Am 5. Februar 1999 um Uhr 15:00 Ortszeit wurde auf den
Philippinen zum ersten Mal seit 23 Jahren wieder jemand
hingerichtet. Leo Echegaray wurde, nachdem man ihm ein
krampflösendes Mittel und eine Beruhigungsspritze gegeben hatte,
mit einer Giftspritze getötet. Von dem ursprünglichen Plan,
seine Hinrichtung zur Abschreckung im Fernsehen live zu
übertragen, war Abstand genommen worden. Sein Tod hätte
vielleicht auch allzu friedlich ausgesehen. Wenn man abschrecken
will, muß man die Leute live zu Tode foltern. Was nicht ist,
kann noch werden (alte deutsche Weisheit), und die philippinische
Regierung scheint durchaus lernfähig zu sein. Von den guten
Vorsätzen, die man nach dem Sturz von Präsident Marcos hatte,
bleiben immer weniger übrig. Jedenfalls werfen
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International der
Regierung vor, in den Gefängnissen schon wieder unter Ausschluß
der Öffentlichkeit zu foltern.
Aber zurück zu Leo Echegaray: Was war sein Verbrechen? Leo
Echegaray wurde beschuldigt, seine Stieftochter bzw. Tochter im
Alter von 10 bzw. 11 Jahren insgesamt fünfmal vergewaltigt zu
haben.
Hier kurz seine Lebensgeschichte: Die Echegarays kamen
ursprünglich aus Ligao, Albay. Leos Vater Santiago war
technischer Sergeant bei der philippinischen Polizei. Er starb
1996 im Alter von 72 Jahren zwei Jahre nach der Verurteilung
seines Sohnes Leo. Seine Mutter Silvestra hatte 9 Kinder zur Welt
gebracht, Leo war das fünfte. Die Familie lebte seit 1982 in
einem zweistöckigen Betonhaus, das sie sich vom Ruhestandsgeld
des Vaters gekauft hatte. Obwohl Leo in den Medien als ein
heruntergekommener, elender Schuft beschrieben wurde, galt er in
seinem Bekanntenkreis als geschickter Zeichner und gut
formulierender Schreiber. Er schaffte High school und studierte
zwei Jahre Architektur, bis finanzielle Probleme ihn zur Aufgabe
zwangen. Er begann dann eine Lehre als Kellner, arbeitete in
einer Fabrik und wurde schließlich Anstreicher.
Leo zog aus dem Elternhaus aus, nachdem er Rosalie Rivera
kennenlernte und wohnte mit deren Familie in San Francisco del
Monte, Quezon City, einem mit Drogenhändlern und Revierkämpfen
verseuchten Gebiet. Rosalie hatte zwei Brüder in Bandenkriegen
verloren.
Angeblich war Rosalie Riveras Tochter "Baby", das
Vergewaltigungsopfer, zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre alt und
daher nicht von Leo. Rosalie Rivera wird später behaupten, daß
Leo doch der Vater von "Baby" sei, und daß sie
lediglich, weil sie dachte, es sei harmloser für Leo, seine
Stieftochter vergewaltigt zu haben als seine richtige Tochter,
behauptet hätte, er sei nicht der Vater. Ein anderes Mal wird
sie behaupten, daß Conrado Alfonso, der Liebhaber ihrer Mutter
Asuncion, der wahre Vater von "Baby" sei, und daß sie
nur behauptet hatte, Leo sei der Vater, damit man nicht wüßte,
daß Alfonso mit ihr und gleichzeitig mit ihrer Mutter ins Bett
ginge.
Während Rivera und Leo zusammenwohnten, brachte Rivera noch drei
Kinder zur Welt, deren Vater aber nicht in jedem Fall Leo zu sein
scheint. Seit Leo 1994 verhaftet wurde, hat Rivera noch zwei
weitere Kinder bekommen.
Im Gefängnis heiratete Leo seine Jugendfreundin Zanaide Javier.
Wenn Leo von "seinen" drei Kindern Besuch im Gefängnis
bekommt, sagten sie ihm, wie sehr sie ihn zurückwünschen und
"das alles wieder gut werden wird."
"Baby" und ihre Großmutter Asuncion Rivera hatten
zuerst die Anklage gegen Leo gegen den Widerstand von Rosalie
Rivera durchgesetzt, alle drei scheinen sich aber nach dem
Prozeß versöhnt und gemeinsam die Hinrichtung herbeigesehnt zu
haben.
Die katholische Kirche und der Papst sind offiziell gegen die
Hinrichtung und gegen die Todesstrafe allgemein. Die katholischen
Medien haben im Westen, wo die Todesstrafe nicht akzeptabel ist,
starke Kritik an den philippinischen Todesurteilen geäußert,
jedoch auf den Philipinnen selbst ist die Meinung der
katholischen Kirche nicht so eindeutig. Ich selbst konnte in den
philippinischen Nachrichten Kirchenvertreter die Hinrichtung
befürworten hören.
Präsident Estrada und seine "religiösen" Berater Bro.
Mike Velarde and Fr. Sonny Ramirez, beide Katholiken,
befürworteten z. B. die Hinrichtung. Bro. Mike Velarde and Fr.
Sonny Ramirez suchten dem Präsidenten extra einen frommen Spruch
von Saint Thomas heraus: "Obwohl es böse ist, einen Mann zu
töten, solange er seine Ehre bewahrt hat, so mag es doch gut
sein, einen Mann zu töten, der gesündigt hat, wie es gut ist,
ein Biest zu töten. Denn der böse Mann ist schlimnmer als ein
Biest und schädlicher."
( President Estrada said: ''As St. Thomas states,
'Although it be evil in itself to kill a man so long as he
preserves his dignity, yet it may be good to kill a man who has
sinned, even as it is to kill a beast. For a bad man is worse
than a beast and is more harmful.' )
So wollte Präsident Estrada auch dem Bischof und dem Papst auf
deren Kritik an der Hinrichtung antworten.
Auf die Frage, ob er denn keine Begnadigung in Erwägung ziehe,
antwortete Präsident Estrada, der übrigens selbst als
´womanizer`, also als erfolgreicher Schürzenjäger, bekannt
ist, also selbst durchaus einen Orgasmus zu würdigen scheint,
ganz als sexueller Saubermann: "Wenn Leo Echegaray jemanden
umgebracht hätte wegen seiner Armut, dann würde ich ihn
begnadigen... Aber wenn man sich vorstellt, daß sie seine
Tochter gewesen sein könnte..."
Fuer Leo Echegarays Seele jedoch wollte Präsident Estrada beten.
Leider wird es nichts nutzen: Die Seele ist nur eine Information
in einem lebenden Gehirn - übrigens auch bei religiösen
Menschen, die es nicht wahrhaben sollen.
Ob arm und geldgierig oder arm und geil, Vater oder nicht Vater,
Leo Echegaray starb am 5. Februar 1999 um 3 Uhr nachmittags
gefaßt und tränenlos seinen Gifttod.
Es war eigentlich seine zweite Hinrichtung, weshalb es wohl auch
besser klappte.
Schon im Januar hatte Leo Echegaray weinend auf der Gummipritsche
der Todeskammer gelegen und seinen Tod erwartet, als im letzten
Moment eine Entscheidung des obersten Gerichtshofes die
Hinrichtung aussetzte, weil eine endgültige Entscheidung des
Kongresses zur Legalität der Todesstrafe noch ausstand. Damals
hatte Gegner der Todesstrafe vor dem Gefängnis Wache gestanden,
unter ihnen viele katholische Priester und Nonnen. Sie brachen
angesichts der Nachricht, daß die Hinrichtung nicht stattfand,
in Jubel aus und lobten Jesus Christus.
Befürworter der Hinrichtung, unter ihnen ebenfalls viele
Katholiken, Verwandte des Opfers und Verwandte anderer Opfer von
Vergewaltigungen waren wütend. Eduardo Chua, dessen Tochter 1995
von einem Vergewaltiger ermordet worden war, schimpfte vor
laufender Kamera: "Wofür brauchen wir einen obersten
Gerichtshof?" Leider sah Eduardo Chua nicht, daß Leo
Echegaray im Gegensatz zum Mörder von Eduardo Chuas Tochter sein
Opfer nicht ermordet hatte, sondern im Gegenteil mit dem
Verdienst von seinem Job als Anstreicher ernährt und am Leben
erhalten hatte. Der obersten Gerichtshof erhielt übrigens nach
dieser Entscheidung viel Haßpost (hate mail) und Morddrohungen.
Todesstrafe auch für Richter, die nicht gleich hinrichten?
Auf jeden Fall hat der Kongreß die Wiedereinführung der
Todesstrafe bestätigt und es ist damit zu rechnen, daß in naher
Zukunft in den Philippinen noch mehr Köpfe rollen werden, oder
besser: noch mehr Gift verspritzt wird. Zu den
"abscheulichen Verbrechen", für die die Todesstrafe
angewandt werden soll, gehören neben Mord, auch Drogendelikte,
Menschenraub, Brandstiftung und Vergewaltigung. Tatsächlich
sollen von den mehr als 900 zum Tode Verurteilten über die
Hälfte wegen Vergewaltigung verurteilt worden sein.
Nun schreibe ich das nicht alles, um wie ein Nachrichtenmedium zu
informieren, sondern auch um meine eigene Meinung dazu zu sagen:
Ich bin grundsätzlich für die Todesstrafe aber bei Mord. Wer
mordet, soll auch sterben können. Und wenn man den Mörder nicht
hinrichtet, beleidigt man meiner Meinung nach Opfer und Täter
gleichermaßen.
Mörder sollte man nicht wieder auf die Straße lassen, und ein
Leben lang aber im "Loch" erscheint mir auch eine zu
schreckliche, unmenschliche Strafe und ein bequemes
Luxusgefängnis eine nicht hinnehmbare Steuerverschwendung.
Aber wer jetzt Drogenhandel betreibt, also eine Nachfrage deckt,
oder selbst die ungesunden Drogen konsumiert, sollte nicht dafür
getötet werden. Und für Vergewaltigung gar ist die Todesstrafe
eine Dummheit: Wenn in philippinischen Gefängnissen über 450
zum Tode verurteilte Vergewaltiger sitzten, so habe ich das
Gefühl, daß diese Leute mehr Respekt vor einem Menschenleben
hatten als ihre Todes-Richter. Wie leicht hätten sie ihre Opfer
umbringen können und sich so einen lästigen Zeugen vom Hals
schaffen! Zu strenge Strafen für Vergewaltigung gefährden das
Leben der Opfer! Zwar möchten einige konservative Kreise, unter
ihnen auch besonders die Kirchen, die Sexualität in den Schmutz
ziehen und die Jungfräulichkeit in den Himmel heben und noch
hoch über das Leben der Frau stellen, nüchtern betrachtet, das
heißt, frei von dem Humbug den Religion und Kirche auftischen,
wird auch eine Frau eine Vergewaltigung als ein geringeres Übel
ansehen als Knochenbrüche, ausgeschlagene Augen etc. Der Richter
wird aber den Vergewaltiger nicht nur auf den Philippinen,
sondern auch in anderen christlichen Ländern schwerer bestrafen.
Wer als Vater seiner Tochter aus Wut darüber, daß sie die
Sonntagsmesse geschwänzt hat, z. B. ein Auge ausgeschlagen hat,
dürfte wohl in den meisten Fällen mit Straffreiheit rechnen.
[Laut einer ABC-News-Sendung treiben 46 US-Bundesstaaten die
"Religionsfreiheit" soweit, daß dort auch das
"Gesundbeten" (statt Arztbesuch) eines Kindes bis zum
Tode nicht geahndet wird. Auch Züchtigung mit Todesfolgen
sollen, wenn sie religiös motiviert waren, in 6 Bundesstaaten
nicht geahndet werden.] Würde ein Vater mit seiner
minderjährigen Tochter Sex haben, selbst wenn die Tochter
einverstanden gewesen wäre oder den sexuellen Kontakt sogar
gesucht hätte, z. B. um in vertrauter Umgebung ihre ersten
Erfahrungen zu sammeln, der Vater bekäme bei der Aufdeckung auf
jeden Fall eine lange Gefängnisstrafe. Auch mit der erwachsenen
Tochter müßte der Mann mit einer langen Strafe rechnen, selbst
der Versuch ist nach deutschem Recht strafbar. Beim Thema Sex
scheinen es nicht nur Vergewaltiger zu sein, die einen starken
Drang verspüren.
Zusatz: Am
4. Januar 2000 wurde ein weiterer Mann, der 41-jährige Alexandro
Bartolome, der ebenfalls selbst niemanden ermordet hatte, in
Manila von den philippinischen Behörden ermordet bzw.
hingerichtet, wenn wir uns den Sprachgebrauch seiner Mörder zu
eigen machten.
Alexandro Bartolomes Verbrechen: Er soll mit seiner Tochter seit
ihrem 14ten Lebensjahr eine sexuelle Beziehung gehabt haben. In
dramatischen Appellen hatte seine Tochter Elena Bartolome noch,
mittlerweile 21, Präsident Jose Estrada aufgefordert, ihren
Vater zu verschonen. Leider vergeblich. Mein herzliches Beileid
an Elena, mein Zorn an die Mörder ihres Vaters!
Der philippinische Pater Silvino Borres kritisierte in Bezug auf
das Heilige Jahr (Was hat das damit zu tun?): "Dies ist die
erste Exekution nicht nur auf den Philippinen, sondern auf der
ganzen Welt. Ich weiß nicht, ob wir darauf stolz sein
können." (laut KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 004 vom 7.1.2000)
Holger Hermann Haupt
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