• Sonne steigt, Helligkeit.
    Lager laut; Sonne heiß, viel Schweiß.
  • Man brach auf, trennte sich. Die Wüste war weit, hatte viele Wege, wenig Wasser.

    Auch Sramania brach auf, schloß sich anderen an, wollte in die nächste Oase und dort bleiben, bis ihr Kind geboren sei. Ihr feines Gefühl umschwirrte sie, verwirrte sie: Gab es Gefahr für sie, für ihr Kind? Las sie die Zukunft, so fragte sie nie die Sterne, denn sie wußte, daß die Sterne weit waren, groß, kalt, starkköpfig ihren Weg zogen, Menschenschicksal nicht beachtend, übersehend, sondern ihre Augen, die nachts phosphorizieren konnten, sahen die Schicksalslinien der Menschen, ihre Augen, ihr Gesicht, ihre Hände, und sie schickte ihren Geist durch die Welt und um die Welt oder - blickte in ihre Edelkugel; auf die Art erfuhr sie vieles. Oft genügte ein Blick: In einem Lebenden sah sie einen Sterbenden, einen Toten; einen Neugeborenen sah sie nie. Solche Blicke verdarben nicht nur das Gemüt. Vom Zukunftlesen waren auch ihre Augen verdorben, oft sahen sie die Gegenwart nicht und schon gar nicht die Vergangenheit. So sahen sie auch nicht mehr, wer denn der Vater des zu erwartenden Kindes seien könnte.

    Aber was brauche ich einen Vater? Ich möchte mein Kind von ganzem Herzen lieben, meine Liebe nicht teilen müssen, die Männer sollte man nach oder am besten schon vor der Geburt fortjagen; klug sind jene Männer, die von selbst gehen, sich eine andere suchen, nicht zweiter sein wollen. Die Wüsten werden größer, die Oasen kleiner, die Menschen mehr. Es gibt keinen Platz, Gebären ist Sünde geworden, Verbrechen, Untergang des Menschengeschlechts. Todesstrafe nicht für den Mörder, für den Totschläger, sondern für den, der sich vermehrt, der gebärt! Eine gesunde Forderung zur Gesundung? Ihre Gedanken kreisten verwirrt. War es wirklich schon so weit? Wirklich - überall begegnete man ihnen, sie waren schon vielzuviele, nur auf die hohen Berge und in die kahle Wüste wagten sie sich noch nicht, schafften sie es noch nicht. Aber sonst standen sie überall herum, traten sich auf die Füße, zankten sich mit ihren Nachbarn, die Menschen, die seßhaften Menschen. Und wie ist es mit uns Zigeunern und Landstreichern? Selbst Mördervölker kriegen ein gerechtes Empfinden, wenn sie uns beim Hühnerdiebstahl erwischten und schreien: "Schmutz! Schmutz! Viecher! So was ist doch kein Mensch! Hinweg mit ihnen!" Ja, für uns ist es schwer geworden, immer sind wir nur unschuldig durch Wälder und Berge gezogen; wenn wir hungrig waren, konnten wir von dem nehmen, was sich anbot. Damals gab es kein Stehlen, erst die Vorfahren der Seßhaften von heute haben das Stehlen eingeführt, Stück für Stück haben sie sich ein Stückchen Erde gestohlen. Und siehe da, der Zigeuner hatte damals nicht mit gestohlen, jetzt ging es ihm schlecht, denn die Diebe von damals hatten große Angst, daß man ihnen ihr Land wieder wegnähme, deshalb bewachten sie es, schafften sich Hunde und Zäune an. Und den Zigeuner, dem ihre träge und behagliche Lebensweise sowieso nicht anmutete, beschimpften sie als Strolch und Herumtreiber und als Taugenichts, wenn er sich weigerte, für die feinen Herren zu arbeiten.

    Aber wir Strolche und Herumtreiber sind doch unschuldig. Haben wir diese Wüste geschaffen? Nein, es waren Seßhafte, in diesem Fall Römer, die Holz brauchten. Wir brauchen nicht mehr, als wir tragen können, oder wenn es hoch kommt, was unser Pferdchen ziehen kann. Aber wie können Leute Länder, Paläste und Schätze besitzen und dabei glauben, sie seien ehrlich, und anderen ihren Lebenswandel vorwerfen?

    Sauer seufzen; Seuftzer der Sibylle: Seit Jahrhunderten und längerem gibt es schon keinen Platz für uns Herumziehende - und doch: Wir vergehen nicht! Quälen uns durch die Wüste und Ödland und auch durch die engen Gassen der Seßhaften, ertragen ihr Gedrängel und Gewimmel, ihr Geplänkel und Gewimmer.

    Oh, große Wüste, gnadenlose Wüste, kein Erbarmen kennend schluckst du, verdaust du, erst das Fleisch weich, dann die Knochen bleich, sind auch Staub gleich.

    Staub ist grau, Sonne heiß, verzischt der Schweiß; Kruste bleibt, Kruste bricht, darunter das vertrocknete Gesicht.

    Wassernot! Tod uns allen droht!

    Sieh!

    Da, dahinten, wie eine Warze auf der Glatze erhoben sich aus der ebenen Unendlichkeit in der Ferne die Zeichen der Oase: Rauchsäulen und Palmenkronen. Erleichtert zogen die Zigeuner, den letzten Speichel saugend schluckend, salzige Tränen der Freude leckend, zur Lebensinsel.

    Die Abendsonne verzauberte die graue, staubige Welt in ein gelb-rot-blutrotes Farbenspiel, die Sand- und Staubhütten erhielten eine Apfelsinenhaut, das steinerne Bürgerhaus und die Türme einen Purpurschleiermantel. Der Himmel geteilt, im Osten die Quelle der Schwärze emporkriechend, im Westen die rotglühende Lichtquelle Sonne versinkend; der Himmel geteilt, doch die Teilung verschwommen. Die Natur kannte keine geraden Grenzen. Bei den ersten Pflanzungen knieten unsere durstigen Wüstenwanderer nieder, beugten sich über die Gräben und labten sich an der lauwarmen, lehmigen, eitrigen Flüssigkeit.

    Nur kurz war der Kampf von Licht und Leben mit dem schwarzen Dämon im Wüstenland; noch hielt die Sonne den westlichen Himmelszipfel hell, doch schon bald verlor sie ihre Kraft, wurde schwach, war verschwunden, schwarze Nacht hatte Himmel verschlungen. Doch kam die Sonne wieder - stark, stärker, den Menschen selber zwang sie nieder mit großer Kraft, da wurde er - wurde vor ihr schwach, kurz war auch die Zeit seines Unterganges nur.

    Nachdem die Knienden ihrer Kehle die Köstlichkeit des Wassers zugeführt hatten, zogen sie ihre Köpfe wieder aus den schlammigen Gräben, wollten ihren Tieren, die so brav Wagen gezogen und Reiter getragen hatten, auch etwas zukommen lassen, doch von Durst getrieben, hatten sie sich schon selbst getränkt. So konnte man also weitergehen. Den Kies von den Knien geklopft, trat man, Mund abwischend, mit von Sand knirschenden Zähnen, ab und zu übel aufstoßend, aus dem schwarzen Schatten der Bäume heraus auf einen in eine enge, zwischen unregelmäßigen, lehmigen Häuserwänden sich zwängelnde, hindurchschlängelnde Gasse übergehenden Weg.

    Hier zwischen den Häusern standen sie nun, wurden von neugierigen Einheimischen umringt; mißtrauische Blicke blitzten aus der grauen Menge, nur zögernd erwiderte sie den dargebotenen Gruß der bunten Schar. Man lag weitabseits hier von Wüstenwegen, Kamelkarawanen kamen kaum. Die Bewohner erzählten sich seltsame Dinge vom Leben jenseits der großen Wüste; niemand wagte es, die Oase zu verlassen, und da die mutigen, reiselustigen Alten schon lange tot waren, kannte auch keiner mehr von ihnen einen Weg durch die heiße Wüste und man wollte ja auch nicht weg. Zigeuner kamen in Jahrhundertabständen, zauberten den Kindern und Erwachsenen etwas vor und trugen noch anders zur allgemeinen Verwirrung bei; man fraß alles, fraß alles in sich hinein, gab es weiter an die Kinder, fantasierte etwas hinzu, glaubte es selbst, fürchtete sich, war froh, daß man die Oase nicht zu verlassen brauchte.

    Den Weitgereisten wiesen sie wie immer einen schattigen Platz vor dem Dorfe zu, von wo diese je nach Fähigkeit, Begabung loszogen, Geschäften nachzugehen: Die Akrobaten Trommel schüttelnd, Trommel schlagend, mit Seiltanz, Feuertanz, Kopf-, Hand-, Schulter-, Scheitelstand, Purzelbaum und Flipp-Flopp-Zippel-Zapp begannen; groß glänzen Kinderaugen, aufgerissen Männermäuler, Staunen, Raunen unter Schleiern hinter Maschen das Frauenvolk.

    Die Zauberkünstler, mal waren sie hier, mal dort, mal ganz weg, dann wieder da; das Lose machte er fest, das Feste los, das Gerade krumm; das Hemd stahl er dir und ließ dir doch die Jacke, du merktest es nicht, er trug dabei die Hände in den Taschen; das frische Schalenei der Henne Max schob er sich ganz ohne Flax in den Mund, aus der kleinlöchrigen Stubsnase kam es wieder raus, Nasendreck bedeckt; Lacheschwall und Beifallswall.

    Die Händler, unter der geflickten Plane ihrer Wagen kramend, hervorbrachten: Wunderwaren; zum Verkauf anboten: biegsames Glas, dehnbare Fäden, Wärmemesser, bunte Steine, Zauberwasser, Supersalben, Wunderheilmittel, Wahrheitspillen, Treuetrank, Gesundheitspülverchen, Gegengift für Schlangenbiß, Schreibfedern, die ohne Tinte schrieben und noch dazu fehlerfrei, zweischneidige Schwerter, die jedem Gegner tödlich waren. Die Weiber wollten dünnes, biegsames Glas anstelle der Strickmaschenfenster für die Augenlöcher ihrer schwarzen Gewänder und bunte Ketten wollten sie darunter tragen und bunte Salbe fürs Gesicht. Die Männer betrachteten verliebt die Schwerter und dachten an ihre Ehre und an die Ernte zu Hause - ob es wohl reichte zum Tausch?

    Von der giftigen Klinge.

    "Er ist gezeichnet, aber wie er auch über seine Narben klagt, er verbindet eine romantische Erinnerung damit. Und sein fanatischer Haß, mit dem er seine Feinde verfolgt, ist nur eine Notdurft, ein Brunstgebahren, das ihn glücklich macht - und eine Schau. Ohne Feinde wäre er leer - oder anders gefüllt. Und wer will sagen, daß anders immer besser wäre? Auf jeden Fall hat er seinen Feinden viel zu verdanken. Er sollte das Schwert nicht kaufen, denn dann verliert er bald sein Teuerstes - seine Feinde. Und wer weiß, ob dann noch seine Persönlichkeit zurückbleibt - noch etwas von ihr?"

    "Gebt mir das Schwert, damit ich meine Feind vernichte, zerreiße, Ehre rette!" - "Wer sind deine Feinde? Jene armen Teufel, die sich jeden Tag plagen müssen? Bist du sicher, daß du ihnen schadest, wenn du sie tötest?" - "Ich verstehe auch nicht, warum man Menschen ermorden sollte, die sterben doch alle von selbst." - "Bah, gebt mir das Schwert! Hier ist die Ernte des Hauses!" - "Wie ihr wollt!" - "Seid nicht leichtsinnig damit, die Klinge versteht keinen Spaß!" - "Es ist tödlicher Ernst!"

    - - -

    "Da kommt er wieder, nicht Narben zeichnen das Gesicht des Gehetzten, sondern Entsetzen."

    "Was tat ich? Nehmt euer Teufelsschwert zurück! In Spiel und Übermut stieß ich einen Freund. Die scharfe Schneide - ein kleiner Kratzer - der Freund, tot fiel er um!" - "Hier nehmt das kostbare Gegengift!" - "Was kostet es?" - "Das Zauberschwert - die Wunderwaffe!"

    Oft war Wiedergutmachung noch teurer - oder nicht möglich.

    Auch Sramania wandelte, schlenderte durch die Gassen, ihre Kunst preisend, die Zukunft zu sagen, wie immer das schwere, schwarze Haar bis zu den Hüften hängend, den Körper verspielt umwehen lassend; ein Grund für jeden Araber, sich den Hals zu verdrehen, die eigenen Frauen im Hause zu verdammen, und doch erschreckt, eine Frau so frei zu sehen. Sie trug eine Kugel bei sich, wie sie jede Seherin und auch jede Kartenschlägerin brauchte, ob Glas oder was auch immer, Kristallkugel nannte man sie. Sramanias Kugel war ein rund geriebener Diamant. In der Enge der schweren Diamantkugel konnte unsere Pythia die Vorboten des Glücks und Unglücks am besten fangen, bannen; die Schicksalmacher, hier wurden sie sichtbar.

    Da standen an der Häuserwand Khalil, Nabil, Mohamed, Abdel, Rashid, Jusuf, pfeifend, lärmend, anlachend die Zigeunerfrau. Dem Schönsten, Klaräugigen, dem mit dem Lockenkopf, bot sie ihre Dienste an, denn sie war sicher, dem Strahlenden würde sie nur Gutes prophezeien müssen.

    Grinste der Khalil, schüttelte den Kopf, als sie ihm seine Zukunft verraten wollte: "Wie willst du meine Zukunft kennen, kennst ja nicht einmal deine eigene, sonst wüßtest du, ich gebe dir nichts für deine Kunst. Deinen Dienst brauche ich nicht."

    Klug ist der Bursche, recht hat er auf seine Art, aber er glaubt unsereiner kann nichts, doch wir ziehen nicht Ewigkeiten durch die Welt und sind dabei blind. "Du glaubst, wir können nichts, eine faule Kunst ist unsere Kunst. Ohne dich zu kennen, nenne ich dir die Namen deiner Verwandten." - "Das ist nicht nötig, ich kenne sie auch so." - "Oh, du Spötter. Aber gut - ein anderer Beweis. Sieh, ich schreibe etwas in meine Hand. Warte! - Noch nicht lesen, erst schreibst du jetzt einen Satz!"

    Und der Jüngling schrieb "Alles verlieren nur nicht das Gesicht" in den Sand. "Siehst du, Khalil, ich habe gewußt, was du schreiben wirst, hier steht's in meiner Hand. Wir, Hellseher, kenne die Menschen besser, als sie sich selber. Denn du selbst hast bis eben nicht gewußt, daß - und was du schreiben würdest."

    Dem lockigen Khalil sträubten sich die Haare, er war wirklich sprachlos und blickte mehrmals in die beschriebene Hand der Zigeunerin. "Ich will dir noch einen Beweis geben, wie gut ich dich kenne. Ich nenne dir deine böseste Tat, an der du am meisten gelitten hast." Immer ehrlich, aufrichtig, sogar freundlich, hilfsbereit zu jedermann gewesen, staunte er erst, bin doch kein Verbrecher, daß sie mir so etwas droht, dann schoß ihm kurz ein langvergessenes, scheinbar nebensächliches Ereignis seiner Kindheit durch den Kopf, das hatte ihn damals sehr gereut.

    Sramania find an zu erzählen: "Als du klein warst, viele Säcke mit Nüssen standen in der Ecke eures Hauses, du durftest davon essen, soviel du wolltest. Um möglichst viele hintereinander essen zu können, knacktest du dir erst ein paar Dutzend auf. Dann kam dein Vater und bat, welche abzubekommen, da hast du gesagt, das war zu viel Arbeit, und dir schnell alle in den Mund gestopft. Als dein Vater dir im Rausgehen sagte, daß er jeden Tag in den Pflanzungen arbeite - auch für dich, hast du dich sehr geschämt und gelitten. Später bist du dafür ein großzügiger Mensch geworden: Alles verlieren nur nicht das Gesicht. Das ist eben deine Devise geworden."

    "Das ist wohl wahr. Verlier' ich auch alles, solange ich mein Gesicht nicht verloren habe, bin ich kein armer Mann. - Groß ist deine Kunst, doch auch gefährlich, nicht jeder möchte dir begegnen. Doch ich danke dir, daß du mir Vergangenes sagtest; die Zukunft möchte ich nicht hören, ich könnte sie dann nicht mehr leben, erleben und bräuchte es dann wohl auch nicht mehr. - Sei willkommen in unserem Dorfe! Warte, ich will dir Mehl geben für deinen Herd." Und er holte einen Beutel Mehl aus seinem Haus, dann verabschiedete er sie.

    Mehl nehmen, im Dank lächelnd, leicht geöffnet die Lippen, Augenzwinker, sie zurück ins Lager läuft, Manna machen.

  • Manna Mangel Makel,
    Manna mögen Wüstenmenschen,
    Manna mundet kargen Körpern, leeren Leibern.
  • Jusuf aber sprach zu den anderen: Dies' nackte Gesicht, dieses lüstern lockende Haar, der wallende Körper, eine solche Hetäre gefährdet unsere Sitten, verdirbt am Ende gar unsere Weiber. Laßt uns über sie herfallen, ehe unsere Weiber über uns herfallen.

    Aber man lachte nur über ihn.

    Zeit geht, Zeit vergeht.

    Die meiste der Zigeuner bröckelten bald wieder ab von der trockenen Sandmeerinsel, zu blöde, zu spröde wurde man hier, das Spiel mit den einfältigen Eingeborenen wurde man schnell über, ihr Mißtrauen und ihre Frömmigkeit konnte man nicht ertragen. Ja, abseits lag man hier von den Karawanen tragenden Wüstenwegen.

    Doch Sramamia blieb, blieb lange, blieb auch noch, als die letzten ihrer Sippe sich in den Sattel setzten, blieb neun Monde, zehn Monde, elf Monde. Hingezogen fühlte sie sich zu diesen Leuten, die ihre Zukunft nicht wissen wollten, die ihren Dienst verspotteten, hinter ihrem Rücken unheilvoll tuschelten, mit ängstlichen Kinderaugen zu ihr aufblickten, ihr auswichen. Dick geworden war sie, hochschwanger, ihr Bauch schien manchmal ein Eigenleben führen zu wollen, wackelte, wankelte, schüttelte sich, war heiter, selbst wenn sie traurig war, lachte sogar, plapperte gebetartig vor sich hin, schien das Dharma zu predigen. Den Ansässigen war es ein Schrecken und Greuel, sie verstanden die Sprache nicht, die da gesprochen wurde, verstanden eine Kind tragende Frau ohne Mann nicht; nur der Teufel könne der Vater sein, und sein Sohn verwünsche jetzt vom Bauch dieser Hexe aus die Oase, so dachten sie.

    Nicht wie bei anderen Frauen in anderen Umständen war Sramanias Gesicht unansehlich schmierhäutig, fettig geworden, sondern weiterhin war es ebenmäßig mattglänzend, wie nur der Glanz des edlen Goldes glänzte.

    Die in ihrem Zelt über ihre Kugel Gebeugte sah das Schicksal seuseln, schwere Wolken sausen, sah das in der Kugel gebannte Unheil hell, die Wolken sich entladen, Wasser spritzen, Wüstensand Wasser saugen, Schlamm schlucken, ausspeien, Wüstenfeld Wasserwellen überweht, gegen Pflanzungen, Gärten, Hütten, Häuser, Türme preschen, brechen, lechzen, sah, die Menschen Hilfe schreiend, gnadeflehend untergehen. - Die Jahrhundertflut war im Anzug.

    Ja, viele sterben in der Wüste durstig an der Sehnsucht nach Wasser, doch wenn des Himmels köstlichstes Gut zu reichlich plätschert, weiß die Wüste nicht, wohin sie es stecken soll, und ertrinkt, mit ihr ertrinken ihre Wanderer und Bewohner, und wenn die Wüste wieder aufersteht zu neuem Leben, zum grünen Garten, die anderen bleiben dahin.

    Shiwas Haar die Inder vor Gangas Wasser schützt, doch dieser Wüstennarren Gott hat nicht so schönes Haar und will sich auch ohnehin nicht naß machen. So sind wir verloren, wenn wir uns nicht helfen.

    Auf dem Marktplatz Pythia warnend ihre Stimme erhob, das nahende Unheil ankündigend, auf taube Ohren stieß.

    Als sie die Leute hieß, Schiffe zu bauen, lachten die schon lange keinen Regen mehr Kennenden sie aus, und Khalil meinte, es gäbe kein Holz und die Bäume dürfe man nicht umschlagen, denn ohne Bäume würde man vom Wüstensand verschluckt und man brauche auch die Früchte. "Ja", rief Abdel, "und lieber unter Wasser leben als verhungern!" Worauf man sich lachend von ihr abwandt'; nur ein paar Alte tuschelten: "Sie will uns verhexen. Wenn sie eine Hexe ist, und sie ist eine Hexe, dann kann sie Regen machen. Wenn wir uns schützen wollen, dann schlagen wir sie schnell tot, bevor der Regen kommt. Wollen wir heute abend in der Dunkelheit zu ihrem Zelt? ... Wir, Alten, wir müssen das allein machen, auf die Jungen ist kein Verlaß, die buhlen ja hinter der her. ..." Und so weiter. Man stachelte sich auf.

    Doch am Nachmittag schon stoben von Osten, der allmorgendlich die lebenerweckende Sonne hochschob, die schwarzen, übervollen, unheilvoll Vernichtung drohenden Wolken, lüstern rachsüchtig leckten sie am Land. Es nieselte, sprühte, tropfte, platschte, klatschte, je tiefer die Sonne sank, je stärker wurde es. Am Abend war es dann wasserfallartig. Die Alten, die sich zusammengetan hatten, um Sramania zu töten, waren eingeschüchtert und wollten sie um Gnade bitten, sie möge doch den Regen wieder wegschicken, man hätte ihr doch nichts getan, man würde ihr alles schenken; so sehr waren die Alten in ihrem Glauben an Gut und Böse, Lohn und Strafe befangen. Aber auf dem Weg zu ihrem Zelt wären sie schon fast ertrunken, hätten nicht ein paar junge Burschen sie rechtzeitig vor den anrollenden Wellen auf Häuserdächer gezogen.

    Sramanias Zelt war unter den Wassermassen zusammengebrochen und von den Wellen verschlammt worden; sie selbst hatte sich auf die hohe Dattelpalme, an die ihr Zelt befestigt war, flüchten können. Es war schwer gewesen, den nassen Stamm zu erklimmen, ihr Kleid war ihr dabei aufgerissen und ihr schwerer Bauch hatte sich am pickeligen, scharfkantigen Stamm wundgerieben. Als sie die Krone besteigen wollte, um sich auf die Palmwedel zu setzen, hatte sie sich auch noch die Hände zerschrammt. Verzweifelt war sie - aber in Sicherheit.

    Jeder, der gesunde Arme und Beine hatte, war irgendwo raufgeklettert. Auf Palmen und Dächer und auf dem Minarett hingen sie, Menschentrauben, angstschlotternd, bibbernd, zitternd kreischend, wie ein ergebener Sklave Schläge erduldend.

    Das Meer unter ihnen wogte, wappte, schlappte, schnappte nach ihnen, suchte sich einen aus, riß ihn mit sich. Der Sturm peitschte das Meer und die Palmenwedel; die Palmenwedel und die schäumenden Wellen peitschten die kauernden Menschen. Der Sturm jagte, jagte erbarmungslos über die gequälte Landschaft, jagte weiße Wellenwipfel, schwarze Täler; weiße Wipfel, schwarze Täler unaufhörlich rollten gegen die Häuser-, Hüttenwände, unaufhörlich höher steigend gegen die Wände, sie zerdrücken, verrücken, umbrechen. Die auf den Dächern mußten als erstes dranglauben.

    Dächer schon überspühlt, Häuser verschlungen, das sturmgepeitschte Wasser die lüsternde Zunge jauchzend jaulend nach Höherem reckt, streckt, schleckt. Die Auslese beginnt.

    Unter den sich verkrampft Haltenden, von hektisch tanzenden, zuckenden Palmenruten blutig striemig Gegeißelten begann die Auslese:

    Die Schwachen für des Meeres Schlund.

    Die Starken für eine spätere Stund.

    Gnadenlos die Wellen sangen: Das Schwache muß vergehn. Und da! Die Welle stürzt der Moscheen Turm und mit sich reißt die sich in Sicherheit geglaubten Gläubigen, der nasse Tod ist ihnen gewiß. Oh, ihr frommen Narren, was sucht ihr auch Schutz auf morschem Gemäuer, dachte Pythia und den Ziemern der Palme ausgesetzt, vom Schmerz verklärt, sang sie das Lied vom Leben, das keinen morschen Schutz will:

  • Der Vogel sucht Zuflucht im grünen Geäst,
    dort baut er unterm Blätterdach sein Nest;
    Narren flüchten sich ins Gebet, zu Gottes Wort,
    dort, glauben sie, sei des rechten Schutzes rechter Ort.
    Der Starke schüttelt sich angewidert, der Weise den Kopf;
    beide meinen forsch:
    Der Vogel ist klüger, sein Ast ist nicht morsch.
    Der Starke denkt wenig,
    seine Arme sind sehnig,
    sein Herz ist weit,
    zum Leiden bereit.

    Der Weise denkt, Gott vertrauen,
    ist schwer zu verdauen,
    auf Gottes Wort bauen,
    ist der schlechteste Grundstein,
    ein solches Gemäuer ist nur Schein,
    fällt leicht ein.
    Lieber leg' ich mich selbst auf den Boden,
    stapel' darauf meine Soden,
    auf die Art entsteht ein Haus,
    kein Götterfluch verjagt mich daraus.
    - Liebt ihr das Leben,
    so gebt ihm keinen morschen Support,
    lehnt nicht an Gottes Wort,
    es bricht und ihr seid Gefallene,
    es hält und ihr seid ein Leben lang Getäuschte!
    - Liebt das Leben!
    Seid ihr müde, lehnt an dem Lebensbaum,
    und erholt euch in seinem Schattenraum.
    Ein morscher Baum ist ein toter,
    Erholung gibt es nicht darunter,
    der Lebensmüde nur lehnt dagegen
    und stürzt dann den Abhang hinunter,
    morscher Baum und morsche Beute,
    die Gläubigen - getäuschte Leute.

  • Oh, mutige, brave Pythia, an deine Palme gekrampft, abgerissen, gefetzt dein Kleid, ein runder Nackedei - du, aus roten Striemen hervorsickernd Blut, das unruhige Meer veredelnd, Wasser schluckend, am Wasser verschluckend, Gewürgte, sollst nicht sterben.

    Dunkle Nacht, das Wasser wild, der Sturm stark, der Regen stark, die Auslese streng. Dann gegen Morgen der Osten wie immer zu pünktlicher Stund die Sonne entläßt, langsam sie das böse Unwetter verdrängt, der Spuk verspukt.

    Unglücklich blickten die Hinterbliebenen auf die ruhige, blaue See, sehnsüchtig verlangten sie nach den trocknen Bergen am Horizont. Die traurige Bilanz der letzten Nacht: Die Seite der Schwachen überwog.

    Um die Mittagszeit litten die in Baumkronen Hockenden unter der heißen Sonne, nur Sramania, die schwimmen konnte, ließ sich ins Wasser plumsen, labte sich am süßen, erfrischenden Naß, nahm ihre Mahlzeiten von den Datteln und war froh, daß die Flut überstanden war. Jetzt brauchte man nur noch zu warten, bis das Wasser wieder abgeflossen oder versickert war, dann würde das Leben prächtiger denn je aufblühen, bis es wieder an Dürre verginge.

    Noch drei Nächte mußten die Leute auf ihrer unbequemen Zuflucht verbringen, dann am Morgen konnte man herabsteigen in das etwa drei Fuß tiefe Wasser. Vorsichtig, unsicher krochen die Menschen aus ihren Blättern hervor, ungern schienen sie sich von den Palmennestern zu trennen; sollten sie wirklich wieder auf festem Boden leben?

    Sie reckten ihre steifen, verkrampften Glieder, es schmerzte, sie rekelten, schüttelten sich, zu viele hatten sie zurückgelassen, sie wimmerten.

    Die steigende Sonne Hitze trägt, neuen Mut macht, das verwunschene Wasser in die Höhe zwingt und fortweht, den Feenfluch bricht, uns vom bösen Zauber erlöst und die Erde zurückgibt.

    Mit Tropenhitze das Wasser Abschied nahm. Menschenhäute Schweiß getränkt, Poren weit und weiß gedunsen, selber poröse Quellen wurden.

    Die Menschen, diese rubbeligen Schwämme, die Verschüchterten, Sicherheit unter den Füßen spürend, in steigender Sonne, mit sinkendem Wasser zu wachsendem Mut kamen, neue Kräfte fanden. Im Wasser stehend, watend, knieend, hockend, greifen, tasten, unter Matsch und Schlamm, zwischen den lehmigen Trümmern ihrer Hausungen nach den Resten ihrer Habe fahndend, sah man die tränenden, Zähne klappernden, zitternden Geschöpfe beschäftigt.

    Zweistöckige Steinhäuser standen, Wasser widerstanden, Wasser durchflossen, leer; Wasser schwere Truhen nicht tragen könnend, sie dem Besitzer ließ.

    Mit später Sonne das Wasser zum Himmel gestiegen, in Wolken nach Westen zog. Die schweren Wolken, die Wuchtigen, die burg-, berg-, turmartig hochragenden Riesenluftschiffe entließen aus schlitzartiger Öffnung die Sonnenscheibe, ließen sie sinken, ihre letzten Strahlen sollten die Stunde segnen, sollten heiligen, heilen. Doch die Menschen überbeschäftigt sahen das Schauspiel nicht, sie rannten, rafften, säuberten, schlugen Palmwedel für neue Hütten.

    Adjuna, das noch blinde Menschenkind in der dunklen Mutterhöhle, durch Sramanias Haut hindurch die Strahlen der sinkenden Sonne spürte, sie sehnsüchtig liebte, denn der Blumengarten mit der sanften Musik war wie alle Paradiese, Nach- und Zwischenwelten, wie das Jenseits überhaupt, sonnenleer gewesen. So er die Segenspendende mit heller Stimme segnete. Des Kindes heller Stimme Klang machte die Wiedergenesenden bang. Ach, hatten sie ja gelitten viel, wollten sie leiden nicht mehr - nie wieder, wollten vertreiben die Fremde, Teufelsbrut-Tragende.

    Da ließen sie Palmenwedel und Hüttenbau, ließen nasses Mehllager, Fladenbrot, Krümel, Krume, Brei und Matsch, griffen zu Knüppeln und Stangen.

    Sramania, die Flut hatte ihr nichts gelassen, alles fortgetragen, in ihrem bunten, zerrissenen Kleid sah die flackernden Augen, funkelnden Blicke; da wußte sie, diese Menschen hatten zu viel hinter sich, mehr erlitten als sie verkraften konnten; sie mußten irgendeine Rache nehmen. Die süße Glockenstimme aus ihrem Bauch war nur ein nichtiger - äußerer Anlaß; wegen einem zarten Ton machte man keinen Krieg höchstens Frieden.

    Schweren Leibes, wie sie war, rannte sie, zu retten sie beibe, sich und den unter strammen Muskeln strampelden Jungen. Am Rand der Oase bei den letzten Bäumen, als sie das weite, freie Wüstenfeld vor sich sah, ihre haßerfüllten, nach Blut lechzenden Verfolger nur noch vom Willen zu töten geleitet, hatten nicht nachgelassen, waren beträchtlich näher gekommen, war es, daß sie stürzte, sich überkugelte und dann auf dem Rücken zu liegen kam. Da sah sie, die Verzerrten auf sich zu stürzen, wie Hypnotisierte. Sramania wußte, ihre letzte Hoffnung, die Zauberkraft ihrer Augen würde die Menschenwalzenwelle nicht stoppen können. Mutlos blickte sie auf ihre leeren Hände.

    Adjuna, der einst unbesiegbare Kshatriya, der Pandavakrieger, besorgt um die Mutter, der er so viel Kummer bereitet hatte, anbetend den Geist seines alten Acharyas Sri Vyasa, trennte sich vom schwachen Kinderleib und kroch Sramanias Wirbelknochen hoch bis hin zu ihrem Lotuszentrum.

    Da fühlte sich Sramania in ihrem eigenen Körper zur Seite gedrängt. "Komm, geh' mal zur Seite! Das hier schaffst du nicht." Und dann schwebte sie über sich, sah sich selbst unter sich liegen. Die ersten hatten ihren Körper erreicht, zum Schlag ausgeholt, ihn zu zerhacken. Plötzlich schnellte ihr Körper, wie von einer Feder gespannt, hoch, der Schlag glitt am schrägen Arm ins Leere ab. Dann wirbelte ihr Körper herum, brach im Drehen den Männerarm, tanzte, tänzelte, Arme schwingend, stoßend, drehend, dreschend, weiter; Köpfe krachend, überdreht, überspannt, die Opfer fallen links und rechts; Yama-Raja selbst, der Sensenmann, hätte nicht schneller mähen können.

    Tausendarmig, tausendfüßig der runde Frauenleib zwischen den Männern flatterte, den Gegnern von allen Seiten Hände, Füße, Ellbogen entgegenwarf, mal hoch über sie flog und mit spitzer Hacke die Schädeldecke zertrat, mal sie hoch über sich schleuderte, im Runterkrachen die Vermählung mit der Erde tödlich, zerbrochene Kreaturen. Knüppel splitterten, Brustkörbe brachen, Bäuche platzten.

    So kämpfte Adjuna im fremden Frauenleib, Mantras murmelnd, Worte der Macht, heldenhaft wie einst gegen Asuras- und Raakshasashorden und gegen die Kauravasarmee. Stählerner Wille, stählerne Kraft, locker die Arme nach vorn-seitswärts-hinten schnellten, zauberhaft schnell, unsichtbar schnell wie Schlangenzungen, Insektenflügel, dann mit ausgepreßter Atemluft Dampfhämmern gleich zustoßend.

    Die Feinde, von der zornig strafenden Frau geschlagen, bald schrecklich schreiend flohen.

    Mit einem Hasenherz treibe keinen Scherz; der Edle lieber vergeht, als in Scham weiterbesteht, so hieß die ritterliche Regel in feinen Kshatriyakreisen: Siehst du einen Fliehenden, schüttel dich in Scham, laß ihn, erhebe dein Schwert nur gegen den Angreifer und nie gegen Feig- und Schwächlinge.

  • Dem Feinen keinen Feigen zum Feind,
    dem Feigen keinen Feinen zum Freund.
  • Als es wieder still geworden war, die Wüste unter sternklarem Himmel schweigend lag, glitt Adjuna wieder hinunter in den schlummernden Jungen. Da fühlte sich Sramania, wie von einem Wirbel, Strudel durch eine dunkle Höhle, dunklen Tunnel gepreßt, gesogen, in ihren alten Körper zurückgezogen, zurückgestoßen. Der selig schwebende, körperlose Zustand der Zwischenwelt, in der die Gerade-Verstorbenen zu Hause waren, war zu Ende. Sie fühlte wieder Schmerz: erschöpfte, verzerrte Muskeln, verkrampfte Hände, zerschundene Haut, müde, verkaterte Beine, schlimmer als nach drei durchtanzten Nächten. Aber sie spürte auch die erfrischende, kühle Abendluft, Atemluft, den Odem wieder.

    Ja, am Atem merkt man als erstes, da man wieder lebt, das Heben und Senken der Brust, das ständige Verlagen, die Umgebung in sich hineinzuziehen und durch den Körper streifen zu lassen, durch Röhrchen und Bläßchen; dann wieder ausstoßen und neu einziehen; wie oft geschieht es achtlos? Nur der im Wasser oder in der Zwischenwelt Tauchende wird sich bei seiner Rückkehr für einen Augenblick bewußt, daß die Luft seine wichtigste Nahrung ist, erst viel später wird er erst den Durst und dann den Hunger in seinem Bauch verspüren.

    Doch - ach, wie oft verschmutzt sich der Mensch diese seine wichtigste Nahrung! Aber die Natur rächt sich, der Mensch muß den Dreck mit seinem Körper filtern; der Dreck setzt sich fest in seinem Innersten, steigt von der Lunge hoch in seinen Kopf, in sein Gehirn, in seine Gedanken, verdirbt ihn, macht ihn krank an Leib und Seele wie die in ihren rauchig-staubigen Dunstwolken lebenden Städter, macht ihn zum Feind von Schönheit, Klarheit und Glück, zum bedauernswerten Krüppel.

    Die kühle, reine Nachtluft gab Sramania neuen Mut, neues Leben und die Kraft, die müden, übermüden Beine voreinander zu setzen, sich fortzuschleppen, dem gefährlich frommen, mit Gotteseinfalt gesegneten Ort den Rücken zuzudrehen. Nun hätte das alte Göttlein 'Niemand-Sei-Neben-Mir' mich doch beinahe als Hexe erschlagen sehen, dachte Sramania im Weggehen, aber diese Rache ist ihm nicht gelungen. Das machte ihr Herz leicht, stolzer und fröhlicher und auch etwas spöttisch, mit kräftigerem Schritt wanderte sie weiter durch die Nacht, immer tief atmend, den Segen der Luft saugend, den die feigen Gottesanbeter so fürchteten, und vor dem sie in ihre dunklen, Weihrauch geschwängerten Höhlen flüchteten.

    Oh, ihr dunklen Maulwurfgeister! Laßt doch Höhle Höhle sein und Gott Gott! Kommt an die Luft, atmet endlich frei, laßt Rauch und böse Geister!

    Unter Sramanias Schritt knirschte der Sand von Feuchtigkeit gesättigt, über ihrem Haupt wölbte sich der schwarze Himmel mit seinen zart strahlenden Leuchten, den Sternen.

    Die Sterne, diese weiten Welten, diese Wegweiser der Einsamen, können sie uns auch nicht die Zukunft zeigen, so zeigen sie doch wenigstens dem Wanderer den Weg aus der Wüste, dem Schiffer den Weg durch Wellenberge, dachte unsere weisheit- und erkenntnisschwangere Pythia feuchten Auges, in einem Schauer bedeutungsloser Winzigkeit befangen.

    Über ihr wand sich der Drache, feurig funkelnd seine Augen, schnaufend herabblickend, die Nüstern offen, gewundenen Leibes; Luchs, Bär und kleines Reiterlein umgaben ihn, die Krone, Gemma, neben Herkules der Schlangenträger schlangenumrankt, Ras Algethi, Ras Alhague, Unuk, Schütze, Atair, der Adler Pfeil gestochen, Walfisch, Widder, Wassermann, glitzernd die Fische, das geflügelte Roß Pegasus, Perseus, die Eridanuskette, Andromeda. Den Norden zeigt der Nordstern; ihm folgen zum milden Meer!

    Sramania sah nicht, wohin sie trat, nur die fernen Welten am mondlosen Nachthimmel leiteten sie mit ihrer klar blinkenden Helligkeit, dazu das Aufleuchten, der in die schwere Erdenluft eintauchenden Himmelssteine, ein kurzes Dasein, ein strahlendes Verzischen. Der Erdboden selbst versteckte sich in Dunkelheit, hier strahlte kein Stein, kein Sand, in Schwärze verschwand alles. Ein wie im All fliegendes Gefühl beflügelte die jetzt Fröstelnde.

    Ihre Sinne entfalteten sich, sie nahm süße Wesen wahr, die sie umschwirrten und mit süßer Musik umgaben. Nicht aus weiten Fernen, aus ihrem eigenen Lotuszentrum kamen diese Engel und aus ihrem eigenen Lotuszentrum trugen sie ein Licht, ein warmes, zartes Licht, ein Licht, das Sramania nie vorher gesehen hatte, und stellten es weit vor sie. Laß es dein Ziel sein, dich mit diesem Licht zu vereinigen, sangen die Läuternden, doch Füße und Fleisch können dich nicht zu ihm tragen, geduldige dich, bis du selbst ein Lämpchen sein wirst.

    Spät in der Nacht, als die Wasserschlange schon im Westen versunken war, sackte sie erschöpft nieder auf den kühlen, taufeuchten Wüstenboden, der Sand klebte an ihrem Rücken und den Schenkeln, die kleinen Steine stachen und pickten in ihren Wunden, doch bald fielen ihr die Augen zu und sie fühlte nichts mehr.

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