiger gewesen. Doch weder die Akteure noch das Pöblikum der Weltgeschichte wußten es. Nietzsche: Steige nicht zu hoch hinauf, am schönsten sieht die Welt aus halber Höhe aus.
ENDE: Zwar hatten die Lebewesen immer wieder durch Variationen ihr Überleben auch unter ungünstigen Bedingungen gesichert, indem sie immer einige Wenige aus ihrer Gruppe mit besonderen Widerständen und Fähigkeiten ausrüsteten, selbst die schlimmsten Umweltkatastrophen und Seuchen und Feinde überlebte man so, und selbst gegen den AIDS-Virus waren einige immun, zwar waren auch einige Menschen gegen Nationalismus, Militarismus und Religion immun gewesen und hätten den Menschen lieber leben statt sterben sehen, diese wenigen hatten keine Chance gehabt gegen eine unvariable Übermacht.
ENDE: Und dann war da noch der Sternenhimmel, nachdem der Rauch abgezogen war; der Sternenhimmel war über der Leichenlandschaft, genauso wie er einst über den Menschen gewesen war; natürlich war er genauso wenig über den Menschen gewesen, wie die Sonne ihnen morgens auf- und abends untergegangen war, statt daß die Erde sich um sich selbst geeiert hatte. Der Sternenhimmel war nicht über einem gewesen und man nicht unter ihm gewesen, sondern mitten drin auf einem Außenkrümel eines Sterns, aber das neue Wissen und die alten Irrtümer und Lügen hatten nebeneinander existiert, Doppeldenk, Zwiespältigkeit, Schizophrenie. Wie der Neo cortex mit dem alten Reptilienhirn zusammenhing, so hingen die alten Lügen bis zu den letzten Tagen an einer hochmodernen Menschheit, alte Lügen, uralte Lügen von Gott und Göttern noch und nöcher, von heiligen Vermächtnissen und von unbefleckten Empfängnissen: `Ins Ohr durch den Gehörgang ins Gehirn - und doch voll daneben!' Unwissen; alte Lügen vom Auserwähltsein, von Untermenschen - immer die anderen, von der Erlösung - immer die eigene, von der Vergebung der Sünden - hauptsächlich der eigenen und immer möglichst spät im Leben oder nach dem Tode, wenn man mit dem Sünden fertig gewesen war, und dann hatte sich auch immer noch der Glaube an die Unsterblichkeit erhalten; wahrscheinlich war es gerade dieser Glaube, daß man gar nicht richtig totzukriegen sei, gewesen, der den Druck auf die Auslöser aller Mordmaschinen erleichtert hatte, die Auslöser der Lebensauslöscher.
Am Ende hatte man seinen Irrsinn mit der Auslöschung bezahlt.
Eine wüste, öde Landschaft lag jetzt vor einem. Und Adjuna hätte eigentlich die Hebamme einer neuen Zeit sein sollen, einer neuen, besseren Zeit, toleranter und vernünftiger als die Zeit seiner Zeit. Jeder einzelne Mensch hätte sich eigentlich eine solche Sache zur Aufgabe machen sollen.
Adjuna hockte an einem schmutzigen Teich. Die Landschaft rundherum war samtschwarz von Ruß. Die Leichenberge und geschmolzenen Plastikmassen in der Ferne türmten sich auf wie Gebirge. Der Himmel war irgendwie schwarz, obwohl er Licht durchließ.
Adjuna sammelte Bruchstücke von einem zerstörten Tempel und fügte alte Weisheitstafeln zusammen. Die erste der alten Brahmi-Inschriften, die er fertig hatte, lautete: `Weide Dich nicht am Tod und Unglück Deiner Feinde, protze nicht, selbst wenn Du Indra an Größe gleichst!'
Die zweite Inschrift lautete: `Stroh schwimmt auf dem Wasser, doch der Edelstein, der versinkt. Der Narr preist sich und seine Orden, der Weise hält seine Weisheit verborgen.' "Das ist nun nicht gerade weise", protestierte Adjuna, aber es war keiner mehr da, der ihn hörte, "wenn der Weise seine Weisheit verbirgt, ist er in größerer Gefahr an der allgemeinen Dummheit mitzusterben."
Der dritte der in Brahmischrift geschriebenen Texte lautete: `Obwohl viele Sterne am Himmel stehen und der Mond, wenn die Sonne sinkt, wird es Nacht. Strebe im Leben danach, eine Sonne zu sein. Obwohl des Nachts Mond und Sterne grell scheinen, und Narren schrill schreien, wenn die weise Sonne aufgeht, müssen sie schweigen.' "Was hatte der Autor dieser Zeilen für eine Ahnung! In der Zeit, die ich erlebt hatte, kannte kein Narr Hemmungen, auch angesichts der Weisheit seinen dummen Mund aufzumachen."
Die vierte der Inschiften war neueren Datums und in Devanagari-Schrift geschrieben. Sie lautete: `Die Narren sind wie Kräuselungen auf Wasser. Was immer sie tun, ist schnell verlöscht. Die Gerechten dagegen sind wie Gravierungen in Stein. Selbst ihre kleinste Tat ist von Dauer.'
Und Adjuna reflektierte: "Die Narren waren wie Kräuselungen auf dem Wasser, was immer sie taten, war schnell vertan, die Großen dagegen waren wie Gravierungen in Stein, selbst ihre kleinsten Taten waren von Dauer. Aber sie warfen ihre Steine ins Wasser, und da waren sie beide nicht mehr, die gravierten Steine und die Kräuselungen."
Er warf die Bruchstücke in den Teich. Es
plätscherte. Er stand auf, wischte seine Hände an den behaarten
Beinen ab und ging.
Nach dem Dies irae öffenten sich die Siegel und die Brunnen des Abgrunds taten sich auf, Rauch und Feuer stieg auf und die Triebwerke dröhnten und die gigantischen Space Archen schwebten heraus.
Wer geht denn da so leise auf die Reise?
Ach, es sind die Mächtigen, Giganten und Weisen!
Es waren die gigantischen Archen der Megamenschen, der Päpste, Zaren und Cäsaren, der Industrie- und Ökonomieführer, der Multimillionäre und -billionäre, der großen Genies der Militärwissenschaften, der Politwissenschaften und sogar welche der Naturwissenschaften, die jetzt von der Erde fortschwebten.
Es mochten wohl ungef hr 144 000 gewesen sein, die sich so retteten, wie in alten Bestsellern vorausgesagt - doch vor Gott erschienen sie nie.
Space-Archen
`Space-Archen! Space-Archen!' so hatten einst die Space-Archen-Anbieter ihr Produkt angeboten: `Gehören auch Sie zu den großen, gigantischen Männern und Frauen unserer Zeit, die den totalen Krieg der Zukunft, der vielleicht sehr nahen Zukunft, überleben wollen?' -
`Denken Sie an Ihre Familie!' - `Space-Archen in Ökonomieausführung für den kleinen Multi und in Luxus- für den großen, und gigantische Archen für die Giganten unserer großartigen, modernen Zeit! Alle mit eigenem SDI! Gigantische Archen mit eigener Waffenschmiede! Gigantische Archen mit Biochemo-Food-Provider, mit Bar und Konferenzräumen, mit Saunen, Solarien und Sexarien, mit Autopilot, Meteoriten-Finder, Kollisions-Avoider, mit entfaltbaren Hallen, Gärten, Parks, Zoo... you name it, we provide it.
`Per aspera ad astra? - nein, unsere Archen tragen Sie in Bequemlichkeit über das schwarze Meer zu anderen Welten.'
`Besser und schöner als Noahs Arche, sogar sehr komfortable', hatte es in einer Werbebroschüre geheißen.
Ein (gekaufter) Wissenschaftler lobte gar: `Innen ist's schöner als auf der Erde.'
Ja, die Anschaffung hatte sich gelohnt, meinte manch ein Multi nach dem geglückten Entkommen.
Ja, das Happy End war nicht perfekt, einige Menschen hatten den Weltuntergang in unterirdischen Bunkern unbeschadet überlebt. Und da sie sich so rechtzeitig wie Noah auf die Sintflut auf einen totalen Krieg vorbereitet hatte, hatten sie jetzt, wo die Erde nicht mehr bewohnbar war, All-Archen, um zu entkommen.
Und was für verschiedene Leute da waren, die rechtzeitig der warnenden Stimme nicht von Noahs Gott, sondern der Werbung folgegeleistet hatten! Es waren keine Einzelgänger wie Noah, sondern alles Leute, die mit beiden Beinen in der Welt gestanden hatten: Politiker, die angeblich immer nur das Wohl des Volkes im Auge gehabt hatten, Religionsführer, deren Welt sowieso nicht von dieser Welt gewesen war, Generäle, die versprochen hatten, mit ihren Soldaten zu fallen, aber auch Kaufleute, die eigentlich nur friedlich Handel betreiben wollten, und die selbst ihre Archen voll Waren gestopft hatten, und Wissenschaftler, die nur das pure Wissen interessierte, und die sich schon auf die ungestörte Forschungsarbeit in der Freiheit des eigenen Raumschiffs freuten ohne Ethik-Kommissionen, Pfaffengequake und Politikerblabla. Da es in den Raum-Archen sowieso nicht mehr viel mit Spaziergängen oder sonst wie groß mit Bewegung was werden konnte, hatten einige Wissenschaftler ihren Kopf bzw. ihr bloßes Gehirn an Versorgungmaschinen angeschlossen und sich so zu nahezu unsterblichen Gehirnen gemacht, die für alle Zeit weiterforschen konnten und ihr Wissen nicht verloren.
Der Papst dagegen hatte seine Arche mit Reliquien beladen und belastet, behütet und bemächtigt. Er wollte per aspera ad astra die Erde verlassen, da Bequemlichkeit eine Sünde war. Die Zentrifugalrotatoren seines Raumschiffs waren besonders stark eingestellt, so daß die Zentrifugalkräfte noch die irdische Schwerkraft überstiegen und beim Beten die Knie ordentlich weh taten. Die Inneneinrichtung des Mittelschiffs war der Großen Kirche nachempfunden, inclusive Buntglasfenster. Die Fensterläden wollte man allerdings erst nach Passieren des Meteoritengürtels öffnen wegen der Steine, der Himmelssteine. Vielleicht warf ihnen ein Engel mit einem B davor die Scheiben ein.
Neben der zölibateren Priesterschar hatte man deren Haushälterinnen dabei und ein Paar Mönche und ein Paar Nonnen, frei nach Noah.
Einige nicht so glaubensfeste Leute hatten ihre Bedenken, als sie sahen, wie der Papst seine Rakete bestieg, schließlich hieß es doch bei Johannes 3:13: `Niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel hernieder gekommen ist.'
Einer der Kirchenfeinde und ewigen Nörgler an biblischer Wahrheit stürzte sich auch gleich, als er den Aufstieg des Papstes sah, darauf wie auf ein gefundenes Fressen: `...womit bewiesen ist, daß die Bibel irrt, denn die Menschen, die jetzt gen Himmel fliehen, wurden auf der Erde geboren.' Ein Frommer, der nichts anderes kannte als seinen Papst, antwortete: `Nein, mit Hilfe der Bibel können wir jetzt beweisen, daß der Papst göttlich ist und vom Himmel.' `Und was war mit den anderen Geldsäcken?'
Es war der gleiche Fromme, der hier keine Antwort mehr wußte, der später den Chor der Jammernden, die keine Arche hatten und nicht mitgenommen worden waren, anführte: Eli, Eli lama asabthani? Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Diesmal bekam er keine Antwort.
Derweilen an Bord der päpstlichen Arche:
Geschlechtsverkehr wurde an Bord der päpstlichen Archen zur heiligen Pflicht, damit der katholische Glaube nicht ausstürbe, jedoch weder das Mönchpärchen noch das Nonnenpärchen warfen je Junge, die Priesterhaushälterinnenpärchen hatten jedoch überreichen Erfolg. Der Papst segnete jeden, bekam aber schon bald Platzangst. Sollte er die Abtreibung vielleicht zu einem heiligen Sakrament erheben oder zumindest die Opferung der Erstgeburten wie im Alten Testament gefordert? Er entschied sich aber dann abzuwarten. Die Zuvielen sollten, wenn sie groß waren, als Missionare auf andere Archen geschickt werden oder zu neu entdeckten Planeten mit `intelligentem' Leben.
Auch fromme Juden stiegen auf, unter ihnen auch Ahasver, in Archen voll ausgerüstet mit Synagoge und neuer, blitzeblanker Bundeslade; das Schiff hieß Neues Zion, der Weg wie immer Diaspora.
Selbst einem amerikanischen Indianerstamm war es gelungen, mit Spielgeldern aus stammeseigenen Kasinos eine Arche zu erwerben. Der Häuptling hatte die Arche auf den Namen Peace-Coyote getauft. Er hatte sich auch vorgenommen, sein Eigentum diesmal hundertprozentig waspenfrei zu halten, nie wieder von Weißen betreten zu lassen.
Jemand, nämlich der verwöhnte Sohn eines Superreichen, der hatte seine Öko-Arche Shangri-La getauft, er dachte beim Abschied von der Erde: Die Erde ist verdorben und die noch lebenden Menschen verlassen sie auf Raumschiffen für immer. Irgendwo im Weltenraum wird man landen, tanken, Rohstoffe ausbeuten und vielleicht die Bewohner, man wird kolonialisieren und ruinieren. Der Mensch wird seinen Vernichtungskrieg in den Raum tragen, er wird zum Sternezerstörer werden, vielleicht wird er irgendwann auch einmal endlich geschwächt sein, vielleicht vermischt er sich auch da oben irgendwo mit Göttern, Halbgöttern und Überwesen, denen Streit, Haß und Krieg fremd ist und alles nimmt ein gutes Ende.
Dagegen dachte einer der großen Feldherren der letzten Schlacht beim Besteigen seiner wohl gerüsteten Space-Arche: Scheißwelt! (Er war unzufrieden, denn er hatte während seines Erdenlebens nicht geschafft, was er sich vorgenommen hatte.) Scheißwelt! Ich hab sie nie gemocht. Was ihr jetzt am Ende noch fehlte, wäre eine frische Brise Sarin.1 Dann verschloß er die Tür seiner Space-Arche und machte sich auf den Weg zu neuen Abenteuern.
1 Die Idee die Menschheit mit Sarin zu vergiften, geht zurück auf Shoko Asahara, einem japanischen Sektenführer, der in seiner Kindheit eine so überlegende Rolle als Trübsichtiger unter lauter Blinden gelebt hatte, daß er sich entschied, als Erwachsener ein Sehender zu werden, ein Erleuchteter, Buddha inkarniert. In der Erleuchtung kam dann die Erkenntnis, die Erkenntnis aller großen Führerpersönlichkeiten - einige Führer brauchten nicht einmal extra die Erleuchtung dazu, daß das Beste, was man mit Menschen machen konnte, war, sie umzubringen. (Ende der Fußnote)
Es war abzusehen, daß die verschiedenen Gruppen, die da die Erde in Archen verließen, die Saat bildeten für neue Völker, die in der Galaxis umherziehend, wenn immer sie sich begegneten, sich bekriegen würden - wegen ihrer Verschiedenartigkeit, wegen ihrer Intoleranz gegen das Andersgeartete.
Einige der Space-Archen begegneten irgendwann auf ihrer Reise dem Mond. Sie stellten erstaunt fest, daß der Mond auf dem Rückweg zur Erde war. Der Schubs, den man ihm verpaßt hatte, schien nicht stark genug gewesen zu sein, vielleicht war seine Sehnsucht nach der Erde größer, als die Wissenschaftler einst berechnet hatten, vielleicht stimmten auch andere Daten nicht.
Die Archenauten fragten sich: Ob er wohl, was von der Erde noch übrig ist, zertrümmert wird? Oder ob er wieder als Trabant um sie herumziehen wird?
Die Frage blieb offen.
Die Erde brauchte auch weder einen Zusammenstoß mit dem Mond noch eine frische Brise Sarin, um endgültig unbewohnbar zu werden. Sie welkte von selbst dahin, verwelkte.
Adjuna wanderte über eine rußschwarze Erde unter Rauch verhangenem Himmel. Tote Welt, tote Materie, dachte er, einst bestand alles Leben aus diesen toten Elementen. Aus Atomen, die eigentlich riesige Nichtse waren mit einem unendlich winzigkleinen Kern um den noch unendlich winzigkleinere Elektronen kreisten, und ab und zu von einer Bahn zur anderen hüpften, und zwar spurlos, ohne den Zwischenraum zwischen den Bahnen zu durchqueren, und was noch schlimmer war, scheinbar grundlos.
Grundlosigkeit und Leere war alles, was es je gegeben hatte, wenn man genauer hinschaute.
Der schwarze Erdboden unter Adjunas Füßen öffente sich und er fiel ins Leere. Er erschrak wie ein Schlafender, der seine Beine ausstreckte und wegen des mangelnden Kontrakts unter den Fußsohlen den Alptraum des ewigen Falls erlitt. Aber Adjuna wurde nicht wach.
Er war wach. Und er dachte schon, es ginge abermals in die Unterwelt. Aber es war nur eines der Raketensilos.
Nachdem er sich gefangen hatte, glitt er vorsichtig tiefer, und während er glitt, rief er: "Heh, nicht starten!"
Heiße Dämpfe nahmen ihm den Atem.
Tatsächlich wurde er bemerkt. Ein freundlicher Inder, der mit seiner gesamten Verwandtschaft und Dienerschaft die Erde verlassen wollte, stoppte die Startvorbereitungen, um ihm zu helfen.
Adjuna kroch aus der Röhre in die Bunkereinrichtung. Der fremde Mann reichte ihm ein Handtuch, daß er sich abwische. Dann fragte er: "Ist da oben der Krieg wirklich zu Ende? Die Satellitenbilder zeigen keine Kampfhandlungen mehr und die Radios schweigen auch."
"Es scheint alles tot zu sein. Das Leben wurde unmöglich gemacht." - "Aber du lebst." - "Niemand wird da oben noch lange leben." - "Dann komme doch mit uns."
Es war ein verlockendes Angebot. Zu leben. Aber Adjuna konnte irgendwie nicht dankbar annehmen. Er zögerte, grübelte, war unentschieden. Er hatte sich schon so viel auf der Erde herumtreiben lassen, sollte er sich jetzt auch noch außerhalb der Erde herumtreiben lassen? Er wußte es nicht recht.
Der freundliche Inder hatte Verständnis für sein Zögern. Auch er verließ die Erde nicht gern. Um Adjuna einige seiner Bedenken zu nehmen, zeigte er ihm seine Rakete. Es war Adjunas erste Begegnung mit moderner Raketentechnik. Der Inder versicherte ihm: "Das ist ein Raumschiff. Damit kann man die Erde verlassen und in den Weltenraum hinausziehen und neue Welten suchen."
"Was? So etwas nennt sich Raumschiff! Das ist ja gar nicht geräumig da drin!" Wegen der Enge verzichtete er darauf mitzufliegen. Seiner Ablehnung fügte er erklärend hinzu: "Mir war es schon auf der Erde zu eng, jedenfalls, als hier noch so viele Menschen rumliefen."
"Willst du damit sagen, daß es jetzt besser ist?"
"Nein, man hätte sich bloß nicht so
verrückt vermehren sollen."
Adjuna nahm auch Abschied von dem Inder, und über unendlich lange, tote Rolltreppen und -steige gelang er wieder auf die Erdoberfläche. Die einst so gequälte Erdoberfläche, jetzt lag sie friedlich in schwarzem Todesglanz vor ihm. Adjuna fiel kaum auf. Es war Totenfeier, Beerdigung und Trauerzeit, aber Adjuna trug keinen schwarzen Anzug. Seit er sich in Indien die Hose ausgezogen hatte, war er der totalen Nacktheit treu geblieben und als Windgekleideter herumgelaufen. Aber der Wind barg Sott und der Sott war in seine Poren gedrungen und hatte ihn geschwärzt, so daß er jetzt dem Anlaß entsprechend, wenn auch nicht gekleidet, so doch gefärbt war: tieftrauerschwarz.
Adjuna fragte sich: Wer hatte denn nun den Krieg gewonnen? Vielleicht der, der jetzt noch am Leben war? Vielleicht war in irgendeiner Ecke irgendeines der ehemaligen Riesenreiche noch Leben möglich, ein Bißchen länger möglich als wo anders. Aber waren das Sieger? - Nein, es waren Siechende. Todgeweihte. Kriechende.
Hier und da traf Adjuna noch mal Lebende, Siechende, Kriechende. Er erwürgte sie gnadevoll. Sie hatten seine große, schwarze Statur für die eines Erlösergottes gehalten und ihn um Erlösung gebeten. Er war aber nur ein Erlösermensch.
Nicht alle Lebenden erwürgte Adjuna mit bloßen Händen, manchmal nahm er auch einen Pfeil aus seinem Köcher und erschoß die Lebenden, besonders wenn sie sich nicht direkt in seiner Wegrichtung befanden oder versuchten zu entkommen, weil sie ihn für einen Alp der Blutfelder hielten. So schoß Adjuna auch einen Pfeil auf einen in Meditation sitzenden Sadhu. Der Pfeil aber traf bloß das Brustbein des Sadhus, durchschlug es aber nicht.
"Adjuna", dröhnte der Sadhu, "du hast auch schon besser geschossen. In meinem vorherigen Leben war ich ein goldener Hirsch und dein Pfeil tötete mich noch hinter einem Baum versteckt. Damals schenke ich dir noch im Sterben mein goldenes Fell. Ich sehe, du bist nackt. Hast du es verloren? Hättest du es getragen, so wäre die Weisheit des goldenen Hirsches auf dich übergegangen."
"Ich brauchte das Fell weder als Schutz vor Regen und Pfeilen noch für irgendwelche Weisheit. Ich habe meine eigene Weisheit und kann mich auch selbst beschützen. Ich gehe meinen eigenen Weg und kenne mein eigenes Streben."
"Es gibt nur ein Streben und das heißt Bewußtheit, und davon sind wir so weit wie eh und je entfernt."
Adjuna protestierte: "Von der Dunkelheit kam das Licht, vom Chaos die Ordnung, das Bewußtsein entsprang dem Unterbewußtsein, das Bekannte entrissen wir dem Unbekannten, unser Wissen der Unwissenheit. Dunkle Mächte waren schuld, daß alles wieder zurückfiel."
"Alles, alle, - ist ein Traum Brahmas.
Du und ich und der welke Halm dort,
das Würmchen, die Fliege, der Stein,
wir sind alle Schein,
nur Teil eines Träumers Bewußtsein
in eines Schöpfergottes Schläferstündlein.
Wenn man das begreift,
ist man fürs Nirvana gereift.
Ich beende meinen Gang,
doch dein Weg ist noch lang."
Der Sadhu riß den Pfeil aus seinem Brustbein und stach ihn sich in die linke Brustseite direkt zwischen die Rippen und starb.
"Der hat mir die Arbeit abgenommen."
Was wäre, wenn dieser Krieg das Leben nicht so total vernichtet hätte, - oder wenn gar kein Krieg gewesen wäre? Es wäre auch ohne Krieg zum Ende gekommen, bloß das Ende wäre weniger edel, weniger großartig gewesen. Statt eines kurzen Siechens hätten wir ein langes gehabt, ein langsameres Verenden in Gift, Dreck und Überüberbevölkerung. Die Bevölkerungsexplosion mußte ein Ende nehmen in einer Implosion, Hunger und Plagen oder thermonukleare Explosionen, Feuerfest, Atomkrieg. Die Menschheit wollte Selbstmord begehen. Selbstmördern konnte man nur gratulieren, wenn sie's geschafft hatten, und nachhelfen, wenn sie's nicht alleine schafften. Zu bedauern waren nur die armen Narren in ihren Archen.
Alles war auf Vernichtung programmiert, die Kriegsmaschinerie und die Gehirne. Warum mußte man da auf Archen entkommen?
Als der Große Krieg begann, triumphierte ich: Ah, ich habe recht gehabt!
Die so beliebte Rettung in allerletzten Minute fiel aus, sie störte nur dem Happy End der Geschichte.
Die wenigen Geretteten freilich verhinderten, daß die Story zu happy wurde.
Ich war nie ein Optimist gewesen, ich hätte wissen müssen: Selbst der Untergang würde nicht klappen.
Derweil in den Archen der Wissenschaftler und Freiwisser.
Sie waren die einzigen, die die Verantwortung eines Noahs gezeigt hatten, und die irdischen Lebensformen, wenn auch nicht als Pärchen so doch als Genmaterial, mitgenommen hatten.
Sie konstatierten, daß Gayas kybernetisches Kontrollsystem außer Kontrolle geraten war.
"All kybernetisch Kontrollsystems an Bord funktio fein."
"Rückblick: Schwarzgaya reduktio abio, toxisch, mortisch."
"Viel Spezies Extinktio ohn Genregistratio. Trauer. Wissenschaft Großverlust. Bord-Biomaterial unbalanz probabel."
"Progenitur Prognose problemisch."
"Uns Space-Arch `Klein Gaya' mehr perfekt kybernetisch Kontrollsystem als Erde, kein Kriegers, kein Unwissenschaft. Balanz Bleibpflicht an Bord. Biomaterialmangel Miniproblem. Klein aber perfekt Biovariatio möglich durch Genmanipulatio auch auf Langsicht."
"Uns Futur fein, kein Idiots zusammenleb in uns Arch."
"Uns Reise rose, Neulandsuch, Entdeck, Find, Forsch, Kolonisatio, Urbanisatio..."
"Vielleicht Nächst-Stern schon mit Kleinplanet gut klimatisch, nur nicht seh in Tele."
Nächster Stern von Sonne: Proxima Centauri, 4 Lichtjahre, aber da mensch kein Licht war, mußte er 23 Trillionen Meilen reisen.
All die irdischen Idioten mit ihren Archen
hatten den Proxima Centauri als ihr erstes Ziel ausgesucht. So
reisten sie alle, obwohl sie eigentlich einander abstoßend
fanden, fast wie ein Flottenverband in eine Richtung: Richtung
Proxima Centauri - und in neue, nachbarliche Feindschaft.
Irgendwer wird den Kampf der Archen - wenn nicht gewinnen, so ihm
doch entkommen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Adjuna setzte seine letzte Wanderung fort. Er kam an vielen Orten vorbei, die meisten öde Leichnamorte. Alle hatten sie eine lebendige Vergangenheit, meist eine absurde Vergangenheit.
Aber er kam auch an Orten vorbei, in denen noch Leben war, die also noch eine absurde Gegenwart hatten.
Adjuna hatte sie erst gar nicht erkannt, die schwarze Masse mit den kotigen Fingern. Sie schienen eine schwarze Messe zu zelebrieren: Himmelfahrt. Dazu gab es geräucherte Scheiben von menschlichen Oberschenkeln und Bizeps.
Himmelfahrt hatte für diese Gläubigen eine ganz besondere Bedeutung angenommen. Einige von ihnen hatten sie nämlich mit eigenen Augen gesehen, die Himmelfahrt.
Zuerst waren sie zwar traurig gewesen, daß der Große Gottesmann sie nicht mitgenommen hatte, und hatten gejammert wie der Erlöser am Kreuze: Eli, Eli lama asabthani? Aber dann hatten sie sich gefangen und sich als Auserwählte erkannt, denen die Pflicht zukam, den Glauben zu bewahren, bis der Große Gottesmann zurückkehre. Und so beteten sie dann gen Himmel, und sie wußten, wenn der Große Gottesmann wieder herniederschwebte, dann erfülle sich, was geschrieben stand, und das neue Millennium des Friedens beginne.
"Wir stehen hier auf geheiligtem Boden. Hier stand die Große Kirche und der Große Gottesmann weilte in ihr. Hier wurde der Anti-Christ geschlagen. - Von hier aus", verbesserte sich der Prediger, "wurde der Anti-Christ geschlagen, seine mörderische Fratze wurde zerfleischt und sein seelenloser Wohnsitz ins höllische Inferno gebombt. Wir, die wir reinen Herzens sind, uns ist die Welt gegeben. Selig sind die Sanftmütigen, selig sind die Barmherzigen, selig sind die Friedfertigen."
Es lohnte sich schon wieder, ein Prediger zu sein, die anderen servierten einem die besten Stücke des Räucherschinkens. Aber nicht nur der Prediger war zufrieden, die anderen waren es auch. Sie fühlten sich als Sieger: "Der Anti-Christ war geschlagen."
"...und Idioten und Zeloten siegten", dachte Adjuna bitter. An der großen Schlüssellochform des Platzes erkannte er, wo er war, bloß, daß diesmal ein riesiges Loch in der Mitte des Platzes war, eine der berühmten Öffnungen der Raketensilos, der Luxus-Archen-Raketen-Silos.
So, dachte Adjuna, das Prunkmännchen war also auch beim Weltuntergang in einer fliegenden Arche geflüchtet. - Und trägt jetzt seinen Wahnsinn mit sich ins All, in ein All, das es nach Ansicht seiner Vorgänger nicht einmal geben durfte. Wer das Gegenteil behauptete, wurde verfolgt, gefoltert und ermordet.
Adjuna legte seinen Bogen an und tötete die siegreichen Besieger des Anti-Christen auf Erden. "Damit die chiliastischen Visionen länger als tausend Jahre halten."
Adjuna wanderte noch lange durch tote Industrielandschaften und abgestorbene Agralandschaften. Dann kam er an das austrocknende Mittellandmeer. Hier traf er wieder ein paar Überlebende. Sie hatten die Invasion der Südvölker gesehen. Sie hatten sich gewehrt. Sie hatten anfangs gesiegt. Dann war der Tod aus der Luft gekommen und sie hatten verloren, wie sie meinten, aber sie ahnten, daß die anderen auch verloren hatten. Jetzt ernährten sie sich unter einem Himmel, der keine neue Vegetation zuließ, von getrockneten Algen und Fischen. Während das Meer immer weiter verdunstete, gab es immer wieder neue Nahrung frei. Mit Graus erwarteten diese Menschen den Tag, an dem das Meer ganz ausgetrocknet war und ihnen nichts mehr frei gab.
Diesem kleinen Grüppchen der letzten Überlebenden einer alten Kulturlandschaft war ein Gedanke gekommen, ein später Gedanke, ein zu später Gedanke. Er lautete: Wir hätten uns nicht wehren sollen.
Adjuna tötete auch sie.
Adjuna wanderte noch Jahrzehnte über verbrannte Erde, Ruß und Asche, im Dämmerlicht einer rotrauchigen Sonne. Er suchte vergeblich nach weiteren Überlebenden. Er dachte schon: Das Happy End war wahr geworden: Alle tot. Da traf er in einem geschützten Tal noch lebende Menschen, die sich aus einem Bunker mit Biochemie-Anlagen ernährten.
Adjuna schlich sich heran. Er wollte sehen: Wie lebten sie? Sollte er sie auch töten? Er hatte schon solange keinen mehr getötet, einfach, weil keiner mehr da gewesen war. Sollte es vielleicht in diesem Tal die Saat für eine neue Menschheit geben? Eine Menschheit frei von Aberglauben und Unsinn? Menschen, die die Wirklichkeit sahen und keine Gespenster und spukigen Gestalten?
Seine Hoffnungen zerstoben schnell. Es war nur zu offensichtlich. Die Ausnahmemenschen, die es verdient hätten, zu überleben, waren eine zu seltene Ausnahme gewesen, um zu überleben. Und die, die von den Vielzuvielen überlebten, wußten nichts Besseres, als den alten Unsinn, den man ihnen mal eingebleut hatte, fortzuführen.
Auch die Menschen in diesem Tal hatten zu ihrer alten Religion zurückgefunden und lebten das Christentum. Es sollte Sonntag sein. Mit Verwunderung hörte Adjuna, daß ein Tag anders sei als der andere.
Und da es der Tag des Herrn war, war es auch hier der Tag des Priesters. Und er predigte die "Frohe Botschaft" und meinte damit nicht einmal den Untergang der korrupten Menschheit.
Und die kleine Gemeinde erhob ihre Stimme zum Gebet. Fromme Menschen beteten zum "lieben Gott", so unschuldig, wie es Milliarden fromme Menschen vor der großen Zerstörung getan hatten. Und sie beteten um Schutz, göttlichen Beistand.
Adjuna tötete auch sie.
Milliarden Menschen wurden nicht in den Tod getrieben, damit solches Gesindel weiterlebt. Der Untergang soll total sein, die Menschheit ein für alle mal ausgerottet. Es sei denn, es gäbe jemanden, der frei von Irrtümern und Haß und Wahn und Liebe ist. So aber ist niemand, nicht einmal ich.
Adjuna wanderte wieder weiter und wanderte und wanderte und begegnete wieder niemandem.
Irgendwann kam er an eine ruinierte Stadt, deren Ruinen zum Teil von rotem Sand begraben waren. Hier traf er jetzt schon auf so etwas, wie die zweite Generation der Überlebenden, verkrüppelte Unmenschen, kongenital schwer Geschädigte. Sie freuten sich, Adjuna zu sehen. Nicht, daß sie ihn kannten, oder erkannten. Sie freuten sich, einen gesunden Menschen zu sehen. "Sieh, was der Krieg hier in der Gegend übriggelassen hat, entstellte und behinderte Menschen wie wir. Du bist gesund. Du bist groß und stark. Mach Du unseren Frauen Kinder, daß eine neue Menschheit entsteht. Wenn Du ihnen Kinder machst, dann werden wohl die Hälfte der Kinder schön wie Du werden. Die, die dann immer noch behindert sind, werden wir dann gleich nach der Geburt töten. Das werden wir immer so halten, daß, wenn wir verkrüppelte Unmenschen einmal als Großeltern das Zeitliche segnen, nur heroische Menschen Deiner Art am Leben sind."
"Menschen sind immer Unmenschen.1 Zuviel Feindschaft und Widerspruch ist in mir. Von mir könnt ihr keine genetische Erneuerung erfahren."
1 Karlheinz Deschner: "Pleonasmus: Unmensch" aus `Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom - Aphorismen'.
"Wir haben es versucht. Aber wir haben nur Fehlgeburten und schwere Mißbildungen gehabt. Als wir Dich sahen, hatten wir Hoffnung auf eine gesunde Nachkommenschaft und eine glückliche Zukunft. Jetzt hast Du uns die Hoffnung genommen. Es wird wohl nie wieder jemand aus der schwarzen Ewigkeit zu uns kommen. Und wir müssen für immer siechen, kriechen und verfallen. Wenn Du uns nicht Hoffnung geben willst, uns nicht erlösen willst vom Fluch kongenitaler Mißbildungen, dann töte uns und erlöse uns so."
Es war nicht klar, ob es nur eine dramatische Geste sein sollte, oder ob es ernst gemeint war. Adjuna tötete sie auf jeden Fall.
Auf der anderen Seite der Stadtruine zwischen ausgelaufenen Ölfässern und Unrathaufen traf Adjuna einen uralten Mann, den Weisen aus der Mülltonne.
Seine Weisheit war: "Die Menschheit ist untergegangen. Wer noch lebt, soll leben. Allein - drei Arten von Menschen sind mir zuwider, und ich würge sie mit bloßer Hand,..." Adjuna sah auf die zittrigen Greisenhände, ob sie ihm wohl was antun könnten, "...und ich würge sie mit bloßer Hand, wenn ich ihnen begegnen sollte..."
"Warum nimmst du denn keine Waffe?" fragte Adjuna diesmal verwundert. Der Weise unterbrach seine Drohrede und sagte: "Weil ich keine habe." Dann fing der Greis wieder von vorne an: "Die Menschheit ist untergegangen. Wer noch lebt, soll leben. Allein - drei Arten von Mensch sind mir zuwider, und ich würge sie mit bloßer Hand, wenn ich ihnen begegnen sollte, als da sind: die Dummen, die Frommen und die Schmutzigen. Die Dummen sind fromm und die Frommen sind dumm, beiden fehlt das religiöse Gefühl, das das Universum umarmt. Und die Schmutzigen, das sind die Verseuchten und Süchtigen - hier war mal einer, der hat die Rauch- und Drecksüchtigen ausgepeitscht." `Das ist jetzt auch nicht mehr wichtig', dachte Adjuna. "Die Schmutzigen, das sind auch die gierigen Spießer, die Dreck scheffeln, Dreck lieben, Dreck reden und Dreck atmen, die alles zu Dreck machen, selbst die Liebe und die Natur. Auch wenn sie sich baden, waschen und schrubben und über den aschebestreuten Sadhu oder den ungekämmten Heiligen schimpfen, sie überzeugen mich nicht von ihrer Sauberkeit, eher vom Gegenteil. Dem Schmutzigen gereicht alles zum Schmutz. Mögen diese drei Menschen dahinfahren, damit sich die Geschichte nicht wiederholt."
Adjuna war seltsam gerührt. Er hatte seit des Großen Krieges keinen sauber gewaschenen Menschen mehr gesehen. Dieser Weise schien in einer seltsam fernen Vergangenheit zu leben. Erinnerungen an die Vergangenheit taten irgendwie weh.
Adjuna erwürgte den Alten.
Dann wanderte er weiter. Er wanderte und wanderte entlang am Uferstrand des ausgetrockneten Mittlandmeeres. An einer bestimmten Stelle bog er nach Süden. Er kam in eine wüste Gegend, in der noch der gelbe Sand durchschimmerte. Die Landschaft erhob sich zu Hügeln und Bergen und fiel dann wieder ab. Die Ausläufer bildeten ein Tal. In einer Hanghöhle lebte der Weise aus den Bergen, er lebte noch immer da.
Der Weise aus den Bergen sprach: "Du wunderst dich, daß ich noch am Leben bin. Ich bin die ewige Quelle der Weisheit. Wie könnte ich sterben? Natürlich habe ich den Atomkrieg überlebt. Es war von vorne herein klar, daß beim Großen Krieg nicht alle Menschen sterben würden. So mächtig waren die Menschen nicht, auch wenn sie es gerne geglaubt hätten und vielleicht auch getan hätten. Der Pöbel, die Vielzuvielen waren viel zu zahlreich, als daß man sie hätte ausrotten können. Die große Zahl enthielt unzählige Möglichkeiten. Ganz ließ sich die große Zahl nicht ausradieren." Wie manch ein Gelehrter seinen Elfenbeinturm so hatte dieser Weise sein Tal nie verlassen. "Der eine überlebt im tiefen Keller, der andere ist widerstandsfähiger als man denkt, der drittte weit weg, der vierte wird wieder wach und siecht weiter. - Allen aber ist eins gemeinsam, sie sind nicht der Ausnahmemensch, der es verdient hätte zu überleben, sondern nur vulgäre Masse, die die Größe des Ereignisses nicht fassen kann, und sich nur wieder zu den primitiven Vorstellungen der Kindheit zurückflüchtet. Also alles nur Leute, die immer wieder Leiden schaffen, anderen Leiden schaffen, anderen, die andere primitive Vorstellungen von ihrer Kindheit her mit sich herumschleppen. Und die Erlöser der Menschheit, die, die wenigstens versuchen, Erlösung zu schaffen, die werden sie auch immer wieder umbringen - als ob noch nicht genug gestorben wäre. Ach, könnte ich doch sterben und müßte nicht auch noch das kommende Leiden mitansehen und es auch noch überleben!"
Adjuna leistete auch hier Sterbehilfe.
Adjuna dachte: Das wird wohl außer mir der letzte Mensch gewesen sein, der noch am Leben war. Aber ganz sicher konnte er nicht sein. Der Weise aus den Bergen war sich so sicher gewesen, daß viele Menschen überlebt hatten. Hatte der Weise aus den Bergen mit seinem Optimismus recht gehabt, oder hatte Adjuna mit seinem Optimismus recht? Was war optimistisch, was war optimal? Konnte das Optimum etwas Relatives sein? Das Optimum war nichts Relatives. Optimismus war die Hoffnung auf das Gute, das Optimum war das Beste, das Bestmögliche, der Bestfall, wie konnte man von so einem Fall reden, wenn das Schlechte erhalten geblieben war?
Nein, die optimale Zerstörung war die totale Zerstörung war die bestmögliche Zerstörung war..., wenn nichts mehr übrigblieb.
Adjuna weinte: Oh, ihr Götter, ihr seid so groß und uns überlegen, warum habt ihr nicht eingegriffen?
Die Antwort der Götter: Es gibt zwei Möglichkeiten, groß und erhaben zu sein. Die eine ist: Man bemüht sich darum; die andere: Man erniedrigt die anderen, die mit und um einen sind. Aber wir brauchten weder das eine noch das andere zu tun. Wir sahen, daß ihr Menschen euch selbst zurückbomben würdet, in eine Vorzeit, aus der ihr so schnell nicht wieder aufsteigen würdet und uns gefährlich sein könntet. Daß ihr das Ganze im Namen nicht existierender Götter gemacht habt, hat uns köstlich amüsiert. Eure Gründlichkeit hat uns allerdings überrascht. Daß ihr euch ganz aus der Existenz bomben würdet, hat hier auf Meru niemand vorausgesehen, naja, mal sehen, was die Evolution als nächstes hervorbringt. Hoffentlich nicht wieder Wesen wie euch.
Adjuna wanderte durch die Wüste. Hier war nur wenig Ruß und viel Sand. Es gab hier auch keine Bombenkrater. Wahrscheinlich hatte es sich nicht gelohnt, Bomben in die Wüste zu werfen. Aber das Sonnenlicht hatte auch hier Schwierigkeiten durch eine schwarze Atmosphäre hindurchzuscheinen.
Adjuna war einsam. Die Welt schien keinen Wind
und keinen Regen mehr zu kennen. Regen in der Wüste war eine
Erinnerung.
Regen in der Wüste
Und wenn er kommt und sie aus ihrem Dornrößchenschlaf springt, erwacht, grünt und blüht sie, die Wüste. Und ihren wenigen Bewohnern wird sie zum Paradies.
Die Mäuse freuen sich als erstes, sie knappern am grünen Stengel und sind glücklich. Um das Glück perfekt zu machen, nähert sich der Mäuserich dem Mäuseweibchen und drei Wochen später ist man eine zehnköpfige Familie. Man kennt keine Zukunftsorgen. Die Weibchen werfen noch zwei, drei Würfe mehr, und auch die Kinder bekommen Kindeskinder, obwohl die Halme schon zäher werden und man überall Artgenossen trifft und dieses Mäuse-Knapper-Paradies sich langsam in ein Schlaraffenland für Schlangen verwandelt. Mehr und mehr schlängeln sich nun durchs Gras. Sie schnappen hier und schnappen dort. Überall finden sie leckere Mäuschen. Doch das Paradies ist nicht von Dauer.
Die Pflanzen, den letzten Tropfen aus dem Boden saugend, schaffen es gerade noch, ihre Saat zu entwickeln, bevor sie vertrocknen. Zu Staub geworden sind sie den Mäusen keine Nahrung mehr. Und das riesige Heer der Mäuse, unruhig umherlaufend auf vergeblicher Nahrungssuche, sich schnell zu Tode gelaufen hat. Bleiche Leichen in der Sonne.
Sich windend, mit dem Hungertod ringend, legen sich die Schlangen bald daneben. So ist das Leben, auch das übermütigste, es endet immer mit dem Tod.
Den Geiern, auch den blindesten, erfüllt sich noch einmal der Lebenswunsch, sie schwelgen in Überfluß, doch bald ist auch für sie Schluß. Der Nachschub fehlt.
Die Wüste ist wieder Wüste, wüst und leer. Und die Saat, die schlummert in ihr mit unglaublicher Geduld.
In der Wüste schlummert die Saat mit für Menschen unglaublicher Geduld. Sie wartet auf Regen.
Nur Regen beendet den Schlummer
und der anderen Bewohner ihren Kummer.
Regen fiel nimmer mehr.
Krieg folgte dem Frieden, wie Untergang dem Aufgang, Nichtsein dem Dasein und der Tag der Nacht. Doch das war vorbei. Jetzt folgte niemand niemandem und nichts nichts.
Die Menschen hatte alles getan, damit alte Offenbarungen Wahrheit geworden waren. Das Sternenlicht war verlöscht.
Adjuna malte ein taoistisches Yin-Yang-Symbol in den dreckigen Sand, um in der Gleichförmigkeit eine Form zu haben. Nicht das Weibliche ohne das Männliche, nicht das Weiche ohne das Harte, kein Gut ohne Böse, kein Leben ohne Tod. Jetzt gab es Tod überall und kein Leben, Einseitigkeit und keine Vielfalt. Die Riten, Ragen und Rigorismen des Radikalismus hatten gesiegt: Ragnarök. "Es mußte so kommen. Ich habe nichts anderes erwartet", dachte Adjuna, "ich habe recht gehabt. - Mit meinen Erwartungen." Er dachte es, ohne zu triumphieren.
Andere hätten eine andere Reise gemacht - auf der gleichen Welt. Sie hätten die Umgebung nicht erkannt, weil sie immer in die schöne Richtung geguckt hätten. Sie wären überrascht gewesen und traurig. Adjuna aber war traurig gewesen, traurig genug, und nicht überrascht. Er war auch nicht mehr traurig.
Adjuna wanderte durch die Wüste, einsam und allein, der absolute Einzelgänger, er war nicht einmal gestorben, als alle anderen gestorben waren, ...und jetzt war niemand neben ihm - auch kein Engelchen oder Teufelchen.
Und nachts war es stockfinster. Kein Sternenlicht durchdrang die schwarze Hülle, um dem Wüstenwanderer Gesellschaft zu leisten. Adjuna starrte nachts in die Schwärze hinein und rührte sich nicht vom Fleck.
Er sann ins Dunkle hinein: Die Sterne sind unerreichbar geworden und die Berge sind wieder hoch. All unsere Höhenflüge haben eine Bruchlandung erlitten. Für mich bleibt jetzt nur noch eine kleine Anstrengung. Ich will meinen Erdenweg beenden, wo er begonnen hat. Trotz Ruß und Radioaktivität gehe ich zurück zur Stätte meiner Geburt. Ist jetzt auch überall Wüste, hier ist schon die wirkliche Wüste, die alte Wüste, in der mich meine Mutter gebar.
Adjuna wanderte während der ganzen Dämmerung des folgenden Tages, ohne jemandem zu begegnen, und ohne die kleinste Unterbrechung in der graugelben Öde.
In der Einsamkeit der Nacht begegnete ihm dann der Geist des Cro-Magnon-Menschen.
"Ich war der Letzte der Cro-Magnon-Menschen. Uns hat deine Rasse erschlagen. Nun bist du der Letzte deiner Rasse. Euer Geschlecht ist zum Untergang verdammt. Aber euer Ende war widerlicher als unsers - närrischer."
Adjuna: "Nein, es war heroischer, aber laßt uns den Schöpfergott suchen und ihn nach dem Sinn fragen, wieso das alles geschehen mußte, unser Aufgang und Untergang."
"Das habe ich auch schon gedacht. Aber ich habe die Gottheit nicht gefunden. Vielleicht versteckt die Gottheit sich. Vielleicht, weil sie sich vor der Frage fürchtet. Vielleicht möchte die Gottheit nicht eingestehen, daß sie sich nichts bei ihrer Spielerei gedacht hat."
"Das wird's sein. Er soll ja ein Abbild des Menschen sein. Und wir Menschen haben uns ja auch nicht allzuviel bei unseren Handlungen gedacht."
"Das wird's sein. Aber du irrst, die Schöpfergottheit ist das Abbild einer Cromagnadrin. Nur Frauen besitzen Fruchtbarkeit."
"Ich will mich mit dir nicht streiten."
"Das ist gut, daß du dich nicht mehr streiten willst."
"Es war Streiten, das in den Untergang führte."
"Es war gut, daß auch ihr untergangen seid."
"Ja, es war gut, daß wir untergingen. - Keine Todesängste mehr."
Am nächsten Tag mit dem Aufgang der Dämmerung machte sich Adjuna wieder auf den Weg. Auch an diesem Tag war alles öd. Nichts folgte nichts. Nicht einmal ein Schatten folgte einem.
Adjuna, der überlang Lebende, dachte in seiner Einsamkeit, an einen anderen Wüstenwanderer, an jenen zu frühgestorbenen Möchtegern-Erlöser, der als Schmerzensmann-Symbol am Kreuz geendet war. Als der in der Wüste war, hatte ihm wenigstens der Teufel die Verführung angeboten.
Irgendwann flüsterte es dann in der Wüste.
Das Flüstern der Stimmen der Wüste: "Oh, Adjuna, einst sagtest du, der Jesu Christ hätte nichts hinzugelernt, aber auch du hast es nicht. Dem ewigen Reigen bist du ebenso wenig wie deine Mutter und all die anderen, ob Gott oder Mensch, entkommen. Euer Schicksal ist noch einmal inkarniert die ganze Evolution von der Arminosäure an. Und Wertung sei euch fern. Nicht besser, nicht schlechter und auch nicht gleich sei das Ziel eures Werdeganges, sondern unvermeidlich."
"Bah, ich habe zur besten Zeit gelebt, denn den Untergang der ganzen verdorbenen und vermurksten, irdischen Schöpfung habe ich erlebt, und eine neue Stunde Null. Mag sie ein Neubeginn sein, ich bezweifle, daß es eine Wiederholung sein wird. Die Dinge sind so unvermeidlich, wie sie blöd sind. Dieses Leben war auf jeden Fall ein Leben, das ich nie vergessen möchte, wie viele Stufen der Evolution ich auch noch durchwandern mag."
Es dauerte nicht lange und eine Art Dingo gesellte sich zu Adjuna. "Was für ein Trick ist das schon wieder?" fluchte Adjuna und er schoß einen Pfeil und tötete den Gott.
"Die Menschen sind tot. Warum soll ich da einen Gott am Leben lassen, noch dazu einen so drittklassigen wie Dharma."
Die Menschen sind tot, seufzte Adjuna noch einmal, oh, wie entfernt bin euch immer gewesen. Je näher ihr euch den Göttern fühltet, desto entfernter wart ihr mir - und den Göttern, jedenfalls den großen.
Vor ihm ragte jetzt das große Gebirge. Adjuna schleppte sich hoch. Je älter man wurde, desto höher wurden die Berge. Die Berge waren wirklich sehr hoch geworden.
Schließlich erreichte er den Kamm, und er stieg über den Gebirgskamm, und dann sah er unter sich das tiefe Wüstenbecken, in dem er einst geboren worden war. Und er machte sich an den Abstieg.
"Au, scharf wie ein Haifischgebiß!" und er trat noch einmal kräftig gegen den scharfen Flintstein. Das rote Blut floß aus seiner Sohle. Er blutete und der Stein brach.
Er nahm den blutigen Stein in seine Hand und betrachtete ihn: "Außer der Farbe meines Blutes hatte ich nichts mit den Menschen gemeinsam, und die hatte ich auch mit den Tieren gemeinsam, oh, es gab noch etwas, ich schäme mich fast, es einzugestehen, - das Menschsein."
Adjuna war die Felsenwand hinabgestiegen und hatte das sandige Becken, seine Geburtsstätte, erreicht. Hier hatte er das grelle Sonnenlicht der Welt erblickt. "Worauf war ich nur so stolz bei meiner Geburt? - Stolz, ein Mensch zu sein? Welche Torheit? Ich habe gelernt, den Menschen und sein Dasein zu verachten; ein wurzelloses Wesen, es paßte weder in die Natur noch in irgendeine andere Welt. Hier stirbt jetzt der Letzte von ihnen. Ich habe im Leben nichts getan, was falsch war, und nichts, was richtig war, ja, ich glaube, man könnte sagen, daß es richtig und falsch gar nicht gab, es nur ein menschliches Vorurteil war oder sich menschlicher Erfahrung entzog."
Adjuna fragte sich dann noch, was so ein gottverdammtes Scheißleben eines Menschen überhaupt sei, dieser mühsame Weg, den man da ging, dessen Ziel der Tod war oder dessen Ziel der Weg war, die Mittelstrecke, the fast track oder die Kriechspur oder der Holzweg. War so ein Leben - war mein Leben - ein Mandala, - ein Labyrinth, - ein Strich, auf dem man sich prostituierte? Adjuna wußte es nicht. "Mehr habe ich nicht zu bieten - ein paar leere Gedanken."
Dann nahm er seinen spitzen Stein und bohrte ihn sich tief in die linke Brust. Dabei sprach seine letzte Mantra, eine mächtige Mantra, und den Wunsch: Wer noch am Leben ist, der möge sterben, wie ich sterbe - durch seine eigene Hand, - und noch vor mir.
Adjuna lag röchelnd im Wüstensand und wüählte und rührte mit seinem faustkeilartigen Flintstein in seiner Brust. Er schien nicht gleich zu sterben, unendlich schien es zu dauern, sein ganzes Herz wollte er sich ausgraben, aber es hing so fest, Stückweise säbelte er sich Herzmuskelfleisch heraus, bis in seiner Brust eine leere Höhle war, aber noch immer war sein Bewußtsein in seinem Körper. Wie konnte es sein? fragte sich Adjuna. Es mußte wohl so sein, erklärte er sich die Situation, daß die Siechenden und Kriechenden, die es noch auf der Welt gab, sich noch nicht selbst den Garaus gemacht hatten, vielleicht war es schwieriger... Die Sinne schienen ihm zu schwinden: Ah, die Segnung geht in Erfüllung: Ich sterbe als Letzter!
Dann umarmte er den ganzen Kosmos, verließ die enge Erdenkammer, in der immer dicke Luft geherrscht hatte, und die seit des Großen Krieges auch noch furchtbar kaltrauchig geworden war, und freute sich über den dünnen, flüchtigen Raum. Er warf einen Blick zurück, nach Rückwärts, auf den schwarzen Planeten, und dachte: Wer die giftigen Kampfstoffe, die radioaktive Verseuchung, Hunger und Krankheit, meine mächtige Mantra, wer das alles überlebt hat, der möge jetzt endlich sterben, sterben, wie ich gestorben bin - durch seine eigene Hand.
Adjuna war also tot. Was war nun sein Leben gewesen? War es ein Mandala? War es ein Labyrinth? War es ein Strich, auf dem er sich prostituiert hatte? Keines von alldem - es war Kitsch.
ENDE: Als Fossil glücklich bis in alle Zeiten.
Er war der äußerste Außenseiter, er hatte nicht so gedacht, wie die Innenseiter gedacht hatten, die Dazugehörer, er hatte auch nicht so getan wie sie, gehandelt, er war nicht einmal gestorben, als sie alle gestorben waren. Die Innenseiter und Dazugehörer hatten eine Pflicht gekannt, die von außen an sie herangetragen worden war, er, der Außenseiter, hatte seine Pflicht in sich getragen, aber selbst diese Pflicht nicht einmal sonderlich ernst genommen. Pflichten ernst zu nehmen, hätte sich in seiner zynischen Zeit auch gar nicht gelohnt, es hätte nur über Gebühr die Lebensfreude geraubt.
Was noch?
Er war ein mystifizierender, mythelnder Atheist gewesen, ein heimlicher Trinker; gib den Menschen eine klare Antwort und sie wollen sie nicht, mache etwas Geheimnisvolles daraus und sie tuscheln darüber und finden es interessant; ein atheistischer Mystiker, ein autistischer Einzelgänger mit paranoiden Zügen, ein pikaresker Vagabund, ein gigantischer Gulliver, ein Eulenspiegel, ein unfrommer Eulenspiegel, der da sagte: Die Fratze Gottes ist meine eigene.
Ein überlegen starker Held, das Alter ego eines jeden Schwachen und Getretenen.
Ein Superman, der nicht wie sein amerikanisches Gegenstück in einer konservativen, schwarz-weißen Vorstellungswelt lebte und blau-rot trug. Er hatte auch weniger auf dem Gewissen als der amerikanische Comic-Held, was die meisten seiner Bekannten aber nicht gleich erkannten
Einige Zeit später draußen im All:
Die mit den Space-Archen hatten ein Schwarzes Loch gesichtet. Es war faszinierend.
Was war faszinierend an dem Loch? Faszinierend war, daß man nicht hineinschauen konnte. Alles, was jenseits des Ereignishorizontes passierte, war ein Rätsel, ein großes Geheimnis.
Für einige der freien Forscher und Wissenschaftler war die Neugierde, die Sehnsucht nach neuer, wissenschaftlicher Erkenntnis, zu groß. Der Wunsch zu wissen, zog sie in das Loch. Sie stürzten wie Empedokles in den Ätna, und kehrten nicht zurück, um mit ihrem neuen Wissen zu prahlen.
Auch andere stürzten in das Loch. Es waren Sektarier, die wußten, daß das Schwarze Loch eine Abkürzung zu Gott war. Sie fuhren hinein, sie fuhren dahin, sie waren dahin; nicht die Neugierde trieb sie, aber auch eine Sehnsucht.
Das waren auch auch schon alle, die dahinfuhren, das Universum für immer verließen. Das Happy End war also auch hier nicht vollkommen. Perfektheit ließ das All nicht zu.
Es gab zu viele Pragmatiker und Optimisten unter den Space-Arche-Ridern. Das Prunkmännchen und seine Crew waren noch immer optimistisch, irgendwo im All unintelligente Lebensformen zu finden, die man missionieren konnte. Sie glaubten, da draußen irgendwo mit Missionaren ein Gottesreich errichten zu können, das nicht von dieser Welt war.
Und die praktischen Wissenschaftler wußten,
daß ihr Wissen von Nutzen war und auch in Zukunft sein würde.
Vyasas Nachwort
Nach Adjunas Tod erschien der große Archarya Bhagavan Vyasa noch einmal für ein kurzes Nachwort. Er sprach diesmal nicht von der Kastenpflicht, die ein jeder zu erfüllen habe, und auch nicht davon, wie im Rad der Wiedergeburten ein jeder das Leben bekam, das er verdiente, bzw. sich verdiente und zwar nicht in diesem Leben, sondern weiter zurück in seinen vorherigen Leben verdient hatte, sondern, da er selbst diesmal im kritischen Abendland wiedergeboren worden war, hatte er diesmal das folgende Nachwort für die Nachwelt (und zu einem noch späteren Zeitpunkt würde er ein noch anderes haben):
Leider wird nach dem großen Krieg nicht, wie in dieser Vita Adjuna beschrieben, der letzte Mensch ein Adjuna sein, der dann schließlich auch stirbt und dabei denkt, es ist gut so, sondern der Krieg wird zwar viele edle, große und großherzige Menschen fressen, aber viel, vielzuviel Pöbel übriglassen, Leute, die noch nie was von was gewußt hatten, die nur eins immer wieder wissen, nämlich, daß sie die letzten, die nicht wie sie selbst sind, die letzten, die anders sind und Außenseiter, also die letzten, die es vielleicht verdienten zu überleben als Saat für eine neue Zeit, umbringen müssen.
Zum Überleben des großen Krieges gehört Lottoglück. Die meisten Chancen hat der mit den meisten Losen. Der Einsatz des Pöbels ist ungeheuer hoch. Eine Handvoll ihrer Lose überlebt immer. Aber diese Nieten sind die Mitläufer aller Zeiten und Systeme sind die Anhänger der großen Lügensysteme und die Hasser allen Anders-Seins. Sie werden ihre schnellen Erklärungen haben für die große Katastrophe. Daß man zu wenig gebetet hatte und zu wenig fromm gewesen war, wird eine der Erklärungen sein. Eine andere wird sein, daß es zu viele böse Menschen gegeben hatte, die, statt wie die Allgemeinheit den großen Lügen zu opfern, ihren eigenen persönlichen Sachen nachgegangen waren, als da waren: Schönheit, Wohlstand, sexuelle und andere sinnliche Erfüllung; alles Eigensüchtigkeiten, die die Vernichtung notwendig gemacht hatten, als ob die Welt an Schäferstündchen und nicht an Gewalttaten zugrunde ging. Sie ging auch nicht am Gesättigtsein kaputt, sondern an den Unersättlichen.
Also die Außenseiter, die die nicht zum Pöbel gehören, die, die den kleinen Lügen folgen und nicht den großen oder den eigenen oder gar der Wahrheit, die, die am ehesten das Überleben verdienten, werden verfolgt und umgebracht werden, wenn nach der Katastrophe die großen Lügensysteme wieder aufblühen und sich wieder von der gemeinsten Seite zeigen können, wie einst in den Jahrhunderten vor der Aufklärung. Wieder werden Verbrechen wie das Verbrennen von Ketzern, das Berauben von Anders- und Nicht-Gläubigen und deren Vernichtung von den Gleichmachern für gute Taten gehalten werden.
Fromme Seelen werden die Welt wieder in Gut und Böse unterteilen und so fest an die Rechtmäßigkeit ihrer Taten glauben, daß sie mit dem salbungsvollsten Gesicht die bösesten Morde und Martern an den vermeintlich Bösen begehen werden.
Der edle Mensch, der über gut und böse erhaben ist, und als Täter und Opfer beides erleiden kann, ohne zu klagen und ohne zu hassen, da er das Gesetz der Gewalt, das uns Menschen und alle Wesen regiert, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Lügenreligion oder -system akzeptieren kann, wird fast ausgerottet werden, und überall, wo es noch Menschen geben wird, wird man kleine jämmerliche Hasser und Büßer finden. Ihren potentiellen Opfern gebe ich den folgenden Rat mit auf den Weg: Möget Ihr als erstes Euer Überleben sichern. Es ist närrisch, den Gegner anzugreifen, wenn dadurch der eigene Untergang hundertprozentig wird. überlebt, rettet den Gedanken, das freie Denken, den Gedanken der Freiheit über die dunkle Zeit eines neuen Mittelalters hinweg, im vertrauten Kreis, in geheimen Zirkeln, geduldig, nie war Geduld so notwendig, die schwarze Zeit ist nicht unsere Zeit, es ist närrisch, laut zu sein, wenn es mit dem Leben bezahlt werden muß. Arbeitet im Verborgenen, aber arbeitet. Macht hier und da eine kritische Bemerkung, gebt da und dort scheinbar harmlos etwas Wissen von Euch, damit das Unwissen nicht überhand nimmt. Verbrennt man einen von Euch am hellichten Tag, meuchelt hundert von ihnen des Nachts. Das verstehen sie am besten. Bei all ihrem Nachwelt-Geplapper hängen sie zu sehr am Dieseits.
Eines fernen Tages wird der Mensch wieder Würde besitzen, und keine oder würdigere Götter verehren als die kretinen Götter der dunklen Zeit mit dem neidischen Seelchen des abrahamitischen Gottes, der nur ein Vergnügen kennt, nämlich das Sich-Aufgeilen an der Demut der Gläubigen.
Die Götter, deren Advokat ich bin, wollen den Menschen stolz, ungebrochenen Blicks, und ansonsten sind wir ihnen egal, was Freiheit oder Pflicht bedeuten mag, Segen oder Fluch.
Den zukünftigen Pogromisten aber schreie ich schon jetzt zu und hoffe, es hallt in Euren Ohren wider, wenn Ihr das große Kreuz am Himmel sehen werdet: Glaubt nicht, jetzt sei das Christentum bewiesen! Wie kann, was Ihr nicht versteht, Euch als Beweis gelten? Wunder hat es immer gegeben, es ist nicht das Privileg des Christentums.
Auch edlere und weniger neidische Götter haben ihren Dienern die Fähigkeit, Wunder zu tun, die Zukunft zu schauen und die Grenzen zum Jenseits zu überschreiten, verliehen, aber es beweist nichts, es beweist nur, daß der Mensch bei entsprechendem Lebenswandel sich diese Fähigkeit aneignen kann; mit ein bißchen Übung würde es selbst der atheistische Mensch können.
Das große Kreuz am Himmel aber wird ein Hologramm sein, also ein Betrug wie weinende Marienstatuen und das Hoc-est-corpus.
All das Elend, all die Leiden, die Ihr während des großen Krieges erlitten habt, werden Euch fromm machen und Ihr werdet Eure Ohren wieder den Priestern leihen; und statt die zu töten, die einen allmächtigen Gott vertreten, der all das Elend hätte verhindern können, werdet Ihr die töten, die so etwas Unerhörtes nicht für sich in Anspruch nehmen.
Statt menschenwürdig für immer einem Gott zu Grollen, der alles zuließ, der eine Welt schuf, in der Gewalt regiert von der kleinsten Mikrobe bis zum Menschen, und der dann - und das ist der größte Hohn - seine Vertreter auf Erden Liebe heucheln und gleichzeitig die Brutalsten sein läßt, statt also ihm zu Grollen, werdet Ihr Euch wieder vor ihm erniedrigen, knien, zu Kreuze kriechen, Euch bekreuzigen und bekacken, alles IHM zu Ehre, und Ihr werdet aus der brutalen Welt eine brutalere machen, als unbedingt notwendig wäre.
In dieser Welt regiert die Gewalt, wollen wir sie bei ihrem richtigen Namen nennen, Gewalt nennen, richtige, ehrliche Gewalt, und nicht Liebe! Welche Perversion! Perversion der Liebe und der Gewalt!
Liebe, die gibt es auch. Auch sie hat ihren Platz in dieser Welt. Sie regiert sogar manchmal, manchmal sogar mit Gewalt, aber das ist eine andere Sache.
Das kann sogar eine edle Sache sein, und es ist nicht die pervertierte Liebe der Christen und anderen Kredoisten und Kretinisten.
Wenn Gewalt notwendig ist, um den Menschen zum aufrechten Gang zu zwingen, sollte man Gewalt anwenden, die Menschenliebe gebietet es.
Die Menschen sollten die Gewalt akzeptieren, sie sollten ihren Kindern lehren, daß es notwendig sein kann, Gewalt anzuwenden und gar zu töten, aber sie sollten ihnen kein Kriegsspielzeug schenken, dafür ist Gewalt eine zu ernste Sache. Töten muß man und töten sollte man, wenn die Umstände einem keine andere Wahl lassen, aber töten sollte man niemals als Heuchler, der das Gegenteil predigt.
Tötet Eure Todfeinde, wenn sie Euch keine Wahl lassen, und akzeptiert, daß der Feind Euch tötet. Wie eklig ist der Mörder, der seinen eigenen Tod als ungerecht empfindet.
Tötet den Mörder, aber tötet auch die anderen Verbrecher! Ein Verbrecher ist, wer aus Eigensucht anderen einen übermäßigen Schaden zufügt. Aber seid auch bereit zu vergeben, wenn Ihr Verständnis für die Gründe habt, die zur Tat führten.
Tötet auch die Schwachen, Kranken und Mißgeburten, am besten gleich nach der Geburt oder in jungen Jahren, bevor sie sich zu sehr an das Leben gewöhnt haben, denn das Streben der Menschen soll nicht sein Schwäche, Krankheit und Widerlichkeit, wie man sie nach dem großen Krieg überall finden wird, und die der Kirche wieder ihren größten Zulauf verschafft, sondern Größe.
Die Kirche will die Großen töten, Ihr aber sollt die Kleinen töten, wenn Ihr dem Sinn der Welt dienen wollt.
Und letztlich tötet Euch selbst, wenn Ihr merkt, daß Ihr klein, schwach, unwürdig und unfähig seid, oder Eure Zeit gekommen ist.
Seid nicht wie die Christen und der Pöbel klein und gemein, daß Ihr hinkriecht und das elendste und mickerigste Leben, sei es Euer eigenes oder anderer Leute Leben, feige bis zum letzten, röchelnden Atemzug, um jede Minute kämpfend, am letzten Tropfen Leben hängend, vor dem Eintritt ins Jenseits bewahren wollt. Warum eigentlich solche Feigheit?
Für einen aufrechten Menschen ist der Selbstmord kein Tabu, sondern eine Tugend. für die feigen Christen freilich ist es ein Tabu, feige fürchten sie sich vor der Prügel, die sie erwartet von ihrem lieben Gott. Haha, wie das mein Herz erheitert!
Es gibt nichts Ehrenhafteres, als zu gehen, wenn es Zeit ist, aber schleicht Euch nicht fort wie die Feiglinge, die ein Schlafmittelchen zu viel nehmen und hinüberduseln, sondern nehmt ein Messer und zerfleischt Euch selbst und beweist so, daß Ihr fertig seid mit Eurer körperlichen Existenz, daß Ihr reif seid, überreif, und abfallen müßt; sterbt wie ich.
Sterben müßt Ihr alle, ertragt das Unvermeidliche ohne Schwäche!
Es gibt sogar ein Leben nach dem Tod, aber anders als es Euch die Pfaffen haben vorgeplappert, dieses Leben im Jenseits ist weder besser noch schlechter als hier, es ist nur so gut, wie Ihr es Euch vorstellt, es ist eine Welt der Gedanken und ohne Schranken, und wenn sich in Eure Gedanken doch noch die christliche Vorstellung vom Gottvater-Sohn-und-Haiiger-Geist einschleicht und Ihr vor einem Gericht stehet, so klagt den Richter an, denn Richter sind die schuldigsten Menschen, dort mehr noch als hier.
Verjagst du aber den Richter, bist du frei.
Such Dir ne hübsche Mutti oder bleib Staub und
Dreck!
Ende: Bilanz
Lange hatten sie sich in Aggressivität geübt, die Menschen. Es gab kein größeres Volk, das hätte sagen können: Wir waren unschuldig, denn wir waren friedfertig: Die Deutschen hatten ihren Einhodigen, die Russen ihren Stählernen, die Franzosen ihr Babygesicht, die Italiener ihren Faschinenfetischisten, und alle hatten sie immer genug Handlanger, denn das waren die meisten Menschen: Handlanger; und das war auch das Gefährlichste an den Menschen: ihre Handlangerei, ihre Dienstbereitschaft; sie machte alle Zaren, Kaiser, Könige, große Herren, Menschenfresser und -verderber, die die Masse Mensch, die schmierige Masse Mensch, zur Eigendüngung, Eigenölung und Eigenbeweihräucherung und zur Verrichtung ihres Bedürfnisses, ihres perversen Bedürfnisses nach mehr und mehr Macht, ihrer Notdurft, brauchten, erst möglich.
Und gingen wir weiter durch die Vergangenheit der verstorbenen Völker, wohin wir auch schauten, wir fänden Grausamkeiten: Massenmorde, Kriege, Sklaverei... Sklaverei war nicht das Privileg der Weißen gegenüber den Farbigen, auch das von Weißen noch unberührte Amerika kannte schon die Sklaverei, und in Afrika hatten Schwarze Schwarze versklavt, ehe sie ihre Sklaven-Ware an Weiße verkaufen konnten.
Alle Völker, alle Menschen hatten ihren Anteil an Gemeinheit und Ungerechtigkeit auf dieser Welt: Die dem Propheten folgten, verübten sie an den Ungläubigen; die dem Menschensohn folgten, an den Ketzern, die Inder an den Unberührbaren, die Kolonialisten hatten ihr Kolonialreich, die Kommunisten ihre Säuberungen, die Chinesen machten einen Großen Sprung nach vorn, groß, blutig und sinnlos, die Japaner vergewaltigten Nangking und ihr Großes Ostasiatisches Wohlstandsgebiet, Superbomben schufen Frieden - und langes Siechtum.
Und natürlich auch der kleine Mann wollte nicht zurückstehen, er tat alles, um seine Mitmenschen zu schikanieren. Er merkte auch gar nicht, daß es seine Mitmenschen waren, waren sie doch sooo anders als er.
Und wenn wir statt durch die Völker durch die
Zeit wanderten, wir fänden sie nicht, die goldene Zeit, wo
Friede und Gerechtigkeit herrschte, denn es gab sie nicht. Selbst
das Paradies - zwar in Wirklichkeit nur eine dumme Legende - war
bei weitem kein Ort der Gerechtigkeit, denn es wurde von einem
böswilligen Gott überschattet, der in seiner Eifersucht das
Wissen um Gut und Böse nicht hergeben wollte. Trotz seiner
Apfelfresserei ist dem Menschen dieses Wissen verschlossen
geblieben. Gott freilich besaß es auch nie.
Schlußgedanken der Götter
"Ein Wesen, irdische Krabbeltiere, sich haltend für die Herren der Schöpfung, aber nicht geschaffen von uns, dieses Mistvieh, das in seiner unermeßlichen Habgier andere Geschöpfe - auch nicht erschaffen von uns - nicht respektierte und ausrottete und supereifrig seine Brüder, wenn die nicht so wollten wie sie sollten, erschlug, zertrat, erwürgte, das in Massen Krieg, Feindschaft, Betrug und Dummheit hervorbrachte und das aus seinen Schößen immer größere Massen ausschiß, ein solch dummes Geschöpf mußte zum Untergang verdammt sein." So dachten die Götter. Ja, es gab mehrere, und wenn es nicht so mühsam gewesen wäre, hätten sie den Arm erhoben und darüber abgestimmt, ob man den Menschen bei ihrem Untergang behilflich sein sollte oder nicht, aber da sie sich viel besser auf Untätigkeit als auf Tätigkeit verstanden, überließen sie es mal wieder alles `den Subjekten da unten' und - oh Wunder oder auch nicht - wie in den dunkelsten Momenten der Menschheit tat der Mensch alles für seinen Abstieg; - in die tiefsten und finsternsten Keller und Verließe ging es und noch darüber hinaus: ins Massengrab, und was für große Massen, es hatte sich doch gelohnt, so gebärfreudig gewesen zu sein. Jeden Funken von Vernunft galt es zu zerstören, und da durch irgendeinen Unfall der Geschichte in allen irgendein Funke der Vernunft geraten war, war es nur vernünftig, wenn man alle umbrachte. Die, die der Unvernunft wieder zum Sieg verhelfen wollten, schöpften aus ihrem unermeßlichen Erfahrungsschatz und die Unvernunft siegte nur sooo - so übermächtig, daß die dümmste Kreatur ("Nicht von uns Göttern kreiert!") völlig vom Angesicht der Erde verschwand, allerdings nicht ohne dieses Angesicht vorher in eine Fratze zu verwandeln, und dabei riß das Unvieh viele andere Tiergattungen mit sich, die alle so viel vernünftiger auf der Welt geweilt hatten, ohne sich mehr als nur satt zu essen. Die dümmste Kreatur aber war nie nur mit einem vollen Bauch zufrieden gewesen, nein, ein volles Portemonnaie mußte es auch noch sein, eine volle Schatzkiste, ein Haus voll Schätze, ein Palast voll, die Allerdümmsten wollten eine Kirche oder einen Tempel voll Gold und nen leeren Magen. Nen leeren Bauch voll mit Haß auf Andersgläubige. Die Menschen erreichten im allgemeinen, was sie wollten. Schade, daß einige der heißersehnten Apokalypse auf Space-Archen entkamen. Es konnte nicht sein, daß es sie glücklich machte.
Und der Christen Gott?
Er hatte keinen Schlußgedanken.
In sechs Tagen schuf er eine Welt. Am siebten Tag war Ruhetag. Da pennte er, pennte und pennte und pennte --- ganz durch, bis...
ja, wohl bis es galt, eine neue Welt zu
schaffen.
Nach dem Tod zerfielen wir in unsere Bestandteile, der Körper wie die Seele, der Körper in Elemente, die Seele in Energien, Triebkräfte. So zerstreuten wir uns in der Nachwelt.
Im Leben, welcher Trieb war da nun am stärksten? Das war doch offensichtlich. Unsere Triebe trieben uns zwar zu verschiedenem Blödsinn, aber der Todestrieb trug den Sieg davon, denn sterben taten wir ja alle. Auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollten, wir lebten nicht ewig, weil wir das Leben nicht genug liebten. Unsere Unzufriedenheit mit dem Leben zehrte uns immer auf. Eine tief verborgene Erinnerung an ein vermeintliches Glück im Totenreich zerrte uns zu unserem Lebensende. Doch im Totenreich, statt das schmerzlose Glück der anorganischen Materie zu genießen, überfiel uns immer schon bald wieder eine neue Unzufriedenheit und eine neue Sehnsucht, eine Sehnsucht nach Leben und eine Erinnerung.
Wie war dieser ewige Kreislauf des Unglücks möglich? Er hatte einen sadistischen Schöpfer gehabt. Und warum schob keiner einen Keil vor das Rad, einen Bremsklotz? Der Schöpfer erlaubte es nicht. Und gab es gar nichts, was man machen konnte? Doch glücklich sein. Und vor allen Dingen keine Gewalt.
Gewalt war die Hauptursache für Unglück. Leben war die Hauptursache für Gewalt.
Ahimsa war die reinste Religion.
Ahimsa war die tollste Tradition.
Ahimsa war der höchste Hohn.
Ahimsa war der letzte Lohn.
Ahimsa gibt es ohne uns schon.
Warum mußte man die Ketzer, Gotteslästerer und Mitgläubigen, die leider an den falschen Gott glaubten, bekämpfen?
Es war einmal ein Gotteslästerer1, der sagte: Ich bin fair. Ich beleidige Gott, aber ich erlaube es dem Gott auch, mich zu beleidigen. So solltet Ihr es halten: Mit Worten kämpfen, nicht mit Waffen, Ihr Affen, Verzeihung, Ihr äffischen Mangelmutanten.
1 ich, Holger
Hermann Haupt.
Es gab eine mystische Kraft in dieser Welt. Diese Kraft hieß Dummheit.
Der Golgi-Apparat1 trug die Proteine, die für die Außenwelt bestimmt waren, wie der Inselstoff nach
Bestimmte Proteine, die für die Außenwelt bestimmt waren, wie der Inselstoff wurden von einem Golgi-Apparat --------------------------
----- weiterverarbeitet.
Der Golgi-Apparat sorte dafür, daß gewisse Proteine, wie der Inselstoff, weiterverarbeitet und an die Außenwelt der Zellen abgegeben wurde.
- - -
Eine jede Zelle hatte an die Hundert Lysosomen, diese Organellen waren die Mägen der Zelle und enthielten etwa 50 verschiedene Verdauungs-Enzyme. Diese Enzyme waren so stark, daß, wenn eine dieser Magenhäute riß, die Zelle sich selbst verdaute.
Mahlzeitmoleküle, also die winzig kleinen Speisehäppchen der Zelle, wurden in Bläschen, die an der Innenseite der Zellwand entstanden, gesaugt und dann zur Magenaußenhaut gebracht. Die Lysosomen lutschten das Mahlzeitbläschen leer. Ein Mangel an bestimmten Lysosomenzymen in Nervenzellen konnte zu Blödheit führen.2 Der Blöde konnte natürlich nichts dafür. Lernen half nicht.
Der äffischen Mangelmutante, die diesen Planeten mal übervölkerte, mangelte es nicht nur an einem warmen Fell, sondern auch an nötigen Enzymen in den Nervenzellen.
1 Ein submikroskopisches Membransystem im Zellplasma, benannt nach dem italienischen Histologen Camillo Golgi (Nobelpreis für Physiologie 1906).
2 Tay-Sachs
Eine Art mystischer Kraft war am Wirken in dieser Welt. Diese mystische Kraft hieß - Ihr wißt es schon - Dummheit.
Aber nur Dummheit konnte uns vor dem
Unglücklichsein bewahren - und vielleicht Blindheit.
"Wir sind unfrei."
...sagte Freiwisser No. 1, "die De-En-A kontrolliert uns. Sie kontrolliert nicht nur den Aufbau und Erhalt unseres Körpers durch Atmung, Herzschlag und Immunsystem und unsere Lebensdauer durch unsere Anfälligkeit für Krankheiten und durch die erblich bedingte Geschwindigkeit unseres Alterns - und damit unseren Tod, sondern auch unseren Geschmack, unsere Freuden, unsere sexuelle Orientierung, die Polygynie der Männer, das Pflegeverhalten und die emotionale Zuwendung der Mütter, die Dauer der Kindheit und der Jugend, das Bedürfnis der Ablösung und des Hinausströmens der neuen Generation in die weite Welt, sowie die Dauer der zweiten Jugend; sie steuert das Rollenverhalten der Geschlechter, regelt die Sprache der Symbole, Gesten und Gesichtsausdrücke und die Bindung an die Familie, den Geschlechtspartner, die Nachkommenschaft und die Vorfahren, die häusliche Umgebung und das Territorium; sie ist die Ursache für die Hemmungen vor dem Inzest, aber auch für den Geschmack auf Inzest, die Ursache für Mitleid und Hartherzigkeit, für Opfern-Helfen und Opfer-Schaffen, für Rettung und Mord, für Krieg und Frieden... Die DNA bestimmt unseren physikalischen und sozialen Charakter."
Freiwisser No. 2: "Die DNA braucht, gebraucht und mißbraucht die Wirtorganismen, um sich zu duplieren, sich zu mehren, zu vermehren..."
"...und sich zu reduzieren", fügte No. 3 hinzu.
"Aber der Mensch...", sagte Numero eins jetzt wieder, "hat Intelligenz entwickelt, die es ihm ermöglicht, die von der DNA gesetzten Grenzen genauso zu überschreiten, wie er seine ganze bisherige, menschliche Situation von persönlichen Schwächen wie Faulheit und Dummheit bis zu sozialen Zwängen wie Religion und Aberglaube und Tradition und nationale Zugehörigkeit überwunden hat. Vom Menschen als einen Roboter zu sprechen, der von einem DNA-Lochstreifen kontrolliert wird, ist genauso herabwürdigend, wie vom Menschen als eine Marionette in der Hand eines Puppenspieler Gottes zu sprechen. Der Mensch ist das Tier, das von seinem eigenen Willen regiert wird, das Tier, das alles überwinden kann, wenn es nur will."
Das A & O bzw. Z
Drei Buchstaben, DNA, und doch eine Mega-Information, ungeheure Kombinationsmöglichkeiten von vier Nukleotiden, Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin, Leben geben und Leben nehmen, eine Ordnung und doch eine Willkür, wäre diese Ordnung anders, wäre alles anders, wäre alles anders gewesen, oder schlummern im Menschen geistige Kräfte, die es hätten verhindern können, wenn wir sie geweckt hätten, oder haben andere geistige Kräfte es so gewollt, und wir beschuldigen den genetischen Code unberechtigterweise? Drei Buchstaben, vier Basen in Tripletts zu Genen, Doppelstränge zu Chromosomen, Mutation, Evolution durch Dominanz, Devolution durch Ignoranz...
Das allerletzte Wort vor dem Nachwort
Draußen läuft noch der Count-down, aber die Auf- und Abzählungen in diesem Buch sind zu Ende. Wörter wurden aneinandergereiht, ja, was sag' ich, Buchstaben. hätte ich sie anders aneinandergereiht, wäre alles anders. Komisch, nicht wahr!
Ich bin am Ende.
Vom Mahabharata behauptet man, daß alles, was man auf der Welt findet, man auch im Mahabharata findet, und was man nicht im Mahabharata findet, man auch auch nicht auf der Welt findet.
Ich bin am Ende und ich bin ehrlich, ich habe nicht einmal die Hälfte von allem, was es gibt, in meinem Buch erwähnt. Ach, was rede ich da schon wieder! Nicht einmal den hundertmillionsten Teil!
Dieses Buch zu schreiben, war eine langwierige Angelegenheit: Hinten schrieb ich und war schon wieder schlauer als vorne.
Soll ich nun hoffen, daß der Leser es nicht gemerkt hat, oder soll ich hoffen, daß er auch schlauer geworden ist?
Nachwort - Schluß - Epilog
Nach dem Lesen eines so langen Buches möchte ich den Leser nicht auch noch mit einem langen Nachwort belästigen.
Einen schönen Dank fürs Lesen!
Es reicht mir, wenn der Leser jetzt erschöpft stöhnt: "Ja, ungefähr so sind wir Menschen", oder sich ungläubig (Die Ungläubigen sind mir immer besonders sympathisch!) fragt: "So sollen wir Menschen sein?"
Wer sich freilich beim Lesen gut eingefühlt hatte, und bei jedem Schuß mitschoß, bei jedem Schlag mitschlug, bei jeder Qual mitquälte und bei jedem Leid mitlitt, der wird jetzt erleichert aufatmen und so sagen: "Ja, so waren wir Menschen. - Gut, daß es uns nicht mehr gibt. - Schade, daß es nicht ganz geklappt hat."
Die Menschheit litt an einer Krankheit, von der
nur der Tod Erlösung bringen konnte - kein Arzt - und schon gar
kein Gott.
Warum hast du das Buch geschrieben?
Bevor die Menschheit sich selbst zerstört,
wollte ich ihr noch zeigen, daß es gut so ist.
Selbstverhöhnung und -erhöhung
Das Werk, mein Opus, meine Komposition, nun habe ich es vollendet! Wie ein Gott stehe ich davor, oder dahinter?, zufrieden mit meiner Schöpfung, ich kann nicht anders - ich bin zufrieden und erleichtert(!), zufriedener und erleichterter als Elohim am Abend des sechsten Tages, mag es der Kritik zum Opfer fallen, mag es ein spitzer Stein des Ärgernisses sein oder ein runder Stein des Anstoßes, der eine Lawine ins Rollen bringt, mag es manch einem gelehrten und objektiveren Geist in verschiedenster Hinsicht zu wünschen übriglassen, ich bin zufrieden, dachte der Autor, nachdem er den letzten Punkt gesetzt hatte, ich nehme kein Streichholz, um es zu verbrennen, mögen andere auch keine nehmen.
Applaus, Applaus - Zugabe! Zugabe! Zugabe!
Zugabe für die, die Applaus gespendet haben, und für die, die nicht.
Beim nochmaligen Durchlesen des Buches stellte ich fest, daß meine Erinnerung mich nicht getäuscht hatte: Das Buch enthält viele armselige Szenen. Ich lasse sie drin, mein Ehrgeiz war ja, daß das Buch möglichst alles enthalte, was Welt und Dasein der Menschen ausmachte, und was, wenn nicht das Armselige, hatte den größten Anteil an einem jeden Menschen?
Es gab Menschen, die protestierten, wenn von der menschlichen Armseligkeit gesprochen wurde. Sie behaupteten stolz von sich: "Zumindest ich bin ein Held." - Armselige Eitelkeit. Gute Tüncher waren sie vielleicht, aber das war alles.
Schlimmer waren natürlich immer jene Menschen gewesen, die behauptet hatten, andere seien makellose Helden gewesen. - Welch armseliger Mangel an Kritikfähigkeit, welch armselige Anbetungssucht, Einfältigkeit, Naïvität. Pfui, Speichellecker, Knierutscher, Kriecherknechtmitläufernachläuferhinterherläuferbettvorlegerunselbständigerunterwürfigerauswurfanbetungssüchtigeridolaffelakaiuntertansklavenhirnhandlangeruntermenschneinnormalmenschottonormalverbrauchermitstimmviehverstandpöbelangepaßterbloßnichtauffallenbloßkeinecouragelaßanderedochherausragenwirjubelnundfolgenwirsindimmerdiefolgerdiegefolgschaftwirbrauchendieheldenweilwirkeineigenesverantwortungsgefühlbesitzenunddiefolgeneigenerhandlungenscheuenendederbuchstabenreihe.
wasstehtzwischendenwörternnichtseinleererplatzeinkleinesnichtsesistdieunzulänglichkeitdeslesersdiedaslesensostockendmacht.
ichbinproletarischerabstammungwiederholthörteichinmeinemlebenstimmendiediegemäßigtekleinschreibungnichtdieungemäßigtekleinschreibungsonderndiegemäßigtekleinschreibungalsodiekleinschreibungdiediesatzanfängeunddieeigennamengroßschriebwarummangeradeseineneigenennamengroßschreibensolltehattendiearbeiterkinderübrigensniebegriffenforderten.
inwirklichkeithabenwirauchgroßeschwierigkeitenmitderzeichensetzungunddennichtsenzwischendenwörterndeshalbfordereichdietotalekleinundzusammenschreibungohnezeichensetzungnichtmehrundnichtwenigerpunktschlußausesistimmernochschwergenugfüruns.
Um noch einmal auf die armseelischen Szenen im Text zurückzukommen, - das fällt mir jetzt erst ein - die sind da natürlich absichtlich eingemacht worden, - als Symbol für Unzulänglichkeit.
Selbstverständlich kann ich es bessere Bücher schreiben, als dieses hier, bloß was wäre dann die gewünschte Symbolwirkung verloren gegangen.
Maler übermalten ihre Fehlstriche und Trampler übertrampelten ihre Fehltritte. Das waren Wege zum Erfolge.
Doch wollte man die ganze menschliche Potenz
darstellen, die eigene wie die der anderen, dann durfte man es
nicht bei einem festlichen Gemälde belassen, dann mußte man
auch Strichmenschchen zeichnen, sehr viele sogar, mit Nullen als
Köpfchen (Köpfchen! Mein Freund!), und man mußte in die
Scheiße treten ohne Scham.
Ich weiß, es war nichts für schöne Künste, Poesie und so...
PS.:
Ich vergaß
die versprochene
. . . und die Götter dämmerten weiter vor sich hin.
PPS.: Wer nicht gemerkt hat, daß er ein
fantastisches Buch gelesen hat, hat sich täuschen lassen. - - -
Also nicht aufgepaßt.
Der Abschied fällt mir schwer.
Nochmals vielen Dank fürs Lesen.
Holger Hermann Haupt
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