Bericht aus Japan

Am 27. Sept. 1945 gab der Kaiser Hirohito im Hauptquatier der Besatzung folgende Erklärung ab: "Ich bin zu Ihnen, General MacArthur, gekommen, um mich der Gerichtbarkeit der Mächte, die Sie repräsentieren, als der allein Verantwortliche für jede politische und militärische Entscheidung und Aktion, die im Verlauf des Krieges gefällt wurde, zu übergeben." Und am Neujahrstag 1946 sagte er sich öffentlich von seiner Göttlichkeit los. (Ach, könnten die anderen Götter doch auch so einfach abdanken!)

Wer Gläubige kennt, weiß, daß sie manchmal wenig darum geben, was ihre Götter sagen. Das ist beim Papst so, der sich geschmeichelt fühlt, wenn man ihn 'heiligen Vater' nennt, obwohl es in Mt. 23; 9 heißt: "Niemanden auf Erden sollt ihr Vater heißen, denn einer ist euer Vater, der im Himmel." Und das ist auch hier so: Bei der letzten Unterhauswahl, als jedem Kandidaten, auch dem aussichtslosesten, demokratisch vorbildlich im Fernsehen 15 Minuten Sendezeit zum Vorstellen eingeräumt wurde, konnten wir erleben, wie so ein aussichtsloser Kandidat immer wieder seine Handflächen zum Gebet zusammenhielt und darauf bestand, daß der Tenno ein Gott sei. (Ich hatte den ganzen Fez zuerst irrtümlich für Satire gehalten.)

Kriminell reagieren die Yakuzas, das organisierte Verbrechertum, dessen autoritäre Strukturen absoluten Gehorsam und einen absoluten Gott erfordern, auf jede Kritik am Tenno. Eine Zeitungsredaktion, die zu früh Vermutungen über eine Krebserkrankung des alten Tennos angestellt hatte, wurde Opfer eines rechtsradikalen Angriffs. Später wurde der Tenno zwar wegen Krebs am Zwölffingerdarm operiert, aber ihm wurde keine chemotherapeutischen Medikamente gegeben, weil es mit seiner Ehre (?) nicht vereinbar sei. (Ich hatte schon in Erwägung gezogen, den kaiserlichen Haushalt wegen unterlassener Hilfeleistung anzuzeigen.)

Während der Kaiser todkrank im Bett lag, hörte man immer wieder von christlichen Organisationen und Demonstrationen, die vom Tenno verlangten, daß er sich für den Zweiten Weltkrieg entschuldige. Als er dann tot war, nahmen die Aktivitäten der Christen, sie stellen etwa 1% der Bevölkerung, noch zu. Jetzt wollte man das schintoistische Begräbnis des Tennos, das nach Meinung der Christen gegen das Prinzip der Trennung von Staat und Religion verstieß, verhindern. Wenn sich die Familie des Tennos für eine christliche Beerdigung entschieden hätte, wären den Christen zweifellos andere Rechte eingefallen. Die Demonstrationen wurden zum Teil von ausländischen Missionaren organisiert. Von japanischer Tradition hielten sie offensichtlich wenig, was ich besonders interessant finde, angesichts der Tatsache, daß die Kirchen gerade jetzt in osteuropäischen Ländern Zugang zu Schulen, Krankenhäusern und Militär fordern, um ihre traditionelle Rolle wahrnehmen zu können. Aber natürlich: Tradition wird nur geachtet, wenn es die eigene ist.

Immer wieder umgingen führende Politiker, wenn sie von der linken Opposition nach der Verantwortlichkeit des Tennos für den Krieg gefragt wurden, eine klare Antwort. Der Bürgermeister von Nagasaki, Hitoshi Motoshima, ein Katholik, machte eine Ausnahme und erklärte am 7. Dez. 88, daß er den Tenno zumindest für mitschuldig am Zweiten Weltkrieg halte, denn alles geschah im Namen des Tennos. Außerdem, beklagte er sich, sei er als Katholik damals diskriminiert worden. Allerdings muß man hier anführen, daß er es in normaler Zeit zum Offizier brachte und als Rekrutenausbilder selbst nicht unschuldig am Krieg sein dürfte. Für seine Äußerung erntete er den Haß aller Rechtsradikalen. Man schwor, ihn nach der einjährigen Trauerzeit umzubringen. Am 18. Jan. 90, also nur 11 Tage nach Ablauf der Trauerzeit, feuerte Kazumi Tajiri aus nächster Nähe drei Schüsse auf den Bürgermeister ab. Tajiri und seine Leute hatten sich moralisch über Motoshimas Äußerung entrüstet, aber gleichzeitig konnten sie, wie die Polizei später feststellte, eine über 80jährige Hauswirtin bedenkenlos einschüchtern, daß sie seit 8 Jahren nicht wagte, von ihnen Miete zu fordern.

Außerdem haben sie völlig ignoriert, daß wie der alte Tenno schon sich der neue Tenno, wenn immer möglich, gegen Gewalt, aber für Demokratie und Meinungsfreiheit ausspricht.

Auf einer Pressekonferenz anläßlich seines 30. Geburtstags verurteilte der Kronprinz sogar mit noch schärferen Worten die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch Gewalt und die Rechtsradikalen und sagte selbst, daß sein Großvater Verantwortung für den Krieg trage.

Der Bürgermeister überlebte zum Glück die Schußverletzungen, und Japan hat einen lebenden Märtyrer der Meinungsfreiheit, ebenso die katholische Kirche.

Als der Italiener Gianni Palma, der die Buchrechte für die japanische Übersetzung der "Satanischen Verse" erworben hatte, Rushdies Buch mit Hilfe des Herausgebers Shinsensha den Japanern zugänglich machte, lag es nahe, die japanische Ausgabe dem Bürgermeister Motoshima zu widmen. Gegen diese Widmung hat sich der Bürgermeister aus verschiedenen Gründen verwahrt: Einmal möchte er nicht, daß sein Name für Geschäftemachereien mißbraucht wird, dann ist er noch gegen Blasphemie und außerdem hat seine Stadt, Nagasaki, gute 'Handelsbeziehungen' (ein Euphemismus für Geschäftemacherei) mit dem Iran.

Natürlich kann man auch hier nicht einfach die Satanischen Verse veröffentlichen, ohne daß die (meist ausländischen) Moslems (etwa 30 000 in ganz Japan) Mord und Totschlag schreien. Da die Moslems bei einer früheren Demonstration (etwa 200 Teilnehmer) vor der britischen Botschaft, obwohl sie "Death for Rushdie" brüllten, zumindest in den englischsprachigen Medien eine gute Presse bekamen, voller Verständnis für die verletzten religiösen Gefühle, ging ich diesmal (12. Feb. 90) mit meinem eigenen Schild zur Demonstration. Auf der einen Seite stand "Redefreiheit endet, wo Mordhetze beginnt" und auf der anderen "Blasphemie ist ein Heilmittel gegen Religion". Ich hoffte vor Vertretern der Massenmedien eine Erklärung zur Verteidigung der Menschenrechte abgeben zu können, aber natürlich respektieren Mordhetzer nicht das Demonstrationsrecht anderer Leute. Voller Haß schlugen einige Moslems mit Schirmen und Latten von ihren Schildern auf mich ein, als ich in die Nähe der Demonstration kam. Vorher konnte ich noch von jemandem, dem ich auf die Frage, was ich mache, die "Menschenrechte verteidigen", geantwortet hatte, erfahren, daß es keine Menschenrechte gäbe, nur Allahs Rechte.

Zum Glück wurde ich schnell von der Polizei gerettet, so daß ich nur ein paar, allerdings stark blutende Platzwunden am Kopf erlitt.

Zwei Tage später wurde der Herausgeber Gianni Palma auf einer Pressekonferenz von einem 30jährigen Pakistani angegriffen. Palma konnte dem Schlag glücklicherweise ausweichen und der Täter wurde schnell von Reportern und Polizisten niedergemacht. Ein anderer Pakistani (28) stach auf dieser Konferenz mit seinem Kugelschreiber auf ein britisches Fotomodell und einen japanischen Reisebüroangestellten ein, weil sie ein Plakat hochhielten. Da er nicht lesen konnte, war ihm entgangen, daß dieses Pärchen gegen die Veröffentlichung der Satanischen Verse protestierte.

Ich habe mehrfach versucht, in Leserbriefen zu dieser Kontroverse Stellung zu nehmen. Aber ob ich nun zur Beruhigung der moslemischen Gemüter darauf hinwies, daß die Satanischen Verse mit einem Happy End für Moslems, nämlich der Steinigung der Gegner des Propheten, enden, oder provokativ schrieb, nachdem ich die neunte Sure 30, die den Totschlag an Christen und Juden propagiert, zitiert hatte, daß wenn man schon Bücher verbrennen muß, Bücher verbrennen sollte, die zum Mord an Mitmenschen aufrufen, meine Briefe wurden ignoriert.

Die Japan Times (mit katholischem Management) veröffentlichte am Jahrestag der islamischen Revolution drei Seiten lang Schmeicheleien und Propaganda für den Iran. Unter anderem wurde die Weisheit Khomeinis gelobt!

Vielleicht hat die Japan Times recht, Khomeini ist weise - und wir sind dumm, wenn wir glauben, wir könnten Religionen auf friedliche Art, nur durch Aufklärung und Argumente, beseitigen.

Holger Hermann Haupt


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