Am nächsten Morgen die vor Hitze Erwachte, Schweißdampf-Umhüllte, Sonnenglut-Geblendete auf einer märchengrünen Wiese lag. Von den Pflanzen naschte sie; saftige Gräser, vollgesaugtes Blattdorn und Stachelfrüchtchen.

Für ihren Durst gab es noch Wasser im Boden; sie brauchte nur ein bißchen im Sand zu scharren und schon floß die Flüssigkeit im Loch zusammen. Aus Halmen floch sie sich ein Tuch als Sonnenschutz, dann setzte sie ihren Weg gen Norden fort. Grüne Weite, grüne Breite; wiegende Gräser, wellendes Grün; regenbesiegte Wüste, lebenbesiegte Wüste.

Sie wanderte eine Woche. Das Kraut wucherte immer üppiger, wurde zäher, verfärbte sich ins Dunkelgrün, hier und da streckten sich Knospenköpfe hervor, einige warfen schon ihre Blütenlippen lüsternd auf, sprühten lockend Duft um sich, versprühten sich, verblühten klagend: Ach, kurz ist die Zeit nur zwischen Auf- und Untergang im Wüstenland. Das Wasser verkroch sich langsam immer tiefer in den verkrusteten Boden; für ihr Wasserloch mußte Sramania jetzt ihre Finger kräftig in die Erde graben, in den Boden bohren, schlagen, wühlen.

In der zweiten Woche gab es dann eine strahlende Blütenpracht und die Insektenplage begann.

In der dritten Woche kam Sramania an einem von der Flut völlig zerstörten Dorf vorbei. Nur stinkende Leichen, Mensch- und Tierkadaver, naschende Geier, vom überreichen Tisch übersättigt, lustlos, lahm geworden, surrende Schwärme, Fliegen, Fliegen, Mücken, Mücken, gab es überall. Aber in der Nähe stand auch hinter einem Dünenwall ein Wäldchen, im Winde Wipfel wippend, Dattelpalmen, die reife Früchte trugen, wahrhaft nahrhaft, Süßspeise für Wüstenwanderschaft.

Ihr, Datteln, seid nicht stur; bin geboren, habe überlebt, denn einen Erlöser gebären, ist meine Pflicht, und ihr sollt uns Mundvorrat, Wegzehr sein.

In der vierten Woche wurde das Land von heißen Stürmen überrollt.

Nach fünf Wochen waren die Pflanzen bereits wieder verdorrt, waren wüstenbraungeldes Heu, manche Blätter herbstlich farbig anmutend, manche von der brennenden Hitze grausam versengelt.

Seit der sechsten Woche wanderte unsere Pythia nur noch nachts, gegen Morgen begann sie dann nach Wasser zu graben, was jetzt Stunden dauerte; den heißen Tag über schlief sie in dem kühlen Loch, mit sinkender Sonne brach sie auf. Nachts war sie nie allein, Engel umgaben sie, fremde Wesen, und die sie doch selbst war, und die sie deshalb wie ein Forscher neugierig, furchtlos begrüßte.

Oh, ihr Engel, seid ihr mir auch kostbare und liebe Begleiter, jetzt, wo ihr die Blütenblätter meiner Lotus hinuntergerutscht seid, und neben mir herschwebt; ich wünschte, ihr wäret deutlicher. Die schlimmste Geißel der Menschheit ist nicht die Pest, die Seuche, nicht die Natur mit ihren Fluten, Stürmen, Erdbeben, ihr Schaden ist nur wie eine zerbrochene Vase beim Großreinemachen, sondern das Übernatürliche, und die kranken Menschenhirne, die es nicht verkraften können, und deshalb zum Religionsstifter werden - und zum Brandstifter an Redlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Menschenglück und -leben. Wer da schwächlich von Natur, krank im Kopf, aber noch Mensch, in Dunkelheit und Einsamkeit Engel oder gar Götter oder Gott erkennt, und Zweifel an der Erkenntnis nicht kennt, müßte der nicht in seiner Einfältigkeit ein Gläubiger werden, durch seine übernatürliche Begegnung von den Mitmenschen entrückt, eingebildet, seiner Menschenhülle überdrüssig, an Rasse- und Artgenossen rachsüchtig werden und in seiner Menschenverachtung alles Menschliche verderben, zum Weihrauch schnüffelnden, vermummten, die Fröhlichen verfluchenden Höhlenhanswurst herabsinken? Die Engel wußten keine Antwort, sie sagten nur: "Alles liegt bei Euch."

In der siebenten Woche mußte Sramania durch ein Felsengebirge. Nun, hoffte sie, ist das Meer nicht mehr weit. Aber sehen konnte man es von den Bergen aus nicht. Und sie erzählte ihrem Sohn vom Meer, von den Fischern, wie sie mit kleinen Booten hinausfuhren, und von den Händlern, die ihre Waren von weither holten und viel zu erzählen wußten.

Das Meer verbindet die Menschen miteinander, war am Meer wohnt, weiß um die Verschiedenheit der Menschen und auch um ihre Gemeinsamkeiten.

Aber das Meer kennt keine Vorurteile, kein Gut und Böse, wahllos grollt es, wahllos schont es, die bleichen Völker ließ es über seinen Rücken fahren, ebenso wie es die Haie in seinem Innern duldet, fließendes Blut verdünnt es gleichgültig. Das Meer gibt auch, oder läßt sich entreißen, Fische, Muscheln, Perlen, Salz und Regenwolken; wenn es selbst einmal entreißt, so ist es ohne böse Absicht.

Wer das Meer befährt, der liebt es, und wer von den Seefahrern es nicht liebt, tut es nicht, weil er zuviel Ehrfurcht vor ihm hat und mit seinen Gefühlen nicht so aufdringlich sein mag.

Aber in dieser Zeit ist das Meer wie Luft und Land auch krank, krank an Menschenwerk, Menschentat und Menschenüberschuß. Der Sumpfquell, die Schmarotzernester, die platzenden Eiterblasen der Erdenhaut tropfen, träufeln, plumpsen, plumpskloen beständig ihre braunschwarzen, pech- und gallefarbigen, mischmaschmatschig-giftigen, breiig-ekeligen, übelriechenden Eitertropfen aus Kotkloaken in den silberblauen Riesenleib und verderben seine Reinlichkeit - die letzte, große Reinlichkeit.

Lieber Sohn, es gibt Leute, die wohnen weit oben an Schneebergen in ihren Höhlen, selten verlassen sie die kalte Felsengrotte - nur alle paar Tage, um das Blatt einer Brennessel zu brechen, welches ihnen Nahrung sein soll; trotz des engen Raumes sind sie die Männer der großen Freiheit und sie tragen eine große Reinlichkeit in sich, eine schmutzaufsaugende Reinlichkeit wie das Meer. Geh' zu ihnen, wenn Schmutz an dir kleben blieb! Ihre Berge liegen gen Osten.

Eine andere Freiheit, eine ganz andere Freiheit als bei diesen Weisen findest du auf dem Meer, wenn du dir ein Schiff baust, Schiffer wirst; es ist die Freiheit zu kommen und zu gehen, wann du willst. Wenn der Schiffer die Segel hochzieht, hat er die Wahl, kann fahren, wohin er will; er reist wirklich überall, das Meer trägt ihn. Unsereiner tritt nur Staub und läuft sich die Beine lahm und die Füße wund, es ist höchstens, daß eine alte Kassandra wie ich ihren Geist um die Welt schickt, doch der sieht nicht wie mit Augen. Die Füße tragen niemanden so weit wie das Meer, auch wenn man sein Leben lang läuft, wandert, läuft.

Das Meer unter dem Schiffer ist ihm nicht nur Wanderweg oder Fahrrinne, sondern auch Mutter, Mutterbusen, Spielwiese, Gespielin, Göttin oder Gott oder zumindest Lehrmeister und am Ende endlich auch Grab. Er besingt das Meer wie andere eine Geliebte, ja, viele Lieder weiß er zu singen auf sie, seine See, seine Heimat, von der er sich verwöhnt, verschaukelt, durchgeschaukelt fühlt. Geht er an Land, ist er ein Schwankender, unsicher bewegt er sich auf dem festen Boden, lieber ein bißchen breitbeinig zur Sicherheit wie auf dem Meer, wo er seine harte Erziehung erhielt. Er verachtet die Landbewohner, die nicht den Rachen des Meeres, das Beinahe-Verschlungen-Werden, den Abgrund am Wellenkamm, die Tiefe kennen. Nichts ist ihm so zuwider wie das Feste, das Feste ist für die ängstlichen Zuckerjungen, die keine schwimmenden Werte wollen, sondern nur feste Prinzipien von vorgestern, die sie noch bis übermorgen hinüberretten, wenn sie ihnen niemand zerschlägt.

Wellenberge ändern ständig ihre Form, weil das Meer nicht an eine Form glaubt, nicht einfältig Ewigkeit fordert, dafür kommt es zu weit rum; Die Felsengebirge dagegen türmen sich mächtig auf, wollen Ewigkeit predigen, und sind doch nur ein Hindernis. Schickt das Meer Wolken - regnen sich ab - schneiden eine Schlucht, das mächtige Massiv bröckelt, bricht, flacht ab, wird immer zugänglicher und ist und bleibt im Innern doch immer noch das alte Monster Hindernis.

Manch einer mag sich an ihm versuchen, dachte Sramania, während sie über die spitzen Steine stieg. Oh, scharf wie ein Raubtiergebiß.

  • Eine Woche verging, verrann,
    überwunden den Grat,
    G'röll und Felsenhang,
    zerschunden sie endlich wieder die Ebene betrat;
    Staub und welkes Laub.
  • Eine letzte, halbmondförmige Felsenzunge ragte hervor, Schatten spendend; der braunrote, blanke Fels silbern schillerte. Rissig das Gestein und porig. Eine Wasserader hier vom Gebirge in die Tiefe ging. Kein Kameltreiber würde daran vorübergehen, ohne Rast und ohne seine Schläuche zu füllen, das wußte Sramania, denn einst hatte sie von Nomaden gehört, wie man an der Farbe des Gesteins eine verborgene Quelle entdeckte. Man brauchte nur mit kräftigen Schlägen anzuklopfen, den Außenfels zerschlagen, sprengen und schon bahnte man dem Wasser einen Weg ins Freie. Oh, köstliches Wasser!

    Da ist ja auch schon ein Stab, dachte sie erfreut. Doch, ach, verflixter Irrtum! Er bewegt sich! Eine Schlange! Wie oft schon mögen schlafende Schlangen Menschen so erschreckt haben? Und ihr fiel jener arme Pharao ein, dessen Geduld man einst auf so schändliche Art mißbraucht hatte. Mit einem Stein brach sie dann die Ader auf, denn Holz fand man selten hier. Schon sprudelte es hervor - spärlich, das Volk Israel hätte lange schlangenstehen müssen, aber genug für einen Einzelnen.

    Während sie trank, mußte sie Moses und Aarons gedenken, wie sie sich vom ihrem Herrn das Haderwasser hatten abringen müssen. Wären sie und ihr Volk nicht so hochmütig, ihres Gottes wegen nicht so selbst überzeugt und anmaßend zu den anderen Völkern gewesen, hätten sie die Kunst des Wasserfindens in der Wüste vielleicht auf ihrem Weg bei einem Wüstenstamm gelernt, das wäre sicher billiger gewesen, das Leben hätte es wohl nicht gekostet, nur ein Hadergott verkauft so teuer.

    Lieber Sohn, ich möchte dir jetzt von uns Frauen und von den Männern erzählen; wer weiß, vielleicht habe ich später keine Zeit mehr dazu, denn eine dunkle Ahnung befällt mich.

    Wohl bei manchem Manne habe ich gelegen, und waren es auch die besten, stärksten und ärgsten, so waren sie doch nur Kinder ihrer Zeit, angenagt und kleinlich. Immer wollten sie verstanden werden, immer fragten sie nach Gründen, immer brauchten sie Gründe, fehlte ihnen doch der Mut zum Grundlosen. Früher einmal fühlte die Frau den starken Arm des Mannes und sich sicher. Heute sind die Männer Memmen und die Weiber herrenlos zu 'tollen Minnas', Hyänen geworden. Oh, in den Städten - wie sehr vermißt das Weibervolk den Mann, amokläuft es, selbst zum Manne wird es - will es werden, doch es gelingt ihm nicht; es gelingt ihm zwar, großartig männliche Laster wie Saufen, Schmöken und Rumbrüllen, wie die primitivsten es tun, zu kopieren, doch Tiefsinnigkeit, Rechtschaffenheit und Redlichkeit gegen über der Erkenntnis, dem Leben und dem Dasein fehlen ihm, aber es ist gerade dieses fast allen Frauen Unmögliche, was das Wirklich-Männliche ausmacht, dieses Pflichtgefühl dem Leben gegenüber, das ihr Männer eben nicht nur geschenkt bekommen haben möchtet; die unteren Ränge denken da natürlich immer oberflächlicher.

    Uns Frauen ist es eine Freude, beschenkt zu werden, und eine Tugend, ein nettes Gesicht, eine zärtliche Miene dazu zu machen, aber ihr Männer müßt euch alles erkämpfen, entreißen, wenn es euch Befriedigung bringen soll. Unser Verdienst und unsere Fähigkeiten sind die Genauigkeit in unserer Beziehung zur engsten Umgebung, die Zärtlichkeit, mit der wir unseren Mann und unsere Kinder umgeben, auf diesem Gebiet sind wir den Männern überlegen, die hier leicht nachlässig sind und auch sein müssen, weil sie sonst ihre männliche Gewissenhaftigkeit bei anderen Bereichen des Daseins einbüßen, denn der Mann beherrscht die Welt, herrscht und forscht, und erst wenn es Abend wird, kommt er zu uns. Doch selbst diese Rückkehr, dieses Ruhen an unserer Seite ist noch ein Entdecken, ein Sich-Selbst-Kennenlernen des Mannes, denn wir öffnen ihm die Tür zu seinem Innern. Ob er bei uns ruht oder uns packt und plagt, unseren Körper zerwühlt, zerreißt, uns beißt, wir sind immer ein Seelenspiegel für das Weibliche im Manne.

    Die Männer mutverloren heutzutage vor den Frauen stehen und zittern vor Frauenwort mit feuchten Augen, trübe nur in den Spiegel sehen, trübe scheint das Mannsbild, Antlitz, Gegenwart und Aussicht. Mancher Frau ging der Herr verloren, und herrenlos irrt sie umher. Manch einer wurde schon ein Knecht geboren, und jetzt stolziert sie als Gebieterin umher. Doch noch unsicher führt sie die Peitsche, entreißt sie ihr und ihr macht sie glücklich.

    Mut, lieber Sohn, ist die Kraft, die uns vorwärts treibt, geradeaus, rauf und runter, ja - in den Untergang treibt sie uns auch, ja, gerade dorthin. Lieber Untergang als Mittelmäßigkeit, spricht der Mutige in seiner Bescheidenheit, wie der Feige die Mittelmäßigkeit in seinem Hochmut wählt.

    Der Mensch wäre noch ein Wurm, hätte er nicht den Mut gehabt, der ihn die Stufen hochtrieb, und die Leiter ist noch lange nicht zu Ende; so strebe weiter, für den Einzelnen ist es ein Lotto, für die Menschheit ein Gewinn. Wie eine Weisheit aus dem fernen Land der Mitte lautet: Wer nicht in des Löwen Höhle geht, kann keine Löwenkinder gebären.1 Du aber wirst ein Löwenjunges sein; verleugne deine Väter nicht!

    1 Bei dieser Formulierung ist mir ein Mißverständnis unterlaufen. Richtig heißt das Sprichwort bloß: "Wer nicht in des Löwen Höhle geht, kann keine Löwenjungen bekommen", womit 'fangen' gemeint ist.

    Lieber Sohn, ich bin müde schon und schwach, hier in den Schatten werde ich mich legen, ich fühle, bald wird die Zeit kommen, da ich gebären muß, und dann werde ich wohl Abschied nehmen, denn meine Kraft schwindet und der Tod ist nahe.

    Aber ich fürchte nicht des Todes Bahre.

    Ist meine Seele nicht nur in Fleisch gefangen, und das Fleisch nicht nur Fessel von Gier und Verlangen?

    In uns die Seerose, ihre Blüte langgestielt, über dem Wasser des uns alle verbindenden Urmeeres, unendlich, wellenlos, Schunjata, hinausragend, jedes ihrer Blütenblätter ist ein Baustein unserer Persönlichkeit, bunt sind sie und zahlreich, auf jedem sitzt ein Dämon, der ist Teufel und Gott zugleich; sie verblüht später als der Mensch, ja, erst nach dem Menschsein blüht sie richtig auf, denn erst nach dem Tod erscheinen von jedem Blatt die Dämonen und fordern Rechenschaft.

    Ich weiß, Sramanie, auch ich war tot - sogar lange. Doch nach dem Tode öffnet sich auch das Meer für uns, wir bedürfen der Oberfläche nicht mehr; wie sich die Blüte entfaltet, so entfalten wir uns auch erst dann ganz. Dann erst wird es geschehen, daß wir unser Leben verstehen.

    Da jeder sterben, sein Fleisch zurücklassen muß, ist die Kunst des Sterbens die wichtigste. Zuerst weiß der Tote nichts von seinem Tod, je stärker sein Begehren und Streben in dieser Welt, je später seine Bereitschaft, seinen neuen Zustand, das Totsein, anzunehmen; das Licht der Erlösung in der ersten Stunde scheint ihm nicht, weiter wird er von Gefühlen, Freuden und Leiden, gelenkt, geleitet, gegängelt werden; ein neuer Zyklus beginnt: die Nachwelt, welche eine Zwischenwelt ist. Dort ist er zuerst wieder ganz Kind, vom Herzen regiert, ein Neugeborenes, wie ein geborgenes Kind glücklich im Arm der Mutter, gutmütige Wesen, Dämonen, Götter, Lichter erscheinen, geben ihm immer wieder Chancen zur Erlösung, aber furchtsam er ist, hingezogen zur Welt, versagt er - dringt immer tiefer in die Nachwelt ein.

    Später dann erscheinen vom Gehirn die harten Gedanken, vom Gehirn aus erscheint der blutige Richter vor uns; es ist die Verantwortung, er ist unsere eigenste, innerste Verantwortung; vor den Gerechten werden wir von Ungeheuern gezerrt, gestoßen; mögen wir auch 'Unschuldig!' schreien, er läßt sich nicht beirren, erbarmen, nicht mehr täuschen, wohl stapelt er die weißen und die schwarzen Taten auf seine Waage; Abrechnung folgt. Wir müssen uns verantworten für unser Erdenleben, und wer nicht genügend vorzuweisen hat, der wird jetzt an seinen Vorwürfen zugrunde gehen, ja, es sind seine eigenen Vorwürfe, denn er, der Verstorbene, ist nicht nur der kleine, erbarmungswürdige Angeklagte, sondern auch der große Richter, der nur ein übermächtiges Traumbild, aus seinen innersten Gedanken hervorgegangen, ist. So geht er ins Jenseits, der Triebmensch, ein Täter, den Eindruck seiner Taten trägt er mit, schwer trägt er, und sich selbst steht er nun rede, es ist Erntezeit, und wer sich untreu wurde, der erntet Leiden, Höllenpein; unendlich lange Qualen erleidend, unfähig daran zu sterben, in der Qual reinigt er, Feuer macht ihn pur, reif für neue Erdenleben, dämonengejagt plumpst er in die Mutterhöhle und blind und dumpf, ein neuer Plumps aus ihrem Schoß; da liegt er und schreit und weint und weiß von nichts.

  • Dem Edlen und Tugendhaften es ähnlich ergeht,
    den Test er nicht besteht,
    seine Liebe war nur Verlang,
    sein Heldentum nur Zwang,
    hat er auch immer die Wahrheit gesprochen
    und nie einen Eid gebrochen,
    der Weg zur Erlösung ist ihm verwehrt,
    durch Sehnsucht gesperrt,
    vom roten Richter entlassen,
    kann ers nicht fassen,
    Engel ihn locken
    in den Blumengarten mit den sanften Glocken;
    dort nährt ihn zwar Götterspeise
    und glücklich ist er auf diese Weise,
    doch die Welt ging ihm verloren,
    erst spät wird er wiedergeboren.
    Während er da oben träumt,
    er viel versäumt,
    denn nur auf Erden
    kann man sich bewähren.
  • Des Menschen Seele, ein tiefer Brunnen, ein Leben lang nur hat der Brunnenrand, die Oberfläche geherrscht; das Tiefe ist tief vergraben, erst nach dem Tod erhält es Stimme und Macht, jetzt kommt das Tiefste mit seinen Schimären und rächt sich an nackter Seele und Menschenherz, der, der übermäßig gesündigt, fürchtet den Tod am meisten und das nicht nur, weil fromme Pfaffen ihm vom lieben Gott, vom jüngsten Gericht und von ewigen Höllenqualen erzählten; die Pfaffen aber redeten falsches Zeugnis wider gutes Wissen, denn würde man für ein kurzes Menschenleben mit ewigen Qualen bestraft, so wäre das ein Verbrechen, eine Sünde größer als alle Menschensünde.

  • Wer seine Tiefen versteht,
    leichten Herzens ins Jenseits hinübergeht.
  • Denn das Tiefste ist das alle Menschen verbindende Bewußtsein vom gemeinsamen Ziel. In seinem Tiefsten ist der Mensch nie Bösewicht, Rohling, Unmensch, sondern nur der innige Freund aller Dinge; sein Tiefstes befreit ihn immer wieder in der Zwischenwelt vom angehäuften Schmutz und setzt ihn gereinigt von neuem auf die Welt, bis es ihm eines Tages gelingt dem irdischen Genuß zu entsagen, dann aber ist er erlöst, das Rad der Geburten hält.

    Möge uns dieses Wissen versöhnlich stimmen mit der ganzen Welt und auch mit unseren Feinden!

    So soll es geschehen, mein Sohn! Doch was ist die Erlösung? Wie erreiche ich sie?

    Mit dem Tod der Atem zur Ruhe kommt, und mit dem Versiegen des Atemstromes sinkt die Lebenskraft in die Schüsseln Weisheit und Wissen, dort hinunter dämmert dir das klare Urlicht allen Seins, leuchtet die Erleuchtung, das Ungeformte, Ungefärbte, das Ungeschaffene und Unzerstörbare, das Unbedingte, das Unbeschreibliche, ja, jenseits von Form und Namen ist es.

    Suche die Vereinigung und der steile Pfad aufwärts beginnt, die Befreiung von den fünf Sinnen, von Gedanken und Denken, von Gefühlen und Fühlen, die Urform ist erreicht, der Zustand unendlicher Ruhe, erhaben über alle Paradiese und Welten. Kein Leichtes ist es, es tut not, viele Leben reinlich zu überleben, und nur dem Verstorbenen, der alle Träumereien aufgibt, abschüttelt, die Welt als Illusion, Schein und Trugbild entlarvt, und alle Lust als Lust verwirft, abwirft, wird es gelingen, das Licht zu erkennen und zu erreichen, wenn er ein Meister der Versenkung und Beherrschung ist.

    Der Mondscheinträumer hat es schwer, schwerer noch der Tageträumer, er entlarvt die Illusionen nicht; der Beutesüchtige, er hat es schwerer noch, er klebt an seiner Beute und in der Nachwelt kommt er nicht voran, als unglücklicher Geist huscht er unzählige Äonen um seine Beute, ungesättigt, von Hunger und Durst geplagt, gepeinigt von unbefriedbarer Gier und Lust.

    Dann endlich: Vor den schrecklichen Göttern seines rohen Triebes, diesen Spiegelbildern seiner letzten Gedanken in der Zwischenwelt, flieht der Verstorbene, ein Spielball von Trugbildern, in den feuchtwarmen Mutterleib, macht sich zum Sklaven von Unwissenheit, Fleischessucht.

    Doch fürchte die schrecklichen Götter nicht, sondern bete um Erlösung und auch noch hier auf dem Abwärtspfad zum nächsten Erdenleben ist ein Aufwärts, die Befreiung, Erlösung möglich. Denn so lehren die Engel doch: "Alles liegt bei euch."

    Als Adjuna gerade ausgesprochen hatte, durchzuckte Sramania ein Schmerz; die Wehen hatten eingesetzt. Jene Schmerzen, wegen denen Mütter ihre Kinder mehr liebten als Väter, denn man liebte das mehr, wofür man gelitten hatte, als das, was man umsonst bekam. Drum hüte sich der Mann, sich einer Frau zu schenken. Auch die kluge Frau haben ihre Bedenken.

  • Die Mutter dachte,
    "Jetzt ist es bald soweit."
    Adjuna still, fühlte der Mutter Schmerz,
    sagte sachte:
    "Ja, es ist Zeit."
  • Als Adjuna nun geboren war,
    begrüßte er zuerst das Tageslicht, die Sonne.
    "Denn solange ich auf Erden wandle,
    werde ich alles dir verdanken",
    sprach er zu sich selbst,
    "Mögen auch Höhlenheilige
    im Osten
    auf ihren Posten
    lehren ihre Gesänge,
    daß alles vergänge,
    die Sonne täusche unsere Sinne,
    sie ist ein Überfluß,
    erweist ihr keinen Gruß,
    enthaltet euch dem Genuß,
    das ist ein Muß,
    so der Mensch der Welt entrinne.
    Doch ich darüber anders sinne.
    Doch ich mit dir, Sonne, sympathisiere
    und dich, Erde, du Sonnenfrucht, akzeptiere."
  • So stand er da, der Adjuna, ein braunes Baby, ein kräftiges Kind, ein Kleinkind, in dem ein Gigant geisterte, ein Gigantengeist gärte, währte, weste, schlummerte, lungerte, lauerte.

    Man sah es nicht wirklich, aber die Elemente neigten, beugten sich tiefer als sonst bei Geburten, Sandkörner surrten, böse Geister knurrten und alle festlich reigten, freuten sich.

  • "Huldigung Dir, Du kleiner Knabe, Adjuna;
    Huldigung ihr, Deiner Mutter, Sramania.
    Ein langes Jahr hat sie getragen Dich,
    zwölf Monde nahmst Du Dir,
    bevor Du kamst zu uns hier.
    Viel Zeit braucht das Gute zum Reifen,
    niemand sollte darüber keifen.
    Alle lieben Deine Gaben,
    Dich, Du kleinen Knaben
    mit dem langen, wellig weichen Wuschelhaar
    und der Glanz so schwarz und schön.
    Viva, Adjuna,"
    klang es aus himmlischen Höhen
    und auch die irdischen Tiefen
    "Viva!" riefen.
  • Nach der Geburt sprach Sramania: "Ich bin müde und werde mich ein bißchen zum Schlafen niederlegen."

    "Nein, Mutter, schlafe nicht! Deine letzte Stunde auf dieser Welt bricht an. Willst du den Eintritt in die Nachwelt verschlafen!"

    So setzte sich Sramania aufrecht, ruhig atmend, in den Schatten des Felsen, reinigte ihre Gedanken, ließ den Gedankenfluß ebenmäßig fließen, sprach kein Wort mehr, sah kein Ding mehr, fühlte kein Gefühl mehr nur Frieden, bereitete sich auf die Begegnung mit dem Jenseits vor, saß so bis ihr ausgezehrten Körper in sich zusammensackte.

  • Doch Adjuna sang das Zauberlied vom Aufwärtsstieg:
  • Den Reif gebrochen,
    das Herz rein,
    frei von irdischem Sein.
    Die Sorgen verkrochen.
  • Den Kelch getrunken.
    Der Geist wolkenlos
    frei von schwerem Los.
    Das Wasser versunken.

    Den Pulsschlag gehalten,
    die Brust ohne Pochen,
    frei von Blutes Kochen.
    Das Leben am Erkalten.

  • Das Rad schweigt.
    Die Ernte verflossen,
    freie Erde unbegossen.
    Der Aufwärtssteig!
  • Als er sah, daß seine Mutter nun tot war, dachte er: Es ist ein schmaler Steg, der Paßweg, der aufwärts geht, wie die Weisen wissen, ein Seilkunststück, leicht kann man den Halt verlieren, es ist wie Nadeln auf Fäden balancieren.

    Die Mutter nie eine Seilkünstlerin war und oft lebte sie nur ihrer Triebnatur und stolperte und strauchelte und fiel.

    Noch einmal erhob Adjuna seine Stimme und sang sich, seiner Mutter und den Elementen und den Geistern, und wer sonst so in der Schwebe hing und hörte, das Lied von den Zwischenwelten:

  • Es gibt sieben Zwischenwelten,
    als Zustände haben sie zu gelten,
    die erfährt der Mensch in tiefer Unruh;
    so hört meinen Gesängen,
    daß sie euch bis dorthin klängen,
    andächtig zu.

    Die Vorwelt, ein Zustand von Ungewißheit im Mutterleibe,
    nicht eingeweiht in Weltenlauf und Lebensspurt
    verweilt gekrümmt
    das neue Erdenkind
    geborgen in seiner Bleibe
    so bis zur Geburt.

    Diese Welt, ein Zustand von Ungewißheit in Eitelkeit,
    mit Ignoranz gesegnet, blöde von Natur,
    verweilt er aufgerichtet stolz,
    der Mensch, doch was soll's,
    dauert seine Narrheit doch keine Ewigkeit
    so bis zum Tode nur.

    Die Traumwelt, ein Zustand von Ungewißheit in Traumabenteuern,
    dort sieht er nun lauter nie gesehne, seltsame Sachen,
    verweilt in seinem Innern
    der Schlafende ohne rechtes Erinnern
    jenseits von seinen Fassadengemäuern
    so bis zum Erwachen.

    Die Überwelt, ein Zustand von Ungewißheit in Versenkung, Verzückung,
    Gleichgewicht und Ausgleich sucht und schafft der Seilheld,
    verweilt in hohen Höh'n,
    der Guru so schön.
    Er bleibt in dieser Entrückung
    so bis zum Abstieg in unsere Welt.

    Die Sterbewelt, ein Zustand von Ungewißheit im Todesaugenblick,
    der Stille nun überwunden Todeskämpfe gleich,
    mit Verwirrung geschlagen,
    es kaum kann ertragen,
    beklagt er sein Geschick
    so bis zum Hinabsinken ins Totenreich.

    Die Zwischenwelt, ein Zustand von Ungewißheit im Jenseits,
    hier soll er nun Klarheit erreichen vorm Weitergehen;
    die Sünden getadelt,
    die Verdienste geadelt,
    hier ist er Engel nun und Angeklagter andererseits
    so bis zum Verstehen.

    Die Nachwelt, ein Zustand von Ungewißheit auf der Suche nach Wiedergeburt,
    er sieht sich paaren Mann und Weib,
    die Welt ihn anzieht mit starker Kraft,
    von Lust und Verlangen sich zu befreien, er nicht schafft,
    in Gedanken er schon wieder Laster lebt, hurtig hurt
    so bis zum Eintritt in den Mutterleib.

  • Adjuna nun niederkniete zur Totenwache1 und betete:

    1 Adjunas esoterische Totenlehre beruht auf dem Bardo Thödol, 'The Tibetan Book of the Dead'. 'The Egyptian Book of the Dead', der Papyrus von Ani, beschreibt jedoch ähnliche Anweisungen an die Toten und Nachwelterfahrungen.

  • Oh, edle, wohlgeborene Mutter, Du,
    höre mir gut und aufmerksam zu!
  • Erde sinkt in Wasser
    steif und blasser
    Wasser sinkt in Feuer
    klammkalt, fieberheiß, ungeheuer
    Feuer sinkt in Luft
    zerrissen, verpufft.
  • Die Seele in ihrer ungeformten Pracht aus der Dämmerung erwacht zu überraschender Helle, Antlitz zu Antlitz mit dem ungeformten Urlicht allen Seins, der Mutter-Vater-Quelle. Es dämmert zur Erleuchtung, Du stehst an der Schwelle. Wer das große Symbol nicht sieht, der große Körper der freundlichen Vereinigung ihm gewiß gewahr wird. Wie auch immer, wem auch immer und als was auch immer, er wird erscheinen, vertraue darauf, dem Biest als Leittier, dem Jungen als Mutter, dem Mädchen als Vater, dem Menschen als Heiliger, Engel, Gott, Vorbild; er dient allen fühlenden Wesen, wie sie sind unzählig an Zahl so wie der Himmel grenzenloses All; doch dieser große Körper der freundlichen Vereinigung ist auch ein Teil Deiner selbst, Du bist es selbst, der allem dient.

  • Liebe Mutter, wohlgeborene Du,
    höre mir gut zu.
  • Jetzt erfährst Du den klaren Lichtschein der Urwirklichkeit pur, rein.

    Erkenne ihn! Oh, wohlgeborene Edle, es ist Dein gegenwärtiger Gedanke, Geist in Wirklichkeit Leere, nicht gebildet in irgend etwas weder Eigenschaft, Farbe noch Form, eine wirkliche Leere, eine absolute Wirklichkeit, ein alles durchdringendes Göttliches. Es ist jetzt Dein eigener Gedanke, Geist Leere, doch nicht die Leere des Nichts, sondern es ist der Gedanke, Geist ohne Schranke, ungehindert scheinend, stahlend, glänzend durchdringend, schaurig, glückselig, wonnig das reine Bewußtsein, der Glanz des Erleuchtungslichts, das allen gute Göttliche. Dein eigenes reines Bewußtsein strahlend, leer, untrennbar mit dem großen Glanz vereint, jetzt auf Dich niederscheint, es kennt keine Geburt noch Tod, es ist das unveränderliche, ewige Über-Ich. Erkenne die leuchtende Leere als die Erlösung; suche die Vereinigung ewiglich. Masse, Menge, Form sind vergänglich nur; Erlösung ist die Leere, das Ungeborene, Ungeformte, Niegewordene, die aber ist ohne Ende und Anfang.

  • Reißt ein irdischer Gedanke Dich fort
    vom schönen, stahlenden Ort,
    steigst Du nieder,
    mußt Du tiefer, tiefer - tiefer
    und bist dann bald wieder
    auf Durchreise hier in dieser Welt.
  • Am nächsten Tag:

  • Du Noble;
    oh, edle, adelige Erhabene, Du,
    höre mir jetzt ungebrochenen Ohres zu.
  • Obwohl Dir gestern das klare Urlicht schien, warst Du nicht in der Lage, es zu halten, und so wanderst Du jetzt hier und zu tieferen Welten. Hast Du auch Deinen Körper wieder, er ist nur ein Wunschbild, eine Illusion, denn Du bist tot, aus dieser Welt; Du bist tot und der Tod kommt zu allen; klammere Dich nicht ans Leben, schleiche nicht in Schwäche hoffnungsvoll und sehnsüchtig um die leere Leiche; sie ist nur tote Masse, in seine Grundstoffe zurückkehrende Materie; und auch die Seele zerfällt - in Motionen. Wie Du Dich auch klammerst und kauerst, Du hast nicht die Kraft zu bleiben. Nutze die großartigen Möglichkeiten, Dein jetziges, schrankenloses, wolkenloses Sein!

    Siehe, es ist Frühling und Du bist jung wie die Natur!

  • Der Himmel tiefes Blau,
    die Erde so grün und frisch,
    das Wahrheitssymbol darüber wischt;
    ist es auch eine grelle Schau,
    mag es Dich blenden,
    Du sollst Dich nicht wenden.
    Frühlingsgewitter, Blitzeschimmer
    bitter brausen, immer schlimmer;
    tausend Donner auf einmal krachen,
    tausend Blitze züngelnd Dich entfachen.

    Fürchte Dich nicht!
    Es ist kein böses Gesicht;
    es ist die Mutter Wahrheit,
    die nach Dir schickt.
    Fürchte Dich nicht!

    Du bist nicht mehr Fleisch und Blut,
    nur ein Gedankenkörper irdischer Sehnsucht,
    immun gegen Gift;

    schon tot,
    kannst Du toter nicht werden,
    bist Du unfähig zu sterben.

  • Siehe, es ist Frühling und Du stehst auf einem Kreuzweg. Die Wege führen zu den Devas, zu den Pretas, zu den Asuras und zu den Menschen. Doch gehe keinen dieser Wege; die Devas sind himmlische Musikanten und leben in Blumengärten, die Pretas sind unglückliche Geister, Opfer ihrer Gier, die Asuras leben in ewiger Fehde und Kriegsführung, das ist ihr Schicksal, und gehst du zu den Menschen, so erleidest du alles, Musik, Blumengärten, unglückliche Gier, Fehde und Feindschaft, aber vor allem: Geburt, Krankheit, Alter und Tod.

  • Nur das klare, weiße Licht über Dir

    zeigt den rechten Weg von hier
    zu neuen Dimensionen
    fort von sangsarischen Sensationen
    und irdischen Illusionen.
  • Die Zeit die Tage aneinanderreiht,
    Tage Träume träge tragend treibt,
    das Ticken der Zeit Tage sich einverleibt,
    des Frühlings Schönheit entzweit.
    Wann kommt der Sonnen Herrlichkeit?
    Wann ist die Hitze so weit?
    Ah, der Sommer steht schon bereit!
    Oh, unerträgliche Hitze weit und breit!
  • Liebe Mutter, wohlgeborene, Du,
    höre mir ungebrochenen Ohres zu.
  • In der letzten Zeit warst Du in einem ohnmächtigen Taumel, jetzt erwachst Du und fragst: "Was ist passiert?"

    Siehe, es ist Sommer und unerträgliche Hitze steht über Dir. Die Materie in ihrer Urform, welche blaues Licht ist, erscheint Dir jetzt gleißend, blendend, aber Du wirst begehren das volle weiße Licht von den Devas, welches gemütlich und angenehm erscheint. Sei nicht erschreckt über das erhabene Blau, die blendende Schönheit, den göttlichen Schein - es ist das Licht von Tatagata, das ist der, der den selben Weg gegangen ist, nach Nirvana, er wird kommen, Dich zu empfangen, und vor den Hinterhalten der Nachwelt schützen. Folge dem blendend blauen Licht und Du kommst ins hervorragende Zentralreich, von dem es kein Zurückfallen mehr gibt!

    Am zweiten Sommertag erscheinen Dir trotz Deiner Gebete und Mühen neue Illusionen.

    Es ist die reine Form des Wassers spiegelklar, weißes, gleißendes Licht - es ist das Bewußtsein. Geichzeitig erscheint ein sattrauchiges Licht von der Hölle, das Ärger und Zorn anzieht, und den Zornigen mit. Gebe Dein ganzes Herz für das reine, weiße Licht, und Du wirst, von Regenbögen umgeben, ins östliche Reich des Glücks eingehen.

    Vom Juwelengeborenen langen am dritten Sommertag die Gunststrahlen mit ihren Haken in gleißendem Gelb nach Dir, gleichzeitig siehst Du den Lichtpfad zur Menschenwelt in lehmig gelber Farbe vor Dir. Folge ihm nicht, wende Dich ab von der Erdenfarbe! Gehe ins grelle Gelb, zum südlichen Reich der Pracht! Wenn aber Selbstsucht und Habsucht Dich führen, so gehst Du den Erdenweg und wirst wiedergeboren in der Menschenwelt und mußt erleiden Geburt, Krankheit, Alter und Tod.

    Der vierte heiße Sommertag bricht an; das reine Feuer in seiner Urform rotes Licht ist, und Dir den Weg ins rote, westliche Reich der Glückseligkeit zeigt. Fürchte nicht das herrliche, blendende, reine, rote Licht - es ist die Weisheit! Selbst wenn Du fliehst, das Licht der Gunst wird, untrennbar von Dir, Dir folgen. Fühle Dich nicht vom matten Rot der Preta-Welt angezogen, es ist die Welt der unglücklichen Geister, und die leiden unsagbaren Hunger und Durst, unstillbares Verlangen, fr Erlösung gibt es dort keine Zeit mehr.

    Am fünften Sommertag: Die teufliche Leidenschaft, Eifersucht, empfängt Dich nun mit trübem Schein, grünem Licht. Mit dem grellen, grünen Licht vom Element Luft, das den Weg zum grünen, nördlichen Reich der guten Taten zeigt, steht es Dir jetzt gegenüber. Gehe nicht in die trübgrüne Asura-Welt, unerträgliche Qualen, Leiden erwarten Dich dort, und ewiger Streit, Kampf und Krieg!

  • Oh, edle, wohlgeborene Mutter, Du,
    höre mir gut zu!
    Aus neuer Ohnmacht
    Du erwachst
    und siehe, es ist schon Herbst geworden,
    aber noch ist nichts verdorben.
  • Die Landschaft dunkles Grau, fleischfressende Rakshasas, Menschenfresser, Oger darüber jagen, Waffen tragen, "Schlag'! Schlag'! Schlachte!" schreien, Edles entweihen, jeder will der erste sein, das größte Stück sich entreißen. - Die Erscheinungen übermächtig, niederträchtig, Du erschrickst, in Angst erstickst; von den Bildern erdrückt, wirst Du halbverrückt. Erscheinungen, erscheinende Bilder von schrecklichen Wilden, Raubtieren, röchelnd, Rachen geöffnet weit; Schnee, Regen, Dunkelheit, nächtliche Böen; verfolgt von vielen Menschen, Verfolgungswahnvorstellungen; der Lärm stürzender Berge, gewaltig wütend überschäumende Seen, brausen, tosen, toben, donnern, Gebrüll, Getöse, Gedonner, Brausen von Feuer, Sturm kommt auf, die Flammen türmen sich auf. Beengt, bedrängt, wie ein nasser Fisch ins Feuer gehängt. So gehst Du durch Nacht, Lärm umhüllt, alles brüllt: Vom Erdenelement in Dir niederstürzende Berge lärmen, vom Wasserelement brechende Wellen eines Sturm gepeitschten Ozeans, vom Feuerelement ein brennender Wald, vom Element Luft tausend Donner. Dann vor Dir in nächtlicher Landschaft, gähnend tief sich auftuend - drei Abgründe. Fragt man sie nach ihrem Namen, so tönen sie herauf: "Ärger, Lust, Dummheit."

  • Stürze nicht hinunter ins bodenlose Getose!
    Der Weg herauf ist nicht zu fassen.
    Nur nach einer Ewigkeit
    ist das Loch bereit,
    Dich zu entlassen.
  • Es kommen kräftige Ungeheuer mit langen Armen, die packen Dich und schleppen Dich in eine hell erleuchtete Höhle, wo der rote Richter jetzt vor Dir ragt. Neben Dir steht ein weißes Engelchen und ein schwarzer Mara. Teufelchen und Engelchen mit Dir auf die Welt kam.

  • Vom hohen Thron es tönt,
    die beiden beginnen,
    die Waage zu füllen;
    schwarze Kiesel,
    weiße Kiesel
    rieseln in die Schalen.
    Der Meister in den Annalen
    blättert,
    das Gewissen wettert,
    Engelchen am Singen,
    Lobe erklingen,
    der Mara am Brüllen,
    von Deinem Bösen höhnt.
    Viel Schwarzes am Schmeißen
    ist der Mara.
    Wo bleiben die weißen,
    die guten Taten?
    Du willst betonen,
    man solle Dich schonen.
    In den Spiegel von Karma
    sieht der Richter Yama
    - des Gewissens Rückschau
    ist genau,
    und Du fühlst Dich hin- und hergerissen;
    wie gestochen von Hornissen,

    kriechst auf allen Vieren,
    bist am Lamentieren.
    Hirn ausgesaugt,
    Blut fließt laut.
    Unter kahlen Sohlen
    hat er Feuer befohlen.
    Doch in der Qual
    bleib' klar!
    ' bist nur ein Gedankenkörper ohne Blut,
    der nach Erde sich verzehrenden Glut,

    und der Richter nur eines Deiner Gesichter;
    laß' Dich nicht hetzen!
    Wisse, Leere kann Leere nicht verletzen,
    Nichts nicht Nichts!
  • Neue Ohnmacht
    dunkle Nacht
    nichts gedacht
    aus Schwärze erwacht
    eine frierende Gestalt
    schon alt
    auf der Landschaft kalt
    Winterwald
    kahle Bäume
    leere Räume
    verlorene Träume
    erfrorene Glieder
    sinkst nieder
    suchst Wärme
    findest Wärme
    nur im Leib
    beim Weib
    Ende der Öde
    Mutterhöhle.
  •  

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