Mit Genehmigung des Copyright-Inhabers John Zube ins Internet gebracht von Holger Hermann Haupt, homepage: http://www.hpo.net/users/hhhptdai/hp.htm "Konzept fuer Freiheit" (mit Zitaten aus Solnemans Manifest).
K.H.Z. SOLNEMAN
(Kurt H. Zube, 1905 - 1991)
Das Manifest der Freiheit und des Friedens
Der Gegenpol zum Kommunistischen Manifest
MACKAY-GESELLSCHAFT , Freiburg/Br.
(Hier mit einigen Anmerkungen von John Zube. Siehe unter J.Z.)
Die MACKAY - GESELLSCHAFT, undogmatisch, antiideologisch, möchte Basis einer Diskussion über alle Probleme der Gesellschaftsordnung sein.
Sie ist bemüht, ihre Argumentation nur auf beweisbare Tatsachen zu stützen.
An solchen wird sie einige, nebst allen Konsequenzen daraus, vorstellen, die zu einer ganz neuen Denkungsart führen, wie bereits Albert Einstein sie als unumgänglich notwendig erklärt hatte.
Interessenten wenden sich an das Sekretariat: Kurt Zube, Auwaldstr. 7, Freiburg/Br. (Jetzt liegt er anonym irgendwo in Freiburg begraben. - J.Z., 7.4.04.)
1977© MACKAY-GESELLSCHAFT, Freiburg/Br.
Neuland-Druck, Wetzlar/Lahn
ISBN
3-921388-12-0
(Uwe Timm, Utespero@aol.com mag hier ueber die jetzige Mackay Gesellschaft einschalten was er will. - J.Z.)
ZUR BEACHTUNG
"Wenn wir uns eine Stunde über ein wichtiges und interessantes Thema unterhalten wollen, müssen wir uns zuvor vier Stunden lang über die Begriffe einigen, die wir dabei verwenden, sonst reden wir aneinander vorbei" (Prof. Carl Ludwig Schleich).
Hier werden die folgenden Begriffe so gebraucht, wie sie nachstehend definiert sind.
FREIHEIT: ist kein subjektiver, sondern ein objektiv recht exakt bestimmbarer Begriff, wenn es um Freiheit in sozialer Beziehung geht.
Entweder ist meine Freiheit grösser als die eines anderen oder einer Gruppe, indem sie auf dessen oder deren Kosten geht, dann sind jene nicht frei; oder sie ist geringer als die eines anderen oder einer Gruppe, wobei dies auf meine Kosten geht, dann bin ich nicht frei.
In beiden Fällen besteht kein Zustand der Freiheit. Dieser kann also nichts anderes bedeuten als die gleiche Freiheit (nicht Gleichheit!) Aller, was im wesentlichen mit Herrschaftslosigkeit identisch ist.
HERRSCHAFT: ist ein Zustand
ungleicher Freiheit, wobei die Freiheit der einen grösser
ist als die der anderen, auf Kosten jener und gegen deren
Willen. Ein Zustand ungleicher Freiheit, der mit Zustimmung der
Benach-teiligten besteht, ist also keine Herrschaft.
GEWALT: ist die Anwendung physischen
oder psychischen Zwanges, wenn dieser in aggressiver Form, d.h.
unter Verletzung des gleichen Freiheitsspielraums anderer
erfolgt; Verteidigung gegen solche Aggression, auch mit
physischen Machtmitteln, sollte daher nicht als Gewalt bezeichnet
werden, wenn man Begriffsverwirrung vermeiden will.
METAPHYSIK: sind alle Vorstellungen
und Lehren, die über den Bereich der mit den Sinnen und der
Logik erfassbaren Erfahrungswirklichkeit hinausgehen und im
Gegensatz zu dieser nicht als falsch oder richtig nach-gewiesen
werden können. Dabei mag offenbleiben, ob jene Vorstellungen
oder Lehren, die von subjektiver Erlebniswirklichkeit, von übersinnlicher
(transzendenter) Wirklichkeit, sprechen, auch eine reale,
vielleicht sogar die eigentliche Wirklichkeit, oder leere
Gedankenspielereien darstellen. Was man nicht mit Massstäben
der Erfahrungswirklichkeit beweisen kann, von dem kann man ebenso
gut auch das Gegenteil behaupten.
IDEOLOGIEN: sind Aussagen, die - ähnlich den metaphysischen - durch ihre Art oder ihren Gegenstand sich der empirischen Bewahrheitung oder Widerlegung entziehen, indem sie zumindest über die Erfahrungswirk-lichkeit hinausgehende Elemente enthalten.
DEMOKRATIE: ist eine Ideologie,
welche die Interessen der Einzelnen den angeblichen einer
Mehrheit, der Abstraktion "Volk" oder "Staat"
unterordnet, ein Herrschaftssystem, das die Reprasentanten der
Gottheiten "Volk", "Staat",
"Menschheit" von den Einzelnen zwar wählen lässt,
sie von einer Bindung an ihren Auftrag jedoch ausdrücklich
befreit, und einen Zustand ungleicher Freiheit zur Voraussetzung
und zum Ziel hat.
ANARCHIE: ist ein Zustand
der Herrschaftslosigkeit. Da es einen solchen in konsequenter
Form noch niemals gegeben hat, ist die Behauptung, er sei mit
Unordnung oder gar Chaos identisch, keine Erfahrungs-tatsache,
sondern Polemik und Demagogie solcher, die Herrschaft als
notwendig propagieren.
ANARCHISMUS: ist ein durch willkürliche Umdeutungen verzerrter Begriff. Der wirkliche Anarchismus sieht in der Freiheit nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung, ist keine Ideologie, sondern geht von beweis-baren Tatsachen aus, die zu einer unausweichbaren Alternative führen.
(Kant: Anarchie ist Freiheit ohne Gewalt!)
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(Buchbeschreibung auf der Rückseite.
Mein Windows XP Programm streikt auch dagegen die vordere
Buchseite in weissen Buchsstaben auf schwarzem Hintergrund zu
produzieren, wie es in der gedruckten Originalausgabe geschah.
Ist auch Bill ein Gegner des Anarchismus? - J.Z., 7.4.04.):
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Nach einiger Klärung verwirrter
Begriffe und einer Attackierung gängiger, aber gefährlicher
Denk-schablonen, z.B. hinsichtlich des Staates, des Kommunismus,
der Demokratie, wobei überraschende Zahlen und Fakten
vorgelegt werden, folgen - innerhalb einer Fülle neuer
Gedankengänge - vier sen-sationelle (aber gründlich
durchdachte) Vorschläge, deren Realisierung jedermann in den
Grundlagen seiner Existenz berührt - und zwar höchst
positiv:
1. Gleichberechtigter Zugang zum
Naturgeschenk und Produktionsmittel Boden fuer jedermann und
Verteilung der
Grundrente an jedermann.
2. Tauschmittelfreiheit und
Billigst-Kredit in ihrer Bedeutung und ihren Konsequenzen.
3. Die Offenen Betriebsassoziationen (und
die Absurdität der Arbeitslosigkeit).
4. Die Autonomen Rechts- und
Sozialgemeinschaften (für jedermann den Staat seiner Träume).
Vor allem aber wird hier geboten, was
schon Albert Einstein forderte, um einer Katastrophe zu entgehen:
eine neue Denkungsart.
Das Columbus-Ei einer neuen Basis der
Beziehungen von Mensch zu Mensch, eines neuen, sozialen
Massstabes, der von unbestreitbaren Tatsachen, statt von
Ideologien ausgeht und über den daher erstmalig auch eine
allgemeine Einigung möglich geworden ist.
Dies führt zur unausweichbaren
Alternative eines Sich-entscheiden-m ü s s e n s (und zwar
offen, ohne die bisher so beliebten Verhüllungen) entweder für
das Faustrecht und die aggressive Gewalt, oder aber fuer die
Herrschaftslosigkeit!
Die
MACKAY-GESELLSCHAFT, undogmatisch, anti-ideologisch, hat das in
allen wesentlichen Einzelheiten konkrete Programm einer
herschaftslosen Gesellschaft entwickelt, aber auch einen
realistischen Weg zu dieser aufgezeigt. Sie appelliert an A
l l e, durch Diskussion, Kritik, Ergänzungs- oder
Gegenvorschläge mitzuarbeiten, denn sie ist jederzeit
bereit, gegenüber begründeten Argumenten ihren eignen
Standpunkt zu revidieren!
_______________________________________________________________________________________
6
Inhalt
1. Entweder - oder!
.....................................................................
Seite 7
2. Wahn und Wirklichkeit .......................................................................
10
Die Herrschaft der Abstraktionen
und der fixen Ideen .......................
13
Der realistische Ausgangspunkt
.........................................................
41
Konfuzius gegen Konfusion ...............................................................
46
Die fixe Idee der Herrschaft
...............................................................
60
3. Ideologie und Wirklichkeit
des Staates ...............................................
67
Die Hauptfunktion des Staates:
Unterdrückung und Ausbeutung ..... 74
Der Staat als Fürsorger und
Beglücker ...............................................
92
Der Staat als Verbrecher
...................................................................
104
Der Staat - ein notwendiges Übel?
....................................................
107
4. Die Ideologie des Marxismus
und ihre Widersprüche zur Wirklichkeit
112
Widerlegte
Voraussagen und falsche Behauptungen ........................
113
Der Produktionsprozess,
realistisch gesehen - und wie Ausbeutung
vermieden
werden kann ....................................................................
145
Das Ende
einer Illusion .....................................................................
155
5. Die Ideologie der Demokratie
und ihre Widersprüche zur Wirklichkeit
163
Wie die Entscheidungen der
wirklichen Gesamtheit getroffen werden
können
...............................................................................................
191
Jedem den
Staat seiner Träume
..........................................................
196
6. Die neue Basis - erstmalig in der Menschheitsgeschichte
ein fester
Grund ................................................................................
205
Der
fundamentale Unterschied zwischen Sein und Sollen
................
209
Die Antwort
auf die Frage des Pilatus ..............................................
211
Die neue Fragestellung und die
unausweichbare Alternative ............
218
Zu viel
behauptet - zu viel verlangt? .................................................
227
7. Die Konsequenzen der gleichen
Freiheit Aller ..................................
237
Gleiche Freiheit Aller gegenüber
dem Boden ..................................
242
Gleiche Freiheit Aller beim
Austausch der Arbeitsprodukte ............
249
Die "hoheitlichen
Aufgaben" des Staates ........................................
253
Die Autonomen Rechts- und
Sozialgemeinschaften .........................
255
Neuformulierung der Menschenrechte
............................................
260
Die Offenen Betriebsassoziationen
(OBA-Betriebe) ........................
266
8. Der wirkliche Anarchismus und
seine Ziele .....................................
273
Der Massstab fur echten
Anarchismus ............................................
275
Die einzigartige Besonderheit des
Anarchismus .............................
277
Der Ausgangs- und Mittelpunkt, um
den sich alles dreht ...............
280
Die Sozialordnung des Anarchismus
...............................................
289
Der Anarchismus - ein
sozialistisches System ...............................
294
"Anarchisten", die keine
Anarchisten sind .......................................
300
9. Der Weg zur Anarchie - zur
klassen- und herrschaftslosen Gesellschaft 308
Die Vorbereitung der Liquidation
des Staates ................................
316
Die Emanzipation vom Staat ..........................................................
322
10. Hiermit wenden sich die Anarchisten nun
an jedermann ................ 332
Liberale und Sozialreformer ...........................................................
335
Das Kommunistische Manifest .......................................................
337
Eine notwendige Abgrenzung ........................................................
344
11. Die unerlässliche Voraussetzung des Friedens .............................. 350
_________________________________________________________________________________________
7
"Ihr werdet die Wahrheit erkennen und
die Wahrheit wird Euch frei machen"
ENTWEDER
- ODER!
Die - friedliche und unblutige - Revolution
des XX. Jahrhunderts, die zu einer echten Weltrevolution führen
wird, unterscheidet sich von allen vorausgegangenen, die im
Grunde immer nur Revolten waren, durch ihren Radikalismus: sie
geht an die Wurzeln des Bestehenden.
Denn sie bringt nicht einzelne Freiheiten,
sondern die volle und ganze, die wirkliche Freiheit.
Sie ersetzt nicht eine bisherige Herrschaft
durch eine neue, sondern bringt die Herrschaftslosigkeit für
alle und jeden. Sie befreit nicht nur abstrakte Gruppen oder
Klassen, sondern ausnahmslos alle konkreten Einzelnen.
Sie geht dabei von keiner ideologischen, sondern von einer
logisch unerschütterlichen Basis aus.
Sie unterscheidet sich also in
Ausgangspunkt, Weg und Ziel von allem Bisherigen und gibt auch
auf die alte Pilatus-Frage "Was ist Wahrheit?" eine
überraschend einfache Antwort.
Sie stellt nur unbestreitbare Tatsachen
fest, die für viele Abschied von unhaltbaren Vorstellungen
und bisher gewohnten Denkbahnen bedeuten. Diese Tatsachen vermögen
aber allen das zu geben, was ihnen bisher am meisten
fehlte, ohne dass dieser Mangel immer klar bewusst war. Denn als
Schlussfolgerung aus diesen Tat-sachen wird eine unausweichbare
Alternative aufgezeigt: die Alternative zwischen aggressiver
Gewalt und Verständigung - auf der einzigen Basis, die als
dauerhafte möglich ist!
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte
wird eine Grundlage geboten, auf der die verschiedenen
Weltanschauungsrichtungen, Religionen, Moralsysteme und
Ideologien sich treffen und einigen nicht nur können,
sondern müssen. Denn wer kann es wagen, sich offen
als Anhanger des Faustrechts und der aggressiven Gewalt zu erklären
- ?
8
Auf dieser neuen, unerschütterlichen
Basis, von einem ebenso überraschenden wie überzeugenden
Gesichts-punkt aus, folgt dann jene Schilderung eines nicht
herrschafts-, weil klassenlosen, sondern klassen-, weil
herrschaftslosen Gesellschaftszustandes, die Marx und seine
Nachfolger zu geben, oder auch nur selber konsequent zu
durchdenken, versäumt hatten.
Da zur treffenden Bezeichnung dieses
Zustandes der Herrschaftslosigkeit das ihm sinngemäß
entsprechende griechische Wort ANARCHIE gewählt wurde,
sollte man zunächst einmal alle Vorstellungen ausschalten,
die sich in der Regel mit diesem Begriff verbinden. Denn er
hat weder mit Chaos noch mit Gewalt, und schon gar nicht mit
Terrorismus, etwas zu tun. Was bisher als
"anarchistisch" und als "Anarchie"galt und
gilt, ist - mit nur verhältnismäßig geringen
Ausnahmen - ein Zerrbild des wirklichen Anarchismus und
ungefähr das Gegenteil von ihm. Man könnte sogar
seine hier entwickelten Konsequenzen als das darstellen, was mit
echter Demokra-tie eigentlich gemeint ist (was freilich
mit der Realität der Demokratie ganz und gar nicht
zusammenstimmt)!
Ein kluger Franzose hat einmal gesagt: es
wird in Zukunft nur noch zwei Gruppen von Menschen geben -
solche, die von eigener Arbeit, und solche, die von der
Arbeit anderer leben wollen. Zutreffender und umfas-sender noch könnte
man sagen: die Trennlinie wird zwischen denen zu ziehen
sein, welche gewaltsam die eigene Freiheitssphäre auf
Kosten der Freiheit anderer zu erweitern oder aber einen Zustand,
der ein solches Ungleichgewicht der Freiheit bereits sichert, zu
erhalten wünschen, und anderseits jenen, welche die
gleiche Freiheit Aller anstreben, also auch selbst
kein Mehr an Freiheit für sich, das auf Kosten der Freiheit
anderer geht, fordern.
Ein Zustand der gleichen Freiheit Aller (in dem Z.B.Arbeitslosigkeit ebenso absurd wie unmöglich ist) bedarf keiner Diktatur, sondern verträgt sich mit einer solchen ganz und gar nicht. Die herrschaftslose Gesellschaft, die diesem Zustand entspricht, ist auch kein erst in ferner Zukunft anzustrebendes Ziel. Ihre Grundlagen können hier und heute, also sofort (und zwar mit Nutzen für Alle), gelegt werden und mit allen Konsequenzen kann sie in durchaus absehbarer Zeit Wirklichkeit sein.
9
Einstein hatte darauf hingewiesen, daß
hinter dem technischen Fortschritt das Denken der Menschen
in anderen Bereichen, zumal den sozialen, zurückgeblieben
sei. Er hatte als für unsere Gegenwart Notwendigstes eine
neue Denkungsart gefordert. Hier ist sie. -
Sie bietet neben der optimalen Lösung für
alle sozialen Beziehungen insbesondere aber auch die unabdingbare
Voraussetzung für den Frieden!
Und sie fordert eine klare Entscheidung. -
_________________________________________________________________________________________
10
WAHN
UND WIRKLICHKEIT
"Der Mensch wird frei geboren und
überall ist er in Banden. Mancher
hält sich für den Herrn seiner Mit-
menschen und ist trotzdem mehr
Sklave als sie. Wie hat sich diese
Umwandlung zugetragen? Ich weiß
es nicht. Was kann ihr Rechtmäßig-
keit verleihen? Diese Frage glaube
ich beantworten zu können."
Hölderlin
Die bisherige Geschichte der menschlichen
Gesellschaft ist in erster Linie die Geschichte eines mehr
instink-tiven als bewußten Kampfes um Befreiung aus
Fesseln, die mehr gedanklicher als materieller Art sind,
insbe-sondere eines Kampfes gegen religiöse und ideologische
Herrschaftssysteme. Dabei spielen die sogenannten
Produktionsverhältnisse eine zwar wesentliche, jedoch nicht
die Hauptrolle, da die Produktionsverhältnisse durch die
Herrschaftsverhältnisse und diese durch gedankliche
Vorstellungen bedingt sind, wobei letztere und die
materiellen Verhältnisse sich gegenseitig beeinflussen.
Sie ist die traurige Geschichte
jahrtausendelanger Irrungen, einer "selbstverschuldeten Unmündigkeit"
(Kant) unter dem Joch eigener und fremder Denkformen. Deren
Inhalt wechselte zuweilen - das Joch aber blieb. Denn selbst
die Fortgeschrittensten vermochten sich nur schwer oder gar
nicht aus dem Bannkreis fixer Ideen, starr und unbeweglich
gewordener Gedankenformen, herauszuarbeiten. Diese wurzelten in
jener fernen Vorzeit, als erste Gedankenlichter neben die bis
dahin noch ausschließlich das Verhalten steuernden
Instinkte der ersten menschenähnlichen Wesen traten.
Es gibt die sehr plausible Theorie Oscar Kiss Maerths ("Der Anfang war das Ende", Düsseldorf 1971), wonach das durch Kannibalismus verursachte übermäßige Gehirnwachstum zu
11
gehirnlichen Mängeln und Defekten geführt
hat, die sich in mangelhafter Logik, in
Zwangsvorstellungen, Ur-teilsunsicherheit und Denkscheu
äußern. Man mag diese Theorie einer
"Ursünde" annehmen oder ablehnen - die Tatsache,
daß der Mensch mehr Trieb- und Gefühls- als Vernunftwesen
ist, kann kaum bestritten werden. Als Kant sich gegen die
weitverbreitete Denkscheu wandte - "Habe den Mut, dich
deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - , ging er noch von
der Annahme aus, daß der Mensch von der Natur mit der Fähigkeit
begabt ist, vollkommen ohne Widersprüche, zusammenhängend
und genau zu denken; und es geschähe nur aus Nach-lässigkeit,
Faulheit oder Gemeinheit, wenn wir es unterließen, unsere
"absolute" Denkfähigkeit stets vollständig
auszunutzen. Daß dem nicht so ist und warum, hat
bereits Gustaf F. Steffen ("Die Irrwege sozialer
Erkenntnis", Jena 1913) nachgewiesen. Er sagt,
daß der Mensch, insbesondere der primitive Mensch, sich
über seine so-zialen Verhältnisse eine Unmasse
Vorstellungen macht, die der Wirklichkeit keineswegs entsprechen,
also abergläubisch sind. Es gibt ferner eine Masse nicht nur
religiös, sondern auch wissenschaftlich sanktionierter
abergläubischer Vorstellungen. Es gibt neben solchem
Aberglauben insbesondere noch das Vorurteil. Den Vor-urteilen
unterliegen oft hochintelligente Menschen.
"Die Art und Weise, wie der
Vorurteilsvolle eine Sache auffaßt, ist in allem
Wesentlichen bereits bestimmt, ehe er überhaupt von der
Sache hat Kenntnis erhalten können. Seine persönlichen
Erfahrungen von der Sache spielen dabei nur insofern eine
Rolle, als sie geeignet sind, ihn in seiner im voraus gegebenen
Tendenz, die Sa-che zu beurteilen, noch zu bestärken.
Die entgegengesetzten Erfahrungen dagegen behandelt er wie
Luft. Hier liegt kein Verlangen vor, mit dem Glauben etwas
Neues zu umfassen, sondern gerade im Gegenteil ein Ver-langen,
trotz der Wirklichkeit und trotz der Logik das weiter zu
glauben, was man nun einmal zu glauben angefangen hat.
"Der Vorurteilsvolle haßt
'Renegaten' - wenn sie nicht vom 'falschen' Glauben zum 'rechten'
abfallen - denn Abtrünnigen fehlt es ja an
Charakterfestigkeit, da sie nicht der Vernunft und allen
Sinnen Trotz bieten, um an dem ' Rechten', das ihnen die Eltern,
die Obrigkeit, die Lehrer und die Klas-
12
senbrüder beigebracht haben,
festzuhalten. Der Abergläubische wird leicht zum
Fanatiker gegen diejenigen, welche die Wirklichkeit zu gründlich
auffassen, um da Herrlichkeiten und Entsetzlichkeiten zu
erblicken, wo er sie sieht - denn solchen Menschen muß es,
seiner Meinung nach, an dem Heiligsten im Menschen fehlen:
an dem Glaubenstriebe und dem Triebe, anzubeten oder zu verehren
und sich unterzuordnen.
"Seine eigene materielle und kulturelle
Lage und die seiner Mitmenschen beurteilt der sozial
Voreingenommene nicht nach dem wirklichkeitsgetreuen,
inhaltsreichen Resultate gewissenhafter Untersuchungen,
sondern nach einem schematischen Zerrbild der
Gesellschaftsverhältnisse, einem Bilde, von welchem er
selber kaum weiß, wie es in ihm entstanden ist, das er aber
als eines seiner heiligsten, unantastbarsten Güter gegen
Kritik vertei-digt.
"Alle gewissenhaften Forschungen über
das menschliche Beobachtungsvermögen, wie es sich im täglichen
Gesellschaftsleben offenbart, zeigen, daß jene Fähigkeit
auch dann in hohem Grade mangelhaft ist, wenn sie nicht durch
sozialen Aberglauben und soziale Vorurteile beeinflußt
wird. In der letzten Zeit ist dies bewiesen worden und zwar
namentlich durch Untersuchungen von wissenschaftlichen Juristen
über die Aussagen hoch-ebildeter, in exakten
Beobachtungen geübter Personen über unerwartete
Begebenheiten, die sich vor ihren Au-gen zugetragen hatten und
durch Anordnungen des Experimentators in ihrem wirklichen
Verlaufe vollständig zu kontrollieren waren. Diese
Zeugenaussagen sind regelmäßig untereinander ebenso
widersprechend, wie in den meisten Fällen völlig
mißweisend gewesen, wenn sie mit der Wirklichkeit
verglichen wurden."
Steffen sagt - und begründet dies sehr
sorgfältig -, daß wir in der Regel verkehrt denken
oder daß wir gar nicht bis zum "eigentlichen"
Denken kommen, obwohl wir uns bemühen zu denken, und
obwohl wir zu denken glau-ben.
Wir sind zugleich geborene Nichtlogiker und geborene Logiker. Unser Denken hat in der Wirklichkeit kein unveränderlich bestimmtes oder reguliertes Denkvermögen. Das einzige völlig allgemeine Denkgesetz ist das Entwicklungsgesetz des Denkens - der Erfahrung gemäß anscheinend ein Gesetz zunehmender Fehlerlosigkeit im Denken, aber im übrigen ein noch wenig erforschtes Gesetz. Eine Auswirkung ist, daß - gewissermaßen
13
wie Pfade im Urwald - durch Pionier-Denker
jeweils neue Denkbahnen entstehen, denen dann die anderen folgen
können. Wobei jedoch eine verhängnisvolle Neigung
besteht, an diesen Denkbahnen haften zu bleiben, was zu den
fixen Ideen, den starr gewordenen Gedankenbahnen führt.
Manches Ungewohnte der folgenden Darstellung dürfte leichter
verständlich und gründlicher nutzbar werden, wenn der
Leser neben den beiden vorerwähnten Büchern von Maerth
und Steffen auch noch "Die Schule des Denkens" von
Professor James Harvey Robinson (Berlin 1949) zur Kenntnis
nehmen würde.
Für die ersten Menschenwesen, die nur
winzigste Spuren unseres also auch heute in aller Regel
immer noch höchst unvollkommenen logischen Denk- und
kritischen Urteilsvermögens besaßen, gab es
insbesondere keinen Unterschied zwischen dem, was an
Vorstellungen in ihren Köpfen auftauchte, und dem, was sie
mit ihren Hän-den greifen konnten. Das eine schien
ihnen ebenso wirklich wie das andere.
Die
Herrschaft der Abstraktionen und der fixen Ideen
Jenen ersten Menschenwesen kam natürlich
bald ihre eigene Schwäche und Unterlegenheit gegenüber
den Naturkräften zum Bewußtsein. Da diese ihnen zunächst
völlig unbegreiflich und unerklärbar erschienen, während
sie die Wirkungen eigener Handlungen zu erkennen vermochten, lag
es für sie nahe, hinter dem Naturgeschehen bewußte
Handlungen unsichtbarer Wesen, von Geistern und Göttern,
zu vermuten. Deren bloße Vorstellung verwuchs für
sie ganz unmerklich mit dem, was sie mittels ihrer Sinne als
greifbar wirklich erfuhren; erst recht natürlich, da sie ja
den vermeintlichen Zusammenhang zwischen jenen unsichtbaren
Wesen und den Naturerscheinungen, wie auch ihrem eigenen
Schicksal, als Wirkung deutlich vor Augen zu haben glaubten. Bestärkt
in diesem Glauben wurden sie dann durch die Medizinmänner,
Zauberer und Priester, die auf Grund überlegener Denk- und
Phantasiekraft, auch anderer überlegener Fähigkeiten,
Autorität gewannen, mittels der sie die Stammesreligionen
schufen und die Gläubigen zu lenken wußten.
14
Dies durchaus nicht nur - wenn auch häufig
- im Sinne eines frommen oder unfrommen Betrugs. Denn die Gläubigen,
denen eigene Denktätigkeit eine Last ist, die sie scheuen,
verlangten und verlangen auch heute noch Führung durch solche,
die ihnen jene Last abnehmen und durch überlegenes Auftreten
imponieren. Anderseits handelten die meisten Religionsschöpfer
und -deuter durchaus guten Glaubens, indem sie sich berufen und
erleuchtet fühlten. Schließlich ist die Grenze
zwischen einer "Offenbarung" und einem zündenden
Einfall, der neue Horizonte öffnet, auch fließend.
Oscar Kiss Maerth erklärt im übrigen die großen
Religionsstifter und Philosophen als solche, die auf Grund
intuitiver Fähigkeiten und eines Restes ursprünglicher
übersinnlicher (jedenfalls im Verhältnis zu den
heutigen Menschensinnen, die weit hinter den Instinkten
freilebender Tiere zurückstehen) Hellsicht - wenn auch nicht
ungetrübt durch Zeitbedingtheiten - in bester Absicht nützliche
"Wahrheiten" verkündeten, deren Symbolcharakter
meist mißverstanden oder mißdeutet wurde.
Als Resultat dieser Entwicklung wurde
bereits von frühester Kindheit an den Einzelnen die Überzeugung
ein-geimpft, daß unsichtbare Wesenheiten und ihre
selbsternannten Interpreten zu verehren und zu fürchten
seien. Die allgemein verbreitete Überzeugung verstärkte
noch das Gefühl von Wahrheit und Wirklichkeit des
Ge-glaubten, indem sie es als selbstverständlich
erscheinen und kaum noch Zweifel daran aufkommen ließ. Dies
umso mehr, als vereinzelte Zweifler sich der Mißbilligung
und Ablehnung durch die breite Masse und die Maß-gebenden,
wenn nicht gar der Verfolgung und Bestrafung wegen Mißachtung
der Religion und der Gottheit ausgesetzt sahen.
Das änderte sich nicht, sondern verschärfte
sich noch, als an die Stelle der animistischen und
fetischistischen Glaubensformen die großen
Weltreligionen traten, von denen Christentum und Islam sich
mit Feuer und Schwert ausbreiteten, während Taoismus,
Hinduismus, Buddhismus , Shintoismus durch ihre passive Haltung
indirekt die sie in ihr jeweiliges System einbeziehenden
Herrschaftsformen förderten. Auch der schwindende Einfluß
der Religionen seit dem Zeitalter der Aufklärung änderte
nichts an dem überragenden Einfluß von
Glaubensvorstellungen auf das praktische Leben. Denn die Rolle
der Religionen wurde nun zunehmend von den Ideolo-
15
gien übernommen, die mit ihren
Propheten und Priestern, ihren Höllen und Paradiesen, vor
allem aber ihren Inquisitoren und Strafrichtern, gegen die Ungläubigen
und Zweifler agierten und mit allen Mitteln der
Massen-psychologie, sowie mit massivem äußeren Druck
sich Gehorsam zu verschaffen wußten.
Dabei spielte die deutsche Philosophie,
deren starken Einfluß auf sich auch Marx und Engels ausdrücklich
betonten, eine erhebliche Rolle. Denn mit Ausnahme Stirners
ging sie, im Gegensatz zur französischen und englischen
der gleichen Zeit, nicht von den Realitäten des praktischen
Lebens und den konkreten Menschen aus, sondern von
Abstraktionen und den Anschauungen von den Dingen, von
Vorstellungen also, von bloßen Gedanken. Sie war
theologisch und metaphysisch gerichtet, ob sie nun theistisch
oder pantheistisch dachte, und charakteristisch war ihre
Besessenheit vom Glauben an eine "Aufgabe" des Einzelnen,
von seiner "Bestim-mung" zum Dienst an etwas "Höherem".
Während einerseits der Glaube an einen
persönlichen Gott zunehmend schwand, wenngleich
er in Millionen noch lebendig ist, blieben ursprünglich
religiös begründete Gebote als nunmehr "moralische"
oder "ethische" weiter in Kraft, ohne
daß man sich der Herkunft dieser Gebote bewußt war.
Zugleich nahmen neue Götter mit neuen Geboten die Stelle des
oder der bisherigen ein. Die Philosophie, die Soziologie und
sogar die moderne Theologie haben die Vorstellung von
"Gott" zunehmend entpersönlicht und in die
ziemlich nebelhafte einer Abstraktion der "Liebe" oder
eines unpersönlichen Weltgesetzes, was wiederum eine
"Aufgabe" stelle oder ein "Entwicklungsziel"
setze, umfunktioniert; wobei natürlich die
selbsternannten Propheten und Interpreten dieses neuen Gottes die
konkreten Gebote und Verbote setzen und mit mehr oder weniger
Zwang den Einzelnen zur Erfüllung seiner "Aufgabe"
oder "Bestimmung" anhalten.
Solche "Aufgabenstellung" erfolgte in verstärktem Maße durch die Ideologien; z.B.durch die national-sozialis-tische, welche Volk und Rasse zu Höchstwerten erklärte, denen der Einzelne sich bedingungslos zu opfern habe, wobei notabene selbsternannte Funktionäre es waren, welche die "wahren Interessen" des Volkes und der Rasse verkündeten; oder auch durch die marxistische Ideologie, welche in allem Geschehen nur ökonomisch bedingte und durch ein unaufhaltsames Entwicklungsgesetz gesteuerte Klassen-
16
kämpfe sah, deren schließliches
Resultat die Befreiung des seinem "Wesen" und seiner
"Aufgabe" entfrem-deten Menschen sein sollte.
"Aufgabenstellung" also allenthalben und ausnahmslos
bei Religionen wie Ideolo-gien, wobei nur der Nachdruck unterschiedlich
war und ist, mit dem der Einzelne zur Erfüllung seiner
angeb-lichen "Aufgabe" gedrängt und gezwungen
wurde und wird.
Was ist nun eine Ideologie? - Dazu hat
der Soziologe Theodor Geiger wertvolle Klarstellungen geschaffen,
von denen hier nur deren Kern wiedergegeben werden kann, während
zu näherer Erläuterung, auch hinsichtlich etwaiger
Einwände, auf Geigers "Ideologie und
Wahrheit" (Wien-Stuttgart 1953) verwiesen werden muß.
Geiger grenzt solche Aussagen, deren Inhalt als richtig oder falsch nachgewiesen - verifiziert oder falsifiziert - werden kann, von jenen ab, bei denen dies nicht der Fall ist. Er sagt:
"Hiermit ist ein Verfahren der Nachprüfung
gemeint, vor dessen Ergebnis jedermann sich beugen muß.
Dieser Fall liegt vor, wenn die Aussage nichts anderes ist als
die Verarbeitung von Beobachtung nach den Regeln der Logik.
Man kann sich da auf Sinnes Wahrnehmungen berufen. Man kann
nachprüfen, ob das Wahrnehmungs-material vollständig
oder lückenhaft ist. Ob die Beobachtungstechnik zuverlässig
oder trügerisch ist. Ob die Schlußfolgerungen
logisch zu verantworten sind oder nicht. Ob z.B. der
Aussage-Inhalt die im Aussage-Mate-rial liegenden Schlußmöglichkeiten
überanstrengt habe, d.h.ob aus den gesicherten Beobachtungen
zu weitge-hende Folgerungen gezogen wurden. Die Richtigkeit oder
Unrichtigkeit solcher Aussagen kann demonstriert werden. Das
klassische Beispiel dafür ist das Experiment. Solche
Aussagen können nur über Gegenstände ge-macht werden,
die mit unseren Sinnen - unmittelbar oder mittelbar -
wahrgenommen werden können, und über solche Gegenstände
nur insoweit, als ihre - unmittelbar oder mittelbar - mit den
Sinnen wahrzunehmende Ei-genschaften in Frage stehen. Der
Inbegriff dieser Gegenstände sei 'die Erkenntnis Wirklichkeit'
genannt. Sie fällt mit dem in Raum und Zeit Gegebenen
zusammen, denn nur dies ist sinnlich wahrnehmbar."
Demgegenüber stehen die Verfechter einer anderen Vorstellung von "Wirklichkeit", z.B. solche, die den Ideen Wirklich-
17
keit zuschreiben oder die von einer
subjektiven Erlebniswirklichkeit, von übersinnlicher
(transzendenter) Wirk-lichkeit usw. sprechen und aus dieser von
ihnen behaupteten "eigentlichen Wirklichkeit"
Folgerungen und For-derungen ableiten. Ihnen hält Geiger mit
Recht entgegen:
"Daß ihr diese
Vorstellungsinhalte (Auch-)Wirklichkeiten nennt, daß ihr
die Möglichkeit von Wahrheitsaus-sagen über sie behauptet,
hat mit unserer Frage nichts zu tun. Auch ihr müßt
einräumen, daß die angebliche Wirklichkeit von
Ideen, Erlebnisinhalten, Übersinnlichkeiten und
dergleichen anderer Art ist als die Wirklich-keit der
sinnlich-wahrnehmbaren, räum-zeitlichen Gegenstandswelt. Ihr
möget sogar jenen außer-sinnlichen Gehalten einen
höheren Wirklichkeitsrang zusprechen als unserer sinnlichen
Wirklichkeitswelt. Darüber wer-den wir nicht mit euch
streiten. Aber ihr seid mit uns darüber einig, daß
Gott in einem anderen Sinne 'wirklich ist' als die sichtbaren, hörbaren,
ertastbaren Erscheinungen. Daß die subjektive
Erlebnis-Wirklichkeit etwas anderes ist als die objektive
Wirklichkeit äußerer Dinge. Und endlich, daß die
über solche Inhalte auszusagen-den 'Wahrheiten' in einem
anderen Sinne 'wahr' sind als die Feststellungen von
sinnlich Wahrgenommenem und die logisch daraus gezogenen,
demonstrierbaren Schlußfolgerungen. Selbst die Theologen
haben das heute eingesehen.
"Die Aussagen über das eine und
das andere werden in völlig verschiedener Weise
gewonnen und sind von entsprechend verschiedener Geltung.
Man kann das, worauf es hier ankommt, in folgender Weise
ausdrücken. Aussagen über die theoretische Erkenntniswirklichkeit
können durch Augenschein und Logik so belegt oder
widerlegt werden, daß ein Ausweichen unmöglich ist.
Aussagen über andere 'Wirklichkeiten' entziehen sich solchem
Prüfungsverfahren. Man kann das Gegenteil behaupten. Dann
steht eben Satz gegen Satz."
Für eine Ideologie, d.h. eine ideologische Aussage, ist nun kennzeichnend, daß sie sich gar nicht auf ein Er-kenntniswirkliches bezieht oder beschränkt, sondern wirklichkeitsfremde Elemente enthält. Sie behauptet Dinge, von denen sie weiß oder wissen muß, daß ein Beweis dafür oder dagegen unmöglich ist. Die ideologi -sehe Aussage ist kraft ihrer Art und ihres Gegenstandes der empirischen Bewahrheitung oder Widerlegung unzugänglich. Genau dasselbe, wie für ideologische, gilt natürlich auch für religiöse Aussagen und Forderungen.
18
Da es bisher keine allein auf Maßstäbe der Erkenntniswirklichkeit, wie Geiger sie erläutert hat, gegründete Regeln für die Beziehungen von Mensch zu Mensch gibt, sondern diese Beziehungen sich bisher ausschließ-lich auf religiöse oder ideologische Glaubensmeinungen stützen, können wir eine erste wichtige Teil-Feststel-lung treffen:
Die außerordentlich große
Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der einzelnen
religiösen und ideologischen Behauptungen und Forderungen
beweist, daß zumindest der größte Teil von ihnen
keinen Wirklichkeitsgehalt haben kann; sondern daß es
sich dabei um rein gedankliche Vorstellungs- und Wunschbilder
handelt, die kei-nerlei vernünftige Begründung der
daraufhin erhobenen Forderungen gestatten. Sogar
unter der Annahme, daß der kleine Rest der religiösen
und ideologischen Forderungen und Vorstellungen einen
Wirklichkeitsgehalt über das in der Erkenntnis Wirklichkeit
Erfaßbare hinaus haben könne, gilt doch auch
hierfür: es gibt keinen objek-tiven Maßstab (wie im
Bereich der Erkenntniswirklichkeit), um die so behauptete
(Auch-)Wirklichkeit von reinen Phantasiegebilden zu unterscheiden.
Die Praxis des täglichen Lebens, und
zwar in ihren einschneidendsten Auswirkungen auf das Tun und
Lassen von jedermann, wird also beherrscht von bloßen -
unbewiesenen und unbeweisbaren - Behauptungen und
Glaubensmeinungen, insbesondere auch Forderungen, über die
eine Einigung von vornherein unmöglich ist, weil es da
keinen objektiven Maßstab für richtig oder falsch
gibt.
Während bisher nicht einmal der Versuch gemacht wurde, die.Beziehungen von Mensch zu Mensch nach Maßstäben zu regeln, die einzig dem Bereich der Erfahrungswirklichkeit entnommen werden und daher all-gemein anerkannt werden müssen, wobei sie trotzdem Raum für religiöse und ideologische Vorstellungen - in den notwendigen Toleranzgrenzen - lassen können.
Es geht also auch heute noch nicht viel anders zu als in den Anfängen des menschlichen Denk- und Urteils-vermögens, indem keine deutliche Unterscheidung zwischen Wirklichem und bloß Gedachtem, zwischen Beweisbarem und Unbeweisbarem stattfindet. Zahlreiche Vorstellungen und Begriffe - ähnlich den Dämonen und Naturgeistern der Frühgeschichte - schwirren umher, die infolge der Gewohnheit für durchaus real und allgemeingültig ge-
19
halten werden, während bei näherem Zusehen ihr religiöser oder ideologischer Charakter deutlich wird. Es ist für manche geradezu ein Schock und alle religiös oder ideologisch motivierten Vorurteile lehnen sich dagegen auf, wenn sie die nüchtern-sachliche Feststellung Geigers zur Kenntnis nehmen müssen:
"die Aussage betrifft etwas, worüber
in alle Ewigkeit, d.h. grundsätzlich, keine empirisch
entweder belegbare oder widerlegbare Behauptung aufgestellt
werden kann, weil der Aussagegegenstand selbst außerhalb
der Er-kenntniswirklichkeit liegt (sie transzendiert), oder
weil über einen Wirklichkeitsgegenstand etwas ausgesagt
wird, das nicht zu den ihn als ein Wirkliches bestimmenden
Eigenschaften gehört. Als Beispiele führe ich hier zwei
Sätze an: 'Die soziale Gerechtigkeit gebietet Schaffung
gleicher Ausbildungsmöglichkeiten für alle Be-gabten'. Im
Bereich der Erkenntnis Wirklichkeit gibt es keinen Gegenstand
'soziale Gerechtigkeit'. - 'Das Symbol des Kreuzes ist heilig'.
Im Bereich der Erkenntniswirklichkeit gibt es keine 'heilig'
genannte Eigen-schaft und daher keinen Gegenstand, der diese
Eigenschaft haben kann".
Wohlgemerkt: hier soll keineswegs die
Unwirklichkeit alles dessen, was über den Bereich der
Erkenntnis Wirk-lichkeit hinausgeht, behauptet werden.
Jedoch muß jeder, der ehrlich um Verständigung mit
seinen Mitmen-schen bemüht ist, zunächst Selbstkritik
üben lernen und sich darüber klar werden, was
von seinen Überzeu-gungen und Ansprüchen beweisbare
Tatsache oder bloße Annahme und Glaubensmeinung ist; sowie
auch, welche Vorstellungen und Begriffe nur auf subjektiven
eigenen Annahmen und Wertungen beruhen, im Gegensatz zu den
als objektiv nachweisbaren und allgemeingültigen.
Wenn auf der einen Seite die "soziale
Marktwirtschaft" als Ausdruck der "sozialen
Gerechtigkeit" gepriesen wird und auf der anderen Seite,
ebenfalls unter Berufung auf die "soziale Gerechtigkeit",
eben diese Markt-wirtschaft als Ausbeutung und Unterdrückung
verdammt wird, macht dies wohl deutlich genug, daß es
keinen objektiven Maßstab für "soziale
Gerechtigkeit" gibt, und daß die Verwendung religiöser
wie ideologischer Begriffe in der Argumentation gegenüber
Andersdenkenden niemals zu überzeugen vermag.
Man muß sich endlich darüber klar werden, daß bei allen ideologischen - ebenso wie bei allen religiösen - Überzeugungen es
20
sich nicht um objektiv beweisbares Wissen,
sondern stets nur um subjektive Glaubensmeinungen handelt; der
Festigkeitsgrad dieser Überzeugungen bleibt ganz ohne
Eindruck auf diejenigen, die sie nicht teilen, und die anders
gerichtete oder entgegengesetzte religiöse oder ideologische
Überzeugungen haben.
Demgegenüber gibt es nur zwei Möglichkeiten:
entweder sucht man die eigene Überzeugung, ohne Rücksicht
auf die der anderen, mit Gewalt durchzusetzen, soweit man
dazu imstande ist; oder aber man sucht sich mit den
Andersdenkenden auf einen modus vivendi zu verständigen.
Erste Voraussetzung dabei ist, beiderseits
darauf zu verzichten, religiös oder ideologisch begründete
Forderun-gen und entsprechend gefärbte Begriffe zu
verwenden, insbesondere solche, denen - wie z.B. bei dem der
"so-zialen Gerechtigkeit" - total verschiedene und gar
gegensätzliche Inhalte unterstellt werden.
Diese Voraussetzung ist nicht leicht zu erfüllen.
Denn während bei den religiösen Vorstellungen zumindest
die Gebildeten sich in der Regel deren Glaubenscharakters bewußt
sind, ist dies bei den ideologischen Vorstel-lungen nicht der
Fall. Diese werden auch heute noch bei Gebildeten wie
Ungebildeten für reale Wirklichkeit gehalten, nicht anders
als die beweisbaren Tatsachen der Erfahrungswirklichkeit.
Sie werden dabei mit einer Inbrunst und einem Fanatismus
verteidigt und durchzusetzen versucht, wie es ihn heute bei
religiösen Vor-stellungen nur noch verhältnismäßig
selten gibt.
Einer der wichtigsten ideologischen Begriffe
ist der des "Volkes" und die damit verbundene
Vorstellung, dies sei etwas "Höheres" als der
Einzelne, der daher seine Interessen denen des "Volkes"
unterzuordnen und dem "Volk" zu dienen habe. Dies ist
zugleich ein Beispiel für die Personifizierung von Abstraktionen
und für die Unterschiebung ganz verschiedener Inhalte unter
denselben Begriff.
Hierbei ist zunächst zu unterscheiden
der Begriff "Volk" als Bezeichnung der Gesamtheit
aller Einzelnen, die jeweils in ihrer Summe das betreffende Volk
ausmachen (dies ist durchaus ein Seinsbegriff aus dem Bereich der
Erkenntniswirklichkeit), von jenem in die Vergangenheit hinein
und in die Zukunft hinausgreifenden abstrakten Begriff des
"Volkes", das angeblich Forderun-
21
gen stellt. Der erste Begriff ist noch nicht
ideologisch, soweit er sich auf die Tatsachenfeststellung
beschränkt, daß dieser oder jener dem betreffenden
Volk angehöre, wenn daraus keine Wertung oder Forderung
abgeleitet wird. Das "Volk" wird jedoch zur Ideologie,
wenn ein konkreter Einzelner oder eine Gruppe von solchen
sich zu Sachwaltern angeblicher Interessen des
"Volkes" aufwirft und entsprechende Forderungen
auf Unterordnung an andere Einzelne oder Gruppen stellt. Dabei
wird uns einzureden versucht, dies "Volk" sei ein
selbständiges Lebewesen mit eigenem Willen und von grundsätzlich
"höherer" Qualität als die Summe seiner
einzelnen An-gehörigen, die ihm gegenüber
"Pflichten" hätten. Während dies nach den Maßstäben
der Erkenntniswirklichkeit eine rein gedankliche
Vorstellung, ein Phantasiegebilde in den Köpfen derer
ist, die bloß glauben, dieses Pro-dukt nicht einmal
ihres Denkens, sondern lediglich Glaubens sei mehr als
Einbildung.
Dies geht so weit, daß Hitler sagte:
"Du bist nichts. Dein Volk ist alles" und die Einzelnen
auch entsprechend als "Menschenmaterial" für seine
Vorstellung vom Volk als eines Menschenopfer fordernden Götzen
behan-delte. Aber vor wie nach ihm waren und sind es unzählige,
die in mehr oder minder krasser Form dieselbe Vor-stellung hegten
und sowohl sich selber wie andere ihr unterwarfen und
unterwerfen. Die Begriffe "Volk" oder auch
"Vaterland" oder "Nation" haben als
Ideologien immer mehr sich entfaltet, je intensiver sie durch die
allgemeine Schulpflicht und die allgemeine Wehrpflicht
systematisch propagiert wurden.
Ursprünglich war das Zusammengehörigkeitsgefühl
in Stämmen und Völkern noch rein instinkthaft und frei
von gedanklichen Motivierungen; es basierte auf der
Vertrautheit des Zusammenlebens und der Gewohnheiten, sowie
auf dem Schutzbedürfnis, solange die Angehörigen
fremder Stämme und Völker vorwiegend als Feinde in
Erscheinung traten, oder jedenfalls als mögliche Feinde,
deren Herrschaft man fürchtete; während die
Herr-schafts-Verhältnisse im eigenen Volk durch Sitte und
Gewohnheit verschleiert waren. Jeder fühlte natürlich
sein Eigeninteresse, wie das der ganzen Gruppe gefördert,
wenn jemand anderer sich im Kampf für den be-treffenden
Stamm oder das betreffende Volk auszeichnete und dementsprechend
Lob und Ansehen erntete. So wuchs das Gefühl - und wurde
durch das Verhalten der Umwelt bestätigt - , daß Opfer
22
für die Gemeinschaft etwas Lobenswertes
seien, was sie unter gewissen Umständen und in gewissen
Grenzen ja auch sind; vorausgesetzt, daß der Betreffende
sie selbst und freiwillig bringt und nicht etwa sie, unter Druck
und Zwang, von anderen fordert. Das Gefühl der Solidarität
wird immer gestärkt, wenn äußere Gefahren
ir-gendwelcher Art drohen. Von diesem rein instinkthaften Gefühl,
das noch nichts mit Ideologie zu tun hat, ist es aber nicht weit
zu der Vorstellung - wohlgemerkt: Vorstellung! - , daß
die Gesamtheit eines Volkes etwas Bedeutsameres und "Höheres"
sei als der Einzelne, was dann immer öfter auch
ausgesprochen und schließlich systematisch gelehrt wurde.
Ist "die Eselheit" etwas "Höheres"
als der einzelne Esel? - Allerdings ist eine Mehrzahl von
Eseln zweifellos wertvoller als ein einzelner - aber für
wen? - Für ihren Besitzer! Demgemäß
pflegten und propagierten die Führer und Herrscher jedes
Volkes den Gedanken des Zusammenhalts und der Unterordnung, der
ja zugleich immer ein Gedanke der Unterordnung unter ihre Führung
und Herrschaft war. Die Priester stärkten diesen Glauben,
auch im eigenen Interesse, umso mehr, als die Angehörigen
fremder Völker in der Regel auch Gläu-bige anderer
Religionen waren.
Die Ideologie von "Volk", "Vaterland", "Nation" wurde so zu einer Ersatz-Religion, die bald in allen Völkern stärker als die eigentliche Religion wurde und jedenfalls zu mehr und größeren Opfern begeisterte als jene. Dazu kam der noch heute anhaltende Fanatismus der Anhänger dieser Ersatzreligion, die jeden Andersden-kenden für moralisch minderwertig, wenn nicht als "Verräter" für todeswürdig halten. Selbst ein Macchiavelli, der die Geschäftsgeheimnisse der Herrschenden recht gründlich durchschaut und enthüllt hatte, war von der Idee der nationalen Einigung Italiens so besessen, daß er seinen "Principe" vor allem in der Absicht schrieb, dem Mann, den er für diese Einigung am geeignetsten hielt, die richtigen Tips zu geben, nämlich mit Hinterlist und Mord dabei nicht zimperlich zu sein. Das war durchaus logisch im Rahmen jener altrömischen "Tugend", welche die Vaterlandsliebe und die im Dienst des Vaterlandes gebrachten Opfer - sowohl eigene wie die Opfe-rung anderer - am höchsten wertete. Noch heute meldet sich ja nur zaghaft die Überlegung Lichtenbergs:
"Ich möchte gern wissen, für wen in Wirklichkeit
die Taten getan werden, von denen man öffentlich
behauptet, sie würden für das Vaterland getan".
23
Weil im Gegensatz zu unsichtbaren Göttern
das "Volk", das "Vaterland", die
"Nation" für eine unbezweifelbare Realität
gehalten wird (und dies als nicht-ideologischer Begriff ja auch
ist), kommt nur wenigen die Erkenntnis: die ideologische
Erweiterung dieses Begriffs, die ihm ein Eigenleben mit
Eigenwillen unterstellt, ist .eine Ver-fälschung;
denn was als angeblicher Wille oder Interesse des
"Volkes" propagiert wird, ist immer nur eine
Ab-straktion, hinter der sich jeweils der Wille oder das
Interesse eines Einzelnen oder einer Gruppe verbirgt. Wer
daran glaubt, läßt sich von einer fix gewordenen Idee
beherrschen. Jedes Abstraktum überhaupt
ist ein Schirm, hinter stets ein Konkretum hockt, das seinen
Willen und sein Interesse dem Abstrak-tum unterschiebt, um
damit Eindruck auf Urteils- und Kritikunfähige zu machen.
Dies wird deutlich, wenn davon die Rede ist,
daß die Interessen Einzelner - oder auch von Gruppen -
dem "Ge-samtinteresse" untergeordnet werden müssen.
Denn das Volk ist eben die Gesamtheit aller Angehörigen
des betreffenden Volkes; wenn die Interessen eines Teils
denen eines anderen Teils untergeordnet werden, sind dies daher
Opfer, die nicht der Gesamtheit dienen, sondern jenem
anderen Teil, sei dieser eine Minorität oder Majorität.
Woher weiß man auch, daß es "gut" und "richtig" ist, wenn solche Opferung stattfindet? Das wird ja nur von denen behauptet, welche die "wahren" Interessen des "Volkes" zu kennen behaupten, und die dabei ganz of-fensichtlich nicht die Interessen der Gesamtheit aller Volksangehörigen vertreten, zumindest jener nicht, denen sie das Opfer zumuten oder auferlegen. Während das (nicht-ideologische) konkrete Volk so viele verschiedene Stimmen, Willensbestrebungen und Interessen hat wie seine einzelnen Angehörigen, hat das (ideologische) "Volk" als Abstraktum ja keine eigene Stimme, keinen eigenen Willen, den es selber äußern kann (den "demo-kratischen Willen" der Mehrheit werden wir noch genauer untersuchen); sondern für das Abstraktum "Volk" sprechen und handeln immer nur Einzelne oder Gruppen von solchen, die sich die Legitimation dazu selber geben, oder auch von anderen geben lassen, die ihrerseits großzügig Vollmachten erteilen, welche nicht nur für sie selbst, sondern für - sogar widerstrebende - unbeteiligte Dritte gelten sollen! Insbesondere fehlt jeder Nach-weis dafür, daß das "Volk"
24
das "Vaterland", die
"Nation" ein nicht nur subjektiver, sondern
objektiver Höchstwert ist und daß jeder Ein-zelne
diesen Wert zu respektieren und ihm zu dienen habe, ähnlich
wie einem religiösen Gebot.
Bei den Religionen ist von vornherein klar,
daß es sich nicht um Wissen, sondern um Glauben handelt; daß
das Behauptete also nicht bewiesen werden kann, denn was man weiß
und beweisen kann, braucht nicht geglaubt zu werden. Der
philosophisch Geschulte weiß, daß und warum
über alles Metaphysische, d.h. über die
Er-fahrungswirklichkeit hinausgehende, nichts so gewußt und
bewiesen werden kann, wie die Erfahrungstatsa-chen in jener. Wer
sich daher auf religiöse Lehren und Offenbarungen anderer
verläßt, muß sich darüber klar sein, daß
diese in der Regel ebensowenig wissen können wie er selber.
Was das subjektive Erlebnis einer Of-fenbarung betrifft, läßt
sich dies anderen nur durch unbeweisbare Behauptungen übermitteln;
es gibt vor allem keinen Maßstab dafür, ob die
betreffende Offenbarung tatsächlich die einer metaphysischen
Wirklichkeit, oder aber nur Einbildung, Halluzination,
Selbstsuggestion war.
Bei den Religionen kann immerhin noch prinzipiell zugestanden werden, daß es über die Erfahrungswirklich-keit hinaus eine umfassendere Wirklichkeit geben kann, die unseren begrenzten Sinnen und unserem durch unauflösbare Widersprüche (Antinomien) begrenzten Verstande unzugänglich sein mag; grundsätzlich könnte sogar zugestanden werden, daß diese andere Wirklichkeit durch Meditation, gegebenenfalls auch tatsächlich durch Offenbarung oder Intuition subjektiv und individuell erfaßbar sein mag. Dies ändert nichts daran, daß die Ergebnisse eines solchen Zugangs zu dieser anderen Wirklichkeit nicht als "echt" oder "richtig" beweisbar sind. Man kann ebenso gut das Gegenteil behaupten. Bei Ideologien, z.B. der des "Volkes", des "Vaterlandes", der "Nation" aber wäre es absurd, von einer Offenbarung sprechen zu wollen, durch die der Betreffende von der objektiven Höherwertigkeit dessen, was er sich unter diesen Begriffen vorstellt, überzeugt sei, so sehr auch nach seiner subjektiven Oberzeugung diese Begriffe für ihn einen subjektiven Wert darstellen mögen. Objektiv gesehen jedenfalls, sind Volk, Vaterland und Nation ebensowenig höhere Wesenheiten gegenüber dem Einzelnen, wie dieser eine höhere Wesenheit gegenüber jenen Begriffen ist. Dies ist das simple Ergebnis der Logik. Psychologisch aber ist
25
leicht erklärbar, warum diese
ideologisch verfälschten Begriffe bei allen Demagogen
so beliebt sind: weil sie - an einen durch Gewohnheit
geheiligten Urinstinkt appellierend - so sehr dem Unterwürfigkeits-
und Vereh-rungstrieb der breiten Masse entgegenkommen;
insbesondere, weil sie bisher noch stets ihre Zugkraft als
Schlagworte erwiesen haben, um die große Mehrheit den
Zielen und Interessen der Herrscher folgen zu lassen, die teils
bewußt diese Schlagworte für eigene Interessen mißbrauchten,
teils selber ihnen erlagen und gutgläu-big sich ihnen
unterwarfen.
Der Begriff der "Pflicht", ebenso
wie sein Korrelat, der des "Rechts", sind ebenfalls
ideologisch und beide tau-chen häufig in Verbindung mit den
vorerwähnten des "Volkes", des "Vaterlands",
der "Nation" auf, aber durchaus auch in
anderen Zusammenhängen. Immer jedoch, wenn eine solche
"Pflicht" postuliert wird, ist da-bei inbegriffen,
daß es sich um ein "höheres" Gebot handelt,
dem zu folgen der Betreffende eben "verpflichtet" sei.
Dabei müssen zunächst deutlich
unterschieden werden: die vorerwähnten - angeblich
"vorgegebenen" - "Rech-te" und "Pflichten"
einerseits, von jenen Rechten und Pflichten, die sich aus Verträgen
ergeben, anderseits. Letztere sind nicht ideologisch
und können daher - durch Zeugen oder durch Dokumente - als
bestehend oder nicht bestehend bewiesen werden. Während die
ideologischen "Rechte" und "Pflichten" nur
genau so behauptet werden wie die religiösen und sich jeder
Beweisführung für ihre tatsächliche Existenz
entziehen.
Unklares, verschwommenes Denken und vor allem die allgemeine Gewohnheit bewirkt aber, daß an jene an-geblichen "Rechte" und "Pflichten" wie an Realitäten geglaubt wird und sie überhaupt nicht in Zweifel gezogen werden. Zumeist steht hinter ihnen ja auch reale Macht und zwingt die Widerstrebenden zur Anerkennung oder zumindest zur Unterdrückung ihrer Kritik und ihres Widerspruchs. So sind zwar die gesetzlich festgelegten "Rechte" oder "Pflichten", die sich häufig auf angeblich "vorgegebene" und jedenfalls nicht auf vertraglich frei vereinbarte stützen, eine Realität, aber nur eine Realität der überlegenen Macht; sie sind es nicht ihrer eigent-lichen Begründung nach, es sei denn, daß die "Begründung"offen mit der stärkeren Gewalt erfolgt. Es führt daher zu einer gefährlichen Begriffsverwirrung, wenn
26
man die echten, d.h. die frei
vereinbarten Rechte und Pflichten nicht deutlich unterscheidet
von den angeblich "vorgegebenen" grundsätzlich
unbeweisbaren "Rechten" und :Pflichten", die sich
nur auf Behauptungen stütz-en, einerseits, sowie von
den gesetzlich festgelegten "Rechten" und
"Pflichten" anderseits, die im Grunde von einer überlegenen
Gewalt diktiert werden, sei es die einer offenen Diktatur oder
die einer Mehrheit. Die letz-teren werden noch in einem eigenen
Kapitel behandelt.
Die ideologischen "Rechte" und
"Pflichten" sind bei näherem, kritischem Zusehen
nichts anderes als Wünsche des Betreffenden, daß,
was er als sein "Recht" ansieht, von den anderen
als solches auch anerkannt werden, d.h. zu echtem Vertragsrecht
werden soll; ebenso ist es mit den "Pflichten", die er
anderen auferlegen möchte. Beide Wünsche können
nur so weit Realität gewinnen, als hinter ihnen die Macht,
sie durchzusetzen, steht. Fehlt es an dieser Macht, so sind und
bleiben sie reine Wünsche und gedankliche-Spekulationen und
der Betreffende hat nur den schwachen Trost, daß er
"eigentlich" doch "im Recht" sei;
Einbildung kann ja mitunter glücklich machen. Sie macht
aber meist unglücklich, wenn jemand sich selber unter das
Joch vermeintlicher "Pflichten" beugt, oder angebliche
"Rechte" anderer anerkennt, nicht weil er aus freien Stücken
zustimmen will, sondern weil er sich unter dem Druck eines
"moralischen" Muß, eben einer "höheren"
Verpflichtung, fühlt, die ihm le-diglich durch seine
Umwelt suggeriert wurde.
Angebliche "Rechte" und "Pflichten" schwirren ja nur so umher, die bloße Phantasiegebilde sind und ihre einzige Stütze darin finden, daß sie durch Gesetz oder Diktat,, also durch überlegene Macht, oder durch bloße Gewöhnung festgelegt und bereits in frühester Kindheit von Eltern, Umwelt, Schule als selbstverständlich eingeprägt werden; wobei jede Abweichung in der Regel auf empörte Reaktion der Umwelt stößt, so daß die Gewohnheit schließlich das entsprechende Verhalten prägt und es gar-nicht mehr zu einer Auflehnung kommen läßt.
_________________________________________________________________________________________
(J.Z.: Auf die individuellen Rechte, Freiheiten und Pflichten, die weder auf Gesetzen, noch Gebräuchen, noch Indoktrinierung in Staatsschulen oder Verträgen beruhen, lässt er sich nicht ein sondern uebergeht oder leugnet sie einfach, indem er sie mit den anderen zusammenwirft und verurteilt. - Darüber haben ihn weder Ulrich von Beckerath noch andere Menschenrechtsanhänger noch ich selbst je genügend aufklären können. Er hatte auch seine Wahnvorstellungen. - An anderen Stellen, mit seinem Begriff der "gleichen Freiheit fuer Alle" kommt er jedoch an das eigentliche Wesen des korrekten Rechtsbegriffes nahe heran, während der den Rechtsbegriff im-mer noch ganz und gar verwirft. Aber eine Rose bleibt immer noch eine Rose, gleichgültig welchen Namen man ihr gibt. - J.Z., 2.3.04.)
_________________________________________________________________________________________
Ein kluger Mann sagte:
"Was man in der Jugend lernt, das
"sitzt". Daher vertreten die meisten Leute Ansichten,
die durchschnittlich etwa 3o Jahre alt sind. Da es den damaligen
Lehrern ebenso ging, vertreten die Menschen, ungeachtet der
Änderung der Verhältnisse, Ansichten, die völlig
sinnlos geworden sind. Mit der Vollendung
27
des körperlichen Wachstums ist bei den
meisten Menschen die geistige Entwicklung erledigt. Die bis dahin
ge-wonnenen Anschauungen schleppen sie weiter bis zum
Grabe".
Sehen wir zunächst von den durch Gesetz
und Diktat begründeten "Rechten" und
"Pflichten" ab, auf die wir noch ausführlich
zurückkommen, müssen wir zunächst davon ausgehen,
daß bei Geburt der Mensch rechtlos und pflichtenlos den anderen
Menschen, Einzelnen wie Gruppen gegenübersteht, was jedoch
nicht bedeutet, daß jene mit ihm nach Belieben verfahren
können, und auch nicht ausschließt, daß die
anderen ihm einseitig gewisse Rechte zugestehen. Der Behauptung,
daß es angeborene "Rechte" oder
"Pflichten" gäbe, steht die ge-genteilige
Behauptung völlig gleichberechtigt gegenüber. Förderungen,
die sich auf die Behauptung angebo-rener tatsächlicher
Rechte und Pflichten stützen, müssen daher, selbst wenn
es letztere gäbe, aus demselben Grunde zurückgewiesen
werden, aus dem jedes objektiv urteilende Gericht eine
bestrittene unbewiesene For-derung zurückweisen muß;
sogar dann, wenn sie an sich durchaus berechtigt sein mag. Eben
weil derartige Behauptungen und Forderungen grundsätzlich
unbeweisbar sind.
Letzteres ist eine beweisbare
Erkenntnis nach den Maßstäben der
Erfahrungswirklichkeit und bezieht sich auf alle
"Rechte" und "Pflichten" auf religiöser,
moralischer, sittlicher oder sonstwie ideologischer
Grundlage. Nur durch Übereinkommen, das auch
stillschweigend erfolgen kann, werden echte Rechte und Pflichten
begründet. Was man "Moral" und "Sitten"
nennt, beruht zum Teil auf solchem Übereinkommen, zum
anderen aber auf Hirngespinsten, bloßen Wunschbildern und
unbeweisbaren Behauptungen (weshalb sich auch die Moralauf-fassungen
und Sitten so häufig ändern), sowie zu einem sehr
wesentlichen Teil auf Zwang und aggressiver Gewalt. Wer sich also
auf solche ideologischen "Rechte" und
"Pflichten" beruft und auf sie Forderungen gegen andere
gründet, ist bestenfalls einer, der unklar denkt und die
Begriffe verwechselt; in aller Regel aber ist es jemand, der bewußt
Kritikunfähige irreführen oder aggressive
Gewaltanwendung rechtfertigen will.
Auch das sogenannte "Naturrecht" gehört zu den ideologischen Forderungen, da es im Bereich der Erfahrungs-wirklichkeit keinen Gegenstand "Naturrecht" gibt. Selbst diejenigen, die an ein
28
"Naturrecht" glauben (es ist ja
reine Glaubenssache), sind sich über dessen Inhalt völlig
uneinig. Als "Natur-recht" werden oft recht vernünftige
Ansichten propagiert. Aber deren Wert liegt darin, daß
sie vernünftig, nicht daß sie ein "Recht"
sind.
Eine Mittelstellung zwischen Ideologie und
vereinbarten Rechten nehmen die sogenannten
"Menschenrechte" ein. Sie entstanden im Kampf gegen die
Herrschaft des Faustrechts, um diesem mehr und mehr Schranken zu
setzen, und speziell gegen die Allmacht des Staates, um dem
Einzelnen wenigstens einige bescheidene Frei-heiten diesem gegenüber
zu sichern. Aber sie entstanden zum Teil auch aus rein
ideologischen Forderungen, überschritten dabei die
Grenze der gleichen Freiheit Aller, und wurden insoweit selber
aggressiv.
Bisher stehen sie auch nicht in
unmittelbarer Geltung von Mensch zu Mensch, etwa in der Weise, daß
alle, oder auch nur eine große Mehrheit, ihnen ausdrücklich
zustimmen, oder daß der Einzelne sie gegenüber anderen
Einzelnen, Gruppen oder gar Staaten, praktisch durchsetzen könnte.
Sondern nur die einzelnen Staaten proklamieren und
konzedieren diese "Menschenrechte" unter jeweils
erheblichen Einschränkungen.
Dabei handelt es sich, wohlgemerkt, um eine
bloße Proklamation, wie sie in der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte vom l0. 12.1948 als Resolution der
UNO-Generalversammlung zum Ausdruck kam. Diese war kein
rechtsverbindlicher Akt und niemand kann darauf durchsetzbare
Ansprüche stützen! Es handelt sich um eine typische
Moralpredigt, ohne ernsthaften Willen der Moralprediger, nun
auch ihrerseits diese Moral zu praktizieren; davon kann sich
jedermann überzeugen, der die Praxis vieler - und sogar der
meisten - Staaten mit den von ihnen proklamierten
"Menschenrechten" vergleicht.
Typisch für die Unklarheit der Ausgangspunkte ist bereits die Phrasenhaftigkeit der Präambel, die von einem "Gewissen der Menschheit" spricht. Die Menschheit als abstrakter und ideologischer Begriff kann weder Wil-len, noch Bewußtsein noch Gewissen haben, es sei denn das, was ihre selbsternannten Sachwalter ihr unter-schieben; während die konkrete Menschheit als Summe aller einzelnen Menschen ebenso viele Milliarden ver-schiedene und meist gegensätzliche Gewissen hat, wie es einzelne Menschen gibt. Die Präambel erklärt ferner für "wesentlich, die Menschenrechte
29
durch die Herrschaft des Rechts zu schützen".
"Das Recht" aber gibt es nicht als etwas bereits
Vorgegebenes oder auch nur klar Bestimmbares; was als "das
Recht" bisher realisiert wurde, war immer nur die
dahinter ste-hende Macht, die meist eine aggressive Gewalt war,
so weit es sich nicht um Rechte handelt, die auf Vertrag, auf
Vereinbarung beruhen. Die Herrschaft
"des" Rechts hat in der Praxis bisher immer nur die
Herrschaft der Gewalt bedeutet, schon weil sie eben auf Herrschaft
beruhte, und auch dann, wenn diese Herrschaft verein-zelte
Freiheiten "gewährte". "Das Recht" war
bisher immer nur das Recht der Herrschenden und Stärkeren.
Wo es als ohnmächtiges Ideal von den Beherrschten und
Schwachen proklamiert wurde, war es nur hilfloser Protest gegen
die Übermacht. Weder im ersten noch im zweiten
Falle kann die reale Existenz eines solchen ideolo-gischen
Begriffs wie "das Recht", geschweige denn in einer
konkreten Formulierung seines Inhalts, bewiesen werden; d.h.
die reale Existenz in der Erfahrungswirklichkeit, also auch außerhalb
der Köpfe, in denen das Vorhandensein entsprechender
Vorstellungen natürlich nicht mit realer Existenz identisch
ist; denn vorstellen kann man sich auch Nichtexistierendes.
Die Präambel spricht dann noch vom "Glauben" an die "Menschenrechte", womit sie indirekt zugibt, daß es kein Wissen davon gibt und geben kann. Artikel 1 stellt gleich zwei unhaltbare Behauptungen auf: alle Men-schen seien "gleich an Rechten" geboren und "mit Vernunft und Gewissen begabt". Man könnte besser sagen, daß kein Mensch mit Vorrechten gegenüber anderen geboren sei, wenn man nicht die noch bessere Formu-lierung vorzieht, daß es überhaupt keine angeborenen Rechte, auf die man sich vernünftigerweise berufen kann, gibt, sondern nur solche, die durch Vereinbarung entstehen. Durch Vereinbarung aber wird in der Regel niemand anderen Vorrechte zugestehen, sondern darauf bedacht sein, keine geringeren Rechte, also gleiche wie jener andere, zu erhalten.
Unter Berufung auf die "Vernunft" - immer nur die eigene, nie die der anderen - sind oft sehr gegensätzliche Ansichten geäussert worden; läßt man die Weltgeschichte oder auch bloß die tägliche Erfahrung Revue pas-sieren, ist es offenbar nur eine kleine Minderheit, die wirklich Vernunft hat und betätigt. Was das "Gewissen" betrifft, geht jener Artikel offenbar von der
30
Vorstellung aus, daß dessen Stimme in
allen Menschen gleich oder ähnlich sei. Das ist jedoch
offensichtlich nicht der Fall und kann es auch
nicht sein, da das "Gewissen" jeweils nur die Summe der
eingeprägten oder übernommenen religiösen
und Moral-Vorstellungen ist.
Die Gleichheit vor dem Gesetz, die in Artikel 7 postuliert ist, rechtfertigt die ungleiche Freiheit von Einzelnen gegenüber Gruppen und deren Gesetzen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Gesetze aus einem totalitären oder demokratischen Regime stammen, wobei letzteres ebenso auf dem Prinzip der Herrschaft beruht wie das ande-re. Schon Anatole France hatte gespottet:
"Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet
es Reichen wie Armen, unter Brücken zu
schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu
stehlen".
Artikel 13 beschränkt das Recht
auf Freizügigkeit nur auf den betreffenden Staat. Da die
Staaten sehr ungleich groß und unterschiedlich in
ihren natürlichen Gegebenheiten (z.B. Bodenschätzen),
ihren Verfassungen und sozialen Verhältnissen sind, wird
hier wiederum die gleiche Freiheit Aller im Namen der "Menschenrechte"
eingeschränkt.
Artikel 17 garantiert sehr summarisch ein Recht auf Eigentum, ohne zu unterscheiden, wie dieses erworben ist: ob z.B. als Frucht eines rechtlichen oder tatsächlichen Privilegs oder Monopols, aus dem Vorrechtsanspruch auf etwas, was die Natur als Geschenk bietet, wie den Boden und seine Schätze, oder aber ob der Eigentumsan-spruch sich nur auf das Produkt eigener Arbeit richtet.
(J.Z.: Die "Geschenke" der Natur, die aus den Früchten des Bodens, seinen Erzen, seinem Erdoel etc. bestehen, werden gewöhnlich nicht ohne Arbeits- und Kapitalaufwand gewonnen. - J.Z., 2.3.04.)
In Artikel 21 wird mit dem Willen des "Volkes" (also einem Abstraktum, hinter dem stets nur der Wille einer an Äußerung und Auftrag des "Volkswillens"- der zudem mit dem Willen der Gesamtheit aller Volksangehö-rigen nicht identisch ist - nicht gebundenen Gruppe konkreter Einzelner steckt) die "Autorität" der öffentlichen Gewalt gerechtfertigt. Hier ist "Gewalt" durchaus im aggressiven Sinne, d.h. als Eingriff in die gleiche Freiheit Aller, zu verstehen und dazu wird noch bei Betrachtung der Ideologie der Demokratie und des Mehrheits-prinzips einiges zu sagen sein.
In Artikel 22 werden im Hinblick auf etwas durchaus Wünschens-
31
wertes Ansprüche und "Rechte"
verliehen, ohne Zustimmung der davon Betroffenen, d.h. Ansprüche
und "Rechte" gegen andere, auf deren Kosten und auch
gegen deren Willen.
In Artikel 23 und 25 werden mit dem
"Recht auf Arbeit", sowie auf "soziale Fürsorge"
und dem "Schutz gegen Arbeitslosigkeit" Wünschbarkeiten,
die durch freiwillige Vereinigungen gesichert werden können,
vor allem jedoch durch eine auf echter ,d.h. gleicher
Freiheit für Alle beruhenden Grundordnung, als "Rechte"
und "An-sprüche" formuliert, die eine Autorität
voraussetzen, welche auf Grund dieser "Rechte" Fürsorge
aus den Taschen anderer Leute betreibt.
Dasselbe gilt für das "Recht auf Bildung" mit der Forderung nach unentgeltlichem Unterricht, zumindest in den Elementar- und Grundschulen, und schließt - unausgesprochen - den Schulzwang und die staatliche Bestim-mung des Unterrichtsstoffes und Lernzweckes ein. Denn wenn jemand ein "Recht" hat, steht demgegenüber die entsprechende "Pflicht" dessen, der dieses Recht gewährt oder anerkennt; nach der teils ausgesprochenen, teils unausgesprochenen Meinung der Verfasser jener " Menschenrechtserklärung" aber auch die "Pflicht" derer, die solche "Rechte" nicht anerkennen, denn als "angeborene" würden sie ja außerhalb von Vereinbarun-gen stehen und diesen vorgehen.
Artikel 29 proklamiert demgemäß
auch: "Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der
Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entwicklung
seiner Persönlichkeit möglich ist". Abgesehen
davon, daß es an echten Pflich-ten nur freiwillig übernommene
geben kann (denn bei gewaltsam aufgezwungenen ist deren Benennung
als "Pflicht" eine dreiste Maskerade der aggressiven
Gewalt), wird hier der abstrakte Begriff einer Gemeinschaft
der Tatsache unterschoben, daß jeder Mensch es mit einer
Mehrzahl anderer konkreter Menschen zu tun hat und zu ihnen in
Beziehungen tritt; wobei man den Begriff "Gemeinschaft"
noch gelten lassen könnte im nicht-ideologischen Sinne, wenn
damit nichts anderes als eben diese Gesamtheit gegenseitiger
Beziehungen wert-neutral gemeint ist und sich diese
Beziehungen der Einzelnen gegenüber der Gesamtheit
Aller auf das Prinzip der gleichen Freiheit Aller und auf
freie Vereinbarungen stützen. Tatsächlich
aber wird dem Begriff der "Ge-meinschaft" ein ganz anderer,
nämlich der des Staates unterschoben. Während für
eine echte Gemeinschaft die Freiwilligkeit der Teilnehmer
charakteri-
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stisch ist, handelt es sich beim Staat um eine Zwangs-"Gemeinschaft". Diese spezielle Form einer "Gemein-schaft" (durchaus nicht die einzig mögliche) ist die gefährlichste aller ideologischen Abstraktionen; denn sie tritt als selbständiges, den Einzelnen übergeordnetes Etwas auf. beansprucht "Rechte" und legt den Einzelnen "Pflichten" auf, ohne Rücksicht darauf, ob jene dem zustimmen oder nicht. Der Staat ist die moderne Form eines säkularisierten Gottes, der für seine Gebote absolute Geltung fordert.
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(J.B.: Bei seiner Kritik der "Menschenrechte", wie sie von der UN erklärt wurden, griff K.Z. nur einen Stroh-mann an. Ein schlechteres Beispiel hätte er kaum wählen können. Um bessere und richtigere Meschenrechts-erklaerungen hat er sich nie ausreichend gekuemmert. Als Anarchist hätte er sich doch sagen koennen, dass diese Erklärungen von Regierungen meist unvollständig und teilweise falsch sein wuerden und nicht Vertrauen verdienen. Meines Wissens hatte er nie versucht, z.B. die von Ulrich von Beckerath oder von mir versuchen Menschenrechtserklaerungen zu widerlegen. Um auch sie im Bausch und Bogen zu verdammen genuegte fuer ihn schon, dass auch sie den Rechtsbegriff gebrauchten, wenn auch in einem ganz anderen Sinne als die meis-ten der Erklärungen von Regierungen. - Über eine Zusammenstellung von etwa 100 privaten Menschen-rechtserklärungen siehe "PEACE PLANS" Nos. 589 & 590. - J.Z., 2.3.04.)
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In den UNO-Pakten für
"Menschenrechte" vom 16.12.1966 taucht dann noch das
"Selbstbestimmungsrecht der Völker" auf.
Wohlgemerkt: niemals ein Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen,
die stets nur als unselbständige Teile eines ihnen übergeordneten
Ganzen - als "der Rechtshoheit unterworfene" Personen -
betrachtet und be-handelt werden; wobei wir bereits gesehen
haben, daß jene "Ganzheiten" weder einen
Eigenwillen, noch ein selbständiges Eigendasein haben,
sondern Abstraktionen sind, hinter denen sich stets der
Wille eines konkreten Einzelnen, oder einer Gruppe von
solchen, verbirgt. Es handelt sich dabei immer nur um
Verschleierungen der Herrschaft von Menschen über Menschen.
Zu beachten ist, daß der "Weltpakt für bürgerliche
und politische Rechte vom 16.12.1966 in seiner Präambel
ausdrücklich von "Pflichten" des Einzelnen nicht
nur gegenüber seinen Mitmenschen, sondern gegenüber der
"Gemeinschaft, der er angehört" spricht.
Merkwürdigerweise ist die Absurdität eines Zustandes bisher nicht aufgefallen, in dem das, was lediglich in den Köpfen als Vorstellung, als bloß Gedachtes, existiert, gleichrangig mit Wirklichem, ja sogar vorrangig gegen-über diesem, behandelt wird. Und dies, nachdem vor mehr als vier Generationen Stirner seinen vehementen Angriff gegen eben jene "fixen Ideen" gerichtet hatte, die an sich als bloße Theorie (immer im Bewußtsein, daß es sich dabei um kein Wissen, sondern um bloße Annahmen, Meinungen, Glauben handelt) durchaus tolerabel, ja mitunter sogar akzeptabel sind; während sie zu einer gefährlichen Geistesgestörtheit entarten, wenn jenes Be-wußtsein einer bloßen Annahme verloren geht und die betreffende Idee eben zu einer unerschütterlich "fixen" erstarrt. Dann ist es nicht mehr der Mensch, der die Idee, den betreffenden Gedanken, hat, sondern dieser, sein Produkt also, hat sich den betreffenden Men-
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schen unterworfen (was natürlich auch für von anderen übernommene Gedanken gelten kann). D