Mit Genehmigung des Copyright-Inhabers John Zube ins Internet gebracht von Holger Hermann Haupt, homepage: http://www.hpo.net/users/hhhptdai/hp.htm "Konzept fuer Freiheit" (mit Zitaten aus Solnemans Manifest).

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K.H.Z. SOLNEMAN

(Kurt H. Zube, 1905 - 1991)

Das Manifest der Freiheit und des Friedens

Der Gegenpol zum Kommunistischen Manifest

MACKAY-GESELLSCHAFT , Freiburg/Br.

(Hier mit einigen Anmerkungen von John Zube. Siehe unter J.Z.)

Die MACKAY - GESELLSCHAFT, undogmatisch, antiideologisch, möchte Basis einer Diskussion über alle Probleme der Gesellschaftsordnung sein.

Sie ist bemüht, ihre Argumentation nur auf beweisbare Tatsachen zu stützen.

An solchen wird sie einige,  nebst allen Konsequenzen daraus,  vorstellen, die zu einer ganz neuen Denkungsart führen,  wie bereits Albert Einstein sie als unumgänglich notwendig erklärt hatte.

 

Interessenten wenden sich an das Sekretariat: Kurt Zube, Auwaldstr. 7, Freiburg/Br. (Jetzt liegt er anonym irgendwo in Freiburg begraben. - J.Z., 7.4.04.)

1977© MACKAY-GESELLSCHAFT, Freiburg/Br.

Neuland-Druck, Wetzlar/Lahn

ISBN 3-921388-12-0

(Uwe Timm, Utespero@aol.com mag hier ueber die jetzige Mackay Gesellschaft einschalten was er will. - J.Z.)

ZUR BEACHTUNG

"Wenn wir uns eine Stunde über ein wichtiges und interessantes Thema unterhalten wollen, müssen wir uns zuvor vier Stunden lang über die Begriffe einigen, die wir dabei verwenden, sonst reden wir aneinander vorbei"                                                                                     (Prof. Carl Ludwig Schleich).

Hier werden die folgenden Be­griffe so gebraucht, wie sie nachstehend definiert sind.

FREIHEIT: ist kein subjektiver, sondern ein objektiv recht exakt bestimmbarer Begriff, wenn es um Freiheit in sozialer Beziehung geht.

Entweder ist meine Freiheit grösser als die eines  anderen oder einer Gruppe, indem sie auf dessen oder deren Kosten geht, dann sind jene nicht frei; oder sie ist geringer als die eines anderen oder einer Grup­pe, wobei dies auf meine Kosten geht, dann bin ich nicht frei.

In beiden Fällen besteht kein Zustand der Freiheit. Dieser kann also nichts anderes bedeuten als die gleiche Freiheit (nicht Gleichheit!) Aller, was im wesentlichen mit Herrschaftslosigkeit identisch ist.

 

HERRSCHAFT: ist ein Zustand ungleicher Freiheit, wobei die Freiheit der einen grösser ist als die der anderen, auf Kosten jener und gegen de­ren Willen. Ein Zustand ungleicher Freiheit, der mit Zustimmung der Benach-teiligten besteht, ist also keine Herrschaft.

 

GEWALT: ist die Anwendung physischen oder psychischen Zwanges, wenn dieser in aggressiver Form, d.h. unter Verletzung des gleichen Freiheitsspielraums anderer erfolgt; Verteidigung gegen solche Ag­gression, auch mit physischen Machtmitteln, sollte daher nicht als Gewalt bezeichnet werden, wenn man Begriffsverwirrung vermeiden will.

 

METAPHYSIK: sind alle Vorstellungen und Lehren, die über den Bereich der mit den Sinnen und der Logik erfassbaren Erfahrungswirklichkeit hinausgehen und im Gegensatz zu dieser nicht als falsch oder richtig nach-gewiesen werden können. Dabei mag offenbleiben, ob jene Vor­stellungen oder Lehren, die von subjektiver Erlebniswirklichkeit, von übersinnlicher (transzendenter) Wirklichkeit, sprechen, auch eine reale, vielleicht sogar die eigentliche Wirklichkeit, oder leere Gedankenspielereien darstellen. Was man nicht mit Massstäben der Erfahrungswirklichkeit beweisen kann, von dem kann man ebenso gut auch das Gegenteil behaupten.

 

IDEOLOGIEN: sind Aussagen, die - ähnlich den metaphysischen - durch ihre Art oder ihren Gegenstand sich der empirischen Bewahrheitung oder Widerlegung entziehen, indem sie zumindest über die Erfahrungswirk-lichkeit hinausgehende Elemente enthalten.

 

DEMOKRATIE: ist eine Ideologie, welche die Interessen der Einzelnen den angeblichen einer Mehrheit, der Abstraktion "Volk" oder "Staat" unterordnet, ein Herrschaftssystem, das die Reprasentanten der Gottheiten "Volk", "Staat", "Menschheit" von den Einzelnen zwar wählen lässt, sie von einer Bindung an ihren Auftrag jedoch ausdrücklich befreit, und einen Zustand ungleicher Freiheit zur Voraussetzung und zum Ziel hat.

 

ANARCHIE:   ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Da es einen solchen in konsequenter Form noch niemals gegeben hat, ist die Behauptung, er sei mit Unordnung oder gar Chaos identisch, keine Erfahrungs-tatsache, sondern Polemik und Demagogie solcher, die Herrschaft als notwendig propagieren.

 

ANARCHISMUS: ist ein durch willkürliche Umdeutungen verzerrter Begriff. Der wirkliche Anarchismus sieht in der Freiheit nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung, ist keine Ideologie, sondern geht von beweis-baren Tatsachen aus, die zu einer unausweichbaren Alterna­tive führen.

(Kant: Anarchie ist Freiheit ohne Gewalt!)

 

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(Buchbeschreibung auf der Rückseite.  Mein Windows XP Programm streikt auch dagegen die vordere Buchseite in weissen Buchsstaben auf schwarzem Hintergrund zu produzieren, wie es in der gedruckten Originalausgabe geschah.  Ist auch Bill ein Gegner des Anarchismus? - J.Z., 7.4.04.):

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Nach einiger Klärung verwirrter Begriffe und einer Attackierung gängiger, aber gefährlicher Denk-schablonen, z.B. hinsichtlich des Staates, des Kommunismus, der Demokratie, wobei überraschende Zahlen und Fakten vorgelegt werden, folgen - innerhalb einer Fülle neuer Gedankengänge - vier sen-sationelle (aber gründlich durchdachte) Vorschläge, deren Realisierung jedermann in den Grundlagen seiner Existenz berührt - und zwar höchst positiv:

 

1. Gleichberechtigter Zugang zum Naturgeschenk und Produktionsmittel Boden fuer jedermann und

    Verteilung der Grundrente an jedermann.

 

2. Tauschmittelfreiheit und Billigst-Kredit in ihrer Bedeutung und ihren Konsequenzen.

 

3. Die Offenen Betriebsassoziationen (und die Absurdität der Arbeitslosigkeit).

 

4. Die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften (für jedermann den Staat seiner Träume).

 

Vor allem aber wird hier geboten, was schon Albert Einstein forderte, um einer Katastrophe zu entgehen: eine neue Denkungsart.

Das Columbus-Ei einer neuen Basis der Beziehungen von Mensch zu Mensch, eines neuen, sozialen Massstabes, der von unbestreitbaren Tatsachen, statt von Ideologien ausgeht und über den daher erstmalig auch eine allgemeine Einigung möglich geworden ist.

Dies führt zur unausweichbaren Alternative eines Sich-entscheiden-m ü s s e n s (und zwar offen, ohne die bisher so beliebten Verhüllungen) entweder für das Faustrecht und die aggressive Gewalt, oder aber fuer die Herrschaftslosigkeit!

 

Die MACKAY-GESELLSCHAFT, undogmatisch, anti-ideologisch, hat das in allen wesentlichen Einzelheiten konkrete Programm einer herschaftslosen Gesellschaft entwickelt, aber auch einen realistischen Weg zu dieser aufgezeigt. Sie appelliert an  A l l e,  durch Diskussion, Kritik, Ergänzungs- oder Gegenvorschläge mitzuarbeiten, denn sie ist jederzeit bereit, gegenüber begründeten Argumenten ihren eignen Standpunkt zu revidieren!

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Inhalt

 

1.   Entweder - oder! .....................................................................      Seite              7

 

2.   Wahn und Wirklichkeit  .......................................................................              10
      Die Herrschaft der Abstraktionen und der fixen Ideen .......................            13
      Der realistische Ausgangspunkt  .........................................................            41
      Konfuzius gegen Konfusion  ...............................................................                46
      Die fixe Idee der Herrschaft  ...............................................................               60

 

3.   Ideologie und Wirklichkeit des Staates ...............................................                67
      Die Hauptfunktion des Staates: Unterdrückung und Ausbeutung  .....             74
      Der Staat als Fürsorger und Beglücker ...............................................                92
      Der Staat als Verbrecher    ...................................................................           104
      Der Staat - ein notwendiges Übel?  ....................................................           107

 

4.   Die Ideologie des Marxismus und ihre Widersprüche zur Wirklichkeit                112

      Widerlegte Voraussagen und falsche Behauptungen  ........................                 113
      Der Produktionsprozess, realistisch gesehen - und wie Ausbeutung

      vermieden werden kann  ....................................................................              145

      Das Ende einer Illusion  .....................................................................               155

 

5.   Die Ideologie der Demokratie und ihre Widersprüche zur Wirklichkeit               163
      Wie die Entscheidungen der wirklichen Gesamtheit getroffen werden

      können   ...............................................................................................           191

      Jedem den Staat seiner Träume ..........................................................              196

 

6.   Die neue Basis - erstmalig in der Menschheitsgeschichte

      ein fester Grund   ................................................................................             205

      Der fundamentale Unterschied zwischen Sein und Sollen ................                   209

      Die Antwort auf die Frage des Pilatus  ..............................................                211
      Die neue Fragestellung und die unausweichbare Alternative ............           218

      Zu viel behauptet - zu viel verlangt?  .................................................                227

 

7.   Die Konsequenzen der gleichen Freiheit Aller ..................................                237
      Gleiche Freiheit Aller gegenüber dem Boden  ..................................                242
      Gleiche Freiheit Aller beim Austausch der Arbeitsprodukte ............           249
      Die "hoheitlichen Aufgaben" des Staates        ........................................           253
      Die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften .........................                 255
      Neuformulierung der Menschenrechte  ............................................                260
      Die Offenen Betriebsassoziationen (OBA-Betriebe) ........................                 266

 

8.   Der wirkliche Anarchismus und seine Ziele .....................................                 273
      Der Massstab fur echten Anarchismus  ............................................                275
      Die einzigartige Besonderheit des Anarchismus        .............................            277
      Der Ausgangs- und Mittelpunkt, um den sich alles dreht         ...............            280
      Die Sozialordnung des Anarchismus  ...............................................                289
      Der Anarchismus - ein sozialistisches System   ...............................      294
      "Anarchisten", die keine Anarchisten sind .......................................                  300

 

9.   Der Weg zur Anarchie - zur klassen- und herrschaftslosen Gesellschaft     308
      Die Vorbereitung der Liquidation des Staates  ................................                316
      Die Emanzipation vom Staat  ..........................................................                322

 

10. Hiermit wenden sich die Anarchisten nun an jedermann ................       332
      Liberale und Sozialreformer  ...........................................................               335
      Das Kommunistische Manifest  .......................................................               337
      Eine notwendige Abgrenzung  ........................................................                344

 

11. Die unerlässliche Voraussetzung des Friedens  ..............................      350

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                                                            "Ihr werdet die Wahrheit erkennen und

                                                            die Wahrheit wird Euch frei machen"

 

ENTWEDER   -   ODER!

 

Die - friedliche und unblutige - Revolution des XX. Jahrhunderts, die zu einer echten Weltrevolution führen wird, unterscheidet sich von allen vorausgegangenen, die im Grunde immer nur Revolten waren, durch ihren Radikalismus: sie geht an die Wurzeln des Bestehenden.

 

Denn sie bringt nicht einzelne Freiheiten, sondern die volle und ganze, die wirkliche Freiheit.

Sie ersetzt nicht eine bisherige Herrschaft durch eine neue, sondern bringt die Herrschaftslosigkeit für alle und jeden. Sie befreit nicht nur abstrakte Gruppen oder Klassen, son­dern ausnahmslos alle konkreten  Einzelnen. Sie geht dabei von keiner ideologischen, sondern von einer logisch unerschütterlichen Basis aus.

 

Sie unterscheidet sich also in Ausgangspunkt, Weg und Ziel von allem Bisherigen und gibt auch auf die alte Pilatus-Frage "Was ist Wahrheit?" eine überraschend einfache Antwort.

Sie stellt nur unbestreitbare Tatsachen fest, die für viele Abschied von unhaltbaren Vorstellungen und bisher gewohnten Denkbahnen bedeuten. Diese Tatsachen vermögen aber al­len das zu geben, was ihnen bisher am meisten fehlte, ohne dass dieser Mangel immer klar bewusst war. Denn als Schlussfolgerung aus diesen Tat-sachen wird eine  unausweichbare Alternative aufgezeigt: die Alternative zwischen aggressiver Gewalt und Verständigung - auf der einzigen Basis, die als dauerhafte möglich ist!

 

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird eine Grundlage geboten, auf der die verschiedenen Weltanschauungsrichtungen, Religionen, Moralsysteme und Ideologien sich treffen und einigen nicht nur können, sondern müssen. Denn wer kann es wagen, sich offen als Anhanger des Faustrechts und der aggressiven Gewalt zu erklären - ?

 

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Auf dieser neuen, unerschütterlichen Basis, von einem eben­so überraschenden wie überzeugenden Gesichts-punkt aus, folgt dann jene Schilderung eines nicht herrschafts-, weil klassen­losen, sondern klassen-, weil herrschaftslosen Gesellschafts­zustandes, die Marx und seine Nachfolger zu geben, oder auch nur selber konsequent zu durchdenken, versäumt hatten.

 

Da zur treffenden Bezeichnung dieses Zustandes der Herrschaftslosigkeit das ihm sinngemäß entsprechende griechische Wort ANARCHIE gewählt wurde, sollte man zunächst einmal alle Vorstellungen ausschalten, die sich in der Regel mit die­sem Begriff verbinden. Denn er hat weder mit Chaos noch mit Gewalt, und schon gar nicht mit Terrorismus, etwas zu tun. Was bisher als "anarchistisch" und als "Anarchie"galt und gilt, ist - mit nur verhältnismäßig geringen Ausnahmen - ein Zerrbild des wirklichen Anarchismus und ungefähr das Gegenteil von ihm. Man könnte sogar seine hier entwickelten Konsequenzen als das darstellen, was mit echter Demokra-tie eigentlich gemeint ist (was freilich mit der Realität der Demokratie ganz und gar nicht zusammenstimmt)!

 

Ein kluger Franzose hat einmal gesagt: es wird in Zukunft nur noch zwei Gruppen von Menschen geben - solche, die von eige­ner Arbeit, und solche, die von der Arbeit anderer leben wollen. Zutreffender und umfas-sender noch könnte man sagen: die Trennlinie wird zwischen denen zu ziehen sein, welche gewaltsam die eigene Freiheitssphäre auf Kosten der Freiheit anderer zu erweitern oder aber einen Zustand, der ein solches Ungleichgewicht der Freiheit bereits sichert, zu erhalten wünschen, und anderseits jenen, welche die glei­che Freiheit Aller anstreben, also auch selbst kein Mehr an Freiheit für sich, das auf Kosten der Freiheit anderer geht, fordern.

 

Ein Zustand der gleichen Freiheit Aller (in dem Z.B.Arbeits­losigkeit ebenso absurd wie unmöglich ist) bedarf keiner Dik­tatur, sondern verträgt sich mit einer solchen ganz und gar nicht. Die herrschaftslose Gesellschaft, die diesem Zustand entspricht, ist auch kein erst in ferner Zukunft anzustrebendes Ziel. Ihre Grundlagen können hier und heute, also sofort (und zwar mit Nutzen für Alle), gelegt werden und mit allen Kon­sequenzen kann sie in durchaus absehbarer Zeit Wirklichkeit sein.

 

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Einstein hatte darauf hingewiesen, daß hinter dem techni­schen Fortschritt das Denken der Menschen in anderen Bereichen, zumal den sozialen, zurückgeblieben sei. Er hatte als für unsere Gegenwart Notwendigstes eine neue Denkungsart gefordert. Hier ist sie.  -

 

Sie bietet neben der optimalen Lösung für alle sozialen Beziehungen insbesondere aber auch die unabdingbare Voraussetzung für den Frieden!

 

Und sie fordert eine klare Entscheidung. -

 

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WAHN  UND  WIRKLICHKEIT

 

 

                                                                                    "Der Mensch wird frei geboren und

                                                                                    überall ist er in Banden. Mancher

                                                                                    hält sich für den Herrn seiner Mit­-

                                                                                    menschen und ist trotzdem mehr

                                                                                    Sklave als sie. Wie hat sich diese

                                                                                    Umwandlung zugetragen? Ich weiß

                                                                                    es nicht. Was kann ihr Rechtmäßig-

                                                                                    keit verleihen? Diese Frage glaube

                                                                                    ich beantworten zu können."

                                                                                                                        Hölderlin

 

Die bisherige Geschichte der menschlichen Gesellschaft ist in erster Linie die Geschichte eines mehr instink-tiven als bewußten Kampfes um Befreiung aus Fesseln, die mehr ge­danklicher als materieller Art sind, insbe-sondere eines Kampfes gegen religiöse und ideologische Herrschaftssyste­me. Dabei spielen die sogenannten Produktionsverhältnisse eine zwar wesentliche, jedoch nicht die Hauptrolle, da die Produktionsverhältnisse durch die Herrschaftsverhältnisse und diese durch gedankliche Vorstellungen bedingt sind, wo­bei letztere und die materiellen Verhältnisse sich gegensei­tig beeinflussen.

 

Sie ist die traurige Geschichte jahrtausendelanger Irrungen, einer "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) unter dem Joch eigener und fremder Denkformen. Deren Inhalt wech­selte zuweilen - das Joch aber blieb. Denn selbst die Fortge­schrittensten vermochten sich nur schwer oder gar nicht aus dem Bannkreis fixer Ideen, starr und unbeweglich gewordener Gedankenformen, herauszuarbeiten. Diese wurzelten in jener fernen Vorzeit, als erste Gedankenlichter neben die bis dahin noch ausschließlich das Verhalten steuernden Instinkte der ersten menschenähnlichen Wesen traten.

 

Es gibt die sehr plausible Theorie Oscar Kiss Maerths ("Der Anfang war das Ende", Düsseldorf 1971), wonach das durch Kannibalismus verursachte übermäßige Gehirnwachstum zu

 

 

 

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gehirnlichen Mängeln und Defekten geführt hat, die sich  in mangelhafter Logik, in Zwangsvorstellungen, Ur-teilsunsi­cherheit und Denkscheu äußern.   Man mag diese Theorie einer "Ursünde" annehmen oder ablehnen - die Tatsache, daß der Mensch mehr Trieb- und Gefühls- als Vernunftwe­sen ist, kann kaum bestritten werden. Als Kant sich gegen die weitverbreitete Denkscheu wandte - "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - , ging er noch von der Annahme aus, daß der Mensch von der Natur mit der Fähigkeit begabt ist, vollkommen ohne Widersprü­che, zusammenhängend und genau zu denken; und es ge­schähe nur aus Nach-lässigkeit, Faulheit oder Gemeinheit, wenn wir es unterließen, unsere "absolute" Denkfähigkeit stets vollständig auszunutzen. Daß dem nicht so ist und wa­rum, hat bereits Gustaf  F. Steffen ("Die Irrwege sozialer Erkenntnis", Jena 1913) nachgewiesen.   Er sagt, daß der Mensch, insbesondere der primitive Mensch, sich über seine so-zialen Verhältnisse eine Unmasse Vorstellungen macht, die der Wirklichkeit keineswegs entsprechen, also abergläubisch sind. Es gibt ferner eine Masse nicht nur religiös, sondern auch wissenschaftlich sanktionierter abergläubischer Vorstellungen. Es gibt neben solchem Aberglauben insbesondere noch das Vorurteil. Den Vor-ur­teilen unterliegen oft hochintelligente Menschen.

 

"Die Art und Weise, wie der Vorurteilsvolle eine Sache auffaßt, ist in allem Wesentlichen bereits bestimmt, ehe er überhaupt von der Sache hat Kenntnis erhalten können. Seine persönlichen Erfahrungen von der Sache spielen da­bei nur insofern eine Rolle, als sie geeignet sind, ihn in seiner im voraus gegebenen Tendenz, die Sa-che zu beur­teilen, noch zu bestärken. Die entgegengesetzten Erfah­rungen dagegen behandelt er wie Luft. Hier liegt kein Ver­langen vor, mit dem Glauben etwas Neues zu umfassen, sondern gerade im Gegenteil ein Ver-langen, trotz der Wirk­lichkeit und trotz der Logik das weiter zu glauben, was man nun einmal zu glauben angefangen hat.

"Der Vorurteilsvolle haßt 'Renegaten' - wenn sie nicht vom 'falschen' Glauben zum 'rechten' abfallen - denn Abtrün­nigen fehlt es ja an Charakterfestigkeit, da sie nicht der Ver­nunft und allen Sinnen Trotz bieten, um an dem ' Rechten', das ihnen die Eltern, die Obrigkeit, die Lehrer und die Klas-

 

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senbrüder beigebracht haben, festzuhalten. Der Abergläubi­sche wird leicht zum Fanatiker gegen diejenigen, welche die Wirklichkeit zu gründlich auffassen, um da Herrlichkeiten und Entsetzlichkeiten zu erblicken, wo er sie sieht - denn solchen Menschen muß es, seiner Meinung nach, an dem Hei­ligsten im Menschen fehlen: an dem Glaubenstriebe und dem Triebe, anzubeten oder zu verehren und sich unterzuordnen.

 

"Seine eigene materielle und kulturelle Lage und die seiner Mitmenschen beurteilt der sozial Voreingenommene nicht nach dem wirklichkeitsgetreuen, inhaltsreichen Resultate ge­wissenhafter Untersuchungen, sondern nach einem schemati­schen Zerrbild der Gesellschaftsverhältnisse, einem Bilde, von welchem er selber kaum weiß, wie es in ihm entstanden ist, das er aber als eines seiner heiligsten, unantastbarsten Güter gegen Kritik vertei-digt.

"Alle gewissenhaften Forschungen über das menschliche Beob­achtungsvermögen, wie es sich im täglichen Gesellschaftsleben offenbart, zeigen, daß jene Fähigkeit auch dann in hohem Grade mangelhaft ist, wenn sie nicht durch sozialen Aberglauben und soziale Vorurteile beeinflußt wird. In der letzten Zeit ist dies bewiesen worden und zwar namentlich durch Untersuchungen von wissenschaftlichen Juristen über die Aussagen hoch-ebil­deter, in exakten Beobachtungen geübter Personen über uner­wartete Begebenheiten, die sich vor ihren Au-gen zugetragen hatten und durch Anordnungen des Experimentators in ihrem wirklichen Verlaufe vollständig zu kontrollieren waren.   Diese Zeugenaussagen sind regelmäßig untereinander ebenso wider­sprechend, wie in den meisten Fällen völlig mißweisend gewe­sen, wenn sie mit der Wirklichkeit verglichen wurden."

 

Steffen sagt - und begründet dies sehr sorgfältig -, daß wir in der Regel verkehrt denken oder daß wir gar nicht bis zum "ei­gentlichen" Denken kommen, obwohl wir uns bemühen zu den­ken, und obwohl wir zu denken glau-ben.

Wir sind zugleich geborene Nichtlogiker und geborene Logiker. Unser Denken hat in der Wirklichkeit kein unveränderlich be­stimmtes oder reguliertes Denkvermögen. Das einzige völlig allgemeine Denkgesetz ist das Entwicklungsgesetz des Denkens - der Erfahrung gemäß anscheinend ein Gesetz zunehmender Fehlerlosigkeit im Denken, aber im übrigen ein noch wenig er­forschtes Gesetz. Eine Auswirkung ist, daß - gewissermaßen

 

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wie Pfade im Urwald - durch Pionier-Denker jeweils neue Denkbahnen entstehen, denen dann die anderen folgen können. Wobei jedoch eine verhängnisvolle Neigung besteht, an die­sen Denkbahnen haften zu bleiben, was zu den fixen Ideen, den starr gewordenen Gedankenbahnen führt. Manches Ungewohnte der folgenden Darstellung dürfte leich­ter verständlich und gründlicher nutzbar werden, wenn der Leser neben den beiden vorerwähnten Büchern von Maerth und Steffen auch noch "Die Schule des Denkens" von Profes­sor James Harvey Robinson (Berlin 1949) zur Kenntnis neh­men würde.

 

Für die ersten Menschenwesen, die nur winzigste Spuren un­seres also auch heute in aller Regel immer noch höchst un­vollkommenen logischen Denk- und kritischen Urteilsvermö­gens besaßen, gab es insbesondere keinen Unterschied zwi­schen dem, was an Vorstellungen in ihren Köpfen auftauchte, und dem, was sie mit ihren Hän-den greifen konnten. Das ei­ne schien ihnen ebenso wirklich wie das andere.

 

Die Herrschaft der Abstraktionen und der fixen Ideen

 

Jenen ersten Menschenwesen kam natürlich bald ihre eigene Schwäche und Unterlegenheit gegenüber den Naturkräften zum Bewußtsein. Da diese ihnen zunächst völlig unbegreiflich und unerklärbar erschienen, während sie die Wirkungen eigener Handlungen zu erkennen vermochten, lag es für sie nahe, hin­ter dem Naturgeschehen bewußte Handlungen unsichtbarer We­sen, von Geistern und Göttern, zu vermuten. Deren bloße Vor­stellung verwuchs für sie ganz unmerklich mit dem, was sie mittels ihrer Sinne als greifbar wirklich erfuhren; erst recht natürlich, da sie ja den vermeintlichen Zusammenhang zwi­schen jenen unsichtbaren Wesen und den Naturerscheinungen, wie auch ihrem eigenen Schicksal, als Wirkung deutlich vor Augen zu haben glaubten. Bestärkt in diesem Glauben wurden sie dann durch die Medizinmänner, Zauberer und Priester, die auf Grund überlegener Denk- und Phantasiekraft, auch an­derer überlegener Fähigkeiten, Autorität gewannen, mittels der sie die Stammesreligionen schufen und die Gläubigen zu lenken wußten.

 

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Dies durchaus nicht nur - wenn auch häufig - im Sinne ei­nes frommen oder unfrommen Betrugs. Denn die Gläubigen, denen eigene Denktätigkeit eine Last ist, die sie scheuen, verlangten und verlangen auch heute noch Führung durch sol­che, die ihnen jene Last abnehmen und durch überlegenes Auftreten imponieren. Anderseits handelten die meisten Re­ligionsschöpfer und -deuter durchaus guten Glaubens, indem sie sich berufen und erleuchtet fühlten. Schließlich ist die Grenze zwischen einer "Offenbarung" und einem zündenden Einfall, der neue Horizonte öffnet, auch fließend. Oscar Kiss Maerth erklärt im übrigen die großen Religionsstifter und Philosophen als solche, die auf Grund intuitiver Fähigkeiten und eines Restes ursprünglicher übersinnlicher (jedenfalls im Verhältnis zu den heutigen Menschensinnen, die weit hin­ter den Instinkten freilebender Tiere zurückstehen) Hellsicht - wenn auch nicht ungetrübt durch Zeitbedingtheiten - in bester Absicht nützliche "Wahrheiten" verkündeten, deren Symbolcharakter meist mißverstanden oder mißdeutet wurde.

 

Als Resultat dieser Entwicklung wurde bereits von frühester Kindheit an den Einzelnen die Überzeugung ein-geimpft, daß unsichtbare Wesenheiten und ihre selbsternannten Interpreten zu verehren und zu fürchten seien. Die allgemein verbreitete Überzeugung verstärkte noch das Gefühl von Wahrheit und Wirklichkeit des Ge-glaubten, indem sie es als selbstverständ­lich erscheinen und kaum noch Zweifel daran aufkommen ließ. Dies umso mehr, als vereinzelte Zweifler sich der Mißbilli­gung und Ablehnung durch die breite Masse und die Maß-geben­den, wenn nicht gar der Verfolgung und Bestrafung wegen Mißachtung der Religion und der Gottheit ausgesetzt sahen.

 

Das änderte sich nicht, sondern verschärfte sich noch, als an die Stelle der animistischen und fetischistischen Glaubensfor­men die großen Weltreligionen traten,  von denen Christentum und Islam sich mit Feuer und Schwert ausbreiteten, während Taoismus, Hinduismus, Buddhismus , Shintoismus durch ihre passive Haltung indirekt die sie in ihr jeweiliges System ein­beziehenden Herrschaftsformen förderten. Auch der schwindende Einfluß der Religionen seit dem Zeital­ter der Aufklärung änderte nichts an dem überragenden Ein­fluß von Glaubensvorstellungen auf das praktische Leben. Denn die Rolle der Religionen wurde nun zunehmend von den Ideolo-

 

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gien übernommen, die mit ihren Propheten und Priestern, ihren Höllen und Paradiesen, vor allem aber ihren Inquisitoren und Strafrichtern, gegen die Ungläubigen und Zweifler agierten und mit allen Mitteln der Massen-psychologie, sowie mit massivem äußeren Druck sich Gehorsam zu verschaffen wußten.

 

Dabei spielte die deutsche Philosophie, deren starken Einfluß auf sich auch Marx und Engels ausdrücklich betonten, eine er­hebliche Rolle. Denn mit Ausnahme Stirners ging sie, im Ge­gensatz zur französischen und englischen der gleichen Zeit, nicht von den Realitäten des praktischen Lebens und den konkre­ten Menschen aus, sondern von Abstraktionen und den Anschau­ungen von den Dingen, von Vorstellungen also, von bloßen Ge­danken.  Sie war theologisch und metaphysisch gerichtet, ob sie nun theistisch oder pantheistisch dachte, und charakteristisch war ihre Besessenheit vom Glauben an eine "Aufgabe" des Ein­zelnen, von seiner "Bestim-mung" zum Dienst an etwas "Höherem".

 

Während einerseits der Glaube an einen persönlichen Gott zuneh­mend schwand,  wenngleich er in Millionen noch lebendig ist, blie­ben ursprünglich religiös begründete Gebote als nunmehr "mora­lische" oder "ethische"    weiter in Kraft, ohne daß man sich der Herkunft dieser Gebote bewußt war. Zugleich nahmen neue Götter mit neuen Geboten die Stelle des oder der bisherigen ein. Die Phi­losophie, die Soziologie und sogar die moderne Theologie haben die Vorstellung von "Gott" zunehmend entpersönlicht und in die ziemlich nebelhafte einer Abstraktion der "Liebe" oder eines un­persönlichen Weltgesetzes, was wiederum eine "Aufgabe" stelle oder ein "Entwicklungsziel" setze, umfunktioniert; wobei natür­lich die selbsternannten Propheten und Interpreten dieses neuen Gottes die konkreten Gebote und Verbote setzen und mit mehr oder weniger Zwang den Einzelnen zur Erfüllung seiner "Aufgabe" oder "Bestimmung" anhalten.

 

Solche "Aufgabenstellung" erfolgte in verstärktem Maße durch die Ideologien; z.B.durch die national-sozialis-tische, welche Volk und Rasse zu Höchstwerten erklärte, denen der Einzelne sich bedin­gungslos zu opfern habe, wobei notabene selbsternannte Funktio­näre es waren, welche die "wahren Interessen" des Volkes und der Rasse verkündeten; oder auch durch die marxistische Ideolo­gie, welche in allem Geschehen nur ökonomisch bedingte und durch ein unaufhaltsames Entwicklungsgesetz gesteuerte Klassen-

 

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kämpfe sah, deren schließliches Resultat die Befreiung des seinem "Wesen" und seiner "Aufgabe"  entfrem-deten Menschen sein sollte. "Aufgabenstellung" also allenthalben und ausnahms­los bei Religionen wie Ideolo-gien, wobei nur der Nachdruck un­terschiedlich war und ist, mit dem der Einzelne zur Erfüllung seiner angeb-lichen "Aufgabe" gedrängt und gezwungen wurde und wird.

 

Was ist nun eine Ideologie?  - Dazu hat der Soziologe Theodor Geiger wertvolle Klarstellungen geschaffen, von denen hier nur deren Kern wiedergegeben werden kann, während zu nähe­rer Erläuterung, auch hinsichtlich etwaiger Einwände, auf Gei­gers "Ideologie und Wahrheit" (Wien-Stuttgart 1953) verwiesen werden muß.

Geiger grenzt solche Aussagen, deren Inhalt als richtig oder falsch nachgewiesen - verifiziert oder falsifiziert - werden kann, von jenen ab, bei denen dies nicht der Fall ist. Er sagt:

 

"Hiermit ist ein Verfahren der Nachprüfung gemeint, vor des­sen Ergebnis jedermann sich beugen muß. Dieser Fall liegt vor, wenn die Aussage nichts anderes ist als die Verarbei­tung von Beobachtung nach den Regeln der Logik. Man kann sich da auf Sinnes Wahrnehmungen berufen. Man kann nachprü­fen, ob das Wahrnehmungs-material vollständig oder lücken­haft ist. Ob die Beobachtungstechnik zuverlässig oder trüge­risch ist. Ob die Schlußfolgerungen logisch zu verantworten sind oder nicht. Ob z.B. der Aussage-Inhalt die im Aussage-Mate-rial liegenden Schlußmöglichkeiten überanstrengt habe, d.h.ob aus den gesicherten Beobachtungen zu weitge-hende Folgerungen gezogen wurden. Die Richtigkeit oder Unrich­tigkeit solcher Aussagen kann demonstriert werden. Das klassische Beispiel dafür ist das Experiment. Solche Aussagen können nur über Gegenstände ge-macht wer­den, die mit unseren Sinnen - unmittelbar oder mittelbar - wahrgenommen werden können, und über solche Gegenstände nur insoweit, als ihre - unmittelbar oder mittelbar - mit den Sinnen wahrzunehmende Ei-genschaften in Frage stehen. Der Inbegriff dieser Gegenstände sei 'die Erkenntnis Wirk­lichkeit' genannt. Sie fällt mit dem in Raum und Zeit Gege­benen zusammen, denn nur dies ist sinnlich wahrnehmbar."

 

Demgegenüber stehen die Verfechter einer anderen Vorstel­lung von "Wirklichkeit", z.B. solche, die den Ideen Wirklich-

 

 

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keit zuschreiben oder die von einer subjektiven Erlebniswirk­lichkeit, von übersinnlicher (transzendenter) Wirk-lichkeit usw. sprechen und aus dieser von ihnen behaupteten "eigent­lichen Wirklichkeit"  Folgerungen und For-derungen ableiten. Ihnen hält Geiger mit Recht entgegen:

 

"Daß ihr diese Vorstellungsinhalte (Auch-)Wirklichkeiten nennt, daß ihr die Möglichkeit von Wahrheitsaus-sagen über sie behaup­tet, hat mit unserer Frage nichts zu tun. Auch ihr müßt einräu­men, daß die angebliche Wirklichkeit von Ideen, Erlebnisinhal­ten, Übersinnlichkeiten und dergleichen anderer Art ist als die Wirklich-keit der sinnlich-wahrnehmbaren, räum-zeitlichen Gegenstandswelt. Ihr möget sogar jenen außer-sinnlichen Gehal­ten einen höheren Wirklichkeitsrang zusprechen als unserer sinnlichen Wirklichkeitswelt. Darüber wer-den wir nicht mit euch streiten. Aber ihr seid mit uns darüber einig, daß Gott in einem anderen Sinne 'wirklich ist' als die sichtbaren, hörbaren, er­tastbaren Erscheinungen. Daß die subjektive Erlebnis-Wirklich­keit etwas anderes ist als die objektive Wirklichkeit äußerer Dinge. Und endlich, daß die über solche Inhalte auszusagen-den 'Wahrheiten' in einem anderen Sinne 'wahr' sind als die Fest­stellungen von sinnlich Wahrgenommenem und die logisch dar­aus gezogenen, demonstrierbaren Schlußfolgerungen. Selbst die Theologen haben das heute eingesehen.

"Die Aussagen über das eine und das andere werden in völlig ver­schiedener Weise gewonnen und sind von entsprechend verschie­dener Geltung. Man kann das, worauf es hier ankommt, in fol­gender Weise ausdrücken. Aussagen über die theoretische Er­kenntniswirklichkeit können durch Augenschein und Logik so be­legt oder widerlegt werden, daß ein Ausweichen unmöglich ist. Aussagen über andere 'Wirklichkeiten' entziehen sich solchem Prüfungsverfahren. Man kann das Gegenteil behaupten. Dann steht eben Satz gegen Satz."

 

Für eine Ideologie, d.h. eine ideologische Aussage, ist nun kenn­zeichnend, daß sie sich gar nicht auf ein Er-kenntniswirkliches be­zieht oder beschränkt, sondern wirklichkeitsfremde Elemente enthält. Sie behauptet Dinge, von denen sie weiß oder wissen muß, daß ein Beweis dafür oder dagegen unmöglich ist. Die ideologi -sehe Aussage ist kraft ihrer Art und ihres Gegenstandes der em­pirischen Bewahrheitung oder Widerlegung unzugänglich. Genau dasselbe, wie für ideologische, gilt natürlich auch für reli­giöse Aussagen und Forderungen.

 

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Da es bisher keine allein auf Maßstäbe der Erkenntniswirklichkeit, wie Geiger sie erläutert hat, gegründete Regeln für die Beziehungen von Mensch zu Mensch gibt, sondern diese Beziehungen sich bisher ausschließ-lich auf religiö­se oder ideologische Glaubensmeinungen stützen, können wir eine erste wichtige Teil-Feststel-lung treffen:

Die außerordentlich große Verschiedenheit und Gegensätzlich­keit der einzelnen religiösen und ideologischen Behauptungen und Forderungen beweist, daß zumindest der größte Teil von ihnen keinen Wirklichkeitsgehalt haben kann;  sondern daß es sich dabei um rein gedankliche Vorstellungs- und Wunschbil­der handelt, die kei-nerlei vernünftige Begründung der darauf­hin erhobenen Forderungen gestatten. Sogar unter der Annahme, daß der kleine Rest der religiösen und ideologischen Forderungen und Vorstellungen einen Wirklichkeitsgehalt über das in der Erkenntnis Wirklichkeit Erfaßbare hinaus haben kön­ne, gilt doch auch hierfür: es gibt keinen objek-tiven Maßstab (wie im Bereich der Erkenntniswirklichkeit), um die so behaup­tete (Auch-)Wirklichkeit von reinen Phantasiegebilden zu unter­scheiden.

 

Die Praxis des täglichen Lebens, und zwar in ihren einschnei­dendsten Auswirkungen auf das Tun und Lassen von jedermann, wird also beherrscht von bloßen - unbewiesenen und unbeweis­baren - Behauptungen und Glaubensmeinungen, insbesondere auch Forderungen, über die eine Einigung von vornherein un­möglich ist, weil es da keinen objektiven Maßstab für richtig oder falsch gibt.

Während bisher nicht einmal der Versuch gemacht wurde, die.Beziehungen von Mensch zu Mensch nach Maßstäben zu re­geln, die einzig dem Bereich der Erfahrungswirklichkeit ent­nommen werden und daher all-gemein anerkannt werden müssen, wobei sie trotzdem Raum für religiöse und ideologische Vor­stellungen - in den notwendigen Toleranzgrenzen - lassen können.

 

Es geht also auch heute noch nicht viel anders zu als in den An­fängen des menschlichen Denk- und Urteils-vermögens, indem kei­ne deutliche Unterscheidung zwischen Wirklichem und bloß Ge­dachtem, zwischen Beweisbarem und Unbeweisbarem stattfindet. Zahlreiche Vorstellungen und Begriffe - ähnlich den Dämonen und Naturgeistern der Frühgeschichte - schwirren umher, die infolge der Gewohnheit für durchaus real und allgemeingültig ge-

 

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halten werden, während bei näherem Zusehen ihr religiöser oder ideologischer Charakter deutlich wird. Es ist für man­che geradezu ein Schock und alle religiös oder ideologisch motivierten Vorurteile lehnen sich dagegen auf, wenn sie die nüchtern-sachliche Feststellung Geigers zur Kenntnis nehmen müssen:

 

"die Aussage betrifft etwas, worüber in alle Ewigkeit, d.h. grundsätzlich, keine empirisch entweder belegbare oder widerlegbare Behauptung aufgestellt werden kann, weil der Aussagegegenstand selbst außerhalb der Er-kenntniswirklich­keit liegt (sie transzendiert), oder weil über einen Wirklich­keitsgegenstand etwas ausgesagt wird, das nicht zu den ihn als ein Wirkliches bestimmenden Eigenschaften gehört. Als Beispiele führe ich hier zwei Sätze an: 'Die soziale Gerech­tigkeit gebietet Schaffung gleicher Ausbildungsmöglichkeiten für alle Be-gabten'.  Im Bereich der Erkenntnis Wirklichkeit gibt es keinen Gegenstand 'soziale Gerechtigkeit'. - 'Das Symbol des Kreuzes ist heilig'.  Im Bereich der Erkenntnis­wirklichkeit gibt es keine 'heilig' genannte Eigen-schaft und daher keinen Gegenstand, der diese Eigenschaft haben kann".

 

Wohlgemerkt: hier soll keineswegs die Unwirklichkeit alles dessen, was über den Bereich der Erkenntnis Wirk-lichkeit hin­ausgeht, behauptet werden.  Jedoch muß jeder, der ehrlich um Verständigung mit seinen Mitmen-schen bemüht ist, zunächst Selbstkritik üben lernen und sich darüber klar werden,   was von seinen Überzeu-gungen und Ansprüchen beweisbare Tatsache oder bloße Annahme und Glaubensmeinung ist; sowie auch, wel­che Vorstellungen und Begriffe nur auf subjektiven eigenen An­nahmen und Wertungen beruhen, im Gegensatz zu den als ob­jektiv nachweisbaren und allgemeingültigen.

 

Wenn auf der einen Seite die "soziale Marktwirtschaft"  als Aus­druck der "sozialen Gerechtigkeit" gepriesen wird und auf der anderen Seite, ebenfalls unter Berufung auf die "soziale Gerech­tigkeit", eben diese Markt-wirtschaft als Ausbeutung und Unter­drückung verdammt wird, macht dies wohl deutlich genug, daß es keinen objektiven Maßstab für "soziale Gerechtigkeit" gibt, und daß die Verwendung religiöser wie ideologischer Begriffe in der Argumentation gegenüber Andersdenkenden niemals zu überzeugen vermag.

Man muß sich endlich darüber klar werden, daß bei allen ideo­logischen - ebenso wie bei allen religiösen - Überzeugungen es

 

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sich nicht um objektiv beweisbares Wissen, sondern stets nur um subjektive Glaubensmeinungen handelt; der Festig­keitsgrad dieser Überzeugungen bleibt ganz ohne Eindruck auf diejenigen, die sie nicht teilen, und die anders gerichtete oder entgegengesetzte religiöse oder ideologische Überzeu­gungen haben.

 

Demgegenüber gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder sucht man die eigene Überzeugung, ohne Rücksicht auf die der ande­ren, mit Gewalt durchzusetzen, soweit man dazu imstande ist; oder aber man sucht sich mit den Andersdenkenden auf einen modus vivendi zu verständigen.

Erste Voraussetzung dabei ist, beiderseits darauf zu verzich­ten, religiös oder ideologisch begründete Forderun-gen und entsprechend gefärbte Begriffe zu verwenden, insbesondere sol­che, denen - wie z.B. bei dem der "so-zialen Gerechtigkeit" - total verschiedene und gar gegensätzliche Inhalte unterstellt werden.

Diese Voraussetzung ist nicht leicht zu erfüllen. Denn während bei den religiösen Vorstellungen zumindest die Gebildeten sich in der Regel deren Glaubenscharakters bewußt sind, ist dies bei den ideologischen Vorstel-lungen nicht der Fall. Diese wer­den auch heute noch bei Gebildeten wie Ungebildeten für reale Wirklichkeit gehalten, nicht anders als die beweisbaren Tatsa­chen der Erfahrungswirklichkeit. Sie werden dabei mit einer Inbrunst und einem Fanatismus verteidigt und durchzusetzen ver­sucht, wie es ihn heute bei religiösen Vor-stellungen nur noch verhältnismäßig selten gibt.

 

Einer der wichtigsten ideologischen Begriffe ist der des "Vol­kes" und die damit verbundene Vorstellung, dies sei etwas "Hö­heres" als der Einzelne, der daher seine Interessen denen des "Volkes" unterzuordnen und dem "Volk" zu dienen habe. Dies ist zugleich ein Beispiel für die Personifizierung von Abstrak­tionen und für die Unterschiebung ganz verschiedener Inhalte unter denselben Begriff.

Hierbei ist zunächst zu unterscheiden der Begriff "Volk" als Be­zeichnung der Gesamtheit aller Einzelnen, die jeweils in ihrer Summe das betreffende Volk ausmachen (dies ist durchaus ein Seinsbegriff aus dem Bereich der Erkenntniswirklichkeit), von jenem in die Vergangenheit hinein und in die Zukunft hinausgrei­fenden abstrakten Begriff des "Volkes", das angeblich Forderun-

 

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gen stellt. Der erste Begriff ist noch nicht ideologisch, so­weit er sich auf die Tatsachenfeststellung beschränkt, daß dieser oder jener dem betreffenden Volk angehöre, wenn daraus keine Wertung oder Forderung abgeleitet wird. Das "Volk" wird jedoch zur Ideologie, wenn ein konkreter Ein­zelner oder eine Gruppe von solchen sich zu Sachwaltern an­geblicher Interessen des "Volkes" aufwirft und entsprechen­de Forderungen auf Unterordnung an andere Einzelne oder Gruppen stellt.  Dabei wird uns einzureden versucht, dies "Volk" sei ein selbständiges Lebewesen mit eigenem Willen und von grundsätzlich "höherer" Qualität als die Summe sei­ner einzelnen An-gehörigen, die ihm gegenüber "Pflichten" hätten. Während dies nach den Maßstäben der Erkenntniswirk­lichkeit eine rein gedankliche Vorstellung, ein Phantasiege­bilde in den Köpfen derer ist, die bloß glauben, dieses Pro-dukt nicht einmal ihres Denkens, sondern lediglich Glau­bens sei mehr als Einbildung.

 

Dies geht so weit, daß Hitler sagte: "Du bist nichts. Dein Volk ist alles" und die Einzelnen auch entsprechend als "Menschen­material" für seine Vorstellung vom Volk als eines Men­schenopfer fordernden Götzen behan-delte. Aber vor wie nach ihm waren und sind es unzählige, die in mehr oder minder krasser Form dieselbe Vor-stellung hegten und sowohl sich selber wie andere ihr unterwarfen und unterwerfen. Die Begriffe "Volk" oder auch "Vaterland"  oder "Nation" haben als Ideologien immer mehr sich entfaltet, je intensiver sie durch die allgemeine Schul­pflicht und die allgemeine Wehrpflicht systematisch propagiert wurden.

Ursprünglich war das Zusammengehörigkeitsgefühl in Stämmen und Völkern noch rein instinkthaft und frei von gedanklichen Mo­tivierungen; es basierte auf der Vertrautheit des Zusammenle­bens und der Gewohnheiten, sowie auf dem Schutzbedürfnis, so­lange die Angehörigen fremder Stämme und Völker vorwiegend als Feinde in Erscheinung traten, oder jedenfalls als mögliche Feinde, deren Herrschaft man fürchtete; während die Herr-schafts-Verhältnisse im eigenen Volk durch Sitte und Gewohnheit verschlei­ert waren. Jeder fühlte natürlich sein Eigeninteresse, wie das der ganzen Gruppe gefördert, wenn jemand anderer sich im Kampf für den be-treffenden Stamm oder das betreffende Volk auszeichnete und dementsprechend Lob und Ansehen erntete. So wuchs das Gefühl - und wurde durch das Verhalten der Umwelt bestätigt - , daß Opfer

 

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für die Gemeinschaft etwas Lobenswertes seien, was sie un­ter gewissen Umständen und in gewissen Grenzen ja auch sind; vorausgesetzt, daß der Betreffende sie selbst und freiwillig bringt und nicht etwa sie, unter Druck und Zwang, von anderen fordert. Das Gefühl der Solidarität wird immer gestärkt, wenn äußere Gefahren ir-gendwelcher Art drohen. Von diesem rein instinkthaften Gefühl, das noch nichts mit Ideologie zu tun hat, ist es aber nicht weit zu der Vorstellung - wohlgemerkt: Vor­stellung!  - , daß die Gesamtheit eines Volkes etwas Bedeutsa­meres und "Höheres" sei als der Einzelne, was dann immer öfter auch ausgesprochen und schließlich systematisch gelehrt wurde.

 

Ist "die Eselheit" etwas "Höheres" als der einzelne Esel? - Al­lerdings ist eine Mehrzahl von Eseln zweifellos wertvoller als ein einzelner - aber für wen?  - Für ihren Besitzer!  Demgemäß pflegten und propagierten die Führer und Herrscher jedes Volkes den Gedanken des Zusammenhalts und der Unterordnung, der ja zugleich immer ein Gedanke der Unterordnung unter ihre Führung und Herrschaft war. Die Priester stärkten diesen Glauben, auch im eigenen Interesse, umso mehr, als die Angehörigen fremder Völker in der Regel auch Gläu-bige anderer Religionen waren.

 

Die Ideologie von "Volk", "Vaterland", "Nation" wurde so zu ei­ner Ersatz-Religion, die bald in allen Völkern stärker als die eigentliche Religion wurde und jedenfalls zu mehr und größeren Opfern begeisterte als jene.   Dazu kam der noch heute anhaltende Fanatismus der Anhänger dieser Ersatzreligion, die jeden Anders­den-kenden für moralisch minderwertig, wenn nicht als "Verräter" für todeswürdig halten.   Selbst ein Macchiavelli, der die Geschäfts­geheimnisse der Herrschenden recht gründlich durchschaut und ent­hüllt hatte, war von der Idee der nationalen Einigung Italiens so be­sessen, daß er seinen "Principe" vor allem in der Absicht schrieb, dem Mann, den er für diese Einigung am geeignetsten hielt, die richtigen Tips zu geben, nämlich mit Hinterlist und Mord dabei nicht zimperlich zu sein.   Das war durchaus logisch im Rahmen je­ner altrömischen "Tugend", welche die Vaterlandsliebe und die im Dienst des Vaterlandes gebrachten Opfer - sowohl eigene wie die Opfe-rung anderer - am höchsten wertete. Noch heute meldet sich ja nur zaghaft die Überlegung Lichtenbergs:

            "Ich möchte gern wissen, für wen in Wirklichkeit die Taten getan werden, von denen man öf­fentlich        behauptet, sie würden für das Vaterland getan".

 

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Weil im Gegensatz zu unsichtbaren Göttern das "Volk", das "Vaterland", die "Nation" für eine unbezweifelbare Realität gehalten wird (und dies als nicht-ideologischer Begriff ja auch ist), kommt nur wenigen die Erkenntnis: die ideologi­sche Erweiterung dieses Begriffs, die ihm ein Eigenleben mit Eigenwillen unterstellt, ist .eine Ver-fälschung; denn was als angeblicher Wille oder Interesse des "Volkes" propagiert wird, ist immer nur eine Ab-straktion, hinter der sich jeweils der Wille oder das Interesse eines Einzelnen oder einer Gruppe verbirgt.  Wer daran glaubt, läßt sich von einer fix gewordenen Idee beherrschen.   Jedes Abstraktum  überhaupt ist ein Schirm, hinter stets ein Konkretum hockt, das seinen Willen und sein Interesse dem Abstrak-tum unterschiebt, um damit Eindruck auf Urteils- und Kritikunfähige zu machen.

 

Dies wird deutlich, wenn davon die Rede ist, daß die Interes­sen Einzelner - oder auch von Gruppen - dem "Ge-samtinter­esse" untergeordnet werden müssen. Denn das Volk ist eben die Gesamtheit aller Angehörigen des betreffenden Volkes; wenn die Interessen eines Teils denen eines anderen Teils untergeordnet werden, sind dies daher Opfer, die nicht der Gesamtheit dienen, sondern jenem anderen Teil, sei dieser ei­ne Minorität oder Majorität.

Woher weiß man auch, daß es "gut" und "richtig" ist, wenn sol­che Opferung stattfindet?   Das wird ja nur von denen behauptet, welche die "wahren"  Interessen des "Volkes"  zu kennen behaup­ten, und die dabei ganz of-fensichtlich nicht die Interessen der Gesamtheit aller Volksangehörigen vertreten, zumindest jener nicht, denen sie das Opfer zumuten oder auferlegen. Wäh­rend das  (nicht-ideologische) konkrete Volk so viele ver­schiedene Stimmen, Willensbestrebungen und Interessen hat wie seine einzelnen Angehörigen, hat das (ideologische) "Volk" als Abstraktum ja keine eigene Stimme, keinen eigenen Willen, den es selber äußern kann (den "demo-kratischen Willen" der Mehrheit werden wir noch genauer untersuchen); sondern für das Abstraktum "Volk" sprechen und handeln immer nur Ein­zelne oder Gruppen von solchen, die sich die Legitimation dazu selber geben, oder auch von anderen geben lassen, die ihrerseits großzügig Vollmachten erteilen, welche nicht nur für sie selbst, sondern für - sogar widerstrebende - unbeteiligte Dritte gelten sollen! Insbesondere fehlt jeder Nach-weis dafür, daß das "Volk"

 

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das "Vaterland", die "Nation" ein nicht nur subjektiver, son­dern objektiver Höchstwert ist und daß jeder Ein-zelne diesen Wert zu respektieren und ihm zu dienen habe, ähnlich wie ei­nem religiösen Gebot.

 

Bei den Religionen ist von vornherein klar, daß es sich nicht um Wissen, sondern um Glauben handelt; daß das Behauptete also nicht bewiesen werden kann, denn was man weiß und be­weisen kann, braucht nicht geglaubt zu werden. Der philoso­phisch Geschulte weiß, daß und warum über alles Metaphysische, d.h. über die Er-fahrungswirklichkeit hinausgehende, nichts so gewußt und bewiesen werden kann, wie die Erfahrungstatsa-chen in jener. Wer sich daher auf religiöse Lehren und Offenbarungen anderer verläßt, muß sich darüber klar sein, daß diese in der Regel ebensowenig wissen können wie er selber. Was das sub­jektive Erlebnis einer Of-fenbarung betrifft, läßt sich dies ande­ren nur durch unbeweisbare Behauptungen übermitteln; es gibt vor allem keinen Maßstab dafür, ob die betreffende Offenbarung tatsächlich die einer metaphysischen Wirklichkeit, oder aber nur Einbildung, Halluzination, Selbstsuggestion war.

 

Bei den Religionen kann immerhin noch prinzipiell zugestanden werden, daß es über die Erfahrungswirklich-keit hinaus eine um­fassendere Wirklichkeit geben kann, die unseren begrenzten Sinnen und unserem durch unauflösbare Widersprüche (Antinomien) begrenzten Verstande unzugänglich sein mag; grundsätzlich könnte sogar zugestanden werden, daß diese andere Wirklichkeit durch Meditation, gegebenenfalls auch tatsächlich durch Offenbarung oder Intuition subjektiv und individuell erfaßbar sein mag. Dies ändert nichts daran, daß die Ergebnisse eines solchen Zugangs zu dieser anderen Wirklichkeit nicht als "echt" oder "richtig" beweisbar sind. Man kann ebenso gut das Gegenteil behaupten. Bei Ideologien, z.B. der des "Volkes", des "Vaterlandes", der "Nation" aber wäre es absurd, von einer Offenbarung sprechen zu wollen, durch die der Betreffende von der objektiven Höherwertig­keit dessen, was er sich unter diesen Begriffen vorstellt, überzeugt sei, so sehr auch nach seiner subjektiven Oberzeugung diese Begrif­fe für ihn einen subjektiven Wert darstellen mögen. Objektiv gesehen jedenfalls, sind Volk, Vaterland und Nation ebensowenig höhere We­senheiten gegenüber dem Einzelnen, wie dieser eine höhere Wesen­heit gegenüber jenen Begriffen ist. Dies ist das simple Ergebnis der Logik. Psychologisch aber ist

 

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leicht erklärbar, warum diese ideologisch verfälschten Be­griffe bei allen Demagogen so beliebt sind: weil sie - an ei­nen durch Gewohnheit geheiligten Urinstinkt appellierend - so sehr dem Unterwürfigkeits- und Vereh-rungstrieb der brei­ten Masse entgegenkommen; insbesondere, weil sie bisher noch stets ihre Zugkraft als Schlagworte erwiesen haben, um die große Mehrheit den Zielen und Interessen der Herrscher folgen zu lassen, die teils bewußt diese Schlagworte für eige­ne Interessen mißbrauchten, teils selber ihnen erlagen und gutgläu-big sich ihnen unterwarfen.

 

Der Begriff der "Pflicht", ebenso wie sein Korrelat, der des "Rechts", sind ebenfalls ideologisch und beide tau-chen häufig in Verbindung mit den vorerwähnten des "Volkes", des "Vater­lands", der   "Nation" auf, aber durchaus auch in anderen Zu­sammenhängen. Immer jedoch, wenn eine solche "Pflicht" po­stuliert wird, ist da-bei inbegriffen, daß es sich um ein "höheres" Gebot handelt, dem zu folgen der Betreffende eben "verpflichtet" sei.

 

Dabei müssen zunächst deutlich unterschieden werden: die vor­erwähnten - angeblich "vorgegebenen" - "Rech-te" und "Pflich­ten" einerseits, von jenen Rechten und Pflichten, die sich aus Verträgen ergeben, anderseits.   Letztere sind nicht ideologisch und können daher - durch Zeugen oder durch Dokumente - als bestehend oder nicht bestehend bewiesen werden. Während die ideologischen "Rechte" und "Pflichten" nur genau so behauptet werden wie die religiösen und sich jeder Beweisführung für ihre tatsächliche Existenz entziehen.

Unklares, verschwommenes Denken und vor allem die allgemei­ne Gewohnheit bewirkt aber, daß an jene an-geblichen "Rechte" und "Pflichten" wie an Realitäten geglaubt wird und sie überhaupt nicht in Zweifel gezogen werden. Zumeist steht hinter ihnen ja auch reale Macht und zwingt die Widerstrebenden zur Anerken­nung oder zumindest zur Unterdrückung ihrer Kritik und ihres Widerspruchs. So sind zwar die gesetzlich festgelegten "Rechte" oder "Pflichten", die sich häufig auf angeblich "vorgegebene" und jedenfalls nicht auf vertraglich frei vereinbarte stützen, eine Realität, aber nur eine Realität der überlegenen Macht; sie sind es nicht ihrer eigent-lichen Begründung nach, es sei denn, daß die "Begründung"offen mit der stärkeren Gewalt erfolgt. Es führt daher zu einer gefährlichen Begriffsverwirrung, wenn

 

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man die echten, d.h. die frei vereinbarten Rechte und Pflichten nicht deutlich unterscheidet von den angeblich "vorgegebenen" grundsätzlich unbeweisbaren "Rechten" und :Pflichten", die sich nur auf Behauptungen stütz-en, ei­nerseits, sowie von den gesetzlich festgelegten "Rechten" und "Pflichten" anderseits, die im Grunde von einer über­legenen Gewalt diktiert werden, sei es die einer offenen Diktatur oder die einer Mehrheit. Die letz-teren werden noch in einem eigenen Kapitel behandelt.

 

Die ideologischen "Rechte" und "Pflichten" sind bei näherem, kritischem Zusehen nichts anderes als Wünsche des Be­treffenden, daß, was er als sein "Recht" ansieht, von den an­deren als solches auch anerkannt werden, d.h. zu echtem Vertragsrecht werden soll; ebenso ist es mit den "Pflichten", die er anderen auferlegen möchte. Beide Wünsche können nur so weit Realität gewinnen, als hinter ihnen die Macht, sie durchzusetzen, steht. Fehlt es an dieser Macht, so sind und bleiben sie reine Wünsche und gedankliche-Spekulationen und der Betreffende hat nur den schwachen Trost, daß er "eigent­lich" doch "im Recht" sei;    Einbildung kann ja mitunter glück­lich machen. Sie macht aber meist unglücklich, wenn jemand sich selber unter das Joch vermeintlicher "Pflichten" beugt, oder angebliche "Rechte" anderer anerkennt, nicht weil er aus freien Stücken zustimmen will,  sondern weil er sich unter dem Druck eines "moralischen" Muß, eben einer "höheren" Ver­pflichtung, fühlt, die ihm le-diglich durch seine Umwelt sugge­riert wurde.

 

Angebliche "Rechte" und "Pflichten" schwirren ja nur so umher, die bloße Phantasiegebilde sind und ihre einzige Stütze darin finden, daß sie durch Gesetz oder Diktat,, also durch überlegene Macht, oder durch bloße Gewöhnung festgelegt und bereits in frühester Kindheit von Eltern, Umwelt, Schule als selbstver­ständlich eingeprägt werden; wobei jede Abweichung in der Re­gel auf empörte Reaktion der Umwelt stößt, so daß die  Gewohn­heit schließlich das entsprechende Verhalten prägt und es gar-nicht mehr zu einer Auflehnung kommen läßt.

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(J.Z.: Auf die individuellen Rechte, Freiheiten und Pflichten, die weder auf Gesetzen, noch Gebräuchen, noch Indoktrinierung in Staatsschulen oder Verträgen beruhen, lässt er sich nicht ein sondern uebergeht oder leugnet sie einfach, indem er sie mit den anderen zusammenwirft und verurteilt. - Darüber haben ihn weder Ulrich von Beckerath noch andere Menschenrechtsanhänger noch ich selbst je genügend aufklären können. Er hatte auch seine Wahnvorstellungen. - An anderen Stellen, mit seinem Begriff der "gleichen Freiheit fuer Alle" kommt er jedoch an das eigentliche Wesen des korrekten Rechtsbegriffes nahe heran, während der den Rechtsbegriff im-mer noch ganz und gar verwirft.  Aber eine Rose bleibt immer noch eine Rose, gleichgültig welchen Namen man ihr gibt. - J.Z., 2.3.04.)

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Ein kluger Mann sagte:

"Was man in der Jugend lernt, das "sitzt". Daher vertreten die meisten Leute Ansichten, die durchschnittlich etwa 3o Jahre alt sind. Da es den damaligen Lehrern ebenso ging, vertreten die Menschen, ungeachtet der Änderung der Verhältnisse, Ansichten, die völlig sinnlos geworden sind. Mit der Vollendung

 

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des körperlichen Wachstums ist bei den meisten Menschen die geistige Entwicklung erledigt. Die bis dahin ge-wonnenen Anschauungen schleppen sie weiter bis zum Grabe".

 

Sehen wir zunächst von den durch Gesetz und Diktat begrün­deten "Rechten" und "Pflichten" ab, auf die wir noch ausführ­lich zurückkommen, müssen wir zunächst davon ausgehen, daß bei Geburt der Mensch rechtlos und pflichtenlos den an­deren Menschen, Einzelnen wie Gruppen gegenübersteht, was jedoch nicht bedeutet, daß jene mit ihm nach Belieben verfah­ren können, und auch nicht ausschließt, daß die anderen ihm einseitig gewisse Rechte zugestehen. Der Behauptung, daß es angeborene "Rechte" oder "Pflichten" gäbe, steht die ge-gen­teilige Behauptung völlig gleichberechtigt gegenüber. Förde­rungen, die sich auf die Behauptung angebo-rener tatsächlicher Rechte und Pflichten stützen, müssen daher, selbst wenn  es letztere gäbe, aus demselben Grunde zurückgewiesen werden, aus dem jedes objektiv urteilende Gericht eine bestrittene un­bewiesene For-derung zurückweisen muß; sogar dann, wenn sie an sich durchaus berechtigt sein mag. Eben weil derartige Be­hauptungen und Forderungen grundsätzlich unbeweisbar sind.

 

Letzteres ist eine beweisbare Erkenntnis nach den Maßstäben der Erfahrungswirklichkeit und bezieht sich auf al­le "Rechte" und "Pflichten" auf religiöser, moralischer, sitt­licher oder sonstwie ideologischer Grundlage. Nur durch Über­einkommen, das auch stillschweigend erfolgen kann, werden echte Rechte und Pflichten begründet. Was man "Moral" und "Sitten" nennt, beruht zum Teil auf solchem Übereinkommen, zum anderen aber auf Hirngespinsten, bloßen Wunschbildern und unbeweisbaren Behauptungen (weshalb sich auch die Moral­auf-fassungen und Sitten so häufig ändern), sowie zu einem sehr wesentlichen Teil auf Zwang und aggressiver Gewalt. Wer sich also auf solche ideologischen "Rechte" und "Pflichten" beruft und auf sie Forderungen gegen andere gründet, ist bestenfalls einer, der unklar denkt und die Begriffe verwechselt; in aller Regel aber ist es jemand, der bewußt Kritikunfähige irreführen oder aggressive Gewaltanwendung rechtfertigen will.

 

Auch das sogenannte "Naturrecht" gehört zu den ideologischen Forderungen, da es im Bereich der Erfahrungs-wirklichkeit kei­nen Gegenstand "Naturrecht" gibt. Selbst diejenigen, die an ein

 

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"Naturrecht" glauben (es ist ja reine Glaubenssache), sind sich über dessen Inhalt völlig uneinig. Als "Natur-recht" werden oft recht vernünftige Ansichten propagiert. Aber deren  Wert liegt darin, daß sie vernünftig, nicht daß sie ein "Recht"  sind.

 

Eine Mittelstellung zwischen Ideologie und vereinbarten Rechten nehmen die sogenannten "Menschenrechte" ein. Sie entstanden im Kampf gegen die Herrschaft des Faustrechts, um diesem mehr und mehr Schranken zu setzen, und speziell gegen die Allmacht des Staates, um dem Einzelnen wenigstens einige bescheidene Frei-heiten diesem gegenüber zu sichern. Aber sie entstanden zum Teil auch aus rein ideologischen Forderungen, überschritten da­bei die Grenze der gleichen Freiheit Aller, und wurden insoweit selber aggressiv.

 

Bisher stehen sie auch nicht in unmittelbarer Geltung von Mensch zu Mensch, etwa in der Weise, daß alle, oder auch nur eine große Mehrheit, ihnen ausdrücklich zustimmen, oder daß der Einzelne sie gegenüber anderen Einzelnen, Gruppen oder gar Staaten, prak­tisch durchsetzen könnte. Sondern nur die einzelnen Staaten pro­klamieren und konzedieren diese "Menschenrechte" unter jeweils erheblichen Einschränkungen.

Dabei handelt es sich, wohlgemerkt, um eine bloße Proklamation, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom l0. 12.1948 als Resolution der UNO-Generalversammlung zum Aus­druck kam. Diese war kein rechtsverbindlicher Akt und niemand kann darauf durchsetzbare Ansprüche stützen! Es handelt sich um eine typische Moralpredigt, ohne ernsthaften Willen der Moralpre­diger, nun auch ihrerseits diese Moral zu praktizieren; davon kann sich jedermann überzeugen, der die Praxis vieler - und sogar der meisten - Staaten mit den von ihnen proklamierten "Menschenrech­ten" vergleicht.

 

Typisch für die Unklarheit der Ausgangspunkte ist bereits die Phrasenhaftigkeit der Präambel, die von einem "Gewissen der Menschheit" spricht. Die Menschheit als abstrakter und ideologischer Begriff kann weder Wil-len, noch Bewußtsein noch Gewissen haben, es sei denn das, was ihre selbsternannten Sachwalter ihr unter-schieben; während die konkrete Menschheit als Summe aller einzelnen Menschen ebenso viele Milliarden ver-schiedene und meist gegensätzliche Gewissen hat, wie es einzelne Menschen gibt. Die Präambel erklärt ferner für "wesentlich, die Menschenrechte

 

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durch die Herrschaft des Rechts zu schützen". "Das Recht" aber gibt es nicht als etwas bereits Vorgegebenes oder auch nur klar Bestimmbares; was als "das Recht" bisher reali­siert wurde, war immer nur die dahinter ste-hende Macht, die meist eine aggressive Gewalt war, so weit es sich nicht um Rechte handelt, die auf Vertrag, auf Vereinbarung beru­hen.   Die Herrschaft "des" Rechts hat in der Praxis bisher immer nur die Herrschaft der Gewalt bedeutet, schon weil sie eben auf Herrschaft beruhte, und auch dann, wenn diese Herrschaft verein-zelte Freiheiten "gewährte". "Das Recht" war bisher immer nur das Recht der Herrschenden und Stärkeren. Wo es als ohnmächtiges Ideal von den Be­herrschten und Schwachen proklamiert wurde, war es nur hilfloser Protest gegen die Übermacht.   Weder im ersten noch im zweiten Falle kann die reale Existenz eines solchen ideolo-gischen Begriffs wie "das Recht", geschweige denn in einer konkreten Formulierung seines Inhalts, bewiesen wer­den; d.h. die reale Existenz in der Erfahrungswirklichkeit, also auch außerhalb der Köpfe, in denen das Vorhan­densein entsprechender Vorstellungen natürlich nicht mit realer Existenz identisch ist;  denn vorstellen kann man sich auch Nichtexistierendes.

 

Die Präambel spricht dann noch vom "Glauben"  an die "Men­schenrechte", womit sie indirekt zugibt, daß es kein Wis­sen davon gibt und geben kann.   Artikel 1 stellt gleich zwei unhaltbare Behauptungen auf: alle Men-schen seien "gleich an Rechten" geboren und "mit Vernunft und Gewissen begabt". Man könnte besser sagen, daß kein Mensch mit Vorrechten ge­genüber anderen geboren sei, wenn man nicht die noch bessere Formu-lierung vorzieht,  daß es überhaupt keine angeborenen Rechte, auf die man sich vernünftigerweise berufen kann, gibt, sondern nur solche, die durch Vereinbarung entstehen. Durch Vereinbarung aber wird in der Regel niemand anderen Vorrech­te zugestehen, sondern darauf bedacht sein, keine geringeren Rechte, also gleiche wie jener andere, zu erhalten.

Unter Berufung auf die "Vernunft" - immer nur die eigene, nie die der anderen - sind oft sehr gegensätzliche Ansichten geäussert worden; läßt man die Weltgeschichte oder auch bloß die tägliche Erfahrung Revue pas-sieren, ist es offenbar nur eine kleine Minderheit, die wirklich Vernunft hat und betätigt. Was das "Gewissen"  betrifft, geht jener Artikel offenbar von der

 

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Vorstellung aus, daß dessen Stimme in allen Menschen gleich oder ähnlich sei. Das ist jedoch offensichtlich    nicht der Fall und kann es auch nicht sein, da das "Gewissen" jeweils nur die Summe der eingeprägten oder übernommenen  religiösen und Moral-Vorstellungen ist.

 

Die Gleichheit vor dem Gesetz, die in Artikel 7 postuliert ist, rechtfertigt die ungleiche Freiheit von Einzelnen gegen­über Gruppen und deren Gesetzen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Gesetze aus einem totalitären oder demokratischen Re­gime stammen, wobei letzteres ebenso auf dem Prinzip der Herrschaft beruht wie das ande-re.   Schon Anatole France hatte gespottet:

            "Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit ver­bietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu          schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen".

 

Artikel 13  beschränkt das Recht auf Freizügigkeit nur auf den betreffenden Staat. Da die Staaten sehr ungleich groß und unter­schiedlich in ihren natürlichen Gegebenheiten (z.B. Bodenschät­zen), ihren Verfassungen und sozialen Verhältnissen sind, wird hier wiederum die gleiche Freiheit Aller im Namen der "Men­schenrechte" eingeschränkt.

 

Artikel 17  garantiert sehr summarisch ein Recht auf Eigentum, ohne zu unterscheiden, wie dieses erworben ist: ob z.B. als Frucht eines rechtlichen oder tatsächlichen Privilegs oder Mo­nopols, aus dem Vorrechtsanspruch auf etwas, was die Natur als Geschenk bietet, wie den Boden und seine Schätze, oder aber ob der Eigentumsan-spruch sich nur auf das Produkt eige­ner Arbeit richtet.

(J.Z.: Die "Geschenke" der Natur, die aus den Früchten des Bodens, seinen Erzen, seinem Erdoel etc. bestehen, werden gewöhnlich nicht ohne Arbeits- und Kapitalaufwand gewonnen. - J.Z., 2.3.04.)

 

In Artikel 21   wird mit dem Willen des "Volkes" (also einem Abstraktum, hinter dem stets nur der Wille einer an Äußerung und Auftrag des "Volkswillens"- der zudem mit dem Willen der Ge­samtheit aller Volksangehö-rigen nicht identisch ist - nicht gebundenen Gruppe konkreter Einzelner steckt)  die "Autorität" der öffentlichen Gewalt gerechtfertigt. Hier ist "Gewalt" durch­aus im aggressiven Sinne, d.h. als Eingriff in die gleiche Frei­heit Aller, zu verstehen und dazu wird noch bei Betrachtung der Ideologie der Demokratie und des Mehrheits-prinzips einiges zu sagen sein.

 

In Artikel 22   werden im Hinblick auf etwas durchaus Wünschens-

 

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wertes Ansprüche und "Rechte" verliehen, ohne Zustimmung der davon Betroffenen, d.h. Ansprüche und "Rechte" gegen andere, auf deren Kosten und auch gegen deren Willen.

 

In Artikel 23 und 25 werden mit dem "Recht auf Arbeit",  sowie auf "soziale Fürsorge" und dem "Schutz gegen Arbeitslosigkeit" Wünschbarkeiten, die durch freiwillige Vereinigungen gesichert werden können, vor allem jedoch durch eine auf echter ,d.h. gleicher Freiheit für Alle beruhenden Grundordnung, als "Rech­te" und "An-sprüche" formuliert, die eine Autorität voraussetzen, welche auf Grund dieser "Rechte" Fürsorge aus den Taschen an­derer Leute betreibt.

Dasselbe gilt für das "Recht auf Bildung" mit der Forderung nach unentgeltlichem Unterricht, zumindest in den Elementar- und Grundschulen, und schließt - unausgesprochen - den Schulzwang und die staatliche Bestim-mung des Unterrichtsstoffes und Lern­zweckes ein.   Denn wenn jemand ein "Recht" hat, steht demge­genüber die entsprechende "Pflicht" dessen, der dieses Recht gewährt oder anerkennt; nach der teils ausgesprochenen, teils unausgesprochenen Meinung der Verfasser jener " Menschenrechtserklärung" aber auch die "Pflicht" derer, die solche "Rechte" nicht anerkennen, denn als "angeborene" würden sie ja außerhalb von Vereinbarun-gen stehen und diesen vorgehen.

 

Artikel 29 proklamiert demgemäß auch: "Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entwicklung seiner Persönlichkeit möglich ist". Ab­gesehen davon, daß es an echten Pflich-ten nur freiwillig über­nommene geben kann (denn bei gewaltsam aufgezwungenen ist deren Benennung als "Pflicht" eine dreiste Maskerade der ag­gressiven Gewalt), wird hier der abstrakte Begriff einer Gemein­schaft der Tatsache unterschoben, daß jeder Mensch es mit einer Mehrzahl anderer konkreter Menschen zu tun hat und zu ihnen in Beziehungen tritt; wobei man den Begriff "Gemeinschaft" noch gelten lassen könnte im nicht-ideologischen Sinne, wenn damit nichts anderes als eben diese Gesamtheit gegenseitiger Beziehun­gen wert-neutral gemeint ist und sich diese Beziehungen der Ein­zelnen gegenüber der Gesamtheit Aller auf das Prinzip der glei­chen Freiheit Aller und auf freie Vereinbarungen stützen.  Tat­sächlich aber wird dem Begriff der "Ge-meinschaft" ein ganz an­derer, nämlich der des Staates unterschoben. Während für eine echte Gemeinschaft die Freiwilligkeit der Teilnehmer charakteri-

 

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stisch ist, handelt es sich beim Staat um eine Zwangs-"Gemeinschaft". Diese spezielle Form einer "Gemein-schaft" (durchaus nicht die einzig mögliche) ist die gefährlichste aller ideologischen Abstraktionen;  denn sie tritt als selb­ständiges, den Einzelnen übergeordnetes Etwas auf. bean­sprucht "Rechte" und legt den Einzelnen "Pflichten" auf, ohne Rücksicht darauf, ob jene dem zustimmen oder nicht. Der Staat ist die moderne Form eines säkularisierten Got­tes, der für seine Gebote absolute Geltung fordert.

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(J.B.: Bei seiner Kritik der "Menschenrechte", wie sie von der UN erklärt wurden, griff K.Z. nur einen Stroh-mann an. Ein schlechteres Beispiel hätte er kaum wählen können. Um bessere und richtigere Meschenrechts-erklaerungen hat er sich nie ausreichend gekuemmert. Als Anarchist hätte er sich doch sagen koennen, dass diese Erklärungen von Regierungen meist unvollständig und teilweise falsch sein wuerden und nicht Vertrauen verdienen. Meines Wissens hatte er nie versucht, z.B. die von Ulrich von Beckerath oder von mir versuchen Menschenrechtserklaerungen zu widerlegen. Um auch sie im Bausch und Bogen zu verdammen genuegte fuer ihn schon, dass auch sie den Rechtsbegriff gebrauchten, wenn auch in einem ganz anderen Sinne als die meis-ten der Erklärungen von Regierungen. - Über eine Zusammenstellung von etwa 100 privaten  Menschen-rechtserklärungen siehe "PEACE PLANS" Nos. 589 & 590. - J.Z., 2.3.04.)

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In den UNO-Pakten für "Menschenrechte" vom 16.12.1966 taucht dann noch das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" auf. Wohlgemerkt: niemals ein Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen, die stets nur als unselbständige Teile eines ihnen übergeordneten Ganzen - als "der Rechtshoheit unterworfene" Personen - betrachtet und be-handelt werden; wobei wir bereits gesehen haben, daß jene "Ganzheiten" weder einen Eigenwillen, noch ein selbständiges Eigendasein haben, sondern Abstraktio­nen sind, hinter denen sich stets der Wille eines konkreten Ein­zelnen, oder einer Gruppe von solchen, verbirgt. Es handelt sich dabei immer nur um Verschleierungen der Herrschaft von Menschen über Menschen. Zu beachten ist, daß der "Weltpakt für bürgerliche und politische Rechte vom 16.12.1966 in sei­ner Präambel ausdrücklich von "Pflichten" des Einzelnen nicht nur gegenüber seinen Mitmenschen, sondern gegenüber der "Ge­meinschaft, der er angehört"  spricht.

 

Merkwürdigerweise ist die Absurdität eines Zustandes bisher nicht aufgefallen, in dem das, was lediglich in den Köpfen als Vorstellung, als bloß Gedachtes, existiert, gleichrangig mit Wirklichem, ja sogar vorrangig gegen-über diesem, behandelt wird. Und dies, nachdem vor mehr als vier Generationen Stir­ner seinen vehementen Angriff gegen eben jene "fixen Ideen" ge­richtet hatte, die an sich als bloße Theorie (immer im Bewußtsein, daß es sich dabei um kein Wissen, sondern um bloße An­nahmen, Meinungen, Glauben handelt) durchaus tolerabel, ja mitunter sogar akzeptabel sind; während sie zu einer gefährli­chen Geistesgestörtheit entarten, wenn jenes Be-wußtsein einer bloßen Annahme verloren geht und die betreffende Idee eben zu einer unerschütterlich "fixen" erstarrt. Dann ist es nicht mehr der Mensch, der die Idee, den betreffenden Gedanken, hat, son­dern dieser, sein Produkt also, hat sich den betreffenden Men-

 

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schen unterworfen (was natürlich auch für von anderen über­nommene Gedanken gelten kann). Dann ist jene Idee zu etwas "Höherem" und "Heiligen" geworden, an dem man nicht zwei­feln und nicht rütteln darf.

"Denke nicht, daß Ich scherze oder bildlich rede", sagt Stirner, "wenn Ich die am Höheren hangenden Men-schen, und weil die ungeheure Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschen­welt für veritable Narren, Narren im Tollhause, ansehe. ... Man taste einem solchen Narren an seine fixe Idee, und man wird so­gleich vor der Heimtücke des Tollen den Rücken zu hüten haben. Denn auch darin gleichen diese großen Tollen den klei-nen sogenannten Tollen, daß sie heimtückisch über den herfallen, der ihre fixe Idee anrührt".

 

Wohlgemerkt: nicht schon dann ist jemand, der an Dinge oder Gebote glaubt, für deren Existenz er den Beweis schuldig bleibt und ihrer Natur nach auch niemals führen kann, ein "Be­sessener", sondern erst dann, wenn er über seinen persönlichen Lebensbereich hinaus diesen Glauben in aggressiver Form aus­weiten und andere zwingen will, seine angeblichen Glaubenswahr­heiten als "heilig" und  "unantastbar" zu respektieren. Dies gilt keineswegs nur für die religiösen "Glaubenswahrheiten", sondern speziell auch für die ideologischen, die so sehr eingewur­zelt und zu fixen Ideen geworden sind, daß die meisten zwischen ihnen und der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden wissen. Wenn ansonsten intelligente Menschen, die den Anspruch erheben, ernst genommen zu werden, mit Begriffen operieren, bei denen sie Konkretes und Abstraktes, Wirkliches und bloß Gedachtes, Beweisbares und Unbeweisbares nicht auseinanderhalten, dann muß man ja, wie Stirner, "die gräß-liche Überzeugung gewinnen, daß man mit Narren in ein Haus gesperrt ist".

 

Es liegt auf der Hand, daß bei solchem Verhalten es nur ein An­einander-Vorbeireden und auch kein Einigen auf einer gemeinsa­men Basis geben kann;  denn eine solche kann ja nur das beweis­bar Wirkliche sein (wobei jen-seits desselben auch der bloße Glau­be, die mehr oder weniger begründete Annahme, einen gebühren­den Platz - aber keinen darüber hinaus!  - einnehmen darf!). In der Erfahrungswirklichkeit gibt es keine Rechte und Pflich-ten außer freiwillig vereinbarten - oder solchen, die von einer über­legenen Gewalt statuiert werden; wobei diese jedoch sich nicht offen als eben Gewalt deklariert, sondern sich hinter angeblich

 

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vorhandenen "höheren" Geboten versteckt. Daß diese "höhe­ren" - religiös oder ideologisch begründeten - Ge-bote aber wirklich existieren, ist lediglich eine Behauptung, für die oder gegen die eine Beweisführung un-möglich ist. Da jedoch, wer eine Behauptung aufstellt, und gar Forderun­gen daraus ableitet, üblicherweise auch die Beweislast dafür hat, muß der Betreffende sich bewußt sein, daß er entweder nur einen leeren Bluff ver-sucht, oder aber, falls er auf Grund seiner Behauptung andere zu einem Tun oder Unterlassen zwin­gen will, daß er dann unter einem leeren Vorwand eine aggres­sive Handlung begeht.

 

Eine Unzahl angeblich "höherer" Wesenheiten - wie Gott, die Menschheit, die Wahrheit, die Freiheit, die Hu-manität, die Gerechtigkeit, das Volk, das Vaterland, die Nation, das Klassenbewußtsein, die Partei, die immer recht hat, - stellen dro­hend und lockend ihre Ansprüche an den Einzelnen, behandeln diesen nur als unselb-ständigen Teil eines "größeren Ganzen" und weisen ihm entsprechende "Bestimmungen", "Aufgaben", oder "Pflichten" zu, oder reden ihm ein, daß er "Rechte" ge­gen andere konkrete Einzelne hätte, von denen diese überhaupt nichts wissen oder wissen wollen.

Aber niemals sprechen diese "höheren Wesenheiten" selbst, son­dern immer sind es nur andere Einzelne, oder Gruppen von sol­chen, die sich selber zu Wortführern jener "höheren" Wesenhei­ten ernannt haben; wobei sie sowohl den Beweis für deren Exi­stenz überhaupt, als - letztere einmal angenommen - den Beweis für ihre Le-gitimation als Sprachrohr schuldig bleiben.

 

"Ihr armen Wesen", sagt Stirner, "die Ihr so glücklich leben könntet, wenn Ihr nach Eurem Sinne Sprünge ma-chen dürftet, Ihr sollt nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenführer tan­zen, um Kunststücke zu machen, zu denen Ihr selbst Euch nim­mermehr gebrauchen würdet. Und Ihr schlagt nicht endlich ein­mal dagegen aus, daß man Euch immer anders nimmt, als Ihr Euch geben wollt. Nein, Ihr sprecht Euch die vorgesprochene Frage me-chanisch selber vor: "Wozu bin ich berufen?  Was soll ich?"  So braucht Ihr nur zu fragen,  um Euch sagen und befehlen zu lassen, was Ihr sollt".

 

Ideologisch bedingt sind nahezu alle heute geltenden Parolen und die an den Einzelnen herangetragenen Forde-rungen und Be-

 

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fehle, aber zugleich auch die bestehenden Einrichtungen, bei denen man - infolge der Gewöhnung an sie - die ideologische Basis gar nicht mehr bemerkt.

Der Romantiker Friedrich Schlegel hatte von "ersten dunklen Regungen vom Bewußtsein der Menschheit als einer Person" gefaselt; während seine Zeitgenossen in Dichtung und Philoso­phie von einer mystischen Mensch-heitsverehrung und, wie man damals sich ausdrückte, von der Menschwerdung Gottes oder der Gottwerdung des Menschen schwärmten. Heute ist die phra­senhafte Personifizierung nicht nur von Kollektiven, die neben ihrer ideologischen Verzerrung wenigstens noch einen realen Gehalt haben, sondern von Begriffen, die auf rein gedanklichen Vorstellungen beruhen, allgemein geworden. Dies geht teils auf einen Atavismus zurück: ur-sprünglich glaubte der Mensch, daß alles, was er in seinem Bewußtsein vorfand, also auch al­le Gedanken und Vorstellungen, einer äußeren Wirklichkeit entspreche - d.h. er glaubt an alles, was er aus inneren oder äußeren Veranlassungen zufällig denkt, sich zurechtphantasiert oder wünscht, und es fehlt ihm an Impulsen, seine Vor­stellungen von der Wirklichkeit zu trennen und sie mit dieser, besonders mit der äußeren Erfahrung, zu verglei-chen. Je in­haltsärmer das menschliche Bewußtsein ist, desto ausgepräg­ter ist dieser kritiklose Glaubenstrieb.

Teils aber auch beruht der herrschende Denkwirrwarr auf der Verkennung dessen, was bei Werturteilen, die   stets ideo­logisch sind, eigentlich vorgeht: da werden nämlich Gefühls-Verhältnisse von Personen zu einem Ge-genstande in Eigen­schaften des Gegenstandes umgedeutet; die subjektive Empfin­dung als "gut" oder "schlecht"  eines Gegenstandes oder einer Handlung wird nicht als subjektive Empfindung begriffen, son­dern falsch gedeu-tet als objektiv jenem Gegenstand oder jener Handlung anhängende Eigenschaft.

 

Besonders verhängnisvoll wirkt sich aus, wenn ähnlich schein­objektivierte Wunschvorstellungen sich als zen-traler Bewußtseinsinhalt festsetzen;  darauf wird dann ein ganzes Riesenge­bäude nach den erprobten Regeln der formalen Logik aufgebaut und es wird aus einer empirisch unbegründbaren Wertsetzung ein in sich logisches Gefüge von Normen abgeleitet, das nur einen Fehler hat: die Voraussetzung, wie alle Ableitung aus ihr, sind insoweit reine Hirngespinste, als nachweisbar ist, daß sie zwar als gedankliche Vorstellungen im Hirn des Be-tref­fenden, und eventuell noch anderer, existieren, ebenso nach-

 

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weisbar jedoch, daß es unmöglich ist, einen Beweis dafür zu führen, daß diesen Vorstellungen auch eine Wirk-lich­keit entspricht, daß sie mehr sind als eine willkürliche Annah­me oder eine unwillkürliche subjektive Em-pfindung.

 

Ungerührt von den Feststellungen der Erkenntnistheoretiker, Philosophen und Soziologen, die ja nicht zum ju-ristischen Stu­dium gehören und auch der Karriere nicht förderlich sind, be­zog der Bundesgerichtshof noch 1954 den Standpunkt, es gäbe ein für den Menschen erkennbares objektives Sittengesetz, das z.B. "dem Men-schen die Einehe und die Familie als verbindli­che Lebensform gesetzt und diese Ordnung zur Grundlage des Lebens der Völker und Staaten gemacht" habe.

 

Dieses mysteriöse "Sittengesetz", von dem mindestens 99% aller Menschen nicht zu sagen wüßten, von wem es eigentlich stammt und was überhaupt sein Inhalt ist, während das rest­liche 1% auch nichts wirklich davon  weiß, sondern lediglich glaubt, daß es so etwas gibt, ohne eine einheitliche Vor­stellung davon zu haben, geis-tert auch durch Artikel 2 des Grundgesetzes der BRD. Solch kindlich naiver Glaube an etwas völlig Unbewie-senes und grundsätzlich auch Unbeweisbares gibt dem Bundesgerichtshof "Nach Überzeugung des Gerichts" das "Recht",  alle Mittel staatlicher Zwangsgewalt gegen den­jenigen in Bewegung zu setzen, der solchen Glau-ben nicht teilt, und jeden aggressiven Eingriff in die Freiheit der Einzelnen und ganzer Gruppen zu rechtfer-tigen. Während der gleiche Bun­desgerichtshof ein Hohngelächter anstimmen würde, wenn bei einem Rechts-streit vor ihm die eine Partei erklären würde, sie glaube zwar Recht zu haben, aber sie könne das leider nicht beweisen. -

(J.Z.: Hier gebrauchte er den "Rechts"-begriff staatlicher Richter fuer seinen "Beweis"! - J.Z., 2.3.04.)

 

Aber nicht nur der Bundesgerichtshof treibt solche Scherze mit dem bei anderer Gelegenheit von ihm geprie-senen gesunden Menschenverstand, sondern z.B. auch Bundeskanzler Brandt erklärte sich (laut FAZ vom 10. 7. 72) für Orientierung der Gesellschaftspolitik "an den sittlichen Grundwerten" und Ähn­liches kann man ja stän-dig von allen Politikern, Kanzeln, Juri­sten und Leitartiklern hören - nur daß jeweils sehr verschieden­artiges da-mit gemeint ist; während die angeblichen Sachzwange bei den Entscheidungen der jeweiligen Machthaber na-türlich stets von ihren subjektiven Wertvorstellungen und eigenen Ideo-

 

 

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logien geprägt sind - ohne daß dies ihnen zum Bewußtsein kommt, denn die eigene Ideologie halten sie ja für objektive Wahrheit und Wirklichkeit.

 

Je verquollener die Gefühle, je nebelhafter die Vorstellungen und vor allem je fester eingebleut von Kindesbei-nen an die "sittlichen Grundwerte" sind, mit desto kritikloserer Inbrunst äußern sie sich:

"... nicht unser Glück, sondern das Glück des Vaterlandes ist unser Glück. Wir suchen nicht die eigene Freiheit, sondern die eigene Gebundenheit. Wir warten auf den Tag des Einsat­zes, an dem eine gläubige Jugend ihre Treue wieder bewähren darf. Wir stehen in Wartehaltung, alle Muskeln gespannt, jeden Tag aufs neue bereit, einzuspringen und am deutschen Werk mit unseren Händen anzupacken, in uns glüht das Feuer der Bereit-schaft, weil wir bereit für Deutschland sind".  So schrieb Hans Joachim Schoeps, 1933, der als Jude die deut-schen Juden für Hitler einzuspannen versuchte!

 

Die völkerkundliche Erforschung Melanesiens in jüngster Zeit ergab bei einer Bevölkerung von rund 3 Millio-nen, die sich im Zustand etwa der Jungsteinzeit befanden, über 1000 verschie­dene ethnozentrische Kulturen. Denn Urwald, Inseln und Kopf­jagd bewirkten, daß jeder Stamm, von durchschnittlich 2000 Angehörigen, in Sprache, Sozialordnung und religiösen Vorstel­lungen grundverschieden ist von den Nachbarstäm­men, die er bekämpft. Dies ist, nebenbei bemerkt, auch eine Widerlegung des marxistischen Glaubensdogmas vom bestim-men­den Einfluß der "Produktionsverhältnisse" auf den "ideologischen Überbau" der soziologischen, religiösen, kulturellen, politischen Verhältnisse. Denn die "Produktionsverhältnisse" in jenen 1000 Jäger- und Sammler-Gesellschaften waren völlig dieselben!  Wie in diesem Beispiel ist der Einfluß von Religion, Ideologie, Poli­tik, d.h. sind die Herrschaftsverhältnisse primär vor dem vorhanden gewesen, was der Marxismus in einem späte-ren Stadium unter "Produktionsverhältnissen" versteht, also nicht erst als de­ren Überbau entstanden. Sondern die religiösen und ideologischen Vorstellungen, insbesondere die Herrschaftsverhältnisse, die mit ihnen ja un-lösbar verknüpft sind, haben seit je und bis heute ent­scheidenden Einfluß auf die Produktions-, insbesondere die Eigen­tumsverhältnisse, ausgeübt.

Noch etwas anderes wird durch diese unendlich vielfältige Verschie-

 

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denheit, die hier sozusagen im Naturzustand studiert werden kann, bewiesen: daß es eine "höhere" Zweckbe-stimmung von allgemeinverbindlichem Charakter, der sich also alle Menschen zu beugen hätten, entweder nicht gibt, oder zumindest, daß sie normalem menschlichem Fühlen oder Begriffsvermögen nicht erkennbar ist. Denn gäbe es göttliche Gebote oder ein unpersön­liches, für jeden Menschen verbindliches Sittengesetz, so müßte man doch erwarten, daß jeder Mensch sich dieser Zweckbestim­mung bewußt wäre und diese Gebote ganz klar als solche empfän­de. Zumal "Gottes Worte"  oder auch jede andere der Mensch­heit auferlegte "hö-here"  Zweckbestimmung doch - anders als Menschenworte - ganz klar sein müßten und nichts an ihnen zu deu-teln und mehrfach auszulegen sein dürfte.  Die Vielzahl der einander widersprechenden, oft dunklen und viel-deutigen Reli­gionen, Moralen und Sitten zeigt jedoch, daß es eine Einheitlich­keit der Aussagen und Forde-rungen all dieser mit Absolutheitsanspruch auftretenden Lehren nicht gibt.

 

Auch das sogenannte Gewissen zeigt sich bei näherer Prüfung nicht als einheitlich, sondern als Resultat der Umweltbeeinflus­sung, insbesondere der in frühester Kindheit dem unkritischen Bewußtsein eingeprägten Glau-benssätze und Wertvorstellungen. Beispielsweise hatte ein Altägypter, dem das Krokodil als heilig galt, selbst dann Gewissensbisse, wenn er in Notwehr eines tö­tete; während ein Europäer bei der Tötung eines Krokodils nicht die geringste Gewissensregung empfindet. Dasselbe gilt von zahl­reichen anderen Tabus. In der Gegen-wart leben unter uns Millio­nen von "Ehrenmännern", die in der Unterdrückung und Tötung anderer Menschen aus religiösen, rassischen, nationalen Grün­den, sowie als "Klassenfeinde" oder als "Feinde der gesetzli­chen Ordnung" eine verdienstvolle Tat sehen, während sie die gleiche Handlung, wenn sie sich gegen Angehörige der eigenen Überzeugung richtet, voller Empörung verdammen.

 

Der sogenannte "Rechtspositivismus", d.h. die nicht nur herr­schende "Rechts"-Theorie, sondern insbesondere ihre Praxis, erklärt als "das Recht" das, was der Staat als solches festlegt und mit Zwangsgewalt durchsetzt. Er erklärt, daß "es unmög­lich ist, auf rein erkenntnismäßigem Wege ein lückenloses und für jedermann einsich-tiges System der Normen richtigen Ver­haltens zu gewinnen" (was insoweit richtig ist, als die Erkennt­nis sich auf vorgegebene "höhere" Normen bezieht, insoweit

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jedoch falsch, da jene Erkenntnis von der Unmöglichkeit der Erkenntnis vorgegebener "höherer" Normen eine sichere Ba­sis für ganz andere Folgerungen bietet, als bisher daraus ge­zogen wurden). Bisher wurde nämlich ge-folgert: "Gerade weil die Menschen in ihren Anschauungen über Recht und Unrecht, über Gut und Böse nicht übereinstimmen, weil sie sich immer wieder darüber in die Haare geraten, was gerecht ist, so muß einer da sein, der einfach bestimmt, was zu geschehen hat. Die Auffassungen darüber, was richtig und falsch sei, bilden einen unentwirrbaren Knoten, den nur das Schwert lösen kann" (Reinhard Zippelius "Das Wesen des Rechts", Mün-chen 1965, S. 108/109). Dies aber ist im Grunde ein Nihilismus, der nur die Konsequenz des Faustrechts zu zie-hen weiß, ein Nihilis­mus, der in vielfältiger Konsequenz einen Großteil all der Schäden gebiert, an denen wir heute kranken. Er kann allein durch den Anarchismus,  die konsequente Herrschaftslosigkeit, überwunden wer-den.

 

Um Faustrecht handelt es sich auch dann, wenn unter Leugnung eines anderen Maßstabes als der bisher übli-chen (tatsächlich widersprüchlichen und unmöglichen) eine autoritäre Wertsetzung und ihre Durchsetzung mit-tels Zwang auf der Grundlage weitge­hender Übereinstimmung einer bestimmten Menschengruppe zu einer be-stimmten Zeit mit bestimmten Sitten und Gewohnheiten erfolgt. Denn abgesehen von der totalen Verschieden-heit und sogar Gegensätzlichkeit der Sitten, Gewohnheiten und Wertem­pfindungen anderer Menschengruppen zur gleichen Zeit, oder sogar der gleichen Menschengruppe zu verschiedenen Zeiten, werden die Wertvorstel-lungen umgekehrt auch durch die Gesetze und die jeweilige Herrschaftsordnung beeinflußt und geprägt. Wenn alles das "Recht" sein soll, was eine Mehrheit zu einer bestimmten Zeit als "gerecht" und "richtig" ansah, dann waren auch die Hexenverbrennungen, die Inquisition und die Folter, die Sklaverei, sowie die Judenverfolgun-gen des NS-Regimes "Recht".    Zippelius (a.a.O., S.100/101)  sagt im übrigen: "Es existiert kein lückenloses objektives System von Wertvorstel­lungen, das der übereinstimmenden Werterfahrung aller Men­schen entsprä-che" (man beachte dazu das oben zitierte BGH-Urteil von 1954) und "Das Majoritätsprinzip auch in Fragen der Gerechtigkeit anzuwenden, bedeutet aber unbestreitbar ei­ne Resignation vor der Aufgabe, eine für alle Men-schen und alle Zeiten gültige Wahrheit zu entdecken - eine Resignation,

 

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die nicht nur auf philosophische Einsicht, sondern auch auf bittere kulturgeschichtliche Erfahrungen gegründet ist".

 

An Dinge glauben, die unbewiesen und sogar unbeweisbar sind, etwas hochschätzen, von dem man (weil eine zufällige Umwelt dies suggeriert hat) irrigerweise annimmt, daß auch alle ande­ren es hochschätzen oder hoch-schätzen müßten - und auf beides hin dann Gewalt verüben gegen alle, die diesen Glauben oder diese Hoch-schätzung nicht teilen,  das ist die Praxis aller heute bestehenden sogenannten Gesellschafts-"ordnungen".

 

Wie hinter allen Abstraktionen und Kollektiven, allen "Gebo­ten" und "Rechten" immer ein konkreter Einzelner (oder eine Gruppe von solchen) steht, der entweder nach seinem persönli­chen Interesse oder entsprechend den fix gewordenen Ideen entscheidet, die sein Handeln generell bestimmen, dafür noch zwei bezeichnende Bei-spiele:

Professor James Harvey Robinson erzählt in "Die Schule des Denkens" (Berlin 1949) von einem Senator der USA, der ihm einmal erklärte, daß selbst Gott, der Allmächtige, ihn nicht dazu bringen könnte, seine Ansicht über die lateinamerikani­sche Politik zu ändern.

Papst Pius XII.   erklärte in einer Auslassung über die Tole­ranz (Salzburger Nachrichten, 24.12.1953):   

"Was nicht der objektiven Wahrheit und Sittennorm entspricht, hat objektiv kein Recht. Im Prinzip gilt die un-bedingte Standhaftigkeit; am Grundsatz als solchem kann man nicht rütteln. Keine menschli­che Autorität kann einen positiven Auftrag oder eine positive Ermächtigung geben, etwas zu lehren oder zu tun, was der ob­jektiven religiösen Wahrheit und sittlichen Gutheit zuwiderliefe. Nicht einmal Gott selbst vermöchte einen solchen posi-tiven Auf­trag zu erteilen; weil Er an die von Ihm einmal gegebene Ver­fassung gebunden ist und ein solcher Auftrag einen Widerspruch zu Seiner absoluten Wahrhaftigkeit und Heiligkeit bedeuten würde".

"Anders liegen die Dinge beim tatsächlichen Verhalten im mensch­lichen und staatlichen Zusammenleben. Hier tritt die religiössitt­liche Toleranzformel in Kraft. Wenn Gott den Irrtum zuläßt, dann kann der Satz: 'Eine religiöse oder sittliche Verirrung muß un­bedingt verhindert und unterdrückt werden, wann immer sie ver­hindert und unterdrückt werden kann, weil ihre Duldung in sich widersittlich', in seiner Unbedingtheit nicht mehr gel-ten. ... Die

 

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Pflicht, religiöse oder sittliche Abirrung unter allen Umstän­den zu verhindern oder zu unterdrücken, kann also keine letz­te Norm des Handelns sein. ... Ob die Bedingungen für die To­leranzformel im konkreten Fall erfüllt sind, ist jeweils eine 'questio facti', über die der katholische Staatsmann zunächst selbst, in letzter und höchster Instanz jedoch der Papst ent­scheiden muß".

Wobei letzterer also in der glücklichen Lage ist, nicht nur ge­nau zu wissen, was der objektiven Wahrheit und Sittennorm entspricht, sondern sogar Gott, den Allmächtigen, in die Schran­ken einer Verfassung zurückzuwei-sen, von der selbst Gott, der Allwissende, nichts weiß. Denn der Papst erklärte das "allge­meine Beste" für eine "höhere Norm" als die seiner Meinung nach von Gott stammenden religiösen und sittlichen Gebote, nicht in der Theorie, jedoch in der Praxis.

 

Der realistische Ausgangspunkt

 

In dem Wirrwarr von nichtexistierendem lediglich Eingebilde­tem, von möglicherweise Existierendem, aber nicht Beweis­barem, und schließlich von beweisbar Wirklichem, wobei bis­her das Nichtexistierende und das Unbeweisbare als nicht nur gleich-, sondern sogar vorrangig gegenüber dem beweis­bar Wirklichen behandelt wird, kommt es zunächst darauf an, einen festen Grund und Ausgangspunkt zu finden.

 

Dieser kann nur das konkrete, das sterbliche Ich jedes einzel­nen Menschen sein.

Stirners weltgeschichtliche Großtat liegt darin, nicht nur für seine eigene Person dieses Bewußtsein erlangt, sondern bei­spielhaft für jedermann alle Konsequenzen daraus demonstriert zu haben.

Er wurde dabei meist gründlich mißverstanden. Teils von sol­chen, die den beispielhaften Charakter und das eigentliche Ziel seiner Darstellung nicht begriffen, sondern ihm unterstellten, er wolle nur, wie irgendein Gel-tungssüchtiger, sein eigenes Ich ohne Rücksicht auf die Interessen anderer durchsetzen (ob­wohl er sich sehr deutlich dagegen aussprach); teils von ande­ren, die ihn gar für den Schöpfer einer neuen Ideologie hiel­ten und gar nicht merkten, daß er, um der Herrschaft aller

 

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Ideologien und Abstraktionen den Garaus zu machen, sich auf den einzig sicheren Ausgangspunkt stellen muß-te, der als sol­cher mit den Maßstäben der Erfahrungswirklichkeit auch be­weisbar ist. Er machte bewußt keine Aussage darüber, was dieses Ich denn sei, das er stellvertretend für das Ich jedes anderen Menschen sprechen ließ (denn solche Aussage hätte über das Beweisbare hinaus in die Metaphysik geführt). Aber von seinem kon-kreten, seinem sterblichen Ich ausgehend, das, wie bei jedem anderen Menschen auch Ausgangs- und Mittel­punkt alles Empfindens, Denkens und Handelns ist, analysier­te er die von allen Seiten an dieses herangetrage-nen Forde­rungen und "Aufgaben" und trennte dabei sauber das beweis­bar Wirkliche vom eingebildeten Nicht-existenten und dem mög­licherweise vielleicht Existierenden, aber jedenfalls Unbeweis­baren. Mit Stirner fängt das vernünftige Denken in sozialer Beziehung eigentlich überhaupt erst an. (J.Z.: ???!)

 

Sein meßbarer Einfluß auf das allgemeine Bewußtsein ist bis­her leider bedauerlich gering geblieben, denn auch die klarste seiner Aussagen verfing sich im Dickicht sinnverfälschender Vorurteile und der jahrtausendelangen Gewohnheiten, die Ge­dachtes, bloß Vorgestelltes von Wirklichem, Abstraktes von Konkretem nicht zu unter-scheiden wußten. Aber zäh und unaufhaltsam bricht sich doch die simple Wahr­heit Bahn und so findet sich denn in dem neueren Werk eines Nicht-Stirnerianers (Gerhard Szczesny "Das sogenannte Gute. Vom Unvermö-gen der Ideologen", Hamburg 1971), freilich ohne die vollen Konsequenzen daraus zu ziehen, folgende bemer-kens­werte Feststellung:

 

"Der elementare Tatbestand, auf den wir bei der Erkundung un­serer Situation stoßen, ist der physiologisch ge-gebene Vorrang des konkreten einzelnen Menschen gegenüber allen Gruppierun­gen von der Ehe-Partnerschaft über den Clan, die Religions­und Parteigemeinschaft bis zum Staat und zur Menschheit. Ge­messen an der Wirk-lichkeit der lebendigen Person, die allein sich selbst als solche empfinden kann, sind alle Kollektive blo­ße  (sich wiederum nur im Bewußtsein des konkreten einzelnen ereignende) Gedankendinge. Auch die innigste Über­einstimmung zwischen Menschen bringt keine Verschmelzung zu einem neuen Wesen mit selbständiger Emp-findung und eige­nem Erkenntnisvermögen hervor. Wenn man den Menschen In-

 

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dividuum nennt, weil er nur als Leichnam teilbar ist, muß man es für genau so charakteristisch halten, daß er sich auch nicht potenzieren läßt.

"Die Welt hat so viele Mittelpunkte, als es Menschen gibt. Um jeden kreist das Universum als um ein einma-liges Zentrum. Selbst in den extremsten Entäußerungssituationen bleiben Ge­fühl und Bewußtsein an den ein-zelnen gebunden: in der Umar­mung wie in der Massenaktion.

"Es scheint also nichts selbstverständlicher und bedeutsamer als die unvergleichliche Wirklichkeit des einzel-nen Menschen. Tatsächlich aber besteht die Geschichte aus immer neuen Ver­suchen des Menschen, sich über sein Auf-sich-selbst-gestellt-Sein hinwegzutäuschen oder hinwegtäuschen zu lassen.

"Bis heute ist er es gewohnt, Familie, Klasse, Volk, Kultur und allen möglichen anderen kleinen und großen Gruppierungen 'Gefühl', 'Geist', 'Seele' und einen größeren Realitätsgrad und Realitätswert zuzusprechen als dem 'belanglosen' einzel­nen; wie wenn die Summierung von Menschen unter einem be­stimmten historischen oder politischen Aspekt ein neues über­menschliches Lebewesen hervorbrächte. Alle diese Kollektiv-'wesen' leben aber nur vom und im einzelnen Menschen: er denkt sie, er bezieht sie in sein Empfinden ein, er macht sie zu Motivationen für seine Taten und Untaten. Wenn man da­von spricht, daß Völker, Kulturen, Staaten oder die Menschheit sich zum Guten oder zum Schlechten entwickeln, so wird dies immer nur von einzelnen Tätern bewirkt, und es sind immer nur einzelne Menschen, die davon betroffen werden.

"Auch in allen jenen Fällen, in denen einige oder viele Individuen das gleiche empfinden, denken und wollen, empfinden, denken und wollen sie dieses gleiche als einzelne. Es gibt kein Volks-'empfinden', kein Klassen-'bewußtsein', keinen Gemeinschafts-'geist', keine Kultur-'seele'. Man könnte mit der gleichnishaf­ten Verwend-ung solcher Begriffe einverstanden sein, wenn ihr analogischer Charakter bei allen Folgerungen, die man aus ihnen zieht, nicht aus den Augen verloren würde. Gerade das aber ist der Fall. Diejenigen, die von uns im Na-men des Volkes, der Par­tei, der Klasse oder Glaubensgemeinschaft Opfer verlangen, ge­hen bewußt oder un-bewußt von der personalen Bedeutung jener Begriffe aus und sprechen den Kollektiven - damit sie dafür Opfer verlangen können - eine gesteigerte Wesenhaftigkeit und einen besonderen Wert zu. Da es Glück und Unglück nur für den empfindungsfähigen einzel-

 

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nen gibt, kann aus dem Elend vieler auch nicht der Glanz ir­gendeines "größeren Ganzen" hervorgehen. Keine propagan­distische, keine psychologische oder politische Manipulation ist imstande, das Faktum außer Kraft zu setzen, daß die menschliche Wirklichkeit immer Meier, Müller und Schulz heißt. Damit ist eine zweite wichtige Selbstverständlichkeit ausgesprochen. Wenn nur der geist- und gefühlsbegabte ein­zelne wirklich ist. so handelt es sich dabei nicht um einen Menschen 'an sich', sondern um eine an einem bestimmten Ort zu einer bestimm-ten Zeit lebende Person. Die­ser Tatbestand zwingt dazu, bei der Aufstellung moralischer Prinzipien und politi-scher Programme den Blick auf konkrete Menschen in einer konkreten gesellschaftlichen Situation zu richten und erspart den kostspieligen Irrtum, daß sich das bestimmten Menschen Dienliche an Hand eines für alle Men­schen verbindlichen Schemas verwirklichen läßt".

 

Ein Mann, der den Anspruch erhob, über die Erfahrungswirklich­keit hinaus nicht nur eine, sondern die meta-physische Wirk­lichkeit erkennen zu können, erklärte als Frucht dieser Erkennt­nis:

"Jeder einzelne Mensch ist eine einmalige und einzig­artige  Emanation des Urwillens, - ist hervorgegan­gen aus dem ewigen "ungeformten Meere der Gottheit", um seine, von allen anderen Mitemanationen verschiedene, individuelle Formvollendung zu erlangen." (Bo Yin Ra "Das Buch vom Jenseits", Basel 1929, S. 144). "Selbsteigenen Willens Gebundener an die Macht der Herren dieses äußeren physischen Kosmos, ein Höriger des "Für­sten dieser Welt", wurdest Du Deiner Gedanken Beute, - Du, der vordem Herr allen  Denkens war! -Aus solcher Hörigkeit gilt es Dich zu lösen! --" (Bo Yin Ra, "Das Geheimnis", Basel 1952, S. 244).

 

Wir können jedoch auch ganz ohne Metaphysik, allein von der Erfahrungswirklichkeit ausgehend, zu dem Er-gebnis kommen: Jeder Einzelne ist nicht nur eine beweisbare Wirklichkeit, son­dern auch souverän - wenn er dies sein will, d.h. wenn er sich nicht selber zur "Beute seiner Gedanken" macht, in­dem er personifizierte Ab-straktionen und Kollektive, sugge­rierte Gebote und "Pflichten", was alles sich nur in seinem

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Kopfe abspielt, während dessen reale Existenz unbeweisbar ist, zur Herrschaft über sich werden läßt. Souverä-nität ist dabei nicht im Sinne jener staatlichen "Souveränität" zu ver­stehen, die mit Willkür, so weit die Macht des Faustrechts eben reicht, und mit dem Anspruch auf Herrschaft über andere ver­bunden ist; sondern sie be-deutet hier lediglich die Ablehnung der Beherrschung durch andere, ob diese sich nur auf Willkür von Personen oder auf angeblich vorhandene "höhere" Wesen­heiten, Gebote und "Pflichten" stützt, während deren reale Exis-tenz jedoch unbeweisbar ist.

 

Entgegen jener oben - irrtümlich als einzig mögliche - gezoge­nen Schlußfolgerung, angesichts der totalen Mei-nungsverschie­denheit über die angeblich geltenden "höheren" Gebote, "Rech­te" und "Pflichten" gäbe es nur die eine Möglichkeit (J.Z.: es gäbe nur, oder: , dass es nur die eine Moeglichkeit gaebe ... ?  Mein Deutsch ist schon etwas rostig geworden. - J.Z., 3.3.04), diese au­toritär und diktatorisch durch den Staat festlegen und erzwingen zu lassen, gibt es durchaus eine Alternative dazu.

 

Wenn jeder Mensch einzigartig und verschieden von allen ande­ren ist, worauf Stirner als erster aufmerksam gemacht und was auch die moderne Anthropologie bestätigte, so ist es schon grundsätzlich ein Unfug, alle Menschen nach einem Schema be­handeln zu wollen. Wenn anderseits die Existenz vorgegebener "höherer" Normen für die Beziehungen von Mensch zu Mensch nicht nur zweifelhaft, sondern auf jeden Fall unbeweisbar ist, so gibt es zwei Möglichkeiten zur Regelung dieser Beziehungen: bei der einen zwingt der Betreffende dem oder den anderen ge­waltsam den eigenen Willen auf, soweit er dazu imstande ist; bei der anderen suchen sich die Einzelnen untereinander auf eine Verhaltensnorm - und deren gemeinsame Garantie - zu verständigen, die jedem dieser so unendlich verschiedenen Einzelnen größtmögliche Freiheit von fremden Ansprüchen, insbeson-dere von gewaltsam auf gezwungenem fremdem Willen, läßt, was ja durchaus im gegenseitigen Interesse liegt.

 

Zu welchen konkreten Verhaltensformen und Einrichtungen man bei solchem Bemühen gelangt, wird noch - logisch exakt und von einer unangreifbaren Grundlage der Erfahrungswirklichkeit aus - dargelegt werden. Zu-vor aber müssen einige Begriffe geklärt werden, deren heutige Verwirrung sich nicht weniger verhängnis­voll auswirkt als die Herrschaft der fixen Ideen und unbewiesener und unbeweisbarer Annahmen und Vorstellun-gen.

 

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Konfuzius gegen Konfusion

 

Schon der alte Konfuzius hatte auf die fundamentale Bedeu-tung der Klärung und Richtigstellung jener Begrif-fe hinge­wiesen, mit denen argumentiert wird.   Wir müssen uns hier zunächst die der Gewalt, der Freiheit und der Herrschaft vornehmen, während in eigenen Kapiteln dann noch die des Staates, des Marxismus und der Demokratie behandelt wer­den.

 

"Gewalt ist"  - wie von John Henry Mackay in seinem "Frei­heitsucher" (Berlin-Charlottenburg, 192o) definiert - "An­wendung eines äußeren körperlichen (oder auch psychischen) Zwanges, einerlei welcher Art, von einem Menschen auf den anderen oder von den einen Menschen auf die anderen, ausge­übt zu dem Zweck, ihn oder sie gefügig zu machen, seinen oder ihren Willen zu dulden oder zu befolgen.

"Das Wesen der Gewalt ist demnach Zwang; und zwar ein von außen her geübter Zwang.  Zwang und Freiwil-ligkeit schließen sich aus.

"Widerstand gegen Gewalt daher ebenfalls Gewalt zu nennen, kann nur die Begriffe verwirren; Gewalt kann immer nur im Sinne eines Angriffs ausgeübt werden.

"Der Ausübung von Gewalt muß daher immer ein Angriff vor­ausgehen: der Angriff eines Wollenden auf einen nicht Wollen­den.

"Die Gewalt fragt nicht: 'Willst du?' - sondern sie sagt: 'Du mußt!' Und fügt hinzu: 'Wie ich will!'

"Nur einer kann der Angreifer sein. Einen Angriff gegen einen Angriff gibt es nicht; es gibt nur eine Verteidi-gung gegen einen Angriff.

"Verteidigung und Angriff sind somit völlig entgegengesetzte Begriffe; wie Gewalt und Angriff identische oder gleichartige Begriffe sind."

 

Diese Feststellung ist von außerordentlicher, weittragender Bedeutung. Denn die ständige Verwechslung zweier völlig entgegengesetzter Begriffe durch ihre Benennung mit demsel­ben Wort ist die Ursache zahlloser immer wiederkehrender Konflikte und zugleich der Grund für deren bisherige Unlös­barkeit.

 

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Während das, was mit dem echten Begriff der Gewalt, d.h. der aggressiven Gewalt, bezeichnet werden muß, mit Recht bei den meisten verpönt ist, weil sie ganz instinktiv in der aggressiven Gewalt die Hauptursache aller gesell­schaftlichen Unordnung sehen, ist die Defensive, die Vertei­digung dagegen, ganz offensichtlich etwas völlig anderes und diametral Entgegengesetztes selbst dann, wenn diese Defen­sive sich bei der Abwehr dersel-ben physischen Machtmittel, also z.B. Waffen, bedient wie der aggressive Gewalttäter.

 

Es wäre daher richtig und zweckmäßig, wenn man den Begriff der Gewalt auf die aggressive Gewalt beschrän-ken würde, die ja auch nicht erst mit dem tatsächlichen Einsatz physischer Machtmittel, sondern bereits mit der Drohung zu deren unmit­telbarem Einsatz beginnt, und jede Art der Verteidigung gegen solche Aggression (auch die mit physischen Machtmit­teln also) nicht mehr als "Gewalt" bezeichnen würde. Da jedoch die meisten unter dem Begriff der "Gewalt" vorwie­gend den physisch ausgeübten Zwang verstehen (ohne zu un­terscheiden, ob er zum Zweck der Aggression oder der De­fensive ausgeübt wird), und zumal auch, weil die Anwendung physischer Machtmittel in der Defensive zwar stets "berech­tigt", jedoch nicht immer zweckmäßig ist, wollen wir hinfort die echte Gewalt pleonastisch als aggressive Gewalt bezeich­nen, um sie deutlich von den in der De-fensive gegen sie, in der Verteidigung gegen sie angewandten physischen Machtmit­teln abzugrenzen.

 

Die "Berechtigung" zu solcher Defensive ergibt sich aus der oben bereits gegebenen Definition echten Rechts als ausschließ­lich aus freiwillig zustandegekommenen Vereinbarungen resul­tierend, während alle angeblichen "Rechte", die gegen den Wil­len der Betroffenen diesen aufgezwungen werden, nichts ande­res sind als Maskie-rungen aggressiver Gewalt und daher auch nur als solche und nicht als "Recht" bezeichnet werden sollten. Für den aggressiven Gewalttäter ist nun charakteristisch, daß er die vereinbarungsmäßige Verständigung mit sei-nem Gegen­über ablehnt und diesem seinen Willen diktatorisch auf­zwingen will. Damit bietet er selber an Stelle des echten Rechts das Faustrecht als von ihm gewählte und dem oder den anderen aufgezwungene Umgangs-form an - und kann sich daher keines­falls beklagen, wenn dies Angebot angenommen und ihm daher

 

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nach demselben-"Recht" begegnet wird, das er einzig gelten lassen will.

 

Entscheidend für den Begriff der aggressiven Gewalt ist da­her nicht, ob Zwang mit physischen Machtmitteln zur Wil­lensbeugung des Gegners angewandt wird - denn das ist in der Defensive gegen die aggressive Gewalt mitunter unver­meidbar - sondern allein, ob der Zwang mit physischen Machtmitteln zu aggressivem oder de-fensivem Zweck einge­setzt wird.

Hierfür aber gibt es einen eindeutigen Maßstab, der nicht von unbeweisbaren Behauptungen und ideologischen Forde­rungen ausgeht, sondern der sich auf unbestreitbare Fakten der Erfahrungswirklichkeit stützt.

 

Die bisherige Begriffsverwirrung machte nicht nur möglich, daß der Unterschied zwischen Angriff und Vertei-digung ver­nebelt wurde, indem die Feststellung, daß die Anwendung physischer Machtmitel (in der Verteidi-gung) mitunter unver­meidlich ist, in die Behauptung umgefälscht wurde, daß eben "Gewalt" (diesmal jedoch echte, aggressive Gewalt) unvermeid­bar und deshalb hinzunehmen sei.

 

Insbesondere wurde und wird die bisherige Begriffsverwirrung dazu benutzt, in Situationen und Zuständen, die durch aggressive Gewalt entstanden sind und aufrechterhalten werden, denjenigen, der dies durch Defensiv-handlungen ändern will, zum Aggressor und Gewalttäter zu erklären.

So ist es Heuchelei, wenn jemand, der eine Einrichtung oder ei­nen Zustand durch aggressive Gewalt geschaffen hat oder auf­rechterhält (oder auch nur Nutznießer eines solchen durch an­dere aufrechterhaltenen Zustandes ist), z.B. bei einem Privi­leg oder Monopol, darüber zetert,, wenn die dabei Angegriffenen sich notfalls auch mit physischen Machtmitteln verteidigen, um jene Einrichtung oder jenen Zustand abzuschaffen, und wenn er das dann Gewaltanwendung nennt. Genau so wenig kann der Dieb oder Räuber sich über "Gewaltanwendung" beklagen, wenn man ihm die Beute gegen seinen Willen wieder abnimmt.

 

Die Grenze zwischen Aggression und Defensive kann erst nach Klärung des Begriffs der Freiheit richtig deut-lich werden, der zu den heute noch verwirrtesten Begriffen überhaupt gehört. Wo heute von "Freiheit"die Rede ist, handelt es sich entweder um

 

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jene "Freiheit", die für sich selbst Schrankenlosigkeit bean­sprucht, um nach Belieben in die Freiheit anderer eingreifen zu können, oder bestenfalls um jene einzelnen kümmerlichen "Freiheiten", die den "der Rechtsho-heit" (lies: Staatsgewalt) "unterworfenen Personen", von den betreffenden Staaten gnädig eingeräumt, aber gleich anschließend jeweils durch Vorbehal­te derart eingeschränkt werden, daß die Einzelnen praktisch der von der Abstraktion "Volk" (d.h. der hinter diesem Abstraktum sich verbergenden konkreten Personen) ausgehen-den "Staatsgewalt" ziemlich wehrlos ausgeliefert bleiben.

 

Was ist nun die Freiheit (im sozialen Sinne), die wirkliche und wahre? -  

Entweder ist meine Freiheit größer als die eines anderen oder einer Gruppe von anderen, wobei dies auf dessen oder deren Kosten geht und das Mehr an Freiheit für mich also jenen gegen deren Willen weggenommen wird; dann sind jene nicht frei.  

Oder aber meine Freiheit ist geringer als die eines anderen oder einer Gruppe von anderen, wobei deren Mehr mir, und zwar gegen meinen Willen, weggenommen ist; dann bin ich nicht frei. In beiden Fällen besteht kein Zu­stand der Freiheit.

Freiheit kann daher nichts anderes sein als der Zustand der gleichen Freiheit aller Einzelnen, wobei auch kei­ne Gruppe als solche ein größeres Maß an Freiheit gegenüber den Einzelnen (und gegen deren Willen) für sich beanspruchen kann.

 

Diese Gleichheit in der Freiheit darf aber nicht mit Gleichheit überhaupt verwechselt und der Begriff der Frei-heit dabei  nicht in jenem verschwommenen Sinne verwendet werden, wie das bisher üblich war.

Denn selbstverständlich hat mehr Handlungs"freiheit", wer grö­ßere geistige oder körperliche Fähigkeiten hat als andere, in­folge größerer Leistungen auch mehr Besitz,  oder auch,  wer weniger selbst angelegte Denk-fesseln und Dogmengläubigkeit hat. Aber all dies muß keineswegs auf  Kosten anderer gehen; es behindert sie nicht, nimmt ihnen nichts weg von dem, was sie haben, und berührt dann auch nicht das, was mit der gleichen Freiheit Aller gemeint ist.

 

Wer z.B. die natürlichen geistigen und körperlichen Unterschie­de, die Anlagen und Fähigkeiten, die Einkom-mens- und Vermö-

 

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gensunterschiede durch Institutionen oder Maßnahmen aus­gleichen will, der will ein ideologisches Prinzip der Gleich­heit zur Herrschaft erheben, d.h. seine Vorstellung da­von. Anders ist es, wenn Einkommens- und Ver-mögensun­terschiede auf Privilegien oder Monopolen beruhen; denn solche verletzen  - wie jedes Vorrecht, das gegen den Willen der Betroffenen beansprucht wird - den Zustand der gleichen Freiheit Aller.

 

Dieser bedeutet in erster Linie ein gegenseitiges Freisein von aggressiven Zwangsmaßnahmen, die gegen den Willen des oder der Betroffenen den Freiheitsspielraum der einen auf Kosten der anderen so erweitern, daß eben infolge die­ses Zwanges ein Zustand ungleicher Freiheit entsteht.

Zwangsmaßnahmen also, die nicht aggressiv, sondern rein defensiv sind, indem sie Aggressionen gegen die Grenze der gleichen Freiheit Aller lediglich abwehren, halten sich daher im Rahmen des Zustandes der gleichen Freiheit Aller und eine rein defensive Schutzorganisation auf freiwilliger Basis zur Erkämpfung und Aufrecht-erhaltung dieses Zustandes ist eine selbstverständliche Voraussetzung für ihn.

 

Auch wenn jemand die eigene Freiheit freiwillig einschränkt, zugunsten der Führer- oder Befehlshaberschaft eines ande­ren, sei dies in Religion, Ideologie oder zu einem praktischen Zweck, hält sich solch freiwillige un-gleiche Freiheit durchaus im Rahmen dessen, was unter dem Zustand der glei­chen Freiheit Aller zu verstehen ist, der ja auch die Freiheit einschließt, Sklave sein zu wollen.

Wobei sich von selbst versteht, daß jemand natürlich nur die eigene Freiheit einschränken kann, nicht jedoch die eines anderen gegen dessen Willen.

 

Die gleiche Freiheit Aller schließt anderseits jedes Tun oder Unterlassen aus, das entweder im persönlichen Interesse eines Einzelnen oder einer Gruppe, oder auch im angeblich "überge­ordneten" Interesse von irgend-etwas "Höherem", einer Religion, Ideologie oder auch nur von etwas angeblich "offensichtlich Ver­nünftigem" oder "offensichtlich Notwendigem" wider den Willen der Betroffenen diesen ein Verhalten aufzwingt, wobei auf der einen Seite ein Mehr an Freiheit auf Kosten eingeschränk­ter Freiheit der Gegenseite beansprucht wird.

 

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Auf die Grenze zwischen (aggressiver) Gewalt und (defensi­ver) Freiheit von dieser aggressiven Gewalt, die Grenze der gleichen Freiheit Aller, kommt es an. Hierzu nun wieder John Henry Mackay ("Der Freiheitsucher", Berlin-Charlot­tenburg, 1920) :

 

"Sie liegt dort, wo die Passivität aufhört und die Aggressivi­tät beginnt. In der Feststellung dieser Demarkations-linie liegt die ganze Aufgabe, die wir uns gesetzt haben. Um in dem einzelnen Falle feststellen zu können, ob die Frei­heit verletzt war, mußte man zunächst diese Grenze feststel­len.

"Die Erkenntnis dessen, was aggressiv (Angriff, Eingriff); und was passiv (Verteidigung, Abwehr) war, war die Erkenntnis der Freiheit.

"Aggressiv war jede Gewalt. Abwehr gegen die Gewalt, auch wenn solche bei ihr angewandt wurde, konnte also nicht unter diesen Begriff fallen."

 

(Da dies Zitat aus einem größeren Zusammenhang genommen wurde, sei zum letzten Satz angemerkt: auch wenn bei Abwehr gegen die aggressive Gewalt, in der Defensive also, physische Machtmittel, die in der heu-tigen Begriffsverwirrung auch als Gewalt bezeichnet werden, eingesetzt werden, darf dies nicht mit dem total gegensätzlichen Begriff der aggressiven Gewalt verwechselt werden.)

 

"Es gab Fälle, wo kein Zweifel möglich war: der Räuber und der Mörder, der mich überfällt, um mir mein Ei-gentum und mein Leben zu nehmen, ist zweifellos aggressiv; entledige ich mich seiner, und sei es mit Gewalt, handele ich in der Not­wehr, in Abwehr, und bin nicht aggressiv. Aber es gab Fälle, die nicht so grob und deut-lich waren. Es war am besten, sich an Beispielen, Beispielen aus dem täglichen Leben, möglichst klar zu wer-den über diese beiden, in der öffentlichen Meinung so heillos verwirrten, kaum erst zur Debatte gestellten und noch nirgends bestimmt erkannten Begriffe.

"Wieder einige Beispiele daher, und wieder die nächstliegenden: Aggressiv war es nicht, Waffen zu tragen, aber aggressiv war es, sie zu anderen Zwecken als zu denen der Verteidigung zu gebrauchen; aggressiv war somit das Verbot des Waffentragens und ihres Besitzes, oder vielmehr die Durchführung dieses Ver­bots.

"Aggressiv war es nicht, Grund und Boden in persönlichen Besitz zu nehmen und zu benutzen, der nicht schon vorher von einem

 

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anderen in Besitz.genommen und benutzt wurde. Aggressiv dagegen war es, von mir für die Benutzung dieses Grund und Bodens, auch die seines natürlichen Reichtums, Steuer zu erheben, einerlei in welcher Form und zu welchem Zweck.

"Aggressiv war es nicht, Geld zu schaffen und an die zu ver­ausgaben, welche es unter den angebotenen Bedin-gungen und auf ihre eigene Gefahr hin annehmen wollten. Aber aggressiv war es, Verbote zur Schaffung und Inumlaufsetzung von Geld zu erlassen und ihre Durchführung zu erzwingen - einen Wertmesser, eine Wäh-rung als alleingültig zu erklären, unter dem Vorwande, das alleinige Recht zur Schaffung und Verausgabung von Geld zu haben.

"Aggressiv war es nicht, nicht zu arbeiten, wenn man keine Lust dazu oder andere triftige oder nicht triftige Gründe hat­te, nicht arbeiten zu wollen. Aber aggressiv war es, andere an der Arbeit zu hindern, die sie tun woll-ten.

"Aggressiv war es nicht, an den lieben Gott, an die unbefleck­te Empfängnis und an den Heiligen Geist, an Hexen, Geister und die vierte Dimension zu glauben; aber aggressiv war es, andere zu verfolgen, weil sie nicht an denselben Unsinn glaub­ten.

"Aggressiv war es nicht, zwangsweise auferlegte Steuern nicht zu bezahlen, den Heeresdienst zu verweigern, sich nicht imp­fen und taufen zu lassen, seinen Körper zu verkaufen, in frei­er Liebe zu leben, zu spielen, zu hu-ren und zu trinken; son­dern aggressiv war es, anderen zwangsweise Steuern aufzu­erlegen und ihre Eintreibung zu erpressen, sie zur Übung und zum Gebrauch von Waffen zu zwingen, sie zu impfen und zu taufen gegen ih-ren oder ihrer Eltern Willen, die Prostitution zu 'regeln' und unter Gesetze zu stellen, in freier Liebe Le­bende zu verfolgen; und aggressiv war jede gewaltsame Un­terdrückung des Lasters.

"Nicht aggressiv war es, den ärztlichen oder irgendeinen ande­ren Beruf auszuüben. Es mußte jedermann unbe-nommen blei­ben, Krankheiten heilen zu wollen, wenn er glaubte, sie heilen zu können; und jedem, sich den Arzt zu suchen, zu dem er das größte Vertrauen hatte. Aber aggressiv war es, den ärztlichen Beruf nur 'appro-bierten' Ärzten zugänglich zu machen und an­dere, die ihn ohne solche Approbation ausübten, zu bestrafen.

"Aggressiv genannt werden durften Fälle groben Betruges, lüg­nerischer Täuschung, gewaltsamer Verführung. Aber inwieweit sie es waren, ließ sich nur in jedem einzelnen Falle entschei-

 

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den und nur auf Grund der jeweiligen Tatsachen. Denn, wie gesagt, es gab sicher Fälle, wo die Grenzen zwi-schen Aggres­sivität und Passivität so fein gezogen waren, daß sie sich erst nach genauer Prüfung feststellen ließen und nur mit Hilfe einer langen und reichen Erfahrung, einer Erfahrung, von der wir heute, wo selbst über die offensichtlichsten Verletzungen dieser Grenze die naivste Unkenntnis herrscht, noch weit entfernt waren."

 

Die gleiche Freiheit Aller ist weitgehend identisch mit Vorrechtslosigkeit - es sei denn, daß jemand einem an-deren oder einer Gruppe ein Vorrecht gegenüber seiner eigenen Person ausdrücklich zugestanden hat; die frei-willige Ein­schränkung der eigenen Freiheit, verletzt, wie erwähnt, nie­mals das Prinzip der gleichen Freiheit Aller.

 

Auch jedes rechtliche oder tatsächliche Mono- oder Oligopol ist eine aggressive Verletzung der gleichen Frei-heit Aller, wenn es nicht auf freiwilliger Zustimmung der davon Betrof­fenen beruht.

Die wichtigste Konsequenz dieser Feststellung ergibt sich beim Boden und seinen Schätzen. Mackays Beispiel bezog sich auf einen Zeitraum vor mehr als fünfzig Jahren, als die Weltbe­völkerung nur rund ein Drittel der heutigen umfaßte; damals gab es also noch, wenn auch wenig, Boden, der noch nicht von anderen in Benutzung genommen war. Heute gibt es das nicht mehr, daß jemand noch Boden frei in Benutzung nehmen könn­te, denn auch aller zur Zeit etwa nicht benutzter Boden hat be­reits seine "Eigentümer".

Wir werden unten noch recht ausführlich die bisher weitgehend übersehenen Konsequenzen dieses "Eigentums" behandeln, das ein solches ganz besonderer Art ist.   Denn während der Anar­chismus das Eigentum am Produkt eigener Arbeit und auch dem gegen solches frei ausgetauschten Produkt fremder Arbeit als selbstverständlich bejaht, handelt es sich beim "Eigentum" am Boden und seinen Schätzen um ein Vorrecht gegenüber etwas, das in seiner eigentlichen Grundsubstanz von der Natur geschenkt wurde und worauf jeder Mensch den gleichen Nut­zungsanspruch erheben kann.  "Eigentum" am Boden und seinen Schätzen ist ebenso absurd, wie es ein Eigentumsanspruch an der Atemluft wäre, zumal der Boden und seine Schätze für die Existenz jedes Menschen - und zwar in mehr-

 

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facher Hinsicht! - von nicht geringerer Bedeutung sind als die Atemluft.

(J.Z.: Auf dem Mond oder in einem Raumschiff wäre auch die Luftversorgung eine Eigentumssache. - J.Z., 3.3.04.)

Ein gleichberechtigter Nutzungsanspruch am Boden und seinen Schätzen für ausnahmslos jedermann kann nun in eine so zweckmäßige Form gebracht werden, daß den gegenwärtigen Bodeneigentümern nur jenes unbegrün-dete und unbegründbare Vorrecht entzogen wird, nicht je­doch der Wert ihres Eigentums.

 

Dieses Beispiel zeigt im übrigen, wie weitgehende unmittel­bare Konsequenzen aus dem Prinzip der gleichen Freiheit Aller zu ziehen sind.

Dieses Prinzip erklärt ebenso Mord, Totschlag, Körperver­letzung, Vergewaltigung, Raub, Diebstahl, Erpres-sung für aggressive Handlungen wie jeden Anspruch eines "Ich darf, was du nicht darfst!"

 

Das Prinzip der gleichen Freiheit Aller (Freiheit von aggres­siver Gewalt) ist ein Prinzip strikter Gegenseitigkeit und konsequenter Gleichberechtigung Aller.

Vor allem stützt es sich nicht auf eine ideologische Forde­rung oder ein Werturteil, sondern ergibt sich - wie noch ausführlich begründet wird - als einzige Alternative zur aggressiven Gewalt als logisch zwingende Folge-rung aus unbestreitbaren Tatsachen.

 

Da es wie eine Waage wirkt, ist eine Verletzung dieses Prinzips in 99 % aller Fälle auf den ersten Blick eindeu-tig feststellbar.  Daß der Mörder, Totschläger, Körperverletzer. Vergewaltiger, Räuber, Dieb, Erpresser für sich ein Mehr an Handlungsfreiheit beansprucht, das zugleich auf Kosten seiner Opfer und gegen deren Willen geht, ist evident. Ebenso evident, wenn auch als Gesichtspunkt ungewohnt, ist, daß kein Mensch den geringsten Vor-rechtsanspruch auf etwas erheben kann, was die Natur als Geschenk darbietet (dies muß jedoch von dem un-terschieden werden, was der Bodenbenutzer durch Arbeit aus dieser Nutzung [J.Z.: diesem Geschenk, an Nut-zung? - J.Z., 3.3.04.] herausholt).

 

Man muß sich nur daran gewöhnen, die Aggression nicht aus­schließlich als einen Gewaltakt zu sehen, bei dem der Aggres­sor die Initiative ergreift;  sondern sie kann, worauf oben hingewiesen wurde, auch darin bestehen, daß ein Zustand, der vorher durch Verletzung der gleichen Freiheit Aller entstan-

 

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den ist, mit Gewalt auf Kosten und gegen den Willen der Be­troffenen aufrechterhalten wird; wobei dann der Versuch, ei­nen zurückliegenden Eingriff in die gleiche Freiheit Aller zu beseitigen, in eine Aggression gegen den eigentlichen Aggres­sor oder Nutznießer der Aggression umgefälscht wird.

 

Die gleiche Freiheit Aller ist ein Gleichgewichtszustand, wel­cher von der natürlichen Gegebenheit einer großen Verschie­denheit zwischen den Individuen nach Anlagen, Fähigkeiten, Interessen und Wünschen ausgeht. Dabei wird nicht versucht, durch irgendwelche Maßnahmen eine Ausgleichung dieser durch Anlagen, Fähigkeiten, Interessen und Wünsche beding­ten Unterschiede herbeizuführen, weil man dabei bereits aus der Tatsachenwelt dessen, was ist, in die ideologische Vor­stellungswelt dessen, was angeblich so sein soll, hineinge­rät, wofür es keinen Maßstab gibt und worüber man sich gene­rell auch nie einigen kann.

 

Sondern wir suchen die maximal mögliche Ungestörtheit jedes Einzelnen in seiner Andersartigkeit dadurch zu erreichen, daß wir uns die jeden Einzelnen umgebenden Freiheitsspielräume in Art konzentrischer Kreise vor-stellen, die jeden Einzelnen umgeben und dort zusammenstoßen, also eine Grenze finden, wo jede weitere Aus-dehnung nur auf Kosten fremden Freiheitsspielraumes, durch dessen Wegnahme zur Erweiterung des eigenen und dies gegen den Willen der Betroffenen, also mittels aggressiver Gewalt, erfolgen kann.

 

Unser Ziel ist also nicht Gleichheit an sich, sondern Gleich­heit in der Freiheit, der Freiheit von fremdem Ein-griff über die Gleichgewichtsgrenze hinaus, die von der natürlich gegebenen Ungleichheit ausgeht.

Dies schließt jedoch keineswegs aus, daß in freier Vereinba­rung zwischen den betreffenden Individuen auch ein Zustand unter ihnen hergestellt wird, der z.B.  auf Gleichheit in wirtschaftlicher Beziehung, auf Ausgleichung der natürlichen Unterschiede in Anlagen und Fähigkeiten,  sowie auf Angleichung der Interesen und Wünsche hinausläuft. Volenti non fit injuria. Die freiwillige Einschränkung des eigenen Freiheitsspielraumes zugunsten erweiterter Freiheit von Einzelnen oder Gruppen ver­stößt also nicht gegen das Prinzip der gleichen Freiheit Aller, sondern setzt dieses voraus.

 

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Wenn keine Einzelperson oder Gruppe sich den Willen einer anderen Einzelperson oder Gruppe durch aggres-sive Gewalt unterwürfig macht, gibt es kein erzwungenes Vorrecht mehr, keine Ausbeutung und keine Unter-drückung.

Die gleiche Freiheit Aller ist identisch mit Herrschaftslosigkeit!

Diese ist das Gegenteil von Willkür, weil sie nicht nur fremde, sondern auch die eigene Willkür verpönt - im wohlverstandenen Eigeninteresse - und weil durch eine entsprechende, rein defen­sive Schutzorganisation auf freiwilliger Basis dafür gesorgt wird, daß in allen sozialen Beziehungen zwischen Einzelnen und Gruppen das Gleichgewicht der Freiheit Aller aufrechterhalten wird, indem keiner auf Kosten eines anderen und gegen des-sen Willen ein Mehr an Freiheit für sich beanspruchen soll; wo dies dennoch, absichtlich oder unabsichtlich, geschieht, muß für Wiedergutmachung gesorgt werden.

 

Die gleiche Freiheit Aller braucht keine fragwürdige Begründung mit einem "angeborenen Recht" oder mit "Pflichten" derer, die sie achten sollen. Sondern aus Klärung des Begriffs der Frei­heit ergibt sich deren einzig vernünftiger, widerspruchsloser Sinn und das gegenseitige Interesse an ihrer Erringung und Auf­rechterhaltung.

 

Die gleiche Freiheit Aller schließt alle einzelnen "Freiheiten", die sich in ihrem Rahmen halten, in sich ein. Nichts ist dage­gen einzuwenden, wenn ein Katalog all jener Einzelfreiheiten aufgestellt würde, die sich aus dem fundamentalen Prinzip der gleichen Freiheit Aller ergeben. Erst recht ist nichts dagegen einzuwenden, wenn unter denen, die sich zur Anerkennung und Aufrechterhaltung der gleichen Freiheit Aller zusammen-schliessen, von Rechten gesprochen wird, die sich aus dieser Anerken­nung ergeben, ebenso von daraus sich ergebenden Pflichten; denn dann handelt es sich um echte Rechte und Pflichten aus einem Vertrag.  Während bei den sogenannten "Menschenrechten" es sich zum Teil um einseitig diktierte (und einen Zustand höchst ungleicher Freiheit aufrechterhaltende) Gewaltakte der Staaten handelt, die auch dadurch ihren Grundcharakter nicht verlieren, daß bei einzelnen "Menschenrechten" es sich um den Staaten ab­gerungene vereinzelte Konzes-ionen gegenüber ihrer "Rechtsho­heit" und "Staatsgewalt" handelt.

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(J.Z.: Aus den Tatsachen, dass man Beine und Arme hat und sich auch sonst bewegen kann, läesst sich für Menschen auf das natürliche und angeborene Recht auf Bewegungsfreiheit schliessen, einschliesslich Aus-wanderungs und Einwanderungsfreiheit. Aus den Tatsachen, dass wir hören, sehen und sprechen köennen, lässt sich auf eine natürliche und angeborene Informations- und Meinungsfreiheit schliessen. Diese und andere angeborene Grundrechte und Grundfreiheiten für Menschen beruhen, offensichtlich, nicht auf Vertraegen und nicht auf Gesetzen oder Verfassungen. - J.Z., 3.3.04.)

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Bezeichnend ist übrigens, daß trotz der gemeinsamen Menschenrechtserklärung in einer Reihe

 

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von Staaten sogar gesetzlich verankert ist, was andere Län­der als Verletzung von Menschenrechten anprangern.

 

Aggressionen gegen die gleiche Freiheit Aller finden keines­wegs ausschließlich zum Zweck der Unterdrückung und Schä­digung der Betroffenen statt, sondern oft auch nicht nur un­ter dem Vorwand, sondern sogar in der ehr-lichen Absicht, die Betroffenen fördern und ihnen helfen zu wollen. Alle Maß­nahmen jedoch, die auf das an-gebliche Wohl eines anderen, auf Schutz und Fürsorge für ihn - aber dies ohne sein Verlan­gen, ja gegen seinen Willen - gerichtet sind, müssen als Be­vormundung und aggressiver Eingriff erkannt werden. Der Aggressor sollte dabei nicht nur an den guten alten Spruch denken "Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch kei-nem anderen zu!", sondern auch an dessen weise Ergän­zung durch G.B.Shaw: "Tue anderen nicht das, wovon Du wünschst, daß sie es Dir tun sollen; denn sie könnten einen anderen Geschmack haben als Du!"

 

Bei jedem konkreten Anspruch, den ein Mensch gegen einen anderen erhebt, läßt sich stets objektiv feststellen, ob die­ser auf einem beweisbaren Recht, das sich auf freiwillig ge­schlossene Vereinbarungen stützt, oder auf ei-nem vermeint­lichen "Recht" beruht, an das er nur glaubt, dessen Existenz er jedoch nicht beweisen kann und dessen gewaltsa­me Durchsetzung daher Aggression ist, wenn dabei die Gren­ze der gleichen Freiheit Aller über-schritten wird. Ebenso läßt sich in jedem konkreten Fall eindeutig feststellen, ob in einem Zustand, der besteht oder angestrebt wird, der eine auf Kosten des anderen und gegen dessen Willen ein Mehr an Freiheitsspielraum, ein Mono- oder Oligopol, ein Vorrecht beansprucht.

 

Nach dieser Klarstellung, was Freiheit - in sozialer Bezie­hung - ist und einzig sein kann, läßt sich nun auch der Begriff der aggressiven Gewalt ganz präzis definieren. Charakteri­stisch für diese ist nämlich nicht die Anwen-dung physischer Machtmittel zur Willensbeugung des Gegners; denn eine sol­che kann auch beim entschiedenen Gegensatz zur aggressiven Gewalt, bei der Defensive gegen sie, stattfinden. Entschei­dend ist vielmehr, ob die "Gewalt"-Anwendung in aggressiver Form zur Überschreitung, oder in defensiver zur Verteidigung

 

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der Grenze gleicher Freiheit Aller erfolgt. Der Maßstab für Aggression und Gewalt liegt also in der Überschrei-tung die­ser Grenze gegen den Willen des oder der Betroffenen; wobei nochmals darauf hingewiesen sei, daß auch ein zurückliegen­der Zustand, der auf diese Weise entstanden ist, auch dann gleichbedeutend mit Aggres-sion und Gewalt ist, wenn er ge­gen das Verlangen dadurch Benachteiligter aufrechterhalten wird.

 

Hiermit bietet sich nun erstmalig ein verläßlicher, von aller ideologischen Verwirrung unbelasteter, objektiver Maßstab zur Unterscheidung von Aggression und Defensive, wobei auch der Verwirrung des Gewaltbegriffs ein Ende gemacht wird.

Gewaltanwendung und aggressiv ist jede Erweiterung des ei­genen (sowie fremden) Freiheitsspielraums, die auf Kosten eines gleichen Freiheitsspielraums anderer erfolgt, wenn dies gegen deren Willen geschieht.

 

Es gibt Leute, die behaupten, daß Aggression ein menschli­ches Grundbedürfnis sei. Selbst wenn dem so wäre, was von anderen - mit guten Gründen - sehr entschieden bestritten wird, ergäbe sich daraus erst recht die Not-wendigkeit und ein gemeinsames Interesse, sich gegen fremde Aggression zu schützen; was nur auf einer Basis der Gegenseitigkeit, also bei genereller Ächtung der Aggression, Erfolg haben kann.

 

Auch der Begriff der Herrschaft ist oft bis ins Widersinnige verwirrt, so z.B. wenn man davon spricht, daß in einem be­stimmten Zustand Freiheit "herrscht". Ähnlich, wie man ag­gressive Gewalt deutlich von der Defensive unterscheiden muß, die jene nur abwehrt, muß auch ein klarer Unterschied gemacht werden zwischen der Herr-schaft im eigentlichen Sinne, die in Herstellung eines Zustandes ungleicher Freiheit durch aggressive, gewalt-same Unterwerfung fremden Willens oder in Verteidigung eines so entstandenen Zustandes besteht; und ander-seits jenem Zustand ungleicher Freiheit, bei dem zwar ebenfalls von der "Beherrschung"  des einen durch den anderen gesprochen wird, in welchem der Benachteiligte je­doch diesem Zustand freiwillig zustimmt, ihn oft sogar sucht. In diesem zweiten Fall sollte man statt von "Herrschaft"  bes­ser von Führung sprechen; wir sahen ja schon bei Erläuterung

 

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des Freiheit-Begriffs, daß ungleiche "Freiheit", die auf frei­williger Zustimmung des Benachteiligten beruht, nicht dem widerspricht, was mit der gleichen Freiheit Aller gemeint ist. Diese wird keineswegs dadurch gestört, daß Einzelne, die z.B. sich selber bestimmten Dogmen oder Glaubensmeinungen un­terwerfen, die eigene Frei-heit (nicht etwa die Freiheit anderer!) zugunsten solcher einschränken können, die sie als Verkünder oder Inter-preten der betreffenden Dogmen oder Glaubensmeinungen ansehen wollen. Dies gilt auch für andere Fäll, in denen die Betreffenden selbst einen Vormund oder solche suchen, die ihnen eigenes Denken und eigene Ent-schei­dungen abnehmen.

Nur in Fällen groben Betrugs solcher "Führer" gegenüber den von ihnen Angeführten kann man von einer Ver-letzung der Grenze der gleichen Freiheit Aller sprechen. Aber auch dann muß erst durch Aufklärung der Betref-fenden ihr eigener Wille zum Widerstand gegen diesen Betrug geweckt werden, bevor Dritte sich - als etwa ungerufene Helfer - zur Wiederherstel­lung der vollen Freiheit jener einmischen.

 

Herrschaft ist also ein Zustand ungleicher Freiheit, wobei die Freiheit der einen größer ist als die der anderen, auf Kosten je­ner und gegen deren Willen. Dabei kommt es auf dasselbe her­aus, ob solche Herrschaft auf Grund der Willkür und des Faust­rechts eines Einzelnen oder einer Gruppe, oder aber im Namen eines "Ideals", einer Ideologie oder Religion (die von den Be­herrschten nicht anerkannt werden), oder auch im Namen einer Ab-straktion, wie Volk, Klasse, Staat, Menschheit, ausgeübt wird; denn immer sind es konkrete Einzelne oder Gruppen, die "im Namen" solcher "Ideale", Ideologien,  Religionen oder Ab­straktionen, wie der genannten, ge-genüber anderen Einzelnen oder Gruppen das Vorrecht beanspruchen, jenen Befehle zu erteilen und die Be-folgung dieser Befehle zu erzwingen.

 

Nur die Befreiung von solcher Herrschaft strebt der Anar­chismus an. Es gibt demgegenüber Leute, die infolge eigener Begriffsunklarheit, oder weil sie diese bewußt fördern wollen, sagen: "Legitim ist Herrschaft, die Zu-stimmung bei den Be­herrschten findet". Danach wäre also zumindest jene Herr­schaft, die keine Zustimmung der Beherrschten findet, ille­gitim - was immer man unter diesem dehnbaren Begriff, der sowohl "moralische" wie "gesetzliche" Verurteilung umfaßt,

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verstehen will. Aber wir haben ja oben gesehen, daß Vor­mundschaft und Führung, denen die Betreffenden zu-stimmen, die sie selber wollen, überhaupt nichts mit Herrschaft im eigentlichen Sinne zu tun haben. Es handelt sich dabei um völlig verschiedene Begriffe, aus deren Vermengung natür­lich nur Unsinn resultiert.

 

Die fixe Idee der Herrschaft

 

Wer durch aggressive Gewalt fremden Willen beugt, um ei­nen Zustand ungleicher Freiheit herbeizuführen oder auf­rechtzuerhalten, der ist Herrschaftsverüber; ganz gleich, ob dies im eigenen Namen und Interesse, in dem einer Mehr­heit oder eines anderen Kollektivs, im Namen von irgend­etwas angeblich "Höherem" geschieht (sei dies auf Religion, Ideologie, Sitte, Moral oder was sonst immer gegründet); er macht sich durch diese Bevor-mundung und diesen Zwang der Verletzung der gleichen Freiheit Aller schuldig, ganz gleich, ob dies zum Zweck der Unterdrückung und Ausbeu­tung, oder zum Zweck einer angeblichen Wohlfahrt und Förderung des Bevormundeten und Gezwungenen erfolgt.

 

Wer der durch eingewurzelte Gewohnheiten gestützten Mei­nung ist, "man müsse doch" auch gegen den Willen des Be­treffenden gegebenenfalls zwangsweise das durchsetzen, was dessen "wahrem Wohl" oder "der Ver-nunft" entspricht (so wie er sich dessen Wohl oder die Vernunft vorstellt, wäh­rend jener eine ganz andere Mei-nung davon hat, was für ihn gut und vernünftig sei), der muß auch gegen sich selbst gelten lassen, daß andere - und gerade jener andere - mit derselben Begründung ihm vorschreiben und ihn dazu zwingen wollen, was sei-nem eigenen Wünschen und Wollen strikt entgegensteht. Er muß sich völlig klar machen, daß gerade auch im eigenen Interesse er die gleiche Frei­heit aller anderen achten muß.

 

Es ist eben eine fixe Idee, daß gesellschaftliche Ordnung nur durch übergeordneten (also Herrschafts-)Zwang und Ge­walt (wobei man Aggression und Defensive verwechselt) mög­lich sei. Aggressive Gewalt ist Störung jener Ordnung, die

 

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als einzige dauerhaft zu sein vermag. Wirkliche Ordnung ist nur in Freiheit - der gleichen Freiheit Aller -mög-lich, denn diese ist nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung. (Proudhon. - J.Z.)

 

Statt der gegenseitigen Einmischung in fremde Angelegenhei­ten, unter den Wahnvorstellungen unbeweisbarer Ansprüche, gibt es nur eine Verhaltensweise, die zwar nicht absolut konfliktfrei ist, aber jedenfalls nicht Dauer-konflikte geradezu provoziert: die generelle Verpönung der aggressiven Gewalt, was identisch ist mit dem Grundsatz der gleichen Freiheit Aller, mit Herrschaftslosigkeit. Denn in jedem Einzelfall kann völlig wertungs-frei, und daher objektiv, festgestellt wer­den, ob jemand ein Mehr an Handlungsfreiheit auf Kosten an­derer, und zwar gegen deren Willen, beansprucht oder nicht.

 

Es gibt nur zwei Arten des Verhältnisses von Mensch zu Mensch: ein freiwillig eingegangenes, oder ein ge-waltsam aufgezwungenes. Nur das letztere bedeutet die Grenzüberschreitung der gleichen Freiheit und Störung der Ordnung dann, wenn gegen den Willen des Betroffenen dessen gleiche  Freiheit, welche der Ag­gressor für sich beansprucht, eingeschränkt wird.

 

Die Achtung des fremden Willens und die Nichtanwendung von Zwang gegen diesen kennt nur zwei Ausnah-men: einmal jene, wo dieser Wille sich aggressiv gegen die Grenze der gleichen Freiheit Aller richtet, und dann jene, wo Unzurechnungsfähig­keit vorliegt, wie es bei Kindern und bei Kranken, insbesondere Geisteskranken der Fall sein kann.

Natürlich darf nicht willkürlich jemand für unzurechnungsfähig erklärt oder die unberechtigte Annahme einer Unzurechnungs­fähigkeit als Entschuldigung für aggressives Handeln genommen werden.

 

Im übrigen ist nicht so wichtig, daß aggressives Verhalten, das ja auch irrtümlich und fahrlässig erfolgen kann, nun immer un­bedingt vermieden wird; Hauptsache ist, daß das Prinzip der gleichen Freiheit Aller anerkannt und auch bei dessen irrtümli­cher oder fahrlässiger Verletzung Schadensersatz geleistet wird. Während gegen-über jenen, die dies Prinzip nicht anerkennen wol­len, die Reaktion einfach ist: wer sich auf die aggressive Ge-walt und damit auf das Faustrecht stützen will, darf sich nicht bekla­gen, wenn ihm widerfährt, was ihm nach diesem "Recht" gebührt.

 

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Herrschaft ist ein Dauerzustand der aggressiven Gewalt. Sie beruht auf primitiven Instinkten aus den Anfängen menschli­cher Zivilisation. Bei primitiven Völkern läßt sich häufig ei­ne dominierende Begierde feststellen, Ge-walt gegen Mitmen­schen auszuüben und über sie zu herrschen; dies geschieht zum Großteil um der Herr-schaftsausübung als Selbstzweck willen und oft nur daneben auch zur Erreichung wirtschaftli­cher Vorteile.

 

Horden, Clans, Stämme und Völker lebten in beständiger Fehde. Herrschende Völker und Klassen haben in der Regel mit ihrer Herrschaft auch ein wirtschaftliches Interesse ver­knüpft; aber ihr Hauptstreben richtete sich auf eine für poli­tische und rechtliche Herrschaft möglichst effektive soziale Organisation, nicht auf eine wirtschaft-lich möglichst effekti­ve Anordnung des Verhältnisses zwischen Herrenvolk und Die­nervolk, Herrenklasse und Dienerklasse, Regierenden und Re­gierten. Das Verhältnis zwischen Spartanern und Heloten mag hier als Bei-spiel dienen. Die Herrschsucht dominierte oft auf Kosten wirtschaftlicher Effektivität.

 

In der Urzeit und im Altertum galt es als größer, zu herrschen und zu zerstören, als wirtschaftlich zu sein, zu produzieren und zu sparen. Auch diese Tatsachen müssen zu einer.Korrek­tur der einseitigen Sicht des Marxis-mus führen; die ökonomi­schen Verhältnisse sind mehr Überbau der Herrschaftsver­hältnisse als umgekehrt.

 

Dem in einzelnen Personen auch heute noch starken Trieb zu herrschen, der mit dem Macht- und Geltungstrieb verwandt ist, steht der bisher wenig oder gar nicht beachtete Trieb mindestens ebenso vieler Menschen gegen-über, denen das Sichhin­geben und Sichunterordnen ein überwältigendes Lebensbedürf­nis ist. Zumal diese letz-teren sind Träger des Glaubens, daß die bestehenden traditionellen oder gesetzlich gewordenen Ver­hältnisse die einzig möglichen und die einzig richtigen seien.

 

Zwischen diesen beiden Gegensatz-Typen stehen jene, denen es ebenso widerwärtig ist, selber zu herrschen, wie beherrscht zu werden. Ihre Devise ist: "Ich gehöre keinem anderen als mir sel­ber und bin mein eigener Herr. Keine Pflicht der Unterordnung un­ter den Willen eines anderen und kein irgendwie geartetes Recht der Aufzwingung eines fremden Willens wird anerkannt."

 

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Über den Macht- und Herrschaftsfimmel schrieb Dr. Walther Borgius (in "Radikaler Geist", Folge 1, Berlin 1930):

"Wer sich aus seiner Jugend dieses und jenes Lehrers ent­sinnt, wie er, die regungslose Klasse vor sich, als Rohrstock-Pascha auf dem Katheder stand, wer als Soldat erlebt hat, mit welch sichtbarem Genuß vielfach der Unteroffizier die ihm aus­gelieferten Rekruten schindet, wer in Behörden ergeben sich vom allmächtigen Herrn Kanzleirat schikanieren lassen mußte, wer beobachtet hat, mit welcher Geschwollenheit und Überheb­lichkeit (besonders vor der Republik) manch ein Schutzmann das Volksgedränge regulierte, der weiß, welch ein in-tensiver, direkter Genuß für den richtigen Machtmenschen in der bloßen Ausübung der Herrschgewalt, ohne jeden damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteil liegt, in dem beseligenden Bewußtsein: Ich kann euch befeh-len und ihr alle müßt mir gehorchen! Man beachte einmal, mit welcher Geschicklichkeit und Zielbewußtheit sich die meisten Menschen eine Machtposition zu schaffen oder zu finden wissen, wo sie kommandieren kön-nen. Der eine herrscht in der Familie.

("Leider werden meistens die Kinder unter dem Vorwande einer guten Erziehung die Op­fer dieser unausbleib-lichen Herrschergelüste. Die 'gute Er­ziehung' ist oft ein Vorwand, Macht zu zeigen" sagt sehr zu­treffend der bekannte Psychoanalytiker Dr. W. Stekel in "Das liebe Ich", Berlin 1913, S. 17).

"Wer dies nicht kann, etwa an der noch stärkeren Herrschgewalt der Gattin scheitert, kujo­niert seine Unterge-benen im Büro. Oder er geht in das Ver­einsleben und kämpft ebenso erbitterte wie lächerliche Kämpfe als Vor-sitzender oder Schatzmeister oder gegen solche. Ge­lingt es ihm, irgendwo Ämtchen oder Käppchen zu erhalten, und sei es auch nur als Trambahnschaffner oder Knipser auf der Untergrundbahn, so schikaniert er das Publi-kum. Und wenn es sonst nirgends geht, so übt er seine Machtgier wenigstens am Pikkolo seines Stammlokals aus oder er schafft sich einen Hund an (wie denn überhaupt sehr wahrscheinlich ist, daß die erste Zähmung von Haustieren - die keineswegs immer Nutz­tiere sind - nicht in wirtschaftlichen oder überhaupt rationel­len Zweck-mäßigkeitserwägungen gewurzelt hat, sondern in den ersten Regungen des keimenden Machttriebes).  Und der Schüler, der von den Lehrern mißhandelt wird, mißhandelt sel­ber seine jüngeren Kameraden, wie das aus allen Internaten zur Genüge bekannt ist. Sehr eindringlich hat Leopold von Wie­se seine diesbezüglichen Erfahrungen im Kadettenhause ge-

 

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schildert und noch ergreifender Generalmajor Dr. Paul Frh. von Schönaich.

"... Die Eigentümlichkeit dieses Triebes ist nun, daß er - wie wohl die meisten seelischen Faktoren - ambiva-lenter, bi­polarer Natur ist: d.h. ihm entspricht ein Gegenaffekt, ein Trieb zur Unterwerfung, zum Gehorsam, zur Demütigung. Ebenso, wie sein körperlich-sexuelles Substrat, der Sadis­mus, stets gepaart ist mit einer Unter-strömung von Maso­chismus (und umgekehrt), so finden wir auch bei ausgespro­chen herrschsüchtigen und machtgierigen Personen daneben stets eine Parallelströmung - eine Neigung zu Hörigkeit und Dienstbarkeit. Es ist, als ob die in der einen Richtung aufge­wandte Energie einen Ausgleich in der entgegengesetzten Richtung erheischt. ... Wir finden es sehr häufig, daß der ge­strenge Oberst, vor dessen Blick sogar die höheren Offiziere zittern, daheim ein fügsamer Pantoffelheld ist oder umgekehrt, daß der heimische Haustyrann im Büro die Rol-le des unterwür­figen Jasagers spielt.

"In dieser Doppelgesichtigkeit des Machttriebes liegt psycholo­gisch das Wesen der Hierarchie, der Staffel-herrschaft begrün­det: Wir wissen, daß, wo im gesellschaftlichen Leben eine In­stitution auf dem Machttrieb aufgebaut ist, sie stets gleichzei­tig ein Ausleben der Unterwürfigkeit mit sich bringt. ("Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Ge­horchen! Einem guten Kriegsmanne klingt 'Du sollst' ange­nehmer als 'ich will'. Und alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch noch befehlen lassen", sagte Friedrich Nietzsche, der wahrlich ein tiefer Kenner des Machttriebes war.)

"So finden wir denn die intensivsten Substrate der Herrschsucht: das Militär, die katholische Kirche, aufgebaut auf der Doppel­forderung, daß, wer die rücksichtsloseste Macht ausüben will, zugleich den demütigsten Gehor-sam ausüben muß. Es ist der Typus des Menschen, den der Volksmund unserer Zeit mit dem Spottnamen des "Radlers" bezeichnet, weil er gleichzeitig nach unten "tritt" und nach oben "einen krummen Buckel macht". Dieser Menschentypus - ich nenne ihn archidulisch - ist es nun, den die Entwicklung des Staatslebens plan-mäßig züchtet und der seinerseits in alle jene Berufe hineinströmt, die ihm als direk­tem oder indirektem Staats-beamten die Ausübung seiner Trieb­richtung fördern: in den direkten, eigentlichen Staatsdienst, vor allem in Mi-litär, Polizei, Bürokratie, dann aber auch in das Schulfach, in die Landeskirche, in gewisse Gebiete der Ju-

 

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stiz und in solche Anstalten und Einrichtungen, die durch ih­re Größe und Organisation einen ähnlichen Cha-rakter ange­nommen haben, wie die Verkehrsanstalten, die Großbanken, die Großindustrie."

 

Diesen evidenten Feststellungen von Dr.Borgius, die jeder unvoreingenommene Beobachter an zahllosen Einzelheiten seiner Umwelt bestätigen kann und muß, ist nur noch hinzu­zufügen: jeder auf Herrschaft Erpichte versäumt niemals, sich mittels eines Vorgangs, den die Psychologie  Rationali­sierung nennt, auf sein angeb-liches "Recht" zu seinem ag­gressiven Handeln zu stützen; er legt sich eine passende Ideologie zu, die ihm als Rechtfertigung vor sich selbst und vor allem gegenüber den anderen dient. Auf die Urteilsunfä­higen macht dann immer besonderen Eindruck, wenn solch ein vom Machtfimmel besessener Herrschsüchtiger sich, wie Fridericus, als "ersten Diener des Staates" bezeichne­te (und sich auch ganz ehrlich als solcher fühlte, weil er die diesbezügliche Ideologie sich erfolgreich selber sugge­riert hatte). Ebenso fühlten auch Hitler und Stalin, mit wel­chen der manchen sympathischen Zug aufweisende Frideri­cus im übrigen nicht in eine Reihe gestellt wer-den soll, der eine im Namen "der Vorsehung", der andere als Vollstrecker des "Ziels der Weltgeschichte", sich durch Ideologie "legiti­miert", als "Beauftragte" einer "höheren" Mission, ohne ei­gene Verantwortung, genau wie die Vollzugsgehilfen der Schreibtischmörder, das zu vollstrecken, was nach ihrer Mei­nung ihre Opfer nur zu dumm und unfähig waren, als "notwen­dig" einzusehen. Bei den Autokraten auf dem Stuhl der Päpste und der Inquisition, die sich zerknirscht im Gebet vor Gott und den Heiligen wanden, wurde die Ideologie dahin "rationa­lisiert", daß die von ihnen auf den Scheiterhaufen geschick­ten nur in deren eigenem Interesse verbrannt wurden, um ihr Seelenheil zu retten und sie vor weiteren Sünden zu bewahren. -

 

Wenn die vom Machtfimmel Besessenen persönlich anspruchs­los lebten, weil es ihnen eben nicht auf wirt-schaftliche Vorteile durch ihre Macht, sondern nur auf die Befriedigung des Macht­triebes selbst ankam - bei Hitler bewunderte man ja   daß er kein Fleisch aß, nicht rauchte, nicht trank und dem "Dienst an Volk und Staat" auch ein Familienleben "opferte" - dann hielt man solche Leute für Idealisten oder gar für Heilige. Derarti-

 

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ger "Idealismus" brachte jedoch keineswegs Opfer für ande­re, opferte vielmehr jene anderen einer fixen Idee; er such­te und fand größere Lustbefriedigung eben in der Stillung des Machtdurstes und im Heiligenschein des Idealismus als in ma­teriellen Vorteilen ( die ganz von selbst dabei nicht zu kurz kamen). Also handelte es sich in Wirklichkeit nicht um Opfer, sondern um jene Form des jedem Lebewesen innewohnenden Strebens nach Selbstentfaltung, die Lust in der Befriedigung ihres stärksten Triebes empfindet.

Von den Gegentypen, den Unterordnungs-Süchtigen, sowie von den Mitläufern und Nutznießern der vom Machtfimmel Beses­senen stammen dann so alberne Redensarten wie die von "gu­ten" und "idealen" Herrschern.

 

Die fixe Idee der Herrschaft hat zwar ihre Wurzel im Macht­trieb und dessen Pendant; aber ihre Nahrung und Kraft zieht sie stets aus einer passenden Ideologie.

 

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IDEOLOGIE  UND  WIRKLICHKEIT  DES  STAATES

 

Die Vorstellungen der meisten Menschen vom Staat sind ähn­lich unklar und verschwommen wie die von Gott - für eine große Mehrheit ist der Staat heute tatsächlich nichts anderes als eine Versachlichung des Gottesbe-griffs. Wie früher alle Behauptungen und Forderungen der Kirche als selbstverständlich widerspruchslos akzep-tiert wurden, wie kein Zweifel erlaubt war am Gottesgnadentum der Kaiser und Könige, gilt der Staat heute den meisten als etwas so Not­wendiges, ja sogar Heiliges, daß sie ihre Kritik allenfalls gegen die Form des Staates, nicht jedoch gegen dessen Wesen, als Einrichtung an sich, richten.

 

Wenn man das ebenso naive wie blinde Vertrauen in den sozu­sagen als Ausbund der Allmacht, der Gerechtig-keit, der Für­sorge betrachteten Staat analysiert, wenn man den ständig wiederholten Schrei der Vielen hört: "Da müßte der Staat ein­greifen! Da müßte der Staat helfen! Das müßte verboten wer­den!", so findet man, daß der moderne Massenmensch vom Staat noch ein Gutteil mehr erwartet als vom lieben Gott; weit größer als sein Ve-trauen zu diesem ist praktisch sein Vertrau­en, das er in den Staat setzt.

 

Das erklärt sich aus einer einfachen Tatsache: wenn jene vom Staat sprechen, denken sie nicht daran, was der Staat tatsäch­lich ist (wovon sie im übrigen auch nur eine recht nebelhafte Vorstellung haben), sie denken nicht an die historische Rea­lität Staat, aus dessen Werdegang man eher auf seine Her­kunft von Beelzebub als auf die von Gott schließen könnte;  son­dern sie denken dabei immer nur daran, was der Staat nach den meist sehr sub-jektiven Wünschen der Betreffenden sein soll. Es gibt zahlreiche, mehr oder weniger entgegengesetzte Ideolo­gien vom Staat, gedankliche Vorstellungen von dem, wie der Betreffende sich das Ideal einer Gesellschafts-ordnung wünscht, also eine Art Wunsch-Himmel, ziemlich nebelhafte Vorstellungen zumeist, die gewöhnlich auch das unberücksich-

 

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tigt lassen, was der Staat überhaupt sein und tun kann. Ein Parlamentarier sagte dazu: "Jedermann will auf Kosten des Staates leben und kein Mensch denkt daran, daß der Staat auf jedermanns Kosten lebt".

 

Der Staat ist das typische Beispiel einer Institution, die ihren ideologischen Charakter aus ihrer religiös begrün-deten Her­kunft entwickelt hat. Das zeigt sich sowohl in der Berufung der Monarchen auf ihr "Gottesgnaden-tum" und im Anspruch der Päp­ste auf ihre Oberhoheit über die Monarchen; ebenso jedoch bei den Demokratien im Anspruch darauf, daß die Staatsgewalt "vom Volke ausgehe", nachdem "das Volk", "die Nation", "das Va-ter­land" die Nachfolge der Monarchen und der anderen Feudalherren, die sich alle auf ihre von Gott verliehe-nen "Rechte" beriefen, an­getreten hatte. Diese neuen begrifflichen Vorstellungen wurden so zu Göttern und Götzen, die ungezählte Millionen von Opfern forderten - unendlich mehr als beim ärgsten Götzendienst der Barbaren, der nur vereinzelte Menschenopfer verlangte. Die "Ho­heit"  und "Heiligkeit" des "Volkes"  (wer sie anzweifelt, gilt als Vaterlandsverräter!) ist heute weitaus unbestrittener als die Hei­ligkeit der Religion. "Im Dienste des Volkes" wird heute jeder­zeit noch die Opferung von Gut und Blut und Leben verlangt, wäh­rend nur selten mehr solcher Anspruch im Namen einer Religion erhoben wird. Dabei wird das "Volk" durch einen Roß-täuschertrick derer, die als Sachwalter dieser Abstraktion auftreten, mit dem Staat gleichgesetzt, der die so übertragene "Heiligkeit" (= Un­antastbarkeit) auch für sich in Anspruch nimmt. Was ist nun der Staat wirklich?

 

"Der Staat ist die von Gott gestiftete Erhaltensordnung. Sie zu be­wahren ist die irdische Aufgabe des, Men-schen", äußerte sich der Bundesverfassungsrichter Fabian von Schlabrendorff noch im Jah­re 1972. - Tolstoi hatte gesagt: "Der grausamste, unheilvollste Aberglaube ist das Vaterland, der Staat". Bereits der Kirchenva­ter Augustinus hatte den Staat als organisierte Räuberbande be­zeichnet und die katholische Kirche hat zwar viel-fach mit dem Staat paktiert, sich ihm jedoch nie unterworfen. Daß Nietzsche ihn das kälteste aller Ungeheuer nannte, ist ziemlich weit bekannt. Sehr wenig bekannt jedoch ist, daß der ehemalige USA-Präsident Herbert Hoover in einer 1956 gehaltenen Rede den Staat als die ge­fährlichste Bedrohung für die Menschen hingestellt hat, nicht nur in den Ländern mit totalem Staat, sondern auch in den Ländern

 

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der formalen Demokratie! - "Irgendein Rudel blonder Raub­tiere", sagte Nietzsche, "eine Eroberer- und Herren-Rasse, welche kriegerisch organisiert und mit der Kraft, zu organi­sieren, unbedenklich ihre furchtbaren Tatzen auf eine der Zahl nach vielleicht ungeheuer überlegene, aber noch gestalt­lose, noch schweifende Bevölkerung legt. Dergestalt beginnt ja der 'Staat' auf Erden". "Der Staat, als von der Stammes­organisation verschieden", sagt Lester Ward, "beginnt mit der Eroberung einer Rasse durch eine andere". "Überall", sagt Franz Oppen-heimer, "bricht ein kriegerischer Wild-Stamm über die Grenzen eines weniger kriegerischen Volkes, setzt sich als Adel fest und gründet seinen Staat". "Die Ge­walt",  sagt Ratzenhofer, "hat den Staat gegründet". "Der Staat, sagt Gumplowicz, "ist das Resultat der Eroberung, die Niederlassung der Sieger als herrschende Kaste über die Besiegten". "Der Staat", sagt Sumner, "ist das Produkt der Gewalt und existiert durch die Gewalt". Dies ist das Urteil von Soziologen und Historikern.

 

Der Bundestagsabgeordnete Richard von Weizsäcker erklärte dazu (DIE ZEIT, 27.10.1972): "Der Staat ist nicht die einzige und schon gar nicht die totale Ordnung. Er ist kein geweihtes Über-Ich und besitzt nicht das Amt der Letztinstanzlichkeit. Aber in aller Vorläufigkeit dieser Erde hat er die Aufgabe, als haltende Kraft dem Menschen zu dienen und ihm die Selbstver­wirklichung und Freiheit zu ermöglichen, gerade auch die Frei­heit der Schwachen".

Seinen ersten beiden Sätzen kann und muß man durchaus zustimmen. Freiheit jedoch kann, wie wir im voraus-gegangenen Kapitel gesehen haben, nichts anderes sein als die gleiche Freiheit Aller. Man kann nicht von Frei-heit sprechen, wenn die Freiheit der einen größer ist als die Frei­heit der anderen, auf deren Kosten und gegen deren Willen. Ein Zustand der gleichen Freiheit Aller ist die einzige Alternative zur aggressiven Gewalt. Um diesen Zustand zu erringen und aufrechtzuerhalten, bedarf es nur einer rein defensiven Orga­nisation, die ihrer-seits jede aggressive Gewalt ächtet und sich ihrer streng enthält; eine solche bedarf keines übergeordneten Herr-schers, der vielmehr ein Widerspruch und Gegensatz zu ihr wäre.

 

Der Staat will, was Herr von Weizsäcker verkennt, keineswegs Diener, sondern Herr sein. Er beansprucht für sich ein Pri-

 

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vileg aggressiver Gewalt (das er selbst "Gewaltmonopol"nennt) zur Realisierung all jener Ideologien und Un-terdrückungs- wie Beglückungsabsichten, die jene hegen, welche jeweils die He­bel der Staatsmaschinerie be-dienen, oder vielmehr deren Auf­traggeber. Diese wissen dabei zumeist nicht, was sie in Wirk­lichkeit tun, denn ihre ideologische Verblendung nimmt ihnen den klaren Blick dafür.

Der Staat legitimiert durch seine Gesetze zahlreiche aggressi­ve (d.h. die Grenze der gleichen Freiheit Aller überschreiten­de und gegen den Willen der Betroffenen gerichtete) Gewaltak­te, die er zu eigenen, sowie zu Gunsten einzelner Gruppen, ge­gen andere Gruppen sowie gegen alle Einzelnen verübt, und be­zeichnet dies als "Herrschaft des Rechts"; während er gleich­zeitig die bloße Defensive gegen solche Gewaltakte,d.h. die Vertei-digung der gleichen Freiheit Aller als "Gewalt" bezeich­net und, gestützt auf sein Gewalt-Monopol, verfolgt.

 

Ganz und gar nicht beschränkt sich der Staat, als Diener der Einzelnen, auf die Verteidigung der gleichen Frei-heit Aller; das tut er nur am Rande, in Einzelfällen - etwa bei den obenge­nannten, unmittelbar aus dem Prinzip der gleichen Freiheit Al­ler folgenden, bei Mord,  Totschlag, Körperverletzung, Verge­waltigung, Raub, Dieb-stahl, Erpressung - und sozusagen nur als Alibi. Denn in der Hauptsache schafft er und erhält aufrecht einen Zustand, in angemaßter Herrenpose, in dem die Freiheit der einen auf Kosten der Freiheit anderer gegen deren Willen erweitert ist und die Freiheit Aller zu seinen eigenen Gunsten eingeschränkt ist.

 

Da Herr von Weizsäcker ganz richtig erkannt, daß der Staat nicht die einzige Form einer Ordnung ist, hätte er sich über andere Formen bei John Henry Mackay informieren können, der in "Der Freiheitsucher"(Berlin-Char-lottenburg 1920) erläuterte:

 

"Was ist der Staat? - Eine Anzahl von Menschen erklärt ein Stück Erdoberfläche - ein bestimmtes Gebiet - mit allem, was darauf und darunter ist, für ihr Eigentum und benennt es mit dem Namen eines Staates.

"Die Einwohnerschaft dieses Gebietes wird 'Nation' oder 'Volk' genannt, und es umschließt sie mit seinen Gren-zen als 'Vater­land'.

"Die innerhalb dieser Grenzen lebenden Bewohner, die Staatsbür-

 

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ger oder Untertanen, werden den zur Zeit in diesem Staate geltenden Gesetzen unterworfen; wer diese Gesetze nicht freiwillig befolgt, wird dazu gezwungen, und zwar durch An­wendung von Gewalt.

"- Der Staat beruhte demnach auf Gewalt.

"Der Staat ist nicht die einzige Form menschlicher Vereini­gung. Es gibt andere, die unter dem Namen "Gesellschaft" zusammengefaßt werden können.

"Was nun ist die Gesellschaft?

Wie schon ihr Name besagt, ist sie eine 'Gesellung', der Zusammenschluß einer mehr oder minder großen Anzahl von Menschen zu einem bestimmten Zweck - im Grunde nichts anderes als eine Vereinigung: wo zwei Menschen zu­sammenkommen, und sei es auch nur zu dem Zwecke eines Gespräches, bilden sie eine Gesell-schaft. So verschieden wie ihre Zwecke können auch die Formen dieser Gesellschaf­ten, dieser Vereine, sein.

"Welches ist nun der Unterschied zwischen Staat und Gesell­schaft?

"Der, daß die letztere eine freie Vereinigung ist, der erstere jedoch nicht.

"Die Gesellschaft umfaßt die, welche zu ihr gehören wollen und die sie aufnimmt, einerlei woher sie kommen; der Staat umschließt alle, die in einem bestimmten Gebiet wohnen, auch wenn sie nicht zu ihm gehören wollen; er 'nimmt sie auf', auch gegen ihren Willen. Er umschließt zwar alle, aber ist keine Gesellschaft 'Aller'.

"Im Staate steht stets eine Minderheit gegen eine Mehrheit; die Gesellschaft steht zusammen, solange sie zu-sammenstehen will.

"Ist in der Gesellschaft ein Einzelner oder eine Anzahl ihrer Mitglieder gegen sie, so steht es diesem Einzelnen oder die­ser Minderheit frei, jederzeit frei, sie zu verlassen: aus ihr, der Gesellschaft auszutreten und zu bleiben, wo sie sind; der Staat gestattet einen solchen Austritt nur, wenn seine 'Unterta­nen' nicht bleiben, wo sie sind - verlassen sie sein Gebiet, gibt es für sie nur die Wahl, sich in einen anderen Staat zu be­geben und sich damit einer anderen Mehrheit zu unterwerfen.

"Der Gesellschaft kann sich daher der Einzelne entziehen, oh­ne damit seine Umgebung zu verlieren; dem Staate nur, wenn er auf diese Umgebung Verzicht leistet.

"Durch seinen Austritt löst der Einzelne die Gesellschaft

 

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für sich auf; der Staat hingegen löst den Einzelnen in sich auf.

"Wenn sich in einer Gesellschaft die Minderheit dem Willen der Mehrheit unterwirft, so tut sie es freiwillig; im Staate tut sie es gezwungen, weil ihr keine andere Möglichkeit übrig bleibt.

"Der Staat ist eine Vereinigung der einen gegen die anderen. - Staat und Gesellschaft sind somit nicht ähnliche und gleiche, sondern völlig verschiedene Begriffe, die sich ausschließen; sie miteinander verwechseln, heißt die Grundlagen des mensch­lichen Zusammenlebens miteinander verwechseln und verwir­ren. Sie sind natürliche Feinde und bekämpfen sich als solche unablässig. Der Sieg des einen bedeutet den Untergang der an­deren , und umgekehrt.

"Endlicher Sieger bleibt schließlich der Staat, wenn er die Ge­sellschaft so in sich aufgesogen hat, daß er eines mit ihr oder sie eines, mit ihm: wenn er die Gesellschaft 'Aller' geworden ist.  

"Siegerin ist die Gesellschaft, wenn sie den Staat verdrängt hat und. an seine Stelle getreten ist.

"Geht der Staat aber in der Gesellschaft auf, so hört er auf, ein Staat zu sein und wird eine Gesellschaft wie jede andere.

"Die Gesellschaft ist somit eine freie Vereinigung - sie kennt nur freie und gleichberechtigte Mitglieder; der Staat hingegen ist eine Zwangsvereinigung - er kennt nur Herrschende und Be­herrschte, Unfreie und Ungleiche - Untertanen.

"Der Staat steht über dem Einzelnen - er ist sein Herr; die Ge­sellschaft steht unter ihm - sie ist seine Dienerin. "Das Wesen des Staates ist somit Zwang; das Wesen der Gesell­schaft ist Freiheit.

"Um es nochmals zu sagen: der eine ist eine Zwangsvereinigung; die andere eine freie Vereinigung".

 

Diese Feststellungen Mackays, die nur ein kurzer Auszug aus weit umfassenderen sind, lassen an Deutlichkeit kaum zu wün­schen übrig. Es gibt jedoch Hirne, die, weil ihre Begriffe ver­wirrt sind - z.B. hinsichtlich der Ge-gensätzlichkeit von aggres­siver Gewalt und Defensive - , oder weil ihre Vorstellungen durch staatliche Erzie-hung und Umwelt manipuliert sind, die einfachsten Wahrheiten nicht zu erfassen vermögen, wenn sie in ihre gewohnten Denkbahnen nicht hineinpassen. Ohne Zwang gehe es doch nicht, wird z.B. eingewendet. Gewiß, das wurde ja schon oben erläutert, daß Zwang in der Defensive gegen den Aggressor oft unvermeidlich ist, um die aggressive

 

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Gewalt abzuwehren. Aber bedeutet dies etwa, daß der Zwang "notwendig" sei, den die aggressive Gewalt aus-übt, und wer wagt es, sich zu dieser, d.h. zum Faustrecht, offen zu beken­nen? - Den objektiven Maßstab zur Unterscheidung zwischen Aggression und Verteidigung haben wir oben ebenfalls erläu­tert.

 

Daß der "Rechtsstaat" die aggressive Staatsgewalt zwar in be­stimmte Formen einengt, aber keineswegs in ihrer Aggressi­vität beseitigt, ergibt sich daraus, daß er an die Stelle ech­ten, d.h. aus freier Vereinbarung stammenden Rechts ein - häufig wechselndes - setzt, das sich teils auf unbeweisbare ideologische Behauptungen, teils auf das Diktat des Willens einer angeblichen Mehrheit stützt. Aber auch bei einer tatsäch­lichen Mehrheit, soweit diese in ihrem Handeln die Grenze der gleichen Freiheit Aller überschreitet (gegen den Willen der Be­troffe-nen), handelt es sich eindeutig um aggressive Gewalt, die sich nur hinter den Benennung als "Recht" verbirgt. Einen echten Rechtsstaat kann es nur dann geben, wenn als Grundgesetz dieser Institution die gleiche Freiheit Aller mit allen Konsequenzen vereinbarungsgemäß festgelegt würde. Das wäre dann jedoch kein Staat mehr im bisherigen Sinne, son­dern eine freie Gesellschaft.

Was mit dem sog. "Rechtsstaat" eigentlich gemeint  ist, wovon die heute in die verschiedenartigen Käfige ihrer Staats­gebiete Eingesperrten jedoch vorerst nur träumen können, ver­mag erst die Herrschaftslosigkeit zu reali-sieren.

 

Das Schlagwort von der "Staatsraison" macht eindeutig klar, daß letzten Endes auch das Faustrechtsprinzip of-fen prokla­miert wird, wenn den Interessen des Staates (d. h. dem, was die ihn regierenden "Staatsdiener" dafür halten) seine eigene "Rechts"-Ordnung im Wege steht.

Im übrigen ist allein der Anspruch auf ein "Staatsgebiet" und die Unterwerfung aller in diesem Gebiet sich Auf-haltenden un­ter die angemaßte "Rechtshoheit", wobei offen von Unter­worfenen gesprochen wird, eindeutig ein Monopolanspruch nach außen wie nach innen; jedes gegen den Willen der Betrof­fenen aufrechterhaltene Mo-nopol aber ist eine aggressive Ver­letzung der gleichen Freiheit Aller.

 

Der Staat ist ein seltsames, auf der Ideologie von "Volk","Va-

 

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terland", "Nation" und "Gemeinschaft"  beruhendes, d.h.sei­nen absoluten Herrschaftsanspruch von diesen Ab-straktionen (hinter denen die sehr konkreten Staatsfunktionäre stehen) ab­leitendes Gebilde, das anderseits dem Einzelnen weismachen möchte, alles geschähe nur zu dessen Wohl, Schutz und För­derung.

 

Aber nicht mehr alle Leute glauben heute noch an solche Sprüche, sondern bilden sich ihr Urteil aus eigener Anschauung, nach ei­gener Erfahrung und auf Grund eigenen Denkens. Wie Lincoln sagte: Man kann wohl einige Leute dauernd, man kann alle Leute eine Zeitlang, aber man kann nicht alle Leute dauernd täuschen.

 

 

Die Hauptfunktion des Staates: Unterdrückung und Ausbeutung

 

Wie die Geschichte lehrt, entstanden die Staaten in ihren heuti­gen Grenzen nahezu ausnahmslos durch räube-rische Eroberung, also durch aggressive Gewalt; oder aber sie entstanden durch revolutionäre Gewalt, die bis-her ausnahmslos in aggressiver Weise Verhältnisse schuf, welche auf Herrschaft der einen über die anderen beruhen, sowie auf ungleicher Freiheit der Einzel­nen und Gruppen.

Wo Staaten in Ausnahmefällen durch Verträge entstanden,   waren es meist diktierte, aufgezwungene Verträge, wahrend echte natürlich auf freiwilliger Zustimmung beider Tei­le beruhen müssen. Sogar in den seltenen Fäl-len, in denen ein neuer Staat als Resultat eines freien Vertrages zwischen zwei bisherigen Staaten oder zwi-schen einem Staat und den von ihm ausgewählten und anerkannten Repräsentanten des neuen Staa­tes entstand, war es immer eine neue Staatsgewalt, die geschaffen wurde, mit ungleicher Freiheit, mit neuen Privile­gien und Monopolen, mit Herrschern und Unterworfenen. Denn das Wesen des Staates liegt in aggressiver Gewalt, nach außen sowohl wie nach innen.

 

Die wenigsten dürften sich darüber klar sein, daß alle Staa­ten, die totalitären wie die mehr oder weniger demo-kratischen, nach dem Gangster-Prinzip organisiert sind: sie bieten "Schutz" gegen von ihnen einseitig festge-setzte "Gebühren" und treiben diese gewaltsam ein, ohne Rücksicht darauf, ob der Betreffende

 

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diesen "Schutz" wünscht oder nicht - ganz abgesehen  davon, daß ihm neben diesem "Schutz" noch eine Menge anderes aufgezwungen wird.

Von den über 250 Milliarden DM Steuergeldern, die z.B. in der BRD 1976 eingetrieben wurden, flossen mit mehr als 140 Milliarden DM, mehr als 56 % als Personalausgaben an die etwa 2,8 Millionen Beamten, Ange-stellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes - aus den Taschen jener, die ihre Einnahmen nicht dem Staat verdanken, sondern sich selber dafür abmühen müssen, um die "Staatsdiener" mit ihrem oft erheblichen Aufwand zu finanzieren.

Dabei machen die Steuereinnahmen nur etwa 80% der für 1976 mit rund 303 Milliarden DM veranschlagten gesamten Staats­einnahmen aus, wobei auch von diesen zusätzlichen der größ­te Teil gezwungenermaßen von den Staatsbürgern geleistet werden muß.

Darüber hinaus nimmt der Staat jedoch - zu Lasten aller Staatsbürger - auch noch Schulden auf, die von den Staats­bürgern verzinst und in der Zukunft getilgt werden müssen, was 1976 allein 20,5 Milliarden DM an fällig werdenden Zinsen kostete.

Mittels dieser Schulden brachte die BRD es im Jahre 1976 auf täglich eine Milliarde DM an Staatsausgaben. Denn die Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden be­liefen sich auf über 360 Milliarden DM! Das sind 36 % des Sozialprodukts von 1000 Milliarden DM.

Außerdem werden 33 % der Löhne und Gehälter als sog. So­zialbeiträge für.Angestellten und Arbeiterrenten-versiche­rung, Kranken- und Arbeitslosenversicherung zwangsweise eingezogen, was zusammen mit den vorer-wähnten 36 % er­heblich mehr als die Hälfte des Sozialprodukts beansprucht. Wir haben also bereits eine mehr als 50 %-ige kommuni­stische Staatswirtschaft !

 

Diese unterscheidet sich von der des totalitären Kommunis­mus weniger durch die privaten "Freiheiten", die sie dem Einzelnen noch läßt (und die mehr auf dem Papier stehen, als daß sie sich wirklich praktizieren lassen, wenngleich sie im Verhältnis zum Freiheitsspielraum der Einzelnen im Totalitarismus immer noch beträchtlich sind), als insbesonde­re dadurch, daß ihre "Rechts"-Ordnung bestimmte Privile-

 

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gien, Mono- und Oligopole schafft und aufrecht erhält, mit­tels welcher private Gruppen und Einzelne sowohl rechtlich wie tatsächlich gegenüber den anderen bevorzugt und in die Lage versetzt werden, auf deren Kosten hohe arbeitslose Ein­kommen zu erzielen, d.h. deren Arbeitskraft auszubeuten. Dabei tritt der "Rechtsstaat", der sich immer auf die angeb­liche Gleichheit Aller vor dem Gesetz beruft, nicht nur als Un­terdrücker im eigenen Interesse, sondern auch in dem der von ihm bevorzugten Einzelnen und Gruppen auf.

 

Die Staaten monopolisieren für sich ein bestimmtes Stück Erd­oberfläche nebst darüberliegendem Luftraum und angrenzenden Küstengewässern und unterwerfen alle, die sich innerhalb die­ser Grenzen aufhalten, der vom Staat diktierten jeweiligen sog. "Rechtsordnung"; diese diskriminiert die Nicht-Staatsangehöri­gen und unter-wirft die Staatsangehörigen bestenfalls dem "ge­setzlichen" Diktat einer Mehrheit, die in der Praxis stets von einer winzigen Minderheit "repräsentiert" wird, also der Herr­schaft einer kleinen Gruppe. Hinter der Fassade der Gemein­nützigkeit, des Schutzes und der sozialen Fürsorge verbirgt sich aber nicht nur die Ausplünderung der Einzelnen durch den Staat in direkter Form, sondern eine ebenso schlimme indirek­te: denn der Staat schafft Institutionen und erhält sie aufrecht, welche die Dauer-Ausplünderung der breiten Masse zugunsten kleiner Nutznießerschichten ermöglichen.

 

Die gefährlichsten Mittel der Ausplünderung sind das vom Staat geschützte Oligopol des: Bodeneigentums (wobei der Staat als alleiniger Bodeneigentümer in der staatssozialistischen Form natürlich nicht dessen Auf-hebung, sondern dessen Krönung be­deutet !) und - neben anderen - insbesondere das staatliche Geldmonopol. Jedes Privileg und jedes Mono- oder Oligopol, das nicht die freiwillige Zustimmung Aller hat, bedeutet eine Verletzung der gleichen Freiheit Aller. Denn der Privile­gierte oder Monopolinhaber hat, wie der Herrscher, ein Mehr an Freiheit auf Kosten der gleichen Freiheit anderer.

 

Eigentum bedeutet bekanntlich das Recht, mit einer Sache nach Belieben zu verfahren. Die sog. Sozialbindung des Eigentums (das "verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen") im Grundgesetz der BRD ist nicht nur selbst eine ideologische Forderung, sondern je nach dem In-

 

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halt der verschiedenen Ideologien auch beliebig auslegbar, so­wohl was das "Wohl" wie die "Allgemeinheit" betrifft.

Nicht jedes Eigentum bedeutet zugleich ein Monopol. Man muß insbesondere unterscheiden zwischen dem Ei-gentum an belie­big (wenn auch nicht unbegrenzt) vermehrbaren Gütern und solchen, die - wie der Boden und seine Schätze - nur begrenzt vorhanden sind. Man muß erst recht unterscheiden zwischen Eigentum an dem Produkt eigener Arbeit (oder dem, was je­mand gegen solches an Produkten fremder Arbeit eintauscht) und Eigentum an dem, was die Natur ohne Arbeit als ihr Geschenk an Alle darbietet, wie den Boden und seine Schätze. Dabei ist deren Grundsubstanz, so wie die Na­tur sie schenkt, wieder zu unterscheiden von dem, was durch Bodenbearbeitung und Hebung und Bearbeitung der Bo­denschätze an Eigentum erworben werden kann.

Der nur begrenzt vorhandene Boden, der angesichts ständig wachsender Menschenzahlen immer kostbarer wird, auch in der Bodenqualität und seinen Schätzen, besonders aber in sei­nem Lagewert sehr unterschiedlich ist, gehört zu den sog. na­türlichen Monopolgütern.

Denn der Boden ist in mehrfacher Hinsicht - als Nahrungs-, als Wohnungs-, als Rohstoff- und als Standort-Grundlage für jedwede Produktion - unerläßliche Grundlage für die Existenz jedes Menschen, nicht viel anders als die Luft.

Nun stelle man sich einmal vor, daß die Luft - ähnlich wie heute der Boden - Eigentum einer verhältnismäßig kleinen Min­derheit, während die große Mehrheit jener tributpflichtig wä­re, etwa in der Weise, daß jeder Mensch mit einem Meßgerät vor der Nase herumlaufen und je nach der genutzten Atemluft den Luft-Eigen-tümern Zahlung leisten müßte! Diese Vorstellung ist nicht weniger absurd als die Tatsache des heutigen Bodeneigentums-"Rechts".

Dessen Wesen liegt ja darin, daß der Bodeneigentümer nicht nur ein Stück Boden zwecks persönlicher Bear-beitung oder Bewohnung nutzen, sondern daß er von einer viel größeren Fläche, als er dazu braucht, andere von deren Benutzung ausschließen oder aber ihnen einen an ihn laufend zu leistenden Tribut auferlegen darf, der nicht nur offen in Miet- und Pachtbeträgen, sondern versteckt in den Preisen al-

 

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ler Waren erscheint und im Grunde nichts anderes als eine Art moderner Sklaverei bedeutet. Es bedeutet ins-besondere, daß er einen Großteil der von anderen geschaffenen Werte, durch die der Lagewert seines Grund-stücks gesteigert wurde, in die eigene Tasche stecken darf. So sehen die angeblich "glei­chen" Rechte und Pflichten aus, welche die Staatsbürger haben.

 

Diese eindeutige Ausbeutung der einen durch die anderen hat nun aber noch zwangsläufige Auswirkungen, durch welche die bisher erwähnten gewaltig gesteigert werden. Man braucht sich nur zwei Männer vorzustellen, die eine gleich große und gleichwertige Bodenfläche bearbeiten, wel­che ihre ganze Arbeitskraft beansprucht. Dann werden, von Ausnahmen abgesehen, ihre Einkommen und Vermögen sich nicht wesentlich unterschei-den. Wenn nun aber einer von die­sen außerdem noch eine weitere größere Bodenfläche als "Ei­gentum" besitzt, die er selbst gar nicht bearbeiten, wohl aber für den gleichberechtigten Nutzungsanspruch anderer an diesem Naturgeschenk sperren kann, so vermag er mittels dieses absurden "Rechts" so viel Miet- oder Pachteinnahmen von Nicht-Bodeneigentümern zu erpressen, die auf die lebens­notwendige Bodennutzung angewiesen sind, daß sein Einkom­men und Vermögen sehr rasch das des anderen überrundet. Er kann also aus diesem erpreßten ar-beitslosen Einkommen schnell größeres Kapital bilden und durch dessen Einsatz sei­ne eigene Arbeitsproduk-tivität so steigern, daß er dadurch den anderen bald überrundet, wenn nicht gar nieder konkur­riert.

 

Je größer die Bodenflächen sind, deren Nutzung jemand mit­tels dieses ebenso skandalösen wie absurden Boden -"Rechts" zu sperren vermag, und je größer ihre Schätze, desto mehr vermag er auch, allein durch Behinderung dieser Nutzung, die Preise der Bodenprodukte und Bodenschätze hochzutreiben und als Mono- oder Oligopolist auch auf diese Weise ein ar­beitsloses Einkommen zu erpressen, das seine Übermacht immer weiter steigert.

 

Da der Boden ein nicht vermehrbares und gegenüber der Nach­frage ständig seltener werdendes Gut ist, ermög-licht das - vom Staat geschaffene und aufrechterhaltene! - heutige Boden­eigentums-"Recht" es einer Minder-heit, und unter dieser wie­der einer kleinen besonders bevorzugten Schicht, in Form der

 

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sog. Grundrente aus ihrem Bodeneigentum laufend arbeitslo­ses Einkommen zu beziehen, welches die eine   Hauptquelle der großen Vermögensunterschiede darstellt. Denn was den einen dabei als unverdientes Mehr zufließt, muß von den ande­ren jeweils aus ihrem eigentlichen Arbeitsertrag abgezweigt werden. So werden die einen immer reicher, auf Kosten jener, die dadurch auf keinen grünen Zweig kommen können.

 

Die Ausschließung der Vielen vom gleichberechtigten Zugang zum Boden durch das Eigentum der Wenigen, diese Monopoli­sierung einer unentbehrlichen Lebensgrundlage, führt aber nicht nur zu einer laufenden, in allen Preisen sich niederschla­genden Ausbeutung, über deren Ausmaß sich die wenigsten klar sind; die enormen Bodenwertsteigerungen, die aus der steigen­den Nachfrage infolge der ständig wachsenden Menschenzahl ent-stehen, wobei noch eine schwindelhafte Währungspolitik mit­wirkt, durch welche der Bodenbesitz als Sachwert eine ver­stärkte Nachfrage genießt, führen innerhalb kurzer Fristen zu Bodenpreissteigerungen bis zum Hun-dertfachen und mehr; in München waren es z.B. zwischen 1950 und 1970 im Durch­schnitt 2000 Prozent.

Im gleichen Verhältnis wächst dabei auch die aus dem erhöh­ten Bodenwert fließende Grundrente, die einen wesentlichen Teil des Preises aller Produkte bildet, wohlgemerkt: aller, also nicht nur der Bodenprodukte al-lein, und also von allen Konsumenten gezahlt werden muß, keineswegs etwa nur von den Bodenpächtern oder den Mietern allein.

 

Von noch größerer Bedeutung als die Ausplünderung und Aus­beutung,  weil ursächlich für diese, ist die Aus-schließung der großen Mehrheit vom freien, gleichberechtigten Zugang zum Boden, der ja zugleich eines der wichtigsten Produktionsmittel ist. Das führt sowohl zu direkter Arbeitslosigkeit, die es sonst gar nicht geben könnte, als auch über die Abhängigkeit von Bo­deneigentümern hinaus in die Abhängigkeit von anderen Kapi-tal­eigentümern, deren Kapital ursprünglich nahezu ausschließlich aus der Grundrente, aus Miet- und Pachter-trägen stammte. Man muß sich einmal gründlich darüber klar werden: aus dem Bodeneigentum entstand - und wird heute immer noch gespeist - die ungleiche Vermögensverteilung und das, was man Kapi­talismus nennt.

Mit der Entwicklung von Technik und Industrie wuchs die Macht und Kapitalüberlegenheit der Bodeneigen-tümer, zumal der gros-

 

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sen, noch weiter; sie konnten nunmehr neben dem Produktions­mittel Boden, das sie durch Lohnabhängige ge-gen geringes Ent­gelt bearbeiten ließen, auch noch die produzierten Produktions­mittel einsetzen, welche teils den Bodenertrag ganz außeror­dentlich vermehrten, während sie zugleich die Zahl der Bear­beiter reduzierten (und damit immer mehr Menschen vom Boden aussperrten), teils - infolge gewaltiger Kapitalüberlegenheit -ganz neue Ausbeutungsformen und -möglichkeiten eröffneten. Denn die Bodensperre durch die Eigentümer trieb nun jenes be­sitzlose Landarbeiterproletariat in die Städte, welches die bil­ligen Arbeitskräfte für die Fabri-kanten lieferte, deren Kapital ursprünglich nahezu ausschließlich aus der Grundrente stamm­te, die großen Bo-deneigentümern zugeflossen war.

Ohne das Bodeneigentum hätte sich niemals ein Kapitalismus entwickeln können, wie wir ihn kennen.

Auch heute noch, nachdem die produzierten Produktionsmittel gewaltige Eigenbedeutung neben dem natürli-chen Produktions­mittel Boden erlangt haben, stammt immer noch ein wesentli­cher und sich ständig erhöhender Teil des Ungleichgewichts der Vermögen aus der Grundrente, die in den Industriestaaten nun zunehmend aus dem städtischen Grundbesitz fließt.

 

Professor Franz Oppenheimer hat die Bodenfrage, die von den instinktlos gewordenen Pflastertretern so unter-schätzt wird - obwohl gerade sie es besonders zu spüren bekommen, daß das wichtigste aller Produktionsmittel nicht nur mit der Produktion von Bodenerzeugnissen und Bodenschätzen, sondern auch mit der von Wohn- und Betriebsgebäuden, mit jedwedem Kon­sum und jedweder Produktion überhaupt, zusammenhängt - nach ganz neuen Gesichtspunkten ins Blickfeld gerückt. Ohne die Abschneidung des freien Zugangs von jedermann zum unent­behrlichsten aller Produktionsmittel konnte und kann es keinen Kapitalismus geben.

Das hat selbst Marx im Schlußkapitel des ersten Bandes seines "Das Kapital" deutlich gemacht (freilich ohne daraus die richti­ge Konsequenz zu ziehen). Er erzählt dort die Geschichte eines vornehmen Engländers, namens Peel, der mehrere tausend Per­sonen der arbeitenden Klasse und eine ungeheure Menge von Ka­pitalgütern der verschiedensten Art nach Australien brachte, um ein von ihm erworbenes riesiges Landgut nach allen Regeln ka­pitalistischer Kunst auszubeuten. Kaum angelangt, verschwanden jedoch die Arbeiter sofort, nahmen sich jenseits des Peelschen

 

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Besitzes selber Land und arbeiteten für sich, während dem armen Lord - dem seine ganze Kapitalmacht gar-nichts nütz­te - nicht ein einziger Diener zurückblieb, um ihm Wasser zu holen oder das Bett zu machen.

"In den Kolonien wird der Lohnarbeiter von heute, morgen unabhängiger, selbst­wirtschaftender Bauer oder Handwerker. Er verschwindet vom Arbeitsmarkt, aber nicht ins Arbeitshaus. Wo jeder Ansiedler ein Stück Boden in sein privates Eigentum und Produktionsmittel verwandeln kann, kann es keinen Kapita­lismus geben". So Marx an der erwähnten Stelle. Also ist es nicht der private Besitz von Produktionsmitteln als solcher - der im vorstehenden Fall dem Besitzer gar nichts nützte - , sondern es ist die Sperrung des freien Zu­gangs von je-dermann zu den Produktionsmitteln, welche die Vielen in Abhängigkeit von wenigen Privilegierten und Mo­nopolisten und Oligopolisten bringt und diesen durch Grund­rente, Zins und Monopolgewinne tributpflichtig macht.

Rousseau hatte es deutlich gesagt: "Wer den ersten Zaunpfahl in die Erde rammte und dazu sagte, dieses Land ist mein, und Dumme fand, die es glaubten, der legte den Grund zu den heutigen Staaten , Denn wer ist es, der das Boden-Oligopol, welches die unverschämte Ausbeutung der großen Mehrheit durch eine kleine Minderheit ermöglicht, 'legalisiert" und schützt? - Der Staat, dessen Hauptrolle als Interessenver­treter einer Minderheit gegen die Lebensinteressen einer Mehrheit hier überdeutlich wird!

 

Die Urberaubung jedes Menschen durch den Staat findet bereits bei seiner Geburt statt - mit Ausnahme derje­nigen, denen die Staatsgewalt, eben zu Lasten der anderen, ein einträgliches Privileg gewährt: das Bodeneigen-tum. Der Einzelne  wird hilflos in eine sog. "Rechts"-Ordnung hinein­geboren, die nichts mit wirklichem Recht, d.h. einer von der Basis der gleichen Freiheit Aller ausgehenden freien Vereinbarung zu tun hat, sondern im Gegenteil die durch keinerlei beweisbaren Rechtsanspruch stützbare Vor­rechtsstellung einer Minderheit gegenüber einem lebens­notwendigen Wirtschaftsgut und Produktionsmittel festlegt, auf das, als Geschenk der Natur, ausnahmslos jeder Mensch einen gleichberechtigten Nutzungsanspruch erheben kann. Wie dieser, verbunden mit der Sicherung des gleichbe-

 

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rechtigten Zugangs zum Boden für jeden Einzelnen (wobei auch das "Wohl der Allgemeinheit" nicht in der schwindel­haften Form wie bisher, sondern in der einzig möglichen ge­sichert und zugleich das Problem der Grundrente gelöst wird) am zweckmäßigsten realisiert werden kann, wird im 7. Kapi­tel dargelegt.

 

Hier kommt es zunächst darauf an, deutlich zu machen, daß der Staat keineswegs echte Rechtsgleichheit der Einzelnen ver­bürgt, sondern daß die "Gleichheit vor dem Gesetz" in raffi­nierter Weise schwerstwiegende Ungeheuerlichkeiten verbirgt, durch welche mittels Privilegien, Mono- und Oligopole die ei­nen den anderen tributpflichtig gemacht und einer sowohl "rechtlichen" wie tatsächlichen Herrschaft nicht nur der Staats­funk-tionäre, sondern eben besonders privilegierter Gruppen von Staatsbürgern unterworfen werden.

Diese sowohl Unterdrückungs- wie Ausbeutungsfunktion des Staates wird dadurch verschleiert, daß er die Ver-staatlichung des Schulwesens und seine sonstigen Einflußmöglichkeiten da­zu benutzt, nicht nur weitgehendste Unkenntnis über sein ei­gentliches Wesen und seine wahren Hauptfunktionen aufrecht­zuerhalten, sondern den noch unkritischen Köpfen ein ganz falsches Vorstellungsbild davon einzuprägen. Hierzu siehe auch Dr. Walther Borgius "Die Schule - ein Frevel an der Jugend" (Berlin 193o).

Dr. Borgius sagt darin (und  belegt es auch durch eine Fülle an Material): "Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen (bzw. aus ähnlichen Ansätzen konkurrenzgefährlicher Stellen - Kir-che, Städte, Private - usurpiert), um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwen­digkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Eman-zipationsidee im Keime zu lahmen, die Entwick­lung ihres Denkens in wohlgehegte Bahnen zu lenken und sie zu bequem regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen".

 

Dies erklärt auch, wieso ansonsten recht gescheite Köpfe geradezu blind sind für die offensichtlichsten Tat-sachen. Wer von denjenigen z.B., denen von ihrem "Vaterland" al­lenfalls die Erde in ihren Blumentöpfen wirklich gehört, weiß, oder hat die Konsequenz daraus gezogen, daß selbst in der dicht besiedelten BRD pro  Kopf der Bevölkerung rund

 

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4000 qm. Bodenfläche, davon rund 3000 qm. Nutzfläche ent­fallen, während es im Weltmaßstab sogar 25 000 qm. je Kopf, also einschließlich aller Kinder und Greise, sind ? !

 

Wie wenig Menschen haben auch nur eine Ahnung davon, daß 1500 qm. Bodenfläche bereits ausreichen, um den durch­schnittlichen Nahrungsbedarf eines Menschen zu decken, und dies in nur etwa acht Wochen Arbeits-zeit, verteilt auf das ganze Jahr!  - Es bleiben dann noch 44 weitere Wochen zur Deckung sonstiger Lebens-bedürfnisse.

Hätte also jeder Einzelne und jede Familie in der BRD einen völlig gleichberechtigten Nutzungsanspruch ge-genüber dem Boden und seinen Schätzen (den sie sogar im Weltmaßstab noch erweitert geltend machen könnten und nicht nur auf das Gebiet der BRD zu beschränken brauchten), so hätte jeder­mann überreichlich Boden zur Verfügung, ohne dadurch ir­gend jemanden anderen benachteiligen zu müssen;  die Grund­lebensbe-dürfnisse für Wohnung und Nahrung (auch Kleidung) wären dabei gedeckt, so wie die Natur sie für jedes frei-leben­de Tier deckt; und dies in voller Unabhängigkeit von irgend­welchen "Arbeitgebern", Vormündern, Herr-schern oder "Für­sorgern". Denn allein schon auf diese Weise würde jedwede Arbeitslosigkeit unmöglich und jedes Geschwätz davon, daß zu wenig Arbeitsmöglichkeit vorhanden sei und diese da­her "verteilt" werden müsse, enthüllt sich selbst und seine Verbreiter als schwachsinnig.

Es gibt niemals Mangel an Arbeitsmöglichkeiten, weil die Be­dürfnisse der Menschen unbegrenzt sind und alle menschliche Arbeitskraft nie ausreicht, sie voll zu befriedigen. Alle heu­tige Arbeitslosigkeit beruht nur darauf, daß die Betreffenden durch aggressive Gewalt daran gehindert werden, zu arbeiten - und dies zu einem wesent-lichen, ja dem wesentlichsten Teil (J.Z.: Einige Zeilen später schreibt er diese Rolle dem Geldmonopol zu! - J.Z., 3.3.04.), dadurch, daß sie von der gleichberechtigten Nutzung des wich­tigsten Produktionsmittels, des Bodens, ausgesperrt werden.

Ausgesperrt durch den angeblich die Gleichberechtigung und das Wohl Aller verbürgenden Staat, indem dieser   durch nichts, aber auch garnichts zu rechtfertigende Vorrechtsansprüche (denn auch die Luft kann man nicht "kaufen", um dadurch Tribute von anderen zu erpressen) ei­ner Minderheit auf ein Geschenk der Natur "legiti-miert", da­durch, daß er einfach der nackten aggressiven Gewalt das

 

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schwindelhafte Mäntelchen eines "Rechts" umhängt (wozu noch zu bemerken ist, daß diejenigen Staaten, wel-che solche Vor­rechte Einzelner und Gruppen gegenüber dem Boden nicht le­gitimieren, sondern im angeblichen Kollektivinteresse als al­leinige Bodeneigentümer auftreten, sich nicht weniger aggres­siv gewaltsam gegenüber den Einzelnen und deren Gesamtheit verhalten).

 

Die oben skizzierten Auswirkungen dieser Urberaubung, die zu den sich ständig verschärfenden Gegensätzen zwischen den Armen und den Reichen führt, zu den enormen Vermögensunterschieden, zu neuen, zusätzlichen Ausbeu­tungsmöglichkeiten, die genau so vom Staat geschützt werden wie das Bodeneigentum, zu Arbeits-losigkeit, Krisen, dem Elend und der Unterdrückung weiter Kreise, werden dann vom Staat, zum Anlaß genom-men, sich als Hort, Schützer und Fürsorger der so Benachteiligten aufzuspielen und durch eine Fülle weiterer aggressiver Eingriffe in die gleiche Freiheit Aller seine eigene angebliche Notwendigkeit zu rechtfertigen. Aber allein schon die Beseitigung der Urberaubung, für die der Staat verantwortlich ist, würde jene Zustände gar nicht erst entstehen lassen!

Die Sicherung des gleichberechtigten Zugangs zum Boden und seiner Nutzung für jedermann ist daher funda-mental.

 

Noch verhängnisvoller (J.Z: Oben schreibt er diese Rolle dem Bodenmonopol zu! - J.Z., 3.3.304.) - und wiederum zum Nutzen nur einer kleinen Schicht - wirkt sich das Geldmonopol aus, das sich der Staat selber angeeignet hat.

Denn da die arbeitsteilige Wirtschaft ohne Tauschmittel nicht existieren kann - es sei denn als Kommando-wirtschaft von Herrschern und Beherrschten - ermöglicht dessen Monopoli­sierung zunächst eine fortgesetzte Erpressung von Zinsen für dessen Benutzung, was weit über die Kosten der Herstellung und Verwaltung dieser Tauschmittel hinausgeht. Dabei bestimmt der von der Notenbank willkürlich festgesetz­te Zins (Diskont) nur die   allerunterste Grenze des­sen, was von den Geldbenutzern als Zins entrichtet werden muß. Denn da die Noten-bank ihr Monopol u.a. dazu nutzt, das Geld nicht direkt den wirtschaftenden Menschen, sondern ausschließ­lich den Banken zur Verfügung zu stellen (diesen also ein Oligopol ermöglicht), wird der Diskontsatz nur von  den Banken be­zahlt, die ihrerseits im Durchschnitt mindestens den dop-

 

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pelten, jedoch oft mehr als den dreifachen Betrag an Zin­sen, wozu noch diverse "Spesen" kommen, den Kreditnehmern berechnen.

Auch die Banktätigkeit ist vom Staat so privilegiert und an Vor­schriften gebunden, daß es dadurch den Banken möglich wird, in zwar begrenztem, aber erheblichem Umfang sogenanntes Buchgeld zu schöpfen und für dieses ebenfalls Zinsen zu erpres­sen, die weit über den Herstellungs- und Verwaltungskosten ei­nes freien Tauschmit-tels liegen.

Um welche Summen es dabei geht, läßt sich daran ermessen, daß z.B. bei der Hausbaufinanzierung die edlen Helfer für die Zurverfügungstellung der Tauschmittel, d.h. die Kredite, in der Regel an Zinsen mehr kassieren, als der ganze Bau an sich ko­stet. Der Bauherr muß also in der Regel den Preis für zwei, manchmal sogar den für drei Häuser bezahlen, um nur eines besitzen zu können. Den Gegenwert des oder der anderen stec­ken die edlen Helfer, teils als arbeitsloses Einkommen, teils als enorm überhöhtes Entgelt für eine gegen jedes Risiko ab­gesicherte Leistung, selber ein. Die Folge ist, daß bis zu 80% der Mieten aus Zins und Grundrente bestehen. Daß jede Zinserhöhung gleichzeitig auch die Grundrente stei­gert und der Zins so eine viel umfassendere Aus-wirkung er­hält als die Grundrente, dürfte ebenfalls klar sein.

 

Weitere Folge ist, daß in den Preisen aller  Produkte bis zu 50 % an Zins und Grundrente stecken. Um dies zu verstehen, muß man sich vor Augen halten, daß infolge der technischen Entwicklung ein immer größerer Anteil auf den Kapitaleinsatz und ein immer geringerer auf die menschliche Arbeitskraft entfällt. In den meisten Be-reichen der Wirtschaft ist heute pro Arbeitsplatz ein Kapitaleinsatz von l50 000. - DM und mehr erforderlich. Dies bedeutet:  vorrangig, bevor über­haupt jemand als abhängig Beschäftigter Lohn oder Gehalt emp­fangen kann (der Durchschnittsverdienst in der BRD lag 1975 bei ca. 1.870. - DM brutto oder 1.350. - DM netto pro Monat), muß zuerst der Zinsanspruch des für den betreffenden Arbeits­platz erforderlichen Kapitaleinsatzes erfüllt werden; sonst kann der Betreffende weder beschäftigt werden, noch etwas verdienen. Dieser Zins muß vom Unternehmer, wenn er mit Fremdkapital arbeitet, an die betreffenden Kreditgeber entrichtet werden und kostet ihn dann etwa 9 % (in Zeiten verhältnismäßig niedriger Zinsen); oder, falls er alles Kapital selbst stellt, muß er den

 

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durchschnittlichen Zinssatz kalkulatorisch in seine Rechnung einsetzen, weil er sonst klüger täte, sein Kapital an andere zu verleihen, um arbeitsloses Einkommen daraus zu ziehen. Folglich gehen jeden 1.350. - DM, die der Unternehmer als Lohn oder Gehalt auszahlt, mehr als 1.100. - DM (13.500. - Zins, dividiert durch 12) voraus, als Zinsanteil am Arbeits­produkt.

 

(J.Z.: Die veroeffentlichten Bilanzen von Firmen zeigen in den meisten Fällen nur einen geringen Anteil fuer Zins, Profit und Dividenden am Gesamtertrag an. Meistens nur 5 bis 15 %, gegenüeber Löhnen, Sozialabgaben und Steuern, die auf 85 bis 95 % kommen. Ulrich von Beckerath hatte jahrzehntelang solche Bilanzen gesam-melt. Die von der anti-kapitalistischen Mentalitaet Besessenen ignorieren solche Tatsachen gewöhnlich. Ich habe Dutzende solcher Bilanzen seit 1952 gesehen. Einige sind in den Beckerath Papieren enthalten. Wenigstens in Deutschland werden täglich solche Bilanzen veröffentlicht. Meines Wissens ist diese Erfahrung noch nicht in einem Buch zusammengefasst worden. - J.Z., 7.4.04.)

 

Dies Verhältnis wird für den Arbeitnehmer oft noch ungün­stiger dadurch, daß ein Durchschnittssatz bestenfalls bedeu­tet, daß je 50 % darüber und darunter liegen, daß also bei den letzteren die Bruttoeinkommen bei 1.600. - und die Nettoaus­zahlungen bei 1.100. - DM sich bewegen. Faktisch aber ver­läuft die Einkommenskurve so, daß der großen Masse unter­durchschnittlicher eine recht geringe Zahl überdurchschnittlicher Einkommen gegen-übersteht, sodaß etwa zwei Drittel unter dem offiziell errechneten Durchschnitt liegen. Außerdem steckt im Arbeitsprodukt, d.h. in dessen Preis,ne­ben der Grundrente meist noch ein Monopolgewinn des Unter­nehmers (neben dessen Arbeitsvergütung), der daraus resul­tiert, daß die Arbeitnehmer als Einzelne heute in der Regel weder das entsprechende Kapital, noch die nötige Kreditfä­higkeit besitzen, um ohne den Unternehmer auszu-kommen. Bestünde diese Situation nicht, gäbe es keine Grundrente und keinen Zins, oder diesen jedenfalls nicht in der heutigen Hö­he, so könnten die Arbeitnehmer, da ja auch im Preis der Rohstoffe entsprechende Grundrente-,  Zins- und Monopolge­winn-Anteile stecken, statt der heutigen durchschnittlichen 1.350. - DM mindestens etwa den doppelten Betrag kassieren - und ohne die Zwangssteuern und die Zwangs-Sozialabzüge sogar weit über 3.000. - DM.

Daß bei solchen Durchschnittseinkommen jedwede staatliche "Sozialpolitik" völlig überflüssig wäre, liegt auf der Hand.

 

Macht man sich also klar, daß schon von vornherein der Ar­beitnehmer nur einen kleinen Teil dessen ausgezahlt erhält, was er an sich hätte verdienen können, weil davon neben Zins, Grundrente und Monopolgewinn des Unternehmers noch ein happiger Anteil des Staates (22 % Mindeststeuersatz + 33 % Sozialbeiträge, da ja auch der Unternehmeranteil an diesen zum Arbeitslohn gehört) für Steuern und Sozialbeiträge weg­geht, und daß vom schäbigen Rest, soweit er konsumiert wird, nochmals rund die Hälfte in die Taschen der Zins- und

 

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Grundrentebezieher fließt (weil der entsprechende Anteil in jedem Preis steckt), dann kommt erst richtig zum Bewußtsein, welch ungeheuerliche Ausplünderung durch das vom Staat geschaffene und aufrechterhaltene Geldmonopol, noch neben der durch das Bodenoligopol, erfolgt und worin somit die Hauptfunktion des Staates liegt.

 

Weil so nicht nur die gesamte Produktion, sondern auch na­hezu sämtlicher Konsum durch den Zinsanteil in den Preisen mit laufenden Tributen in Milliardenhöhe belastet ist, die als arbeitsloses Einkommen einer Minderheit von Privilegierten zufließen, ergeben sich dabei - ähnlich wie bei der Grundren­te, noch weitgreifende Auswir-kungen, welche die Reichen immer reicher werden lassen und die Armen immer abhängiger von jenen.

 

Die kleinen Zinsbezieher sind sich gar nicht dessen bewußt, daß sie durchschnittlich das Doppelte dessen, was sie selber an Zinsen erhalten, in den Preisen wieder zurückzahlen müs­sen - denn dies ergibt sich aus der Diffe-renz zwischen den Zinsen, welche die Banken den Sparern zahlen, und jenen, die sie den Kreditnehmern berechnen, indem letztere auf die Preise überwälzt werden.

 

Da die Zins- und Grundrente-Bezieher gar nicht imstande sind, ihr arbeitsloses Einkommen zu konsumieren, verstärkt sich ihre Kapitalmacht und ihre Monopolstellung ständig, wäh­rend die ihnen Tributpflichtigen eben deshalb gar nicht in die Lage kommen, entsprechendes Kapital zu bilden.

 

Die legalisierte Ausraubung, welche die vermögenslosen Ar­beitnehmer, nach diesen die kleinen Sparer und insbesondere auch die Rentner besonders hart trifft, ist aber noch nicht die schlimmste Auswirkung des staat-lichen Geldmonopols. Dies hat nämlich die noch viel üblere Folge, daß die Zinswirtschaft sich von selbst ver-ewigt und daß zugleich der allgemeine Le­bensstandard weit unterhalb des an sich möglichen Niveaus gehalten wird.

Da der Staat für die Benutzung seines monopolisierten Tausch­mittels einen Zins verlangt, der weit über den Kosten der Her­stellung und Verwaltung dieses Tauschmittels liegt - denn diese betragen noch nicht einmal den Bruchteil eines Prozents - , er-

 

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gibt sich folgende Wirkung: jedes Mal, wenn die wachsende Produktivität so viel Realkapital (die sog. Pro-duktionsmittel) geschaffen hat, daß dessen wachsendes Angebot den Zins her­unterzudrücken beginnt, zieht sich das Geld-,  d.h. Kreditan­gebot so lange zurück und stoppt damit die weitere Produk­tion, bis der Zins wieder in die Höhe geht. Unter den Diskont­satz der Notenbank plus den bei den Banken üblichen Zuschlag kann er auf die Dauer gar nicht fallen. Die privaten Kreditge­ber wissen das und verhalten sich entsprechend. Daher ist der Monopol-Zins ein Riegel, welcher jene Knappheit des Ka­pitals, mit welcher man den Zins motiviert und   "rechtfertigt", überhaupt erst bewirkt und als Dauerzustand erhält.

(J.Z.: Das Geldausgabemonopol belastet aller Wirtschaftsteilnehmer auf verschiedene Weise viel mehr als es nur durch den Zinsanteil geschieht der wirklich diesem Monopol zuzuschreiben ist. - J.Z., 7.4.04.)

 

Eine kleine Minderheit wird dabei in zunehmendem Tempo im­mer reicher, ohne einen Finger zu rühren, wäh-rend die große Mehrheit - und unter ihr nicht etwa nur jene, welche selber Zinsen zahlen müssen, sondern eben alle  Arbeitnehmer und alle Konsumenten - niemals zu nennenswertem Vermögen gelangt und während auch die Produktion von Produktionsmit­teln, ebenso wie die von Konsumartikeln, weit unter dem mög­lichen Stand gehalten wird.

 

Die Gewerkschaften, beeinflußt durch die Marxsche Mehrwert­theorie, welche nur eine Nebenquelle der Aus-beutung und gar nicht deren Hauptursache erkannte, sehen das Übel lediglich im Unternehmergewinn und übersehen dabei, einen wie großen Teil dessen, was sonst als Arbeitsvergütung anfallen könnte, Zins und Grundrente (nicht zu vergessen : die Staatsgewalt in direktem Zugriff) wegfressen. Statt nicht nur gegen über-trie­bene Unternehmergewinne, sondern auch gegen den Zins Front zu machen und damit die Preise herab-zudrücken, was ja auch eine Einkommensvermehrung bedeutet, steigern sie oft, durch an sich berechtigte For-derungen, die z. T. jedoch nur auf Ko­sten des Zinses Erfüllung finden könnten, die Preise, da auch der Un-ternehmer unter dem ehernen Druck steht, Zinsen für Fremdkapital zahlen oder aber den Betrieb schließen zu müs­sen; wo aber der relativ seltene Fall vorliegt, daß der Unter­nehmer nur mit Eigenkapital arbeitet, wäre er, solange die heutige Zinswirtschaft andauert, töricht, wenn er dies unverzinst zur Verfügung stellte, während er bei Schließung seines Betriebes und anderweitiger Anlage seines Kapitals gegen Zin­sen ohne Arbeit sorgenlos leben könnte.

 

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Natürlich kann der Zins nicht von einem Tag auf den anderen abgeschafft (wohl aber das Monopol der Noten-bank!) oder vielmehr auf das reduziert werden, was den effektiven Kosten bei der Herstellung und Verwaltung von Tauschmitteln ent­spricht. Denn er resultiert nicht nur aus dem monopolisti­schen Aufschlag der Notenbank auf diese Kosten, sondern, wie erwähnt, auch daraus, daß eben durch die Riegelnatur des Zinses (die wiederum von der Notenbank bewirkt wird) das vorhandene Realkapital bisher weit unter der Menge ge­blieben ist, die möglich und notwendig gewesen wäre. Solan­ge die Nachfrage nach Realkapital größer bleibt als das Ange­bot, bildet sich daher auch aus diesem Gesichtspunkt ein Auf­geld, ein Zins. Doch dieser Zins muß - bei freier Kon-kurrenz in der Schaffung von Tauschmitteln - ständig sinken, je mehr der Rückstand an Realkapital aufgeholt wird. Neuerdings hat auch Professor Friedrich A.von Hayek, Nobel­preisträger und Sachverständiger im Geld-wesen, den Vor­schlag gemacht, man müsse das Geldmonopol den Regierungen und Notenbanken wegnehmen, da sie dieses unter politischem Druck mißbrauchen. Man müsse es der freien Wahl der Bürger überlassen, wel-che Art von Geld sie benutzen wollen, in wel­cher Währung sie Transaktionen ausführen wollen. (FAZ, 20.1.76)

 

Zu beachten ist ferner, daß infolge des Zinsabzuges an dem, was eigentlich Arbeitslohn sein könnte, die Arbeit-nehmer mit letzte­rem niemals die Produkte kaufen können, die sie hergestellt ha­ben; während die Unternehmer einerseits, die Zins- und Grund­rente-Bezieher anderseits gewöhnlich höhere Gewinne erzielen, als sie selbst bei Luxusaufwand konsumieren können. Das führt also notwendigerweise zu mangelnder Kaufnachfrage und zu Ab­satzschwierigkeiten, welche die Produktion noch weiter einschränken, als es der Zinsriegel ohnehin tut.

 

Das Rentabilitätsgesetz bewirkt, daß nicht das hergestellt wird, wonach tatsächlicher Bedarf besteht, sondern nur das, was neben der Grundrente den geforderten Zins erbringt, d.h. was "renta­bel" ist. Jede Produktion, die neben ihren sonstigen Kosten nicht noch den üblichen Zins nebst Grundrente erbringt, muß also un­terbleiben, so daß eine Menge an sich möglicher Produktionen deswegen ausfällt. Jedes Prozent mehr an Zins schraubt die Ren­tabilitätsgrenze höher und läßt entsprechend mehr an sich mögli­cher Produktion ausfallen; wie umgekehrt jedes Prozent Zinsen

 

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weniger die Rentabilitätsgrenze senkt und entsprechend mehr Produktion möglich macht, die bei höherem Zins unmöglich, weil unrentabel, gewesen wäre. Der Betriebswirtschaftler Schmalenbach sagte mit Recht, daß, wenn der Zins auf Null sänke, es rentabel werden könnte, am Nordpol (in Glashäu­sern) Südfrüchte anzubauen!

 

(J.Z.: Hier will ich nur meinen Widerspruch über mehrere Punkte registrieren. Um die verbleibenden Irrtuemer und Fehlschlüsse von K.Z. zu widerlegen muesste wenigstens ein Buch geschrieben werden. - J.Z., 3.3.04.)

 

Die Notenbank treibt außerdem als sogenannte "Währungspo­litik" abwechselnd bewußte Inflations- und Defla-tionspolitik, wobei sie durch willkürliches Herauf- und Herabsetzen des Zinses die von ihr jeweils zuvor be-gangenen Fehler in dieser Politik wieder auszubügeln versucht. Wie wenig den Notenbanken das gelingt, wird in der weltweiten Inflation in nahezu allen Ländern offenbar. Ebenso deutlich wird, daß die Notenbanken offen-bar entweder unfähig oder unwillig sind, den Geldwert stabil zu halten - was bei einem nicht monopo­lisierten Tauschmittel unschwer fertigzubringen ist. Inflation aber treibt den Zins natürlich von sich aus höher, da sie es möglich macht, Schulden mit entwertetem Geld zurückzuzahlen (wovon die Staaten selbst besonders eifrigen Gebrauch machen). Inflation beraubt gleichzeitig die Sparer, insbesondere die kleinen Sparer, die nicht auf Sachwerte ausweichen können, um Milliarden betrage (die Sparer in der BRD hatten jährliche Kaufkraft-ver-luste von 20 bis 30 Milliarden DM), während den großen Vermögensbesitzern geradezu in die Hände gearbei-tet wurde:  denn sie er­hielten über die Banken das Geld der kleinen Sparer und konnten es in weitgehend wert-beständigen Sachwerten anle­gen, während sie die Rückzahlung in entwertetem Geld vor­nahmen. Durch In-flation wird es den kleinen Sparern immer wieder zusätzlich unmöglich gemacht, zu nennenswertem Vermö-gen zu kommen.

Wenn dann die Notenbank wieder einmal auf Deflationspoli­tik umschaltete, gingen zahlreiche Klein- und Mittelbetriebe in Konkurs und fielen so als Konkurrenz für die Großen aus, oder sie konnten von diesen billig aufgekauft werden. In beiden  Fällen findet eine Kapitalvernichtung sowohl bei den kleinen und mittleren Spa-rern wie Unternehmern statt; das Kapital bleibt  dadurch knapp und die Rendite der großen Kapitaleigentümer, sowie die Abhängigkeit von diesen, bleibt gesichert. In voller Kenntnis dieser Tatsachen wirken fast alle Staa-ten

 

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bewußt auf eine laufende Geldentwertung hin, weil sie kein an­deres Mittel kennen oder anwenden wollen, um zur Vollbeschäf­tigung zu kommen; während diese nach Fortfall aller Privilegien und Monopole, insbesondere des Staates als deren Urheber und Schützer, sich ganz von selbst einstellen würde.

Die Absurdität von "Arbeitslosigkeit" und "Arbeitsbeschaffung" hat ihre letzte Ursache allein im Staat. Es fehlt weder an unge­stilltem Bedarf, noch an Arbeitsfähigen und Arbeitsgewillten, um diesen zu decken; sondern vom Staat geschaffene und ver­teidigte Einrichtungen, wie insbesondere das Geldmonopol und das Bodenoligopol, hindern die Betreffenden an der Arbeit und zwingen sie in eine unwürdige, abhängige Situation der Unter-drückung, in der sich auch diejenigen befinden, die arbeiten "dürfen", wobei sie laufender Beraubung ausge-setzt sind.

 

Dies nicht nur im Interesse einer privilegierten Minderheit, von der z.B. Woodrow Wilson, der als Präsident der USA es ja wissen mußte, sagte: "Die wahren Herren unserer Regierung sind die untereinander verbundenen Kapitalisten und Industriel­len der Vereinigten Staaten", während Fritz Berg, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, das so aus­drückte: "Wir Geschäftsleute können die Verhandlungen unse­rer Regierung fördern oder scheitern lassen".

Sondern zunehmend geht eine gesonderte Ausbeutung noch von den "Staatsdienern" aus, die sich eine Fülle von Vorrechten gegenüber den "ihrer Rechtshoheit Unterworfenen" gesichert haben, zumal sich ihre Zahl in den letzten 25 Jahren ungefähr verdoppelt hat und um durchschnittlich 3 % jährlich steigt. Wirklich produktive oder auch nur die Produktivität der Wirt­schaft indirekt fördernde Arbeiten werden von diesen Staats­dienern nur in geringem Umfang geleistet; hingegen sind zahl­reiche ihrer Tätigkeiten auf faktische Behinderung der Pro-duk­tivität und auf Aufrechterhaltung der Unterdrückungs- und Aus­beutungsmechanismen gerichtet, worin ja der hauptsächlichste Staats zweck liegt.

 

Die Personalausgaben machten 1950 nur 6 Milliarden DM aus; 1974 waren sie bereits auf 109 Milliarden DM geklettert, 1975 sind sie auf 134, 6 Milliarden DM gestiegen! 1976 beanspruch­ten sie mehr als 56 % aller Steuern.

Merkwürdige "Diener" sind es auch insofern, als das Durch­schnittseinkommen im öffentlichen Dienst gut 30 % über dem

 

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Durchschnittseinkommen in der Gesamtwirtschaft lag (also derer, zu deren Wohl die "Diener" angeblich arbei-ten) - neben den sonstigen Vorteilen insbesondere der Beamten mit ihrer automatischen Beförderung, ihrer Ar-beitsplatzsicher­heit, ihren gegenüber den Renten weit höheren Pensionen und zahlreichen versteckten Neben-vorteilen.

Das Rechnen mit Durchschnittszahlen verbirgt dabei die Tat­sache, daß durch sog. "Strukturänderungen"  (Stel-lenanhebungen, personelle Aufblähung des höheren Dienstes) die Zahl der Angehörigen des höheren Dienstes unverhältnismäßig stark gesteigert wurde. Es gibt also relativ immer mehr Ministerialräte und Ministerialdiri-genten im Verhältnis zu immer weniger Inspektoren, Sekretären und Amtsgehilfen. Bei den Tarifver­handlun-gen werden jeweils die Niedrigstverdiener mit ihren z.T. nur bescheidenen Einkommen vorgeschickt, um Stei-gerungssätze auszuhandeln, welche die in einzelnen Sparten des öffent­lichen Dienstes und zumal in dessen höheren Rängen weit Ober­höhten Einkommen im gleichen Verhältnis weitersteigern. Die Abgeordneten sitzen dabei gar in einem Selbstbedienungsladen und unter ihnen stellen die Angehörigen des öffentlichen Dienstes seit langem eine sichere Mehrheit.

 

So fließen unter dem Schwindelbegriff eines "öffentlichen Wohls" Dutzende von Milliarden DM jährlich in die Taschen von Leuten, die gerade in ihren Spitzenpositionen hauptsächlich verantwort­lich sind für die unter Staatsschutz und in direkter Staatsregie betriebene Ausbeutung durch "Kapitalisten", die aber zugleich in viel direkterer Form eigene, zusätzliche Ausbeutung betrei­ben. Bei annähernd 10.000.- DM und mehr Monatsge-halt, völ­liger Risikolosigkeit und entsprechender Pension kann diese Schmarotzerschicht von den meisten Kapi-talisten und erst recht - bis auf nur sehr wenige Ausnahmen - von den Unternehmern bloß beneidet werden.

 

Der Staat als Fürsorger und Beglücker

 

Die staatliche Erziehung bringt heute den meisten ein ganz fal­sches Bild vom Staat bei, wozu noch die Propa-ganda der Inter­essentengruppen beiträgt, welche die Staatsmaschinerie dazu

 

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benutzen, sich Vorteile auf Kosten der anderen zuschanzen zu lassen.  "Wacht auf. Verdummte dieses Staates, die stets man noch in diese Schulen zwingt", sagte Fritz Rodewald, der Bun­desvorsitzende des Ausschusses junger Lehrer und Erzieher in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

 

In dieser verharmlosten Darstellung des Staates ist von dessen Unterdrückungs- und Ausbeutungsfunktionen nie die Rede, ob­wohl dies doch seine - auch historisch nachweisbaren - Haupt­funktionen sind. Sondern da er-scheint der Staat nur in einer Be­glückungsfunktion als Schützer und gar Wohltäter. Wahr ist, daß in der histo-rischen Entwicklung des Staates sich die Unter­drückungs- und Ausbeutungs- mit den Schutz- und Be-glückungs­funktionen oft von vornherein mischten, freilich mit starkem Überwiegen der ersteren.

 

Ursprünglich in der Regel als Resultat des Krieges und der räuberischen Gewalt den Unterworfenen aufge-zwungen, gewähr­te der Erobererstaat diesen allmählich auch einige Rechte, teils um sie von Aufständen abzu-halten, teils um sie als willigere Helfer bei neuen Eroberungs- und Raubzügen zu gewinnen. Wo aber die Ein-zelnen, im noch dumpfen, erst halbbewußten Gefühl Ihres Ichs, sich aus Schutz- und Sicherheitsbedürfnis ge-gen Kriegs- und Raubzüge anderer zu ersten halbstaatlichen Ver­bänden freiwillig zusammenschlössen, gewann die innerhalb die­ser sich herausbildende Kriegerkaste allmählich Vorrechte in dem Maß, in welchem die Bau-ern- und Handwerkerbevölkerung froh war, durch jene von eigenem Heeresdienst entlastet zu wer­den, und je mehr die zentralistische Organisation in der Krieg­führung sich durchsetzte.

In den erstarkenden Staaten war es dann vorwiegend das eigene Interesse der Zentralgewalt, die einzelnen Feu-dalherren nicht zu üppig werden zu lassen, welches dazu führte, daß der breiten Masse Schutz gegen einzelne Willkürakte zugesichert wurde und manchmal sogar einzelne positive Leistungen geboten wurden, um ihren Anhang zu gewinnen.

Heute wird besonderes Aufheben von der "sozialen Fürsorge" des Staates gemacht. Dabei ist jedoch die funda-mentale Tatsa­che zu beachten: der Staat ist unproduktiv und kann nur das ge­ben, was er zuvor genommen hat. Er gibt sogar nur weit  we­niger, denn eine riesige Bürokratie lebt außerdem davon mit, was er nimmt, und zwar weit besser als die von ihr "Be-

 

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fürsorgten". Außer dieser Tatsache sind noch die folgenden weiteren zu beachten:

 

Der Staat als Instrument sozialer Gerechtigkeit ist eine Illu­sion, ganz abgesehen davon, daß "Gerechtigkeit"  ein kaut­schukartiger ideologischer Begriff ist, was eine Einigung über dessen Inhalt ausschließt.

Entweder ist die staatliche Umverteilung von Einkommen mittels der Steuern und Subventionen dadurch ge-rechtfertigt, daß jene, denen dabei genommen wird, dies Einkommen auf unrechtmäßige Weise erworben ha-ben, oder aber es ist ein Unrecht an ihnen.  Wenn aber das erstere der Fall ist, dann ist es wohl richtiger, die   Ursachen zu beseitigen, durch welche jene auf unrechte Weise Einkommen erzielen (wie sie ja vorstehend skizziert sind). Nicht jedoch dürfen diese Ur­sachen vom Staat zuvor geschaffen und aufrechterhalten wer­den,   um dadurch eine Ausbeutung überhaupt erst zu ermög­lichen, die nachträglich durch "soziale Leistungen"  zum Teil wieder ausgeglichen werden soll.

 

Es ist eine Illusion, daß der Staat die Reichen dazu nötigt, aus ihrem Überfluß zur Unterstützung der Armen beizutra­gen, ganz abgesehen davon, daß es ja gerade der Staat ist, welcher durch seine sog. "Rechts"- , d.h. in Wirklichkeit Gewalt-Ordnung die immer größer werdenden Unter­schiede zwischen Reichen und Armen über-haupt erst bewirkt. Auch der sog. Wohlstand in den Industrieländern des Westens ist nur ein sehr relativer und vor allem durch den höheren Beschäftigungsgrad gegenüber früher, insbesondere durch Mitarbeit der Frauen, bewirkt.

Wenn man die Löhne und Gehälter vor dem zweiten Weltkrieg in Vergleich zu den damaligen Preisen setzt, merkt man, daß sich an den Realeinkommen heute gegenüber damals eigent­lich nichts Wesentliches geändert hat: die Preise sind etwa im gleichen Verhältnis gestiegen wie die Löhne und Gehälter. Hingegen hat sich das Kapitaleinkommen ungleich stärker vermehrt, was bei dem wachsenden Kapitalanteil an der Pro­duktion und dem sich aus sich selbst heraus ständig vermeh­renden Kapital in der heutigen Monopolwirtschaft ja kein Wun­der ist.

 

Während die Arbeitnehmer ihre Steuern voll entrichten müs-

 

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sen, indem sie ihnen bei der Lohn- und Gehaltsauszahlung gleich abgezogen werden, läßt der Staat den Selb-ständigen zahlreiche Hintertüren offen, um Steuern zu "sparen" und erläßt sie ihnen in vielen Fällen ganz offen unter dem Vor­wand der Investitionsförderung, welche jedoch praktisch nur einer Minderheit von Bevorzugten in besonderem Maße zu­gute kommt, da ja die Masse nichts Nennenswertes besitzt, was sie investieren könnte; während jene Minderheit auf Ko­sten der großen Mehrheit immer mehr Vermögen ansammelt.

 

In den USA kam jüngst heraus, daß z.B. 112 Privatpersonen, deren Einkommen 1970 je 200.000.- Dollar über-stieg, über­haupt keine Einkommensteuer bezahlten und daß der Multimilliardär Jean Paul Getty trotz eines Jah-reseinkommens von 100 Millionen Dollar nur einige tausend Dollar Einkommen­steuer gezahlt hat.

 

Insbesondere ist es eine Illusion, daß den breiten Massen durch "soziale Fürsorge" des Staates etwas geschenkt werde. Im Gegenteil: unter dem Deckmantel der sozialen Fürsorge wird ihnen, insbesondere in der Kranken- und Rentenversi­cherung, ein Mehrfaches dessen genommen, was ih­nen schließlich zurückgegeben wird. Der Beitragszahler wird über das tatsächliche Ausmaß seiner Belastung dadurch ge­täuscht, daß jeweils die Hälfte der Sozialbeiträge als "Arbeit­geberanteil" gilt, während dieser tatsächlich nichts anderes ist als Lohn- oder Ge-haltsbestandteil, der dem Arbeitnehmer ausbezahlt würde, wenn er nicht jene Zwangsbeiträge leisten müßte.

 

Geht man vom durchschnittlichen Arbeitnehmer-Bruttover­dienst 1975 aus, der gemäß dem Statistischen Bun-desamt bei 1.860. - DM monatlich lag, so fließen 18 % für Renten-, 12 % für Kranken- und 3 % für Arbeitslo-senversicherung, insge­samt also 33 % mit 620. - DM monatlich als eigene Leistung des Betreffenden in eine Art Zwangssparkasse für Notfälle, aus der er jedoch in solchen Fällen nur einen Teil des von ihm selbst Geleis-teten zurückerhält und keinesfalls etwas geschenkt.

Denn 620. -DM pro Monat oder 7.440. - DM pro Jahr ergeben in 40 bis 50 Arbeitsjahren 297. 600. - bis 372. 000. - DM ohne jede Verzinsung. Schon bei der als "normal" geltenden Ver-

 

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zinsung, welche das Geldmonopol als unterste Grenze erzwingt, erst recht bei der heute üblichen weit höheren, verdoppelt sich der Betrag alle 20 bis 25 Jahre; d.h. nach den ersten 20 bis 25 Jahren sind statt 148. 800. - bis 186. 000. - DM bereits 297. 600. - bis 372.000. - DM vorhanden und nach den weiteren 2o bis 25 Jahren allein schon 595.200.- bis 744.000- DM aus den Zahlungen der ersten 20 bis 25 Jahre, während durch die Zahlungen der zweiten 20 bis 25 Jahre und deren Verdoppelung noch 297. 600. - bis 372. 000. - DM hinzu­kommen.

 

Dies macht doch wohl überdeutlich, welcher Betrug heute mit der angeblichen sozialen Fürsorge des Staates getrieben wird und welche dreiste Ausbeutung der Eigenleistung der Zwangs­versicherten sich dahinter verbirgt.

Diese werden also um einen Betrag, der oft eine Million DM überschreitet, unter dem Deckmantel der "sozialen Fürsorge" tatsächlich enteignet. Denn was sie davon im Fall der Arbeits­losigkeit (die sie letzten Endes immer auch dem Staat zu "ver­danken" haben),  der Krankheit und der Altersrente zurück­erhalten,  macht, wie evident, doch nur einen Bruchteil davon aus, während eine beträchtliche Summe davon als Vermögens­bildung übrig bleiben müßte.

Daß dies insbesondere beim heutigen Krankenversicherungssystem nicht der Fall ist, sondern die Beiträge im-mer wieder erhöht werden, liegt daran, daß eine riesige Bürokratie auf Milliardenbeträgen ein Schmarotzer-dasein führt und auch daran, daß dieses Zwangssystem Ärzte wie Versicherte zu verschwen­derischer Vergeu-dung dieser riesigen Mittel verleitet, wobei die anständigen und verantwortungsbewußten Menschen ganz be­sonders durch die korrupten und skrupellosen ausgebeutet wer­den.

 

Dieser Skandal wird zum Teil durch die vom Staat betriebene schleichende und mitunter galoppierende Infla-tion verdeckt, die im Zusammenhang mit der entsprechenden Gesetzgebung es den privaten Versicherungen unmöglich macht, den Zwangsver­sicherungen wirksame Konkurrenz zu machen (obwohl sie trotz ihres Handi-caps im Vergleich zu jenen Bewundernswertes lei­sten). Denn die Zwangsversicherungen können den Geldwert­schwund einfach aus dem Steuersäckel,d.h. also durch noch­malige erweiterte Plünderung der bereits zwecks "sozialer Fürsorge" Enteigneten decken.

 

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Die vorgenannten Beträge ergeben sich unter Einrechnung ei­ner heute üblichen Verzinsung, mit der ja auch die Versiche­rungen bei Anlage ihrer Gelder rechnen. Fällt nach Beseiti­gung des staatlichen Geldmonopols schließ-lich der Zins fort, d.h. reduziert er sich auf die Kosten der Geldherstellung und Verwaltung + angemessene Ri-sikoprämie für einen Kredit,  so ist zu berücksichtigen, daß gleichzeitig auch die Arbeitseinkom­men entspre-chend steigen, auf mindestens das Doppelte, wäh­rend die Preise um den Zins- und Grundrenten-Anteil sinken und vor allem die Produktivität sich wesentlich erhöht.

 

Die meisten leben übrigens in der irrigen Vorstellung, daß ihre während ihres Arbeitslebens in die Rentenversi-cherung gezahlten Beiträge sich in einem wachsenden Fonds, ähnlich wie bei einer Lebensversicherung anhäuf-ten, aus dem dann bei ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozeß ihre Rente gezahlt wird.   Dies ist jedoch kei-neswegs der Fall, denn der ganze Rücklage-Fonds, wenn man von einem solchen über­haupt sprechen kann, um-faßt wenig mehr als den Betrag für drei Monatsrenten. Alles, was der Betreffende außerdem lebenslang einge-zahlt hat, ist nicht mehr vorhanden, wenn sein eigener Rentenanspruch fällig wird, denn es ist laufend veraus-gabt worden zur Deckung der Rentenansprüche ande­rer, die früher fällig wurden. Die fragwürdige "Sicherheit" seiner Rente beruht lediglich darauf, daß der Staat hofft, mittels seiner Staatsgewalt auch künftig die späteren Gene­rationen zwingen zu können, die Verpflichtungen abzudecken, die er (auf anderer Leute Kosten) einge-gangen ist. Wenn aber die laufenden Beitragseinnahmen bei diesem höchst un­soliden System (für dessen Prak-tizierung ein Privatmann ein­gesperrt würde) wegen Rückgangs der Bevölkerungszahl oder des Beschäftigungs-grades zur Deckung der Verpflichtungen nicht mehr ausreichen, erhöht der Staat einfach die Beiträge oder die Steuern zu Lasten der dann zufällig davon Betroffe­nen und nennt dies "Solidargemeinschaft" (während eine frei­willige Gemeinschaft natürlich etwas ganz anderes ist als diese Zwangsvereinigung), von welcher der Staat selbst, d.h. seine "Diener" und Nutznießer ausgezeichnet leben.

 

Die "soziale Fürsorge" des Staates ist also nur ein Glied in der Kette des vom Staat verübten Betrugs. Ebenso wie die "Sorge" des Staates für den Einzelnen überhaupt.

 

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Die Bevormundung   des Einzelnen durch den Staat, das ganze Leben lang, von der Geburt  bis zum Tode, zwingt ihn zunächst in die Schule, die, wie längst nachgewiesen (durch den oben schon erwähnten Dr. Walther Borgius "Die Schule -   ein Frevel an  der Jugend!", Berlin 193o, auch durch Dr.Gustav Groß­mann "Ferner liefen", München 1963), nicht den  Interessen der Schüler  dient, sondern vorzugsweise dem Interesse des Staa­tes an  der Heranzüchtung gehorsamer Untertanen. Der lächer­lich geringe Erfolg des staatlichen Schulunter-richts im Ver­hältnis zur aufgewendeten Zeit und den entstehenden Kosten könnte, wie ebenfalls nachgewiesen, bei rationellen Unterrichtsmethoden in einem Viertel jenes Zeitaufwandes, oder noch weniger, viel wirksamer erzielt werden.

 

Dann tritt der so präparierte Staatsbürger - nachdem er zu­meist  noch einer Wehr- oder Ersatzdienstpflicht un-terwor­fen wurde - in ein  Arbeitsleben, das ihn nicht nur unter  dem Vorwand der "sozialen Fürsorge" zum Sozialuntertan, ja zum Sozialsklaven macht, ihn nicht nur der Ausplünderung durch die vom Staat eingerich-teten und geschützten Monopole und Privilegien preisgibt, sondern auch noch der laufenden Aus­raubung durch den Staat selbst, unter den verschiedensten Vorwänden.

 

Allein die Rüstungslasten in der BRD erfordern jährlich pro Kopf 540. - DM, also für eine vierköpfige Familie 2.160.- DM. Im Verhältnis zum durchschnittlichen Arbeitnehmer-Netto­einkommen von 1. 35o.- DM (monatlich - J.Z.) bedeutet dies, daß der Ernährer einer vierköpfigen Familie allein mehr als anderthalb Monate im Jahr nur für die Rüs-tung arbeiten muß. Die Gesamtsteuerlasten durch Bund, Länder und Gemeinden (ohne die Schulden, die der Staat außerdem noch zu La­sten aller Staatsbürger macht!) erreichen sogar 4.100. - DM pro Kopf, also 16.400.- auf die vierköpfige Familie gerech­net, und machen somit mehr aus, als dieser schließ-lich zum Leben verbleibt.

Das ist, wohlgemerkt, eine Durchschnittsrechnung, bei der die erwähnte Steuerlast einerseits in dem ja entspre-chend hö­heren Bruttoeinkommen steckt, anderseits sich entweder auf Arbeitseinkommen mit höherer Progres-sionsstufe oder auf Steuern aus Kapitaleinkommen und Vermögen, sowie auf die in ihrer Bedeutung gewöhn-lich sehr unterschätzten Mehrwert-

 

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und Verbrauchssteuern verteilt. Bei den Steuern auf Kapital­einkommen und Vermögen ist zu berücksichtigen, daß diese Einkommensart infolge der Monopolwirtschaft bereits zu Lasten der Arbeitseinkommen gegangen ist, von denen also auch diese Steuern letztendlich getragen werden.

 

Im Mindestfall, d.h. wenn jemand nur durchschnittliches Ar­beitseinkommen, also bei noch niedriger Steuer-progressions­stufe hat, fressen Kranken- , Renten- und Arbeitslosenversi­cherung (richtig gerechnet, also mit dem sog. Arbeitgeberan­teil) 33 % und die Lohnsteuer mindestens 22 % des eigentlichen, des Bruttoeinkom-mens, weg. Außerdem aber werden alle Aus­gaben - neben den Verbrauchssteuern - durch die Mehrwert­steuer, nach offiziellen Angaben durchschnittlich mit 17 %, be­lastet.

Die Mindestbelastung durch den Staat beträgt also rund drei Viertel des Brutto-Arbeitsverdienstes und geht im Fall höhe­rer Steuerprogressionsstufen weit darüber hinaus.

 

Nochmals: jeder Staat, auch die angeblich "freien" des We­stens, zwingt bereits durch sein Prinzip den in sei-nem Macht­bereich befindlichen eine ganz überwiegend kommunistische Wirtschaft auf; übrigens beansprucht die Volksrepublik China angeblich nur 40 % der Einkommen als Staatseinnahme.

 

Dabei muß nun noch berücksichtigt werden, daß bereits die Brutto-Arbeitsverdienste nur der Rest, d.h. etwa 50 % dessen sind, was nach Abzug von Zins und Grundrente (durch die diesbezügliche Einmischung des Staates) als Arbeitsertrag verbleibt. Vom eigentlichen Arbeitsprodukt jedes Einzelnen schiebt also der Staat vorweg rund die Hälfte den Privilegier­ten und Monopolisten in die Tasche und von der anderen Hälf­te nimmt er selbst "zum Wohle" des Staatssklaven noch rund drei Viertel weg, sodaß letzterem etwa ein Achtel seines eigentli-chen Arbeitsprodukts verbleibt. Mit anderen Worten: der moderne Mensch arbeitet als Staats- und Sozialsklave zehneinhalb Monate jährlich für den Staat und die von diesem privilegierte kleine Schicht; vom Ertrag der übrigen andert­halb Monate muß er seine und seiner Familie Lebenshal­tungskosten für das ganze Jahr bestrei-ten. Und der Staat er­muntert ihn freundlicherweise, aus diesem schäbigen Rest auch noch Vermögen zu bilden.

 

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Eine Blütenlese bezeichnender Tatsachen über den "sozialen Rechtsstaat" hat Charlotte Rothweiler in ihrem Büchlein "Ein sozialer Rechtsstaat?" (Frankfurt/M. 1971) gesammelt. Man müßte aber einen dicken Band schreiben, um eine auch nur einigermaßen vollständige Übersicht über die teils räube­rischen, teils schwindel-haften und teils geradezu absurden Praktiken derer zu geben, die sich als konkrete Repräsen­tanten und "Diener" hinter dem Abstraktum Staat verstecken, das auch als eine Organisation zur "legalen" Verübung gegen­seitiger Taschendiebstähle definiert werden könnte, wenn man sich ganz mild ausdrücken will.

 

Zwar ist der moderne Staat infolge der "Demokratie" (welche bereits einen ersten Schritt auf die Herrschafts-losigkeit hin bedeutet) kein auf einen einheitlichen Zweck der (des? - J.Z.) Nur (zur? J.Z.)-Ausbeutung gerichtetes (gerichteten?- J.Z.) Herrschaftsgebilde (-gebildes? - J.Z.) (obwohl dies, wie darge­tan, sein Haupt-zweck geblieben ist), sondern eine Maschine­rie, an deren Hebeln zahlreiche widerstreitende Interessen sich betätigen. Was dabei herauskommt, zeigen jedoch die un­bestechlichen vorstehenden Zahlen.

(J.Z.: Sind Zahlen bestechlich? - J.Z.)

Wie bereits erwähnt, ist es auch eine offenkundige Absurdität, mittels eines kostspieligen Apparats zunächst einmal durch mas­sive Begünstigung derer, die arbeitsloses Einkommen erzielen, die Masse der anderen auszu-plündern und dann, mittels eines noch kostspieligeren Apparats, dieser dann einen kleinen Teil davon zurück-zugeben zu versuchen. Der "Vater Staat" sorgt aber wahrhaftig nicht aus väterlicher Liebe für die "Seinen" - es sei denn, daß man unter diesen die von ihm Privilegierten und Monopolisten versteht.

 

Beispielsweise ist im "sozialen Wohnungsbau", in dem durch Zinszuschüsse des Staates (die er aus den Steuern gerade auch derer nahm, denen dieser Wohnungsbau zugute kommen sollte) die Mieten anfänglich verbilligt wurden, eine Situation entstan­den, in der die Mieten des "sozialen" Wohnungsbaus erheblich über denen des frei finanzierten liegen. Die Zuschüsse des Staa­tes kamen nämlich in erster Linie denen zugute, welche die überhöhten Zinsen kassierten und dienten der Aufrechterhal­tung dieser überhöhten Zinsen.

Dasselbe passiert beim sogenannten "Wohngeld", wovon neben der kontrollierenden und auszahlenden Büro-kratie in erster Linie diejenigen profitieren, in deren Kassen dies "Wohngeld"

 

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wieder strömt, um ihnen den vollen Grundrente- und Zinser­trag zu sichern, den die Wohngeld-Empfänger ja gleich zu ihnen weitertragen müssen.

Es ist wirklich schwer, dazu keine Satire zu schreiben.

 

Innerhalb des Staates gibt es aber auch bereits gelehrige Schü­ler der Staatspraxis. So setzen organisierte Inte-ressengrup­pen ohne Rücksicht auf die davon Betroffenen ihre Wünsche nach höheren Subventionen, mehr Lohn oder kürzerer Arbeits­zeit durch. Dabei können auch kleine Gruppen die Gesellschaft erpressen, indem sie lebenswichtige Dienste wie Post- , Bahn-und Flugverkehr oder Schlüsselindustrien lahmlegen. In Eng­land forderten einmal gleichzeitig die Beschäftigten der Elek­trizitätsversorgung 37 %, die Müllabfuhrleute 43 %, die Fordar­beiter 50 % und die Landarbeiter an 60 %  Lohnerhöhung, unbe­kümmert darum, wie die so verursachten Preissteigerungen auf Kosten der Arbeiter in schwächeren Positionen, der Rent­ner, vieler selbständig Tätiger und zahlreicher Sparer gehen müssen.

In den verschiedenartigsten Formen haben sich Interessenver­bände, für die nur die rücksichtslose Durchsetzung der eige­nen Interessen, ohne jede Bedachtnahme auf die anderer, gilt, nicht nur auf vielfach verschlungenen Wegen und Umwegen als Lobby Einfluß auf die Gesetzgebung gesichert; sondern sie set­zen auch Mitglieder der Regierung oder der Verwaltung unter Druck mit Mitteln, die von harter Erpressung zu sanfter Kor­ruption reichen. Was davon herauskommt, ist immer nur mit der Spitze eines Eisbergs vergleichbar, von dem die Masse unsichtbar bleibt.

Solche Verbände nisten sich auch nicht nur direkt in Regierung und Verwaltung ein,  sondern richten in halb-staatlichen Institu­tionen Nebenregierungen ein, die jeder parlamentarischen Kon­trolle entzogen sind. Das ge-schieht unter harmlos klingenden oder gar mit edlem Pathos, mit "Gerechtigkeit" und "Fürsorge" begründeten gesetzlichen Formulierungen. So werden z.B. Ein­richtungen privilegiert wie Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung, die als öffentlich-rechtliche Körperschaften ein Monopol erhalten, das nicht nur bestimmten In-teressentengrup­pen massive materielle Vorteile sichert, sondern auch überaus vielfältige negative Wirkungen auf allerweiteste Bevölkerungskreise hat. Hierzu hat ein SPIEGEL-Report (Nr. 11-14, 1972) über "Das Ge-schäft mit der Krankheit" Material geliefert.

 

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Zu den kostspieligsten und zugleich absurdesten Subventionsmaßnahmen gehört die EWG-Agrarpolitik. Man hat ausgerech­net, daß jeder deutsche Bauer, der seine Landwirtschaft auf­gibt und damit auf die üblichen Subsi-dien verzichtet (welche die Preise hochtreiben), mindestens 1.000.- DM monatliches Nettogehalt beziehen könnte, ohne daß eine Steuer- oder Preis­erhöhung nötig würde, während bei der jetzigen Subventions­wirtschaft viele trotz schwerer Arbeit kaum ein solches Ein­kommen erreichen. Oder auch: es könnte allen  hauptberuf­lichen Bauern ein jährlicher Zuschuß von 5.000 - 6.000. - DM jähr­lich gezahlt werden, wenn der Staat die bis-herige Subventions­praxis aufgäbe und den Landwirten das viele Geld direkt zukom­men ließe.

Als sog. "Wirtschaftspolitik" werden heute mittels Subventionen "Butterberge", "Schweineberge", "Milch-pulverberge" künstlich hervorgerufen, um zu deren Abtragung dann weitere Subventio­nen für "notwendig" zu erklären.

Bei gleichberechtigt freiem Zugang zum Boden für jedermann, nach Fortfall von Grundrente und Zins, gibt es überhaupt keine "Agrarprobleme" mehr und jede "Wirtschaftspolitik", die stets einen räuberischen Eingriff des Staates zugunsten Privilegier­ter darstellt, entfällt.

 

Der Staat ermuntert die Wirtschaft geradezu (und schafft vor allem auch die Voraussetzungen), nach Kräften zu fusionieren, wie z.B. bei der Ruhrkohle-AG, um danach defizitären Unter­nehmen mit Milliardenbeträgen (aus den Taschen der Steuer­zahler) zu Hilfe zu kommen. Anderseits haben die vom Staat vielfach begünstigten Großunternehmen und Konzerne oft eine Marktmacht errungen, die einem Staat im Staate gleichkommt und jedenfalls die staatliche Konjunkturpolitik zunehmend wir­kungslos macht. Die Verbände, z.B. der Stahlindus-trie, tei­len sich internationale Absatzmärkte durch Vereinbarungen von Lieferquoten autonom auf und setzen im Inland die Marktwirt­schaft außer Kraft, indem sie bei Absatzstockungen die Preise erhöhen, statt sie zu sen-ken, wie z.B. auch in der Autoindu­strie. Während staatliche Maßnahmen zur Krediteinschränkung die kleinen und mittleren Unternehmen hart treffen, bleiben sie gegenüber den "Großen" wirkungslos, weil diese sich teils selbst über monopolistische Preise finanzieren, teils auf aus­ländischen Bankplätzen, die anderen verschlossen sind. Das Justizministerium der USA ging jüngst gegen den Compu-

 

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ter-Konzern IBM vor   wegen "Festsetzung von Preisen auf räuberischem Niveau. Es gibt IBM-Fabriken und

-Büros in über 100 Ländern der Erde und das Aktienkapital allein die­ser einen Firma erreicht mit 140 Milliar-den DM annähernd den Börsenwert aller westdeutschen Aktiengesellschaften zusammen. Bei 8,3 Milliarden Dollar Umsatz und 1,1 Mil­liarden Dollar Reingewinn 1971 konnte sie 1972 für For­schung und Entwicklung 550 Millionen Dollar ausgeben, dop­pelt so viel, wie Deutschlands größter EDV-Hersteller Sie­mens 1971 im Computer-Geschäft an Umsatz hatte. Die Rie­senfirmen wurden in der Regel durch massive staatliche Un­ter-stützung im Rüstungsgeschäft groß und nutzten dann ihre Übermacht zur Verschlingung ihrer Konkurrenten. Aus dem IBM-Beispiel darf übrigens nicht die Schlußfolgerung gezogen werden, daß die deutschen Konzerne etwa arm dran wären; Siemens z.B. konnte in zwei aufeinander folgen­den Geschäftsjahren je rund eine Milliar-de DM investieren und hat in den letzten zwanzig Jahren rund 80 Firmen im In-und Ausland aufgekauft oder neu gegründet. Durch Kartelle, Preisabsprachen, gegenseitige Beteiligun­gen, gemeinsame Tochterfirmen ist eine gegenseitige Ver­filzung der Monopolisten entstanden, welche die angeblich freie Konkurrenz und die Marktwirtschaft zu einem Hohn macht. Der EWG-Kommissar Albert Borschette, der in Brüssel für Wettbe-werbsfragen zuständig ist, kam zu dem Urteil: "Auf die Dauer zwingt die Konzentration uns dazu, über eine neue Gesellschaftsordnung nachzudenken".

 

Diese aber muß ganz anders aussehen, als man sie sich bis­her in der Weise vorgestellt hat, daß der Staat alleiniger Monopolinhaber werden oder als Kontrolleur und Beaufsich­tiger der Monopolisten wirken sollte. Nein, die Monopole selbst müssen verschwinden, oder, wo dies nicht möglich ist, durch entsprechende Ein-richtungen unwirksam gemacht werden (wozu wir einen ebenso einfachen wie überraschen­den Vorschlag haben). Denn eine Antitrust-Gesetzgebung gibt es in den USA schon seit über 80 Jahren, was die fort­schrei-tende Konzentration durchaus nicht behinderte. John Kenneth Galbraith, der seinerzeit Kennedy-Berater war, er­klärte: "Antitrustgesetze sind eine Farce, da die Industrie-Giganten gegen sie immun sind".  Und Volkmar Muthesius, der sich stets als getreuer Wachhund für die Interessen des

 

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Groß- und insbesondere Finanzkapitals betätigte, ging in sei­nem Eifer, dessen wirtschaftliche und auch poli-tische Macht zu leugnen, so weit, daß er einmal versehentlich die Wahr­heit sagte: "Es gibt im wirtschaftlichen

Leben nur solche Macht, die vom Staat ausgeht, von ihm entliehen ist".   Genau dies wurde ja hier erläutert.

 

Der Staat als Verbrecher

 

Es ist geradezu typisch für den Staat, daß jedes Verbrechen, wenn es nur gesetzlich gedeckt ist, dadurch "legal", also im staatlichen Sinne aus einem Verbrechen zu einer geduldeten und sogar lobenswerten Handlung wird.   Bei so ziemlich allen Handlungen, die in den Strafgesetzbüchern der einzelnen Staa­ten verpönt und mit Strafe bedroht sind, sagt der Staat: "Du darfst das nicht, aber ich selber darf es!"

 

Der  Staat betätigt sich als Mörder und Totschläger in der Ar­beit seiner Geheimdienste, bei der Todesstrafe und im Krieg, ja er zwingt die in seinem Machtbereich befindlichen, im Kriegs­fall selber zu morden oder aber an der Ermordung anderer mit­zuhelfen.

Der Staat betätigt sich als Wegelagerer, indem er an den Gren­zen und im "Inland" Zölle und Gebühren erhebt. Er betätigt sich als Räuber, indem er mit Finanzamt und Zwangs­vollstreckung sich ungeheure Summen aus den Arbeitsverdiensten und den Vermögen aller in seinem Machtbereich befindlichen an­eignet .

Er betätigt sich als Dieb, indem er es gar nicht wagt, das ganze Ausmaß seiner Ausplünderung offenbar werden zu lassen, und diese daher in eine Unzahl von Einzelsteuern und Abgaben so aufgespalten hat (was als Finanz-wissenschaft bezeichnet wird), daß den meisten dieses ganze Ausmaß verborgen bleibt; wenn sie es kennten, würden sie es sich ja nicht länger gefallen las­sen.

Entsprechende Zahlen sind vorstehend genannt, brauchen hier also nicht wiederholt zu werden.

Übrigens müssen beim Inkasso der Sozialbeiträge, sowie beim Einzug eines Teils der Steuern die deutschen Betriebe unbezahl-

 

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te Hilfsarbeit für den Staat leisten und diese kostet (nach An­gaben des Bundes der Steuerzahler) sie jährlich an die zehn Milliarden DM, was - natürlich in die Preise übergehend - wieder von allen Käufern getragen werden muß. Die Inflationen, durch welche der Staat sich eigener Schulden entledigt und Vermögen "umverteilt", näm-lich aus den Taschen der Armen und Ärmsten in die der Reichen, sind eine beson­ders raffinierte Form des Diebstahls. Der Staat raubt und stiehlt ja keineswegs nur für eigene Zwecke, sondern auch im Dienste derer, die ihn so pfiffig als ihren Helfershelfer auf­gebaut und eingerichtet haben.

Der Staat betätigt sich als Betrüger, indem er zwar das Fäl­schen von Längenmaßen und Gewichten, sowie sei-nes eigenen Geldes verbietet, das wichtigste Maß jedoch, das Tauschmit­tel Geld, selber fälscht und fälschen läßt, nachdem er es mo­nopolisiert und unter Annahmezwang gestellt hat, indem er seine Kaufkraft laufend ver-mindert.

Bei den Banknoten handelt es sich im Grunde um - mit Annah­mezwang versehene - Schuldscheine der Noten-bank, für welche diese jedoch keine Zinsen zahlt, sondern im Gegen­teil, auf Grund ihrer Monopolstellung, von den Gläubigern sol­che  nimmt! - Einen Privatmann, der ähnliches forderte, würde man entweder als Erpresser oder als Geistesgestörten einsperren. Aber ein Monopolist kann sich eben alles erlauben, zumal ein gesetzlich geschützter. Obwohl man eigentlich unter dem Naziregime gelernt haben sollte, daß auch Gesetze ver­breche-risch sein können.

Der Staat betätigt sich als Erpresser, indem er zahlreiche Tä­tigkeiten von seiner Genehmigung abhängig macht und durch eine Vielzahl von Vorschriften die Betreffenden, sowie ihre Klienten und Kunden, unterdrückt und ausbeutet. Er erpreßt zumal den gesamten Lebensunterhalt aller seiner Diener.  Der Staat singt das Hohelied der Arbeit und verbietet das Glücksspiel, lädt aber selber zu Lotteriespiel und Lotto ein,  wobei er den Löwenanteil der Einsätze kassiert, ebenso wie bei den Gewinnen der von ihm "konzessionierten" Roulette-Casinos.

Der Staat betätigt sich als Zuhälter, indem er, was er als Unzucht bezeichnet und mit Strafe bedroht, dann dul-det und indirekt fördert, wenn es ihm Geld einbringt; indem er die "Würde" des Menschen preist, zieht er nach dem Grundsatz "non olet" sein Geld auch aus schmutzigsten Quellen.

 

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Der Staat verbietet Sklaverei und Leibeigenschaft. Aber der Zustand der Unmündigkeit, Bevormundung, Gän-gelung, Mani­pulierung, Verfügbarkeit, in dem er alle in seinem Machtbe­reich befindlichen hält, unterscheidet sich sehr wenig von Sklaverei oder Leibeigenschaft. Der Staat verfügt im Krieg ja nicht nur über den Besitz, sondern auch über das Leben des Einzelnen und selbst im Frieden sind dessen Besitz und Freiheit immer nur sozusagen ein Lehen des Staates und kön­nen von diesem jederzeit geschmälert und eingeschränkt wer­den.

Der Staat spioniert und unterhält einen umfangreichen Appa­rat von Spionen und Agenten sowohl innerhalb sei-nes eigenen Gebiets wie im Ausland; aber er bestraft Spione, welche sei­ne eigenen Staatsgeheimnisse erfor-schen.

Der Staat fordert für sich das Selbstbestimmungsrecht. Wenn aber ein Teil seiner Bevölkerung dies selbe (dasselbe? - J.Z.) Recht für sich verlangt, schreit er "Hochverrat" und "Landesverrat" und geht mit brutaler Gewalt dagegen vor.

Besonders bemerkenswert ist die Strafandrohung gegen Aus­länder wegen "Landesverrat" an der BRD, auch wenn dies Delikt im Ausland begangen wurde.

Der Staat fordert in einem Atemzug "das Recht des Volkes, die Staatsgewalt auszuüben" und den "Ausschluß jeder Gewalt- und Willkürherrschaft". Wer sich aber aggressive Gewalt des Staates,d.h. dessen Eingriff in die gleiche Frei­heit Aller, nicht gefallen lassen will, wird wegen "Wider­standes gegen die Staatsgewalt" mit Strafe bedroht. Denn das Wesen des Staates liegt in der Aggressivität nach innen wie nach außen, das ist die sog. "Staatsraison" des Faust­rechts. Es liegt in der Aufrechterhaltung eines Herrschafts­zustandes, nicht nur zugun-sten des Staates selbst, sondern auch zugunsten der von ihm privilegierten Einzelnen und Gruppen, während die Mehrheit durch Monopole, von denen Bodenoligopol und Geldmonopol nur die wichtigsten sind, un­terdrückt und ausgebeutet wird, wozu noch die Unterdrückung und Ausbeutung durch den Staat selber tritt.

Der Staat betätigt   sich aber auch als Verleumder. Ähnlich wie im Deutschen Kaiserreich oft harmlose Sozial-demokra­ten amtlich als "Anarchisten" bezeichnet wurden, um sie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, wird heute ein systema­tischer Verleumdungsfeldzug gegen die Begriffe Anarchie und Anarchismus getrieben - wider besseres Wissen! Denn die

 

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wahre Bedeutung der Begriffe Anarchie als Herrschaftslosigkeit, die nicht nur gegen eigenes Beherrschtwer-den, son­dern freiwillig für Nichtherrschenwollen über andere ist, und Anarchismus, der grundsätzlich jede ag-gressive Gewalt ab­lehnt und daher auch der entschiedenste Gegner des Terrorismus ist, sind aus einer umfang-reichen Literatur zur Genüge bekannt, seit mehr als hundert Jahren. Es ist insbesondere eine verleumderische Infamie, die Baader-Meinhof-Gruppe, bei der es sich um revolutionäre Marxisten handelt und die ihre Bezeich-nung als "anarchistisch" ausdrücklich abgelehnt hat, sowie deren Gesinnungsgenossen, die das Gegenteil von Anarchismus anstreben, immer wieder systematisch und wider besseres Wissen als Anarchisten zu bezeichnen, nur um die­sen Begriff zu diskreditieren, mittels einer beispiellosen Volksverhetzung.

 

Wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt haben wird, daß es nur ein Verbrechen (in den verschiedensten Formen) gibt, näm­lich den gewaltsamen Eingriff in die gleiche Freiheit Aller, wird man wohl die soziale Fehl-Organisa-tion STAAT als den Haupt-Verbrecher aus Prinzip und als eine kriminelle Verei­nigung bezeichnen.

Aber auch heute schon ist er aufgrund seiner vorstehend nach­gewiesenen doppelten Moral und aufgrund der Tatsache, daß die Gangster ihr Grundprinzip (des aufgedrängten "Schutzes", gegen aufgezwungene Vergütung) dem seinen entlehnt haben, in bedenkliche Nähe zu einer solchen gerückt.

 

Der Staat - ein notwendiges Übel?

 

Wer den Staat für notwendig hält, der hält die aggressive Ge­walt für notwendig (ohne sich über die Konse-quenzen klar zu sein) und verwechselt eine aggressive mit einer rein defensi­ven Organisation. Daß es Dinge gibt, die nicht jeder Einzelne für sich allein, sondern nur in Gemeinschaft mit anderen re­geln kann, ist eine Binsenwahrheit. Aber für solche Regelung gibt es immer zwei Möglichkeiten: einerseits die aggressive Gewalt, welche die willkürliche Lösung den Widerstrebenden aufzwingt, anderseits die Verständigung, welche die Lösung

 

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auf der Basis der gleichen Freiheit Aller sucht. Letzteres bedeutet zugleich die Ächtung der aggressiven Gewalt und die Bildung von Defensiv-Organisationen gegen sie.

 

Die meisten meinen eine solche Defensivorganisation, wenn sie Staat sagen, weil sie über dessen Wesen noch niemals ernstlich nachgedacht haben und weil ihnen der Staat als eine gewohnte Erscheinung zu einer Selbst-verständlich­keit geworden ist, deren Wegfall sie sich kaum vorstellen können.

Aber auch die Hexenprozesse, die Folter, die Inquisition und die absoluten Monarchien waren einmal so ge-wohnte Er­scheinungen, daß man sich deren Fortfall kaum vorstellen konnte.

 

Daß der Staat zumindest als Schaffer und Schützer der Mono­pole und Privilegien wegfallen muß, ist eine im-mer stärker sich aufdrängende Erkenntnis, je mehr die bisherigen fal­schen Gesichtspunkte, Annahmen und Voraussetzungen be­richtigt werden müssen. Und was die übrigen Funktionen des Staates betrifft, neben jener  Hauptfunktion, so zielt das immer stärker hervortretende Streben nach Mündigkeit, Plu­ralismus und auch "De-mokratisierung" unzweifelhaft in die Richtung eines Abbaus der Herrschaftsfunktionen des Staa­tes (wenn auch meist mit unwirksamen Mitteln).

 

Man glaubt auch irrtümlich, daß vereinbartes - also ech­tes Recht nicht möglich sei ohne die Garantie einer über­geordneten Herrschgewalt. Dabei bietet das Völkerrecht ein evidentes Gegen- , wenn auch nicht Muster-Beispiel. Es gibt über den "souveränen" Staaten keine dem Staat in sei­ner Wirkung nach innen vergleichbare oberste Instanz. Den­noch funktioniert das Völkerrecht weitgehend als Vertrags­recht; es funktioniert mangel-haft, weil die "Souveränität' der Staaten auf deren ultima ratio, das Faustrecht, wohin­gegen die anders geartete Souveränität der Einzelnen sich auf Ächtung des Faustrechts, d.h. der aggressiven Gewalt, und auf das gemein-same Interesse an der gleichen Freiheit Aller und deren Verteidigung gründet.

 

Ein herrschafts- oder staatloser Zustand ist also keineswegs ein solcher der Willkür oder der Schutzlosigkeit. Er ist im

 

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Gegenteil, gerade weil gegen jede Herrschaft, eben des­wegen auch gegen jede Willkür und Aggression gerich-tet und sieht nicht-aggressive,  rein defensive Schutzorganisationen zur Verteidigung dieses Zustandes als Selbstverständlichkeit vor.

 

Den bisher religiös oder   ideologisch "begründeten'.' Herr­schaftssystemen - d.h. den  nach Maßstäben der Er-fahrungs­wirklichkeit überhaupt nicht begründbaren! - tritt mit dem Prinzip der gleichen Freiheit Aller etwas ganz Neuartiges ent­gegen: denn dieses stützt sich ausschließlich, meßbar wie mit einer Waage, auf die Maß-stäbe der Erfahrungswirklichkeit und ergibt sich als die unausweichliche Alternative der Entschei­dung zwi-schen aggressiver Gewalt auf der einen und Verständi­gung auf der anderen Seite,  welch letztere nur auf der Basis der gleichen Freiheit Aller für die Dauer möglich ist.

 

Es gibt eine Menge Leute, die voller Stolz von "unserem Staat" sprechen, und das sind keineswegs nur die von ihm Privilegier­ten; sie können sich ein Dasein ohne ihn überhaupt nicht vorstel­len und haben vor nichts größere Angst als vor der "Anarchie". Warum? - Weil eben die an ihrer eigenen Herrschaft interessier­ten die Herr-schaftslosigkeit als das Ende ihrer eigenen Vormacht und Vorrechte fürchten und daher den Begriff der  Anar-chie ver­fälscht haben, indem sie ihn mit Chaos und Willkür gleich­setzten.  Anarchie im wirklichen Sinne aber ist das gerade Gegenteil von Willkür, ist eine auf die gegenseitige Frei­heit Aller gegründete Ordnung, die durch viel wirksamere defensive Machtorganisationen geschützt wird, als sie die bishe­rigen staatlichen Gewalt-Ordnungen bieten können.

Die Anarchisten - das sind solche Leute, die weder selbst andere beherrschen, noch von anderen beherrscht werden wollen - den­ken gar nicht daran, die Staatsverehrer daran zu hindern, sich selber auch den absurdesten Gängelungs- und Ausbeutungsmaß­nahmen zu unterwerfen und alle vermeintlichen oder tatsächlichen Vorteile zu "genießen", welche ein "Staat", d.h. eine Herrschaftsor­ganisation, zu bieten vermag.  Nur folgendes soll dieser "Staat" nicht dürfen: auch andere. Nicht-Wollende, seiner Herrschaft ge­waltsam unterwerfen, für die Wollenden, und deren Staat über­haupt, mehr Freiheitsspielraum, also z.B. irgendwelche Monopo­le, auf Kosten anderer beanspruchen und die Grenze der gleichen Freiheit aller Außenstehenden selbst oder durch seine einzel-

 

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nen Mitglieder in aggressiver Form verletzen. Wenn diese Bedingungen erfüllt, ist ein solcher "Staat" nur noch dem Na­men nach ein Staat, tatsächlich aber eine freie Rechts- und Sozialgemeinschaft, in die man freiwillig eintritt, statt hinein­gezwungen zu werden, und aus der man aus freiem Entschluß auch wieder, nach fristge-mäßer Kündigung, austreten oder bei Verletzung übernommener Pflichten auch ausgeschlossen wer­den kann; letzteres jedoch, ohne in irgendeiner Form diskrimi­niert oder in seinem für alle gleichen Freiheitsspielraum be­einträchtigt zu werden.

 

Nichts anderes als eine fixe Idee der Staatsverehrer ist es, wenn sie für ihn den Anspruch erheben, für immer mehr Leute ungefragt immer mehr Geschäfte besorgen zu müssen. Das en­det natürlich damit, die Besorgung sämtlicher Angele­genheiten aller Menschen in die Hände einiger Menschen zu legen, in Herrschaft, statt in   Führung.

 

Man muß doch fragen: gibt es irgendeine Tätigkeit, die nur der Staat als solcher, d.h. als Herrschafts- und Zwangsorganisa­tion, durch seine Angestellten, seine Beamten, auszuüben fä­hig ist, und die die Gesellschaft als solche, in ihren Mitgliedern zu leisten unfähig ist? - Die Antwort ist einfach: die Lenker und Leiter des Staates, die Regierung und die Verwaltung, sind kei­ne Halbgötter oder Übermenschen. Auch der Staat ist keine über­menschliche, sondern eine durchaus menschliche - allzumensch­liche ! - Einrichtung;  er übt keine Art Tätigkeit aus, die nicht ebenso gut von anderen, einzelnen Menschen oder Vereinigungen von solchen, ausgeübt werden kann.

 

Wenn aber die Ersetzung des Staates durch freie Vereinigungen möglich ist, gibt es für seine heutige Form - die ja ohnehin in allen Staaten von den Fortschrittlichen für unzulänglich be­funden wird! -, für die Form des Zwan-ges und der aggressiven Gewalt, keinerlei Entschuldigung oder Notwendigkeit.

 

Oder vermag der Staat etwa nachzuweisen, daß er seine Tätig­keit besser und vorteilhafter auszuüben versteht, als andere, freie Vereinigungen dies vermöchten? - Dann soll er diesen Nachweis aber erst einmal auf gleichem Fuß, in freier Konkur­renz, ohne Monopol für sich, erbringen! - Hätte der Staat wirk­lich das Wohl aller  Einzel-nen im Auge, meinte er es wirk-

 

 

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lich gut und wollte er, wie er behauptet, nur Diener sein, so brauchte er ja keinen Zwang, sondern könnte es dem Willen der Einzelnen überlassen, sich freiwillig zu gemeinsamen Zwecken in ihm zusammenzuschließen, aber gegebenenfalls auch außer­halb der staatlichen "Hoheit" zu leben. Warum sieht er nicht seine einzige, durchaus zu billigende Aufgabe in der Herstellung und im Schutz der gleichen Freiheitssphäre Aller?

Dazu brauchte er nicht aggressiv zu werden, sondern hätte genü­gend freiwillige Teilnehmer, die an diesem gegenseitigen Schutz interessiert wären!

Statt dessen aber greift er aggressiv in die gleiche Freiheit Aller ein, schränkt die Freiheit der einen zugunsten erweiter­ter Freiheit der anderen ein, insbesondere durch Monopole und Privilegien, und maßt sich zudem selber Vorrechte gegen­über den Einzelnen an,  indem er sich als deren Herr auf­spielt, während er der Theorie nach deren bloßes Werkzeug und Diener sein sollte.

 

Wo der Staat vom Wohl der Gesamtheit spricht, da meint er nie tatsächlich das Wohl der Gesamtheit aller Ein-zelnen, sondern immer nur das Wohl eines Teils der Gesamtheit, das er auf Kosten des anderen Teils fördern will.

In welcher kraß einseitigen und aggressiven Weise dies geschieht, darüber sollte das vorstehend Skizzierte zu-mindest nachdenklich machen.

 

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DIE   IDEOLOGIE   DES   MARXISMUS UND IHRE   WIDERSPRÜCHE   ZUR  WIRKLICHKEIT

 

Marx spottete seiner selbst und wußte nicht wie, als er den Ausdruck von dem in Europa umgehenden "Ge-spenst" des Kom­munismus gebrauchte.  Zwar hat jenes, vorwiegend durch den bloßen Glauben an seine Wir-kungsmacht, inzwischen gewaltig an tatsächlicher Macht gewonnen; es hat sogar Junge bekommen, im Fa-schismus und im Wohlfahrtsstaat. Aber drei Jahre vorher war bereits ein anderes - wenn auch als solches nicht bezeichne­tes - Manifest erschienen, in welchem u. a. jener Kommunismus, den Marx propagierte, nebst der Ideologie, auf der er beruhte, als "Gespenst" bezeichnet worden war, dem Stirner die unbe­streitbare Realität des "Einzigen" gegenübergestellt hatte.

 

Marx hatte an die Stelle eines Schreckgespenstes ein klares Pro­gramm und, wie er vermeinte, unumstößliche, wissenschaftlich begründete Wahrheiten setzen wollen. Stirner, dessen Werk Marx zwar kannte, jedoch gründ-lich mißverstanden hatte, legte die Axt an die Wurzel aller Ideologien, indem er auf den Unterschied zwischen beweisbarer Realität und bloß gedanklichen Vorstellun­gen und Annahmen hinwies, die zwar auch existent sind, näm­lich in mehr oder weniger vielen Köpfen, aber in anderer Weise existent als die äußere, objektiv nachweisbare Wirklich­keit. Denn diese in den Köpfen existierenden rein gedanklichen Vorstellungen und An-nahmen, insbesondere die Abstraktionen, können zwar gewaltige Wirkungen auf die äußere Wirklichkeit er­zielen - aber sie erzielen diese Wirkungen ganz unabhängig da­von, ob sie selber richtig oder falsch, ob sie rei-ne, der Reali­tät widersprechende Einbildung, irrige Annahmen und Glaubens­sätze oder gar ausgesprochene Wahnideen sind; ja, sie pflegen sogar desto wirkungskräftiger zu sein, je besessener der Betref­fende von diesen Ideen ist. Sie erzielen Wirkung zumal, indem sie den von ihnen Besessenen zur aggressiven Gewaltanwendung anreizen.

Stirner zeigte in gründlicher Analyse, daß das meiste von dem, was nicht nur seinen und den Zeitgenossen von Marx als unzwei­felhafte Wahrheit galt,  sondern auch heute noch als solche ange­sehen wird, zu den fixen, d.h. starr und unbeweglich gewordenen

 

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Ideen zählt, die entweder als der Wirklichkeit nicht ent­sprechend nachweisbar sind, oder von denen zumindest nach­weisbar ist, daß eine Beweisführung für ihre Übereinstimmung mit objektiver Wirklichkeit völlig ausge-schlossen ist. Stirner gebrauchte daher den Ausdruck "Gespenster" und "Spuk" für solche Vorstellungen und Begriffe, die nach normaler Logik und Erfahrung, erst recht nach wissenschaftlichen Gesichts­punkten, völlig haltlos waren und sind, nichtsdestoweniger je­doch als fixe Ideen sowohl ihre Urheber (also das Geschöpf den Schöpfer), als auch alle daran Gläubigen - und in Auswirkungen auf alle bestehenden Einrichtungen auch die Gesamtheit unserer Lebensverhältnisse - beherrschen, indem sie in nahezu allen Beziehungen von Mensch zu Mensch zum Ausdruck kommen.

 

Obwohl gerade auch Marx, durchaus verdienstvoll und in man­cher Beziehung nicht ohne Erfolg, bemüht war, an die Stelle haltloser Spekulationen Wirklichkeitssinn und wissenschaftliche Einsicht zu setzen, war er doch so tief befangen in den grund­legenden Denkformen seiner Zeit, daß er sowohl in seinem Aus­gangspunkt wie in seinem Ziel es nur zu Abwandlungen an jenen, nicht jedoch zu einem wirklichen Umdenken brachte, obschon einige wertvolle Einsichten ihm zu verdanken sind. Der Weg je­doch, den er zu dem recht verschwommen ihm vorschwebenden Ziele wies, geht von einer ganzen Reihe folgenschwerer Irrtü­mer und logischer Fehlschlüsse aus und ist in seinen Methoden geradezu reaktionär. Das hat einen verhängnisvollen Einfluß auf die Entwick-lung des Sozialismus ausgeübt und diesen in eine Sackgasse geführt.

 

Widerlegte Voraussagen und falsche Behauptungen

 

Manche der aus angeblich streng wissenschaftlichen Feststel­lungen gefolgerten Voraussagen von Marx wurden durch die inzwischen eingetretene Entwicklung eindeutig widerlegt. Die Verelendungstheorie, nach der im Ka-pitalismus die Arbeiter sich ständig am Rande des Existenzminimums bewegen müs­sen, stimmt nicht. Denn ein gewandelter Kapitalismus brach­te zwar nicht allgemeinen Wohlstand, ganz offensichtlich je­doch in den kapi-talistischen Ländern einen ungleich höheren

 

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Lebensstandard gerade auch für die Masse der Arbeiter als im Staatssozialismus der Volksdemokratien, in de-nen oft schon seit dreißig, in der Sowjetunion bereits seit sechzig Jahren die Realisierung des kommunistischen Paradieses ausgeblieben ist.

 

Nirgends verschwindet auch in den kapitalistischen Ländern der Mittelstand. Der Verelendung einzelner Mit-telstands­schichten, die mehr durch Staatspolitik als durch den Kapita­lismus verursacht wurde, steht das Auf-steigen anderer gegen­über. Die Großbetriebe hätscheln geradezu eine Vielzahl klei­ner Zulieferbetriebe. Das frühere   Proletariat" ist gegenwär­tig zusehends in die Position des früheren Mittelstandes hinein­gewachsen, fühlt sich überwiegend nicht mehr als Proletariat und hat sich mit dem Kapitalismus zum Großteil so weit ar-ran­giert, daß es faktisch zu dessen Stütze geworden ist, so wie es Teile des frühexen Proletariats seit jeher wa-ren.

Da die Zahl (J.Z.: Anzahl) der Handarbeiter sogar ständig abnimmt, infolge der Rationalisierung und Auto-matisierung der Produktion, ver­flüchtigt sich auch die Aussicht auf eine Mehrheit des Proleta­riats und damit eine Haupt- und Kernthese der Marxschen Theo­rie.

 

Wenn übrigens die Marxsche Behauptung von der zwangsläufigen Dezimierung der Kapitalisten durch einan-der stimmte - "Je ein Kapitalist schlägt viele tot", schrieb er - , so hätte er sich auch an die Kapitalisten, nicht bloß an die Proletarier wenden müssen, denn dann müßte die große Mehrheit der Kapitalisten ja das größ­te In-teresse an der Abschaffung eines solchen für sie ruinösen Systems haben.

 

Wäre der Kernpunkt der Marxschen Theorie von der Gesetzmäßig­keit und Unaufhaltsamkeit des Zusammen-bruchs des Kapitalismus richtig, ist auch die Notwendigkeit einer proletarischen Diktatur nicht einzusehen, angesichts der von Marx prophezeiten völligen Proletarisierung der Gesellschaft. Gegen wen sollte sich dann die Diktatur richten? Gegen die paar Restkapitalisten? - Überhaupt: wenn die Gesetze des Kapitals die Mensch-heit sicher und zwangs­läufig zum Kommunismus tragen, je kapitalistischer, umso ra­scher, - warum bekämpfte Marx, was er wünschte?

 

Was Marx über eine Verkürzung der Arbeitszeit und Verbesserung

 

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der Arbeitsbedingungen in einer künftigen kommunistischen Gesellschaft geschrieben hatte, erfüllte sich kurio-serweise in der kapitalistischen, und zwar in größerem Umfang als in den Volksdemokratien.

 

Die Marx-Epigonen und -Fortentwickler haben sich vielfach einen Wortschatz zugelegt, hinter dessen Impo-niergehabe oft mangelnde Präzision, unklares Denken und leeres Wortgeklin­gel sich verbirgt. In ihren zum Teil neu geschaffenen Begrif­fen steckt so viel an nur Ungefährem und beliebig Ausdeutba­rem, daß sich über das eigentlich Gemeinte endlos streiten und hoffnungslos aneinander vorbeireden läßt. Zumal im Mittelpunkt der stalinistischen Philosophie stehen nicht konkrete Menschen, sondern abstrakte Begriffe wie Materie, Geist, Natur, Gesell­schaft, Produktivkräfte, wobei aus gedanklichen Vorstellungen Rückschlüsse auf die Wirklichkeit gezogen und insbesondere Kollektivbegriffe wie "die Gesellschaft" und ähnliche in Art ei­ner neuen Mystik zur Allvernunft und Gottheit gemacht werden, während hinter deren angeblichen Interessen und Geboten immer nur sehr konkrete Personen und Gruppen sich verstecken. Aber schon bei Marx selbst sind neben widersprüch-lichen und sogar gegensätzlichen Standpunkten (zuerst vertrat er den Gedanken der Diktatur einer Minderheit, dann den einer Majoritätsrevo­lution) mehrdeutige Formulierungen zu finden und gerade die wichtigsten seiner Grundbegriffe hat er überhaupt nicht, oder an verschiedenen Stellen verschieden definiert.

 

So fehlen bei ihm z.B. genaue Definitionen der Begriffe des "Proletariats" und der "Klassen".

Er behauptete u.a., daß das Proletariat die eigentliche pro­duktive Klasse sei, die alle Produktionsmittel in Be-wegung setze. Wenn das stimmen würde, müßten auch alle Wissen­schaftler, Ingenieure, Techniker und Erfin-der dem Proletariat zugerechnet werden; denn es ist unbestreitbar, daß eine einzi­ge wissenschaftliche Ent-deckung oder technische Erfindung die Produktivität zu verhundert- , ja zu vertausendfachen vermag und somit die geistige Leistung eines Einzelnen - in bezug auf die Inbewegungsetzung der Produktionsmittel und die Pro-duk­tivität - größer zu sein vermag als die von tausend Handarbei­tern.

Dementsprechend pflegt auch die Vergütung dieser Leistungen und ihrer Urheber, deren Lebenshaltung und Selbstverständnis

 

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zu sein - und zwar gerade auch in den Volksdemokratien; sol­che Leute zum Proletariat zu zählen oder ihnen gar mangeln­des proletarisches Klassenbewußtsein vorzuwerfen, wäre je­doch absurd. Folglich ist die vorstehende Behauptung von Marx schlicht falsch.

 

Die Beispiele, welche Marx für Klassenunterschiede gibt, stellen auch Unvergleichbares nebeneinander; z.B. war das Verhältnis eines Barons zu einem Leibeigenen etwas ganz anderes als das eines Zunftbürgers zu einem Gesellen. Vor allem aber stimmt es ganz und gar nicht, daß alle bisherige Geschichte nur aus Klassenkämpfen bestand und daß diese alle geschichtlichen Veränderungen bewirken. Wirkliche Klas­senkämpfe stellen viel-mehr verhältnismäßig seltene Ausnahmen unter der Vielzahl der Eroberungs- und Unterwerfungskriege, der reinen Raubzüge, Rassen-, Glaubens- und Nationalitäten­kämpfe dar, bei denen in Kriegen und Bürgerkriegen nicht et­wa Unterdrückte in geschlossener Front gegen ihre Unterdrücker, sondern brav an der Seite ihrer Unter-drücker gegen ande­re Unterdrückte kämpften, welche dabei ihrerseits ihren eigenen Unterdrückern halfen. Diese Kämpfe haben auch ungleich stärker geschichtsverändernd gewirkt als die sogenannten Klassenkämpfe. Dazu kommen noch die Kämpfe z.B. der Zentralgewalt gegen die Feudalherren, sowie dieser und der späteren Kapitalisten untereinander.

 

Wo es aber das gab, was Marx mit Klassenkämpfen meint, wa­ren es nicht geschlossene Gruppen, die sich durch ihren Be­sitz oder ihre Stellung im Produktionsprozeß von einander un­terschieden und nun deswegen miteinan-der kämpften; sondern es waren stets nur kleine Minderheiten, die sich gegen eine Benachteiligung und Be-herrschung zu wehren versuchten, da­bei aber in der Regel bloß von einem kleinen Teil jener unter­stützt wur-den, für deren Interesse sie eintraten; während die Mehrheit der Benachteiligten und Beherrschten sich passiv verhielt oder gar auf die andere Seite schlug.

 

Umgekehrt war es eine ähnlich winzige Minderheit, die aus Raub- und Herrschsucht oder Gier nach materiel-lem Besitz aggressiv wurde. Sie fand dabei Mitläufer und Unterstützung in einer breiteren Schicht, die von ihr unterschiedlich belohnt wurde und dies gerade auch aus der Gruppe der besonders

 

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Unterdrückten, während eine große schweigende Mehrheit der letzteren passiv blieb.

Daneben gab es unter den Privilegierten in der Regel noch ei­ne Mehrheit solcher, die keine ausdrückliche Absicht einer Ausbeutung oder Unterdrückung hatte;  sie empfand die gegebe­nen Verhältnisse, in die sie nicht durch eigene Aktivität hin­eingeraten, sondern einfach hineingeboren war, als gott- oder schicksalsgegeben und sich selbst durchaus nicht als aggres­siv, sondern als normal und vernünftig handelnd und zuweilen sogar als Wohltäter gegenüber den Unterprivilegierten.

Innerhalb dessen, was Marx Klassen nennt, ist, wie von ihm selbst zugegeben, keine Einheitlichkeit festzu-stellen, sondern diese zerfallen in Gruppen oder neue Klassen, die sich unter­einander nicht viel anders be-kämpfen, als dies in der "schreck­lichen Vereinfachung" der Marxschen tendenziösen Darstellung unter den angeblich nur zwei Klassen geschieht.

Auf der einen Seite verfuhren oder verfahren die Feudalherren und die heutigen Kapitalisten nicht anders ge-geneinander als gegen ihre angeblichen Gegenpole; auf der anderen Seite besitzen Arbeitnehmer zwar keine Produktionsmittel (wir werden noch sehen, daß sie solche heute durchaus besitzen könnten), sind jedoch als Sparer Teilhaber an der kapitalistischen Zins­wirtschaft. Die Gewerkschaftsunternehmen mit ihrem Milliar­den-vermögen sind es sogar in erheblichem Ausmaß. Dazu gibt es Rivalitäten zwischen qualifizierten und nicht-qualifizierten Arbeitern, zwischen Lohnempfängern verschiedener Ordnung und technischen Spezialisten, zwischen landwirtschaftlichen und städtischen  und nicht zuletzt - trotz aller Solidaritätsbeteuerun­gen - zwischen einheimischen und Gastarbeitern.

Klassenkämpfe setzen das Bewußtsein und die Erkenntnis des Kampfzwecks auf beiden Seiten voraus. Jede unvoreingenomme­ne Betrachtung des historischen wie des gegenwärtigen Gesche­hens beweist jedoch, daß ganz unvergleichlich mehr als durch "Klassenbewußtsein" das tatsächliche Geschehen durch die ver­schieden-artigsten Vorstellungen, also durch Gedankengebilde, bestimmt wird; z.B. durch das Bewußtsein, einem gött-lichen oder moralischen oder nationalen Gebot zu folgen. Zwar be­stimmt das Sein das Bewußtsein mit, aber unvergleichlich stärker wird das Sein durch das Bewußtsein beeinflußt; zumal dieses ja auch ein Bestandteil des Seins ist, wenn es auch nur in den Köpfen existiert und dabei ein das wohlverstandene Ei­geninteresse schädi-gendes Bewußtsein ist.

 

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Deutliches Exempel ist doch  wohl, daß die im Marxismus führende, bestgedrillte deutsche Arbeiterschaft mit  vater­ländischer Begeisterung in den ersten Weltkrieg zog, wäh­rend ihre Führer die Kriegskredite bewilligten, und daß sie sich  nach der Revolte von 1918 deren Früchte von der Reak­tion aus der Hand nehmen ließ, bei nur sehr geringem Wider­stand eines sehr kleinen Teils von ihr.

Und erst recht,  daß diese selbe Arbeitnehmerschaft, eben noch in Reichsbanner und Rotfrontkämpferbund or-ganisiert, widerstandslos Hitler an die Macht kommen ließ, trotz ihres "Klassenbewußtseins" dann schnell der Rattenfängermelodie der "Volksgemeinschaft" erlag, sich zum Großteil in SA und SS wiederfand, und bald darauf gehorsam in den zweiten Welt­krieg marschierte.

Die Produktionsverhältnisse waren bei all dem immer die­selben geblieben. Nicht sie, sondern die wechselnden Ideolo­gien, oder mehr noch die tief eingewurzelten Ideologien, be­stimmten das Handeln.

 

Das zeigte sich nach einem Vierteljahrhundert Sowjetherr­schaft dann auch auf der anderen Seite: trotz gewan-delter Pro­duktionsverhältnisse war das marxistisch und leninistisch ver­änderte Bewußtsein zu schwach, um dem Ansturm der deut­schen gegen die russischen Proletarier genügend Kraft zum Widerstand entgegenzuset-zen. Stalin griff ungeniert und erfolg­reich auf die altbewährte Ideologie von Volk und Vaterland zu­rück und propagierte den "großen vaterländischen Krieg". Man kann daher mit weit mehr Recht davon sprechen, daß das Bewußtsein das Sein bestimme als vom umgekehrten Vorgang. Der leidenschaftliche Propagandist in Marx ging stets mit dem kühlen Wissenschaftler durch und verfälschte, in Selbstbetrug, dabei die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit war und ist, daß es eben nicht nur eine Front zwischen zwei Klassen gibt, von de­nen die eine un-terdrücken und ausbeuten will, während die an­dere sich dagegen wehrt. Sondern Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung können nur dadurch bestehen, daß die große Mehrheit der Beherrschten, Unterdrückten und Ausgebeuteten diesen Zustand durch Passivität oder sogar aktive Hilfe bei der Niederschlagung der Klarsehen-den ihrer eigenen Klasse aufrecht erhält und sich somit auf die Seite der Herrschenden, Unterdrücker und Aus-beuter stellt, gegen ihre eigenen wohl­verstandenen Interessen.

 

 

 

 

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Dies kommt daher, daß sie teils bewußt Sicherheit, die ihr von den Herrschenden geboten oder zumindest ver-spro­chen wird, höher wertet als Freiheit, teils auch unbewußt sich selbst in die Gefangenschaft eines religiösen oder ideologi­schen Glaubens begibt oder - in einem solchen aufgewachsen - sich nicht daraus befreien kann.

 

Ganz gewiß ist Manipulation durch die Herrschenden sehr häufig die Ursache einer solchen Haltung. Man darf jedoch nicht übersehen, daß nicht alles auf Manipulation beruht, sondern daß es ebenso wie eine Herrschsucht   auch eine Unterwerfungssucht gibt, die den Wünschen der Herrschenden ent­gegenkommt und von ihnen aus-genutzt wird. Man darf ebensowenig übersehen, daß Herrschaft keineswegs immer und ausschließlich auf Un-terdrückung und Ausbeutung, sondern oft auch auf "Beglückung" (wider den Willen der so "Beglückten") ab-zielt, oder auch als Selbstzweck angestrebt wird, wobei Ausbeutung sich nur - als nicht immer realisierte

- Nebenfolge ergibt.

Schließlich hat es auch Zustände gegeben - und gibt es noch heute - , in denen das generell als "Herrschaft" bezeichnete zumindest zum Teil nicht eigentliche Herrschaft, sondern freiwillig anerkannte Führung war und ist.

 

Daher sind auch die "Kämpfe" zwischen "Klassen", so wie Marx sie verstanden wissen wollte, eine Ausnahme-erscheinung und die Regel sind lange Perioden mehr oder weniger fried­licher Cooperation zwischen den Klas-sen, in denen diese, wie erwähnt, sogar gemeinsam gegen ähnlich cooperierte Klassen anderer Völker zu Felde ziehen.

 

Lohnkämpfe können zwar Klassenkämpfe sein, sind es in der Regel jedoch nicht, wenn sie die eigentlichen Wurzeln der Aus­beutung - Grundrente und Zins - unangetastet lassen; sie un­terscheiden sich zumeist auch nicht von den innerhalb der Klas­sen ausgefochtenen Rivalitäten um höheres Einkommen.  Die USA-Gewerkschaften führen auch Lohnkämpfe, ohne ein Klassenbewußtsein zu kennen und sind im übrigen eine Widerlegung der Marx-These von der Allmacht der Produktionsverhältnisse und deren bewußtseinsbestimmender Rolle. In den USA ist die Pro­duktivität bekanntlich am stärksten entwickelt, sind die kapita­listischen Gegensätze am krassesten. Dennoch hat dies dort

 

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zu keiner Bewußtseinsveränderung im marxistischen Sinne geführt.

 

Die Marxsche Klassenkampftheorie ist also nicht unvoreinge­nommene, wissenschaftliche Analyse der Ge-schichte, son­dern reine Propaganda, unbekümmert um Tatsachen, die ihr entgegenstehen. Hätte er z.B. das Kastenwesen in Indien un­tersucht, hätte er herausgefunden, daß dieses zwar durch kriegerische Unterwerfung entstand,  keineswegs jedoch ge­waltsam aufrechterhalten wird, sondern eben durch die in­aktive Unterwerfung und Unterwürfigkeit der Benachteiligten gegenüber dem Gewohnten.

 

So oft auch der Herr den Diener produziert, indem er mittels aggressiver Gewalt ihn sich unterwirft - mindes-tens ebenso oft produziert der Diener den Herrn, indem er ihn über sich duldet, während er sich ihm durchaus entziehen könnte; ja, er sucht mitunter geradezu nach etwas, Person oder Idee, dem er sich unterordnen kann und will.

Die Hackordnung der Hühner, die Rangordnung z.B. in Af­fen- oder Wolfsrudeln unterscheidet sich gar nicht so sehr von häufigen Formen der Beziehungen in der Menschenwelt. In Indien bestehen noch heute, viele Jahre nach gesetzlicher Aufhebung der Kasten, diese unverändert weiter - respek­tiert umsomehr, je tiefer die Betref-fenden in der Rangord­nung, in der Kastenabgrenzung und sogar außerhalb dieser, d.h. noch unterhalb der tiefsten Kastenstufe, als Parias, ste­hen, also freiwillig respektiert!

 

Ein solcher Zustand kann nur unter Begriffsverwirrung als Unterdrückung und Beherrschung bezeichnet wer-den, denn diese Begriffe setzen voraus, daß die gewaltsame Beugung eines entgegenstehenden Willens erfolgt. Davon muß man un­terscheiden die einer Beherrschung in ihren Wirkungen zwar nahekommende, jedoch ein-deutig unterscheidbare freiwillige Unterordnung unter Personen oder Institutionen, die mitun­ter darauf beruht, daß der Betreffende darin einen Vorteil für sich sieht; in der Regel jedoch darauf, daß er eine fix gewordene Idee, eine religiöse oder ideologische, über sich hat Macht gewinnen lassen, also selbst sich in die Knecht­schaft zu ihr begeben hat. Die von solch freiwilliger Unter­würfigkeit erheblich, ja entscheidend beeinflußte Regelung

 

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der Eigentumsverhältnisse ist also Folge und nicht Ursa­che dessen, was sich in den Köpfen abspielt.

 

Sicher hatte Marx damit recht und es war verdienstlich von ihm, darauf hinzuweisen, daß Denkanstöße von Veränderungen in den Produktionsverhältnissen ausgehen (- aber solche Ver­änderungen gehen immer auch von ir-gendeinem Kopf aus, denn nicht die Dinge handeln,  sondern die Menschen!); solche - wie alle durch Um-weltveränderungen überhaupt bewirkten - Denk­anstöße bringen erfreulicherweise immer wieder einmal das enorm schwerfällige, in Ideologien erstarrte Denken der brei­ten Masse allmählich in Bewegung. Aber es war eine Übertrei­bung, die offensichtliche Tatsachen mißachtete, daß Verände­rungen der Produktionsverhältnisse nun die einzige Quel­le der Denkanstöße seien und daß überhaupt alles Bewußtsein, alle sozialen, juristischen und politischen Einrichtungen sich nur als Überbau der Produktions- und insbesondere Eigentums­verhältnisse ergeben und von diesen kausal bedingt seien.

 

Eine Absurdität ist beispielsweise, jene neuen Ideen, die durch Buddhismus und Christentum in die Welt ka-men, aus den Pro­duktionsverhältnissen ableiten zu wollen; was auch immer an Auswirkungen dieser Ideen geschah - sie haben das Weltgesche­hen sehr wesentlich beeinflußt.

Ebenso absurd ist es, die griechische Philosophie, Kunst, De­mokratie und Republik der Antike als bedingt durch die im alten Griechenland vorherrschenden Produktionsverhältnisse erklären zu wollen. Wieso bestanden dann im alten Rom, auf ganz dersel­ben Produktionsstufe, ganz andere Zustände, ganz andere sozia­le, politische und geistige Verhältnisse?

In England und Deutschland waren die Produktionsverhältnisse weitgehend ähnlich; England aber war seit Jahrhunderten Demo­kratie, während Deutschland Monarchie blieb. Im industriell wenig entwickelten Rußland entstand der erste marxistische Staat, im Agrarland China der zweite, - in den industriell höchstentwickelten USA blieb der Einfluß des Marxismus ganz unbedeutend.

 

Gewiß war es ein menschlich schöner Zug von Marx, sich auf die Seite der Benachteiligten und Ausgebeuteten zu stellen, statt sein Leben als Angehöriger einer privilegierten Gruppe, in die er hineingeboren war, zu ge-nießen. Aber mit Wissen-

 

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schaft hat dieser Willensentschluß nichts zu tun. Im Wider­spruch zu seiner eigenen Theorie ist der Marxismus nicht etwa ein aus nüchterner Analyse der Wirklichkeit und sozu­sagen direkt aus den Produktionsverhältnissen entstandenes Gedankengebilde, sondern er ist eine von persönlichen Ei­genheiten seines Urhebers geprägte ge-dankliche Konstruk­tion, die vorhandene religiöse und philosophische Denkformen mit besonderem Gespür für propagandistische Wirksamkeit dazu benutzte, eine als Wissenschaft drapierte neue Heils­lehre zu verkünden. Weil jeder gern glaubt, was er wünscht, kann man Marx nicht zum Vorwurf machen, daß er seiner Theorie ent-gegenstehende Tatsachen entweder übersah, oder so weit umdeutete, daß sie halbwegs hineinpaßten; denn er glaubte selber, daß die Halbwahrheit, die er entdeckt hatte, die ganze Wahrheit sei.

Daß später nicht nur Engels, sondern auch er selber, aller­dings nicht durch öffentlichen Widerruf, sondern nur an ver­steckter Stelle, die ursprüngliche Behauptung so einschränk­ten, daß sie praktisch jede Wirksamkeit ver-lor, blieb unbe­achtet, zumal vom Vulgär-Marxismus, der seine ganze Kraft daraus zog, daß angeblich eine na-turgesetzliche Entwicklung seinen unaufhaltsamen Sieg verbürge.

 

Von allen Argumenten für eine Lehre ist der Glaube an ihren unausweichlichen nahen Sieg das wirksamste. Hier kam noch der Glaube an die "wissenschaftlich" erhärtete Basis dieser Lehre hinzu, zu einer Zeit, als die al-ten  religiösen Vorstel­lungen immer mehr ins Wanken geraten waren und die dama­ligen Naturwissenschaften eine feste Basis zur Lösung aller Welträtsel gefunden zu haben vermeinten (während die moder­nen Natur-wissenschaften einen völligen Umsturz der damali­gen Erkenntnisse brachten).

Für die Zeitgenossen von Marx, deren Masse( wie heute eben­falls) keine Ahnung davon hatte, an welche Vor-aussetzungen echte Wissenschaft gebunden ist und wie relativ nur sogar ihre sorgfältigst erarbeiteten Ergeb-nisse sein können, bedeu­tete das Etikett "Wissenschaft" so viel wie die Garantie des Stempels für echten Gold-gehalt. Sie ahnten nicht, daß ihnen im Grunde nur uralte religiöse und philosophische Ideen in neuem Gewande präsentiert wurden, zumal der sich ausbrei­tende Erfolg, den der Marxismus hatte, die Richtigkeit von dessen Lehre zu bestätigen schien. Aber läßt dieser etwa

 

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den ungleich größeren Dauer-Erfolg religiöser Lehren als Beweis für deren Richtigkeit gelten?

 

Marx selbst dürfte es kaum bewusst geworden sein, daß er mit seiner Lehre vom (angeblichen) Urkommunis-mus nur die christliche Lehre vom Paradies wiederholte, wobei er dem Kapitalismus die Rolle des Sündenfalls zuwies und das Proletariat, stellvertretend für die ganze Menschheit die Rolle zugleich des Leidens und der Er-lösung aufgebürdet be­kam, während nach dem Gericht über die Sünder durch die Diktatur die klassenlose Ge-sellschaft als Endzustand ebenso unbestimmt bleibt wie die Vorstellung vom christlichen Him­mel.

 

Noch befangener jedoch als im christlichen war Marx im phi­losophischen Denkschema seiner Zeit, das ja auch in der heu­tigen noch weiterwirkt. Er - und auch Engels - rühmte sich sogar, seine geistigen Wurzeln in der idea-listischen deutschen Philosophie zu haben und zumal von Hegel beeinflußt zu sein. Dieser hatte das Geistige zur absoluten Wahrheit erklärt und sich einen Weltgeist als neue Gottesvorstellung zusammenphan­tasiert, der in der Weltgeschichte alle Formen des Abfalls von sich selbst, der Entäußerung und zugleich der Rückkehr zu sich selbst, der Versöhnung durchschreiten, aus der unbewußten zur bewußten Einheit mit sich selbst gelangen müsse. Das war völ­lig haltlose Gedankenspielerei mit dem sehr realen Zweck, al­les Bestehende als "vernünftig" und "notwendig" zu rechtferti­gen und aller jeweils triumphierenden Gewalt statt des schad­haft gewordenen reli-giösen ein philosophisches Mäntelchen um­zuhängen. Marx setzte an die Stelle des Weltgeistes nur eine Ab-straktion des Menschen und seine Lehre von der "Entfrem­dung."

 

In den Notizen des jungen Marx steht der recht bezeichnende Satz:

"Wem es nicht mehr Vergnügen macht, aus eigenen Mit­teln die Welt zu bauen, Weltschöpfer zu: sein, als in seiner eigenen Haut sich ewig herumzutreiben, über den hat der Geist sein Anathema ausgesprochen".

Sein Leben lang träumte er vom ganzen, totalen, vom "richtigen" Menschen, also von ei­nem Ideal, dem der wirkliche Mensch nachzueifern, einer Aufgabe, die er zu erfüllen habe. Diese "fixe", d.h. starr ge­wordene Idee, ist eine uralte Denkform, die in immer neuen

 

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Verkleidungen auftaucht, zuerst als Wille der Götter, dann als Moral, als Sittengesetz, schließlich als "wissen-schaft­liche" Einsicht in die "natürliche", naturgesetzlich gegebene "Bestimmung" - immer aber als "Begründ-ung" dafür, warum der betreffende Verkünder das "Recht" habe, alle Ungläubigen oder Widerstrebenden mit Gewalt an die Kandarre zu nehmen und zu bestrafen, kurz, stets als Begründung für einen Herr­schaftsanspruch, für das "Recht", ja die Mission, die eigene Freiheit auf Kosten der Freiheit anderer auszudehnen.

 

Marx durchschaute nun zwar die Hegelsche gedankliche Kon­struktion als reines Hirngespinst, eben als Phanta-sieprodukt, für das es auch nicht die Spur eines Beweises weder gab noch geben konnte. Umso begeisterter stürzte er sich auf seine vermeintliche Entdeckung eines "Naturgesetzes", das er in der realen Entwicklung des historischen Geschehens zu erken­nen glaubte, indem er das Materielle für das Wesentliche des menschlichen und sozialen Geschichtsprozesses erklärte. Er glaubte damit die Hegelsche Metaphysik vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben. Aber eine umgekehrte Metaphysik bleibt im­mer noch Metaphysik, d.h.jedes Soll geht über die Erkennt­niswirklichkeit des Seins hinaus und ist, mangels Maßstab, notwendig dazu verurteilt, mit Phan-tasieprodukten und Hirnge­spinsten gleichgesetzt zu werden, selbst wenn es sich tatsäch­lich gar nicht um solche handeln sollte. Marx bemerkte nicht, daß der Rückschluß aus einem Sein auf ein Sollen ein logischer Kurz-schluß ist. Er bemerkte noch weniger, daß er damit den Schritt weg von der Wissenschaft zur Agitation machte, von der Untersuchung zur Beeinflussung, von der Einsicht zur Pro­paganda.

Am verhängnisvollsten wirkte sich seine Übernahme der Hegel­schen Dialektik aus. Diese ist eine Denkspie-lerei, die nicht von der Wirklichkeit, sondern von Erdachtem ausgeht. In der Natur geht aus einer bestimmten Art keine andere hervor, sie vermag sich nicht in ihren Gegensatz zu verwandeln. Die dialektische Methode kennt aber keine Sammlung von Tatsachen - eine sol­che hätte den historischen Materialismus sofort als Halb-wahr­heit entlarvt -, sondern leitet mit Scheinlogik ihre Behauptun­gen aus angenommenen Abstraktionssätzen ab; sie nimmt Vor­bedingungen an, deren Richtigkeit erst zu beweisen wäre, ist willkürliche Konstruktion, aber weder in Methode noch Erkennt­nis wissenschaftlich.

 

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Ganz ähnlich arbeitete die scholastische Theologie, die von unbewiesenen Voraussetzungen und willkürlichen Annahmen ausgehend mit oft bewundernswertem Scharfsinn und strenger Logik zu Ergebnissen kam wie etwa: wieviel Chöre der Engel es gäbe, wie sie sitzen und was für Instrumente sie spielen, oder: was man in der Hölle treibe und wie hoch die Hitze stei­ge. Kant nennt in seiner Kritik der reinen Vernunft die dialek­tische Methode, "da sie uns gar nichts über den Inhalt der Er­kenntnis lehrt ... eine sophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zugeben".

 

Der schon von Heraklit ausgesprochenen Erkenntnis, daß "al­les fließt", d.h. in steter Veränderung begriffen ist, hatte Hegel die willkürliche Behauptung untergeschmuggelt, daß diese Veränderung zugleich eine Entwick-lung, ein Fortschritt, sei. Dem stellte Oscar Kiss Maerth ("Der Anfang war das Ende", Düsseldorf 1971) die begründete Behauptung entgegen, daß der Mensch keineswegs die "Krone der Schöpfung", son­dern eine an ernsthaften Gehirnschäden leidende Fehlentwick­lung sei. Marx jedenfalls übernahm den Hegelschen Gedanken, indem er lediglich an die Stelle der pantheistischen Weltseele, des Weltgeistes Hegels, ein angebliches Ent-wicklungsgesetz stellte, das von den Produktionsverhältnissen bestimmt sei.

 

Es ist aber kein Unterschied, ob man vom Willen eines per­sönlichen Gottes oder von der unpersönlichen Ge-setzmäßig­keit einer Entwicklung ausgeht. In beiden Fällen ist ein Ziel bestimmt durch etwas "Höheres" und die Gegenwart ist als unumgänglich gerechtfertigt. In beiden Fällen ist auch eine "Aufgabe" für jeden Einzelnen gegeben, sich dieser angebli­chen Entwicklung anzupassen. In beiden Fällen handelt es sich um Theologie und Ideologie, um Gedankenkonstruktionen, im Gegensatz zu den durch Experiment beweisbaren Naturgeset­zen. Im übrigen ist der Gegensatz zwischen Geist und Materie nur ein scheinbarer. Materie, die aus sich heraus Geist, Den­ken, Bewußtsein entwickelt, ist für das menschliche Begriffs­vermögen nicht weniger mysteriös als Geist, der Materie schafft oder sich in solche verwandelt.

 

Stirner geht demgegenüber von der beweisbaren Realität sei­nes Ich aus und gründet, unter Ablehnung aller nach den Maß-

 

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stäben der Erfahrungswirklichkeit nicht beweisbaren Ansprü­che an dieses Ich, die ihm eine Bestimmung setzen und Auf­gaben vorschreiben wollen, sein Verhältnis zu anderen Men­schen - eben mangels einer beweisbaren Existenz "höherer" Bestimmungen - einzig auf die freie Vereinbarung mit jenen anderen; wobei er sich bereit erklärte, auf Basis der Gegen­seitigkeit keine unbilligen Forderungen zu stellen. Während Stirner also mit bei-den Beinen auf dem Boden der Wirklich­keit bleibt, bringt Marx eine im Grunde nicht nur ideologi­sche (also nur in gedanklichen Vorstellungen wurzelnde), son­dern sogar theologische Lehre vom Sündenfall des Men-schen in die Selbstentfremdung und einer über ihm waltenden "höhe­ren" Bestimmung, die ihn zur sozialen Gerechtigkeit führe, welche - als Ideologie - in der Erfahrungswirklichkeit nicht auffindbar, sondern nur aus der Idee einer ausgleichenden göttlichen Gerechtigkeit abgeleitet ist.

Auch darin zeigt sich der theologische Charakter der Marxschen Glaubenslehre, daß er das unmittelbare Stre-ben nach der praktischen Verwirklichung des Sozialismus für nutzlos erklärte, weil dieser an gewisse Stadien einer außer ihm ge­legenen Produktionsentwicklung gebunden sei, nicht aber aus Vernunft und Willen des Men-schen hervorgehen könne.

 

Der Sozialismus wurde nicht von Marx erfunden, sondern war lange vor ihm entstanden; nicht als Ideologie, als gedankliche Konstruktion einer Menschheitsbestimmung, sondern als Re­sultat einer - zunächst noch mangel-haften - Analyse und Kri­tik der Herrschaftsverhältnisse des Feudalismus, als Kind der Aufklärung und erste Ahnung vom Selbstgefühl des Einzel­nen, der nicht mehr in tausendfacher Bindung, sondern nur noch in freier Wahl mit anderen sein Leben gestalten wollte. Die "bürgerlichen" Revolutionen von 1648, 1776, 1789 usw. hatten von den feudalen Institutionen nur die Ständescheidung ausgerottet; die Bodensperre, das Bodenoligo-pol, hatten sie bestehen lassen und mit der "Volks Souveränität" einen neuen Herrn an die Stelle der alten gesetzt. Aber immerhin waren nun, wenn auch nicht die Freiheit, die gleiche Freiheit Al­ler, so doch wenigstens einige Freiheiten des Einzelnen er­rungen. Demgegenüber war es keine revolutionäre, sondern eine reaktionäre   Entwicklung, ein Rückschritt, als Marx die freiheitlich-sozialistischen Ideen Saint-Simons, Proudhons und deren Schüler mit der von ihm entfesselten Be-

 

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wegung überrollte. Marx hatte die latenten Energiemassen erkannt, die in der ganzen Welt in der Unzufrieden-heit der ausgebeuteten Massen lagen. In ihm verband sich Mitgefühl zu den leidenden Massen mit einem ausge-prägten Machtwil­len, der ihn höchst unfair gegenüber allen verfahren ließ, die er als Konkurrenz empfand.  Er nutzte jene gestaute Kraft zu einem imperialistischen Feldzug, umfassender als alle Natio­nalkriege es waren. Wie ein Religionsgründer wurde er zum Propheten der neuen Ersatz-Religion der "Wissenschaft" mit ihrem Glaubens-Grundsatz eines schicksalsmäßigen Ablaufs der Geschichte, den er an die Stelle des plänemachenden In­dividuums setzte.

 

Ironischerweise hatte er gerade dadurch Erfolg, daß das Ge­genteil dessen geschah, was er eigentlich gelehrt hatte, indem vorwiegend der von ihm erweckte Glauben der Massen und zumal seiner Jünger, die sich als dogmatische, jede "ket­zerische" Kritik unterdrückende Kirche einzurichten wußten, es war, der Geschichte machte.

Seine häufig mangelnde Präzision des Denkens zeigt sich auch in dem von ihm gemalten Bild vom Überbau des geistigen Le­bens über den Produktionsverhältnissen. Nach physikalischen Gesetzen kann eine Grundlage nicht verändert werden, ohne das auf ihr lastende Gewicht eines Überbaus zuerst einmal ab­zutragen. Eine Re-volution in den Köpfen - und dies als entschei­dender Anstoß - muß daher einer Änderung der Eigentumsver­hältnisse vorausgehen, genau so, wie jede Änderung des Pro­duktivitätsgrades - denn Menschen sind doch vor ihren Werkzeu­gen da und müssen diese erst herstellen - zuvor in einem Kopf entstanden sein muß.

 

Was sich nun an Gedanken in einem Kopf bildet, kann ebenso wohl der Wirklichkeit entsprechen, wie auch - als reines Phan­tasieprodukt, oder nur teilentsprechend - von der Wirklichkeit sich entfernen, oder sogar in tota-lem Gegensatz zu ihr stehen. Der Marxismus siegte, soweit er überhaupt siegte, nicht da­durch, daß er die von ihm behauptete automatische Entwicklung zum Selbstmord des Kapitalismus abwartete, und auch nicht un­ter den von ihm behaupteten Voraussetzungen; sondern immer nur dadurch, daß er mit dem der Wirklichkeit nicht entsprechen­den Glaubenssatz vom bestimmungsgemäßen Ablauf der Geschich­te und seinem dadurch garan-tierten Sieg den Willen zum

 

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Handeln mobilisierte. Genau so, wie die Weltreligionen Christentum und Islam, setzte er, wo er sich durchset-zen konn­te, sich nur mittels organisierter Gewalt durch. Und ebenso, wie dort eine autoritäre Priesterkaste, tritt im Marxismus ein autoritärer Parteiklüngel auf, der über die Heiligkeit und Unan­tastbarkeit der Glaubensgrund-sätze wacht und den Einzelnen für ebenso unmündig erklärt, wie es alle Autokraten seit jeher ge­tan haben.

 

Deutlich wird das Marxsche Bestreben, ein "Klassenbewußtsein" denen einzupflanzen, die keines haben, wenn er von den Parzel­lenbauern spricht. Er gab zu: "im Klassenkampf erst wird die Klasse geboren", d.h. also: ein Kampf entsteht ohne das Bewußtsein von dessen Sinn und Ziel, nicht weil die "Produktionsver­hältnisse" (die zudem ein höchst dehnbarer Begriff sind) ihn verursachen, sondern weil die Propaganda eines nicht vorhan­de-nen Klassenbewußtseins und des Glaubens an eine Schicksals­gegebenheit die Kämpfer in ihn hineinmanipu-liert.

Marx betrachtete und behandelte die Proletarier nicht als selb­ständige Individuen, sondern als unmündige Ob-jekte und sprach es klipp und klar aus: "Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninter­esse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent, geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müs-sen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den an­deren Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnen­schein schickt".

Genau so argumentiert der Faschismus auch, und genau so hatten bereits viele der unumschränkten Monar­chen (und auch Priester)  argumentiert, die sich ebenfalls auf ihre "höhere" Einsicht und ihre geschichtliche - nur statt vom Schicksal "von Gottes Gnaden" gestellte  - Aufgabe beriefen.

 

Das "Kommunistische Manifest" übernahm daher als Programm den ganzen Gewaltkodex des Absolutismus und übertrumpfte die­sen noch, indem es die Kommandoherrschaft über sämtliche Produktionsmittel in den Händen des größten und gewalttätigsten Monopolisten konzentrieren wollte, der sich der Gesellschaft auf-zwingt, ihre gesamte produktive Tätigkeit verschlingt, mit einem absoluten Staats-Angebotsmonopol an pro-duzierten Gü­tern, einem absoluten Staats-Nachfragemonopol nach Arbeits­leistung und einem Staatsmonopol an Produktionsplanung. Das

 

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war finsterste Reaktion und verhängnisvollste Verfälschung des Sozialismus-Begriffs, der auf Beseitigungaller  Herr­schaft und Ausbeutung durch Privilegien und Monopole und auf autonome, gleichberechtigte Individuen und Gruppen ab­gezielt hatte.

 

Die "Bourgeoisie" hatte die Abstraktion "das Volk" benutzt, um die Macht des Feudalismus und des Absolu-tismus zu bre­chen; sie hatte "das Volk" mit der weiteren Abstraktion "der Staat" gleichgesetzt, hinter der real doch nur die Bürokratie mit Regierung und Parlament steht, während "der Staat" als nahezu unumschränkter Herr über jeden einzelnen Volksange­hörigen auftritt, viel umfassender als die Autokraten früherer Zeiten; insbesondere mittels versteckter, meist unbemerkter Herrschaftsinstrumente, wie Geldmonopol und Boden-oligopol, die der Staat nicht nur im Eigen- , sondern im Interesse der ihn selbst beherrschenden privilegierten Gruppen anwendet. Der Marxismus erklärte dem Proletariat, daß es selbst der "als herrschende Klasse organi-sierte Staat" sei, während es nur seinen Führern alle Machtmittel des Staates ausliefert und das alte Herrschafts-joch, nunmehr noch verstärkt, in neue Hände legt.  Nicht das Proletariat, sondern einige Berufs­revolutionäre wurden zur neuen herrschenden Klasse. Das Proletariat ist nur eine jener Abstraktionen, hinter der sich immer konkrete Personen als "Repräsentanten" verbergen, denn die Gesamtheit der Proletarier kann weder die Funk-tio­nen des Staates ausüben noch ihn verkörpern, denn wirklich "herrschen" kann immer nur eine Minderheit, oder besten­falls eine Mehrheit, über den anderen Teil, niemals aber eine Gruppe über sich selbst.

 

Lenin, der sich mit seinem Handeln über die Marxsche Theo­rie von den Voraussetzungen einer Revolution glatt hinweg­setzte, baute anderseits dessen oben erwähnte Überzeugung von der Unmündigkeit des Proletariats und der "Notwendig­keit", sich zu dessen Herrn aufzuwerfen, systematisch aus. Er erklärte, daß revolutionäres Be-wußtsein nicht spontan innerhalb der Arbeiterschaft entstünde, sondern von außen in sie hineingetragen werden müsse und machte seine Re­volution mit einer Gruppe vorwiegend intellektueller Berufs­revolutionäre, einer  disziplinierten Organisation, die sich selbst zur Partei-Elite erklärte, unter generalstabsmäßiger

 

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Führung. Mit seiner These, daß die Massen der intellektuel­len und politischen Lenkung (wobei an die Stelle des Führungs- der Herrschaftsbegriff geschmuggelt wurde) durch die Partei­organisation bedürfen, wobei auch der Terror als Herrschafts­instrument eingesetzt wurde und die Entwicklung zum Stalinis­mus bereits vorgezeichnet war, setzte er sich in Gegensatz zu jener Lehre von Marx, nach welcher dem Proletariat in angeb­lich naturge-setzlicher Entwicklung die führende Rolle in der Geschichte zukommt.

Tatsächlich hat denn auch das Proletariat in keinem Zeitpunkt seiner Geschichte die Rolle einer führenden Klasse übernom­men. Sowohl sein geistiges Rüstzeug als auch seine Organisa­tion stammte von Intellektuellen, die ganz überwiegend Angehö­rige anderer gesellschaftlicher Gruppen waren und dem Prole­tariat eine Ideologie suggerierten, nach der sie für sich abso­lute Autorität beanspruchten und jede andere Meinung brutal unter-drückten: "Die Partei, die Partei hat immer recht". Das Proletariat war und ist niemals eine führende, sondern immer eine geführte und, da jene seiner (vorwiegend selbsternannten!) Führer, die nicht nur reinem Macht-streben folgten und persön­lichen Ehrgeiz befriedigten, sondern durchaus redlichen Willens waren, dabei schwerwiegenden Irrtümern unterlagen, eine ent­setzlich angeführte Klasse.

 

Viele aus den eigenen Reihen hatten vor diesen Irrtümern gewarnt. Trotzki hatte bereits Lenin vorgeworfen, er ersetze das Proleta­riat durch die Partei und diese durch ihre Führer. Simone Weil hatte erkannt, daß der Marxis-mus fälschlich die Befreiung der Produktionskräfte mit menschlicher Befreiung identifiziert. Ro­sa Luxemburg hatte richtig die Freiheit als immer die Freiheit des Andersdenkenden erkannt. Hunderttausende von im allge-mei­nen durchaus dogmengläubig gebliebenen Kommunisten, die nur an Einzelheiten der kommunistischen Praxis Anstoß nahmen, wur­den nicht nur vom Stalinismus, sondern auch in den Volksdemo­kratien umgebracht, eingekerkert, in Arbeitslager verbannt oder zumindest aus ihren Stellungen geworfen und mundtot gemacht. Nahezu die gesamte ursprüngliche Führungeschicht wurde "als Verräter entlarvt"  (selbst wenn sie solche ge-wesen wären, wäre dies bezeichnend für das ganze System) oder sonstwie von den eigenen Genossen ausge-schaltet. Alles, was einst an Kirchen­dogmen und Inquisition, an brutaler weltlicher Tyrannei und an­gemaßter Autorität, an Unterdrückung des Einzelnen und ganzer

 

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Völker bekämpft worden war, kehrte unter dem alten Vorwand der Beglückungsabsicht, gar einer "Befreiung" und mit dem Anspruch auf "gerechtfertigte"Gewaltverübung, sowie auf ab­solute Herrschaft, in noch verschärf-ter und umfassendster Form zurück.

 

Die Hauptirrtümer des Marxismus liegen offen zutage:

 

1.)  Ein logischer Fehlschluß. Wenn die Ausbeutung ihren Grund darin hat, daß die Produktionsmittel sich im Monopolbesitz einer Minderheit befinden, ist die einzige Folgerung daraus gewiß nicht die, daß sie in den Besitz des Staates, also eines ein­zigen Monopolisten, überführt werden müssen. Sondern als Al­ternative bietet sich die Beseitigung aller Monopole und Privilegien an. Das ist ganz offenbar die logischere Lösung, denn das Übel liegt ja eben im Monopol  als solchem, nicht da­rin, daß nur eine Gruppe Privilegierter aus Monopolen Nutzen zieht.

 

2.)  Im Zusammenhang damit steht die Verwechslung von Vergesellschaftung (die als spezielle Form einer Mo-nopolbeseitigung im 7. Kapitel erläutert wird) mit Verstaatlichung.

Daß die Verstaatlichung kein Heilmittel gegen die kapitalistische Ausbeutung ist, hatte bereits der Volkskom-missar für Fi­nanzen, Sokolnikoff, eingesehen, der auf dem 14. Parteitag der russischen kommunistischen Partei (zitiert nach der "Prawda"vom 12.1.1926) erklärte:

"Werden etwa in dem Augenblick, wo die Eisenbahnen, die unter dem Zaren Staatsunternehmen waren, in die Hand der neuen Regierungsgewalt, der Arbeiterregierung, übergehen, dadurch in der Sache schon sozialistisch organisierte Wirtschaftsbetriebe? Nein! ... Unser auswärtiger Handel wird in Form eines staatskapitalistischen   Un­ternehmens geführt. Unsere inländischen Handelsgesell­schaften sind ebenfalls staatskapitalistische Unter-nehmungen, Auch die Staatsbank ist ebenfalls ein staatskapitalistisches Un­ternehmen. Unser Geldsystem ist auf der Grundlage aufgebaut, daß innerhalb der Sowjetwirtschaft ... ein Geldsystem aufgebaut ist, das von Prinzi-pien der kapitalistischen Ökonomie durchdrun­gen ist".

Während dort also an die Stelle der "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen" die Ausbeutung Aller durch den Staat getreten ist, darf man sich doch nicht der Illusion hingeben,

 

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daß, was der Staat so zusammenraubt, danach gleichmäßig den Einzelnen wieder zugute kommt. Die erhebli-chen Vermö­gens- und Einkommensunterschiede in den Volksdemokratien, in denen zahlreiche verdeckte Privi-legien den Angehörigen der dort herrschenden Klasse Vorteile verschaffen, die an­stelle des im Kapitalismus nur mittels viel Geld Erlangbaren treten, beweisen das Gegenteil.

In einer Staatswirtschaft muß aber außerdem noch in Betracht gezogen werden, was alles durch deren Bürokra-tismus nicht oder fehlproduziert wird: die Wirkungen davon zeigen der Le­bensstandard der Arbeiter in den Volksdemokratien und jener der Arbeiter in den kapitalistischen Ländern trotz deren Ausbeutung. Staats-wirtschaft ist nach allen bisherigen Erfah­rungen unrationelle und Mangelwirtschaft.

 

3.)  In einem Vorwort zur "Kritik der politischen Ökonomie" hatte Marx seinen "historischen Materialismus" er-läutert:

"Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß  überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Men­schen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt".

Dies wurde von ihm zu dem angeblichen Naturgesetz einer unvermeidlichen geschicht­lichen Entwicklung aus-gebaut, die mit dem Sieg des Kommunis­mus enden müßte. An anderer Stelle jedoch, in seinen "Theo­rien über den Mehrwert", hatte er so ziemlich das Gegenteil behauptet:

"Der Mensch selbst ist die Basis seiner mate­riellen Produktion, wie jeder anderen, die er verrichtet. ... In dieser Hinsicht kann in der Tat nachgewiesen werden, daß alle menschlichen Funktionen und Verhältnisse, wie und wann sie sich immer darstellen, die materielle Produktion beeinflussen und mehr oder minder bestimmend auf sie einwirken".

 

Engels, der bereits in seiner Abhandlung "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" als beherr­schenden Faktor in der Entwicklung des gesellschaftlichen Le­bens "die auf Geschlechtsbande begründete Gliederung der Ge­sellschaft" bezeichnet hatte, rückte in zwei Briefen aus den Jahren 1890 und 1894 von der materialistischen Geschichtsauf­fassung gänzlich ab, indem er erklärte:

"Die verschiedenen Mo­mente des Überbaues - politische Formen des Klassenkampfes und seine Resultate - Verfassungen, nach gewonnener Schlacht

 

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durch die siegende Klasse festgestellt, usw. - Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philoso­phische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiter­entwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwir­kung auf den Verlauf der geschich-tlichen Kämpfe aus und be­stimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form.  Es ist eine Wechselwirkung   aller die­ser Momente". 

-   Das heißt also: kein Unter- und   Überbau mehr!

Engels sagte weiter:

"Wir machen unsere Ge­schichte selbst. ... Zweitens aber macht sich die Ge­schichte so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vie­ler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Le-bensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzen­de Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante - das geschichtliche Ergebnis - hervor­geht".  (Brief vom 21. 9.1890, der zusammen mit dem zweiten vom 25.1.1894 zuerst im "Sozialistischen Aka-demiker",Berlin 1894 veröffentlicht ist).

Engels sagt im zweiten Brief dann noch:

"Die politische,  recht­liche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf  die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die öko­nomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung.  Sondern es ist die Wechsel-Wirkung".

Dies bedeutet das Eingeständnis des Zusammenbruchs der ma­terialistischen Geschichtsauffassung, so viel auch Engels, mit teils sophistischen Argumenten, von ihr zu retten versucht, und mit ihr bricht das Kernstück des "wissenschaftlichen" Marxismus zusammen.

 

Es war bereits unwissenschaftlich gewesen, aus der im Ver­hältnis zur prähistorischen Periode überaus kurzen Zeitspanne der überlieferten Geschichtsschreibung, die zudem noch falsch interpretiert wurde, "Gesetze" ablei-ten zu wollen, die angeb­lich den gesamten Geschichtsverlauf bestimmten. Dieser Ver­such gründete sich auf die total falsche Annahme, die prähisto­rischen und die sogenannten primitiven Menschen, die noch

 

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nichts eigentlich "produziert", sondern als Jäger, Fischer und Sammler von dem gelebt hatten, was die Natur ihnen bot, hätten dieselben sozialen Einrichtungen oder gar keine gehabt. Die Forschung hat vielmehr ergeben, daß die sozialen, kultu­rellen, religiösen, moralischen und auch sogar wirtschaftli­chen Begriffe, Vorstellungen und Einrichtungen der sogenannten Primitiven an Kompliziertheit und Vielfalt durchaus mit den modernsten unserer technischen Zivilisation gleichgesetzt werden können. Der englische Professor für Sozialanthropologie Max Gluckman betonte ebenso wie sein Kollege Raymond William Firth, daß z.B. die Organisation, die erfor-derlich war, um 1000 Leute auf einer Südseeinsel zusammenzuhalten, fast so kompli­ziert war wie die, die das Leben einer Stadt wie London regelt. Auch in Gesellschaften, die keine Regierung besaßen, wurden durch ver-schiedenartige soziale Prozesse und Gewohnheiten Ordnung und selbst Recht aufrechterhalten. Dabei waren in den einzelnen Gesellschaften diese Gewohnheiten und sozialen Ein­richtungen durchaus verschieden von denen anderer Gesell­schaften, die jedoch die gleiche ökonomische Basis hatten. ("In­stitutionen in primitiven Gesell-schaften", Vorträge diverser Au­toren, Frankfurt/M. 1967).

 

Wenn man beobachtet, wie die meisten Menschen zwar gern mü­helosen materiellen Vorteil wahrnehmen, aber nur verhältnis­mäßig selten wirklich große Opfer zu dessen Erlangung bringen wollen, während dieselben Men-schen sogar ihr Leben für eine Idee wegzuwerfen bereit sind (wozu Lichtenberg richtig bemerk­te: "vorausge-setzt, daß sie ihnen nicht ganz klar ist"), dürfte kaum ein Zweifel daran erlaubt sein, daß nicht die materiellen Verhältnisse, sondern die Vorstellungen in den Köpfen - meist nebelhafte Vorstellungen und demzufolge ganz überwiegend Falsches neben einigem Richtigem - und insbesondere die fix gewordenen Ideen vorzugsweise die Beweger der Weltgeschichte waren.

Die weltgeschichtliche Wirkung der Marxschen Thesen, die in allen entscheidenden Punkten unstichhaltig und bestenfalls Halb­wahrheiten sind, demonstriert am besten die Kraft von - auch wirklichkeitsfremden - Ideen in der Geschichte.

 

Der Wahn, im alleinigen Besitz der "Wahrheit" und mit der Zu­kunft im Bunde zu sein, macht den Betreffenden leicht zum Fana­tiker, der sich berufen fühlt, die Anerkennung dieser "Wahrheit"

 

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anderen aufzuzwingen; er ist mit seiner in den Dienst der fixen Idee gestellten Logik dann noch viel gefährli-cher als ein geistig Erkrankter. Insbesondere, wenn die fixe Idee in einem "Ideal" besteht, wie in der Marx-schen Vorstellung vom Endziel der Geschichte, gibt sie dem Betreffenden nicht nur ein gutes Gewissen für sei-ne Aggressivität, sondern ein geradezu religiö­ses Sendungsbewußtsein, das ihn andere anfallen läßt wie ein tol-ler Hund. Wie ansteckend so etwas wirkt, haben die religiö­sen Schwarmgeister aller Zeiten bewiesen, insbeson-dere die Inquisition der mittelalterlichen Kirche, welche die Ketzer in Liebe verbrannte, um ihr Seelenheil zu retten; aber auch die "Tugend"- und "Vernunft"-Fanatiker der französischen, wie die Tscheka und der NKWD der russischen Revolution, wo­bei gläubige Kommunisten, die das Pech gehabt, in Widerspruch zurjeweiligen Parteilinie zu geraten, zu Geständnissen  und Selbstbeschuldigungen gebracht wurden, als "Opfer" für die gro­ße Sache; nicht zuletzt auch die Ideologie des Nationalsozialis­mus, die in ihrem Rassenwahn die "Anständigkeit" jener pries, welche ihr menschliches Mitgefühl unterdrückten, um als "bit­tere Notwendigkeit" jene auszurotten, deren Existenz mit ihrem "Ideal" nicht vereinbar erschien.

 

Ein zur fixen Idee gewordener Idealismus, der "eine Art Marsch­befehl" und ein "rasend gewordener guter Wille" ist, wie ein zu spät zur Besinnung gekommener sich jüngst ausdrückte, wütet nicht nur in den totalitären Regimes der ganzen Welt, sondern lauert auch, stets ausbruchsbereit bis zum Exzeß, in den sogenannten Demo-kratien des Westens, wenn auch meist in abgemil­derten Formen, überall dort, wo jemand Herrschafts-Macht über andere Menschen im Namen von etwas "Höherem", eines Kollektivs, des Staates oder irgendeiner ge-wohnten Einrichtung besitzt.

 

4.)  Marx verkannte die kausale Rolle des Großgrundbesitzes, dessen Sprößling die industrielle Bourgeoisie ist. Das städti­sche Proletariat entstand durch Grundrente und Bodenoligopol, den sozialen Druck auf dem Lande, der das Abströmen des Landvolkes in die Städte bewirkte. Das Großgrundeigentum in der Stadt wie auf dem Lande treibt der Bourgeoisie erst die massenhaften Ausbeutungsobjekte zu. Ohne Großgrundbesitz und Boden-sperre kein Massenproletariat, wie Marx selbst am Beispiel jenes Kapitalisten in Australien zugeben mußte. Er schimpfte auf den "Idiotismus des Landlebens"  - gibt es aber

 

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einen größeren Idiotismus als den des Fabriksklaven in den Städten?

 

5.)  Marx, der immer nur an die Produktion dachte und zudem von seiner wirklichkeitsfremden Idealvorstellung eines Kon­sums nach den Bedürfnissen besessen war, vernachlässigte dabei die Untersuchung des Austausches der Produkte und Lei­stungen, insbesondere der Rolle eines monopolisierten Tauschmittels und damit des Zin-ses, der ja mit der Grundrente zusam­men den wichtigsten Kapitalakkumulator darstellt.

(J.Z.: Verglichen mit den Profitmoeglichkeiten wirklich freier Unternehmungen, auf Esparnissen und Verbes-serungen beruhend, ist der Zinsfaktor meist klein. - J.Z., 4.4.04.)

Er übersah demgemäß auch, welche Rolle Inflation und Deflation, die ja keine Naturereignisse sind, sondern bewußt herbeigeführt wer­den,

(J.Z.: Meist nur aus Unwissenheit und Vorurteil, die Folgen der eigenen Handlungen nicht erkennend! - J.Z., 4.4.04.)

bei der Kapitalanhäufung auf der einen und der Enteignung weitester Kreise auf der anderen Seite spielen.

 

Ohne die verheerende Inflation nach dem ersten Weltkrieg und die Deflation der Jahre 1931/32 in Deutschland hätte es keinen Nationalsozialismus und auch keinen zweiten Weltkrieg gege­ben. Trotz dessen Zerstörungen und trotz Belastung des ver­bliebenen Sachkapitals durch den Lastenausgleich nahm die Ver­mehrung des Sach-kapitals und die Kapitalkonzentration über­haupt danach ein bis dahin ungewohntes Tempo und immer grö­ßeren Umfang an. Ganz einfach, weil die Sachkapitalbesitzer mit dem vom Staat monopolisierten Tauschmittel schnell und reichlich versorgt wurden und sich außerdem durch überhöhte Preise "selbst finanzieren" durften, auf  Kosten der Lohnab­hängigen natürlich, die für ihre durch die "Währungsreform" vernichteten Ersparnisse lächerliche Beträge zugeteilt er­hielten. Die Sachwertbesitzer wurden dazu vom Staat durch Steuer-, vor allem Abschreibungsprivilegien nach Kräften ge­fördert. Das verstärkte noch ihre Monopolstellung und ihre Ausbeu-tungsmöglichkeiten. Marx aber starrte, wie gebannt, nur auf die privaten Monopolisten und übersah ganz, wel-che Rolle der Supermonopolist, der Verleiher und Schützer aller Privilegien und Monopole, sowohl bei der Er-möglichung pri­vater Ausbeutung, als auch bei Ausbeutung im eigenen Namen spielt. Die vom Staat geführten Kriege, aus den verschieden­sten Anlässen, hatten ja immer auch Verarmung auf der einen und Kriegsgewinne auf der anderen Seite zur Folge. Wesentli­che Anstöße zur Kapitalkonzentration gingen immer auch von der vom Staat besonders gehätschelten Rüstungsindustrie aus.

 

6.)  Nicht die wirtschaftliche Ausbeutung, sondern der Gegen-

 

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satz von Herrschern und Beherrschten, wobei die wirtschaft­liche Ausbeutung nur ein Teilaspekt ist,  bewirkt jene Kämpfe, die Marx Klassenkämpfe nennt. In diesen haben sich immer wieder Menschen, die der Gruppe der Herrschenden oder zu­mindest Privilegierten angehörten, auf die Seite der Beherrsch­ten gestellt, und zwar an führender Stelle, während die Mehr­zahl aus der Gruppe der Beherrschten untätig blieb oder sogar Partei für die Herrschenden nahm.

Die wirtschaftliche Ausbeutung ist nur ein Zweck der Herr­schaft, gewiß ihr häufigster, aber keineswegs ihr einziger oder gar für das historische Geschehen entscheidender. Die Herrschaft wird auch keineswegs vorwie-gend auf materielle Machtmittel, zumal ökonomische, gestützt, sondern in erster Linie auf psychische Ein-flüsse.  In die Köpfe der Menschen werden Glaubenssätze und bestimmte Ideen so eingeprägt, teils durch Sug-gestion von außen, teils durch Selbstsuggestion, daß sie diese nicht mehr als bloße Meinungen, Annahmen, Hypothe­sen, sondern teils für Selbstverständlichkeiten, teils für unter einem Tabu stehende, unantastbare, hei-lige Wahrheiten halten. Oft unterliegen die Herrscher oder ihre Helfer selbst solchen fix gewordenen Ideen, die sie guten Glaubens auf die Beherrsch­ten übertragen; häufiger noch benutzen sie sie nur, um eine physisch überlegene Mehrzahl sich auf diese Weise untertänig zu machen.

 

Oft jedoch kommt dem Herrscherwillen ein Beherrschtwerden-Wollen entgegen, ein freiwilliges Buckel- und Charakterkrüm­men aus irgendeinem Minderwertigkeitsgefühl, nicht aus Angst vor dem Herrscher, sondern aus innerer Unsicherheit und Ver­antwortungsscheu sich unter dessen Autorität flüchtend.

Die Herrschaft über die Köpfe mittels fixer Ideen ist neben der wirtschaftlichen Ausbeutung so sehr zum Selbstzweck geworden, daß vielfach die Herrschenden sich an der Macht als solcher ge­nügen ließen und sie wenig oder gar nicht zu persönlicher mate­rieller Bereicherung nutzten; zumindest sahen sie materielle Vorteile ihrer Herrschaft über die Köpfe nur als belanglose Ne­benwirkung an.

 

Die strenge Selbstzucht und Opferwilligkeit des Mönchtums - mit Armut, Keuschheit und Gehorsam - , insbesondere der Je­suiten, oder altpreußische Beamtenkorrektheit oder Offiziers­stolz bieten dafür ebenso Beispiele wie manche zumal unter den kommunistischen Revolutionaren.

 

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7.)  Der folgenschwerste Irrtum des Marxismus-liegt darin, daß er bei Herrschaft und Ausbeutung Ursache und Wirkung verwechselte und infolgedessen die falsche Methode zur Be­seitigung beider Übel anwandte.

Jener Teil des "Kapital", der von der sogenannten ursprüng­lichen Akkumulation handelt, zeigt, wie das indus-trielle Kapi­tal entstand, mit welchen Mitteln der Gewalt des Staates und der politischen Autorität die Voraus-setzungen geschaffen wur­den, die eine kapitalistische Wirtschaft erst ermöglichten. Er zeigt, wie Kapitalan-häufung nicht allein durch Sparsamkeit, Fleiß und Tüchtigkeit, sondern durch "Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt" entstand.

Als Marx den Produktionsvorgang darstellte, hätte er als Basis dieser Darstellung das "Kapital im Embryozu-stand, wo es erst wird, also noch nicht durch bloße Gewalt der ökonomischen Ver­hältnisse, sondern sich durch Hilfe der Staatsmacht sein Einsaugungsrecht eines genügenden Quantums Mehrarbeit sichert", nicht aus den Augen verlieren dürfen.  Aber da scheint er über der ihn faszinierenden Entdeckung, daß einmal etabliertes Ka­pital auch aus sich heraus, ohne direkte staatliche Mitwir­kung, auszubeuten vermag, seine ursprüngliche Er-kenntnis ver­gessen und zugleich übersehen zu haben, daß solche Ausbeutung durch anscheinend rein ökono-mische Macht nur auf der Basis einer staatlichen Etablierung und fortdauernden Schut­zes dieser Macht durch den Staat möglich ist.

Großgrundeigentum (und die damit verbundene Bodensperre) wurzelt im Staat. Nicht nur, daß es durch Erobe-rung und Ge­walt entstand - es kann überhaupt nicht bestehen ohne den Schutz der juristischen, polizeilichen, militärischen Gewalt des Staates, dessen Hauptzweck die Aufrechterhaltung seiner Oberhoheit und der Landes-grenzen ist. Das industrielle Kapi­tel entstand zum Teil aus den Erträgen des Großgrundeigentums, zum anderen Teil aus weiteren vom Staat eingerichteten und be­schützten Privilegien und Monopolen, insbesondere indirekt durch den Zins über das Geldmonopol; keine Art von Kapital kann ohne den ständigen juristischen und politi-schen Schutz des Staates bestehen; es kann ohne diesen Schutz insbesonde­re auch keine Ausbeutungsfunktion ausüben.

Produktionsmittel werden also letzten Endes nur durch staat­liche Privilegien und staatlichen Schutz zu ausbeu-terischem Kapital. Das Privileg erst, das im Altertum Sklaverei, im Mittelalter Leibeigenschaft, in der Neuzeit Lohnhörigkeit be-

 

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wirkte, macht Besitzer von Produktionsmitteln zu Besitzern von Ausbeutungsmitteln.

Marx verkannte, daß nicht im Produktionsvorgang, nicht ein­mal darin, daß Produktionsmittel sich in Privat-eigentum be­finden, der Kernpunkt des Kapitalismus liegt, sondern darin, daß nicht jedermann auch seinerseits Zugang zu Produktions­mitteln hat; d.h. also in der Privilegierung von Minderheiten (was auch beim Privileg einer Mehrheit nicht anders wäre).

Bei Monopolgütern, zumal bei sogenannten natürlichen Mono­polgütern, zu denen insbesondere der Boden ge-rechnet wird, aber auch bei allen Einrichtungen, die zwar kein rechtliches und totales, aber ein weitgehend faktisches Monopol haben, kommt es entscheidend auf den gleichberechtigten Zugang zu ihnen an. Die Ver-wehrung dieses gleichberechtigten Zugangs zu allen Monopolgütern und -einrichtungen, die Schaffung und der Schutz von Privilegien und Monopolen durch die politische Autorität, den Staat, macht erst das Privateigentum an Pro­duktionsmitteln zu einem Monopoleigentum. Erst durch ihren Monopolcharakter wird eine Sache Aus-beutungskapital.

Daraus aber folgt: der Staat ist nicht bloßer Reflex, nicht Über­bau, sondern Schöpfer, Gestalter und Wahrer des Kapitalismus, wenn man als charakteristisch für diesen die Ausbeutung fremder Arbeitskraft ansieht.

Die Produktionsverhältnisse werden bisher entscheidend durch den Staat bestimmt.

Wer also den ausbeuterischen Kapitalismus beseitigen will, muß zuerst das beseitigen, was diesen geschaffen hat und ihm den Ausbeutungscharakter laufend garantiert: den Staat. Und zwar den ganzen Staat, der seinem Wesen nach auf aggres­siver Gewalt, auf der Verletzung des Prinzips der gleichen Freiheit Aller, beruht. Jene Teilfunktionen des Staates, durch welche auch heute - in nur sehr begrenztem Umfang - der Einzelne gegen Willkür und Aggressivität anderer ge­schützt wird, fallen dann nicht etwa fort, sondern gehen auf freiwillige, rein defensive Vereinigungen über, da die aggres­sive Zwangsorganisation Staat ihrem Wesen nach zu solchem Schutz ungeeignet ist.

Nur infolge totaler Verkennung von Wesensart und Hauptfunk­tion des Staates konnte Marx auf die Idee kom-men, diesen als Mittel benutzen zu können, um "aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit" zu gelangen. Wohlgemerkt: eine reine Schutz- und Defensivorganisation, so-

 

 

 

 

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gar mehrere solcher und eine Reihe weiterer, alle auf frei­williger Basis, um der Herrschaft bestehender und künftig etwa entstehender Monopole zu entgehen,  sind nach der und zur Liquidation des Staates natürlich er-forderlich. Aber Marx dachte gar nicht daran, den aggressiven Zwangsstaat in sol­che Organisationen zu ver-wandeln; er dachte gar nicht daran, durch echte Vergesellschaftung den Staat in seinen Gegensatz, die Gesell-schaft, wie John Henry Mackay sie definiert hat, zu verwandeln. Er gab nicht einmal den leisesten Hinweis, wie er sich eine sozialistische Wirtschaftsführung vorgestellt hat­te. Lenin beklagte dies am 27.März 1922 auf dem XI. Partei­tag der KPdSU und sagte:

"Nicht einmal Marx kam auf den Ge­danken, auch nur ein einziges Wort darüber zu schreiben, und starb, ohne ein einziges genaues Zitat und unwideriegliche Hinweise hinterlassen zu haben. Deshalb müssen wir uns jetzt selber aus der Klemme ziehen".

Die Revolution wurde also gemäß dieser Aussage ohne klares Konzept, nur mit dem Ziel der "Machtergrei-fung", durchgeführt. Als die Macht errungen war, redeten diejenigen, die nicht nur Macht, sondern Herrschaft  angestrebt und sich selbst als alle anderen bevor­mundende Elite etabliert hatten, zwar weiter von Sozialismus und Kommunismus (welch letzteren sie jedoch in eine immer fernere Zukunft verschoben), wußten tatsächlich jedoch nichts anderes anzufangen, als an die Stelle des Privatkapitalismus den Staatskapitalismus zu setzen. Nicht sozialistische, son­dern staatsmonopolistische Produktionsverhältnisse wurden geschaffen; nicht die Ar-beiterklasse übernahm den Produk­tionsapparat, sondern die Bürokratie und der Parteiapparat, eine neue herr-schende Klasse.

 

Weil der Marxismus weder die Abhängigkeit der Ausbeutung von der Herrschaft, noch diese selbst in ihrem Wesen begriff, sondern sie nur als Anhängsel der Ausbeutung ansah (deren eigentlichen Mechanismus er auch noch verkannte), war er zur falschen Schlußfolgerung gelangt, mit der Beseitigung des Privateigentums sei auch die Herrschaft von Menschen über Menschen und die Ausbeutung überhaupt beseitigt. Als ob die­jenigen, die mit dem Anspruch auftraten, die allein richtige Lehre zu verkünden, alle anderen zu entmündigen und nach ih­rem Ermessen zu lenken, nicht ebenfalls Menschen mit all de­ren Fehlern wären, und zwar im Hinblick auf das Machtstre­ben, das sie in ihre Positionen brachte, eine durchaus nega­tive Auslese! - Und wie bescheiden waren doch die früheren

 

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Autokraten mit ihrem Herrschaftsanspruch und ihren Steu­ern (einem "Zehnten"),  während die modernen schon  mehr als 50 % beschlagnahmen und dabei bis zu 90 % gehen, ungerech­net  das, was sie durch Grundrente, Zins und andere Privile­gien und Monopole "umverteilen".

Erst durch den totalitären Staat wurde auch die Herrschaft total: nicht nur das Angebot wurde monopolisiert durch die zen­trale Steuerung der Produktion und der Investitionen, nicht nur die Nachfrage nach Arbeitskräften durch den alleinigen Arbeit­geber Staat, durch die Bestimmung der Konsumprioritäten und Preise wurden auch die Konsumenten entmündigt. Da Zeitungen, Druckereien, Verlage in Staatsbesitz, außerdem die Geheimpo­lizei und die Partei selbst über jede Abweichung vom jeweiligen Dogma wachen, ist auch das geistige Leben total geknebelt, da­mit auch die Kritik an den Machthabern, und jede Korrektur von deren Irrtümern oder Über-griffen wird unmöglich.

Eine "demokratische Kontrolle" von Herrschaft - wohlgemerkt: von echter und gar totalitärer Herrschaft - funk-tioniert allein schon wegen des Unterwürfigkeitstriebes der Vielen nicht, der noch durch die staatliche Dressur (z.B. in der Schule) und Ma­nipulation (z.B. Massenmedien) verstärkt wird, so daß statt Kontrolle Akklamation herauskommt - mit 99 % "Zustimmung" bei Wahlen.

Jede unvoreingenommene Prüfung von Volkswirtschaften, in denen der Staat (auch wenn man ihn "die Gesell-schaft" nennt) oder die Partei oder die Bürokratie die Wirtschaft steuert, zeigt nicht nur die Folgen von deren ständigen Planungsfeh­lern, Schwerfälligkeit und Fehlleistungen, sondern auch die to­tale Abhängigkeit aller, die den obrigkeitlichen Befehlen unter­worfen sind und deren Folgen ausbaden müssen. Jene Befehls­geber setzen ja auch die Arbeitslöhne nach ihrem Ermessen fest und bestimmen darüber, daß nur die ihnen genehmen Krea­tu-ren in Befehlspositionen aufrücken. Lenin nannte im Januar 1923, kurz vor seinem Tode, den typischen russi-schen Büro­kraten (und zwar den der Sowjetunion!) einen "im Grunde Schurken und Gewalttäter".

Im übrigen gehört keine besondere Schurkerei dazu, sondern es liegt in der menschlichen Natur, daß Herrsch-gewalt - un­gleiche Freiheit also der einen auf Kosten der anderen und ge­gen deren Willen - immer auch dazu ausgenutzt wird, die Schwä­cheren auszubeuten und zu unterdrücken, sowie sich selbst Vor­teile der verschie-densten Art zu verschaffen. Auch wo das Pri-

 

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vateigentum .abgeschafft ist, gibt es andere Möglichkeiten ge­nug, sich Privilegien und Sondervorteile zu si-chern. Ein Pri­vileg ist ja schon an sich die Herrschaftsfunktion, auch wenn sie auf der Fiktion beruht, daß sie nur stellvertretend "für Al­le", zu deren Wohl, ausgeübt wird, denn ihr Kern bleibt doch: die wenigen befehlen und die vielen müssen gehorchen, die ei­nen haben mehr Freiheit als die anderen, auf deren Kosten und gegen deren Willen, und die von ihnen ausgehende Gewalt ist aggressiv, also keine bloße Defensive der gleichen Freiheit Aller!

 

Der Irrweg des Staats-Sozialismus macht den Einzelnen zum widerspruchslosen Befehlsempfänger einer Pla-nungs­und Verwaltungsbürokratie, die unter dem Vorwand, ihn zu repräsentieren, absoluten Gehorsam fordert und gegen die es nicht einmal jenen Widerstand gibt, der gegenüber dem priva­ten Machthaber immerhin noch möglich ist. Es handelt sich dabei um keine bloße Verschiebung der Macht vom Individuum auf den Staat, sondern um die Schaffung einer ganz neuen, bis­her nicht dagewesenen, unendlich vermehrten Macht und Herr­schaftsgewalt. Sie entspringt einer Ideologie, stützt sich auf unbewiesene und unbeweisbare Behauptungen und in ihrem Kern, aller Umhüllungen entkleidet, ist sie nichts anderes als die Proklamation aggressiver Gewalt.

 

8.)  Die Marxsche Wertlehre gilt heute noch als echte Wis­senschaft. Sie hat zwar einen richtigen Kern, aber auch in echter Wissenschaft gibt es Irrtümer und unvollkommene Er­kenntnisse.

 

Weil Marx den herkömmlichen Denkformen entsprechend nach einem absoluten Wert suchte, glaubte er einen solchen in der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit gefunden zu haben. Dabei handelt es sich jedoch um eine Abstraktion und sie ist als praktisches Wertmaß völlig ungeeignet; denn an ihr gemes­sen müßten z.B. die Pyramiden von überragendem Wert sein und nicht nur bei der geistigen Arbeit, sondern auch in der Land-wirtschaft versagt dieses Maß, weil das Gesetz vom ab­nehmenden Bodenertrag da entgegensteht.

"Wert" ist bei Marx nur als etwas Vorgestelltes, Abstraktes, nicht konkret und real Existierendes, also als etwas Ideologi­sches, vorhanden. "Wert" resultiert aus Wertung, also Schät­zung, und zeigt sich konkret allein im Preis, vorausgesetzt.

 

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daß dieser von keinen anderen Faktoren als wirklich freier Konkurrenz beeinflußt ist, so daß also alle Privile-gien und Monopole ausgeschaltet sind.

 

Nach Marx entsteht der sogenannte "Mehrwert" erst während des Produktionsvorganges; er bezeichnet bis da-hin Arbeiter und Kapitalbesitzer sogar ausdrücklich als ebenbürtige und juristisch gleiche Personen und be-hauptet wiederholt, daß der Verkäufer von Arbeitskraft mit dem Käufer als freie, recht­lich ebenbürtige Person kontrahiert. Tatsächlich liegt jedoch die eigentliche Ursache der Ausbeutung darin, daß schon vorher ein durch die Rechtsordnung des Staates bedingter Zustand besteht, der den Arbeiter zwingt, sich dem Kapi­talisten zu verkaufen, weil nicht er selbst, sondern jener im Besitz der Produktionsmittel ist, während er selbst keinen Zu-gang zu diesen hat. Das ist keine Ebenbürtigkeit, sondern ein durch die Zwangsgewalt des Staates, durch dessen Juris­diktion und Polizei diktierter Zustand. Der Staat monopoli­siert z.B. den Boden für eine kleine Minderheit von Eigen­tümern, während er den Zugang zum Boden für alle anderen sperrt, die nicht den sich aus der kapi-talisierten Grundren­te ergebenden Preis bezahlen können, soweit der Boden über­haupt verkäuflich ist. Er schützt und privilegiert auch den Besitz anderer Produktionsmittel in direkter und indirekter Form und hält die Nicht-Privilegierten von ihnen fern.

(J.Z.: Manchmal werden Genossenschaften sogar gesetzlich beguenstigt - und dennoch wird von dieser Moeg-lichkeit ungenuegend Gebrauch gemacht. - J.Z., 4.4.04.)

 

Es gibt heute keine freie Produktion, sondern nur eine von der Kapitalrendite, die vom Geldmonopol bestimmt wird, beschränk­te; diese Beschränkung wirkt sich nicht nur in beschränktem Lohn, sondern auch in beschränk-ter Kaufkraft der Lohnabhän­gigen aus und gleichzeitig in einer Einschränkung der Produk­tion von Sachkapital. Ursache von dem allen aber ist der Staat, der diese Verhältnisse geschaffen hat und aufrecht erhält, ins­beson-dere den Tribut, den jeder entrichten muß, der arbeiten will, wenn er nicht selbst über das jeweils erforderliche Ka­pital verfügen kann. Sogar dann, wenn ihm solches im Kredit­wege zur Verfügung steht, entgeht er dem Tribut nicht.

 

Während Marx im sog. "Mehrwert" und in der Art, wie er des­sen Zustandekommen schildert, das eigentliche Geheimnis der ka­pitalistischen Ausbeutung entdeckt zu haben glaubte, zeigt sich auch hier, daß er nur eine Halb-, ja Drittelwahrheit schilderte.

 

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Nach Marx entsteht der Mehrwert dadurch, daß der Kapita­list dem Arbeiter nicht den vollen Wert von dessen Arbeitsprodukt  bezahle, sondern einen Teil davon sich selbst aneig­ne, wobei außerdem behauptet wurde, der Lohn des Arbeiters reduziere sich dabei auf jenes Minimum, das zur Fristung seiner Existenz erforderlich sei. Marx meinte, der Kapita­list bezahle den Arbeiter nur für die zur Erzeugung des Pro­dukts erforderliche "gesell-schaftlich notwendige" Arbeits­zeit, die z.B. fünf Stunden erfordere, zwinge ihn aber, da­rüber hinaus weiterzu-arbeiten, z.B. fünf weitere Stunden, und stecke dann den Ertrag dieser Mehrarbeit in die eigene Tasche. Um diesen Mehrwert werde der Arbeiter beraubt, und zwar vom Unternehmer.

 

In dieser Darstellung stecken gleich mehrere Denkfehler. Zu­nächst verwechselt Marx dabei den Unternehmer mit dem Ka­pitalisten, während der Unternehmer in der Regel zwar auch Kapitalist ist (heute ist er oft nur noch ein angestellter Manager), aber meist macht sein Eigenkapital nur einen kleinen Teil des notwendigen Betriebs-kapitals aus. So weit er letzteres leihen muß, ist er seinerseits anderen Kapitalisten tributpflichtig und mit die-sem Teil des Produkterlöses keineswegs sel­ber Ausbeuter. Was dabei herauskommt, zeigt z.B.. die Necker-mann-Bilanz von 1971: die Zinsausgaben waren mit mehr als 28 Millionen DM dreimal so hoch wie die aus-geschüttete Dividende!

Sodann verkennt Marx die Rolle des (echten) Unternehmers und veranschlagt nicht im geringsten die Initiative, Risikobe­reitschaft und organisatorische Leistung, von der das Ergeb­nis für alle Beteiligten wesentlich abhängt. Bei Führungs­wechsel in privatwirtschaftlichen oder auch gemeinwirtschaft­lichen und in verstaatlichten Betrie-ben hat man oft die Erfah­rung gemacht, daß der bisher vorhandene "Mehrwert" sich in ein laufendes Defizit verwandelte. Ein Unterschied besteht auch zwischen dem rein technisch fertigen Produkt und des­sen Absatz und Erlös, wobei letzterer wesentlich vom Können des betreffenden Unternehmers abhängt (hierbei ist natürlich nicht an solche gedacht, die nur die rein kapitalistische Rolle des Besitzers spielen und alle Arbeiten von Ange-stellten, ins­besondere Managern, leisten lassen).

Schließlich überbewertet   Marx die manuelle Arbeitskraft im Produktionsprozeß. Das schließliche Arbeits-produkt ist das

 

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Ergebnis des Zusammenwirkens von sechs Faktoren: Boden, Kapital (im engeren Sinne, wie Gebäude, Ma-schinen, Arbeits­geräte, aber auch Geld als Betriebskapital zur Beschaffung der Rohstoffe, für die allgemeinen Betriebsausgaben und für die Entlohnung der Arbeitskräfte, lange bevor sich aus dem Betriebsergebnis die ersten Geldeingänge ergeben), Handar­beit, die Initiative zum Einsatz der drei vorstehenden Fak­toren und die Übernahme des damit verbundenen Risikos, und schließlich die planerische und organisatorische Sorg­falt. Bisher war und ist es so, daß der Boden für Grundren­te, das Kapital für Zins und der Unternehmer oft noch als Monopolgewinn (über seinen Unternehmer-Arbeitslohn hin­aus) einen erheblichen Teil aus dem Erlös des Gesamtpro­dukts beanspruchen.  Wodurch bewirkt werden kann, daß dieser Teil zugunsten der reinen Arbeits-leistung deren Ertrag erhöht, wird noch genauer erläutert. Hier mag zu­nächst der Hinweis genügen, daß Marx völlig undifferenziert unter "Mehrwert" drei Faktoren zusammenfaßt, die keines­wegs nur in die Tasche des Unternehmers und auch keines­wegs nur in die Tasche von Großkapitalisten, sondern als Zins ev. zum Teil sogar in die Taschen der vom Unterneh­mer angeblich um den Mehrwert beraubten Arbeiter fließen; dann nämlich, wenn letztere Spargelder den Banken und Spar­kassen zu etwa 4 % zur Verfügung gestellt haben, die von die­sen als Betriebskapital dem betreffenden Unternehmen weiter­verliehen wurden, und dann zu etwa 8 bis 9 %.

Daß Kapitaleinsatz die Produktivität der manuellen Arbeit (oh­ne deren Zutun!) erheblich steigert, sich dabei abnutzt und aus dem Produktionsergebnis (dem "Mehrwert") ersetzt werden muß, daß heute mehr noch als die manuelle Arbeitskraft die geistige der schöpferischen Kräfte aus Wissenschaft und Tech­nik ausgebeutet wird, denen die Produktivitätssteigerung des Sachkapitals zu danken ist, gehört auch zum "Mehrwert".

 

Der Produktionsprozeß,  realistisch-gesehen - und wie Ausbeutung vermieden werden kann.

 

Der Unternehmer selber muß Zins und Grundrente bezahlen, die in den Preisen seiner Betriebsanlagen und der Rohstoffe

 

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stecken, und Zinsen zumal auch für sein Betriebskapital, das er teils zur Anschaffung jener Anlagen und Roh-stoffe, teils für Löhne und Gehälter und sonstige Betriebsausgaben, wie Kraftstrom, Werbung usw., braucht; hiervon bildet sein Ei­genkapital meist nur einen sehr geringen Teil. Alle diese Ko­sten müssen aus dem Erlös des Produkts gedeckt werden; das betreffende Kapital muß vorhanden sein und eingesetzt werden, bevor das Produkt hergestellt werden und ein Erlös erzielt werden kann. Der Unternehmer muß für das benötigte Fremd-kapital sogar vorrangig bezahlen, weil er sonst gar nicht produzieren, insbesondere auch keine Ar­beitskräfte bezahlen könnte. Rohstoffe - und allein schon zu deren Beschaffung ist Kapital nötig - werden auch nicht durch einfaches "arbeiten" zu einer Ware, die einem Bedürfnis ent­spricht und Absatz findet; um sie dazu zu machen ist eine Menge mehr notwendig.

Je nach Art der Produktion und ihrer Automation ist ein Ka­pitaleinsatz erforderlich, der manchmal so hoch wird, daß daneben die manuelle Arbeit nur noch einen ganz winzigen Anteil am Endprodukt hat; es gibt Be-triebe, in denen der Kostenanteil des Arbeitslohns bei einem Bruchteil eines Prozents liegt. Hieraus folgt, daß der sogenannte Mehrwert keineswegs nur an den Unternehmer, sondern, je nach dem Anteil des Fremdkapitals, in ganz verschiedene Kanäle fließt. Außerdem muß man sich darüber klar werden, daß der Arbeitseffekt sehr unterschiedlich, je nach Art und Um­fang des Kapitaleinsatzes, ist, daß also der schließliche Produkterlös nicht als ausschließlicher Effekt des manuel­len Arbeitseinsatzes und der Einsatz des Kapitals (und der übrigen we-sentlichen Produktionsfaktoren!) nicht so betrach­tet werden darf, als sei dies alles gratis vom Himmel ge­fallen.

 

Denn auch dann, wenn es weder die heutige Grundrente noch den heutigen Zins, noch Monopolgewinne des Unternehmers gibt, wenn also die heutigen Arbeiter und Angestellten Zu­gang zum benötigten Kapital haben, indem sie dies durch An­sparen selber bilden oder aber im Kreditwege (ohne die heute durch das Geldmonopol bedingten hohen Zinsen) sich verschaf­fen können, können sie bei weitem nicht den Erlös des fertigen Produkts unter sich verteilen; schon deswegen nicht, weil in diesem Erlös, auch die Rohstoffe und andere laufende   Kosten

 

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stecken. Selbst wenn man diese ausklammert, bleiben immer noch zwei weitere Umstände zu beachten und ein-zukalkulieren, die der heutige Unternehmer beachten muß und die ebenso von den Arbeitenden in einer von allen Privilegien und Monopolen befreiten Welt zu beachten sind, wenn die heute Lohnabhängi­gen durch freien Zugang zu allen Produktionsmitteln selbst zu Unternehmern werden können:

 

Erstens muß auch in diesem Fall, wenn das Kapital im Kre­ditwege beschafft wird, es rückgezahlt werden; und zwar aus jenem Teil des Produkts, um den dies durch den Kapitalein­satz gegenüber dem bloßen Arbeitseinsatz vermehrt wurde. Dazu kommt dann noch eine kleine Gebühr (die nicht mehr "Zins", sondern eben Gebühr ist), die sich aus den Kosten des Kreditgebers und einem kleinen Gewinn für diesen, so­wie einer Kreditrisikoprämie zusammensetzt, etwa in Höhe von 1 %, höchstens 2 % insgesamt. (??? J.Z.) Aber auch, wenn das Kapi­tal aus eigenen Ersparnissen gestellt wird, muß es, als sogenannte Amortisation, aus dem Produkterlös rückgezahlt werden, wenngleich in die eigene Tasche; denn das eingesetz­te Sachkapital nutzt sich durch den Gebrauch ja ab und wird schließlich ganz oder fast wertlos.

Bei der heute sehr raschen technischen Entwicklung muß ausserdem, um ständig auf der Höhe und konkurrenz-fähig zu blei­ben, laufend zusätzliches Kapital investiert und amortisiert und dies wiederum aus dem Produk-tionserlös genommen wer­den.

 

Zweitens geht jeder, der Kapital zur Produktion einsetzt, das Risiko ein, es zur Gänze oder zum Teil zu verlie-ren; eine wiederum aus dem Produktionserlös zu  nehmende kleine Ri­sikoprämie ist demgegenüber angebracht und stellt keine Ausbeutung der die Arbeit leistenden dar, zumal sie auch von diesen einkalkuliert werden muß, wenn sie selber mit Kapital arbeiten.

 

Außerdem: wenn die bisher Lohnabhängigen nach Fortfall des Geldmonopols und Bodenoligopols (sowie durch eine besondere, noch zu besprechende Einrichtung) Zugang zu den Produktions­mitteln erlangen, wobei dann ihnen, statt nur den heutigen Kapitalbesitzern jenes Mehr an Arbeitsertrag zufließt, um das der bloße Einsatz von menschlicher Arbeitskraft durch Kapi-

 

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taleinsatz gesteigert wird, müssen sie entweder unter sich bereits jemand haben, der Unternehmerqualitäten besitzt, oder aber sie müssen sich einen solchen, einen Manager al­so, engagieren und dessen Leistung entspre-chend vergüten. Denn wenn schon zwischen einfacher und qualifizierter Ar­beit erhebliche Unterschiede, auch in der Vergütung, beste­hen, so gehört echte Unternehmerleistung zu den komplizier­testen, die es gibt. Nicht bloße, beliebige Summierung von menschlicher Arbeitsleistung, sondern erst deren rationelle Organisation bringt die Arbeit zu höchster Produktivität; der rationelle Kapitaleinsatz dazu erfordert nicht nur organisato­risches, sondern auch Können auf zahlreichen anderen Gebie­ten. Vor allem haben die fertigen Produkte so lange keinen Wert, als sie nicht verkauft sind und der Erlös dafür auch eingegangen ist; dies erfordert wieder andere Fähigkeiten. Weitsicht, Voraussicht müssen hinzukommen, um sich an­bahnende günstige Entwick-lungen zu erkennen und drohende Gefahren zu vermeiden. All dies, was zu einer echten Un­ternehmerleistung gehört, ist nicht nur unerläßliche Voraus­setzung einer guten laufenden Betriebsführung, sondern beeinflußt auch sehr erheblich das Betriebsergebnis und damit die Arbeitseinkünfte aller Betriebsangehörigen. Ein entspre­chend hoher Unternehmerlohn (Managerlohn) hat also nichts mit Ausbeutung der anderen Betriebs-angehörigen zu tun, son­dern gehört in die Sparte Leistungs-, also Arbeitsentgelt.

 

Es war ein grober Irrtum von Marx, die echte Unternehmer­leistung zu unterschätzen und anzunehmen, daß bloßer Kapi­talbesitz stets genüge, um mühelos Profite daraus zu ziehen. Die Fälle Borgward, Stinnes, Schlieker und Krupp - in denen von den Betreffenden übrigens, ebenso wie bei Marx, die Rol­le des Geldmonopols mit seinen Auswirkungen, insbesondere auf den Zins, verkannt worden war - zeigen zur Genüge, daß sogar der Besitz riesiger Produktionsmittel nicht davor schützt, unversehens in die Pleite, oder zumindest an deren Rand, zu geraten. Wie die Genannten beweisen, sind es auch keineswegs nur Kleinkapitalisten, die etwa durch die Konkurrenz größerer ruiniert werden. Sondern auch recht große Betriebe gehen im­mer wieder zugrunde oder erleiden Verluste, die in viele und oft sogar hunderte von Millionen DM gehen, wie ein Blick in die Wirt-schaftspresse es nahezu täglich zeigt. Der Risikofak­tor jedes Kapitaleinsatzes ist also erheblich und auch durch

 

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große Unternehmerqualitäten nie ganz auszuschalten. - Auch diesen Risikofaktor verkannte Marx, indem er die Dinge so hinstellte, daß einen Arbeiter beschäftigen nichts anderes heiße, als unbezahlte Arbeit eines Mitmen-schen sich anzueig­nen. Nach Fortfall der Monopole und Privilegien wird sich noch zeigen, ob wirklich alle heu-tigen Lohnabhängigen es vor­ziehen werden, in freien Assoziationen an Gewinn und Verlust beteiligt zu sein, oder ob sie lieber feste Lohnbezieher sein und das Risiko auf andere abschieben wollen. Man kann auch als Lohnempfänger den Unternehmer, in diesem Fall die As­soziation, ausbeuten, wenn das Betriebsergebnis statt Gewinn Verlust ausweist, der dann nur zu Lasten der Assoziationsan­gehörigen geht, während die gegen festen Lohn Beschäftigten sich ins Fäustchen lachen.

 

Auch daß verschiedene Steuern - z.B. Gewerbe- und Mehr­wertsteuer - nicht den Unternehmer treffen,  sondern als Be­triebskosten (wozu insbesondere auch die Lohnsummensteuer gehört) zu Lasten des Arbeitsertrages der Lohnabhängigen gehen, blieb bei Marx unberücksichtigt.

 

Die vorstehend erläuterten, im Grunde recht einfachen und leicht überschaubaren Tatsachen zeigen im Gegen-satz zur Marxschen allzu primitiven Mehrwerttheorie, wo die eigent­lichen Quellen der Ausbeutung liegen: in der "Rechts"- oder vielmehr Gewaltordnung des Staates, welche zu den einen sagt: "Ihr dürft mit dem Boden in Stadt und Land wie mit ei­ner von euch hergestellten Ware verfahren, weil er euer Ei­gentum ist; ihr dürft andere von der Benutzung selbst solchen Bodens, den ihr persönlich gar nicht benutzen wollt oder könnt, ausschließen oder ihnen die Bedingungen von dessen Nutzung diktieren"; und zu den anderen: "Ihr müßt das von mir verliehe­ne Vorrecht jener respektieren und ihnen Tribut leisten, wenn ihr überhaupt existieren wollt".

Ohne die hinter ihm stehende Staatsgewalt wäre der Bodeneigentümer gar nicht in der Lage, seinen Anspruch auf Grundrente, der kapitalisiert den Boden­preis ergibt, durchzusetzen und überhaupt mehr Boden zu be­schlagnahmen, als er selbst zu bearbeiten vermag und tat­sächlich bearbeitet oder sonstwie nutzt, während er andere davon ausschließt, die auf dies Geschenk der Natur den glei­chen Anspruch erheben können. Ähnlich verfährt die Staatsge­walt beim Geldmonopol und Kreditoligopol mit verschiedenen

 

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z.T. ganz harmlos klingenden Gesetzen, deren direkte und indirekte Auswirkung jedoch ist, daß in wachsendem Umfang enormes Kapital sich bei wenigen ansammelt, dessen Gebrauch oder Mißbrauch wiederum als "Eigen-tum" geschützt wird, ebenso wie die erpresserische Art seiner Erwerbung; wäh­rend die anderen, auf deren Kos-ten jene reich werden, eben deswegen auch bei großer Sparsamkeit in der Regel nicht ge­nug Kapital anzusam-meln vermögen, um mit jenen konkur­rieren zu können.

 

Grundrente und Zins sind also jene Kürzungen am an sich möglichen Arbeitsertrag, wie er ohne die Privilegien und Monopole und Oligopole sein würde, die jene Kürzungen be­wirken; dazu kommt noch, daß der so gekürzte Arbeitser­trag bei seiner Verausgabung zum Lebensunterhalt wiederum Grundrente und Zins in den Preisen aller   Produkte ent­richten muß.

Hinzu kommen noch andere Privilegien, Mono- und Oligopole von geringerer, aber sich summierender Wir-kung und in stei­gendem Umfang die direkte und indirekte Ausplünderung der Produzierenden für Staats-zwecke.

 

Daneben gibt es oft noch einen besonderen Monopolgewinn des Unternehmers (zusätzlich zu einem angemes-senen Unterneh­merlohn), der daraus resultiert, daß dieser aufgrund von Sondermonopolen, etwa bei Boden-schätzen, oder durch Kar­tellvereinbarungen, oder mittels besonderer vom Staat ge­währter Privilegien einen Sondergewinn einstreichen kann, der vielfach allein dadurch entsteht, daß er eben sich in den Besitz der not-wendigen umfangreichen Produktionsmittel set­zen kann, gegebenenfalls im Kreditwege, während die große Mehrheit lohnabhängig bleibt und nicht als "kreditwürdig" gilt.

 

Allerdings ist es nicht so, daß auf der einen Seite nur böse Unterdrücker und Ausbeuter, auf der anderen nur arme und hilflose Unterdrückte und Ausgebeutete sich befinden. Denn die letzteren sind gar nicht selten an ihrem Zustand selber schuld, zumindest zu einem erheblichen Teil. Abgesehen von der nicht geringen Zahl derer, die geradezu süchtig sind nach Unterordnung, die, wenn sie nicht schon einen Herrn haben, nach einem solchen in den verschiedensten Formen suchen

 

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und, in bestehende Herrschaftsverhältnisse hineingeboren, sich darin wohlfühlen und niemals den geringsten Drang ver­spüren, ihnen zu entkommen - abgesehen also von diesen, beläßt es eine zweite - wohl die größte - Gruppe in der Regel bei einem bloßen, bläßlichen Wunsch nach mehr Freiheit und Änderung der Verhältnisse, tut jedoch nur selten, und ledig­lich, wenn sie von anderen mitgerissen wird, auch selber etwas dazu.

 

Erst die dritte, kleinste Gruppe ist aktiv, jedoch mangels Kenntnis des richtigen Weges zum Ziel und der zweckmäßig­sten Methoden, in sich vielfach gespalten und daher nur sel­ten erfolgreich. Rein zahlenmäßig jedoch hätte die zweite und dritte Gruppe zusammen eindeutig eine Mehrheit gegen­über der Minderheit der Unterdrücker und Ausbeuter und könnte, ohne jede Gewaltanwendung, diese zumindest dort nutzen, wo Meinungs- und Publikationsfreiheit und Mehr­heitsentscheidungen die Möglichkeit dazu bieten. Keineswegs jedoch ist dies der einzige oder gar der erfolgreichste Weg. Denn genau so, wie ökonomische Macht zur Unterdrückung, kann sie auch zur Befreiung genutzt werden.

 

Wenn der Marxismus damit recht hätte, daß die Ausbeutung nur in der Produktion und insbesondere durch den Unterneh­mer entsteht, könnten ja die ausgebeuteten Arbeiter und Ange­stellten ganz einfach damit Schluß machen, indem sie, allein mit ihren Spareinlagen, das gesamte Aktienkapital z.B. der deutschen Industrie aufkaufen, dessen Börsenwert auf 130 Mil­liarden DM geschätzt wurde, wobei nur 51% davon erworben zu werden brauchen. Das wäre logischer und auch einfacher und schneller zu bewerkstelligen als jede Art von Sozialisie­rung über den Staat. Die Spareinlagen bei Banken und Spar­kassen belaufen sich gegenwärtig auf 390 Milliarden DM; un­ter diesen befinden sich nur recht wenig von Seiten der Selb­ständigen, die ihre flüssigen Mittel nicht in dieser Form an­zulegen pflegen.

 

Nach Feststellungen aus 1973 belief sich das durchschnitt­liche Geldvermögen der Arbeiterhaushalte auf rund 5.000.- DM, wozu noch rund 10.000.- an Grundvermögen kommen. Diese Zahlen dürften sich inzwischen nicht unwesentlich er­höht haben. Alles das ist Kapital, also Produktionsmittel, wenn

 

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es als solches eingesetzt wird.  Aber auch der vermögens­lose Arbeiter erhält heute, allein aufgrund seines Ver-dienst­nachweises Kredite von 5. 000. - DM und mehr von den Ban­ken geradezu nachgeworfen, freilich zu hohem Zins. Wenn man aber bedenkt, daß er sich damit von der Ausbeutung,  wie der Marxismus sie versteht, ein für allemal freikaufen könn­te und dabei den Einsatz nicht einmal zu opfern brauchte,  son­dern den Gegen-wert zu freier Verfügung erhielte - !

In einem Betrieb mit z.B.100 000 Arbeitern könnten diese ent­weder mit vorhandenen eigenen Spargeldern oder einzelnen Kre­ditaufnahmen von durchschnittlich 5. 000. - DM also 500 Millio­nen DM bar zusammenbringen; das ist weit mehr, als ein Be­trieb solcher Größe an Eigenkapital zu besitzen pflegt, reicht also zur Übernahme bei weitem aus. Auch wo ein Unternehmer nicht verkaufen will - ziemlich viele möchten es heute liebend gern - , könnte durch organisierte Kaufkraftverlagerung auf einen von einer Assoziation der betreffenden Arbeiter finan­zierten Gegenbetrieb in den meisten Fällen dieser zu einer überlegenen Konkurrenz heranwachsen, und die Arbeiter des ursprünglichen Betriebes könnten allmählich zu diesem, ihrem eigenen Betrieb, abwandern. Die Gewerkschaften mit ihren heu­te rund 2 Milliarden DM Vermögen könnten dabei Hilfestellung leisten.

 

In allen solchen Fällen, in denen die bisher Lohnabhängigen zu Eigentümern des Betriebes werden, fließt dann künftig der Mo­nopolgewinn des Unternehmers (der sich neben dem - berech­tigten - Unternehmerarbeitslohn ergibt) in die Tasche der neu­en Eigentümer, die zudem sowohl die kalkulierte Risikoprämie (soweit diese nicht effektiv beansprucht wird), als insbesonde­re auch einen Teil der Amortisations- oder Abschreibungs- ­und die Neuinvestitionsquote (nicht entnommener Gewinn) als eigenen Vermögenszuwachs kassieren können, während bisher Risikoprämie und besonders Neuinvestition aus nicht entnom­menem Gewinn nur das Vermögen des Un-ternehmers und Ka­pitalbesitzers mehrt. Auch der kalkulierte Zins für das Eigen­kapital fließt dann den früher Lohnabhängigen zu, während die Ausbeutung durch Zins und Grundrente bei Fremdkapital (und allen Ausga-ben, bei denen Zins und Grundrente im Preis stec­ken) natürlich bis zur Abschaffung der beiden Hauptmonopole verbleibt.  

Die Verkennung der eigentlichen Quellen der Ausbeutung durch

 

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Marx mit seiner Mehrwerttheorie hatte zur Folge, daß die Beseitigung der Ausbeutung bisher nur auf unzweck-mäßigen Wegen und daher unwirksam versucht wurde. Indem man als Ausbeuter nur den Unternehmer ansah, beschränkten die bis­herigen Bemühungen sich darauf, durch Lohnkämpfe ihm das abzunehmen, was Marx den Mehrwert nannte, was jedoch, wie wir gesehen haben, ein sehr komplexes Gebilde ist. Dies konnte sich jedoch praktisch nur auf den Monopolgewinn des Unternehmers,  der über den Unternehmerarbeitslohn hinausgeht, und auf letzteren selbst auswirken, hingegen nicht auf die weit größere Beeinträchtigung des Arbeitslohns durch Grundrente und Zins. Denn zu Lasten von Grundrente und Zins für Fremdkapital kann der Unternehmer keine Lohn­erhöhungen zugestehen und bei seinem Eigenkapital wäre es unbillig, von ihm zu verlangen, daß er dieses gratis zur Ver­fügung stellen soll, während er selber Grundrente und Zins für Fremdkapital entrichten muß. Er kann solchen Forderun­gen gegenüber entweder nur den Betrieb schließen, oder aber ihn den Arbeit-nehmern zur käuflichen Übernahme anbieten (wobei letzteres als Hauptziel von den Gewerkschaften ange­strebt werden sollte). Denn die dritte Möglichkeit, eine Überwälzung der Lohnerhöhung auf die Preise, führt nur zu einer Schraube ohne Ende

(J.Z.: Ein Irrtum den Ulrich von Beckerath in seinen Briefen mehrfach aufgedeckt und widerlegt hat. - J.Z., 4.4.04.)

und in eine sich beschleunigende Infla­tion, also zu einem Selbstbetrug der Lohnabhängigen, die auf diese Wei-se nicht den Unternehmer, sondern nur sich gegen­seitig anzapfen, dazu ihre eigenen Ersparnisse entwerten und letztendlich Arbeitslosigkeit bewirken.

 

Wie bereits erwähnt, lassen sich weder zu Lasten der Amor­tisation durch Abschreibungen noch der notwen-digen Neuinve­stitionen aus dem Betriebsgewinn, oder der notwendigen Ri­sikoprämie, unmittelbare Erhöhun-gen des Arbeitsentgelts ge­winnen, weil alle drei Posten von der Betriebsgemeinschaft einer Arbeiter-Assozia-tion genau so einkalkuliert werden müssen wie von einem selbständigen Unternehmer (und im übrigen auch bei verstaatlichten Betrieben einkalkuliert wer­den); diesbezüglich läßt sich nur erreichen, daß, was als stille Reser-ven bisher das Vermögen des Betriebseigentü­mers mehrte, nunmehr das Vermögen aller Beschäftig­ten des Be-triebes mehrt; unter der Voraussetzung eben, daß alle Beschäftigten, wenn sie dies wünschen, Betriebsei­gen-tümer werden und an Gewinn wie Verlust teilhaben. Also

 

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volle, nicht nur halbe Mitbestimmung, und nicht ohne Übernahme auch des Risikos. Denn man muß bedenken: be­reits ein verhältnismäßig geringer Verlust an Eigenkapital oder Betriebsverlust überhaupt kann genügen, um eine Illiquidität oder einen Verlust an Kreditfähigkeit herbeizuführen und in der Folge dann einen Verlust des Gesamtkapitals; ein stillgelegter Betrieb, stillstehende Maschinen haben nur ei­nen Bruchteil früheren Wertes, wie jedermann auch aus dem Unterschied der Preise für neu und alt wissen kann, wenn er irgendeine gebrauch-te Sache verkaufen will.

 

Der Monopolgewinn des Unternehmers aber, für sich allein, ist, zumal bei starker Konkurrenz, nicht immer von wesent­licher Bedeutung. Dies erhellt daraus, daß die gemeinwirt­schaftlichen Betriebe, z.B. der Konsumgenos-senschaften, weder ihren Arbeitnehmern höhere Löhne noch den Konsu­menten niedrigere Preise bieten als die konkurrierenden Pri­vatunternehmen. Wo bleibt da also auf beiden Seiten der "Mehrwert" ?

 

Die Gewerkschaften machen daher einen Fehler, wenn sie die Rolle der Monopole, von Zins und Grundrente, verkennen und den von jenen erpreßten Tribut sich nur beim Unternehmer zurückzuholen versuchen. Dies muß zwangsläufig dort schei­tern, wo es sich um Fremdkapital handelt, das auch gegen den Willen des Unternehmers den Betrieb stillegt, wenn es nicht den anderweitig gebotenen Tribut erhält; dasselbe gilt auch aus vorstehend erwähntem Grunde für dessen Eigenka­pital. Abgesehen von dem nicht in allen Fällen vorhandenen und auch oft nicht sehr hohen Monopolgewinn des Unterneh­mers können also Lohnerhöhungen nur auf Kosten von Zins und Grundrente erzielt werden (sowie sonstiger Privilegien und Monopole), und auf deren Beseitigung müssen sich die Bestrebungen in erster Linie richten, zumal diese beiden Faktoren ja auch noch den ausgezahlten Lohn wesentlich re­duzieren.

(J.Z.: Mögliche Kostenersparungen oder Rationalisierungen und neue Erfindungen spielen eine noch grössere Rolle in der Produktivitäts- und damit der Lohnerhöhung. - J.Z., 4.4.04.

 

Wer den größtmöglichen Ertrag seines Arbeitsaufwandes er­zielen will, muß also unter rationellem Einsatz von Kapital, das nicht mehr von Grundrente und Zins (bei letzterem jeden­falls nicht mehr in der heutigen Höhe) belastet ist, sich unab­hängig machen können davon, daß er gezwungen ist, Arbeits-

 

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möglichkeiten zu ergreifen, die ihm von "Arbeitgebern", sei­en diese private Unternehmer oder der Staat, gebo-

ten werden. Er muß also selbst - allein oder in Assoziation mit anderen - Unternehmer werden können und die Möglichkeit dazu muß so leicht sein und so häufig genutzt werden, däß durch die Kon­kurrenz der heutige Mo-nopolgewinn der Unternehmer auch noch wegfällt; der Einzelne braucht dann nicht mehr aus un­erbittlichem Zwang, weil ihm keine andere Wahl bleibt, son­dern nur dann noch sich gegen festen - und angemessenen -Lohn verdingen, wenn es ihm selber an unternehmerischen Fähigkeiten fehlt und er auch keinen geeigneten Manager en­gagieren kann, oder wenn er das unternehmerische Risiko scheut und mit festem Entgelt lieber auf Nummer Sicher gehen will.

 

Jenen, die eine - gar geldlose - Bedarfsdeckungswirtschaft anstreben, sei gesagt, daß in einer von allen Privile-gien und Monopolen befreiten Gesellschaftsordnung sie ausgiebig Ge­legenheit haben werden, diese für sich und Gleichgesinnte zu realisieren, ohne freilich Nichtwollende zwingen zu können, daran teilzunehmen. Aber selbst dann können sowohl Ein­zelne wie Gruppen auf die Dauer niemals mehr von anderen verlangen, als sie selber an echten Äquivalenten zu geben fähig sind und bei der Produktion müssen auch in einer geld­losen Wirtschaft alle die erwähnten Kostenfaktoren ganz ähn­lich berücksichtigt werden wie in einer (nicht monopo-listi­schen) Geldwirtschaft.

 

Das Ende einer Illusion

 

Ein verhängnisvoller Irrtum liegt auch darin, daß Marx oder etwa Lenin einen herrschaftslosen Zustand als Endziel ange­strebt hätten, zumal dieses Endziel in ihren Vorstellungen völlig nebelhaft blieb. Beide erstrebten ganz konkret eine Dik­tatur und einen Herrschaftszustand, der die Menschen zwangsweise so dressieren sollte, daß sie schließlich aus Ge­wohnheit, also "freiwillig" in Auswirkung solcher Manipula­tion, im Kommunismus ihr "Ideal" sehen sollten, wonach dann der Zwang und mit ihm auch der Staat entfallen könne. Der

 

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Kommunismus ist jedoch ein utopisches Ideal schon deswe­gen, weil seine These, daß jedermann nach seinen Fähigkei­ten produzieren und nach seinen Bedürfnissen konsumieren solle, illusionär ist, da die Bedürfnisse mit wachsender Be­friedigung immer weiter wachsen,  während den Produktions­möglichkeiten Grenzen durch die Bodenfläche bei wachsender Bevölkerungszahl, auch durch die vorhandenen Rohstoffe und noch andere Um-stände gezogen sind;  nicht zuletzt aber auch psychologische Grenzen, da in einem solchen System die Leis-tungsfähigen und Leistungsgewillten sich mit Recht ausge­beutet fühlen durch die weniger Leistungsfähigen und Faulen. Eine kommunistische Wirtschaftsweise ist zwar möglich in freiwilligen, nicht allzu großen, über-schaubaren Gruppen Gleichgesinnter. Ein genereller Kommunismus ist jedoch nur in einer Diktatur möglich, welche das Recht auf das Produkt der eigenen Arbeit der Einzelnen bestreitet und als typische Ideologie Ansprüche und "Rechte" auf das Arbeitsprodukt an­derer erteilt.

 

Ein solcher Zustand ist nur durch aggressive Gewalt reali­sierbar und auch nur durch fortgesetzte Gewaltver-übung auf­rechtzuerhalten, kann also nicht auf die Dauer "anerzogen" werden. Die den Kommunismus predi-genden Staaten haben im übrigen bisher ja wohlweislich auf jeden Realisierungs­versuch ihrer Utopie verzichtet und statt dessen eine staats­kapitalistische Klassengesellschaft geschaffen, die sie "als Durchgangsstufe zum Kommunismus" fälschlich als "sozia­listische" etikettieren.

 

Demgegenüber erstrebt der Anarchismus keine neue Gesell­schaft, die durch zwangsweise "Umerziehung" erst in ferner Zukunft entstehen soll, sondern eine in der Gegenwart mögli­che, wozu es keiner Diktatur und keiner Unterdrückung ande­rer, sondern nur einer Beseitigung aller Privilegien und Mo­nopole, insbesondere des Erz-monopolisten Staat, bedarf, so­wie einiger auf  Freiwilligkeit beruhender Organisationen zur Garantierung und Verteidigung der gleichen Freiheit Aller (die, wie erwähnt, u.a. den Schutz gegen Mord, Totschlag,  Körper-verletzung, Vergewaltigung, Raub, Diebstahl, Er­pressung usw. einschließt).

 

Alle historische Erfahrung, insbesondere auch der ständige Machtkampf unter den kommunistischen Dikta- toren, spricht

 

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dagegen, daß diese eines Tages erklären würden, sie seien überflüssig und wollten freiwillig auf ihre Macht verzichten.

 

Auch das.was der Diktatur folgen soll und was von Marx und Lenin nur andeutungsweise beschrieben wird, wird von ihnen völlig willkürlich nicht mehr als Staat bezeichnet, obwohl es sämtliche Wesensmerkmale eines solchen besitzt.  Denn al­lein schon das Kommando über die Güterproduktion ist  ein Kommando über das menschliche Leben schlechthin.

Es ist ebenso Betrug, Staatsdiktatur als Mittel zum Zweck der Nichtstaatlichkeit auszugeben, wie den Zustand der angeb­lichen Nichtstaatlichkeit mit allen Autoritätselementen einer Majoritätsherrschaft über die Menschen und Gesellschaftsgü­ter auszustatten und dann einfach zu behaupten, dies sei kein Staat.

 

Die Katze aus dem Sack ließ ein moderner Marxist, der pol­nische Professor Adam Schaff.  In "Marxismus und das mensch­liche Individuum" (Wien 1965,  Hamburg 1970) hat er mit aller wünschenswerten Klarheit ausge-sprochen, daß es sich bei dem "wahren Menschen",  dem im Verhältnis zu seinem "Wesen" nicht mehr entfrem-deten, um ein Ideal handelt, das also mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat. Ein Wunschbild, eine Illusion, ist somit als angeblich zwangsläufiges Resultat einer naturgesetzlichen Entwicklung hingestellt worden.

 

Schaff sagt dazu dann weiter: "Man kann nicht abstreiten, daß der Staat in der sozialistischen Gesellschaft exis-tiert. Wir streiten es nicht nur nicht ab, wir rühmen täglich seine Macht". Er begründet dies mit der Bedrohung durch die kapitalistischen Mächte, gibt dann aber ehrlicherweise zu: "Der Staat als Appa­rat der Gewalt tritt nicht nur als eine nach außen, sondern auch als eine nach innen gerichtete Kraft auf" und beginnt etwas zu stot-tern, als er auf die Konsequenzen davon zu sprechen kommt, die er "die Periode des sogenannten Personen-kults, und zwar in allen sozialistischen Ländern" nennt; wobei er wiederum ehr­licherweise zugibt: "Diese Frage wartet auf die soziologische Analyse, über deren Oberfläche noch keiner der Marxisten hin­ausgelangt ist"!

 

Er sagt dann weiter: "Nehmen wir die beste Möglichkeit an, daß auch diese Entfremdung mit dem Verschwin-den der feindlichen

 

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Umwelt, mit dem Absterben der Klassen innerhalb der Gesell­schaft abgeschafft wird. Es bleibt jedoch weiter-hin das Prob­lem der Entfremdung des Staates, und zwar in einer Sphäre, die den Begründern des Marxismus unverdächtig erschienen war. Es geht um den Staat als Verwaltungsapparat, als Appa­rat der Verwaltung von Dingen. Nach Ansicht der Klassiker stirbt im Sozialismus der Staat als Organ der Gewalt ab, bleibt aber in sei-nen Funktionen als Verwalter von Dingen. Darüber hegten die Begründer des Marxismus keinerlei Zwei­fel, ob-wohl sie damals, die Anarchisten bekämpfend, nicht wissen konnten, welche Unzahl von Funktionen und wel-che Macht dieser Staat noch einmal haben sollte. Von der Funk­tion des Planens des gesamten gesellschaftlichen Lebens und seiner Entwicklung, über die Leitung der ganzen verstaatlich­ten Wirtschaft, die Leitung der Institu-tionen der Wissenschaft, Kultur und Kunst, Sozialversicherung, Gesundheitsschutz, Ver­waltung des Verkehrs und so weiter und so fort verwandelt sich der Staat in seiner Rolle als Administrator in eine Riesen­maschine, die mit dem Fortschritt der Technik immer mehr das gesamte Leben in einem Maße erfaßt, das man sich vor hundert Jahren nicht vorstellen konnte. Selbst ein Maximum an Demokratie und eine maximale Annäherung an den Idealtyp der freien Vereinigung von Produzenten, von denen die Grün­der des Marxismus sprachen, voraus-gesetzt, ergibt sich un­ter den heutigen Bedingungen aus rein technischen Ursachen die Notwendigkeit der zen-tralen Leitung und Verwaltung der verschiedenen Sphären des gesellschaftlichen Lebens, so daß der Staat ein molochartiger Apparat bleibt, ein Apparat, der bei der heutigen Spezialisierung notwendigerweise ein profes­sioneller Apparat sein muß. Die Bürokratie bleibt, trotz al­ler demokratischen Korrektive, die den Staatsapparat der gesellschaftlichen Kontrolle unterziehen, unter den heutigen Bedingungen eine Notwendigkeit. Man darf sich keine Illusio­nen darüber machen, daß man mehr erreichen kann, als daß diese Bürokratie eine kompetente und vernünftige Bürokratie sei. Der Staat als Verwaltungsapparat wird  nicht   abster­ben, das ist eine Illusion, der sich die Gründer des Marxis­mus im reifen Alter nicht mehr hingaben, und schon gar nicht Lenin."!

 

Also eine Illusion der noch unreifen Begründer des Marxismus ist dessen bisher verkündetes Endziel und ein

 

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bewußter Schwindel daher die immer noch weiterlaufende Pro­pagierung dieses angeblich so "humanen" und "freiheitlichen" Endziels - !  Denn die totale Verwaltung aller "Dinge"  ist na­türlich identisch mit der totalen Beherrschung aller Menschen durch eine "kompetente" Bürokratie, die auch die bescheiden­ste Kritik als "in-kompetent" verwirft und die Kritiker liqui­diert, zu Zwangsarbeit deportiert oder in Irrenhäusern iso­liert.

 

Die angebliche "Notwendigkeit"  resultiert keineswegs aus dem technischen Fortschritt,  sondern aus dem   Wahn, daß der Mensch die Aufgabe habe, sich zu seiner "wahren  Bestimmung" als "gesellschaftliches Wesen" zu entwickeln, wodurch er der Herrschaft einer Abstraktion und ihrer Interpreten unterworfen wird.

Jede   Herrschaft hat die Tendenz, sich ins Totale aus­zudehnen, und die"Kompetenz" der marxistischen Büro-kratie ist nur die ins Totale gesteigerte "Kompetenz" des aufgeklärten Absolutismus, der alles "zum Wohle"der inkompetenten, urteils­unfähigen Untertanen tat.

 

Den Staat für "notwendig" zu erklären, bedeutet nichts anderes, als die aggressive Gewalt für notwendig zu er-klären, die Herr­schaft der einen über die anderen, den Zustand ungleicher Frei­heit, in dem die Freiheit der einen auf Kosten gleicher Freiheit der anderen und gegen deren Willen erweitert ist.

Es gibt kein reales Problem und keine wirklich notwendige, d.h. eine Not wendende Aufgabe (außer eingebil-deten, wahnhaften, ideologischen), die nicht auch im Rahmen der gleichen Freiheit Aller, ohne aggressive Gewalt, von den rein defensiven Organi­sationen auf freiwilliger Basis gelöst werden könnte, wie sie im 7. und 8. Kapitel beschrieben werden.

 

Gerade die Entwicklung der Technik erleichtert die freiheitli­chen Lösungen in mindestens demselben Maße, in dem sie auch die Ausdehnung bestehender Herrschaft zu fördern ver­mag; daß sie jedoch an sich Herrschaft statt Freiheit notwendig mache und deren Inkarnation, den Staat, ist eine fixe Idee jener, die, um die Privilegien und Monopole einer Minorität von Pri­vatleuten zu beseitigen, dies nicht etwa in logischer Weise durch Ab-schaffung aller Privilegien und Monopole anstrebten, son­dern sich in völlig alogischer und widersinniger Wei-se darauf ver­steiften, dies könne nur dadurch geschehen, daß jene Privilegien und Monopole auf den Staat übertragen würden und dieser zum

 

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Super-Privilegierten und Super-Monopolisten gemacht wird.

 

So, wie echte Gesellschaft sich als Resultante nichtaggressi­ver Handlungen und freiwilliger Vereinigungen der Einzelnen ergibt, ergeben sich in ihr ganz von selbst die verschieden­sten Planungen des gesellschaftlichen Le-bens und seiner Ent­wicklung. Schaff meint mit dem "Planen des gesamten gesellschaftlichen Lebens" jedoch dessen zentrale Beherr­schung durch Staatsfunktionäre. Eine entstaatlichte Wirt­schaft, ohne alle Privilegien und Monopole, bedarf auch kei­ner anderen "Leitung" als durch die einzelnen Wirtschafts­subjekte, seien dies Ein-zelne oder freiwillige Vereinigungen unter der generellen Richtlinie der gleichen Freiheit Aller.

 

Institutionen der Wissenschaft, Kultur und Kunst wurden ur­sprünglich nicht vom Staat geschaffen; dieser hat sich ihrer zunehmend nur bemächtigt. Gesundheitsschutz und Sozial­versicherung sind Sache der daran Interes-sierten; wie im Kapitel über den Staat nachgewiesen, ist dessen "soziale Fürsorge" entweder mangelhafte Teil-rückerstattung des zu­vor vom Staat selbst oder unter Staatspatronanz Geraubten, oder aber sie erfolgt aufgrund spezieller enormer Schröp­fung, wobei die "Befürsorgten" nur einen Teil des ihnen zu­vor gewaltsam Abgenom-menen zurückerhalten; private Ver­sicherungen können reeller und billiger arbeiten. Und Ver­kehrsverwaltung ist Sache der Verkehrsträger und Ver­kehrsinteressenten. Wobei in allem, wohlgemerkt, nicht private Willkür entscheidet, sondern das durch entsprechen­de Organisationen garantierte Prinzip des Ausschlusses ag­gressiver Gewalt, das identisch ist mit dem Prinzip der gleichen Freiheit Aller.

Die Kompetenz ergibt sich dabei aus der freien Konkurrenz dieser Organisationen, wobei deren Benutzer die Inkompetenten automatisch aussondern.

 

Schaff betont dann noch einmal, daß nach dem Konzept des Marxismus ein ausgedehnter Machtapparat beste-hen bleiben soll, der über dem Individuum steht, also als ausgepräg­te Herrschaft. Das trickreiche Verfahren des Marxismus beruht dabei auf willkürlichen Definitionen, mittels welcher er es fertig bringt, eindeutigen Akten aggressiver Gewalt den Gewaltcharakter abzustreiten. Schaff gibt z.B. zu, daß die Abschaffung der Gesell-schaftsklassen "nämlich ex definitione mit der Abschaffung des Privateigentums

 

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verbunden sei", woraus er folgert, daß die Kritik der Burnham und Djilas am Klassencharakter der Volksdemo-kratien "Dumm­heit" sei. Also nicht die Analyse der Wirklichkeit, sondern willkürliche Benennungen, die der Wirklichkeit widersprechen, sind das, worauf sich der Marxismus stützt.

 

Schaff gibt dann wieder zu, daß es in der kommunistischen Ge­sellschaft Gruppen - er nennt sie Gruppen und nicht Klas­sen! - gibt, die hinsichtlich Prestige, Platz in der sozialen Hierarchie "eine gewisse Einteilung bedeu-ten", und fährt dann fort: "Unter den verschiedenen möglichen Einteilungen und Kriterien tritt (wenn man in Betracht zieht, daß die abso­lute Gleichheit der Menschen in jeder Hinsicht eine Fiktion ist) jene Teilung in den Vordergrund, deren Grundlage die Ausübung einer Macht ist, und sei es auch nur einer admini­strativen (im oben dargelegten Sinne des Wortes). Ist es doch klar, daß es, wenn der Staat als derart ausgedehnter und kom­plizierter Apparat zur Verwaltung des gesellschaftlichen Le­bens bestehen bleiben muß, auch eine Gruppe oder Schicht von Menschen geben muß, die diese Funktion des Verwaltens aus­üben. Je ausgedehnter dieser Apparat wegen der technischen Erfordernisse sein wird, desto größer wird die Schicht der Verwaltenden sein; je kom-plizierter und je stärker hierarchisch geordnet (ebenfalls aus Gründen der technischen Erfordernisse) (Anmerkung: Warum nicht gleich aus göttlicher Vorsehung, die diese angeblichen "Erfordernisse" geschaffen hat? !)

dieser Ap­parat sein wird, desto größer die Rolle, die in der Struktur dieser Schicht die Hierarchie spielen wird".

 

Schaff gibt zu,  daß der Apparat der "Verwaltung von Dingen" zum Apparat "des Waltens über Menschen" wer-den kann. Daß dieser von ihm selbst molochartig genannte Apparat aber unzweideutig bereits über Menschen waltet, d.h. sie beherrscht in einem Umfang, wie es kein Herrscher des Absolutismus ge­tan hat, will er nicht zugeben, weil seine ganze Ideologie dann zusammenbricht. Also credo quia absurdum oder Schizophrenie als Wissenschaft maskiert, nachdem er oben ausdrücklich zu­gegeben hat, daß der Apparat und die hinter ihm ste-henden Funktionäre über dem Individuum stehen sollen.

 

Immerhin erklärt er die von Marx postulierte volle Befriedi­gung aller menschlichen Bedürfnisse im Kommu-nismus, wenn

 

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nicht überhaupt für ein Relikt des Utopismus, so doch für ein Ziel, das erst in ganz ferner Zukunft erreichbar sei. Bis da­hin "ist klar, daß Menschen, die der Gesellschaft mehr ge­ben, von ihr mehr erhalten sollten". Womit, wie er sagt, die Entfremdung einer gewissen Gruppe der sozialistischen Ge­sellschaft (Anmerkung: d.h. also der neuen Klasse, die nicht sein kann, weil sie nach der Ideologie nicht sein darf)  attrak­tiv gemacht wird.

Und schließlich, sagt Schaff, "unterliegt keinem Zweifel, daß nach wie vor erhalten bleibt, was Marx die Ent-fremdung der Arbeit nennt". Über den Marxschen Traum von der "Beseiti­gung der Arbeit", an deren Stelle "freie Tätigkeit" treten wird, sagt er: "ich glaube, es ist am besten, diese Ideen der jugendlichen Phantasie und Naivität ihres Autors zuzuschrei­ben"!!  - Bei solch schnöder Entideologisierung ihres Idols bleibt also die Hoff-nung, daß die Marxisten eines Tages auch den vollen Umfang der Naivität ihrer Ausgangspunkte, Voraus­setzungen, Mittel und Wege und ebenso die erschreckende Rea­lität der Realisierungsversuche ihrer Theorie erkennen werden.

 

Es erübrigt sich, auf die Vielzahl der neo-marxistischen Kor­rekturen und Umdeutungen einzugehen, die zum Teil die vor­stehende Kritik bestätigen. Denn ihnen allen ist gemeinsam der naive Glaube an die Notwendigkeit des Staates, die völli­ge Verkennung von dessen Wesensart und auch der Alternati­ve zu ihm, und schließlich auch die Verkennung der eigentli­chen Quellen der Ausbeutung.

 

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DIE   IDEOLOGIE   DER   DEMOKRATIE   

 

UND IHRE   WIDERSPRÜCHE   ZUR   WIRKLICHKEIT

 

Schon im Begriff der Demokratie = Volksherrschaft kommt das unklare Denken zum Ausdruck, das sich mit den recht verschiedenartigen Vorstellungen verbindet, die um diesen Begriff kreisen.

 

Denn da Herrschaft ein Zustand ungleicher Freiheit ist, bei dem die Freiheit der einen größer ist als die der anderen, auf deren Kosten und gegen deren Willen, ist es schon von vornherein eine ganz unsinnige Vorstel-lung, daß ein Volk als solches über sich selbst herrschen könnte. Deshalb bedeutet in der Realität - bisher jedenfalls - "Demokratie" immer nur, daß mittels einer Vorstellung vom "Volk" als einer dem Einzelnen gegen-über "höheren" Wesenheit über alle Ein­zelnen geherrscht wird; wobei die Repräsentanten des "Volkes" noch wesentliche Abstufungen unter den beherrsch­ten Einzelnen durch Privilegien und Monopole schaffen, so daß die betreffenden Machtgruppen ihrerseits Herrschaft über andere Gruppen oder Einzelne ausüben können.

 

Das Volk als solches, d.h. die Summe seiner einzelnen Ange­hörigen, kann schon deswegen nicht herrschen, weil es weder einen einheitlichen Willen noch ein einheitliches Denken und überhaupt keine Existenz als einheitliches, selbständiges We­sen neben oder gegenüber der Gesamtheit der einzelnen Volks­angehörigen hat; es ist lediglich ein in Gedanken existierender, abstrakter Sammelbegriff, dem insoweit auch die Wirklichkeit der Gesamtheit der unter sich höchst verschiedenen, wenn auch durch Landschaft, Klima, Rasse, Sprache, Kultur, gemeinsame geschichtliche Erlebnisse mitgeprägten, einzelnen Volksangehö­rigen entspricht.

 

Zu einem ideologischen - und damit in der Praxis zu einem von Phantasten und Herrschaftssüchtigen geprägten   Schwindelbegriff - wird das "Volk" erst dann, wenn es als eine mystisch erhöhte eigene Wesenheit über den einzelnen Volksangehöri­gen, mit einem Herrschaftsanspruch diesen gegenüber propa-

 

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giert wird; es ist dem Einzelnen gegenüber natürlich ebenso wenig ein "höheres Wesen", wie es z.B. die Ge-samtheit der Pferde gegenüber einem einzelnen Pferde ist. Diese Vor­stellung vom "Volk" ist ein rein gedank-liches, dazu recht un­logisches Hirnprodukt, das keine nachweisbare Beziehung zur Wirklichkeit hat. Weder für die Existenz dieses "Vol­kes" noch für dessen angeblichen Willen oder "wahres Inter­esse" kann ein Beweis geführt werden.  Alle diesbezüglichen Vorbringungen sind also nichts anderes als haltlose Behaup­tungen, die nur den Zweck haben, als Rechtfertigungsversuche für tatsächlich verübte aggressive Gewaltanwendung zu dienen.

 

Zwar hat man recht verschiedenartige, auch rationale Begrün­dungen für das zu geben versucht, was als "Demo-kratie" prak­tiziert wird; aber diese Begründungen widersprechen zum Teil offenkundigen Tatsachen, und zu einem anderen Teil gehen sie von Voraussetzungen aus, die recht anfechtbar sind. Bei den Vorstellungen von "Demokratie" wirkt auch jener Konservati­vismus alter Gewohnheiten mit, der bezeichnend für die Ent­wicklung des menschlichen Denkens ist: es gibt da keine stren­ge Logik, die etwa jedermann zur Verfügung steht und fehler­freies Denken ermöglichen würde, sondern es gibt gewisser­maßen einen Urwald, in den die jeweiligen Denkanreger schma­le Wege gebahnt haben, auf denen die anderen durch Nach-Denken ihnen nun folgen. Die neuen Resultate weichen damit je­weils nur um ein Geringes von den bisher schon erzielten ab, eben nur soweit, wie seitlich oder nach vorn ein neuer Denkweg gebahnt wurde.

Damit hängt wohl auch zusammen, wie lange man an gewohnten Einrichtungen hängen bleibt, selbst längst überlebten.

 

Von der unerforschlichen Willkür einer Vielzahl von Göttern, d.h. von der Herrschaft derer, die sich als deren Sprachrohr ausgaben, und von der unbeschränkten Autokratie eines per­sönlichen Einzelgottes suchte man sich durch die Vorstellung eines Gottes der Liebe und der Gerechtigkeit zu befreien, so­zusagen einer aufgeklärten himmlisches Monarchie. Aber der Gedanke der Herrschaft blieb dabei bestehen.

 

Ähnlich war es bei den menschlichen Autokraten, den Feudal­herren, Fürsten, Königen und Kaisern. Auch hier rangen Ein­zelne und Gruppen unter den Beherrschten jenen vereinzelte

 

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Zugeständnisse ab, suchten deren Herrschaftsbereich einzu­engen und die eigene Freiheit zu erweitern. Aber sie setzten dabei nur an die Stelle dezentralisierter Herrschaft der Feu­dalherren die zentralisierte eines Monarchen und schließlich an deren Stelle die einer Abstraktion, des Volkes, ohne zu begreifen, daß dies nur die Herrschaft von dessen Repräsen­tanten, also einer neuen Oligarchie, sein konnte. Ohne vor allem zu begreifen, daß die bis-herigen Kämpfe nicht so sehr gegen die verschiedenen Formen der Herrschaft und gegen die verschiedenen Personen der Herrscher, als vielmehr gegen die Sache, die Herrschaft an sich, gerichtet waren.

 

Auch gab es bis vor zweihundert Jahren in der Masse der Beherrschten nur ganz vereinzelt ein Persönlich-keitsbewußtsein, das die Freiheit der Person als Individuum und nicht als Gattungswesen forderte, dem es um individuelle und nicht bloß um Kollektiv-Freiheiten ging.  Zwar gab es in der amerikanischen Revolution von 1776, weniger in der französichen von 1789, schüchterne und inkonsequente Ansätze da­zu, vom Einzelnen auszugehen und alle gesellschaftlichen Einrichtungen als Schöpfungen gleichberechtigter Einzelner und deren Kontrolle unterstehend zu behandeln. Aber eben die herkömmlichen Denkformen, welche Herrschaft als alte Gewohnheit empfanden, die Verwechslung der Gesamtheit al­ler Einzelnen mit dem "Volk", das nun als neuer Souverän proklamiert wurde, und zwar als Souverän über der Ge­samtheit aller Einzelnen, brachte schließlich jenen Zwitter von "Demokratie" hervor, über dessen Ausgangspunkt, Ziel und "echten" Inhalt noch heute gestritten wird.

Dabei werden in der Regel zwar theoretisch einige "Grund­rechte" der Einzelnen als angeblich unabhängig von ihrer Ge­währung durch den Staat zugestanden;   dies wird aber prak­tisch dadurch wieder aufgehoben, daß die selbsternannten oder auf höchst fragwürdige Weise gewählten Repräsentanten des Souveräns "Volk" durch eine Ausdehnung der Staatsmacht auf immer neue Bereiche und schließlich ins Totale eine Verviel­fachung ihrer Macht gegenüber den ärgsten Autokraten frühe­rer Zeiten erreichten, auch in den "westlichen Demokratien": über Gesundheit und Freiheit, Gut und Blut, Leben und Tod - immer im Namen einer "Demokratie", die unter ihrer Ober­herrschaft eine Fülle von Sonderherrschaftsverhältnissen Einzelner und ganzer Gruppen schuf. Von der Herrschaft als

 

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solcher kamen die Menschen bisher nicht los. Es wechselten nur immer die Herren und die Formen. Die Herrschaft blieb.

 

Das lag zum Teil an dem wirren, zur bloßen Phrase entarte­ten Freiheitsbegriff. Da ein Zustand der Freiheit in sozialer Beziehung nur bei gleicher Freiheit Aller möglich ist, wobei also niemand ein Mehr an Handlungs-freiheit auf Kosten anderer und gegen deren Willen hat, ist die­ser Zustand mit Herrschaftslosigkeit identisch. Im Namen der Demokratie steckt aber bereits der Begriff der Herrschaft und damit die Verneinung der gleichen Freiheit Aller.

 

Das lag ferner an der durch die Gewohnheit zur fixen geworde­nen Idee, zur Schaffung und Aufrechterhaltung eines Zustandes der Freiheit und Gleichberechtigung bedürfe es einer dem Ein­zelnen übergeordneten Herr-schaftsmacht. Dabei wurde zu­gleich Macht mit Herrschaftsmacht verwechselt. Und Defensi­ve mit Aggression. Denn zur Schaffung und Aufrechterhaltung eines Zustandes der Freiheit ist zwar Macht notwendig; aber eben nur die nichtaggressive, rein defensive Macht der durch ihr wechselseitiges Interesse an der Aufrechterhaltung der gleichen Freiheit Aller in entsprechenden Organisationen frei­willig Vereinten.

 

Bei den alten Griechen, die als Erfinder der Demokratie gel­ten, war von gleicher Freiheit oder auch nur Gleich-berechti­gung Aller gar keine Rede. (J.Z.: ??? Siehe e.g. under "isocracy" im Oxford English Dictionary.)

Politische Rechte besaß nur eine winzige Minderheit, die etwa 3 % der Gesamtbevölkerung aus­machte, welche im übrigen aus Unfreien, Sklaven und poli­tisch Rechtlosen bestand; wobei letztere im späteren Verlauf all-mählich Bürgerrechte und eine gewisse Mitbestimmung er­langten.

Die ursprüngliche Demokratie war also im Grunde eine Oli­garchie und alles, was bisher als Demokratie galt und gilt, ist - mit, auch nur formaler, Ausnahme der Schweiz - Oligar­chie geblieben, auch wenn schließlich alle Staatsbürger des betreffenden Landes die gleichen politischen Rechte erlangten.

Daß es nicht bloß auf die Gleichheit der politischen Rechte ankommt, zeigt die Tatsache, daß politisch recht-lose Sklaven von ihren Herren nicht nur sicheren Unterhalt erhiel­ten, sondern oft sogar zu Beratern und Vermö-gensverwaltern

 

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gemacht wurden, während politisch souveräne Massen täglich in Not und Elend gestürzt werden konnten und heute noch kön­nen.

 

Es kommt also viel mehr, als auf die Gleichheit der politischen Rechte, auf Gleichheit der Rechte überhaupt, z.B. auf den gleichberechtigten Zugang zum Boden,  an; und noch um­fassender als der Begriff der gleichen Rechte ist der der gleichen Freiheit Aller.  Denn gleiche Rechte können z.B. nach der kommunistischen Grund-these des Konsumierens nach den Bedürfnissen alle Einzelnen auf die Produkte fremder Arbeit haben; als gleiches "demokratisches" Recht gilt auch der Anspruch, den Einzelnen "zum Wohle der Gesamtheit" nicht nur gewaltsam in die Tasche zu greifen, sondern sie in vielfältiger Weise bevormunden und sie gegebenenfalls auch zum Heldentod kommandieren zu dürfen - vorausgesetzt, man habe vom "souveränen Volk" eine weithin unbegrenzte Voll­macht oder gar den "Auftrag" dazu erhalten.

 

Während bei gleicher Freiheit Aller niemand ein Recht auf das Arbeitsprodukt eines anderen hat, niemand ein Recht, ei­nem anderen etwas zu befehlen (es sei denn, er habe von jenem selbst dieses Recht eingeräumt er-halten), während es dabei überhaupt keine anderen Rechte und Pflichten gibt als freiwillig vereinbarte, "legi-timieren" die angeblich glei­chen "demokratischen" Rechte aggressive Handlungen gegen den Willen der Be-troffenen, Privilegien und Mono-, sowie Oligopole als Institutionen und die ungleiche Freiheit der Ein­zelnen; unter dieser ist nicht etwa der durch Erbanlagen, Fä­higkeiten, Leistungen verschiedene Handlungsspielraum der Einzelnen zu verstehen, sondern nur ein durch aggressive Ge­walt eingeschränkter, wobei also der eine auf Kosten des an­deren (und gegen dessen Willen) einen vergrößerten Freiheit­spielraum gewinnt.

 

Was mit "Demokratisierung", mehr dunkel erfühlt als klar bewußt, im Grunde gemeint ist, die wirkliche und echte Gleichberechtigung aller Einzelnen, ohne Privileg,  Monopol oder Herrschaft der einen oder anderen, läßt sich nur in kon­sequenter Realisierung des Grundsatzes der gleichen Freiheit Aller erreichen; während "Demo-kratie" sowohl im Denkansatz wie in der Realität ein Herrschafts-System ist, das

 

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man zwar als kleineres Übel einem autokratischen, insbeson­dere einem totalitären System vorziehen kann, das jedoch ebenso unvermeidlich dem Untergang geweiht ist wie jene. Nicht etwa, weil ein historisches oder ande-res Gesetz in die­ser Richtung wirkt; sondern einfach deshalb, weil Tatsachen stärker sind als Ideologien und angesichts der Tatsachen die Ungereimtheiten und Widersprüche der "Demokratie" auf die Dauer unhaltbar sind.

 

Die Demokratie ist nicht nur insoweit Ideologie, als sie in einer ihrer "Begründungen" von dem mystifizierten Be­griff des "Volkes" ausgeht, das angeblich als "höhere" Wesen­heit nicht nur über der Gesamtheit aller gegen-wärtigen Volks­angehörigen, sondern als selbständiges Lebewesen, als eine Art Volksgeist, auch über den ver-gangenen und künftigen Ge­nerationen schwebt. Es liegt auf der Hand, daß weder die Exi­stenz eines solchen "Volkes" überhaupt, noch die Behauptun­gen und Ansprüche seiner selbsternannten Repräsentanten be­weisbar sind; sie sind daher nicht von reinen Hirngespinsten unterscheidbar und also nicht anders zu behandeln als solche.

 

Aber auch, wo das Volk mehr rational als die Gesamtheit sei­ner gegenwärtigen Angehörigen betrachtet wird, werden ihm vielfach Eigenschaften unterstellt, d.h. angedichtet, von denen bei nüchterner Beurteilung gar keine Rede sein kann. Man braucht nur einen Blick in die Geschichte zu werfen, um bestä­tigt zu finden: wo immer die Masse des Volkes eine Meinung äußerte oder gar selbst zur Aktion vorging, teilte und billigte es die pri-mitivsten und unsinnigsten Vorurteile und Irrtümer, und seine eigenen Aktionen zeichnen sich in der Regel durch scheußliche Brutalitäten und Grausamkeiten aus.

Schon 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung schilderte der Pro­phet Jesaja den Massenmenschen in Judäa, ob reich oder arm, hochgestellt oder niedrig, als willensschwach, schurkisch, ar­rogant, raffgierig, liederlich, prin-zipien- und skrupellos.  Plato, 400 Jahre später in Griechenland, urteilte über die Masse seiner Zeitgenossen nicht anders; er verglich sie sogar mit einer Herde raubgieriger wilder Tiere. Man kann auch in den Tagebü-chern Marc Aurels nachlesen, was dieser, wieder rund 500Jahre später, in Rom von seinen Zeitgenossen hielt. Das finstere Mittelalter ist als solches ein Begriff und die Errun­genschaften der Neuzeit konnten im ersten und zweiten Welt-

 

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krieg, sowie in den Kriegen und Revolutionen danach studiert werden. Eine eindrucksvolle Auslese davon ist in "Urkräfte im Weltgeschehen",  1. und 2. Teil, herausgegeben von Ludwig Leher (München 1968) zu finden.

 

Im 18. Jahrhundert brachten die Romantiker, insbesondere Rousseau mit seinen wirklichkeitsfremden, willkür-lichen Denk­konstruktionen (die nicht ausschlossen, daß er daneben auch wirklichkeitsnahe Feststellungen traf), die bis heute fortdau­ernde Vorstellung von der "Güte" und "Gerechtigkeit" des Volkes unter die Leute (was im Vergleich mit dessen Beherr­schern, relativ also, oft sogar stimmte), sowie daß Volkes­stimme Gottesstimme sei. Wo war die Güte und Gerechtig­keit gegenüber Sokrates, der vom Volk verurteilt wurde, den Giftbecher zu trin-ken, wo gegenüber Jesus, der vom Volk, das ihm den Mörder Barabas vorzog, zur Kreuzigung verur­teilt wur-de? War es nicht das Volk, das die Scheußlichkeiten der französischen Revolution forderte und verübte, und das auch Göbbels auf seine Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?" ein begeistertes "Ja" zubrüllte?

(J.Z.: Das geschah nicht in einer Volksabstimmung sondern in einer fuer diesen Zweck zusammengerufenen Versammlung von Nazi-Fanatikern! - J.Z., 4.4.04.)

 

Erst aus der Mythologie vom Volk entstand die Vollendung des Absolutismus. Daß die französische Revolution den Abso­lutismus beseitigt habe, ist eine Geschichtsfälschung!  In Wirk­lichkeit wurden durch sie die Befug-nisse des Staates lawinenhaft ausgeweitet und alle noch unter dem Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts übrig gebliebenen Freiheiten besei­tigt. Während dem unter ständig verschärften Druck der Staatsmaschinerie gesetzten Einzelnen mit Erfolg weisgemacht wurde, er selbst sei nun der Staat, hüllten sich die an den He­beln dieser Maschinerie Sitzenden, die neuen Herren und Herr­scher, in einen anonymen Absolutismus. Einen ag-gressiven Fürsten konnte man noch absetzen oder umbringen; gegenüber dem "Volk" war eine Gegenwehr des Einzelnen umso weniger möglich, je mehr von den anderen Einzelnen an den neuen Mythos glaubten und jeden Versuch zu auch ihrer Befrei­ung als einen Angriff gegen sich selbst auffaßten.  Jene, die angeblich die "Ge-samtheit" repräsentierten, wurden so unan­greifbar und galten von vornherein als gegenüber dem Einzel­nen stets im Recht seiend; zumal hinter ihnen alles Prestige und alle Macht der Staatsgewalt stand - und zusätzlich der gute Glaube einer manipulierten Mehrheit. Denn die modernen

 

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Massenmedien ermöglichten eine in früheren Zeiten nie  dagewesene Meinungsmache und Beeinflussung; die staatliche Er­ziehung zum Gehorsam durch Schule und Militärdienst kam hinzu und die ständige Ausdehnung der Staats-"Aufgaben" mach­te die Einzelnen immer abhängiger von dem, was Staat genannt und als "Vertre-tung" des "Gesamtinteresses" vorgestellt wird; während es faktisch die verhältnismäßig plump maskierte Herr­schaft einer kleinen Gruppe, einer Oligarchie ist, wie es schon bei Entstehung der Demokratie in aller Offenheit der Fall war.

 

Die Demokraten merken dabei garnicht, daß auch das Sowjet­system sich durchaus  logisch auf die Volkssou-veränität stützt. Der "echte und wahre Volkswille" ist so vieldeutig und unter­schiedlich und jede Volksherr-schaft ist so sehr auf Funktionäre angewiesen, welche die eigentlichen Entscheidungen treffen, daß Demokratie und Volksdemokratie sich im Grunde nur durch die Art und Weise der Manipulation unterscheiden, mittels wel­cher die Auswahl der Funktionäre erfolgt; wobei dann freilich noch deren Ideologie mitspricht.  Manipuliert wird in beiden Fäl­len kräftig.  Von Herrschaft gibt es eben viele Arten und Abstu­fungen. Freiheit gibt es da-gegen nur eine, die gleiche Frei­heit Aller, die identisch mit Herrschaftslosigkeit ist.

 

Die Manipulation des sogenannten Volkswillens wurde sehr tref­fend vom "Quotidien de Paris" Mitte Oktober 1976 (also anläßlich der Mao-Nachfolge) ironisiert, indem das Blatt die Frage stellte, warum sich die chinesi-schen Massen bei den gegenwär­tigen Machtkämpfen ruhig verhalten:

"Wo bleibt eigentlich das chinesische Volk? Was macht es? Was denkt es? Was wünscht es? Wo versteckt es sich. ... ? Denn in China, das ist wohlbe­kannt, kommt alles aus den.Massen und alles kehrt zu den Mas­sen zurück. Wenn also das Volk dieser Tage offensichtlich nicht auf der politischen Bühne erschien, dann ganz einfach deshalb, weil man vergaß, es über seine eigenen Forderungen zu infor­mieren, weil man es unterlassen hat, es über seine eigenen Wünsche zu unterrichten. Das heißt, man dachte nicht daran, es zu seinem eigenen Fest einzuladen. Das Volk war gegen Yu, Tsching,  Tschao und die anderen, aber man hatte keine Zeit, es ihm zu sagen. Es war also nötig zu handeln, noch bevor es kapierte, daß dies seinem Willen gemäß war. Es ist eine ein­fache Frage der Methode."

In den westlichen Demokratien sind nur die Formen und Methoden der Manipulation anders.

 

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Karl Gordon-Wallach sagt in "Politische Mythologie" (Zitzmann-Vlg., Lauf) über Volkssouveränität (was man dort in weit aus­führlicherer Begründung nachlesen sollte) u. a.:

 

"Dieser märchenhafte Begriff hat die ganze politische Verwir­rung unseres Zeitalters heraufbeschworen. Die Unklarheit und Unmöglichkeit dieser politischen Idee hat den Niedergang Eu­ropas bewirkt. Mythologie trat an die Stelle klarer politischer Vorstellungen.

"Im Laufe von zwei Jahrhunderten ist die Mythologie vom "sou­veränen Volk" zu einer weltweiten Religion geworden. Alle po­litischen Abenteuer und alle politischen Todsünden unseres Jahrhunderts entstanden aus der Verwirrung, welche dieser ungesunde und unmögliche Begriff angerichtet hat.

" ... Der Begriff der Volkssouveränität wird uns stets als etwas durchaus Harmloses und Friedfertiges darge-stellt. Gerade in dieser Art, die Dinge zu zeigen, liegt der Ansatz zur Mytho­logie. Es gibt nichts Wilderes, nichts Gefährlicheres und Un­berechenbareres als das zur Herrschaft gelangende Volk. Je­de Art von Jakobi-nismus zeigt uns das mit genügender An­schaulichkeit.

"Wer Volks Souveränität und ideale Staatslenkung einander gleichsetzt, der tritt mit ganz falschen Vorstel-lungen an die Wirklichkeiten der Staatslenkung heran.

" ... Dem Begriff der Volks Souveränität wohnt die Vorstellung inne, das Volk habe notwendigerweise immer recht, weil es gut und unverdorben sei; und weil keiner sich selber schade, so sei der Entscheid aller stets die beste Lösung.

" ... Die Theorie von der Volks Souveränität fand reißende Nach­frage, als ein unfehlbares Mittel erfunden wur-de, um die Herr­schaftsrechte des Volkes zu neutralisieren. Dieses Mittel zur Sterilisierung des Volkswillens ist die politische Partei.

" ... Die Staatsdogmatik lautet: das Parteiwesen ist der Aus­druck der politischen Freiheit und gleichzeitig die Si-cherung der Volksherrschaft. - Noch ist es eine der höchsten staats­bürgerlichen Pflichten, diesen Unsinn zu glauben.

" ... Das Parteiwesen, wie es uns in der westlichen Welt vor­gelebt wird, hat überhaupt nichts mit Volksherr-schaft zu tun, sondern es ist Ausdruck einer ganz anderen Herrschaftsform als derjenigen des Volkes: das de-mokratische Parteiwesen ist nichts anderes als Oligarchie, Herrschaft der Wenigen. Die politischen Parteien sind kleine Herrschaftsbereiche We­niger. Aber die Fiktion wird gepflegt, als seien diese Grup-

 

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pen nichts anderes als volksmäßige, vom Willen der Mitglie­der gehobene and getragene Vereinigungen. Darin sollten sie - wie uns versichert wird - genaue Spiegelbilder des vom Volke regierten Staates sein.

"Ja, freilich sind die politischen Parteien genaue Abbilder des parlamentarisch-demokratischen Staates! Näm-lich in dem Sinne, als der Parteienstaat genau so sehr von wenigen Ein­zelpersonen beherrscht wird wie die einzelnen politischen "Vereine".

"Sowohl in den Parteien wie im Staat werden die Geschicke von wenigen aber einflußreichen Männern gelenkt. Diese we­nigen treffen die Entscheide und lenken den Volkswillen. Denn das Volk hat im allgemeinen nur sehr beschränkte politische Neigung und Leidenschaft.  Finanzielles Auskommen, friedli­ches Dasein und Anteil an den Vergnügungen sind die Haupt­anliegen der Menge.

"Die politischen Parteien stellen somit eine Art Disziplin für die politikscheue Menge dar, und sie bedeuten eine Kanalisa­tion ihres nur schwach bewußten Wollens in politische Rich­tungen.

" ...Entscheidend sind in den Parteien und im Staate diejeni­gen Männer, welche das schwach bewußte Wollen des Volkes in die von ihnen gewünschte Richtung lenken. Das Volk ist darüber nicht erbost. Im Gegenteil: wer diese Aufgabe des Lenkens nicht erfüllt, ermüdet das Volk. Das ersieht man aus folgendem: vielerorts gibt es kleine, doktrinär demokra­tische Gruppen, die jeden Beschluß von der Gesamtheit ihrer Mitglieder gefaßt haben wollen. Aber diese Parteien sind da­zu verurteilt, klein zu bleiben, denn sie arbeiten wirkungslos. Erstens ermü-den sie ihre Mitglieder, und zweitens ist ihre Tätigkeit lahm, weil eine führende Gruppe fehlt, die von ei­nem gewissen Willen zur Macht erfüllt und von ganz bestimm­ten Gruppeninteressen getragen wäre. Die ehrlichen, aber eigentlich nutzlosen Anstrengungen dieser kleinen Gruppen dienen bloß dazu, zu beweisen, daß die Volks-herrschaft eine schöne Täuschung ist. Das für das Anliegen der Gesamtheit und des Staatswesens sich mit Lei-denschaft verantwortlich fühlende Volk gibt es gar nicht.

" ... Wenn uns gelehrt wird, die Parteien seien die "Hohe Schule der Demokratie", so können wir das durchaus verste­hen. Denn dort lernen die kommenden Minister, wie der Volks­wille zu handhaben sei. In den Parteien lernt man, wie dem

 

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Volk die Dinge mundgerecht gemacht werden, wie Mehrheiten durch Überraschungsanträge und andere Kniffe herbeigeführt werden, wie "falsche Beschlüsse" des Parteivolkes abge­schwächt, zunichte gemacht oder sonst-wie "gerettet" werden.

"Die Feststellung des Volkswillens kann auch zum Zwecke ha­ben, daß eine einflußreiche Parteigruppe ver-sucht, eine andere auszustechen oder dazu, unerwünschte, aber mächtige Einzelpersonen zu fällen. Parteifreun-de und Mitstreiter für die gemeinsamen Ideale können auf diese Weise kaltgestellt oder hinterrücks umgelegt werden. Auch diese Erfahrungen sind unerläßlich für jeden, der im Volksstaate vorankommen will.

"Alle diese Erfahrungen aus dem Parteileben lassen sich glän­zend anwenden in den Höhen der staatlichen De-mokratie. Auch dort spielt sich ein unerbittlicher Kampf einzelner ab, und die­se ringen um die einflußreichen Stellungen. Dies ist die Wirk­lichkeit der demokratischen Staatsführung.

"... Der Kampf um die Macht wird mit Härte und Unerbittlich­keit ausgefochten, auch wenn die demokratischen Kulissen uns dieses unerfreuliche Schauspiel zu verbergen bestimmt sind.

" ... Die Hofkabalen haben die Vorzimmer der Fürsten verlas­sen, um in den Parteisekretariaten und in den Wandelgängen der Parlamente neu aufzublühen.  So kreist ein noch eindrück­licherer Schwärm von Schmeich-lern und Höflingen um den Sou­verän unserer Tage herum. Die Parteiführer sind die demokra­tischen Höflinge, welche mit Schmeicheleien die Gunst ihres Souveräns zu erlangen suchen. Nur daß der Fürst des modernen Zeitalters, also das Volk, keine Möglichkeit hat, sich der Kaba­len und Schmeichler zu entledigen. Denn der heutige sogenannte Souverän ist das ganze Volk, also alle Staatsbürger und folglich niemand. Wie soll der Jedermann, der gleichzeitig der Niemand ist, in das Wespennest von Kombinationen und Abmachungen und heimtückischen Intrigen eingreifen, die in seinem Namen rings­um geschehen?

"So kommt es, daß in Wirklichkeit die Höflinge, Schmeichler und Abenteurer im demokratischen System alle Möglichkeiten haben, ihr unerfreuliches Spiel erfolgreich zu spielen. Die Namenlosigkeit der Macht und der Machtausübung rufen unpolitische Kräfte auf den Plan und liefern ihnen die Staatsmacht aus. Das ist der Grund, warum in allen parlamentarischen Demokratien letztlich die wirtschaftlichen Kräfte die politischen Entscheide veranlas­sen ... und nicht, wie die Theorie vorsieht: das Volk. Das ist

 

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auch der Grund, warum die großen Wirtschaftskräfte der Welt immer wieder für die parlamentarische Demo-kratie ein­treten. Diese Staatsform bietet die größten Möglichkeiten zur indirekten Einflußnahme, die stets und überall sich hinter dem "Volkswillen" verschanzt.

" ... Neben der Mythologie der Gleichheit besteht die Gleich­schaltung. Sie ist nicht eine Besonderheit des to-talitären Ein-partei-Staates. Sie breitet sich aus im Schatten der demokra­tischen Namenlosigkeit, namenlose Machthaber wirken auf die Parteien und auf die öffentlichen Einrichtungen. Diese beherr­schen miteinander alle Einrichtungen des Landes. Nicht nur den Staatsapparat, die Armee, das Finanzwesen, sondern auch die öffent-liche Meinung und das Unterrichtswesen. Alles lebt in zäher Abhängigkeit voneinander.

"So wird das wirklich freie Geistesleben auf einen verschwin­dend engen Raum zusammengedrängt. Auch die tatsächlich freie Lebenssphäre des einzelnen, wo er nach persönlichem Gutdün­ken über sein persönliches Schicksal entscheiden kann, wird ebenso verschwindend eng. Hohe Lebenskosten, lastender Druck, der auf alle Außenseiter bewußt oder unbewußt ausge­übt wird, behördliche Sozialmaßnahmen, staatliche Obligatorien und aufgezwungener Lebensrhythmus engen alle Lebensregungen ein.

"Die unwahrscheinliche Breiten- und Tiefenwirkung der Massen­informationsmittel Rundfunk und Fernsehen tragen das ihre bei zur Erstickung persönlicher Regungen. Im Zeitungswesen sind es die großen Nachrichten- und Bildagenturen, welche die 'se­riöse' Presse gleichschalten, und in den illustrierten Blättern zertrümmert die Profitgier alles.

"So ist dieses muffige westliche Klima entstanden, in dem alles sich dem Ablauf des "Produktionsprozesses" ein- und unterord­nen muß. Sich wegen einer Meinung zu exponieren gilt als unren­tabel, was ungefähr gleich-bedeutend ist mit dumm. Wer eine Handreichung tut, ohne dafür zum vornherein hohe Bezahlung zu verlangen, gilt als 'Idealist'. Er erntet von den Privaten und vom Staat aus nur Verachtung mit einem leisen Beigeschmack des Verdachtes unzuverlässiger Gesinnung."

 

In demselben Buch  nennt der  gleiche Autor noch die öffent­liche Meinung:

"die  Ansicht der  mächtigsten Männer im Lande, die in Machtzusammenballungen wie Parteien, wirtschaft-lichen und

 

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auch wissenschaftlichen Vereinigungen, Industriellenverbän­den usw. das entscheidende Wort reden.

"Diese Tatsache auszusprechen heißt aber schon, verbotene Früchte vom Baum der politischen Erkenntnis schütteln zu wollen. Wer diese Dinge beim Namen nennen will, der ge­fährdet sich auch in der freiheitlichen Demokratie. Niemand soll erfahren, wie das Informations- und Meinungswesen im heutigen Zeitalter gehand-habt wird. Deshalb wird die öffentliche Meinung bloß als mythologischer Begriff ver­wendet. Niemand soll mit frevelhafter Hand daran rühren, und niemand soll versuchen, den Schleier des Geheimnisses zu lüften, der sorgfältig über diesem Mythos ausgebreitet liegt.

" ... In Wirklichkeit ist die öffentliche Meinung Ausdruck des­sen, was die einflußreichen Familien und Persön-lichkeiten eines Landes von einer bestimmten Sache halten.

" ... Je wirksamer die meinungsvermittelnden Einrichtungen sind, desto straffer und rücksichtsloser werden sie der öf­fentlichen Meinung dienstbar gemacht.

" ... Wer Äußerungen tut, welche den Behörden oder den Mäch­tigen im Lande mißfallen, der wird unerbittlich abgeschossen.

" ... In der Theorie ist der helvetische Rundfunk einer priva­ten Gesellschaft zur Verwaltung übertragen. Aber die damit beauftragten Leute wissen ganz genau, was von ihnen verlangt wird. Eine vom richtigen Ort aus ge-startete kleine Pressekam­pagne, womit "Volkszorn" veranstaltet wird, einige empörte Telefonanrufe einfluß-reicher Herren, einiges Augenzwinkern und Stirnrunzeln, und die Beamten des "in privater Verwal­tung" befind-lichen Rundfunks wissen, daß sie nun unverzüg­lich "technische Umdispositionen und programmbedingte Kür­zungen" vorzunehmen haben.

"Dabei wird dieser oder jener Mann 'zufälligerweise' oder 'rein aus Versehen' nicht mehr zur Mitarbeit aufge-fordert.

" ... Die Mythologie von der öffentlichen Meinung ist in den westlichen Staaten darum von größter Bedeutung, weil das Meinungswesen ganz frei ist. Jeder kann sagen, was er will, sogar am Radio ... unter der Bedingung natürlich, daß er überhaupt zugelassen wird, am Radio frei zu sprechen ! Auch in den Zeitungen kann man sagen, was man will ... unter der Voraussetzung natürlich, daß eine derart freie Meinungsäußerung abgedruckt wird!  Oder man kann in Bü­chern alles sagen, was man will, vorausgesetzt, daß man

 

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einen Verleger findet oder sich den Spaß erlauben kann, so etwas selber zu finanzieren, und daß das Buch dann auch be­achtet und besprochen werde. Die Theorie der freien Mei­nungsäußerung ist also durch allerhand tech-nische Schwierig­keiten beschränkt.

"Die Kluft, welche Theorie und Praxis der freien Meinungs­äußerung voneinander trennt, darf nicht so rück-sichtslos auf­gezeigt werden. Es sind ja auch im freien Westen nur unend­lich wenige Menschen, die sich in poli-tischen Dingen nicht einfach mit der vorgesetzten Meinung begnügen würden und die vom barocken Eifer ge-plagt wären, nachzuprüfen, ob die Dinge eigentlich stimmen, die einem in der Volksschule be­reits eingeträufelt wurden."

 

Auch wenn man vom nicht-ideologischen Begriff des Volkes ausgeht und unter diesem die Gesamtheit der gegenwärtig vorhandenen einzelnen Volksangehörigen versteht, ist es eine ideologische Vorstellung (d.h. leere, unbeweisbare Behaup­tung), daß diese "Gesamtheit" oder deren Mehrheit zur Herr­schaft berufen sei oder ein "Recht" dazu hätte - zur Herr­schaft nicht nur über alle einzelnen Volksangehörigen, son­dern außerdem noch  über alle "Fremden", die sich in dem be­treffenden Staatsgebiet aufhalten, auf welches das betreffende Volk einen Monopolanspruch erhebt.

 

Man bestreitet zwar, daß es sich dabei um Herrschaft handle und behauptet gar, daß diese durch die Demokratie abgeschafft sei und alle gleich frei wären, weil alle in gleicher Weise an Wahlen mitwirken könnten, durch wel-che die "Volksvertreter" bestimmt würden, welche dann den Willen des Volkes, oder der Gesamtheit, oder der Mehrheit zum Ausdruck brächten und durchführten.

 

Tatsächlich jedoch bieten Wahlen nur die Möglichkeit, zwi­schen verschiedenen Herrschaftsverübern zu wäh-len und keine Möglichkeit - auch nicht durch Nichtteilnahme an der Wahl -,  sich der Beherrschung durch andere zu entziehen. Denn obwohl dies den meisten Wählern gar nicht bewußt ist, bedeutet die Stimmabgabe für die sogenannte "Volksvertre­tung" Aufgabe des Selbstbestimmungsrechtes und eine Voll­macht an andere, nicht nur in die Freiheit des betreffenden Wählers selbst einzugreifen (was noch durchaus akzeptabel

 

 

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wäre), sondern auch in die Freiheit Dritter, also eine Voll­macht zu aggressiven Handlungen, womit der Voll-machtge­ber selbst aggressiv wird.

 

Wohlgemerkt: bei den heute üblichen demokratischen Wahlen handelt es sich nicht um die Beauftragung sol-cher, die ledig­lich die Aufgabe haben, die gleiche Freiheit (und damit die wirklich gleichen Rechte Aller)

gegen jeden Angriff zu vertei­digen, sondern im Gegenteil um die Vollmacht zu aggressi­ven Eingriffen nicht nur in die Freiheit der Vollmachtgeber, sondern insbesondere in die von unbeteiligten Dritten. Während das erstere eine herrschaftslose Organisation (auf freiwilliger Basis) darstellen würde (deren genauere Be­schrei-bung noch folgt), handelt es sich im zweiten Fall um die Übertragung ausgesprochener Herrschaftsfunktionen, nicht nur sich selbst, sondern auch Dritten gegenüber. Ty­pisch für die Verwirrung des heutigen Denkens ist, daß die einen zu diesem Vorgang behaupten, es handle sich dabei um Abschaffung der Herrschaft, während andere, die defensive Macht zur Auffechterhaltung echter Ordnung mit aggressi­ver Herrschaftsmacht zur Schaffung von Unter- und Überordnung verwechseln, ganz naiv Herrschaft für "notwendig" er­klären, um Konflikte friedlich beizulegen.

 

Von Gleichheit der Rechte und der Pflichten, was man zuwei­len als Kennzeichen der Demokratie ansieht, kann dort nicht die Rede sein, wo auf der einen Seite die Rechte sich darin erschöpfen, alle vier Jahre ein Kreuz auf einen Wahlzettel ma­len zu dürfen, während die Mehrheit der so Gewählten für sich das Recht in Anspruch nimmt, unter Einsatz des ganzen staat­lichen Machtapparats nicht nur gegen die Wünsche und Interes­sen der Minderheit unter den Wählern zu handeln, sondern auch gegen die der eigenen Wähler (wobei dies dann als Verfolgung des Interesses der "Gesamtheit" etikettiert wird); außerdem nehmen diese "Volksvertreter" für sich noch in Anspruch, die Angelegenheiten jener Volksangehörigen zu regeln, die gar nicht gewählt, ihnen also weder Vollmacht noch Auftrag gege­ben haben, und schließlich sogar die von allen überhaupt in ihrem Macht-bereich befindlichen, d.h. also auch solche zu be­vormunden und zu zwingen,  die weder von ihrer dreisten Ein­mischung, noch von ihrer "Fürsorge"etwas wissen wollen.  Mit welchem Recht? - Mit dem der aggressiven Gewalt!

 

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Nur wenn etwas dem Willen und dem Interesse aller Ein­zelnen entspricht, kann davon die Rede sein, daß es auch dem Willen und dem Interesse der Gesamtheit gemäß sei. Das "Wohl der Gesamtheit" ist jedoch meist nur ein schwindelhafter Vorwand, mit dem die Durchsetzung von Ein­zel- und Gruppeninteressen auf Kosten der übrigen bemäntelt werden soll. Die "Volksvertreter" sind überhaupt nicht in der Lage, dem Willen und den Interessen der Gesamtheit gemäß zu handeln, selbst wenn sie dies wollten; denn das Wollen und die Interessen der Einzelnen sind durchaus verschiedenartig, in sehr großer Vielfalt, und zum großen Teil gegensätzlich. In der Demokratie werden die "Volksvertreter" in erster Li­nie zur Durchsetzung des Willens und der Interessen jener Parteien und Gruppen bestimmt, welche die Wahlkämpfe für sie führen und finanzieren. Neben solchen Gruppen, die dabei anonym im Hintergrund bleiben, verfolgen auch innerhalb der Parteien bestimmte Gruppie-rungen ihre Sonderinteressen.

 

Schon vor der letzten Bundestagswahl in der BRD stand für etwa 90 % der Mandate bereits fest, wer aus ihnen in den Bundestag entsandt würde; denn die Parteien und Verbände hatten "ihren" Kandidaten sichere Wahl-kreise zugeteilt und die wenigen unsicheren durch Landeslistenplätze abgesichert. Der Wähler konnte nur über ein paar Mandate mehr oder we­niger für die eine oder andere Partei entscheiden und war da­bei von den Par-teien, Verbänden und ihren Funktionären so perfekt manipuliert, daß das Ergebnis weitgehend vorausbe­rechen-bar war.

 

Wie weit die Wähler entmachtet sind, zeigt sich auch an der Bestimmung des Grundgesetzes, daß die Abgeord-neten an Weisungen und Aufträge nicht gebunden sind; sie können also ausdrückliche Versprechungen, auf die hin sie gewählt wur­den, einfach brechen, sie dürfen sogar ihr Mandat mit in ei­ne gegnerische Partei hinüber-nehmen - ein Handeln, das im Straf recht sonst als Untreue und Betrug verfolgt wird. Man begründet dies da-mit, die Abgeordneten sollten Vertreter des ganzen Volkes (was in der Praxis eine pure Unmöglichkeit ist) und nur ihrem Gewissen unterworfen sein. Nur ihrem Ge­wissen unterworfen waren aber die absoluten Monarchen auch, und das Wohl des ganzen Volkes im Auge zu haben, behaupte­ten sie ebenfalls . Nur hatten sie bei weitem nicht jene Macht,

 

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die heute von der Oligarchie "demokratischer Volksvertre­ter" und vor allem jener, von denen diese abhängig sind, gehandhabt wird.

 

Im übrigen kann kaum einer dieser "Volksvertreter", wenn ihm seine Karriere lieb ist, es wagen,  einen wirk-lich durch­greifenden Änderungsvorschlag zu machen, oder auch nur die volle und ganze Wahrheit zu sagen. Denn dann gehen nicht nur die Hintermänner der gegnerischen, sondern auch die der eigenen Partei und seine Kollegen aus dieser, auf ihn los, in der Furcht, Wählerstimmen zu verlieren. Ein ebenso würde- wie gewis-senloser Opportunismus ist die Folge.

 

Die Drahtzieher der etablierten Parteien halten sich auch nicht nur durch 5 % und 10 %-Klauseln, sowie eine Fülle an­derer Erschwernisse das Aufkommen konkurrierender Par­teien vom Halse, sondern haben sich zu-sätzliche Vergünsti­gungen geschaffen:  Sie erhalten einen Großteil ihrer Wahl­kampfkosten aus Steuermitteln zurück.  Wahlspenden und die neue Diätenregelung werden sie bald vollends von Mitglieder­beiträgen unab-hängig machen.  Für die Wahlkampfwerbung der Parteien bezahlt nun auch der Zuschauer die Sende­zeit über  seine vierteljährliche Gebührenrechnung.  Die Her­stellung dieser Fernsehspots wird vom Steuerzahler über die Wahlkampfkosten getragen:  für die Parteien - und zwar je größer, desto umfangreicher - geht somit fast alles ko­stenlos über die Bühne.

 

Von Gleichberechtigung zwischen Wählern und Gewählten (sowie deren bürokratischem Anhang) kann umso weniger die Rede sein, als die Hauptfunktion der letzteren darin be­steht, nach eigenem Ermessen in jedermanns Tasche grei­fen und das so Herausgenommene, wieder nach eigenem Er­messen, in andere Taschen (einschließ-lich der eigenen) ver­teilen zu dürfen; dies geschieht mittels einer Vielzahl direk­ter und indirekter Steuern, wo-bei von Art und Umfang der letzteren die meisten überhaupt keine Ahnung haben; das ge­schieht aber auch durch "Wirtschafts"- und "Währungspoli­tik", wodurch die Einkommen beeinflußt, die Sparguthaben entwertet, die Renten gefährdet, viele arbeitslos gemacht und Selbständige in den Konkurs getrieben werden. Stets gibt es dabei Bevorzugte und Benachteiligte - und stets auch

 

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unter der Fiktion des "Volkswillens" und des angeblichen "Gesamtwohls".

 

Dabei ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Wähler aus freiem Entschluß (vermeintliche) Vertreter ihrer Interessen wählen und diesen so weitgehende Vollmachten sich selbst gegenüber einräumen, daß diese auch gegen ihre tatsächlichen Interessen mißbraucht werden können. Denn es liegt durchaus im Rahmen dessen, was unter der gleichen Freiheit Aller zu verstehen ist,  wenn jemand selber und freiwillig seine eigene Handlungs-freiheit zugunsten an­derer einschränkt. Absurd wird die Sache erst, wenn jemand sich anmaßt, andere dahin-gehend zu bevollmächtigen, daß diese im eigenen oder fremden Interesse die Freiheit Drit­ter gegen deren Wil-len sollen einschränken, diese also be­vormunden und zwingen dürfen. -

Das ist dann eine eindeutige Aggression, und zwar nicht nur seitens der Gewählten, sondern auch zugleich sei-tens derer, die diese gewählt haben!

 

Zu beachten ist, daß in der Demokratie die Herrschaft der gewählten "Volksvertreter", d.h. deren Mehrheit, keines­wegs dann endet, wenn sie aus dem Parlament ausscheiden. Denn zahlreiche der von ihnen während der Legislaturperiode getroffenen gesetzlichen Festlegungen und geschaffenen Ein­richtungen dauern fort, weit in die Zukunft hinein, und der Staatsapparat mit der ihn beherrschenden Bürokratie gewinnt ein durchaus selb-ständiges Eigenleben neben der Volksvertretung" und der durch diese gewählten "Regierung". Denn die Minis-ter gehen, die Staatssekretäre, die Ministerialbürokratie und die Beamten überhaupt, bleiben.  Ja, die an den He-beln des Apparats Sitzenden haben sich bereits zum großen Teil der "Volksvertretung" bemächtigt: über 40 % der Abgeordneten des gegenwärtigen deutschen Bundestages stam­men aus dem öffentlichen Dienst und haben somit die Möglich­keit, ihre speziellen Interessen kräftig wahrzunehmen. Die sogenannte Gewaltentrennung wird damit zur Farce.

 

Der Einfluß Nicht-Gewählter auf Gesetzgebung und Verwal­tung ist dabei umso größer, je ausgedehnter die Staatstätig­keit, d.h. die Anmaßung von "Volksvertretung" und "Regie­rung" wird, die Einzelnen auf immer weiteren Gebieten und

 

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immer intensiver zu bevormunden. Denn da es der Masse der Abgeordneten und sogar der Minister in der Re-gel an Sachverstand fehlt, die - gerade durch ihr Tun - immer kom­plizierter werdenden Zusammenhänge und die Folgen ihrer Handlungen richtig abzuschätzen, setzt hier die Lobby der Berufs- und Interessenverbände ein, meist hinter den Kulis­sen, oft jedoch schon ganz offen; was sich dabei durchsetzt, sind gewöhnlich die stärke-ren Ellenbogen.

 

Regierung und Parteien sind zum Großteil von den Interessen­verbänden abhängig, und die Wahl von deren  Vertretern, manipuliert durch eine kleine Clique, pflegt noch mehr Komö­die zu sein als die der "Volksvertre-ter";  diese wieder, so­weit sie nicht untereinander erbittert um die Rangordnung und Ministerposten kämp-fen, üben "Parteidisziplin" und stimmen - meist ohne zu wissen, was sie tun - mit Ja oder Nein über das ab, was die "Sachverständigen" der Bürokratie und der Ausschüsse, oder der Parteivorstand, ihnen vorschlagen.

 

Durch eine Unzahl von Gesetzen unter Interessenteneinfluß - die sogenannte Gefälligkeitsdemokratie - entste-hen private und staatliche Machtpositionen, Privilegien und Monopole für Einzelne, Gruppen und Institutionen, die - einmal geschaffen - ein Eigenleben entwickeln und gar keiner parlamentarischen Kontrolle mehr unter-liegen. Dies schon deswegen, weil Ziel­richtung,  Einzelheiten und Auswirkungen der meisten dieser Gesetze kaum zur richtigen Kenntnis derer kommen, die über sie entscheiden, geschweige denn zur allgemeinen Kennt-nis. Als Beispiel mag die enorme Machtposition der ihr Monopol nutzenden Bundesbank dienen, die - unab-hängig von Parla­ment und Regierung - "Währungspolitik" mit Festsetzung von Diskont- und Lombardsatz, Mindestreserven, Geldmengen­vermehrung, Floating usw. treibt, was alles weitgehende un­mittelbare Auswir-kungen auf jedermann hat, wobei das "sou­veräne Volk", geschweige denn der Einzelne, dem machtlos gegen-über steht. Denn die Masse der Bevölkerung, selbst der Gebildeten, besitzt nicht die Fähigkeit, zu begreifen und zu beurteilen, was dabei, sowie bei den meisten Gesetzen überhaupt, vor sich geht. Beispielsweise erfolgen oft Geld­mengenvermehrung und Erhöhung der Mindestreserven, also gegensätzliche, einander ausschließende Maßnahmen, gleich­zeitig, wobei jedoch beide den Zins hochtreiben, also das

 

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arbeitslose Einkommen steigern, was den Hauptzweck des Geldmonopols überdeutlich macht. Ja, die breite Masse wird über die wichtigsten Tatsachen des Geldwesens - die gar nicht so kompliziert sind, daß sie nicht jeder begreifen könn­te - so sehr in Unkenntnis gehalten, daß sie nicht einmal ein Interesse daran hat, sich ein begründetes Urteil bilden zu wollen; sie verabscheut zum Großteil alle "Politik", an der nach Meinungsum-fragen nur etwa 15 % ein echtes Interesse haben und läßt sich nur mit großem Aufwand an Propaganda, bei der allerlei Mätzchen mehr Gewicht haben als sachliche Argumente, als Stimmvieh in Abständen zu den Wahlen trei­ben. Schon dieser Umstand allein macht die Absurdität der vielgepriesenen Majoritätsherrschaft deutlich.

 

Wie schon oben erwähnt, gibt es das für die Anliegen der echten Gesamtheit  (also wirklich aller Einzelnen) sich leidenschaftlich interessierende oder gar sich verantwortlich fühlende "Volk" überhaupt nicht. Nur der vor-erwähnte gerin­ge Prozentsatz Einzelner versucht, innerhalb und außerhalb der Parteien, das schwach bewußte, mehr von Gefühlen als vom Denken bestimmte Wollen der Menge in politische und andere Richtungen zu lenken.

 

Es ist auch keine bloße Behauptung des oben zitierten Gor­don-Wallach, daß die öffentliche Meinung die der Meinungs­macher ist; diese werden von den wirklich Mächtigen, den wirtschaftlich Mächtigen im Lande, diri-giert. Sie brauchen nicht zensiert zu werden, sie zensieren sich selbst. Martin Walser schrieb dazu (DIE ZEIT, 3. 3.1972):

"Sie sind abhän­gig von den Funktionären der Produktionsmittelbesitzer; ab­hängig von den Funktionären öf-fentlich-rechtlicher Körper­schaften. Die Funktionäre sind Intellektuelle im Dienst der bestehenden gesell-schaftlichen Verhältnisse. ... Je höher ge­stellt die Funktionäre sind, um so schärfer vertreten sie das Interesse der Gesellschaft konservativ. Das kommt vielleicht schon von der Bezahlung. Es gibt in den oberen Rängen  der Meinungsindustrie Gehälter, die wenig mit Bezahlung, dafür um so mehr mit Bestechung zu tun haben. Mucius Scaevola hat seine Hand ins Feuer gelegt. 3o ooo Mark Monatsgehalt hätte auch er nicht ausgehalten. Der Intendant, der Programm­direktor, der Cheflektor, der Chef des Feuilletons, der Wirt­schaftsredaktion, der Innenpolitik, sie alle haben diese Posten

 

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bekommen oder behalten, weil sie bewiesen haben, daß sie die gestoppte Demokratie für die richtige halten. Sie bezeich­nen den erreichten gesellschaftlichen Zustand ja nicht mit der Formel "gestoppte Demokratie", sondern sagen dazu "freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratie" und so weiter, al­so sehen sie auch wahrscheinlich nur noch da und dort kleine Schönheitsfehler und tun ihre Pflicht freiwillig. Ein schöner Zustand."

 

Einer der mächtigsten Meinungsmacher,  Rudolf Augstein, hat ausdrücklich proklamiert, daß Herrschaft (gleich Knecht­schaft) sein muß (DER SPIEGEL,  2.6.1975). Ein anderer, Henri Nannen, hat einmal aus seinem Herzen auch keine Mör­dergrube gemacht und glatt zugegeben (STERN vom 13. 2. 72):

"Daß in unserer Gesellschaft die Ungerechtigkeit herrscht, daß es wenige Mächtige gibt und viele Ohnmäch-tige, daß die Leidtragenden von Konjunkturrückgängen immer noch eher die Arbeiter als die Unternehmer sind, daß Besitz frei macht und Armut unfrei - wer wollte das ernsthaft bestreiten? Und wer wollte bestreiten, daß unsere Gesetze dazu dienen, das Bestehende zu bewahren, die Herrschenden vor den Be­herrschten zu schützen, den Besitz vor dem Zugriff der Be­sitzlosen und die Mächtigen vor dem Aufstand der Ohnmächti­gen?" -

 

Er meint, daß dies ein Fortschritt gegenüber frühe­ren Zuständen sei, wobei die Macht durch Vererbung und Be­sitz herrschte. Damit hat er nur bedingt recht, denn herrscht die Macht durch ererbten und neu erworbenen Be-sitz heute nicht noch viel umfassender als früher trotz des "allgemeinen, freien und geheimen Wahlrechts"? Und er meint -   womit er unbedingt recht hat - , daß der gegenwärtige Zustand erträg­licher sei als

"die Selbstherrlichkeit von Funktionären, die sich allein einer politischen Ideologie verschrieben haben. Wer die Menschen zu einem utopischen Glück zwingen will, indem er Andersdenkende verfolgt, Zeitungen verbie-tet, die Freizügigkeit beschränkt, Mauern errichtet und kritische Gei­ster in Irrenhäuser einsperrt, dem sollten wir bis zum letz­ten Widerstand entgegensetzen".

 

Aber Nannen sagt nicht, wie die "Demokratisierung" weiter­gehen soll, von der er erklärt, daß jeder weitere Fortschritt mühsam erkämpft werden muß. Er ist nur für die "Mitbestim­mung am Arbeitsplatz" und sieht nicht, daß diese die Ausbeu­tung durch Grundrente und Zins gar nicht berührt. Und er

 

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sieht nicht, oder will nicht sehen, was an der Demokratie ideologisch, wirklichkeitsfremd und absurd ist.

 

Wie zum Beispiel das Mehrheitsprinzip als Begründung für Herrschaft.  Die Anwendung dieses Prinzips in Or-ganisatio­nen, deren freiwillige Mitglieder einen gemeinsamen Zweck verfolgen und auch die Möglichkeit ha-ben, sich durch einen nicht-diskriminierenden Austritt einer Beeinträchtigung ih­rer Freiheit zu entziehen, kann durchaus sinnvoll sein. Als Prinzip der Herrschaftsverübung jedoch gehört es zu den allerdümmsten; denn ein Monarch oder Diktator kann wenig­stens ab und zu ein intelligenter und verantwortungsbewußter Mensch sein;  die Mehrheit aber, zumal in der Parteien-Demo­kratie, ist in der Regel, wenn auch nicht ohne Intelligenz, so doch ohne rechte Urteilsfähigkeit, eine Brutstätte der Kor­ruption und der verantwortungslosen Mittelmäßig-keiten, die teils die Kulisse für ein paar gerissene Herrschsüchtige ab­geben, teils durch ihr träges Gewicht die-jenigen behindern, die in dem allgemeinen Sumpf noch ehrlich geblieben sind.

Wie Goethe (neben vielen anderen) sagte:

"Nichts ist wider­wärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen,was sie will".

Und Schiller: "Jeder, nimmst du ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; sind sie in corpore, gleich wird dir ein Dumm­kopf daraus!"

 

Vor allem aber ist das Mehrheitsprinzip ein eklatanter Wider­spruch zu den bereits als in sich unsinnig nachge-wiesenen ideo­logischen Prinzipien der Heiligkeit des "Volkswillens" und des "Wohls der Gesamtheit". Denn wenn eine Mehrheit das Recht hat, die Minderheit nach ihrem Willen zu dirigieren, zu zwin­gen und zu beherr-schen, kann keine Rede davon sein, daß dies dem Wohl der Gesamtheit oder dem Willen des ganzen Volkes entspreche. Bei allen drei lauthals verkündeten Hauptprinzi­pien der Demokratie handelt es sich also um offen-kundige Ab­surditäten. Konsequenterweise müßte man nach dem Mehr­heitsprinzip auch im Zivilleben zwei Schwachsinnigen größere Rechte einräumen als nur einem Normalbürger oder einem Genie. Und solange nicht im Zivilrecht stets Zwei "Recht" be­kommen gegenüber nur Einem, Drei gegenüber nur Zweien

 

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usw. ist das Mehrheitsprinzip im öffentlichen Recht zumin­dest ein Zeichen von Schizophrenie, um nicht zu sagen Hirnverbranntheit.

 

(J.Z.: Wenigstens den ärztlich erkannten Schwachsinnigen wird das Wahlrecht noch verweigert. Aber es gibt schon viele Versuche auch den Verurteilten Verbrechern in Gefängnissen das "Wahlrecht" zuzugestehen. Eigentlich ganz logisch, denn Wählen, so wie es heute ausgeübt wird, ist eine verbrecherische Tätigkeit und die gehört eben zur "Berufstätigkeit der Verbrecher! - J.Z., 7.4.04.)

 

Zu den Widersprüchen zwischen Ideologie und Praxis der De­mokratie gehört auch, daß in zahlreichen Fällen seitens der "Volksvertreter" der Wille einer Mehrheit der Volksangehö­rigen ganz offen mißachtet wird; z.B. in  Erschwerung oder Ablehnung von Plebisziten, die bezeichnenderweise  gerade bei totalitären Regimes beliebt   sind, welche sich von einer manipulierten Masse gern den eigenen Willen als "Volkswil­len" bestätigen lassen; oder auch z.B. wenn sich durch  Mei­nungsumfragen ergibt,  daß diese Mehrheit für Beibehaltung oder Wieder-einführung   der Todesstrafe ist. Dabei kann sol­che Mißachtung des "Volkswillens" durchaus vernünftig sein; denn daß Volkesstimme gleich Gottesstimme sei, stimmt al­lenfalls so weit, daß sie oft ebenso unbegreiflich ist, wie man den sogenannten "Willen Gottes" für unbegreiflich erklärt. Aber man kann eben nicht beides zugleich: den Mehrheitswil­len für sakrosankt erklären und für unsinnig.

 

Im übrigen ist durch zahlreiche Meinungsumfragen und Ein­zelinterviews deutlich geworden, daß die Vorstel-lungen und Urteile von etwa 90 % aller Menschen von äußerster Primi­tivität und Rückständigkeit sind. Dies gilt keineswegs nur für die Masse der Ungebildeten, sondern durchaus auch für die sogenannten Gebildeten, von denen z.B. Ortega y Gasset festgestellt hat, daß sie außerhalb ihres speziellen Fachge­bietes wie Barbaren, wie primitive Wilde, urteilen. Mit an­deren Worten: etwa 90 % aller Menschen sind hinsichtlich der Probleme, die über ihren engsten Gesichtskreis hinausgehen, auch bei an sich vorhandener Intelligenz, so gut wie urteils­unfähig; dies auch hinsichtlich der Wahl geeigneter Stellver­treter, wobei sie immer wieder auf geschickte De-magogen hereinfallen.

Allein deswegen schon muß erreicht werden, daß sie durch solche Fehlentscheidungen nur selbst betroffen werden, nicht jedoch Dritte; die Herrschaftsmacht muß also ver­schwinden !

 

Offensichtlich ist auch, daß die Wahlen sowohl durch private Interessentengruppen, als auch partei- und zumal regierungs-

 

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seitig mittels der Massenmedien manipuliert werden. Der an­gebliche "Volkswille" wird ganzen Gruppen vorher suggeriert, ohne daß dies ihnen zu Bewußtsein kommt, während die große Masse sich bereits aus eigener Nei-gung selber allen möglichen Suggestionen und Führungsansprüchen der Religionen und Ideo­logien ausliefert. Dabei wird, keineswegs klar bewußt, der eigene Wille nicht nur aufgegeben, sondern anderen - meist anonymen Mächten - übergeben.

 

Wenn man nun aber davon unbeeindruckt bleibt, daß Herr Mül­ler irgendwelche unbillig erscheinende Forde-rungen stellt, von denen er behauptet, daß sie auch dem Willen Herrn Mei­ers und Herrn Schulzes entsprechen - warum soll man einen sogenannten "Volkswillen" respektieren, hinter dem nur ein ebenso wirrer wie fragwür-diger Wille einiger Millionen Mül­lers, Meiers oder Schulzes steckt?   Wenn, wie man getrost annehmen kann, auf zehn Dumme - oder sagen wir höflicher­weise: Urteilsunfähige - höchstens ein Gescheiter kommt, so bedeu-tet "Demokratie" nach dem Mehrheitsprinzip, daß alle Vorurteile, alle Emotionen, alle haltlosen Einbildungen und Glaubensmeinungen zu Gericht sitzen über die Minderheit der Vernünftigen.

 

Gewiß ist Führung dieser Vernünftigen notwendig, die jedoch etwas ganz anderes ist als Herrschaft, denn sie steht in striktem Gegensatz zu letzterer.

 

Gegenüber einer auf angeblichem "Volkswillen", "Wohl der Gesamtheit" und Mehrheitsprinzip beruhenden illusionären, ideologischen und, rund heraus gesagt, Schwindel-Demokratie, die den Einzelnen nur als unselb-ständigen Bestandteil einer Gruppe gelten läßt, gibt es noch eine weniger ideolo­gische, aber nicht weniger unlogische Auffassung von ihr.

 

Nach dieser haben angeblich alle Einzelnen gleichberechtig­ten Anteil an der Macht, die zum Schutz der Grund-rechte der Gesamtheit aller Einzelnen notwendig ist.  Daß Macht, die nicht mit Herrschaft verwechselt werden darf (und eine entsprechende Organisation) zum Schutz nicht nur der sehr bescheidenen Grundrechte, sondern der viel weitergehenderen gleichen Freiheit Aller, also der Gesamtheit aller Ein­zelnen, notwendig ist, das ist auch die These des Anarchis­mus. Aber außerhalb der politischen Macht (wenn auch mit ihr eng verzahnt) existieren sehr starke andere

 

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Mächte, Privilegien und Monopole, die nicht nur von der po­litischen Macht geschaffen und, gestützt auf ge-wisse, belie­big auslegbare "Grundrechte", weitgehend unangreifbar ge­macht wurden, sondern die ihrerseits auch allerstärksten Einfluß auf die Funktionäre der politischen Macht ausüben. Während den "Grundrechten" der Nicht-Privilegierten ein bloß formaler Schutz wenig nützt, denn eben wegen der Pri­vilegien und Monopole der anderen besitzen sie wenig von dem, was einen Schutz sinnvoll macht. Was nützt z.B. das Recht der freien Meinungsäußerung, wenn dies in der Praxis nur die Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften (soweit deren Besitzer) oder die Programmgestalter von Rundfunk und Fernsehen haben (soweit bei letzteren die Intendanten damit einverstanden sind)?  Hinter den meisten "Grundrech­ten" im Grundgesetz der BRD, die zudem so formu-liert sind, daß der Auslegung weitester Spielraum gegeben ist, steht gleich eine Einschränkung durch bestehen-de oder künf­tige Gesetze, die ja laufend wie am Fließband fabriziert werden. Auch der "unantastbare Wesens-gehalt" der Grund­rechte wird stets im Sinne "höherer Interessen" ausgelegt, von Instanzen, die dem Einzelnen keineswegs gleichberech­tigt, sondern als überlegene Autorität, mit aller Macht der Staatsgewalt, gegenübertre-ten.

 

(J.Z.: Jetzt könnten arme Leute eine 50 cents CD-ROM mit 3000 Büchern füllen und sie leicht und schnell auf so billigen Platten duplizieren. Es würde sie nur die Arbeit und Geduld der Liebe für die von ihnen ausge-wählten Texte kosten. Aber, machen sie von dieser Möglichkeit Gebrauch? Verschaffen sich hunderte von Millionen von Lesern, Redakteuren, Schriftstellern und kleinen Verlegern so ganze Spezialbibliotheken, sinnvoll zusammenarbeitend, in freiwilliger Arbeitsteilung und Selbsthilfe und Selbstaufklärung? - J.Z., 7.4.04.)

 

Genau so ist es bei den gewählten Volksvertretern, wozu noch anzumerken ist, daß eine sinnvolle Wahl nur in über­schaubarem Rahmen, etwa kleinerer Gemeinden oder Stadt­bezirke, wo jeder jeden kennt, möglich ist, nicht jedoch im ganz unüberschaubaren von Großstaaten, wo völlig unbekann­te Kandidaten auf den Parteilisten dem Wähler präsentiert und mit allen Finessen moderner Massenpsychologie ihm untergejubelt werden.

 

Mit dieser nüchterneren Auffassung von Demokratie ist auch unvereinbar, daß die "Repräsentanten" an die ihnen erteilten Aufträge der Wähler und ihre eigenen, diesen gegenüber ge­machten Versprechen nicht gebun-den sein sollen, wie es ihnen das Grundgesetz der BRD, von einem ideologischen Volks-  ­und Gesamtheits-begriff ausgehend, erlaubt. Wenn sie echte Gewissensbedenken haben, können sie ihr Mandat ja nieder­legen, nicht jedoch - unter Verrat ihrer Wähler - damit Scha­cher treiben und sich persönliche Vorteile, z.B. die Garan-

 

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tie einer Weiterdauer ihres Mandats seitens einer anderen Partei sichern.

 

Ein bezeichnender Widerspruch zur Theorie der "Gesamtver­tretung" liegt auch darin, daß in der Praxis aller Parlamente der Grundsatz einer verhältnismäßigen Repräsentation aller Staatsangehörigen stets mißachtet wird. Wenn z.B. die Ge­samtheit durch 1000 Abgeordnete repräsentiert sein soll und an einer Wahl sich nur 70 % beteiligen, dann dürften konse­quenterweise nur 700 Abgeordnete als Beauftragte jener 70 % ihren Platz ein-nehmen. Tatsächlich werden dann aber immer die ganzen 1000 Sitze unter die gewählten Wahlwerber ver­teilt, so, als ob die 30 % NichtWähler, die durch ihr Fernblei­ben doch ihre Ablehnung der sich anbietenden "Reprä-sentan­ten" bekundet haben, sich ebenfalls durch jene hätten vertre­ten lassen wollen.

 

Hierher gehört auch das Bestreben etablierter Parteien, das Aufkommen neuer Parteien dadurch zu verhindern oder zu­mindest zu erschweren, daß gesetzliche 5 %- oder 10 %- Hür­den errichtet werden und die Stimmen jener Wähler, deren Gruppe diesen Prozentsatz nicht erreicht, unter den Tisch fallen. Während sie doch durch-aus einem Teil des "Volkswil­lens" und der "Gesamtheit" Ausdruck geben, der auf der ei­nen Seite so mißachtet und auf der anderen geradezu zum Gott erhoben wird. Auch hieran zeigt sich mit aller Deutlichkeit, was hinter dem sogenannten "Volkswillen" steckt: der Einzel­wille von Interessentengruppen.

 

Faßt man die "Volksvertreter" als die Interessenvertreter einzelner Gruppen auf, die sie  tatsächlich sind, auch wenn dies immer wieder mit der Ideologie vom "Volks­willen" und "Gesamtinteresse" zu verdecken versucht wird, so erweist sich die Anwendung des Mehrheitsprinzips erst recht als unsinnig, wenn dieses dahin zielt, daß die Mehrheit auf Kosten der Minderheit sich Vorteile Verschafft und ihren Willen durchsetzt. Es gibt als "Be-gründung" des Mehrheits­prinzips eigentlich nur die Erwägung: wenn Mehrheit und Min­derheit miteinander kämpfen würden, so würde die erstere ihrer Zahl wegen siegen und deswegen ist es sinnvoll, wenn die Min-derheit sich von vornherein unterwirft. Wenn es aber so gemeint ist, sollte man es auch ehrlich sagen und das

 

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"Recht" der Mehrheit eben Faustrecht nennen. Natürlich ver­schleiern auf beiden Seiten ideologische Vorstel-lungen mit imaginären und jedenfalls unbeweisbaren "Rechten" den wah­ren Sachverhalt; wir werden im näch-sten Kapitel einen sehr einfachen Maßstab für diesen finden.

 

Ein Widerspruch zur angeblichen Gleichberechtigung Aller in der Demokratie liegt auch darin, daß die gewähl-ten "Ver­treter" nicht etwa die Rechtsposition normaler Stellvertreter und vollmachtabhängiger Beauftragter haben, sondern ausge­sprochene Herrschaftsfunktionen sogar ihren Wählern gegen­über ausüben, die ihnen ganz und gar nicht gleichberechtigt und sich auch nur in den seltensten Fällen aller Konsequenzen bewußt sind, auf die sie sich dabei eingelassen haben. Aber auch von Gleichberechtigung unter den Wählern selbst kann so lange keine Rede sein, wie der absurde Zustand gilt, daß die Vollmacht des Einzelnen an den von ihm gewählten   Volks­vertreter" nicht nur als solche zur Vertretung seiner Inter­essen - wohlgemerkt: seiner Interessen - be-trachtet wird, sondern als Vollmacht, die Interessen Dritter zu ver­treten und deren Angelegenheiten zu regeln, über deren Kopf hinweg! Eben dies aber geschieht in jeder Demokratie nach dem Mehrheitsprinzip. -

 

Aus dem Irrtum, daß es sich bei anerzogenen oder gewohn­ten subjektiven Wertungen um objektiv geltende Wertnormen handle, resultiert das Bestreben, alles, was man als gut und richtig für sich erkannt zu haben glaubt, auch anderen, ge­gebenenfalls mit Gewalt, aufnötigen zu dürfen. Bei den Reli­gionen hat man in der Regel schon begriffen, daß dies ein Un­fug ist. Bei den Ideologien noch nicht, obwohl diese - mangels Beweis-barkeit ihrer Thesen - ebenso Glaubenssache sind wie die Religionen. Beim Mehrheitsprinzip, wie bei den meisten anderen Prinzipien der Demokratie, handelt es sich um "hei­lige Kühe".

Bei der Demokratie geht es nur um zugeteilte, "erlaubte", vereinzelte  Freiheiten, nicht jedoch um die wirk-liche, die volle und ganze Freiheit, wie sie allein die gleiche Frei­heit Aller ist und sein kann. In dieser stehen auch die "Gesetzgeber" und die Funktionäre ihrer Aufrechterhaltung unter dem gleichen Prinzip wie alle ande-ren Einzelnen und daher diesen gleich, nicht über ihnen.

 

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Demokratie ist ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit. An­archie, die gleiche Freiheit Aller, ist ein Verhält-nis gegen­seitiger Unabhängigkeit. Kant aber sagte:

"Es kann nichts Ent­setzlicheres geben, als daß die Handlungen eines Menschen unter dem Willen eines anderen Menschen stehen. Ein Mensch, der abhängt, ist nicht mehr ein Mensch; er ist nur das Zubehör eines anderen Menschen".

 

Demokratie ist der mißglückte Versuch, das Faktum der Staatsgewaltverübung zu verschleiern, indem man ein "Recht" daraus macht, d.h. ein solches vorzutäuschen versucht; denn Rechte können nur aus freier Vereinba-rung entstehen, und niemand kann behaupten, daß alle der Staatsgewalt Unterworfenen die­sem Zustand zu-stimmen. Das Grundgesetz der BRD aber sagt mit schöner Offenheit:

"Die Staatsgewalt geht vom Volke aus". Und damit basta.

Der Staat ist eine Zwangsvereinigung, im Gegensatz zu einer freien Vereinigung; mit Gewalt ist hier auch nicht etwa die Defensive gegen Aggression gemeint, son­dern eben aggressive Gewalt gegen nichtaggressive Einzelne und Gruppen.

Besteht für diejenigen, gegen welche diese Aggression sich richtet, von der dabei stattfindenden Ausbeutung einmal ganz abgesehen, nun ein Unterschied, ob dies von einem einzelnen oder mehreren Autokraten, oder vom Volk ausgeht, oder von sonstwem immer -?

 

Genau so töricht, wie etwa darüber abstimmen zu wollen, ob 2 mal 2 gleich 4 oder aber gleich 5 sein solle, ist es, durch Mehrheitsbeschluß festlegen zu wollen, ob die Freiheit der einen auf Kosten der anderen (gegen deren Willen) erweitert, d.h. die jener anderen zugunsten der ersteren eingeschränkt werden soll. Natürlich wird das nie so formuliert, sondern man spricht pathetisch und gefühlvoll vom "allgemeinen Wohl", das doch jeder-manns Anliegen sein müsse und ver­birgt dabei geschickt die Tatsache, daß es immer nur ein Teil der Allge-meinheit ist, der dabei (zudem in verschie­dener Höhe) zahlen oder Leistungen anderer Art erbringen muß, während ein anderer Teil der Empfänger oder Nutzniesser ist. Dabei spielt der mit nahezu jedem beliebigen Inhalt füllbare Begriff der "sozialen Gerechtigkeit" neben anderen ideologischen, d.h. in der Erfahrungswirk-lichkeit nicht auf­findbaren, eine große Rolle. Jahrtausendelang hat man bisher

 

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immer nur nach religiösen oder ideologischen Überzeugun­gen gehandelt, ohne diesem Handeln eine Grenze zu setzen, wie sie in der gleichen Freiheit Aller gegeben ist; wenn es nicht überhaupt um unverhüllte aggressive Gewaltanwendung ging. Jahrtausendelang stand immer nur Glauben der einen gegen Glauben der anderen; man stritt sich erbit­tert um Dinge, die beiderseits nicht beweisbar waren und bei denen daher eine Einigung auch von vornherein ausge­schlossen war. Das Resultat konnte natürlich nichts anderes als gegenseitige aggressive Gewaltverübung sein.

 

Eine Abstimmung aber darüber, ob etwas Geglaubtes, d.h. nicht Beweisbares, "richtig" oder auch nur "besser" sei als etwas anderes Geglaubtes, ist eine Absurdität. Ein Aufzwin­gen eines solchen Abstimmungsergebnisses gegenüber einer Minderheit, sei diese noch so gering, ist nichts anderes als der Versuch einer Aggressivitäts-verhüllung, denn eine ver­nünftige Begründung dafür gibt es nicht.

 

Neben dem tatsächlichen Inhalt der Demokratie, neben dem, was sie ist, gibt es aber noch - wenn auch meist unklare -Vorstellungen von dem, was sie sein sollte und sein könnte, also Träume von dem, was sie nicht in der Rea­lität, sondern nur in den Vorstellungen ist, die sich zu den Schlagworten Pluralismus, mehr Demokra-tisierung, Mündig­keit verdichtet haben. In diesen Träumen ist "demokratisch die Abschaffung jeder Bevorzu-gung, jedes Vorrechts der ei­nen vor den anderen, die Gleichheit in der Ausgangsbasis, die Freiheit von über-kommenen Fesseln.

 

Wie die Entscheidungen der wirklichen Gesamtheit getroffen werden können

 

Der Unterschied zwischen dem, was als sogenannte "Demo­kratie" praktiziert, und dem, was im Grunde gemeint und angestrebt wird, wenn man von "demokratischem Verhalten" spricht, läßt sich am besten an einem Beispiel aus dem täglichen Leben klar machen.

 

 

 

 

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In einer "Demokratie" gewohnter Art treffen Mehrheiten Ent­scheidungen, die jedermann binden; dabei werden    einige, die im Namen dieser Mehrheiten Entscheidungen treffen, von anderen kontrolliert. In dieser Art "Demo-kratie" herrscht ei­ne Abstraktion - das "Volk" oder "die Gesamtheit" - über konkrete Einzelne. In der Markt-wirtschaft hingegen (was ge­genwärtig als solche gilt, hat mit echter Marktwirtschaft  we­nig zu tun!)  - und in  

einer "idealen" Demokratie auch - tref­fen konkrete Einzelne Entscheidungen, welche nur sie selber, sowie jene anderen konkreten Einzelnen betreffen, denen ge­genüber sie unmittelbar wirksam werden.

 

Wer z.B. in einen Laden geht und eine Dose Gemüsekonser­ven kauft, ist nur durch seine eigene Entscheidung gebunden, wenn er eine Dose der Firma X kauft, für deren Produkt er sich  entschieden hat.

Er muß dabei den verlangten Preis bezahlen. Er muß die Do­se mit dem Produkt der betreffenden Firma nicht kaufen. Aber wenn er sie kauft, muß er dafür bezahlen. Es tut auch nichts zur Sache, ob er sofort bezahlt, oder ob der Ladeninhaber ihm Kredit gibt.

Im zweiten Fall schenken beide einander Vertrauen. Der Käu­fer weiß nicht, was in der Dose ist, denn er kann den Inhalt nicht sehen. Aber er vertraut teils auf das Etikett, teils auf seine Erfahrung, teils auf die Firma X und teils auf den Ver­käufer. Gibt dieser dem Käufer Kredit, so vertraut er seiner­seits auf den Eindruck (das Etikett) des Käufers. Er glaubt gemäß seiner Erfahrung und Menschenkenntnis, daß er dabei schon zu seinem Geld kommen wird. Er kann sich durchaus dabei irren. Aber das wird nicht sehr oft der Fall sein.

Auch der Käufer kann sich irren. In der Dose kann ein ganz anderer als der gewünschte, kann auch ein verdor-bener In­halt sein. Aber auch er wird sich nicht oft irren, denn wenn er eine Dose der Fa. X gekauft hat, die nicht das enthält, was er davon erwartete, wird er das nächste Mal sehr abge­neigt sein, wieder deren Kunde zu wer-den.

 

Das Resultat solcher Käufer-Entscheidung (oder auch Abstim­mung, wie man es nennen kann) wird vom Laden-besitzer in regelmäßigen Zeitabständen vermerkt. Er findet dabei, daß einige, wie der vorerwähnte Käufer, für die Firma X abgestimmt haben. Er wird daneben finden, daß einige andere sich

 

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für die Marke Y entschieden haben und wieder andere für die Marke Z. Er muss das wissen, um diese einzelnen Marken in genau der Menge zu bestellen, die er für notwendig hält, um seine Kundenwünsche in der Zukunft befriedigen zu können.

 

Was geschieht dann bei den verschiedenen Firmen, die solche Gemüsekonserven herstellen? Die Abstimmung der Käufer erreicht sie und ist dabei zahlenmäßig unterschiedlich für je­de Firma.

 

Nehmen wir nun an, daß die Marke X, welche der Käufer in unserem Beispiel wählte, die populärste war, in-dem sie 100 Stimmen bekam, während jede der anderen Marken weniger als 100 erhielt. Wenn es in der Markt-wirtschaft nach der po­litischen "Demokratie" von heute zuginge, würde dies bedeu­ten, daß nur noch die Marke X künftig hergestellt würde, weil die Käufer entschieden hätten, daß sie die beste sei; während alle anderen Marken zu verschwinden hätten.

 

Aber es gibt in der Marktwirtschaft kein Verfahren wie bei der politischen "Demokratie" von heute. Auch wenn die Mar­ke X sich als die populärste erwies, waren andere Marken doch populär genug, um ihre Produzenten zu weiterer Pro­duktion zu ermutigen. Deshalb setzen alle Firmen, für die genügend Käufer sich entschieden haben, ihre Produktion fort. Die Abstimmung der Käufer für die Marke X zwingt nicht al­le anderen, die Marke X zu kaufen. Ebensowenig wie dieje­nigen, welche die Marke Y lieben, jene hindern können, wel­che die Marke X kaufen möchten, können auch die Liebhaber der Marke X jene hindern, welche die Marke Y bevorzugen.

 

Dies ist echte Demokratie. Es ist das Verfahren, wo­bei wirklich das ganze Volk, das heißt die Gesamtheit aller Einzelnen, abstimmt und tatsächlich auch bestimmt, was seinen Wünschen entspricht. Dies Verfahren behin-dert und zwingt niemand und sorgt am besten für das maximale Wohl, die größte Auswahl und den billigsten Preis für die größte Zahl.

 

Ganz anders liegen die Dinge dort, wo, wie in der tatsächlichen Praxis der politischen "Demokratie" die angeblichen Repräsen­tanten einer angeblichen Mehrheit ein Entscheidungsmonopol haben.

 

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Was dabei tatsächlich hinter der angeblichen Mehrheit steckt, und ob und wo es sinnvoll ist, überhaupt eine Mehrheit ent­scheiden zu lassen, ist ein Kapitel für sich, das wir bereits gestreift haben. Hier sei nur noch ein   Resultat solcher Mehrheitsentscheidung betrachtet: in Anwendung auf das Ver­halten bei marktwirtschaftlichen Entscheidungen würde es be­deuten, daß jemand, der in einen Laden geht, um Gemüsekon­serven der Marke Y zu kaufen, dort erfahren würde, daß die Marke X die einzige wäre, die zu haben sei, weil eine Mehr­heit von Leuten diese bevorzuge. Der Betreffende dürfe auch nicht etwa das Problem für sich selbst dadurch lösen, daß er vom Kauf der Gemüsekonserven überhaupt absteht. Sondern er muß sie kaufen. Und er muß die Marke X kaufen. Und er muß sie auch essen.  So jedenfalls wird es in der Praxis der politischen "Demokratie" gehand-habt, wo die sogenannte Mehrheit bestimmt und erzwingt, was alle Einzelnen zu tun oder zu unterlassen haben - wenn auch nicht hinsichtlich ei­ner bestimmten Konservensorte, so doch im Prinzip und in weitaus wichtigeren Angelegenheiten, die das Lebensglück, die Existenz, das Vermögen, das Einkommen, die Gesund­heit, ja sogar das Leben aller Einzelnen betreffen.

 

Wenn z.B. zwei Männer für das Amt des Präsidenten kandi­dieren, nehmen wir an: in den U. S. A., wo dieses Amt die höchste Machtposition bedeutet, und der eine, die Marke X, sei Herr Ford, die andere, die Marke Y Herr Carter, wo­bei Herr Carter mehr Stimmen erhält als Herr Ford, dann erhalten diejenigen, die für Ford ge-stimmt haben, nicht das, was sie gewählt haben.  Sie wünschen, daß Ford ihre Angele­genheiten besorgen solle, aber sie erhielten Carter und sind zugleich entmündigt.

Natürlich sind dann die, welche für Carter gestimmt haben, entzückt. Sie bekommen nicht nur den gewünschten Mann zur Lenkung ihrer eigenen Angelegenheiten, sondern einen, der ermächtigt wurde, die Angelegenheiten aller anderen eben­falls zu lenken.

Und dann gibt es noch eine dritte Kategorie: jene, die weder die Marke X noch die Marke Y wünschten, son-dern vielleicht die Marke Z oder eine andere. Unter denen mag es solche geben, die gar keine von all den ver-schiedenen Marken über­haupt wünschten.

Aber beim Mehrheitsverfahren müssen alle, ungeachtet ihrer

 

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persönlichen Wünsche und Überzeugungen, nunmehr für die Marke Y zahlen. Und sie sind gebunden daran, diese Marke Y zu benutzen, selbst wenn sie es lieber nicht täten.

 

Nunmehr können uns die Augen aufgehen, was geschehen ist: bei unserer Art von politischer "Demokratie" ha-ben wir uns entfernt vom Prinzip der Entscheidung durch das Volk, d.h. die Gesamtheit aller Einzelnen. Statt dessen haben wir jetzt die Herrschaft eines Monopols. Alle Minderheiten, ungeach­tet ihrer Interessen und Wün-sche, sind gezwungen, sich dem Monopol zu beugen.

 

Bei echter Demokratie würden diejenigen, die für Ford ge­stimmt haben, ihn als Lenker ihrer Angelegenheiten haben, und diejenigen, die für Carter stimmten, würden ihn haben; die aber, die für irgendeinen anderen stimm-ten, um ihre Le­bensbedingungen zu regeln, würden jenen haben. Während denjenigen, welche niemand wün-schen, der ihre Angelegen­heiten für sie regelt,  es überlassen sein würde, niemand zur Regelung ihrer Angele-genheiten zu haben.

 

Das wäre gerecht. Jeder würde dann nur für das zahlen müs­sen, wofür er selbst gestimmt hat. Wer sich weigert, daran teilzunehmen, würde nicht die (tatsächlichen oder eingebilde­ten) Vorteile haben, die er bei einer Teilnah-me gewonnen hätte. Vielleicht würde er dies später bedauern; aber das ist seine Sache.  Genau so, wie es Sache derer ist, die sich wei­gern, Gemüsekonserven zu kaufen und dann deswegen even­tuell Hunger leiden.

 

Man kann geradezu den Schreckens schrei hören:  "Aber dies würde bedeuten, daß wir ja viele Präsidenten haben würden, zumindest zwei. Und wie könnten wir in diesem Fall eine ein­heitliche Politik verfolgen?"

 

Die Antwort ist, daß man das dann nicht kann. Aber was ist daran schlimm? Der Begriff einer Vertretung ist notwendiger­weise der einer Beauftragung, einer Geschäftsbesorgung.  Ir­gend jemand soll für Sie handeln. Aber wie kann jemand für Sie handeln, wenn dieser Jemand volle Vollmacht zu Handlun­gen hat, die entgegengesetzt Ihren eigenen wirklichen Inter­essen sind?

 

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Die Unterstellung, daß er Sie vertritt, weil andere ihn ge­wählt haben, ist ein offenbarer Schwindel. Er kann Sie nur vertreten, wenn Sie ihn wählen, und dann auch nur, wenn er sich auf die Vertretung Ihrer Interessen kon-zentriert.

 

In der falsch verstandenen "Demokratie" von heute erhalten Menschen, die gegen Ihre eigenen, wirklichen In-teressen ein­gestellt sind,  Macht über Sie durch Handlungen anderer. Sol­che "Demokratie" bedeutet Mehrheits-kontrolle über alles. Mehrheitskontrolle über alles bedeutet ein Monopol. Und das Resultat ist stets: Kontrolle eines Monopols in den Händen einer Minderheit.

 

Vorstehendes Beispiel von den Konserven-Marken und der Präsidentenwahl ist teils der Idee nach, teils in wörtlicher Übersetzung,  Wiedergabe eines ohne Verfasserangabe erschie­nenen Artikels, der von Prof. Andrew J. Galambos, Los An­geles, nachgedruckt wurde.

 

Daß auch ohne Mehrheitsprinzip, und ohne aggressiven Zwang auf andere auszuüben, alle Angelegenheiten, die von privatem oder öffentlichem Interesse sind, geregelt werden können, ist eine gegenüber langer Gewohn-heit zunächst überraschende Vor­stellung, deren Realisierung vielen unwahrscheinlich vorkom­men wird.

 

Jedem den Staat seiner Träume!

 

Dennoch haben bedeutende Denker, wie z.B. Johann Gottlieb Fichte und Herbert  Spencer, mit ihrer Prokla-mierung des Rechts zum Staatsaustritt diesen Gedanken wenigstens im Prin­zip bereits erläutert.  Der Belgier P. E. de Puydt hat auch be­reits im Jahre 1860 in einem "Panarchie" betitelten Essay (der "Revue Trimestrielle", Brüssel) eine interessante konkre­te Form der Realisierung vorgeschlagen. Er sagt dabei, daß selbst die weiseste und beste Regierung der heutigen Staaten niemals das volle und freie Einverständnis aller Regierten haben kann; daher bedeutet heute die Freiheit des einen die Verneinung der Freiheit der anderen und umgekehrt. Die einen

 

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unterdrücken im Namen des "Rechts", die anderen erheben sich daneben im Namen der "Freiheit' (wie sie sie verstehen oder mißverstehen), um ihrerseits Unterdrücker zu werden, sobald sie die politische Macht erlangt haben. Je unklarer die Ziele sind, desto erbitterter und leidenschaftlicher wogt der Kampf, um jeweils mehr Freiheiten für sich, auf Kosten der Freiheit der anderen zu erlangen.

 

De Puydt proklamiert nun gewissermaßen für jedermann den Staat seiner Träume, indem er gleichzeitig neben-einander alle Regierungsformen anbietet, die Anhänger haben - ein­schließlich derjenigen, deren Anhänger eben keine Regierung und keinen Staat in der bisherigen Form wünschen. Dies soll realisiert werden nicht in der bloßen Form des Staatsaustritts, die ja, wenigstens in der Regel, heute schon möglich ist; wo­bei jedoch der Be-treffende nur eine Menge Rechte verliert, ohne zugleich die entsprechenden Pflichten loszuwerden, und dabei in seiner Freiheit erheblich eingeschränkt wird. Auch Auswanderung nützt ja wenig, weil man dabei wieder nur in neue Grenzen gezwängt wird, mit neuem Monopolanspruch des anderen Staates, innerhalb jener Grenzen allein zu bestimmen.

 

Was de Puydt vorschlägt, ist ungefähr vergleichbar mit dem Recht des Kirchenaustritts und den heutigen Kon-sequen­zen dieses Rechtes (zumindest in fortgeschrittenen Demokra­tien). Während in noch nicht sehr ferner Zeit die Untertanen jeweils mit ihren Fürsten die Religion wechseln mußten und während Staatsbürgerrechte manchmal sogar noch heute mit dem religiösen Bekenntnis verbunden sind, oder zumindest durch die Sitten ein Druck ausgeübt wird, wenigstens formell sich einem bestimmten Glaubensbekenntnis zu unterwerfen (am aus-geprägtesten bei den Ersatzreligionen des totalitären Sozialismus),  ist in anderen Ländern die religiöse Tole-ranz bereits so weit fortgeschritten, daß Gläubige der verschieden­sten Konfessionen friedlich nebeneinander, sogar mit völlig Konfessionslosen, leben, und daß die letzteren praktisch kaum noch wesentlich benachteiligt sind. Das ist ein Zustand, den es noch im vergangenen Jahrhundert, z.B. in Preußen, nicht gab, obwohl dieses Land seit Friedrich dem Großen in reli­giösen Fragen als besonders tolerant galt.

 

Ähnlich, wie in noch früheren Jahrhunderten man sich kaum

 

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das heutige tolerante Verhältnis unter den verschiedenen Kon­fessionen hatte vorstellen können, erscheint beim ersten An­hören auch der Vorschlag de Puydts unrealisierbar, ganz das­selbe Nebeneinander den Anhängern der verschiedenen weltan­schaulichen und politischen Bekenntnisse zu ermöglichen,  ohne daß dabei, wie bei den heutigen Demokratien,  eine Mehrheit den Minderheiten ihren Willen aufzwingt (von den totalitären Systemen ganz zu schweigen). Je mehr man aber darüber nach­denkt, desto mehr stellt sich dieser Vorschlag geradezu als die Idealform der Demokratie und ihre logisch letzte Konse­quenz heraus,  jedenfalls als Konsequenz aus dem, was mit De­mokratie, diesem so arg mißbrauchten Begriff, im Grunde gemeint ist.

 

De Puydt wählt zur Veranschaulichung seines Vorschlags u.a. das Bild eines Hauses mit verschieden eingerich-teten Wohnun­gen, die eine z.B. westlich demokratisch, die zweite monar­chisch-konservativ, die dritte kommu-nistisch, die vierte wie­der ganz anders als die vorgenannten; wenn einer sich dann in seiner derzeitigen, z.B. der monarchischen, nicht mehr wohlfühlt, weil er lieber in einer anderen leben möchte, dann ist es ein Unfug, des-wegen gleich das ganze Haus abreißen zu wollen, während den anderen ihre Wohnungen durchaus zusa­gen. Sondern vernünftiger ist, wenn der Betreffende dann ein­fach in eine ihm zusagende Wohnung übersiedelt und die ande­ren in den ihrigen ungestört läßt.

Denn wer gleich das ganze Haus abreißen will, um ein neues nach seinem Geschmack, dem die anderen sich anpassen sollen, an dessen Stelle zu setzen, der hat natürlich alle an­deren gegen sich. Wenn jemand hingegen die anderen in ihren Überzeugungen und Handlungen unbehelligt lassen will (voraus­gesetzt, daß jene anderen den gleichen Grundsatz ihm gegen­über anwenden wollen),  ist  es keineswegs nötig, das Terri­torium des betref-fenden Staates in so viele Teile zu zersplit­tern, wie es dann Regierungsformen (oder Nichtregierungs-Formen) gibt, damit dann jeweils innerhalb des betreffenden Teilgebiets die betreffende Form monopolistisch herrscht. Sondern auf einheitlichem Territorium, also in dem­selben Lande, z.B. in der BRD,  können die Anhänger ver­schiedener politischer Systeme und Regierungsformen, unab­hängig voneinander gemäß ihren Vorstellungen, genau so ne­ben- und durcheinander leben, wie es heute die Anhänger ver-

 

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schiedener Bekenntnisse, z.B. der katholischen und evange­lischen Kirche, tun, die ihre Kirchensteuer an die Kirche abführen, der sie angehören, oder als Konfessionslose eben keine zahlen.

 

In der Praxis sieht das nach de Puydts Vorschlag so aus: in jeder Gemeinde wird ein neues Amt errichtet, das Büro für politische Mitgliedschaft, das an alle Einwohner einen Frage­bogen verschickt: welche Regierungsform wünschen Sie?  Die Antworten werden in einem entsprechenden Register notiert und je nachdem ist der Betref-fende dann Untertan eines Mo­narchen, Bürger einer westlich demokratischen Republik, oder als klassenbe-wußter Proletarier der Diktatur jener un­terstellt, die er für Vertreter seiner Interessen hält. Dies solange, bis er seine Erklärung widerruft, unter Beachtung der notwendigen Formen und Fristen.

 

Von da ab hat er nichts mehr mit den Regierungen der ande­ren zu tun, genau so wenig, wie heute der Bürger eines Staa­tes mit den Regierungen anderer Staaten. Er gehorcht nur den auf diese Weise selbst gewählten Vor-gesetzten, den von ihm selbst und Gleichgesinnten gewählten und beschlossenen Gesetzen und Verordnungen - wie in einem Verein.  Er wird besteuert, wie es die von ihm und seinen Gleichgesinnten ge­wählten Abgeord-neten bestimmen (wobei innerhalb sol­cher Regierungssysteme ein Mehrheitsprinzip durchaus sinnvoll sein kann). Jede dieser Regierungen arbeitet dabei nur für den eigenen Bereich, unabhängig von den anderen. Etwa ähnlich, wie heute die verschiedenen Kirchenverwaltun­gen, die es nur mit ihren eigenen Gläubigen zu tun ha-ben, nebeneinander arbeiten, und entfernt ähnlich auch, wie heute die Länderregierungen innerhalb des Bundes einen selbstän­digen Eigenbereich haben.

Jeder Einzelne hat dabei den Staat und die Regierung, wie er es sich wünscht, und steht in seiner politischen Gemein­schaft so da, wie wenn es neben ihr nicht noch eine mehr oder weniger große Anzahl anderer gäbe, von denen jede ihre Steuerpflichtigen hat.

 

Sicher gibt es Träumer und asoziale Elemente, die sich un­ter keiner der bisher bekannten Regierungsformen wohlfüh-

 

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len werden;  aber die können sich ja die ihnen zusagende neue Form selber schaffen;  ebenso wie diejenigen, die z.B. als bewußte Anarchisten mit keiner der herkömmlichen Regie­rungsformen etwas zu tun haben wollen. Es wird Minderhei­ten geben,  die zu schwach sind,  die Mittel zur Unterhaltung der von ihnen als ideal betrach-teten Gesellschaftsform auf­zubringen. Dann können sie für ihre Ideen so lange Propagan­da machen, bis sich genügend zusammengefunden haben, oder aber sich der Regierungsform anschließen, die sie für das ge­ringste Übel halten, oder aber auch keiner, wenn sie auf das verzichten wollen, was ihnen die verschiedenen Regie-rungs­systeme als tatsächliche oder eingebildete Vorteile anbieten.

 

Dabei wird niemand mehr gezwungen, für etwas zu zahlen oder etwas zu tun, was er - summa summarum - für keinen Vorteil hält.  Und es entsteht ein löblicher Wettbewerb zwi­schen den verschiedenen Regierungssyste-men, durch mög­lichst viel Leistung im Verhältnis zu den erhobenen Steuern möglichst viel Steuerzahler von anderen Systemen zu sich herüberzuziehen. Mit nicht eingehaltenen Versprechungen können da keine Wähler mehr, wie heute, hinters Licht ge­führt werden,  jedenfalls nicht für dauernd;  denn die kündi­gen dann einfach, und die entsprechende Regierung kann Kon­kurs anmelden.  Peinliche Aussichten dies insbesondere für die Paradiese der Werktätigen, und auch die faschistischen Regierungssysteme dürften auf die Dauer nicht sehr viel Zah­lungsgewillte (J.Z.: Zahlungswillige?) finden, die mit dem ihnen Gebotenen zufrieden sind.

 

Bei Streitigkeiten zwischen den Anhängern verschiedener sol­cher Regierungen oder zwischen einer Regierung und dem An­hänger einer anderen geht es dann ähnlich zu,  wie bereits heute zwischen benachbarten und be-freundeten Regierungen nach internationalem Recht;  wo rechtliche Lücken vorhanden sind, werden sie durch Vereinbarungen ausgefüllt, wie man es bereits mit den Menschenrechtserklärungen versucht hat. Die einzelnen Regierungen können sich auch föderalistisch, ähnlich den schweizerischen Kantonen, oder ähnlich der Men­schenrechtskonvention der Vereinten Nationen, oder ähnlich dem Haager Gerichtshof, zwecks zwischen-staatlicher Rechts­vereinheitlichung zusammenschließen. Hauptprinzip ist da­bei immer, daß die freie Wahl des Einzelnen zwischen ver-

 

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schiedenen RegierungsSystemen gewahrt bleibt; auch die Wahl,  keinem der bisher bekannten Systeme anzu-gehören und kei­ne der von diesen auferlegten Verpflichtungen zu übernehmen - außer der grundlegenden der Gegenseitigkeit: nun auch seinerseits niemandem Verpflichtungen auferlegen zu wollen, die nicht freiwillig akzeptiert werden oder gemäß vereinbar­ten Schiedsgerichten akzeptiert werden müssen. Dies läuft auf das Prin-zip der gleichen Freiheit Aller hinaus.  Es gibt kei­nen Konflikt, der nicht nach diesem Prinzip auf vernünftigste Weise lösbar ist.  -

 

Es sollen also nicht mehr, wie heute, die einzelnen Parteien jeweils nach Herrschaft über einander,  nicht mehr eine Mehr­heit (oder gar nur Minderheit) nach Herrschaft über alle ande­ren streben oder aber einen Einklang al-ler unter einem ein­heitlichen Schema zustande zu bringen versuchen; sondern je­de Gruppierung soll sich selbst regieren, nach ihrer eigenen Wahl und auf ihre eigenen Kosten. In gegenseitiger Herrschaftslosigkeit!

De Puydt sagt es so: Priesterherrschaft für den, der sie wünscht; die Freiheit soll bis zu dem Recht gehen, sogar auf die Freiheit selbst zu verzichten (nur, daß es eben eine Kündigungsmöglich­keit auch bei solchem Verzicht gibt).

 

Jede derartige Regierung kann also z.B. ihr eigenes Rechts- wie auch Schul- und insbesondere Steuersystem haben; ähnliches gibt es ja ansatzweise heute schon in den Einzelstaaten der Bun­desstaaten. Selbstverständlich kann jede so auch ihr eigenes Geld haben, wie es z.B. sogar noch innerhalb des Deutschen Reiches zu Beginn dieses Jahrhunderts die Badische Notenbank hatte. Nichts steht dabei entgegen, daß z.B. das Geld aus ei­nem   solchen Regierungssystem, wenn es stabil gehalten wird, sich als Zahlungsmittel auch in allen anderen durch-setzt, weil es sich als das beste herausstellt. Das Gesundheits- und Ver­kehrswesen, auch die Polizeien der ver-schiedenen Regierungen, sind jeweils nur für deren - freiwillige - Untertanen zu­ständig, wobei mit den betref-fenden Behörden anderer Regierun­gen ähnlich zumimmengearbeitet wird, wie es heute zwischen­staatlich ge-schieht; nur eben, daß sich dies alles innerhalb desselben Territoriums abspielt, wie auch die Kirchen ihre Gläu-bigen, die innerhalb desselben Territoriums durcheinander wohnen, jede für sich erfassen.

 

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Insbesondere auch international, wo es bisher immer nur heißt:  Steh Du auf, damit ich mich an Deiner Stelle hinsetzen kann,  bietet dieses System der gegenseitigen Herrschaftslosigkeit die einzig realistische Lösungs-möglichkeit der sonst unlösbaren Probleme, z.B. zwischen Israelis und Arabern,  Polen und Deutschen, pro-testantischen und katholischen Iren,  christlichen und moslemitischen Libanesen, Weißen und Schwarzen Afrikas.

 

Die freie Konkurrenz dieser Regierungen, oder nennen wir sie besser Vertretungsorgane,  untereinander garan-tiert am besten den Fortschritt durch deren friedlichen Wettkampf; da sie gezwungen sind, sich unaufhörlich um Anhänger zu bewer­ben. Dabei ist auch kein Einzelner unterdrückt.  Revolutio­nen,  Meutereien,  Straßenkämpfe werden überflüssig.  De Puydt sagt:

 "Sie sind nicht zufrieden mit Ihrer Regierung?   Nehmen Sie eine andere! Das heißt: gehen Sie zum Büro für politische Zugehörigkeit. Nehmen Sie Ihren Hut vor dem Abteilungslei­ter ab,  bitten Sie ihn,  Sie fristgerecht - Kündigungsfrist etwa drei Monate zum Jahresende - von der Liste zu streichen, auf der Sie aufgeführt sind, und Ihren Namen auf die gewünsch­te neue zu übertragen. Der Abteilungsleiter wird Ihnen davon eine Bestätigung geben.  Sie grüßen ihn von neuem und die Re­volution ist vollendet, ohne etwas anderes zu vergießen als einen Tropfen Tinte.

"Ihr Übertritt verpflichtet niemanden. Es wird weder eine tri­umphierende Mehrheit noch eine besiegte Minder-heit geben.  Aber niemand ist auch gehindert, Ihrem Beispiel zu folgen."

 

De Puydt erinnert ganz richtig: "Denken Sie an die Zeiten, in denen man sich für die Religion heiser schrie, mehr als man sich je für politische Meinungen heiser geschrien hat. Als der heilige Schöpfer aller Wesen der Gott der Heerscharen war, ein rächender und mitleidloser Gott, in dessen Namen das Blut in Fluten vergossen wurde. Die Menschen haben seit jeher sich darum bemüht, Gottes Sache in ihre Hand zu neh­men und ihn zu einem Komplizen ihrer blutgierigen Leiden­schaften zu machen. 'Tötet alle, Gott wird die Seinigen schon erkennen!'

"Was ist aus dem unversöhnlichen Haß geworden? Der Fort­schritt des menschlichen Geistes hat ihn hinwegge-fegt, wie der Herbstwind die welken Blätter. Die Religionen, in deren

 

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Namen ehemals Scheiterhaufen errichtet und Folterinstru­mente hergestellt wurden, bestehen heute friedlich ne-ben­einander unter denselben Gesetzen und zehren an demselben Budget, und wenn jede Sekte immer nur ihre eigene Vortreff­lichkeit predigt, so erreicht sie damit mehr, als wenn sie noch dazu die rivalisierenden Sekten verdammen würde. Nun gut, was auf diesem finsteren und unergründlichen Ge­biete des Gewissens möglich ge-worden ist, bei dem Bekeh­rungseifer der einen,  der Intoleranz der anderen,  dem Fa­natismus und der Unwis-senheit der Massen,  was man in die­sem Punkte in der Hälfte der Welt antreffen und vorfinden kann,  ohne daß daraus noch Unruhe oder Gewalttaten ent­stehen: wäre das, was unter derart schwierigen Bedingun­gen möglich geworden ist, nicht eher noch möglich im rein weltlichen Bereich der Politik, wo alles klar sein sollte, wo sich das Endziel in einem Satz ausdrücken läßt?!"

 

"Aller Zwang soll künftig aufhören. Jeder volljährige Bürger sei und bleibe frei, nicht nur einmal, am Tage nach irgend­einer blutigen Revolution, sondern immer und überall unter den dargebotenen Regierungen dieje-nige auszuwählen, die zu seiner Geisteseinstellung, seinem Charakter, oder zu sei­nen persönlichen Bedürf-nissen paßt. Er soll frei sein zu wählen, wohlverstanden, aber nicht frei, seine Wahl ande­ren aufzudrängen! Dann wird jede Unordnung aufhören und jeder sinnlose Kampf unmöglich sein. Dann hören auch alle 'diploma-tischen Schachzüge', alle Frechheiten auf,  die als 'Staatsraison' getarnt sind, oder als 'Ehre' und 'nationa­les Interesse'. Aller Betrug in Bezug auf die Art und Güte der Staatsmaschinerie hört auf.  Die Regierten stellen Ver­gleiche an, und die Regierenden müssen versuchen, es bes­ser und billiger zu machen als die anderen. Die Kräfte, die bis dahin durch Reibereien und Widerstandsaktionen verlo­ren gingen, arbeiten nun in friedlichem Wettstreit miteinan­der,  ohne solche Hemmungen."

 

So weit de Puydt, wobei natürlich noch eine Reihe von Fra­gen und Einwänden offen geblieben ist, die jedoch im über­nächsten Kapitel ihre Beantwortung finden. Denn heute ver­steht man ja noch unter Freiheit der einen die Verneinung der Freiheit der anderen, also das Gegenteil der gleichen Freiheit Aller, und ist sich über deren weitgehende Konse-

 

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quenzen nicht im Klaren. Vor allem versteht man heute die Freiheit als eine Ideologie, als ein bloßes Gedan-kenprodukt, das sich in keiner Weise von anderen Ideologien,  bloßen Ge­dankenprodukten, die ebenso wahr wie falsch sein können, unterscheidet.  Lenin nannte sie sogar nur "ein bürgerliches Vorurteil".  Die wirkliche Freiheit, die gleiche Freiheit Al­ler, welche die unumgängliche Vorausset­zung für das reibungslose Funktio-nieren der de Puydt' schen Vorschläge ist, ist jedoch keine Ideologie.

 

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DIE    NEUE   BASIS -

 

ERSTMALIG   IN   DER   MENSCHHEITSGESCHICHTE   EIN   FESTER   GRUND

 

Mit einem einzigen Schwertstreich durchschlug Alexander der Große den Gordischen Knoten und löste auf diese etwas rauhe und verblüffende, aber wirksame und endgültige Weise ein Problem, das bis dahin als un-lösbar gegolten hatte. Auf eine weniger martialische Art - für die sogar Napoleon I. plädier­te: "Es gibt nur zwei Mächte in der Welt, den Säbel und den Geist. Auf die Dauer wird der Säbel immer vom Geist besiegt" - könnte das praktisch bedeutsamste aller menschlichen Prob­leme gelöst werden: mit einem einzigen Satz.

 

Da es jedoch bisher weder als dies praktisch bedeutsamste,  noch als Problem überhaupt erkannt wurde,  würde dieser eine Satz, für sich allein, gar nicht richtig begriffen werden.  Daher ist nähere Erläuterung notwendig.

 

Das praktisch bedeutsamste Problem für jedermann ist eine allgemein anerkannte Leitlinie, d.h. ein Maßstab, für das Ver­halten von Mensch zu Mensch.  - Warum?  Weil alle menschli­chen Einrichtungen,  insbesondere die Staaten und alle Institu­tionen innerhalb und außerhalb derselben, die ja in vielfacher Weise tief in die Lebens-verhältnisse jedes Einzelnen eingrei­fen, aber auch die Beziehungen aller Einzelnen und Gruppen untereinander, einer solchen Leitlinie bedürfen, wenn es friedlich zugehen soll.

 

Alle sozialen, aber auch nahezu alle privaten Konflikte rühren daher, daß es bisher an einer allgemein aner-kannten Leitlinie, an einem Maßstab, für das Verhalten von Mensch zu Mensch fehlte, ja, daß man gar nicht einmal danach gesucht hatte.  Na­türlich ist absolute Konfliktlosigkeit nicht erreichbar;  aber es ist sinnvoll, die Konflikte auf ein Minimum zu reduzieren und,  wo sie unvermeidbar,  sie mit friedlichen Mitteln zu lösen.  Dies schon deswegen, weil die Entwicklung der Waffentechnik die gewaltsame "Lösung" - sowohl im Innern wie nach außen - zu einem tödlichen Risiko für beide Seiten gemacht hat; vor al­lem aber, weil die gewaltsame keine echte Konfliktlösung ist.

 

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sondern nur eine nie abreißende Kette von Gewalt und Gegen-Gewalt provoziert.

 

An angebotenen Leitlinien und Maßstäben - religiöser, moralischer, ideologischer jedweder Art - hat es zwar bisher niemals gefehlt, und jeder von diesen trat mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auf (wobei gerade dies die Ursache war, daß man nicht nach wirklich allgemeingültigen suchte). Aber keiner von jenen konnte tatsächlich allgemeine An­erkennung erringen,  keiner konnte die Anders denkenden über­zeugen.  Denn es fehlte insbesondere an einem Maßstab zur Un­terscheidung, welcher von diesen verschiedenen Maßstäben nun der "richtige" oder zumindest der allen anderen vorzuzie­hende sei.

Das Resultat dieses Zustandes sind in allen Teilen der Welt die unaufhörlichen Kämpfe und Unterdrückungen, auch wenn letztere nicht immer mittels Brachialgewalt,  sondern nur durch deren bloße Androhung erfolgen und die weitverbreite­te - leider nur zu begründete - Unzufriedenheit mit den beste­henden Verhältnissen, die überall latente Umsturz- und Kriegsgefahr.

 

Charakteristisch für die ganze bisherige Menschheitsgeschich­te ist nun die Tatsache, daß man - von offener aggressiver Gewaltanwendung abgesehen - bei seinen Ansprüchen gegen an­dere oder bei Rechtfertigung beste-hender Einrichtungen sich auf eine Vielzahl religiöser, moralischer, ideologischer (d.h. nach Maßstäben unserer Erfahrungswirklichkeit nicht be­weisbarer) Behauptungen stützte - so, als ob diese absolute und allgemein aner-kannte Geltung hätten;  letzteres ist jedoch schon wegen der Widersprüche und Gegensätze unter ihnen gar nicht der Fall.

 

Auffallend ist dabei eine offenkundig schizophrene Haltung: so gut wie alle Menschen nehmen in einer gewis-sen Praxis des täglichen Lebens eine Haltung an, die in schroffem Gegensatz zu ihren Meinungen und Hand-lungen in anderen Angelegenhei­ten ihres alltäglichen Verhaltens steht - ohne sich dieses Ge­gensatzes bewußt zu sein. Zwei Beispiele mögen dies verdeut­lichen:

 

Wenn vor Gericht jemand ein Recht gegenüber einem anderen

 

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zu haben behauptet, wird er für beweispflichtig erklärt.  Er mag dabei durchaus wirklich im Recht sein - er wird dennoch abgewiesen, wenn er keinen Beweis für das tatsächliche Be­stehen des behaupteten Rechts anzutreten vermag.  Das kann vernünftigerweise auch gar nicht anders sein. Sogar seine Versicherung, es sei seine hei-ligste Überzeugung, daß ihm das behauptete Recht zustehe, entbindet ihn nicht von einer überzeugenden Be-weisführung. Versucht er, ohne solche sein vermeintliches oder tatsächliches Recht mit Gewalt durchzusetzen, wird dies als Aggression behandelt. Und je­der unbeteiligte Dritte wird dies billigen müssen, auch wenn er sei-nerseits überzeugt ist, daß jener tatsächlich das be­hauptete Recht hat.

 

Oder dieser Fall: jemand verlangt auf der Straße von einem anderen dessen Geldbörse mit der Begründung, Gott habe ihm das Recht dazu gegeben oder jenem die Pflicht auferlegt;  als "Grund" kann dabei auch eine Moral oder ein anderes ideolo­gisches "Argument" genannt werden. Wenn der Betreffende dann seinem "Recht" mit Gewalt Nachdruck zu verschaffen versucht, sollte wohl, wie im ersten Beispiel, unter allen Vernünftigen Einigkeit bestehen, daß es sich um nichts an­deres als um aggressive Gewalt handelt.

 

Dem steht nun aber gegenüber, daß gerade in den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens, bei denen es um weit mehr als nur um Geld geht,  ganz anders gewertet und gehan­delt wird. Das ist ein offenkundig schizo-phrenes Verhalten, dessen man sich bisher nicht bewußt ist! - Da werden "Rech­te" und "Pflichten" geltend gemacht, die nicht auf irgendwel­chen Vereinbarungen beruhen und für deren tatsächliches Be­stehen weder Beweise geführt, noch auch nur versucht wer­den, ja, bei denen nach Lage der Dinge ein Beweis von vorn­herein unmöglich ist.

 

Mit so "begründeten" Forderungen werden im Namen von "Staat", "Volk", "Nation", "Gesellschaft", "Gott", "Moral" also "Rechte" auf Leben, Freiheit, ganzen Besitz und zahl­lose Eingriffe in die Lebensführung anderer geltend gemacht - und merkwürdigerweise wird solchen Ansprüchen gegen­über in der Regel nicht die grund-sätzliche Verrücktheit sol­chen Tuns eingewendet,  sondern man betrachtet es als durch-

 

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aus normal. Man unterwirft sich dann entweder dem betref­fenden Anspruch, oder man hält ihm allenfalls einen ähnlich unbegründeten und unbegründbaren, d. h. einen auf nur be­hauptete, nicht beweisbare "Rechte" sich stützenden eigenen entgegen.

Das Resultat ist dann jeweils, nüchtern gesehen, nichts ande­res als Gewaltanwendung, verhüllt durch Phrasen.

 

Selbstverständlich empfindet dabei der Unterlegene Groll über seine Niederlage und sinnt darauf, seine Situa-tion wieder zu verbessern. So kommt es zu ständigen unterirdischen oder offenen Kämpfen mit wechselnden Bundesgenossen, die Kräfte verzehren und Werte zerstören oder deren Entstehung verhin­dern. Die einzelnen Übergriffe zielen dabei auf eine Vielzahl der verschiedenartigsten Lebensgebiete, je nach den betref­fenden Glaubensmeinungen, moralischen und politischen und ideologischen Überzeugungen.

 

Für den Beobachter von einem anderen Stern, der nicht durch Erziehung und Gewöhnung in eben diesen Wirr-warr von gedank­lichen Vorstellungen und fix gewordenen Ideen hineingewachsen ist, muß dies alles unver-ständlicher erscheinen,  als etwa ei­nem gebildeten Europäer die noch auf dem Niveau der Stein­zeitmenschen lebenden Naturvölker auf Neuguinea oder in den Urwäldern Südamerikas. Und doch leben auch im zivilisierte­sten Europa noch Unmengen von Menschen - nicht nur Unge­bildete, sondern vielfach hochintelligente Spezia-listen -, die, außerhalb ihres Fachgebietes und mitunter noch in diesem selbst, in ihren letzten und wichtigsten Überzeugungen sich nicht von den sogenannten Wilden im Busch unterscheiden. Darauf hat bereits Ortega y Gasset mit allem Nachdruck hin­gewiesen. Dazu haben insbesondere auch die bereits erwähn­ten Autoren Gustaf F. Steffen und Prof. James Harvey Robin­son eine Fülle von Material beigebracht.

 

Man muß sich endlich einmal restlos darüber klar werden, daß die Masse der menschlichen Überzeugungen religiöser, mora­lischer, sozialer und politischer Art, und zwar gerade die "heiligsten" und die am fanatischsten verfochtenen-,  wenig mit Erkenntnissen der Vernunft oder auch nur sorgfältigen Erwä­gungen des Für und Wi-der zu tun haben, sondern nichts ande­res sind als Gewohnheiten, Vorurteile, Suggestionen, Wunsch-

 

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träume, an welche die Betreffenden niemals die Sonde kriti­scher Vernunft und vorurteilsfreier Untersuchung gelegt ha­ben.

 

Was daraus resultiert und vielfach mit schönen Worten als Dienst an Ordnung und Sicherheit, dem rechten Glauben und hohen Idealen bezeichnet wird, ist, soweit es sich dabei um anderen gegenüber erhobene,  ge-waltsam durchgesetzte Forde­rungen handelt,  für deren tatsächliche Berechtigung ein Be­weis nicht geführt wird, oder überhaupt nicht geführt werden kann,  nichts anderes als - Aggression.

 

Der fundamentale Unterschied zwischen Sein und Sollen

 

Bei der Suche nach Maßstäben, um die Richtigkeit unserer eigenen Überzeugungen, sowie die von anderen, messen zu können, stoßen wir zunächst auf den Unterschied zwischen Sein und Sollen, d.h. dem,  was ist und dem,  was - an­geblich - sein soll:  als religiöses, moralisches oder sonstiges "Gebot",  als "Recht", als "Pflicht", die schon vor­weg - ohne unsere Zustimmung - gegeben sein sollen und an­geblich von uns beachtet werden müssen.

 

Über das, was ist,  kann man sich immer verhältnismäßig rasch einigen, wenn man sich nicht in willkürlichen Spekula­tionen verliert, sondern sich auf beweisbare Tatsachen be­schränkt.

Das ist also zunächst das in Raum und Zeit Gegebene und mit unseren Sinnen unmittelbar oder mittelbar - also mit techni­schen Hilfsmitteln, wie z.B.  Mikroskopen - Erfaßbare, d.h. die sichtbaren, hörbaren, ertastbaren Erscheinungen, die durch Augenschein und Logik als wirklich oder unwirklich er­wiesen werden können.

 

Daneben mag es durchaus noch eine andere, weder mit unse­ren Sinnen noch mit unserem Verstand erfaßbare "Wirklich­keit" von Ideen, Erlebnisinhalten, Übersinnlichkeiten geben, und dies mag sogar die "wahre", die "eigentliche" Wirklich­keit sein. Aber im Unterschied zu jener erstgenannten, der

 

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Erfahrungswirklichkeit, sind jene angeblichen anderen "Wirk­lichkeiten" leider unbeweisbar; sie entziehen sich grundsätz­lich einer Beweisführung sowohl dafür wie dagegen, und man kann also hinsichtlich dieser zweiten Art von "Wirklichkeit" ebenso gut das Gegenteil behaupten. Wir werden gleich sehen, von welch enormer praktischer Bedeutung die saubere Tren­nung von Beweisbarem und nicht Beweisbarem ist.

 

Für das, was angeblich sein soll, gibt es nun im Gegensatz zu dem, was ist (wobei unser Maßstab die Sinne und die Logik sind), überhaupt keinen Maßstab und  kann  keinen geben. Denn es fällt nicht in den Bereich der Erfahrungswirklichkeit, sondern - soweit es nicht rein gedankliche Spekulation, also Einbildung ist - allenfalls in den Bereich jener anderen "Wirk­lichkeit", die sich jeder Beweismöglichkeit entzieht.

 

Jene gedanklichen Vorstellungen, die an uns Forderungen heran­tragen, die ein Verhalten werten und es in "gut" oder "böse" scheiden, die von uns verlangen, daß wir etwas tun oder unter­lassen sollen, weil es "gerecht" oder "ungerecht" sei,  fin­den keine Stütze in der Erfahrungswirklichkeit; denn es gibt in dieser keine Eigenschaften "gut" oder "böse", "gerecht" oder "ungerecht". Wo davon die Rede ist, handelt es sich immer nur um subjektive Wertungen (auch wenn sie von noch so vielen an­deren geteilt werden), um Bezeichnungen, die wir den Din­gen oder Personen beilegen, nicht um objektiv meßbare Eigen­schaften, die den Dingen oder Personen selbst anhän-gen.

 

Es gibt insbesondere auch keine Ableitung irgendeines Sollens aus einem Sein, wie man es beispielsweise mit dem "Natur­recht" des Stärkeren - die großen Fische fressen die kleineren - versucht hat. Denn es ist ein Verstoß gegen die Logik, Schlußfolgerungen aus Tatsachen auf der Ebene des Seins auf die von dieser total verschiede-ne des Sollens zu ziehen, auf der es keine mit den Mitteln unseres Erkenntnisvermögens fest­stell- und beweis-bare Tatsachen gibt und geben kann.  Im übri­gen hat Fürst Peter Kropotkin an den zahlreichen Tatsachen ge-genseitiger Hilfe in Tier- und Menschenwelt nachgewiesen, daß jenes angebliche "Naturgesetz" vom Fressen und Gefres­senwerden zumindest nicht ohne Ausnahmen ist und daß nicht weniger Tatsachen für ein ganz ent-gegengesetztes Seins-"Gesetz" sprechen. Aus beiden "Gesetzmäßigkeiten" lassen

 

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sich jedoch keine Schlußfolgerungen ziehen, was "naturgesetzlich" oder "nach göttlichem Willen" oder nach sonstwelchem "höheren Gebot" geschehen soll.

 

Sondern alle Sollensregeln, denen der Einzelne sich unterwirft, beruhen auf seiner persönlichen Wertung und Willensentschei­dung (auch wenn ihm das gar nicht bewußt ist). Dies ebenso, wenn er sie selbst aufgestellt hat, oder wenn er sie von anderen übernommen hat. Denn selbst, wenn er glaubt, daß er sie über­nehmen müsse, weil irgendetwas "Höheres", ihm Überle­genes, dies verlangt, ist es doch letztenendes sein Glau­ben oder Nicht-glauben,  sein Glauben- oder Nichtglauben-Wol­len (das natürlich von fremden Suggestionen beeinflußt sein kann), was seine Entscheidung bewirkt; jedenfalls sind es kei­ne beweisbaren Tatsachen, wie in der Erfahrungs- wirk­lichkeit, die, ob er will oder nicht, von ihm (oder anderen) anerkannt werden müssen.

 

Die Antwort auf die Frage des Pilatus

 

Alles Ringen der Philosophen um "Wahrheit", d.h. um Er­kenntnis letzter Wirklichkeit, des "Dings an sich", das zu­letzt darauf hinauslief, an die Stelle von "Wahrheit" wenig­stens Wahrscheinlichkeit zu setzen, landete bei der zu Be­scheidenheit mahnenden Erkenntnis, daß der Mensch unter Schauzwang und Denkzwang steht. Er vermag von einer Wirk­lichkeit, die weit über das hinausgeht, was von ihr mit den menschlichen Sinnen und mensch-licher Logik erfaßt werden kann, eben nur einen kleinen Ausschnitt zu "begreifen";  auch alle Apparaturen zur Erweiterung dieses Gesichtskreises stoßen immer wieder an Grenzen. Wir wissen, daß es Töne gibt, die nicht wir, wohl aber verschiedene Tiere zu hören, und Dinge, die nicht wir, wohl aber wieder andere Tiere zu sehen vermögen; Ähnliches ist auch bei Geruch, Geschmack, Gefühl der Fall. Wahrscheinlich ist, daß alles, was wir in Erweiterung unserer Sinne durch technische Hilfsmittel an Erkenntnis der Gesamt-Wirklichkeit abzulisten vermögen, wohl im Verhältnis nicht viel mehr ist, als z.B. eine Amei­se mit ihrem Sinnesapparat und ihrem Instinkt als Aus -

 

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schnitt ihrer Wirklichkeit zu erfassen vermag, während ihr unsere Menschen-Wirklichkeit absolut verschlos-sen ist.

 

So unvollkommen und relativ aber auch unsereErkenntnis der Seinswirklichkeit ist - sie ist der einzige feste Halt, den wir haben und der uns immerhin ermöglicht hat, uns von der Beherrschung durch die Natur weitge-hend zu be­freien und die Welt, in der wir leben müssen, zu verändern - wenn auch nicht immer zu unserem Vorteil.

Während wir also - wenn auch begrenzte - Maßstäbe zur Er­kenntnis der Seins- oder richtiger: unserer Erfah-rungswirk­lichkeit durchaus besitzen, fehlen uns solche gegenüber den angeblichen Sollensgeboten gänzlich; und zwar sowohl hinsichtlich deren Existenz überhaupt, als auch, um gegenüber jenen, die uns Sollenslehren und Gebote als ihnen angeblich offenbart verkünden, deren Legitimation und Glaubwürdigkeit, sowie den Wirklichkeitsgehalt ihrer Lehren zum Unterschied von bloßen Phantasien und leeren Behauptungen zu prüfen. Denn auch die fanatischste Überzeugung der Betreffenden von der "Wahrheit" ihrer Aussagen vermag nur auf Urteilsunfähi­ge Eindruck zu machen.  Sie vermag jedoch nicht jenen als Be­weis zu dienen, denen allein eigene Offenbarung als ein sol­cher - immer mit Kritik aufzunehmender,  denn die Psycholo­gie und Psychopathologie zeigen uns, wieviel Selbsttäuschung dabei im Spiele sein kann - Beweis zu dienen vermag; der dann auch im-mer nur für uns persönlich gilt und auf den wir uns gegenüber anderen niemals berufen können.

 

Die grundsätzliche Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit, einer über unseren Erkenntnisapparat, d. h. über unsere Er­fahrungswirklichkeit weit hinausgehenden - transzendentalen - wahren "Wirklichkeit" (die zum Unter-schied gegenüber der Erfahrungswirklichkeit jedoch in Gänsefüßchen gesetzt werden muß) soll also nicht be-stritten werden; es mag "Offenbarungen" und "innere Erlebnisse" geben, die nicht nur Einbildung sein mögen (so oft sie es auch tatsächlich sind), son­dern Zugang zu einer umfassenderen - und, wie man sagt, "höheren" - "Wirklichkeit" geben. Es mag sogar einen für jeder­mann zugänglichen - durch Meditations- oder andere Übungen - Weg zu dieser "Wirklichkeit" geben, obwohl dabei solche Übun­gen in der Regel auf eine Auto-suggestion hinauslaufen.

 

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Auf jeden Fall aber muß mit dem Holzhammer klargemacht werden: wer bei noch so ehrlicher eigener Über-zeugung anderen gegenüber Forderungen oder vermeintliche "Rechte", deren Existenz er nicht zu beweisen vermag, mit Gewalt durchsetzt, der proklamiert damit das Faustrecht - !

 

Dies ist ein bisher noch ganz ungewohnter Gedanke - ja, des­sen Gegenteil ist in allgemeiner Übung. Es gilt als hochver­dienstlich, als "moralisch",  seiner "heiligen Überzeugung" gemäß zu leben, egal, worauf diese beruht, und auch, ohne irgendwelche Schranken zu beachten.  Was "Gott", das "Volk", die "Nation", der "Staat" und die "Gesellschaft", d.h. jene verlangen, die sich meist selbst zu Repräsentanten die­ser Abstraktionen und Kol-lektivbegriffe ernannt haben oder sich auf recht fragwürdige Art als deren Sprachrohr legiti­miert fühlen, das wird praktiziert nicht nur, soweit es die ei­gene Person betrifft, ohne zugleich auch andere zu berühren (wogegen gar nichts einzuwenden ist); sondern es wird prakti­ziert insbesondere gegenüber anderen, ohne Rücksicht auf deren Widerstreben. Es gilt sogar als besonders verdienst­voll und moralisch,  auch als glaubensgetreu und pa-triotisch,  Staatsbürger- und klassenbewußt,  andere zu entsprechendem Tun zu zwingen, d.h. sie "auf den rech-ten Weg zu führen",  ihnen ihre "Pflichten klar zu machen",  ihnen das "richtige Bewußtsein" beizubringen, "Gottes Willen" zu tun. Zu solchem Handeln hat nach bisher vorherrschender Überzeugung der Be­treffende einfach "das Recht" - eines jener zahlreichen "Rech­te", die nicht auf einem Vertrag beruhen, sondern nach Mei­nung der Betreffenden als "höheres Recht" einfach da sind - ohne daß man es nötig hätte, einen Beweis dafür zu erbringen.

 

Daß solche "Rechte" jedoch da sind, daß sie in der "Wirk­lichkeit" existieren und nicht bloß als Vorstellungen, Einbil­dungen und Wünsche derer, die an sie glauben,  entzieht sich jeder Beweisführung dafür oder dagegen. Wenn nun jemand einen Anspruch,  den er nicht zu beweisen vermag, gegenüber einem Widerstrebenden ge-waltsam durchsetzt - wie nennt man das in einer ebenfalls generell geübten Praxis des täglichen Lebens? - Eine aggressive Handlung,  Faustrecht!

 

Natürlich ist es nicht so, daß man im Fall jener angeblichen "Rechte" und "Pflichten" zu ihrer Durchsetzung das Faust-

 

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recht offen und bewußt bejaht; in der Regel werden auch nicht etwa jene "Rechte" und "Pflichten" als bewußte Bemäntelung des tatsächlich praktizierten Faustrechts nur vorgeschoben.  Sondern das Faustrecht als solches wird von den Betreffenden meist ganz entschieden - und durchaus ehrlich - abgelehnt; denn sie glauben ja so fest an ihre "Rechte", die ihnen zur lebenslangen Gewohnheit geworden sind,  daß sie diese überhaupt nicht in Zweifel ziehen, wobei die Tatsache gar nicht in ihr Bewußtsein tritt, oder auch aus diesem verdrängt wird, daß die gewaltsame Durchsetzung eines vermeintlichen "Rechts" ohne Beweisführung für dessen tatsächliche Exis-tenz eben nichts anderes als verhülltes Faustrecht ist!

 

Wir haben also zwei Verhaltensweisen nebeneinander, die sich schroff widersprechen, ohne daß dies bisher aufgefallen ist:

 

Einerseits die Praxis aller zivilisierten Gerichte, welche für behauptete Rechte und Pflichten eine Beweisfüh-rung verlangen, wobei ohne eine solche die bloße Behauptung zurückgewiesen und derjenige als Irrer oder ag-gressiver Gewalttäter behandelt wird, der ein vermeintliches Recht, das er nicht zu beweisen vermag, mit Gewalt durchzusetzen versucht. Dieser Stand­punkt wird in der Regel von allen Vernünftigen geteilt.

 

Anderseits gibt es Ansprüche, die sich auf religiöse, morali­sche und ideologische Überzeugungen stützen, und die alle schon ihrer Natur nach völlig unbeweisbar sind, weil sie sich nicht auf in der Erfahrungswirklichkeit vorfindbare Tatsachen, sondern auf Glaubensmeinungen stützen, die von bloßen Phan­tasien und Einbildungen nicht zu unterscheiden sind (auch wenn es sich tatsächlich nicht um solche handeln mag). Man führt für sie in der Regel die allgemeine oder mehrheitliche Überein­stimmung an; doch solche Übereinstimmung in etwas, das nur geglaubt, aber nicht bewiesen werden kann, vermag natürlich nicht die inhaltliche Richtigkeit des Geglaub-ten zu verbürgen. Oft ist eine Übereinstimmung auch nur regional oder zeitlich begrenzt, während in anderen Ländern und Völkern oder im gleichen zu anderen Zeiten das Gegenteil gilt. Vielfach beruht eine weitverbrei-tete gleiche Glaubensmeinung auf reiner Ge­wöhnung an das in der Kindheit von der Umwelt suggestiv Über­nommene oder durch Erziehung Eingeprägte. Dies zumal, wenn religiöse und Moralauffassungen,  sowie Ideologien sich bereits

 

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zu festen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen verdichtet haben, die man als gewohnte Erschei-nungen der Erfahrungswirklichkeit kaum noch in Frage stellt, weil man sich ihrer Entstehung aus religiösen, moralischen, ideolo­gischen Glaubensmeinungen gar nicht mehr bewußt ist.

 

So werden heute sowohl gegen Einzelne wie gegen Gruppen und ganze Völker die tollsten Ansprüche aus re-ligiösen, mo­ralischen und ideologischen Überzeugungen heraus gestellt und gewaltsam durchgesetzt, wobei die Attackierenden gar nicht daran denken, für ihr eigenes vermeintliches "Recht" oder für die vermeintliche "Pflicht" jener anderen einen Be­weis anzutreten.  Aber sogar die Attackierten selbst, wenn sie sich auch noch so heftig wehren, kommen in der Regel gar nicht auf die Idee, die Angreifer auf den mangelnden Nach­weis ihrer angeblichen Ansprüche festzunageln;  sondern sie halten jenen nur angebliche eigene "Rechte   entgegen, die sie ihrerseits aus der Tiefe des Gemüts oder auch aus religiösen oder ideologischen Überzeugungen geschöpft haben, und die daher ebensowenig beweisbar sind wie jene der Angreifer.

 

Diese absurde Situation eines Kampfes der fixen Ideen jeweils auf beiden Seiten, der auf diese Weise natürlich niemals enden kann,  zieht sich durch die ganze Menschheitsgeschichte hin und stellt eine unentschuldbare Kräftevergeudung dar, ange­sichts würgender Not unter zwei Dritteln der Menschheit und zahlreichen drängen-den, ungelösten Problemen. Während die Lösung nahezu aller Probleme der menschlichen Bezie­hungen höchst einfach wird, wenn man die simple Unterschei­dung zwischen Beweisbarem (denn nur auf dieses kann und muß man sich einigen) und Unbeweisbarem trifft und die ebenso simple Feststellung, daß gewaltsam durchgesetzte unbeweisba­re Ansprüche nichts anderes sind als ein Bekenntnis zum Faust­recht, zu einem religiös, moralisch oder ideologisch verhüllten Faustrecht, aber eben Faustrecht.

 

Erkenntniskritiker und Soziologen haben zwar längst schon ein­zelne religiöse, moralische, ideologische Über-zeugungen als haltlose Meinungen, Einbildungen und barbarische Unsitten ent­larvt; dies hat das Weiterblühen der übrigen aber nicht beein­trächtigt, weil es nicht an deren Wurzel ging. Natürlich sollen beileibe nicht die religiösen, moralischen, ideologischen

 

 

 

 

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Überzeugungen selbst ausgerottet werden. Dies auch nur zu versuchen, wäre utopisch. Aber ihre Grenzen  müssen erkannt werden, dort, wo sie aus dem Bereich der persönli­chen Freiheitssphäre in den gleichen Bereich anderer als ag­gressive Handlungen übergreifen. Die Konsequenzen gilt es daraus zu ziehen,  daß ausnahmslos    alle religiös, moralisch oder ideologisch begründeten Forderungen insoweit illusionär sind, als für ihre Berech-tigung eine Beweisführung unmöglich und daher ihre gewaltsame Durchsetzung nichts anderes als Praktizie-rung des Faust­rechts ist.

 

Das, was nur in den Köpfen "existiert", als Gedanken-und Phantasiegebilde, als Glaubens- und Wunschvor-stellung, hat eine andere Art von "Existenz" als das in der Er­fahrungswirklichkeit mit unseren Sinnen und unserem Verstan­desapparat Erfaß- und Beweisbare. Wir können zwar glau­ben, d.h. wir können uns vorstellen, einbilden, wünschen, wir können sogar für unsere Person fest überzeugt davon sein, daß hinter dem von uns Geglaubten, hinter unseren gedanklichen Vorstellungen (obwohl wir wissen, daß wir uns auch Nichtexistie-rendes vorstellen und einbilden können) tatsäch­lich real Existierendes steht - wir verfügen nun einmal über keine Beweise, um auch andere davon überzeugen zu können.

 

Sogar bei den meisten Theologen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß ein Unterschied zwischen Glauben und Wis­sen besteht; daß, was gewußt werden kann, nicht geglaubt zu werden braucht, und daß, was geglaubt wird, eben nicht ge­wußt werden kann, d.h. unbeweisbar ist. Auf religiösem Ge­biet hat man daher bereits weit-gehend auf aggressive Gewalt­anwendung verzichtet. Dafür jedoch sind an die Stelle der frü­heren Religions-kämpfe die heutigen Kämpfe der Ideologien getreten. Genau wie bei jenen, handelt es sich auch bei die­sen um unbeweisbare Glaubenssätze, zumindest soweit sie eine Mischung von Fakten mit eben unbeweisbaren, d.h. ideo­logischen Behauptungen und Forderungen bilden. Genau so, wie man bei den Religionen seinerzeit über-zeugt war (und es zum Teil heute noch ist), zu wissen und nicht bloß zu glauben, ist man dies auch bei den Ideologien. Die mei­sten erkennen zwar bei den Ideologien der anderen deren

 

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Fehlschlüsse und Charakter als bloße gedankliche und Phan­tasievorstellungen, nicht jedoch bei der eigenen. Dennoch ist das Schicksal aller Ideologien,  gleich jenem der Religio­nen,  bereits vorgezeichnet,  soweit sie,    wie jene es taten,  die Grenze der  gleichen Freiheit Aller zu überschreiten versuchen und totale Herrschaft be-anspruchen.  So unsterb­lich Religionen und Ideologien an sich auch immer sein wer­den - ihre Herrschafts-  macht ist seit Stirner er­schüttert, und um diesen Herrschaftsanspruch geht es.

 

Man könnte hierzu sagen,  was Anzengruber - ein in seinen Aphorismen tief schürfender Philosoph - so ausdrückte:

"Mit manchem toten und schon begrabenen Unsinn verhält es sich,  wie mit dem sagenhaften Vampir: er geht immer noch um, er drückt die Leute im Schlafe, er saugt von ihrem Blut, und ein Ende wird erst mit dem Spu-ke, wenn der be­herzte Mann kommt, der den Kadaver bloßlegt und einen Pfahl durch dessen Herz treibt".

 

Dieser  Pfahl ist die Erkenntnis vom bloßen Glaubenscharakter und der absoluten Unbeweisbarkeit der Berech-tigung al­ler religiös, moralisch, ideologisch begründeten Ansprüche und  Forderungen gegen andere. Und vor allem die Schlußfolgerung aus dieser Erkenntnis: daß alle gewaltsa­men  Durchsetzungsversuche unbeweisbarer Ansprüche  nichts anderes als Entscheidungen des Faustrechts sind!

 

Wie in Andersens weisem Märchen von des Kaisers neuen Klei­dern steht nunmehr die aggressive Gewalt nackt und bloß vor dem unbefangenen Blick, nachdem die prächtigen Hüllen gefal­len sind,  mit denen bloße Einbil-dung, Suggestion und Manipu­lation sie umkleidet hatte.

 

Wir können nun auch Antwort geben auf die alte Pilatus-Frage. Er hatte natürlich vollkommen recht mit seiner Skepsis gegen­über all den religiös, moralisch, ideologisch begründeten Glau­bensmeinungen.  Deren Wahrheit, d.h. eine hinter ihnen ste­hende reale Wirklichkeit, ist heute noch, wie zur Zeit des Pi­latus, unbeweisbar.  Aber daraus folgt nun keineswegs ein Nihi­lismus und schon gar nicht als praktischer Ausweg jene Art von "Rechts-positivismus", die einfach eine herrschende Gewalt


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bestimmen lassen will, was "wahr" und "Recht" sein soll. Denn eben das ist praktizierter Nihilismus!

 

Während nicht übersehen werden darf, daß gerade die Fest­stellung des illusionären Charakters und der Unbe-weisbar­keit aller bisherigen Sollensregeln eine Tatsachen-Feststellung aus dem Bereich unserer Erfahrungs-wirklich­keit und damit eine Wahrheit (wenn auch nur eine re­lative, im Hinblick auf die Begrenztheit unserer Erkenntnis­möglichkeiten) im Sinne der Pilatusfrage ist!

 

Max Weber hat es bereits deutlich ausgesprochen, freilich ohne daraus die notwendigen Konsequenzen zu zie-hen:

"Die Erkenntnis, daß, warum und worüber man sich nicht einigen kann, ist eine Wahrheits-Erkenntnis".

 

Die neue Fragestellung und die unausweichbare Alternative

 

In der Wissenschaft ist es oft eine neue Fragestellung, die weiterführende Erkenntnisse bringt.  Bisher hatte man immer nur gefragt:  Was ist unsere Bestimmung?  Was sollen wir? -   Solche Fragestellung ging bereits von der Voraus­setzung einer "höheren" Bestimmung, eines über den Men­schen schwebenden vorgegebenen Sollens aus; die Antworten mußten sich daher zwangsläufig im circulus vitiosus dieser willkürlichen, weil unbeweisbaren Voraussetzung bewegen und konnten nur phantasievolle Hypothesen, gefolgert aus hy­pothe-tischen Voraussetzungen, sein,  Glauben an Stelle von Wissen. Was aber dabei herauskommt, wenn man auf Glau­ben, statt auf beweisbares Wissen, gestützte Forderun­gen anderen gegenüber gewaltsam durchsetzt, ha-ben wir bereits gesehen: aggressive Gewalt, Faustrecht.

 

Mit dieser scheinheiligen oder gutgläubigen Rechtfertigung der aggressiven Gewalt im Namen der hehrsten Ideale muß nunmehr endlich Schluß gemacht werden!  Wo Wissen vorhan­den oder erlangbar ist, muß Glauben dem Wissen weichen.  Denn die Stützung von Forderungen und Ansprüchen gegen an­dere auf bloße Glaubens-überzeugungen muß zu unlösbaren

 

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Konflikten führen.  Solche Haltung bedeutet zugleich einen uneingestandenen oder zumindest unbewußt prak-tizier­ten Nihilismus.  Denn wer weiß, oder wissen muß, daß die "Begründung" seines Handelns unstichhältig ist,  weil sie sich nur auf geglaubte Annahmen oder einen angenommenen Glau­ben statt auf beweisbares Wis-sen stützt, der leugnet damit, daß es ein solches beweisbares Wissen als festes Fundament für die Gestaltung der Beziehungen von Mensch zu Mensch gibt.

 

Wissenschaftlich beweisbare Tatsache ist, daß alle bisher geltend gemachten "göttlichen", "ethischen", "sitt-lichen", "moralischen", "natürlichen" und sonstigen "höheren" Gebo­te, alle ideologischen Forderungen als objektiv geltend unbe­weisbar sind, weil wir Maßstäbe nur für das, was ist, nicht  aber für das, was angeblich sein "soll", haben. Natürlich stand eine Unzahl solcher Gebote in zeitlich oder örtlich verschiedener Geltung, solange man sie glaubend ak­zeptierte, oder ihnen mit Gewalt Nachdruck verschafft wur­de;  nicht, daß sie in dieser Weise "Geltung" hatten, sondern darauf, ob sie eine vom Glauben an sie und von ihrer gewalt­samen Realisierung unabhängige Existenz an sich ha­ben, kommt es an. Übrigens ist ein Großteil der "Moral-Ge­bote" in faktischer Geltung nicht als "höheres" Gebot, sondern als echtes Recht, nämlich als stillschweigendes Ver-trags-Recht, resultierend aus übereinstimmenden Interessen. Man­gels eines Maßstabes für die Existenz objektiv vorgegebener "höherer" Gebote, hinter denen sich immer nur subjektive Wünsche, willkürliche Forderungen, Agitation und Propagan­da verbergen, steht jedenfalls bei unvoreingenommener Be­trachtung der Mensch dem Menschen zunächst rechtlos und pflichtenlos gegenüber (wobei, wie oben schon erwähnt, dies "rechtlos" kei-neswegs bedeutet, daß man mit ihm nach Will­kür verfahren soll oder dürfe). Diese Erkenntnis vereinfacht sehr die Entscheidung für das praktische Handeln.

 

Eine neue Fragestellung vermeidet jene Sackgassen des Den­kens, die aus der Verwechslung subjektiver Wer-tungen mit ab­soluten Werten entstehen und jene anderen, die aus der an sich durchaus logischen Weiterent-wicklung einer gedanklichen Vor­stellung oder eines Glaubenssatzes entstehen, wenn jene keine andere "Wirklichkeit" haben, als die in einem Kopf oder mehreren.


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Sie lautet ganz einfach: Du trittst mit diesem oder jenem An­spruch an mich heran, oder auch mit mehreren zugleich - und dabei ist es ganz gleichgültig, ob Du ein Einzelner oder Angehöriger einer Gruppe bist, die als solche ein "höheres Recht" beansprucht.  Ich unterstelle Dir durchaus ehrliche Überzeugung von Deinem "Recht", das Du mir gegenüber gel­tend machst.  Da ich jedoch nur solche Rechte und Pflichten anerkennen kann,  die aus freiwillig geschlossenen Verträgen herrühren (und als solche beweisbar sind), und es nur zu Be­griffsverwirrung führt, wenn man daneben noch von "Rech­ten" und "Pflichten" anderer Art spricht, erkläre mir bitte, was Du unter jenen verstehst, wie Du beweisen willst, daß jene überhaupt existieren, und falls sie exis-tieren sollten, woher Du die Legitimation nimmst, sie richtig auszulegen. Insbesondere hast Du die Beweislast dafür, woraufhin Du für Dich oder Deine Gruppe mehr Freiheit, als Du mir zubilligen willst, d.h. also ein Mehr für Dich oder Euch auf meine Ko­sten, beanspruchst.

 

Denn dies ist der springende Punkt: da es keine anderen beweisbaren Rechte und Pflichten gibt und geben kann, als solche, die aus freiwillig abgeschlossenen Vereinbarungen herrühren, gibt es nur zwei mögliche Ver-haltensweisen gegen­über anderen Menschen. Man kann sich mit diesen entweder durch Vereinbarungen zu ver-ständigen suchen, oder aber man kann ihnen mit aggressiver Gewalt, d.h. mit dem Faustrecht, entgegentreten. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Mög­lichkeiten ist eine unausweichbare Alterna­tive!

(J.Z.: Unausweichbare Wahl? Leider weichen viele Leute einer Entscheidung über entgegensetzliche Mei-nungen, die sie in ihren Köpfen haben, jahrelang und oft auch lebenslang ganz erfolgreich aus! Nur wenn sie in aller Öffentlichkeit darüber befragt werden, könnten sie einer solchen Entscheidung nicht mehr so leicht ausweichen, wie sie es gewöhnlich tun. J.Z., 7.4.04.)

 

Entscheidet man sich aber für die Verständigung,  so muß man, ebenso unausweichlich, bei der Anerkennung des Grundsatzes der gleichen Freiheit Aller landen. Denn auf die Dauer wird niemand damit zufrieden sein, daß andere Einzelne oder Grup­pen gegen seinen Willen ein Mehr an Freiheit für sich, und dies auf seine Kosten, beanspruchen.  Der Zustand der gleichen Freiheit Aller - dessen Konsequenzen im einzelnen noch genau erläutert werden - ist daher der einzige Dauer-zustand einer Gesellschaftsordnung, der möglich ist.

 

Was unter diesem Zustand zu verstehen ist, schließt einerseits alle Ungleichheiten durch natürliche Anlagen und erworbene Fä-

 

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higkeiten, sowie durch erbrachte Leistungen, anderseits aber auch alle freiwilligen Einschränkungen eigener Hand­lungsfreiheit zugunsten anderer ein.  Die gleiche Freiheit Aller ist identisch mit Herrschaftslosigkeit, d.h. mit Verpönung der aggressiven Gewalt und des Faustrechts.

Wo eine Beschneidung der gleichen Freiheit von  Einzelnen oder Gruppen gegen deren Willen zugunsten an-derer erfolgt, liegt also eine Aggression vor, eine Faustrechtshandlung.

Diese   führt selbstverständlich zu Gegenaktionen, die sich auf reine Defensive,  also Verteidigung der Grenze der gleichen Freiheit,  beschränken,  oder aber auch in eine Gegen-Aggression um­schlagen können;  dabei ist natürlich eine Wiedergutmachungs-Er­zwingung des durch den Aggressor angerichteten Schadens nicht als Ag-gressionshandlung des Angegriffenen zu werten.

 

Hierbei zeigt sich Vorteil und Notwendigkeit einer Begriffsklä­rung, wie sie von John Henry Mackay hinsicht-lich der Begriffe Freiheit und Gewalt vorgenommen wurde. Während man bisher unter Freiheit meist nur "Frei-heiten" verstand, die in der Re­gel auf Kosten gleicher Freiheit der anderen gingen, machte Mackay deutlich, daß kein Zustand der Freiheit besteht, solange jemand ein Mehr an Freiheit auf Kosten gleicher Freiheit irgend eines anderen gegen dessen Willen hat. Wirkliche Freiheit kann daher nichts anderes sein als die gleiche Frei-heit Aller. Und da zum Wesen der Gewalt der Angriff gehört, ist es ein begriffs­verwirrender Unfug, wenn man Abwehr von Gewalt, d.h. Defen­sivhandlungen auch mit physischen Mitteln, ebenfalls als Gewalt bezeichnet. Aggression und Defensive müssen klar auseinander gehalten werden.

 

Gegenüber den bisherigen Schwierigkeiten, den Aggressionsfall genau zu bestimmen, wird dies nunmehr höchst einfach:  er liegt dann vor, wenn die Grenze der gleichen Freiheit Aller zu dem Zweck überschritten wird, die eigene Freiheit (oder die der ei­genen Gruppe) auf Kosten der gleichen Freiheit des Angegriffe­nen ohne dessen Zustimmung zu erweitern.

 

Hier gibt es kein Ausweichen mehr, keine schwindelhafte Ver­hüllung und auch keinen Selbstbetrug. Wer ag-gressive Gewalt für seine Ziele gebraucht, muß künftig wissen, daß er es tut, auch wenn er die Unkennt-lichmachung dieser aggressiven Ge­walt mittels angeblicher "Rechte" und "höherer" Gebote bis-

 

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her meisterhaft beherrscht hat oder ihr selbst zum Opfer ge­fallen ist.

 

Jede noch so idealistisch "begründete" oder durch ein angeb­lich "Höheres" gerechtfertigte Verletzung der glei-chen Frei­heit Aller, jeder Versuch, auf Kosten der Freiheit anderer sich selbst das Privileg eines Mehrs an eige-ner Freiheit zu verschaffen oder aufrechtzuerhalten,  jede aggressive Gewalt­anwendung zu diesem Zweck muß künftig ohne jede Bemänte­lung oder Entschuldigung als nichts anderes denn als aggres­sive Gewalt bezeichnet werden!

 

Anstelle der bisherigen zahllosen Willkür-Maßstäbe von sub­jektiven  Wertungen und eingebildeten oder zu-mindest nicht beweisbaren "Rechten" gibt es dann nur noch einen und zwar objektiven Maßstab, der aus der Entscheidung zwischen dem Faustrecht, der aggressiven Gewalt auf der ei­nen, und der Achtung der Grenze der gleichen Freiheit Aller auf der anderen Seite resultiert.

 

Nicht nötig ist es, letzteres nun zu einer neuen Moral in dem Sinne machen zu wollen, daß man ihr den Cha-rakter eines "hö­heren" Gebots andichtet. Die Entscheidung für die Achtung der Grenze der gleichen Freiheit Aller ergibt sich aus dem klaren, übereinstimmenden Interesse, ja Bedürfnis, der ganz überwiegenden Mehrheit an einem objektiven Verhaltensmaßstab,  der allein den Frieden sichern kann.  Dem Defensiv-Bündnis dieser erdrückenden Mehrheit gegenüber,  die sich durch stillschweigenden oder ausdrücklichen Vertrag auf gegen-seitige Achtung der gleichen Freiheit Aller geeinigt hat,  was identisch ist mit Verpönung der aggressiven Ge-walt (und natürlich deren Abwehr mit defensiven Mitteln nicht ausschließt),  kann die win­zige Minderheit, die sich offen zu aggressiver Gewalt und zum Faustrecht zu bekennen wagt, sowie die größere Minder­heit, die bis-her das tatsächlich praktizierte Faustrecht teils bewußt, teils unbewußt mit rechtfertigenden Phrasen verhüllte und künftig nun sich offen zur aggressiven Gewalt und zum Faustrecht bekennen,  oder aber ebenfalls darauf verzich­ten muß,  nichts mehr anhaben.

Denn die erdrückende Mehrheit, in ihrem Friedens- und Nichtaggressionswillen schon immer einig, war bisher verwirrt, ge­spalten und daher aktionsunfähig eben wegen des Mangels an

 

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einem objektiven Maßstab, der von jedem gesunden Menschen­verstand anerkannt werden muß.

 

Auf subjektive Wertungen und religiöse oder ideologische Glau­bensmeinungen braucht man auch künftig   nicht zu verzich­ten.  Man muß sich nur dessen bewußt bleiben,  daß es sich um subjektive Wertungen handelt, denen andere,  ebenso subjektive,  und um Glauben, nicht um beweisbares Wissen handelt, dem gleichberech-tigte, weil ebensowenig begründbare, Glaubens­meinungen gegenüberstehen.  Diese Erkenntnis ist eine beweis­bare Tatsache aus dem Bereich der Erfahrungswirklich­keit und daher von objektiver Geltung!

Die Schlußfolgerung aus dieser Tatsache, die Entscheidung für oder gegen das Faustrecht und die aggressive Gewalt, steht freilich jedermann frei.

Unter denen, die sich gegen letztere und für die gleiche Freiheit Aller entscheiden,  kann es dann aber nur noch seltene,  gelegent­liche Differenzen wegen deren Grenze geben.  Denn es läßt sich stets objektiv und eindeutig feststellen,  wie mit einer Waage,  ob in Bezug auf einen bestimmten Sachverhalt jemandes Freiheit größer ist als die eines anderen, und ob dieses Mehr zugleich auf dessen Kosten geht. Ebenso läßt sich in jedem Einzel-fall konkret feststellen, ob die Grenze der gleichen Freiheit Aller durch aggressive Gewalt, oder aber mit Billigung des Betroffe­nen überschritten wird!

Weil bei der gleichen Freiheit Aller es sich um einen Maßstab in der Sphäre des Seins, nicht des Sollens han-delt, also um einen der Erfahrungswirklichkeit, ist auch eine objektive Entscheidung in jedem konkreten Ein-zelfall möglich.

 

Wer sich für die aggressive Gewalt und das Faustrecht entschei­det, dem braucht daraus kein moralischer Vor-wurf gemacht zu werden; er muß nur die Folgen tragen, die aus der defensiven Abwehr und dem Wiedergut-machungsanspruch resultieren,  welch letzterer auch die Kosten einer vorbeugenden Defensivorganisa­tion ein-schließt. Und schon gar nicht geschieht dem, der das Faustrecht proklamiert, Unrecht - und er kann sich auch nicht beklagen -, wenn ihm mit gleicher Münze heimgezahlt wird, die er einzig gelten lassen will.

 

Hieran wird auch deutlich, wieviel umfassender und exakter der Begriff der gleichen Freiheit Aller gegenüber dem der "gleichen

 

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Rechte Aller" ist. Unter denen, die sich auf die gegenseitige Achtung der gleichen Freiheit geeinigt haben, ist dies zugleich echtes Vertrags-Recht.

Man kann durchaus auch auf dieser Basis, in Konkretisierung einzelner Tatbestände, die sich im Rahmen der gleichen Frei­heit Aller halten, Menschen-Rechte formulieren, die dann als Vertragsangebot an alle gelten, die es annehmen wollen, und die natürlich auch ohne solche Akzeptierung gegen diejenigen verteidigt werden kön-nen und sollen, die sich für das Faust­recht entscheiden.

"Rechte" aber, die nicht durch freiwillige Verträge entstan­den, sondern als "sein sollend" aus subjektiven Wer-tungen und Wunschträumen geschöpft wurden, blieben stets unklar, wi­dersprüchlich und gegensätzlich, eine Quelle dauernden Haders, wobei eine Einigung ausgeschlossen war.

Selbst wo "gleiches Recht" in Bezug auf einen bestimmten Ge­genstand oder eine bestimmte Handlung gefor-dert oder zuge­standen wird, wie es z.B. für die einzelnen Staatsbürger gegen­über dem Gesetz gilt (wobei an den bereits zitierten Aus spruch von Anatol France erinnert sei), haben diese gegenüber den Re­präsentanten der Ideologie "Staat"  (der Staat ist natürlich in erster Linie eine Organisation aggressiver Gewalt, die sich je­doch hinter einer bemäntelnden Ideologie versteckt) durchaus kein  gleiches Recht und keine gleiche Freiheit, son-dern sind, bei sehr eingeschränkten Einzelrechten, deren Herrschaft unterworfen. Den gleichen Anspruch auf Un­terwerfung erheben die selbsternannten Repräsentanten ande­rer Ideologien und Abstraktionen, wie z.B. auch der "Gesell­schaft". Bei angeblich "gleichen Rechten" tauchen auch immer wieder noch "höhere Rechte" auf, über deren angebliche Vorrangigkeit bis ins Unendliche gestritten werden kann, weil das alles ein Schatten-boxen von Phantasiegebilden ist.

 

In der französischen Verfassung von 1791, die von "natürli­chen, geheiligten Menschenrechten" ausging, war definiert: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem andern nicht schadet". Das war noch eine praktisch wenig brauchbare Definition;  denn ob etwas nützt oder schadet, dar­über können die Auffassungen sehr auseinander gehen, weil dies auf subjektiv sehr verschiedenen Wertungen beruht. Vor allem gibt es Leute, die andere dahingehend bevormunden wollen, was nach ihrer Meinung zu deren Besten sei. Ob

 

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aber jemand als Einzelner oder Angehöriger einer Gruppe in einem konkreten Fall mehr Freiheit beansprucht als ein anderer Einzelner oder eine Gruppe, und dies auf deren Ko­sten - indem er z.B.  sich anmaßt, ein Privileg oder Mono­pol für sich zu fordern - , das läßt sich meist auf den ersten Blick und in jedem Fall eindeutig ent-scheiden.

 

Der  zunächst vielleicht allzu abstrakt erscheinende Begriff der gleichen Freiheit Aller,  der identisch ist mit dem Ver­zicht auf aggressive Gewalt (nicht mit dem Verzicht auf De­fensive gegen solche!) und mit dem Ver-zicht auf Herr­schaft über andere (nicht mit dem Verzicht auf Zwang zur Einhaltung der Grenze der gleichen Freiheit Aller!), erweist sich also als unerwartete Lösung eines bisher als unlösbar erscheinenden Problems;   während bisher die ein­ander widerstreitenden Rechtsbegriffe und Sollenslehren (religiöse und ideologische)   zu einer dauernden Konfronta­tion und einem chaotischen Zustand führten, in dem letzten Endes immer nur das Faustrecht - eine Zeitlang - Sieger blieb,  kein offen erklärtes Faustrecht jedoch,  sondern ei­nes, das sich scham-haft unter dem Mäntelchen eines "Gebots" oder "Rechts" verbarg,  ist nunmehr offenbar gewor­den, daß alle diese "Gebote", "Rechte" und Ansprüche son­stiger Art in ihrem angeblich verpflichtenden Charakter un­beweis-bar und daher von reinen Phantasiegebilden und bloß subjektiven Wünschen nicht zu unterscheiden sind. Zugleich aber ist offenbar geworden, daß diese Erkenntnis keinen Mangel und Verlust, sondern ganz im Gegen-teil den Gewinn des so lange an ganz falscher Stelle, im Sollensbereich,  statt im Seinsbereich der Erfahrungs-wirklichkeit,  ge­suchten Maßstabes bedeutet,  der von jedermann anerkannt werden muß.

 

Hiermit ist nicht gemeint, daß die Entscheidung für die Ach­tung der Grenze der gleichen Freiheit Aller nun ein Vernunft-"Gebot" in dem Sinne sei, wie man bisher angebliche "Ver­nunft-Gebote" aufstellte,  und daß daher jedermann dieser übergeordneten Vernunft sich beugen müsse; dies wäre nur eine Begründung der bisher üb-lichen Art.  Nein, man kann es ruhig der eigenen Vernunft jedes Einzelnen überlassen, für welche Alternative er sich entscheiden will: für die ag­gressive Gewalt und das Faustrecht, oder für den Grundsatz

 

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der gleichen Freiheit Aller.  In beiden Fällen liegt ein klarer Maßstab vor, nach welchem das betreffende Han-deln der einen oder anderen Entscheidung zugeordnet werden kann - ein objek­tiver Maßstab, über den es kei-nen Streit mehr geben kann.

 

Denn ob jemand in seinem Verhältnis zu anderen Menschen sich auf ein beweisbares Recht berufen kann, oder, soweit eine ver­tragliche Regelung nicht vorliegt,  sich verständigungsgewillt zeigt,  ohne irgendwelche Privi-legien oder Monopole zu bean­spruchen, oder aber ob er sich auf das Faustrecht berufen und zu aggressiver Gewalt greifen will, - das ist stets offensicht­lich.  Da anderseits die Verpönung der aggressiven Gewalt und des Faustrechts und die Entscheidung für die Verständigung denknotwendig zum Grundsatz der gleichen Freiheit Aller führt,  läßt sich in jedem Einzelfall auch feststellen,  ob ein Zustand be­steht,  in dem diese gewahrt ist, oder ob jemand seinen eigenen Freiheitsbereich zu Lasten des gleichen Freiheitsbereichs an­derer  gegen deren Willen) erweitert hat oder erweitern will.

 

Mit einem einzigen Satz also:

 

Weil die Unbeweisbarkeit der Existenz   religiöser oder ideologischer, d.h. überhaupt vor­gegebener Sollens regeln ein beweisbares Faktum ist und die daraus sich ergebende unausweichbare Alternative zwischen Faustrecht und Verständigung praktisch bei der erdrücken­den Mehrheit aller Menschen,  zumindest der zivilisierten, zu einer Entscheidung für letztere führt, und diese dann logischerweise zur Anerkennung des Grundsatzes der gleichen Freiheit Aller, ist dieser Grundsatz die endlich gefundene Basis und zugleich der sichere Maßstab, der auf allgemeine, nahezu totale Anerkennung rechnen kann und aus dem bisherigen Chaos und den sinnlosen Dauerkämpfen hinausführt.

 

Dies umsomehr, als der Grundsatz der gleichen Freiheit Al­ler allen religiösen,  ideologischen und sonstigen Welt­anschauungsgruppen keinen Verzicht auf ihre (unbeweisbaren hinsichtlich ihrer Richtigkeit) Überzeu-gungen abverlangt, son­dern ihnen deren weitgehendste Praktizierung gestattet - bis zu jener Grenze, wo solche Praktizierung ein Mehr an Frei­heit auf Kosten anderer (und gegen deren Willen) beanspru­chen würde. Denn damit gewinnen sie für ihre eigenen An­schauungen und deren Praktizierung jene Sicherheit und Un­angreif-barkeit, die daraus resultiert, daß auch alle anderen

 

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ihre entgegengesetzten Anschauungen nur bis zur objektiven Grenze der gleichen Freiheit Aller praktizieren und somit auf aggressive Eingriffe verzichten.  Die geringe Zahl der offenen Faustrechtsanhänger spielt dabei keine Rolle,  weil ihnen das vereinte Interesse aller anderen entgegensteht.

 

Während bisher durchaus gutwillige und anständige Menschen mangels eines allgemein anerkannten Maß-stabes in zahllose, sich ebenso erbittert wie sinnlos bekriegende Gruppen solcher zerspalten waren,  von denen jede guten Glaubens ihre eigene (hinsichtlich objektiver Verbindlichkeit unbeweisbare) Sollensregel zum allgemein anerkannten Gesetz zu machen versuch­te, können - ja  müssen - sich nunmehr alle anständigen Men-schen, die guten Willens sind, zur gemeinsamen Vertei­digung des Grundsatzes der gleichen Freiheit Aller im jeweils eigenen Interesse zusammenschließen. Die diesbezüglichen Or­ganisationen, auf Freiwilligkeit beru-hend,  werden an die Stel­le der auf Unfreiwilligkeit der Zugehörigkeit und auf Ungleich­heit der Freiheit beru-henden bisherigen Staaten treten.

 

Der Zustand der gleichen Freiheit Aller ist gleichbedeutend mit Herrschaftslosigkeit und einen solchen bezeich-net das Wort Anarchie im eigentlichen Wortsinn. Dazu sagte auch Goethe:

 

            "Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so wohl gefällt - ?

            Ein jeder lebt nach seinem Sinn - das ist nun also auch mein Gewinn!

            Ich laß einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben."

 

Jeweils" im Rahmen der gleichen Freiheit Aller - das wäre hierbei noch zu ergänzen.

 

Zu viel behauptet - zu viel verlangt?

 

Es wäre gewiß zu viel verlangt, wollte man erwarten, daß nun jeder nach der Lektüre des Vorstehenden oder beim ersten Anhören des Dargelegten darin sofort etwas Ähnli­ches wie den "Stein der Weisen", oder auch nur eine Fest-

 

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Stellung sieht, die geeignet ist, sein und unser aller Leben, die gesamten Verhältnisse, tiefgreifend zu verän-dern.

Dem steht schon das Beharrungsvermögen der gewohnten Denkformen entgegen, die in dem hier Behandelten ja nicht einmal überhaupt ein Problem, geschweige denn das wohl bedeutsamste der ganzen bisherigen Menschheitsge­schichte, und zumal unserer Gegenwart, gesehen haben.  Dementsprechend war auch das bishe-rige Interesse an einer Lösung dieses Problems gleich Null.

 

Die Menschen haben es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Maßnahmen ohne viel Rücksicht auf deren grund-sätzliche und dauerhafte Gültigkeit und Zweckmäßigkeit zu begründen und zu rechtfertigen.

Wenn sie dann auf jemand stoßen, der eine so anspruchsvol­le Behauptung wie hier aufstellt, regt sich zunächst der Ver­dacht, man habe es mit einem Geltungssüchtigen zu tun, der gewaltig übertreibe, und zumindest unter-liege er jener Selbst­täuschung, der auch alle bisherigen Urheber von Sollensregeln, Ethiken und Moralsyste-men,  sowie von Ideologien und Religionen verfallen waren, die durch ihre eigene Faszi­nation zu der Annahme verführt wurden, auch alle anderen - alle diese so unendlich verschieden denkenden und empfinden­den Men-schen - müßten ihre Begeisterung teilen.  Während doch die tägliche Erfahrung lehrt, daß ganz abgese­hen von den rassischen, klimatischen, entwicklungsgeschicht­lich bedingten kulturellen und zivilisatorischen Mentali-täts­unterschieden,  es selbst innerhalb der homogensten Volks­gruppe enorme Unterschiede des Denkens, Emp-findens und der subjektiven Wertungen gibt.

 

Dazu kommt noch eine psychologische Tatsache, welche die Akzeptierung des hier Dargelegten erschwert.  Der bereits erwähnte Prof. James Harvey Robinson sagt:

"Manche Sinnesänderung vollziehen wir ohne jeden Wider­stand oder große Erregung, aber wenn uns einer sagt, wir hätten unrecht,  dann nehmen wir diese Beschuldigung übel und verhärten unsere Herzen.  In der Bildung unserer Glau­benssätze sind wir unsäglich bedenkenlos, aber wir setzen uns leidenschaftlich für sie ein, wenn es jemand einfällt, sie uns nehmen zu wollen. Es ist offensichtlich, daß nicht die Ideen als solche uns so teuer sind, sondern unsere Eitelkeit, die bedroht wird. Wir sind von Natur aus hartnäckig darauf

 

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bedacht, unser Eigenstes gegen Angriffe zu verteidigen, ob es sich nun um unsere Persönlichkeit, unsere Fam-lie, un­ser Eigentum oder unsere Ansichten handelt. ... Nur wenige nehmen sich die Mühe,  den Ursprung unse-rer liebgeworde­nen Überzeugungen zu untersuchen;  tatsächlich haben wir von Natur aus einen Widerwillen,  es zu tun.  Lieber fahren wir fort, was wir gewöhnt sind, für wahr zu halten.  Der Wi­derwille,  der sich regt, wenn die Richtigkeit irgendeiner un­serer Überzeugungen in Zweifel gezogen wird,  führt uns da­hin,  jede Art von Rechtfertigung dafür zu suchen,  weiterhin an ihnen festhalten zu können.  Das Ergebnis ist,  daß unser sogenanntes Überlegen meistens darin besteht,  Rechtferti­gungsgründe ausfindig zu machen,  um dasselbe wie bisher weiter zu glauben."

Robinson sagt weiter:

"Der Baptisten-Missionar ist gern be­reit einzusehen,  daß der Buddhist nicht deshalb Buddhist ist,  weil seine Lehren einer sorgfältigen Prüfung standhal­ten,  sondern weil er in einer buddhistischen Familie in Tokio gebo-ren wurde.  Aber es wäre Verrat an seinem Glauben, wenn dieser Missionar zugeben würde,  daß seine eigene Vorliebe für gewisse Lehren der Tatsache zuzuschrei­ben ist,  daß seine Mutter Mitglied der Baptistenkirche zu

Oak Ridge war. ... Die 'wirklichen' Gründe für unsere Überzeugungen werden von uns ebenso wie von den an-deren verheimlicht.  Während wir heranwachsen,  übernehmen wir in bezug auf Religion,  Familienleben, Eigentum, Geschäft, Vaterland und Staat einfach die Ideen,  die uns entgegenge­bracht werden.  Ohne uns des-sen bewußt zu werden,  über­nehmen wir sie von unserer Umgebung,  sie werden uns von der Umwelt, in der sich unser Leben zufällig abspielt, stän­dig ins Ohr geflüstert.  Überdies haben, wie Trotter ausge­führt hat, diese Urteile als Produkt der Beeinflussung und nicht des Nachdenkens den Charakter absoluter Sicherheit,  so daß sie in Frage stellen für den Gläubigen so viel bedeu­tet, wie den Skeptizismus krankhaft übertreiben.  Ein sol-ches Verhalten wird allgemein auf Verachtung,  Mißbilligung oder Verurteilung stoßen,  je nach der Natur der in Frage gestell­ten Glaubenssätze. ... Diese unmittelbare und treuherzige Ver­teidigung unserer vorgefaßten Meinungen - diesen Vorgang des Erfindens 'guter' Gründe, um unsere gewohnten Überzeugun­gen zu recht-fertigen - kennt der moderne Psychologe als ' Ra­tionalisieren'  - ersichtlich nur ein neuer Name für eine sehr

 

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alte Sache. Gewöhnlich haben unsere 'guten' Gründe keiner­lei Wert für die Förderung ehrlicher Aufklärung, weil, gleich­viel wie feierlich sie vorgebracht sein mögen, sie im Grunde der Effekt persönlicher Vorliebe oder Vorurteile sind und nicht das Ergebnis des ehrlichen Verlangens, neues Wissen zu suchen oder anzunehmen."

 

Gegen den hier unternommenen Versuch, erstmalig eine Grundregel für das Verhalten von Mensch zu Mensch nicht, wie bisher, auf Glaubenssätze und subjektive Wertungen, son­dern auf beweisbare Tatsachen zu stützen, die von jedermann anerkannt werden müssen, und zugleich einen objekti­ven Maßstab für das Verhalten zu bieten, wurde zunächst eingewendet, daß es sich dabei um ein Axiom handle, dessen Geltung eben bestritten werde.

Nun ist ein Axiom definiert als unbestreitbarer,  keines Bewei­ses bedürftiger Grundsatz und als solcher sind bisher zumeist jene religiösen, moralischen, ideologischen Glaubenssätze auf­getreten, auf die sich bis heute das Verhalten von Mensch zu Mensch vorwiegend stützt.

Eben deswegen, d.h. wegen der offenbaren Folgen dieses Ver­haltens, das zu unendlichem Blutvergießen, Vernichtung enor­mer Werte, Zeit- und Kraftvergeudung, Unterdrückung und Not, sowie Unzufriedenheit mit dem Bestehenden geführt hat, mußte ja nach beweisbaren, allgemein anerkannten Tatsachen als Ausgangspunkt für eine neue Grundregel gesucht werden.

 

Eine solche Tatsache ist die Feststellung, daß zivilisierte Gerichte - und zwar aus guten Gründen - solche Forderungen und Ansprüche abweisen, für deren Berechtigung keine Bewei­se vorgelegt werden können; und daß sie konsequenterweise diejenigen als aggressive Gewalttäter behandeln, die trotzdem solche Ansprüche durchzusetzen versuchen, mögen jene auch noch so überzeugt von ihrem vermeintlichen "Recht" sein, oder mögen sie möglicherweise auch ein tatsächliches, nur eben nicht beweisbares,  Recht haben.  Daß solches Ver­halten nicht nur bei sogenannten zivilrechtlichen, sondern bei allen Streitigkeiten angebracht ist, bei denen unbe­weisbare Forderungen und Ansprüche erhoben werden, dürfte unter Vernünftigen keinem Zweifel unter-liegen. Daraus ergibt sich zunächst einmal die Kennzeichnung desjenigen, der ein unbeweisbares "Recht" ge-waltsam durchsetzt, als Aggressor.

 

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Jene neue Denkungsart, die Einstein für notwendig erklärte, muß also davon ausgehen, den Betreffenden als Anhänger der aggressiven Gewalt und des Faustrechts zu erkennen und zu kennzeichnen.

 

Eine zweite beweisbare Tatsache ist, daß für alle auf religiöse, moralische, ideologische Glaubenssätze gestütz-ten Forderungen und  Ansprüche eine Beweisführung ihrer gene­rellen Verbindlichkeit grundsätzlich unmöglich ist. Denn es gibt keine Maßstäbe, mit denen die Existenz oder Berechti­gung eines Sollens gemessen werden kann; es gibt nur begrenzte - Seins-Maßstäbe unserer Erfahrungswirk­lichkeit. Und alle faktische - zeitlich oder örtlich begrenzte - Geltung religiöser, moralischer, ideologischer Glaubens­sätze stützt sich entweder auf Ver-einbarung, d.h. freiwillige Anerkennung oder aber war aufgezwungen durch Herrschafts­macht.  Damit ist nichts gesagt gegen jene Glaubenssätze an sich, ohne welche die Menschheit gegenüber der Begrenztheit ihres Wis-sens offenbar nicht auskommen kann, sehr viel je­doch gegen Forderungen und Ansprüche, die sich auf solche Glaubenssätze stützen und dabei über die Grenze der gleichen Freiheit Aller hinausgehen, gegen den Willen der Betroffenen.

 

Bei den beiden vorstehenden handelt es sich also nicht um Axiome, sondern um beweisbare Tatsachen. Eine solche ist aber auch die dritte Feststellung:  mangels vorgegebener, in ihrer Verbindlichkeit klar beweisbarer Regeln für das Ver­halten von Mensch zu Mensch gibt es nur die unausweichbare Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten: entweder kann man das eigene Wollen, so weitgehend wie möglich, dem anderen aufzuzwingen versuchen und entscheidet sich damit für die ag­gressive Gewalt und das Faustrecht; oder aber man entschei­det sich gegen die aggressive Gewalt und das Faustrecht und damit grundsätzlich für eine - auf stillschweigende oder aus­drückliche Vereinbarung gestützte - Verständigung mit al­len anderen.

 

Wer nun die aggressive Gewalt und das Faustrecht wählt, kann sich gewiß nicht beklagen, wenn die Angegrif-fenen sich darauf beschränken, lediglich die Grenze der gleichen Freiheit Aller ihm gegenüber zu verteidigen. Er könnte sich nicht einmal dann beklagen, wenn sie sich nicht auf die Verteidigung dieser Grenze beschrän-kten, sondern sie schließlich ihm gegenüber

 

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offensiv und aggressiv überschreiten würden; denn das wäre ja eben jene Verhaltensweise, die er selber für richtig hält.

 

Diejenigen aber, welche sich gegen die aggressive Gewalt und das Faustrecht und für die Verständigung ent-scheiden, müssen mit unausweichlicher Logik zum Grundsatz und Maßstab der gleichen Freiheit Aller kom-men. Denn weil niemand auf die Dauer damit einverstanden sein wird, daß ein anderer auf seine Kosten und gegen seinen Willen ein Mehr an Frei­heit für sich beansprucht, ist eine allgemeine Einigung nur auf der Basis der gleichen Freiheit Aller möglich. Zwar kann vorübergehend jemand durchaus freiwillig seine eigene Freiheit zugunsten der eines anderen einschränken; aber solche F reiwilligkeit berührt, wie bereits erwähnt, jenen Grundsatz nicht, der ja als Maßstab gerade in dem Fall dienen soll, daß die Betreffenden sich über die gegen-seitige Abgrenzung der Freiheitssphäre nicht einig sind.

 

Der Grundsatz der gleichen Freiheit Aller ist also kein Axiom, sondern das Ergebnis einer Wahl zwischen zwei Möglich­keiten aufgrund der dargestellten drei beweisbaren Tatsachen; wobei weder die Entscheidung für sie als neue "Moral" in den Himmel gehoben zu werden braucht (das ist ganz überflüs­sig), noch die Entscheidung für das Faustrecht und die aggres­sive Gewalt als "unmoralisch" verteufelt zu werden braucht (es genügt, daß die Betreffenden entsprechend behandelt wer­den, und zwar, gemäß ihrer Gefährlichkeit, umso konsequen­ter, je mehr sie sich auf ihre "heilige Überzeugung" von ihrem "Recht" berufen).

 

Daß es sich beim Grundsatz der gleichen Freiheit Aller um ei­nen objektiven Maßstab handle, ist mit dem Ar-gument bestritten worden, daß es überhaupt keine "objektiven" Maß­stäbe gäbe, weil jeder Maßstab von einem Menschen angelegt und deshalb grundsätzlich subjektiv sei. Hier liegt offenbar eine Verwechslung von "obje-ktiv" mit "absolut" vor. Natürlich sind alle menschlichen Maßstäbe keine absoluten, sondern nur relative; das hat jedoch nichts mit ihrer Objektivität zu tun. Ebenso natürlich ist, daß in einem Streitfall wegen der Grenze der gleichen Freiheit die beiden Streitteile die Sache parteiisch, jeweils von ihrem subjektiven Standpunkt aus sehen werden und daher einer neutralen Instanz zur objektiven Entscheidung be-

 

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dürfen. Daß aber auch eine neutrale Instanz in keinem Falle eine objektive Entscheidung nach dem Maßstab der glei­chen Freiheit Aller fällen könne, ist einfach eine unhaltbare Behauptung. Wenn zwei sich streiten, ob z.B. ein Stück Stoff mehr oder weniger als ein Meter, oder genau ein Meter, lang oder breit ist, dann liefert die objektive Entscheidung ein Me­termaß. Und wenn es um ein strittiges Gewicht geht, können objektiv die ge-aichten Gewichte einer funktionierenden Waage entscheiden.  Wenn zwei Streitende den gleichen Anspruch auf einen bestimmten Gegenstand haben, ist dessen Teilung die objektive Lösung und wenn die neutrale Instanz dabei beson­ders sorgfältig vorgehen will, wird sie sagen: "Du teilst - der andere aber wählt!"

 

Der Maßstab der gleichen Freiheit Aller - das ist eben sein großer Vorzug - wirkt nun ganz ähnlich wie eine Waage mit empfindlichstem Ausschlag. Er zeigt in 99 % aller Fälle auf den ersten Blick, ob einer der beiden Streitteile ein Mehr an Freiheit für sich beansprucht, das zugleich auf Kosten des anderen (und gegen dessen Willen) geht, ob er z.B. für sich ein Privileg oder Monopol beansprucht, ob er dem anderen zumutet: "Ich darf, was Du nicht darfst".  Und in dem rest­lichen 1 % der Fälle, das vielleicht genauerer Prüfung bedarf, ist eine ob-jektive Entscheidung schon deswegen grundsätzlich möglich, weil es sich hier um keine Sollens-, sondern um eine Seins-Entscheidung handelt: eben ob die Freiheit des einen auf Kosten des anderen (und gegen dessen Willen) vermehrt is, oder nicht!

 

Der Maßstab der  gleichen Freiheit Aller ist also tatsächlich ein objektiver Maßstab und es gibt für das Verhal-ten von Mensch zu Mensch keinen, der ihm vergleichbar wäre oder ihn gar übertreffen könnte.  Wenn es einen solchen gäbe, würde er natürlich gern akzeptiert, denn das hier Verfochtene stützt sich - oder ist zumindest   be-müht es zu tun - auf rein sachliche Erwägungen und keinesfalls auf persön­liche Geltungssucht, die, wie üblich,     nur die eigene Über­zeugung für objektiv zu halten geneigt ist.  

Deshalb möge es auch nicht mißverstanden werden, wenn diese neue Basis, der Grundsatz und Maßstab der gleichen Freiheit Aller, d.h. seine hier gegebene Begründung als eine kopernikanische Wendung bezeich-

 

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net  wird. Denn Während bisher alles Handeln von Glaubens­sätzen ausging, die in ihrer allgemeinen Verbind-lichkeit un­beweisbar sind, und wobei auch - wegen deren unendlicher Vielzahl und Verschiedenheit eine Eini-gung auf einen von diesen völlig ausgeschlossen ist,  was eben eine friedliche Lö­sung der Probleme bisher unmöglich machte und so der ag­gressiven Gewalt und dem Faustrecht ein Alibi lieferte,  ist nunmehr erstmalig   (J.Z.: Das Gesetz der gleichen Freiheit wurde, z.B., von Herbert Spencer schon 1850 entwickelt und auf Einzelfälle angewandt in seinem Buch "Social Statics".  Ich bezweifle sehr, dass selbst H.S. der erste war. - J.Z., 5.4.04.)

ein Maßstab geboten,  um sowohl die Aggression von der Defensive zu unterscheiden,  als auch alle bisherigen Verhüllungen der aggressiven Gewalt und des Faustrechts aufzudecken und deren Anhänger zu zwingen,  sich offen als deren Anhänger zu bekennen.

 

Vor allem aber bieten die erwähnten beweisbaren Tatsachen denen, welche die aggressive Gewalt und das Faustrecht ab­lehnen, nunmehr einen sicheren Ausgangspunkt für die Ver­ständigung untereinander und für ge-meinsames Handeln nach sicherem Maßstab.

Das hat es in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nie ge­geben und davon werden, ja müssen gewaltige Auswirkun­gen ausgehen.

Dies umso mehr, als die dargelegten Erkenntnisse so einfach und einleuchtend sind, daß selbst ein Durch-schnittsverstand sie zu prüfen vermag und ihre Konsequenzen bestätigen muß.

 

Die Zeit ist reif, ja überreif für diese Erkenntnisse.

"Normen des Sittengesetzes gelten aus sich selbst heraus; ihre starke Verbindlichkeit beruht auf der vorgege-benen und hinzunehmenden Ordnung der Werte und der das menschliche Zusammenleben regierenden Sollens-sätze; sie gelten unabhän­gig davon, ob diejenigen, an die sie sich mit dem Anspruch auf Befolgung wenden, sie wirklich befolgen und anerkennen oder nicht."

Diese apodiktische Parole vom Feldherrnhügel des Naturrechts besagt in schlichtem Deutsch: Die von den Herrschenden (J.Z.: ???) bestimmten Werte und Wertungen sind ab­solute, "höhere" Werte und die darauf gestützten Befehle sind widerspruchslos hinzunehmen.

(J.Z.: Naturrechtler stellten das Gegenteil davon fest! - J.Z., 5.4.04.)

 

Das war eine "Erkennt­nis" des Bundesgerichtshofs aus seiner Frühzeit, während eine spätere des Bundesver-fassungsgerichts immerhin zugab: "Schon die bloße Existenz einer solchen Strafandrohung hat Einfluß auf die Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung"{d.h. auf die angeblich absoluten,höheren Werte).

 

 

 

 

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Und heute? - Da bezeichnet ein Mitglied der Bundesregierung (Hans Schueler,  Die Sittenwächter der Nation, DIE ZEIT, 28. 2.1975) jenen Satz des Bundesgerichtshofs nur noch ironisch als ein in die Rechtsgeschichte eingegangenes Kuriosum.

 

Demgegenüber zeigte sich die katholische Kirche, die seiner­zeit mit Ketzerverfolgung und Inquisition ein Maximum an In­toleranz bewiesen hatte, nach dem Zweiten Vatikanischen Kon­zil tolerant und fortschrittlich. Die Deutsche Bischofskonfe­renz erklärte (BADISCHE ZEITUNG, 24. 9. 76):

"Es sei ein un­haltbarer Vorwurf, wenn behauptet werde, die Erklärung des Konzils über die Religionsfreiheit widerspreche der unbeding­ten und unveränderlichen Wahrheit des Glaubens. Diese Aus­sagen haben mit einer Relativierung der Wahrheit nichts zu tun."

Mit anderen Worten: man kann glauben, daß das Geglaubte der absoluten Wahrheit entspreche, und dennoch die Freiheit der Anders denkenden genau so respektieren, wie man wünscht, daß die gleiche eigene Freiheit seitens jener respektiert werde.

 

Daß dies nicht nur für das Gebiet der Religion gelte, sondern für alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, daran mitzu­wirken im ureigensten Interesse, ist nun jedermann aufgerufen!

 

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DIE   KONSEQUENZEN   DER   GLEICHEN    FREIHEIT    ALLER

 

Es war ein langer Weg voller Irrungen, von den "Freiheiten" zur Freiheit. Die immer wieder mit letzterer ver-wechselten "Freiheiten",  ob sie nun gegeben oder genommen wurden, waren bestenfalls unvollständige Teile   der Freiheit, der vollen und ganzen, in der Regel jedoch schroffer Gegen­satz zur wirklichen Freiheit.  Denn wenn solche "Frei­heiten" gegeben wurden, geschah dies seitens solcher, die für sich selbst ein Mehr an Freiheit auf Kosten der ande­ren zurückbehielten, das sie als ihr garnicht in Frage zu stellendes Vorrecht (auf Grund ir-gendeines vorgegebenen "Rechts") beanspruchten. Und wenn "Freiheiten" genommen wurden, waren es ent-weder seitens Unterdrückter solche nur unvollständigen Teilfreiheiten, oder es waren gar seitens der Unter-drücker jene "Freiheiten",  die darauf hinausliefen, die gleiche Freiheit anderer, d.h. die wirkliche Freiheit, die gleiche Freiheit Aller, einzuschränken.

 

Es war daher ein bisher noch gar nicht richtig gewürdigter Markstein in der Geschichte sozialer Erkenntnisse, als John Henry Mackay erstmalig mit allen Konsequenzen klar machte, daß kein Zustand der Freiheit besteht, solange irgendjemand ein Mehr an Freiheit hat, das auf Kosten der gleichen Freiheit irgendeines anderen und gegen dessen Willen jenem weggenommen wird.

 

Von gleicher Freiheit Aller hatte bereits Herbert Spencer gesprochen, ohne jedoch die Konsequenzen daraus zu ziehen. (J.Z.: ??? - Er hatte es sogar auf Kinder [nach meiner Meinung hier übermässig], angewandt, nicht nur auf Frauen.)

Karl-Hermann Flach  hatte erklärt (DIE ZEIT, 10. 11. 1972), Liberalismus bedeute "Freiheit und Würde der größtmögli­chen Zahl" (also nicht Aller!).Er hatte anschließend gesagt: "In gleicher Weise gilt, daß die Freiheit des einzelnen ihre Grenze in der Freiheit des anderen einzelnen, des Nächsten findet (man beachte das Fehlen von "gleichen" vor Freiheit und die Kleinschreibung des Einzelnen,  sowie die Groß­schreibung des Nächsten). Freiheit ist daher ohne ein hohes Maß an Gleichheit, zumindest an Startgleichheit unvollkom­men. Darüber hinaus bedeutet Freiheit ein gewisses Maß an

 

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Ordnung, weil Anarchie am Ende immer das Recht des Stär­keren begründet".

Der letzte Satz stellt die Dinge auf den Kopf, da Anarchie gerade der entschiedenste Gegensatz zu einem Zu-stand des Faustrechts ist.

Und auch Milton Friedman preist gleiches Anrecht auf Frei­heit als "wichtig und grundlegend, weil die Men-schen ver­schieden sind, weil der eine etwas anderes mit seiner Frei­heit anfangen wird als der andere und dabei mehr zu der all­gemeinen Entwicklung der Gesellschaft, in der viele Menschen leben, beitragen kann" ("Kapitalismus und Freiheit", Stuttgart 1971). Er meint damit jene "Freiheit", die der oben zi­tierte Anatol France glossierte (J.Z.: ???), und er erhielt den Nobelpreis u. a. für den Ratschlag, das Geldmonopol zu einer jährlich 5 %-igen Dauerinflation zu benutzen.

 

Der Grundsatz der gleichen Freiheit Aller geht von den einzel­nen konkreten Menschen aus (nicht etwa von der Abstraktion "der Mensch", um die sich so viel Phantasien ranken) und da­mit von beweisbaren Erscheinungen der Erfahrungswirklich­keit. Diese konkreten Menschen sind untereinander sehr ver­schieden, nach Anlagen und Begabungen, Fähigkeiten und Lei­stungen. Wer, wie Flach, die höchst unterschiedlichen körper­lichen und geistigen Anlagen, die der Mensch schon bei seiner Geburt mitbringt, und von denen als Tatsachen ausgegan-gen werden muß, durch Maßnahmen ausgleichen will, die sich als Forderungen und "Rechte" gegen andere richten (damit ist nichts gesagt gegen freiwillige Leistungen zugunsten Behinder­ter), der gibt - ganz abgesehen von der praktischen Unmög­lichkeit der Realisierung eines solchen Bestrebens - der Gleichheit Vorrang vor der Freiheit und kann dies nicht anders als ideologisch begründen, geschweige denn rechtfertigen. Die - anti-ideolo-gische - Startgleichheit ist eben dann gegeben, wenn die Menschen so, wie sie die Natur oder "Gott" geschaf­fen hat, sich entwickeln können, ohne dabei durch künstlich, d.h. von irgendwelchen anderen Menschen geschaffe-ne oder beanspruchte Vorrechte, Privilegien, Mono- oder Oligopole, durch Herrschaft, also gewaltsam einge­schränkte Freiheit, behindert zu werden.

 

Die absolute  Freiheit des Handelns jedes Einzelnen ist zunächst begrenzt durch seine natürlichen Anlagen und Fähig­keiten, aber auch durch das Ergebnis seiner Leistungen (wobei

 

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für die Verwertung letzterer ein herrschaftsfreier Markt un­umgängliche Voraussetzung ist, was daneben andere Formen der Verwertung nicht ausschließt). Wer mehr leistet als ein anderer und dadurch z.B. mehr Geld hat, der hat damit auch mehr Handlungsfreiheit als jener. Der Grundsatz der gleichen Freiheit Aller setzt diese natürlichen  Unterschiede der Ein­zelnen voraus und geht von ihnen aus. Er will sie nicht etwa durch irgendwel-che Maßnahmen ausgleichen (es sei denn im Wege freiwilliger Vereinbarungen), denn dies würde auf eine Gleichheit, nicht auf die gleiche Freiheit Aller hinauslaufen. Wer z.B. musikalisch ist oder ein Künstler, der hat aus sich selbst heraus mehr Freiheit im absoluten Sinne, sein Leben zu gestalten und zu genießen als der Unmu-sikalische oder Nicht-Künstler. Dieses sein Mehr an Freiheit geht jedoch - ebenso wie beim mehr Leistenden - nicht auf Kosten anderer! Es nimmt der gleichen Freiheit der anderen, gleiche oder andere natürliche Anlagen zu nutzen, nichts weg.

 

Auch der Begriff der sogenannten "inneren Freiheit" spielt eine Rolle, die oft als "wahre" Freiheit trotz einge-schränkter äußerer gepriesen wird. Wer z.B. infolge von Entwicklungsstörungen in­nere Hemmungen hat, ist in seiner absoluten Handlungsfähigkeit ebenso eingeschränkt wie derjenige, der von Vorurteilen oder fixen Ideen besessen ist und sich von ihnen nicht freimachen kann.

 

Ganz unabhängig von der höchst unterschiedlichen "inneren Frei­heit" und den natürlichen Anlagen und Fähig-keiten der Einzelnen, die ebenfalls sehr verschieden und mangels Maßstab nicht meßbar sind, beschränkt sich der Grundsatz der gleichen Freiheit Aller auf die - sehr genau meßbare - äußere Freiheit der Einzelnen im Ver-hältnis zu einander. Denn da kann es, wie wir gesehen haben, mangels beweisbarer vorgegebener "Rechte" und

Pflichten" oder sonstiger Leitlinien eben nur die Entscheidung zwischen aggressiver Gewalt und der Verstän-digung geben, welch letztere auf die Dauer nur auf der Basis der gleichen Freiheit Al­ler möglich ist.

 

Dies bedeutet für jedermann: von keinem fremden Willen, sei es der eines Einzelnen oder einer Gruppe, zu ei-nem Tun oder Unter­lassen gezwungen zu werden, außer dazu, in Gegenseitigkeit auch seinerseits darauf zu ver-zichten, den eigenen Willen anderen mit aggressiver Gewalt aufzuzwingen. Es bedeutet insbesondere, daß

 

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die äußere Freiheitssphäre keines Menschen geringer ist als die eines anderen (außer, wenn und solange er dem freiwillig zustimmt), daß es kein Mehr an Freiheit für die einen auf Ko­sten der Freiheit anderer und gegen de-ren Willen geben soll. Dies bedeutet u.a. auch die Abwesenheit jedes Monopols oder Oligopols, auch jedes Vorranges und Vorrechtes eines Einzel­nen oder einer Gruppe. Denn das wäre ja für die Betreffenden ein Mehr   an Freiheit auf Kosten aller anderen.

Wohlgemerkt also: nicht schon ein Mehr an Handlungsfreiheit an sich, sondern erst die gegen den Willen eines anderen über die Grenze der gleichen Freiheit Aller hinaus­greifende Einschränkung oder Wegnahme der

gleichen Freiheit eines anderen ist eine Aggression gegen diesen.

Wenn also jemand seine eigene Handlungsfreiheit selbst und freiwillig zugunsten eines anderen einschränkt und jenem ein Privileg oder Monopol sich selbst gegenüber ge­währt, liegt also keine Verletzung der gleichen Freiheit Aller vor.

 

Man muß sich darüber klar werden, daß sehr vieles, was als herkömmliche Moral oder notwendiges Gesetz gilt, automa­tisch aus dem Grundsatz der gleichen Freiheit Aller sich er­gibt. Der Mörder oder Totschläger z.B. maßt sich ein Mehr an Handlungsfreiheit auf Kosten seines Opfers an, dem er das Leben nimmt und dessen Hand-lungsfreiheit er somit in radi­kalster Weise einschränkt. Ähnlich gegen den Willen und auf Kosten der Freiheit seines Opfers handelt der Räuber, Dieb, Betrüger, der dieses um sein Eigentum bringt. Alle diese sind eindeutig aggressive Handlungen, welche die gleiche Frei­heit Aller verletzen und Wiedergutmachungsansprüche nach sich ziehen.

 

Die gleiche Freiheit bedeutet also das gegenseitige Freisein von aggressiver Einwirkung fremden Willens, die Selbstbe­stimmung im Rahmen dieser Gegenseitigkeit, die Unantastbar­keit des nicht-aggressiven Individuums. Bei gleicher Freiheit Aller hat niemand einem anderen etwas zu befehlen, wenn die­ser ihm nicht zuvor das Recht erteilt hat, ihm Befehle zu geben. Jeder Zwang ist nur soweit zulässig, als er zur Abwehr aggres­siver Eingriffe dient. Gesetze, wie auch Sitten und Gewohnhei­ten, die gegen den Willen des Betroffenen dessen Freiheitssphä-

 

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re zugunsten erweiterter Freiheit anderer einschränken,  sind nichts anderes als aggressive Gewalt.

 

Da Freiheit die Abwesenheit des aggressiven Zwanges oder der Gewalt bedeutet und die Grenze zwischen Ag-gression und Defensive durch die gleiche Freiheit Aller gezogen wird, da Konflikte nur durch solche Grenz-überschreitung gegen den Willen des Betroffenen entstehen, kann man statt des Grund­satzes der gleichen Frei-heit auch den der Vermeidung aggres­siver Gewalt aufstellen.

 

Die gleiche Freiheit Aller oder die Verpönung der aggressiven Gewalt bedeutet also individuelle Freiheit von allen institutio­nellen Zwängen, mit Ausnahme des einen: zur Achtung der glei­chen Freiheit aller anderen und natürlich auch zur Einhaltung aller Verpflichtungen, die man anderen gegenüber freiwillig eingegangen ist.

 

In jedem Verhältnis zu anderen darf man aus dem an sich recht vernünftigen - aber unvollständigen - Grund-satz: "Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg' auch keinem andern zu" nicht die falsche Schlußfolgerung ziehen: Was mir wertvoll, nützlich und wünschenswert erscheint, das muß auch jedem anderen so erscheinen. Demgegenüber hatte G.B. Shaw ganz richtig ge­warnt: "Tue nicht anderen das an, wovon Du wünschst, daß man es Dir täte - sie könnten einen anderen Geschmack haben als Du!"

 

Die gleiche Freiheit Aller geht also von der enormen Verschie­denheit der Einzelnen in Anlagen, Fähigkeiten und Leistungen, in ihrem Denken und Fühlen, ihrem Wünschen und Wollen aus; sie lehnt jede Schematisierung ab und gewährt all diesen Ver­schiedenheiten die größtmögliche Auswirkungsmöglichkeit - bis eben zu der Grenze, wo Einzelne oder Gruppen die eigene Freiheitssphäre auf Kosten anderer ausdehnen und dazu deren gleiche Freiheitssphäre einschränken wollen.  Nur in die­sem Sinne soll die - im einzelnen dabei recht unter-schied­liche - Freiheit gleich sein. Insbesondere wird jeder Versuch von Einzelnen oder Gruppen, sich ein Mehr an eigener Freiheit auf Kosten anderer dadurch zu erschleichen, daß sie ihre sehr persönlichen Ansprüche hinter den angeblichen von Kollektiven und Abstraktionen, hinter religiösen, moralischen, ideologi-

 

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schen Glaubensmeinungen zu verstecken versuchen,  als ver­hüllte Aggression entlarvt; durch die nüchterne Frage nach der Beweisbarkeit der erhobenen Ansprüche wird deren ag­gressiver Gewaltcharakter entlarvt.

 

Weder wird dabei einer Gruppe ein Vorrecht vor einem Ein­zelnen, noch umgekehrt einem solchen ein Vorrecht vor ei­ner Gruppe eingeräumt. Beides liefe auf eine Ideologie hin­aus.  Dabei ist die Tatsache zu beachten, daß alle Gruppierun­gen sich aus konkreten, untereinander recht verschiedenen Einzelnen zusammensetzen.  Es gibt kein einheitliches Den­ken, keinen einheitlichen Willen einer Gruppe als solcher - außer den vorübergehenden Erscheinungen eines Massenwahns und induzierten Irreseins, hinter denen aber immer Einzelne besonders deutlich als Initiatoren stecken.

(J.Z.: Jedes Team von Sportlern, die den gemeinsamen Willen haben in ihren Wettbewerben zu siegen, wider-legt diese Behauptung. - J.Z., 5.4.04.)

 Nicht "Gott", nicht "der Staat", nicht "die Gesellschaft" stel­len ihre aggressiven Forderungen, sondern immer sind es nur Einzelne oder ganze Gruppen von solchen, die sich hinter diesen Begriffen verstecken und ihnen ihr eigenes Denken und Wollen unterschieben.

 

Alles, was innerhalb freiwilliger Vereinbarungen bleibt - etwa bei Ermächtigung an einen Arzt, in die eigene körperliche Un­versehrtheit einzugreifen, oder an den Befehlshaber einer frei­willigen Miliz - hält sich im Rah-men der gleichen Freiheit Al­ler,  auch wenn dabei, begrenzt nach Zeit und Umfang, der Handlungsspielraum der Ermächtigten größer wird als jener der Zustimmenden.

Klar dürfte jedoch sein,  daß jemand nur die eigene Frei­heit vertraglich zugunsten eines anderen einschränken kann, nicht jedoch die eines anderen gegen dessen Willen. Folglich sind Staatshandlungen, welche die gleiche Freiheit Aller ver­letzen, auch dann nur als "Recht" etikettiertes Faustrecht und aggressive Gewalt, wenn ihnen eine Mehrheit zustimmt, die davon betroffene Minderheit - und sei diese auch nur ein Ein­zelner - jedoch nicht.  - Daß man sich daran gewöhnt hat, an­ders zu denken, oder vielmehr manipuliert wurde, sich daran zu gewöh-nen, ist kein Grund, in der herrschenden Begriffsver­wirrung zu verharren. Orwells "1984" ist nahe und die Macht des "großen Bruders" beruht ja gerade auf verwirrten und in ihr Gegenteil verkehrten Begriffen. Überall, wo hier von "gleicher Freiheit" die Rede ist, darf

 

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darunter keineswegs bloß im engsten Sinne an Bewegungs- oder Handlungsfreiheit gedacht werden, sondern es handelt sich, wie bereits erwähnt, um Freisein von gewaltsamer fremder Willenseinwirkung über die gegen-seitige Gleichge­wichtsgrenze in jeder Beziehung, um gegenseitigen Ag­gressionsverzicht.

 

Nicht nur ein Anspruch, der auf Benachteiligung des davon Betroffenen, sondern auch einer, der auf dessen an-gebliches Wohl, auf Schutz und Fürsorge für ihn, aber dies ohne sein Verlangen, ja gegen seinen Willen, ge-richtet ist, muß als Aggression erkannt werden; auch wenn er damit begründet wird, daß jener sein eigenes In-teresse angeblich nicht rich­tig erkennt. Solche Bevormundung, zumal wenn sie sich auf angeblich höhere In-telligenz des Aggressors oder auf dessen angeblich höheren - z.B. rassischen - Wert stützt, ist ein unbeweisba-rer ideologischer Anspruch und Verstoß gegen die gleiche Freiheit Aller; denn der Angegriffene könnte ja ebensogut verlangen, daß der Aggressor sich seiner Beurteilung anschließt, was für ihn zweckmäßig ist.

 

Bei jedem konkreten Anspruch, den ein Mensch gegen einen anderen erhebt, läßt sich stets objektiv feststellen, ob die­ser auf einem beweisbaren Recht, das sich auf freiwillig ab­geschlossene Vereinbarungen stützt, oder auf einem ver­meintlichen "Recht" beruht, an dessen Existenz er lediglich glaubt, das er jedoch nicht beweisen kann und dessen gewaltsame Durchsetzung daher Aggression ist, wenn dabei die Grenze der gleichen Freiheit Aller überschritten wird. Ebenso läßt sich in jedem konkreten Fall eindeutig feststel­len, ob in einem Zustand, der be-steht (oder angestrebt wird), der eine auf Kosten des anderen und gegen dessen Willen ein Mehr an Handlungs-freiheit, ein Monopol oder Vorrecht be­sitzt.

 

Gleiche Freiheit Aller gegenüber dem Boden

 

Man kann sich zur Verdeutlichung die Freiheits Sphäre der Einzelnen, in gleichen konzentrischen Kreisen von jedem aus­gehend, so vorstellen, daß diese schließlich aneinander stos-

 

 

 

 

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sen und dadurch eine Grenze bilden. Dies macht gleichzeitig klar, daß die gleiche Freiheit Aller kein absoluter, sondern ein relativer Begriff ist: je zahlreicher die Einzelnen sind, desto relativ geringer wird ihr Bewegungs-spielraum, was ins­besondere gegenüber den begrenzt vorhandenen Naturgütern zu beachten ist.

Wenn z.B. zehn Schiffbrüchige auf eine unbewohnte Insel von 500 000 qm. verschlagen werden, so könnten sie unter sich - gleiche Bodenqualität vorausgesetzt - je 50 000 qm. zu be­liebiger, jedoch nicht die Umwelt und da-mit die anderen schä­digender, Nutzung verteilen. Bei 100 Inselbewohnern würden dann aber nur noch 5000 qm. auf jeden entfallen.

 

Die gleiche Freiheit Aller umfaßt grundsätzlich den gleichen Anspruch (nicht "Recht") jedes Einzelnen auf die  ganze Erde; nicht etwa nur auf jenen Teil, der in der Regel durch Eroberung, Raub und Mord "Staatsgebiet" wurde, innerhalb dessen er geboren ist. Der Boden, wozu auch Flüsse, Seen und Meere gehören, sowie seine bzw. deren Schätze, als aller­erste und Grundvoraussetzung jeder menschlichen Existenz, lebensnotwendig für Nahrung, Wohnung und als Arbeitsstätte, ist nur in begrenzter Menge vorhanden, wobei Bodenqualität und insbesondere die Lage eine erhebliche Rolle spielen. "Ei­gentum" am Boden, und gar ein über die persönliche Bearbeitungs- und Nutzungsmöglichkeit des Betreffenden hinausgehen­des, war allenfalls zu einer Zeit noch möglich, als die zivili­sierten Gebiete der Erde noch weniger dicht bevölkert und der Bevölkerungszuwachs weit geringer als gegenwärtig war. Aber selbst damals, als es in weiten Teilen der Erde noch Land gab, das frei in Benutzung genommen und urbar gemacht wer­den könnte, war es doch eine Zumutung derer, die in zivili­sierten Gebieten und bevorzugten Lagen Boden-"Eigentum" - und zumal in einem Umfang, der weit über ihre persön-liche Bearbeitungs- oder sonstige Nutzungsmöglichkeit hinausging - besaßen, daß die anderen, um sie in ihrer Bequemlichkeit nicht zu stören, ihnen ihr Oligopol belassen und die entspre­chenden Tribute leisten, oder aber auswandern sollten.

 

Heute, wo es in kaum einem Teil der Welt noch freies Land gibt, und überhaupt grundsätzlich, weil jeder An-spruch auf ein Privileg, Mono- oder Oligopol, gegen den Grundsatz der gleichen Freiheit Aller verstößt und seine "Verteidigung" eine

 

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aggressive Handlung darstellt, die sich auf die Aufrechter­haltung ungleicher Freiheit richtet, ist privates (aber auch staatliches) Bodeneigentum ebenso absurd geworden, wie etwa Eigentum an der Luft.

Dies ist nicht nur bei solchem Bodeneigentum der Fall, das über die persönliche Bearbeitungs- und Nutzungs-möglichkeit hinausgeht und infolgedessen durch seine Sperr- und Ausbeu­tungsfunktion sich zu einem immer mehr arbeitsloses Einkom­men erpressenden Monopolgut summiert und in weiterer Aus­wirkung eine wachsende Kapitalüberlegenheit,  Kapitalkonzen­tration und Marktbeherrschung bewirkt.

 

Boden und Bodenschätze sind Produktionsmittel und Kapital, und zwar von der Natur geschenkte Produk-tionsmittel und geschenktes Kapital, das nicht, wie die produzierten Pro­duktionsmittel, erarbeitet zu werden braucht; auf dessen Nut­zung daher jeder Mensch gleichberechtigten und niemand einen begründbaren Vor-rechts-Anspruch erheben kann. Wenn also jemand durch ein angebliches Eigentums-"Recht", das sich auf nichts anderes als aggressive Gewalt und die Verletzung der gleichen Freiheit Aller stützen kann, die Nutzung dieses Naturgeschenks für andere sperrt oder zumindest von einer Tributleistung (Pacht oder Miete) abhängig macht, die für ihn arbeitsloses Einkommen bedeutet, beansprucht er damit ein durch nichts begründbares Vorrecht und begeht eine aggressi­ve Handlung, auch wenn irgendein Gesetz  das "legalisiert". Und auch derje-nige, der Boden nur in begrenztem Umfang, zur persönlichen Bearbeitung, zum Wohnen oder als Arbeitsstätte nutzt, muß lernen zu begreifen, daß er dies nicht kostenlos tun kann (denn auch das wäre Anspruch auf ein Pri-vileg), sondern daß er dafür eine Vergütung an die Gesamtheit Aller entrichten muß, die den gleichen An-spruch auf das betreffende Bo­denstück erheben können; wie umgekehrt auch er selber, als Teil dieser Gesam-heit, an dem partizipieren muß, was nun alle anderen, die ein Stück Boden in Nutzung nehmen wollen, dafür als Vergütung an die Gesamtheit Aller entrichten.

(J.Z.: Wer hat den gleichen Anspruch auf den Wert der Bodenverbesserungen oder Bauten? - J.Z., 5.4.04.)

 

Boden-"Eigentum" bedeutet u. a. auch, die später Geborenen grundsätzlich zu benachteiligen, da infolge stei-gender Nachfra­ge Bodenstücke immer teurer und auch die "Eigentümer" im­mer weniger verkaufsbereit werden; es bedeutet in jedem Fall das "Recht" zur Ausschließung aller anderen von der Nutzung

 

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des betreffenden Bodenstücks, die auf eine solche, zumindest als Wohn- und Arbeitsstätte, doch unbedingt an-gewiesen sind, während sie auf diese Nutzung genau denselben Anspruch erhe­ben können wie der "Eigen-tümer". Insbesondere bedeutet Boden-"Eigentum" aber auch das "Recht", von anderen für ein beanspruchtes, jedoch unbegründbares Privileg Tribute und arbeitsloses Einkommen zu erpressen.

 

Die Sicherung der gleichen Freiheit Aller gegenüber dem Bo­den und den Bodenschätzen schließt den gleich-berechtigten Zu­gang von jedermann zum Boden und seinen gleichberechtigten Anteil an der Nutzung dieses   Produktionsmittels ein, zu­gleich aber auch jedes Privileg, Mono- oder Oligopol von Ein­zelnen, Gruppen oder Institutionen gegenüber dem Boden und seinen Schätzen aus.

 

Den heutigen Boden-"Eigentümern" braucht dazu nur ihr bishe­riges Privileg bzw. Oligopol, nicht jedoch der Wert ihres Be­sitzes entzogen zu werden, den sie gegebenenfalls im Rahmen der neuen Regelung, in völliger Gleichberechtigung mit allen anderen, auch weiter bewirtschaften können.

 

Dies bedeutet natürlich keine Verstaatlichung des Bodens, die ja nur auf die Ersetzung vieler Oligopolisten und Privilegier­ter durch einen einzigen Monopolisten hinausläuft. Im übrigen ist es ja gerade der Staat, der mit allen anderen Mono- und Oligopolen und Privilegien insbesondere auch das Boden-"Eigentum" aufrecht erhält und schützt; wobei man sich auch des­sen bewußt sein muß, daß bei den Staatsfunktionären es sich keineswegs um eine gleichmäßige Interessenvertretung al­ler Staatsbürger handelt, sondern in erster Linie um Herrschaftsfunk-tionen gegenüber allen Untertanen und infolge der Steuerung der Staatsfunktionäre durch außerstaatliche wirt­schaftliche und politische Mächte um einseitige Interessenver­tretung der einen gegen die anderen auf deren Kosten.

Es geht vielmehr um eine "Vergesellschaftung" in dem Sinne, daß für jedermann der Zugang zum Boden und seinen Schätzen unter gleichen Bedingungen eröffnet wird und daß auch tatsäch­lich jeder Einzelne,  deren Gesamtheit ja "die Gesellschaft" ausmacht, dabei im Rahmen der gleichen Freiheit Aller seinen Anteil am "natürlichen Monopolgut" Boden erhält.

(J.Z.: Merkwuerdigerweise wandte K.Z. das Prinzip der "offenen Genossenschaft" nicht auf den Boden an, sondern nur das von ihm am meisten geliebte Bodenreformsystem, als of darueber Einigung bereits bestehen wuerde oder gewiss erzielt werden koennte. Offene Bodengenossenschaften koennten auch auf freiwilliger und vertragsmässiger Grundlage gegründet werden und sich verbreiten. - J.Z., 5.4.04.)

 

Dies könnte z.B. in der Weise geschehen, daß - vorbehaltlich

 

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einer etwa noch zu findenden besseren Lösung - aller städti­sche und ländliche Grundbesitz jeweils für einen be-stimmten Zeitraum (etwa ein Jahr bei gärtnerischem und landwirtschaft­lichem, etwa fünf Jahre bei städtischem und industriellem Grundbesitz) meistbietend verpachtet und der Erlös unter­schiedslos nach Kopfzahl unter alle Menschen, egal ob Män­ner, Frauen oder Kinder, einschließlich also auch der Päch­ter, verteilt wird. Dies sollte möglichst im Weltmaßstab, al­so unter Ausgleich der verschiedenen Bodenwerte, geschehen, da ja jeder Mensch, im Rahmen der gleichen Freiheit Aller, Anspruch auf die ganze Erde erheben kann.

(J.Z.:  Da er die ganze Erde nicht besetzen kann, kann er auch keinen Anspruch auf die ganze Erde erheben, der ueber Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit hinweggeht. Eine auf ein bis 5 Jahre beschränkte Pachtung für landwirtschaftlich genutztes Land würde viele Bodenverbesserungen verhindern. Hier sind wenigstens Pachtperioden von 15 und mehr Jahren anzuraten.  - J.Z., 5.4.04.)

 

Um Benachteiligung beim Pachtverfahren durch unterschiedli­che Vermögensverhältnisse auszuschließen und um unbedingt jedermann den Zugang zum Produktionsmittel Boden zu sichern, müßten diejenigen, die nur zur Sicherung ihres eige­nen (sowie ihrer Familie) Nahrungs- und Wohnungsbedarfs ein begrenztes Stück Boden (etwa bis zu 1 500 qm. je Kopf) und dies auch ohne fremde Arbeitskräfte nutzen wollen, insofern Vorrang beim Pachtverfahren haben, als sie dabei nur unter­einander konkurrieren sollen, während erst nach Deckung ihres   Bedarfs die anderen Pachtinteressenten, insbeson­dere die mit dem größeren Geldbeutel, zum Zuge kommen sollen. Da einerseits den Vermögenslosen der Pachtbetrag bis zur nächsten Ernte gestundet werden soll, ander-seits der Pro-Kopf-Anteil von jedermann am Gesamtpachterlös (wegen der hohen Bodenwerte städtischer Bo-denflächen) weit  über dem Pachtpreis der Minimalflächen-Nutzer liegen dürfte, ste­hen diesen ihre Boden-nutzungsrechte praktisch kostenlos zur Verfügung.

 

Dazu muß man noch wissen, daß 1 500 qm. zur Deckung des Gesamtnahrungsbedarfs einer Person genügen, bei ziemlich geringfügigem Arbeitsaufwand, nämlich von nur 8 Wochen im Jahr, verteilt auf die verschiedenen Jahreszeiten.

Wenn nun jedermann auf diese Weise in seinem Nahrungs- und Wohnungsbedarf gesichert und unabhängig werden kann und da­bei aus seinem und seiner Familie Pro-Kopf-Anteil über den Pachtpreis hinaus noch eine kleine Rente erhalten dürfte, wel­che entsprechend größer bei denen wird, die keine Bodennut­zung beanspru-chen, wird dadurch allein schon Arbeitslosig­keit so gut wie unmöglich gemacht.

(J.Z.: Er versuchte nie sich so unabhaengig zu machen. Die Hauptursachen der Arbeitslosigkeit übersieht er hier wieder einmal. - J.Z., 5.4.04.)

 

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Aber auch viele andere heutige Probleme lösen sich dann von selbst. Insbesondere würde diese Lösung der Bo-denfrage die wirksamste Entwicklungshilfe bedeuten, die möglich ist; denn dabei kämen die einzelnen Men-schen der Entwicklungsländer direkt sowohl in den Genuß gleichberechtigten Zugangs zum Boden (von dem sie heute größtenteils ausgesperrt sind), als auch in den eines gleichmäßigen Anteils an den Pachter­trägen aus den Industrieländern mit hohem Bodenwert. Auch gibt es dann keine Ausbeutung mehr durch zufälligen Mono- oder Oligopolbesitz von Bodenschätzen oder Rohstof­fen.

(J.Z.: Er hatte sich nie genuegend damit beschäftigt, wie "Für jeden die Bodenreform seiner Träume!" verwirk-licht werden könnte, natürlich immer nur auf seine eigenen Kosten und sein eigenes Risiko. - J.Z., 5.4.04.)

 

Die Pachtpreise würden sich dann (mit Ausnahme der Liebha­berwerte bestimmter Bodenstücke, an deren er-höhtem Pacht­preis jedermann partizipiert) auf den Betrag einpendeln, den das betreffende Bodenstück in seiner Eigenschaft als Pro­duktionsmittel und Kapital über eine normale Arbeitsver­gütung hinaus abwirft, d.h. also das, was man heute Grund­rente nennt. Mehr zu bieten hat, außer in jenen Ausnahme­fällen, niemand ein Inter-esse. Und daß weniger geboten wird, verhindert die Konkurrenz. Also auch von diesem Gesichts­punkt ist es die "gerechteste" Lösung.

 

Es versteht sich von selbst, daß Wertsteigerungen des Pacht­landes, etwa durch Bodenmelioration oder Errich-tung von Ge­bäuden, vom Nachfolge-Pächter abgelöst werden müssen, wie umgekehrt auch der Pächter für von ihm verursachte Boden­schädigungen haftet. (J.Z.: Wenigstens hier geht er darauf ein. - J.Z., 5.4.04.)

 

Erst wenn auf diese Weise jedermann die ganze Erde als sein persönliches Interessengebiet auf der Basis strik-ter Vorrechtslosigkeit und Gleichberechtigung begreifen lernt, wird auch ein wirksamer Umweltschutz mög-lich, für den wiederum die gleiche Freiheit Aller der einzige brauchbare Maßstab ist.

(J.Z.: Keiner kann fuer die ganze Erde, d.h., die Angelegenheiten aller Landbenutzer,  ein persönliches Interesse haben. Mir sind schon meine 2000 Quadratmeter zu viel an Arbeit und Verantwortung. - Auch unter dem System der offenen Genossenschaften von Theodor Hertzka wird für Umweltschutz gesorgt. - J.Z., 5.4.04.)

 

Dabei wird davon auszugehen sein, welches die Auswirkungen wären, wenn Alle für sich jenes Privileg an Umweltver­schmutzung und -Vergiftung beanspruchen würden, das heute eine sogar gesetzlich geschützte und staatlich geförderte Min­derheit für sich mit der Behauptung in Anspruch nimmt, die dadurch verursachte Schädigung der Umwelt und der Mitmen­schen sei gerade eben noch erträglich und zumutbar.  Da bei einer Pro-Kopf-Verteilung der Gesamt-Pachterlöse

 

 

 

 

 

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im Weltmaßstab jeder die Wirkung einer Vermehrung der Weltbevölkerung unmittelbar in einer Minderung seines An­teils zu spüren bekommt, ist dies auch ein sehr wirksames Gegengewicht gegen die heute oft beden-ken- und verantwor­tungslose Vermehrung.

(J.Z.: Ein Malthusianer war K.Z. leider auch. Die höchste Produktivität und der höchste Lebensstandard wurde bisher bei der grössten Bevölkerung erreicht, sofern diese nur frei war zu produzieren und auszutauschen. - J.Z., 5.4.04.)

 

Die im Pro-Kopf-Anteil für jedermann sich ergebende Grund­rente (im doppelten Sinne) sichert sogar einen ge-wissen Aus­gleich für die natürliche Benachteiligung derer, die durch Ge­brechen, Krankheit oder geringe Geistesgaben zwar keinen "moralischen" Anspruch auf solchen Ausgleich als die anderen verpflichtend bewei-sen können, wohl aber den eben aus dem Grundsatz der gleichen Freiheit Aller resultierenden haben. Im übrigen ist letzterer, wie erwähnt, kein statischer  und absoluter, sondern  ein mit den Umweltverhältnissen und der Gesamtmenschenzahl sich wandelnder und relativer, dessen jeweilige konkrete Ausgestaltung sich mit fort-schreitenden Er­kenntnissen der Erfahrungswirklichkeit und fortschreitender Technik im Laufe der Zeit bedeu-tend wandeln kann, bei gleich­bleibendem Prinzip, dessen konkrete Anwendung sich dann nur ändert; z.B.wäre denkbar, daß die Menschheit sich bewußt "gesundschrumpft", etwa auf die Hälfte oder weniger der gegen­wärti-gen Zahl, was dann bei entwickelter Technik und unter den Voraussetzungen der Herrschaftslosigkeit zu nahe-zu paradie­sischen Verhältnissen führen könnte. (J.Z.: ???!)

 

So ist   auch vorstehend skizzierter Vorschlag zur Lösung der - fundamental wichtigen - Bodenfrage ein im Lauf der Zeit und mit sich wandelnden Umweltverhältnissen zwar nicht im Prin­zip, jedoch im konkreten Ein-zelfall, sicher noch sehr verbes­serungsfähiger.

 

Er stellt jedenfalls für die heute vom Staat entmündigten und so vielfach unterdrückten Einzelnen wenigstens in etwa den Zu­stand wieder her, in welchem die frei lebenden Tiere sich gegen­über der Natur befinden, welche ih-nen alles zu ihrer Existenz Not­wendige als Geschenk in ausreichender Fülle darbietet.

(J.Z.: Jagen und Suchen danach müssen sie auch und verhungert sind sie auch oft. Fette Leute gibt es heute mehr als je! Wo Hunger noch herrscht - da herrschen keine freien Zustände. - J.Z., 5.4.04.)

Bodenflä­chen und Bodenschätze als "Eigentümer" beanspruchen, sie kau­fen und verkaufen, kann man mit dem-selben "Recht", mit dem man etwa auch die Luft und das Sonnenlicht kaufen oder verkaufen oder als "Eigen-tümer" der Luft oder des Sonnenlichts laufende Tribute für deren Nutzung von anderen einziehen könnte.

 

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Demgegenüber ergibt sich die unausweichbare Alternative: entweder eignet man sich ein solches "Recht" mit-tels aggres­siver Gewalt an (was auch dann der Fall ist, wenn man sich dieses "Recht" durch letztere "schützen" läßt), wobei man sich also offen als Anhänger des Faustrechts erklärt, oder aber man muß sich über Zugang zum Boden und Nutzung die­ses Naturgeschenks mit allen Mitmenschen verständigen und so zu einer echten Rechts-Lösung kommen. Diese ist aber nur auf einer Basis strikter Gleichberechtigung und absolu­ter Vor-rechtslosigkeit möglich.

 

Wenn man sich einmal vor Augen hält und in den Konsequen­zen klar macht, daß sogar in der dichtbevölkerten BRD rund 4 000 qm. und im Weltmaßstab sogar 25 000 qm. je Kopf ent­fallen, wobei nach "demokratischen" Prinzipien jeder Einzel­ne Anspruch auf einen entsprechenden Anteil an der Bodenflä­che seines Vaterlandes  hätte, wird erst so richtig deut­lich, in wie unverschämter Weise die große Masse um diese Hauptgrundlage ihrer Existenz beraubt worden ist und welche Rolle der angebliche Schützer und Förderer Staat bei dieser Urberau-bung spielt.

 

Selbstverständlich muß auch alles bisherige Staatseigentum am Boden (und seinen Schätzen) der neuen Rege-lung unterwor­fen werden, durch die ausnahmslos jedem Menschen Zugang zu einem lebensnotwendigen Mini-mum an Bodenfläche und außerdem gleichberechtigter Nutzungsanteil an der gesamten Erdoberfläche und allen Bodenschätzen garantiert wird. Eine ausführlichere Erläuterung zur Bodenfrage und ein Ein­gehen auf Einwän-de gegen die vorgeschlagene Lösung findet sich bei K. H. Z. Solneman/ Diskussionsergebnisse (Freiburg/ Br.  1976).

 

(J.Z.: Je älter er wurde, um so mehr intolerant und fanatisch wurde er in Bezug auf diese fixe Idee und unzugän-gig für alle toleranten Alternativen fuer sie. Die eignen fixe Ideen sind gewöhnlich die "grösste Liebe" der meisten Menschen und werden von ihnen als fixe Ideen nicht erkannt, selbst wenn sie Stirner-Anhaenger sind. - J.Z., 6.3.04.)

 

Gleiche Freiheit Aller beim Austausch der Arbeitsprodukte

 

Von noch größerer Auswirkung als das Oligopol durch Boden-"Eigentum" ist das Geldmonopol und Kredit-oligopol, wobei der Staat die Schaffung von Tauschmitteln, von Geld, mono­polisiert, indem er sie einer Noten-bank überträgt, die da-

 

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durch das "Recht" erlangt, Banknoten (die eigentlich Schuld­scheine sind!) (J.Z.: Verrechnungsscheine!) mit Annahmezwang (J.Z.: Requisitionsscheine!) auszugeben und für diese, statt Zinsen zu zahlen (J.Z.: Ganz falsche Vorstellung über Umsatzzahlungsmittel!),  solche zu  fordern; zudem Zinsen, die weit über den Kosten der Herstellung und Verwaltung die­ses Tauschmittels liegen.

(Das Risiko einer Nicht-Zurückzahlung von monopolisierten Zahlungsmitteln, oder von "Rückzahlung" in entwertetem Staatspapiergeld, ist gross, besonders in Deflations-,  Stagflations- und Inflationszeiten  - fuer diese Zahlungsmittel. - J.Z., 6.4.04.)

Es handelt sich dabei also zu­nächst einmal um eine direkt vom Staat ausgehende typisch monopolistische Aus-beutung durch  Konkurrenzausschluß, die jedoch weitgehende Auswirkungen hat und dabei den Ausbeu­tungs-effekt zugunsten einer Minderheit von Privilegierten und Oligopolisten vervielfacht.

 

Außerdem manipuliert der Staat den Betrieb von Banken, die in begrenztem Maße sogenanntes Buchgeld (aus dem Nichts) schöpfen können (J.Z.: Ein altes Vorurteil, schon oft widerlegt aber immer noch am Leben in zu vielen Köpfen. - J.Z., 6.4.04.) (für das sie neben ihrem eigenen Zinsauf­schlag noch den Monopolzins der No-tenbank mitkassieren) so - z.B. in der  BRD durch die Bestimmung, daß jede neue Bank ein Mindestkapital von 6 Millionen DM besitzen muß -, daß nur ein bevorzugter Kreis in den Genuß der Vorteile die­ses Oligopols ge-langen kann.

 

Während beim Bodenoligopol das arbeitslose Einkommen durch Ausbeutung infolge der Konkurrenz einer ver-hältnismäßig ho­hen Anzahl von Oligopolisten noch in gewissen Grenzen gehal­ten wird , und es in direkter Form vorwiegend nur die Preise von Lebensmitteln, Wohn- und Betriebsräumen, sowie Boden­schätzen hoch-treibt, gehen die Wirkungen des Geldmonopols und Kreditoligopols noch viel weiter, indem in den Preisen aller  Waren eine in der Regel weit höhere Belastung als als die direkte oder indirekte durch die Grundrente zu jener noch hinzutritt; mit dem Effekt, daß durchschnittlich etwa 50 % der Preise aller Waren (J.Z.: Sehr übertrieben! - J.Z., 6.4.04.) als arbeitsloses Einkommen  in die Taschen von Mono- und Oligopolisten fließen; bei den Mie­ten sind es oft sogar 75 - 80 %.

(J.Z.: Solche Meinungen werden sich sehr ändern sobald man Kapital als "vorgetane Arbeit" erkennt, die auch das Anrecht darauf hat, gerecht belohnt zu werden. Warum sollten andere, aus ihrem Arbeitseinkommen und Ersparnissen, für irgendjemand den grossen Wert eines Hauses für viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, umsonst oder sehr billilg zur Verfuegung stellen? Sie moegen bereit sein, wenn sie dazu fähig sind, das fuer ihre Kinder und Enkelkinder zu tun, aber fuer Fremde? - J.Z., 6.4.04.)

 

Da sich der Preis des Bodens nach dessen Wert als "Kapital" richtet und dieser bei jeder Zinserhöhung steigt, wird auch die Grundrente sehr wesentlich durch die Zinshöhe beeinflußt. Sie könnte sogar bei reichlichem Bo-denangebot gar nicht un­ter den künstlich hochgehaltenen Monopolzins fallen.

 

Bei letzterem muß man sich darüber klar sein, daß er nicht mit dem Diskont- oder Lombardsatz der Notenbank identisch ist, sondern mindestens dessen doppelte, wenn nicht dreifa-

 

 

 

 

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che Höhe erreicht. Ganz einfach deshalb, weil die Notenbank an keinen Einzelmenschen und keine Firma das Tauschmittel Geld direkt ausfolgt, sondern ausschließlich an die privilegier­ten Banken. Infolge dieses Privilegs können diese also dem nur für sie geltenden, bereits enorm überhöhten Diskont- oder Lombardsatz nicht nur ih-re eigenen tatsächlichen Unkosten und einen bescheidenen, sondern einen ebenfalls weit überhöh­ten Gewinn zuschlagen, wie er sogar in der jüngsten Rezes­sion Rekordhöhe erreichte. Das ist die "Freiheit", wie sie die ge-genwärtige "Rechts"-Ordnung versteht.  -

 

Demgegenüber könnten in herrschaftsloser wirklicher Freiheit, der gleichen Freiheit Aller, welche keine Mo-no-, Oligopole oder Privilegien kennt,  Tauschmittel (die auch eine andere Form haben könnten als das übliche Geld) billigst,  d.h. nicht über 1 - 2 % einschließlich Kreditrisikoprämie,  jeder­mann zur Verfügung stehen; hierzu siehe auch das schweize­rische Beispiel in K. H. Z. Solneman/ Drei Kernforderungen zur Vermögens-verteilung (Freiburg/Br. 1974).

 

(J.Z.: Wer fähig und bereit ist, das fuer andere zu tun, auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus,  sollte natuerlich die Freiheit haben, sich entsprechend zu organisieren. Aber als allgemeine Wirtschaftsregelung ist das nur fuer gläubige Zinsgegner sinnvoll. Jeder sollte, soweit er kann, auf die eigne Art selig werden können. -  K.Z.'s Vorschläge darüber laufen hinaus auf eine freiwillige Umsatzsteuer zwecks Verbilligung von langfristigen Krediten.  Schon rechtmässig fuer Freiwillige, wenn auch nicht immer wirtschaftlich. - J.Z., 6.4.04.)

 

Existent sind bereits zahlreiche konkrete Vorschläge, wie nach Fortfall des Geldmonopols (gegen das sich ein Sturm der Empörung erheben wird, wenn die Menschen einmal an­fangen werden, über dessen Auswirkungen nachzudenken) durch Geldschöpfung in freier Konkurrenz, z.B. durch Ver­kehrsunternehmen oder auch Waren-häuser, natürlich auch Banken, die Geldverwaltuneskosten. der "Zins", auf 1 - 2% herabgedrückt werden kön-nen (inklusive Kreditrisikoprämie) (J.Z.: Nur für Umsatzkredite! Nicht fuer Kapitalkredite!), und wie zugleich ein stabiles Geld, eine wirklich währende Wahrung, geschaffen werden kann, was alle staatlichen No­tenbanken ja, trotz angeblich heißen Bemühens, nicht fertig bringen.

 

(J.Z.: "Schöpfung" und "schaffen" sind hier fehlleitende Worte. Vereinbarte Verrechnungsscheine, oder frei angebotene und angenommene und übertragene Gutscheine und andere Selbst-Verpflichtungsscheine sowie vereinbarte Wertmasse, wären bessere Beschreibungen. Sie "schaffen" nicht "etwas aus dem Nichts", sondern drücken nur schon bestehende Werte, die nicht liquide sind, in liquiden oder viel leichter übertragbaren Wert-zeichen aus, frei benutzt zu Zahlungen fuer verkaufsbereite Waren und Dienstleistungen, zu Marktpreisen, die in vereinbarten oder annehmbaren Wertmassen ausgedrueckt werden, denselben, die auf diesen Scheinen stehen, an die Ausgeber solcher Scheine und deren Schuldner.  Sie sind auch zu anderen Schuldzahlungen an die Ausgeber brauchbar und wertvoll und können natürlich im allgemeinen Verkehr verweigert oder diskontiert werden. - J.Z., 6.4.04.)

 

Im übrigen bliebe es jedermann unbenommen, weiterhin sich des von seiner bisherigen Notenbank ausgege-benen Geldes zu bedienen - bei denen, die dies annehmen wollen; die einzel­nen Notenbanken könnten also weiterzuarbeiten versuchen wie bisher. Nur müssen sie dann auf ihr Monopol verzichten, sich der freien Kon-kurrenz stellen, und können bei denen, die der betreffenden Rechts- und Sozialgemeinschaft nicht ange­hören wollen, keinen Annahmezwang (J.Z.: und keinen Zwangswert!) als "gesetzliches Zah­lungsmittel" durchsetzen.

 

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In Finanzfachkreisen wird für eine nahe Zukunft bereits mit großen Veränderungen im bisherigen Zahlungsver-kehr gerech­net. Das Bargeld dürfte dann (bis auf das Kleingeld) und auch der Scheck- und Überweisungsver-kehr (bisheriger Art) entfal­len. In einem Computer-gesteuerten bargeldlosen Zahlungs­verkehr bewirkt eine scheckkartenähnliche Ausweiskarte, die in - bei allen Geschäftskassen aufgestellte - Automaten ge­steckt wird, die entsprechende Belastung auf dem Kunden- zu­gunsten des Verkäufer-Kontos, während bei mangelnder Dek-kung auf dem Kundenkonto die Ausweiskarte ausgeworfen wird wie ein "falscher Fünfziger".

 

Sogar gegenüber diesem Verfahren, erst recht natürlich gegen­über dem heutigen Zahlungsverkehr, zeigt sich weit überlegen ein ganz neuartiges, dabei sehr einfaches Zahlungs- und Kre­ditsystem, das sowohl Zahlern wie Zahlungsempfängern bisher ungewohnte Vorteile bietet, u. a. konkurrenzlos billige Kredite, sogar unter gegen-wärtigen Verhältnissen. Es gibt eben auch auf dem Gebiet des Finanzwesens ungeahnte Lösun­gen, die mit den überraschendsten Ergebnissen der Technik und Naturwissenschaften wetteifern können.

(Gesetze, Gerichte und Regulierungen haben bisher die meisten solcher Versuche, wenigstens in Deutschland, bald unterdrückt. - J.Z., 7.4.04.)

 

Durch die simple Maßnahme der Aufhebung des Geldmonopols und des Kreditoligopols wird vor allem auch die Riegelfunktion des erpresserischen Monopolzinses beseitigt, welche die Pro­duktivität und die Produktion überhaupt immer wieder stoppt und weit unter den technischen Möglichkeiten und dem Bedarf hält. Ebenso wird die immer wiederkehrende Kapitalvernich­tung durch Inflation bei den Kleinsparern gestoppt, welche die­se in dauernder Abhängigkeit von den Mono- und Oligopolisten hält und der Ausbeutung durch jene preisgibt; denn ohne den Annahmezwang (und Zwangswert - J.Z.) inflationistisch verfälschter Tauschmittel - und gegen freie Konkurrenz - könnten deren Hersteller nicht existieren. Ganz abgesehen davon, daß nach Fortfall des ge­setzlichen Schutzes solch betrügerischer Handlungen diese in einer herrschaftslosen Ordnung natürlich als kriminell ver­folgt würden.

 

Jedes Kind kann begreifen, was die zwangsläufigen Folgen sind, wenn durch das Geldmonopol und Kredit-(aber auch Bo­den-)Oligopol laufend Riesenbeträge als arbeitsloses Einkom­men in die Taschen einer Minderheit fließen und gleichzeitig

 

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einer Mehrheit entzogen werden, die dadurch in dauernde Ab­hängigkeit von jener gerät, mit all den unerfreu-lichen Aus­wirkungen, die man als "Kapitalismus" bezeichnet, ohne sich über dessen eigentlichen Kern klar zu sein:  Herrschaft - in zahlreichen Formen - der einen über die anderen, statt glei­cher Freiheit Aller.

 

Die "hoheitlichen Aufgaben" des Staates

 

Der ehrlichere Ausdruck dafür ist das vom Staat beanspruch­te, d.h. sein mittels des Faustrechts genommenes Gewalt-Mo­nopol. Wer hat dem Staat die angeblichen "Aufgaben" gestellt? Gewiß nicht die gewählten soge-nannten Volksvertreter. Diese sind von ihren Parteien und deren Hintermännern abhängig und über die Aus-wahl dieser "Volksvertreter" und deren Ver­halten, sogar ihren eigenen Wählern gegenüber, liegt genü­gend An-schauungsmaterial vor. Der ' Staat" aber ist schon vor den Volksvertretern da und zieht ihnen in seiner Ver­fas-sung und unzähligen bestehenden Gesetzen einen verhältnis­mäßig engen Betätigungsrahmen. Der "Staat" ist eine weitge­hend anonyme Macht, hinter der sich zahlreiche, mitunter widerstrebende und nur in ihrem unbe-dingten Herrschaftsan­spruch einige, politische und insbesondere wirtschaftliche Mächte verstecken, die auf ver-schlungenen Wegen, aus dem Hintergrund, das Parlament und die Staatsfunktionäre lenken.

(J.Z.: Oder zu lenken versuchen, im eignen Interesse. Jede Zentralmacht zieht immer solche Leute an und auf. - J.Z., 6.4.04.)

 

Die "Volksdemokratien" sind da am ehrlichsten, wenn sie erklären: "Die Partei befiehlt dem Staat". Aber zu welchem Zweck befiehlt sie? - Gewiß nicht im Interesse oder gar zur Sicherung der gleichen Freiheit Aller, die sich in ihrem Machtbereich befinden.

 

Die westlichen Demokratien gehen von der nachweisbar fal­schen Annahme aus, daß der Staat gleichmäßig die Interessen seiner Zwangsmitglieder schütze, während eindeutig fest­steht, daß er durch zahlreiche Privilegien, Mono- und Oli-gopole in erster Linie die Interessen einer Minderheit gegen eine Mehrheit vertritt und daß seine Funktionäre sich zu ei­ner eigenen Ausbeuterklasse entwickelt haben, die an Bedeu­tung und in ihren Methoden der kapitalistischen kaum nach­steht.

(J.Z.: Es handelt sich um viele verschiedene Minderheiten und auch verschiedene und nur zeitweilige Mehr-heiten. - J.Z., 6.4.04.)

 

Die "Freiheit", welche der Staat zu garantieren ver-

 

 

 

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spricht, steht in krassem Gegensatz zur wirklichen, zur gleichen Freiheit Aller, deren gefährlichster und prinzi­pieller Feind der Staat ist, zumal er es verstanden hat, durch umfassende Manipulation der Mehrheit die Über-zeugung bei­zubringen, daß jedwede staatliche Aktivität unbesehen nütz­lich und notwendig sei.

 

Max Weber schrieb in "Politik als Beruf"  (Gesammelte Poli­tische Schriften, Bd. 1, Seite 397):

"Gewaltsamkeit ist natür­lich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates: - davon ist keine Rede -, wohl aber: das ihm spezifische. ... Heute ... werden wir sagen müssen: Staat ist diejenige mensch­liche Gemein-schaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebie­tes ... das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezi­fische ist: daß man allen anderen Verbänden oder Einzelperso­nen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur so weit zu­schreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des 'Rechts' auf Gewaltsamkeit. ..."

 

Es gibt auch keinerlei begründbare Rechtfertigung des Mehr­heitsprinzips in einer Zwangsgemeinschaft. Eine Mehrheit kann weder ein Vorrecht gegenüber einer Minderheit beanspru­chen, noch die Freiheitssphäre irgend-welcher Einzelner gegen deren Willen unter die Grenze der gleichen Freiheit Aller hin­unterdrücken - es sei denn mittels des Faustrechts, der ag­gressiven Gewalt.

 

Analog, wie der Staat das Oligopol der Bodeneigentümer nicht nur gegen den gleichberechtigten Nutzungsan-spruch aller an­deren Staatsbürger, sondern aller Menschen überhaupt setzt, maßt er sich auch ein Ober-Eigen-tum an "seinem" Staatsge­biet" und eben die Herrschaft über alle sich dort auf­haltenden und alle dort vorhan-denen Werte an. Die Staatsge­biete entstanden ähnlich wie das Bodeneigentum: in aller Regel durch Raub und Mord. Die Vorrechte, welche die Staa­ten sich selber in diesen Gebieten anmaßen, und die weiteren, welche sie den von ihnen privilegierten Einzelnen und Gruppen verleihen und für diese "verteidigen", sind aggressive Hand­lungen, die sich auf nichts anderes als das Faustrecht stützen können, auch wenn sie mit noch so ausge-tüftelten ideologischen "Begründungen" als "Recht" etikettiert werden.

 

Allein schon die fundamentale Lösung der Bodenfrage nach dem

 

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Prinzip der gleichen Freiheit Aller, insbesondere wenn sie mit der Abschaffung des Geldmonopols und Kredit-oligopols verbunden wird, macht das meiste von dem, was heute als Staatsaufgabe gilt, überflüssig. Es gibt dann keine Rivali­täten mehr zwischen "Staatsgebieten",  keine Grenzen mehr, die zu verteidigen wären, wenn jedem Menschen ausnahms­los der gleiche Nutzungsanspruch auf die ganze Erde garan­tiert wird, keine "Wirt-schaftspolitik" mehr mit Einfuhrver­boten,  Zöllen, Dumpingpreisen und Subventionen, die gewalt­sam aus frem-den Taschen genommen werden, es gibt dann keine Arbeitslosigkeit und keine von Menschen verursachte Not mehr, in der sich nicht, wie bei Schicksalsschlägen be­reits heute, genügend freiwillige Helfer finden.

 

Mit dem Fall sämtlicher Privilegien, Mono- und Oligopole, sowohl der zugunsten des Staates selbst, wie der zugunsten der von ihm Privilegierten, muß der Staat die bis­herige Herrenrolle aufgeben und zum Diener wer-den, d.h. er muß sich auf eine streng nicht-aggressive,  rein de­fensive Rolle beschränken, darf nur in freier Kon-kurrenz mit anderen - und zwar freiwilligen - Vereinigungen seine Dienste anbieten, wenn er gerufen wird, und nicht, wie ein Gangster, unerbetenen "Schutz" oder "Fürsorge" auf­drängen, gar noch gegen von ihm einseitig festgesetzte und gewaltsam einkassierte Vergütung.

 

Die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften

 

Der Staat muß also auf seinen Monopolanspruch auf aggres­sive Gewalt verzichten (wie jeder Faustrechtsan-hänger das künftig tun muß) und sich auflösen.oder vielmehr aufgelöst werden in jene Vereinigungen auf strikt freiwilliger Basis, wie sie de Puydt bereits skizziert hatte.

 

Daß jede dieser AUTONOMEN RECHTS- UND SOZIALGE­MEINSCHAFTEN freiwillig - in ihrem Grund-gesetz gewis­sermaßen - nach innen wie nach außen darauf verzichtet, aggressive Gewalt anzuwenden, d.h. die gleiche Freiheit Aller zu beeinträchtigen, hatte de Puydt bereits, wenn auch unausgesprochen, vorausgesetzt. Damit bietet sich der

 

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an die Stelle bisherigen Staatsrechts tretende gemeinsame Rahmen einer echten, weil auf freiwilliger Vereinba­rung beruhenden, Rechtsordnung und es entsteht das gemein­same Interesse, diese gegen jeden Angreifer, han-dele es sich dabei um Einzelne, Gruppen oder Staaten des bisherigen Typs, gegen jeden Faustrechtsanhänger und aggressiven Gewalttäter also, gemeinsam zu verteidigen.

 

Was de Puydt übersehen oder jedenfalls nicht deutlich ausge­führt hatte, ist, daß unumgängliche Voraussetzung einer sol­chen Ordnung die gleiche Freiheit Aller gegenüber dem Boden und seinen Schätzen, sowie auch die Abschaffung aller sonsti­gen Privilegien, Mono- und Oligopole ist, sowohl im Verhält­nis der einzelnen Autono-men Rechts- und Sozialgemeinschaf­ten als solcher untereinander (im Gegensatz also zum bisheri­gen Verhalten der Staaten untereinander), als insbesondere auch im Verhältnis der Mitglieder einer solchen Autonomen   Rechts- ­und Sozialgemeinschaft gegenüber den Mitgliedern aller ande­ren (und auch solchen, die etwa bei kei-ner Mitglied sein wol­len). Dies bedeutet, daß trotz erheblicher rechtlicher Unter­schiede, die nur im Verhältnis der Mitglieder der betreffenden Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaft untereinan­der gelten, Streitfälle mit Außenstehenden nach dem einheit­lichen Prinzip der gleichen Freiheit Aller geregelt werden kön­nen.

 

Trotz oder vielmehr wegen dieses Prinzips (weil ja die freiwillige Selbsteinschränkung eigener Freiheit sich durchaus in dessen Rahmen hält) wird die Rechtslage in­nerhalb der einzelnen Autonomen Rechts- und Sozial-ge­meinschaften

(die nicht mehr, wie die Staaten gebietsmäßig gegen einander abgegrenzt sind, sondern deren Mitglieder nur jeweils untereinander durch freiwillig übernommene rechtliche und soziale Pflichten - denen natürlich die entsprechenden Rech­te gegenüberstehen - verbunden sind, während sie auch so zer­streut nebeneinander woh-nen und arbeiten wie heute die Mitglie­der verschiedener Religionsgemeinschaften)

höchst unterschied­lich sein.

 

Wie schon erwähnt, bietet diese Regelung "jedem den Staat seiner Träume". Es wird solche Autonomen Rechts- und Sozial­gemeinschaften geben, die einen Kaiser, andere, die einen Kö-

 

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nig und wieder andere,  die einen Präsidenten an ihre Spitze setzen, und, unbeschadet ihres Grundgesetzes der gleichen Freiheit Aller, ihre Gesetze entsprechend gestalten; es sind ja nur ihre freiwilligen Mitglieder, die da-für zahlen müssen. Die Mitglieder einer Autonomen Rechts- und Sozialgemein­schaft können für sich sogar ei-nen Diktator wählen (al­lerdings nicht einen für andere), denn ihre Freiheit schließt auch die ein, Sklave sein zu wollen; natürlich können sie sich dem auch wieder entziehen, indem sie - nach verein­barter Kündigungsfrist - austreten.

 

Katholiken könnten ihre Autonome Rechts- und Sozialge­meinschaft dem Kirchenrecht und jeder Entscheidung des Papstes anpassen und z.B.untereinander nicht nur den Schwangerschaftsabbruch, sondern jede Emp-fängnisver­hütung "bestrafen" (wobei im übrigen - was für alle verein­barten "Strafen" gilt - die Sünder sich diesen nicht entziehen dürften, wenn ihr "Delikt" in einen Zeitraum vor Wirksamwerden ihres Austritts fiele). Außerdem könnten sie christ­liche Nächstenliebe nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber Außenste-henden üben, solange sich diese das nicht ausdrücklich verbitten.

 

Kommunisten könnten das von den einzelnen Mitgliedern ihrer Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaft oder von Gruppen solcher kollektiv gepachtete Bodenstück - ebenso wie Betriebe jeder Art - gemeinschaftlich nach dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" bewirt­schaften und auch ihre Pro-Kopf-Anteile an den Gesamt-Pachterlösen zu kollektiver Verwendung zusammenlegen.

 

Unbeschadet solcher Unterschiede unter den Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften liegt deren Aufga-be dann in erster Linie in Verhinderung und Abwehr von Aggressio­nen gegen die Grenze der gleichen Freiheit Aller, wie sie z.B. Mord,  Totschlag, Körperverletzung, Raub, Diebstahl, Betrug, Vergewaltigung usw. darstel-len. Dabei werden die­se Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften - dafür sorgt schon die Konkurrenz un-ter ihnen - sinnvoller vorge­hen als die Staaten, die bei der Strafverfolgung die Interes­sen des Geschädigten ver-nachlässigen und beispielsweise nicht nur nicht für Wiedergutmachung sorgen, sondern diese sogar dadurch un-möglich machen, daß sie die im Gefängnis geleistete Arbeit nur weit unter ihrem Wert bezahlen.

 

(J.Z.: Unter Staatsverwaltung ist diese Arbeit oft so wertlos, dass sie auch schon mit einem Taschengeld über-bezahlt wird, besonders wenn man die Unterhaltungskosten der Gefangenen einrechnet und auch, oft, den fuer deren Abhaengige, die z.B. Sozialunterstützung beziehen. - In Gefängnissen etc., unter Wettbewerb errichtet und unterhalten, könnten und würden viele Verdienstmöglichkeiten und Arbeitspflichten - für ihren Unterhalt, ihre Familien und ihre Opfer - auf verschiedene Weisen realisiert werden, die den Rechtsanschauungen der verschiedenen Rechtsgemeinschaften entsprechen. - J.Z., 6.4.04.)

 

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Die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften können für ihre Mitglieder die Überwachung und Kontrolle bei der Boden­verpachtung und Erlös-Verteilung übernehmen, während die Nichtmitglieder einer solchen zu diesem Zweck in einer spe­ziellen Vereinigung sich zusammenschließen könnten.

Zu den weiteren Aufgaben der Autonomen Rechts- und Sozial­gemeinschaften gehört die Aufstellung von Rechtsgrundsätzen, ähnlich dem heutigen bürgerlichen und Handelsrecht, für die Fälle, in denen nur unvoll-ständige Vereinbarungen der Vertragspartner vorliegen, der Vertragsschutz und die Gerichts­barkeit unter ihren Mitgliedern, sowie die Schiedsgerichtsbarkeit in den Fällen, daß eines ihrer Mitglieder mit dem ei­ner anderen Autonomen Rechtsgemeinschaft in Konflikt gerät, wobei jener natürlich von seiner Rechtsgemeinschaft im Schiedsgericht vertreten wird.

 

Ein internationaler Gerichtshof, gebildet aus Vertretern der einzelnen Rechts- und Sozialgemeinschaften kann dann in je­nen Fällen Schlichtungs- und letzte Instanz sein, in denen sich etwa unüberbrückbare Differenzen aus verschiedenen Rechts Systemen ergeben sollten. Solche können jedoch nur seltene Ausnahmen sein, wenn in all diesen Autonomen Rechts­und Sozialgemeinschaften das Grundgesetz der gleichen Frei­heit Aller gilt. Wo das nicht der Fall ist, muß die betreffende Gemeinschaft von den anderen nicht anders behandelt werden als ein Einzel-Aggressor.

 

Solange es noch Staaten der bisherigen Art gibt, oder solange noch die Gefahr besteht, daß in einzelnen solcher Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften Grundsätze wieder zur Geltung kommen, wie sie im Gewalt- und Gangsterprinzip die Basis der heutigen Staaten bilden, dürfte in der Verfassung zumindest einiger von ihnen auch eine Miliz oder eine Berufs­armee zu reinen Defensivzwecken eine Rolle spielen. Intern, d.h. nicht nur unter den Mitgliedern der einzelnen Rechtsge­meinschaft, sondern auch zu deren Schutz gegen offene Ag-gres­sionen einzelner Mitglieder anderer Rechtsgemeinschaften, ist natürlich eine (J.Z.: Warum nur eine?) Polizei notwendig, die jedoch, im Unter­schied zu heute, sich strikt auf die Defensive bei der Abwehr von Aggressionen gegen die Grenze der gleichen Freiheit Al­ler zu beschränken hat und dabei dann auch kaum in Konflikt mit der Polizei jener Rechtsgemeinschaft kommen kann, wel-

 

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eher der Aggressor angehört; geschieht dies doch, muß ein unabhängiges Schiedsgericht entscheiden. Es liegt im Wesen des Prinzips der gleichen Freiheit Aller, daß weder ein Ein­zelner noch eine Gruppe, d.h. also auch keine einzelne Rechtsgemeinschaft, willkürlich und einseitig entscheiden und diese Entscheidung realisieren darf, solange die betrof­fene Gegenseite widerspricht; die schiedsgerichtliche Lösung ist die Alternative zur aggressiven Gewaltlösung. Die Ver­fassungen der einzelnen Autonomen Rechts- und Sozialgemein­schaften werden auch deren einzelne Mitglieder zur Anerken­nung schiedsgerichtlicher Entscheidungen verpflichten.

 

Das internationale Schiedsgericht kann und wird auch eine sehr wichtige Rolle beim Umweltschutz spielen. Eine sinnvol­le Lösung der weltweiten Umweltschutzprobleme wird über­haupt erst möglich, wenn diese vom Gesichtspunkt der glei­chen Freiheit Aller behandelt werden. Die Staaten führen da­bei nur Eiertänze auf, weil sie eben nicht die Interessen al­ler Einzelnen vertreten, sondern nur die der von ihnen be­vorzugten Gruppen und zudem jeweils noch eigene Macht- und Finanzinteressen.

 

Schließlich gehören zum Aufgabenbereich der Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften auch Maßnah-men der sozia­len Vor- und Fürsorge, je nachdem, ob die Mitglieder durch Steuern für deren Kosten aufkommen oder das lieber im Wege privater Versicherungen regeln wollen. Beides nebeneinander ist möglich.

Das könnte etwa vom Nulltarif in der Krankenversorgung und von Renten verschiedenster Art, wobei beides durch Beiträge finanziert wird, über die Finanzierung von beidem aus einem Teil der Steuern bis zum kom-munistischen System reichen, in dem je nach Fähigkeiten von den Mitgliedern der betreffenden Rechts- und Sozialgemeinschaft in einen gemeinsamen Topf produziert und aus diesem, je nach den Bedürfnissen der Ein­zelnen, verbraucht werden soll.

 

Die einzelnen Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften werden in lebhafter Konkurrenz zu einander ste-hen, je nach der Höhe der Steuern, die sie von ihren Mitgliedern verlangen und den Vorteilen, die sie diesen demgegenüber bieten. Es wird solche geben, in denen die Mitglieder geringere Ansprü-

 

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che an die Gemeinschaft stellen, etwa weil sie es vorziehen, für Notfälle selbst durch Versicherungen Vorsorge zu tref­fen, und deshalb dann Gemeinschaften mit niedrigen Steuern bevorzugen, und es wird andere geben, die eine möglichst um­fassende "Betreuung" in Art eines Wohlfahrtsstaates wünschen und dann eben entsprechend höhere Steuern oder Beiträge zah­len müssen. Billig oder teuer im Verhältnis zu den gebotenen Leistungen ist natürlich relativ.

Wer mit den Ansprüchen und Leistungen der Rechts- und So­zialgemeinschaft, der er sich angeschlossen hat, nicht zu­frieden ist,  wechselt eben zu einer anderen. Da jede bemüht ist, möglichst viel Mitglieder als Steu-erzahler zu gewinnen, wird er genügend Auswahl haben. Und niemand wird mehr ge­zwungen sein, dauernd unter Bevormundung anderer zu ste­hen, was immer leicht zu deren Mißwirtschaft und Korrup­tion führt.

 

Die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften lösen in einfachster Weise auch die Probleme bisher unter-drückter Minderheiten, indem sie diesen volle Gleichberechtigung im Rahmen gleicher Freiheit Aller verschaf-fen und  die  Orga­nisationsform, die sie wünschen.

 

Neuformulierung der Menschenrechte

 

Es gibt im Grunde nur ein einziges  Menschenrecht, auf das sich Alle - mit Ausnahme der offenen Faust­rechts-anhänger und aggressiven Gewalttäter - einigen kön­nen und werden: die gleiche Freiheit Aller.

Und dieses, als echtes auf Gegenseitigkeit und Verein­barung beruhendes und nicht einseitig diktiertes Recht, muß auch ganz klar als Anspruch ausnahmslos jedes Einzelnen, der sich nicht selbst durch Bekenntnis zum Faustrecht von diesem Anspruch ausschließt, erkannt und durchgesetzt werden, nicht etwa, wie in den bisheri-gen Menschenrechtserklärungen als nur unverbindlich proklamiert oder "ge­währt" durch Staaten, welche die im ersten Satz zugestande­nen Rechte durch den zweiten wieder einschränken oder nach Belieben dehnbar machen, und die vor allem auch dem Ein-

 

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zelnen keine Einklagungsmöglichkeit seiner "Menschenrech­te" bieten, sondern sich als dessen unabsetzbarer Vormund aufspielen.

 

Aus den bisher formulierten "Menschenrechten" müssen auch jene ausgeschaltet werden, die in ihren Konse-quenzen einen Verstoß  gegen die gleiche Freiheit Aller darstellen oder zu­mindest als solcher verstanden wer-den können; was nicht aus­schließt, daß diese dennoch in die Verfassungen einzelner Au­tonomer Rechts- und Sozialgemeinschaften übernommen wer­den können, denn die freiwillige Einschränkung eigener Frei­heit ist ja jederzeit möglich.

 

Natürlich kann man einen Katalog all jener Einzelfreiheiten aufstellen, die jeweils einen besonderen Aspekt der gleichen Freiheit Aller und in ihrer Gesamtheit eben diese ergeben. Dieser Katalog, der ständiger Ergänzung bedürfte, weil in immer neuen Situationen durch Veränderung der Technik und der Umweltverhältnisse die An-wendung des Prinzips erfor­derlich wird, muß insbesondere die folgenden Einzelfreihei­ten als Grundrechte umfassen.

Wobei vorausgeschickt werden muß: Wenn diese oder jene der Einzelfreiheiten in einzelnen der Autonomen Rechts- und So­zialgemeinschaften ausgeschlossen ist, durch Verfassung oder internes Gesetz, gilt dies natürlich nur für die freiwillig der betreffenden Gemeinschaft Angehörigen und verletzt nicht das Prinzip der gleichen Freiheit Aller; dies zieht ja eine Grenze nur gegen die gewaltsame Unterwerfung des eigenen Willens durch einen fremden und schließt nicht die freiwillige Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten anderer aus. So kön­nen beispielsweise auch durch Mehrheitsbeschluß interne Bin­dungen für die Mitglieder einer Autonomen Rechts- und Sozial­gemeinschaft festgelegt werden; nichts jedoch darf die mit ei­ner solchen Entscheidung nicht einverstandene Minderheit hin­dern, sich ihr - nach fristgerechter Kündigung - durch Aus­tritt zu entziehen, und zwar unter Wahrung ihrer bis dahin er­worbenen Rechte gegen die betreffende Gemeinschaft. Die wichtigsten der Einzelfreiheiten sind also:

 

Zunächst die Freiheit des Denkens und die, den Gedanken durch Wort, Schrift und Bild Ausdruck zu verleihen. Sie fin­det ihre Grenze dort, wo sie etwa durch Verleumdung ruf-

 

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schädigend in die Freiheitssphäre anderer eindringt, oder wo sie zu aggressiven Einschränkungen der gleichen Frei­heit Aller aufruft.

(J.Z.: Das kann, in den meisten Fällen, immer noch zur Freiheit der Meinungsäusserung gehören. Ein ungerech-ter Befehl and Gefolgsleute, die Rechte anderer zu verletzen, ein Befehlt der wahrscheinlich ausgeführt werden würde, würde nicht unter blosse Meinungsfreiheit fallen. - J.Z., 6.4.04.)

 

Eine völlige geistige Unabhängigkeit setzt auch die wirt­schaftliche Unabhängigkeit voraus. Dazu gilt nicht nur das Wort des englischen Historikers Belloc:    

"Das Kommando über die Güterproduktion ist das Kommando über das mensch­liche Leben schlechthin".

Denn auch ohne totales Kommando, wie es Staatssozialismus und -kommunismus wollen, und ohne das nahezu totale Kommando, wie es die kapitalistische Monopol- und Konzernwirtschaft ausübt, beeinträchtigt auch das geringste wirtschaftliche Privileg, Mono- oder Oligopol eines Einzelnen, einer Gruppe oder Institution die glei-che Freiheit Aller.  Alle Privilegien, Mono- und Oligopole müs­sen daher fallen, zumal jene, die ein arbeitsloses Einkom­men verschaffen, indem sie die Arbeit versklaven. Denn die Freiheit der Arbeit ist Basis der wirtschaft-lichen Un­abhängigkeit. Freier, gleichberechtigter Zugang zum Pro­duktionsfaktor Boden gehört ebenso dazu wie der zum Pro­duktionsfaktor Kapital. Letzteres wird bereits wesentlich durch die Freiheit des Austausches der Arbeitsprodukte ge­sichert, ohne welche die Freiheit der Arbeit wertlos ist. Das bedeutet neben der Besei-tigung des Geldmonopols auch die Freiheit des Kredits, sowie die Befreiung des Handels von allen Schranken, eine uneingeschränkte, freie Konkurkurrenz (welche dem internen Konkurrenzausschluß inner­halb Autonomer Rechts- und Sozialgemeinschaften nicht widerspricht), die es bisher noch nie gegeben hat.

 

Weitere wichtige Einzelfreiheiten sind: die Freiheit, sich zu jedem nicht-aggressiven, d.h. die gleiche Freiheit Al­ler achtenden, Zweck zu vereinigen und solche freiwillig ein­gegangenen Bindungen auch wieder zu lösen, wobei Vertrags­bestimmungen, wie z.B. Kündigungsfristen, natürlich einge­halten werden müssen; die Freiheit des Lernens und des Lehrens in Formen, die nur von Angebot und Nachfrage bestimmt werden; die Freiheit des Glaubens und Gewissens, zu glauben oder nicht zu glauben; die Freiheit der Liebe in allen ihren Formen; die der Körper- und Gesundheitspflege, der Ernäh­rung und Kleidung, aber auch die, seinen Körper zu vernach­lässigen. Zur Freiheit, sich den Arzt oder Heilkundigen sei-

 

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nes Vertrauens zu wählen, gehört die Freiheit, den Heilbe­ruf - und jeden anderen! - auszuüben, für jeden, der sich dazu berufen und fähig fühlt; Schadensersatz bei schuldhaf­ter Schädigung des Patienten muß der Betref-fende natürlich ebenso leisten wie der approbierte Arzt in solchem Falle. Auch die Freiheit von Kunst und Wis-senschaft, die heute zu­meist nur auf dem Papier steht, während sie durch Zulassungs-, Ausübungs-, Besteue-rungs- und "Förderungs"-Vor­schriften des Staates eingeengt ist, muß endlich uneinge­schränkt hergestellt wer-den.

 

Die Verneinung auch nur einer einzigen dieser Einzelfreihei­ten, aus welchem Grund immer, bedeutet die grundsätzliche Verneinung aller anderen!  Denn wenn, mit welcher Begrün­dung auch immer, ein "Recht" der Bevormundung, ein "Recht" auf ein Mehr an Bestimmungs- und Handlungsfreiheit auf Ko­sten der dadurch ent-sprechend eingeschränkten Bestimmungs­ und Handlungsfreiheit anderer, ein "Recht" auf aggressive Gewalt ge-fordert und durchgesetzt wird, dann läßt sich mit derselben oder ähnlicher "Begründung" auch das "Recht" auf aggressive Gewalt in jeder anderen Beziehung durchsetzen.  Denn solche "Rechte" - wie alle, die nicht auf frei-willig ab­geschlossenen Verträgen beruhen - sind als tatsächlich, und nicht nur als Vorwand ihrer Verfechter, bestehend unbeweis­bar und daher nichts anderes als Verhüllungen des Faust­rechts .

 

Beliebteste solcher "Begründungen" ist Schutz und Fürsorge für den, der angeblich seine "wahren Interessen" nicht erkennt. Natürlich kommt es häufig vor, daß jemand sich in dem täuscht, was für ihn nützlich und zweck-mäßig ist (aber mindestens ebenso oft kann sich auch der "Schützer" und "Fürsorger" täuschen); wenn er dann auf guten Rat nicht hö­ren will, wird er eben durch die Erfahrung belehrt.  Wer je­doch, obwohl er sich in die ganz verschiedenen Lebensumstände und Erfahrungen, das Denken und Fühlen anderer, überhaupt nicht hin-einversetzen kann, sich anmaßt, statt un­verbindlichen Rat zu erteilen, besser beurteilen zu können als jene selbst, was ihnen frommt, ihnen das Urteilsvermö­gen und die Selbstbestimmung abzusprechen und sie mit Ge­walt "auf den rechten Weg" zu bringen, der ist ein Aggres­sor, selbst wenn er "die besten Absichten" dabei hat. Er

 

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würde es sich wohl entschieden verbitten, wenn jemand ihm selber das Urteilsvermögen abspräche und ihn zu etwas zwän­ge, was seiner Einsicht und seinem Willen widerstrebte. Daß dabei die Grenze der gleichen Freiheit Aller überschritten wird, liegt wohl auf der Hand. Übrigens verhält es sich eben dann, wenn jemand "zu seinem Besten" von einem anderen ge­zwungen wird, so, daß er seinerseits diesem anderen das rich­tige Urteilsvermö-gen abspricht; es steht also Meinung gegen Meinung, und wer dabei aggressiv in die Sphäre des anderen eingreift, ist ganz eindeutig.

 

Man ist jedoch manipulatorisch an den ganzen Phrasenschwall der "Rechte" und "Pflichten", die angeblich "höhere" sind, und an zahlloses "Höheres" überhaupt und an die Aggressionen von Seiten insbesondere des Staates so sehr gewöhnt worden (seinerzeit wurden ja auch die Ansprüche der Fürsten "von Gottes Gnaden" kaum in Zweifel gezogen), daß heute selbst eklatante Fälle solcher Aggressionen den meisten nicht einmal dann auffallen, wenn ihre negativen Auswirkungen offenbar sind; erst recht dann nicht, wenn sie eine scheinbar auch po­sitive Seite haben, die jedoch bei näherer Prüfung sich als Täuschung erweist oder zumindest durch die negative Seite überwogen wird. Überall da, wo der Staat - angeblich im In­teresse Aller - die Ausübung von Tätigkeiten, z.B. der Leh­rer, Ärzte und Heilkundigen, an seine Prüfungen sowie sei­ne Vorschriften bindet, übt er eine ebenso unzulässige wie überflüssige Bevormundung aus.

 

Nichts wäre dagegen einzuwenden, wenn der Staat durch Prü­fungen nur gewissermaßen ein Gütezeichen ver-leihen würde, wie es die Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften tun werden, ohne die Nichtgeprüften in ihrer Tätigkeit zu behin­dern. Wenn jemand ein solches, gegebenenfalls auch von an­derer Seite erworbenes, Gü-tezeichen nicht vorzuweisen hat, dann sehen dessen Klienten eben, daß sie bei seiner Inanspruch­nahme ein ge-wisses Risiko eingehen.

 

Wie sich die staatliche Bevormundung z.B. im Gesundheits­wesen auswirkt, zeigt der phantastische Milliarden-aufwand, der dazu aus den Taschen der "Befürsorgten" zwangsweise genommen wird, gegenüber den z.T. skandalösen Verhält­nissen im Krankenhaus- und Kassenarztwesen.

Wie bereits im Kapitel über den Staat dargelegt, hat der

 

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Staat bei der allgemeinen Schulpflicht keineswegs die Inter­essen der Kinder, wie er vorgibt, sondern in erster Linie seine eigenen im Auge, indem er sich gehorsame Untertanen heranzieht und diesen Dinge beibringt, die vor allem für ihn selber nützlich sind, wie Dr. Walther Borgius in seiner Dar­stellung der historischen Entwick-lung des Schulwesens ("Die Schule - ein Frevel an der Jugend!", Berlin 1930) nachgewie­sen hat. Auch die we-nigen zugelassenen, jedoch durch Staats­vorschriften dem allgemeinen Lehrplan unterworfenen Privat­schulen durchbrechen nicht das Staatsmonopol, das auch auf diesem Gebiet verschwinden muß. Denn da sie ihre Kos-ten selbst tragen müssen, während die der Staatsschulen aus dem allgemeinen Steueraufkommen genommen werden, müssen El­tern, die ihre Kinder in Privatschulen schicken, dafür doppelt bezahlen, wozu nur wenige im-stande sind. Anderseits hat der geniale Japaner Obara ein Beispiel gegeben, wie freie Schu­len - mit ungleich  höherem Lernerfolg - sich selbst finan­zieren können. Auch haben Dr.Gustav Großmann (z.B. in "Ferner liefen", München 1963) und andere nachgewiesen, daß durch das staatliche Schulsystem die Schüler häufig in schwer­ster Weise geschädigt werden, während sie bei modernen Lernmethoden in der halben oder sogar nur einem Viertel der heute üblichen Zeit (der Rekord liegt bei einem Neuntel, also bei einem statt neun Jahren) mehr lernen können als in den staatlichen Schulen; diese bedeuten also eine ebenso ungeheu­erliche Zeit- wie Geld-verschwendung, während ihr Resultat, die Bildungsmisere in der BRD, offenbar ist.

 

Der Kostenhinweis in den beiden vorstehenden Beispielen wi­derlegt auch die Befürchtung, daß eine Mehrzahl Autonomer Rechts- und Sozialgemeinschaften anstelle des Staates höhere Kosten verursachen würden als die-ser. Abgesehen davon, daß z.B. die BRD sich neben Bundesregierung und Bundestag noch zehn Länderregie-rungen und Länderparlamente leistet, sorgt die Konkurrenz unter den Autonomen Rechts- und Sozialgemein­schaften und vor allem das Austrittsrecht der ihnen nur frei­willig, nicht mehr zwangsweise, Angehörenden dafür, daß sie hinsichtlich rationeller, sparsamer Verwaltung miteinander wetteifern müssen, so daß auf die Dauer nur jene sich durch­setzen werden, die bei geringsten Kosten die besten Leistun­gen erbringen. Dabei ent-fällt auch jene krebsartige Behörden­wucherung nach dem Parkinson' shen Gesetz, die nur den

 

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Macht- und Spezialinteressen des Staates selbst und seiner Funktionäre, nicht jedoch den Interessen aller von ihm zwangs­weise erfaßten und dirigierten Einzelnen dient.

 

Die Offenen Betriebs-Assoziationen (OBA-Betriebe)

 

Die Abschaffung aller rechtlichen (J.Z.: ungerechten aber legalisierten) Mono- und Oligopole - zur Herstellung der gleichen Freiheit Aller - genügt für sich allein aber zumindest solange nicht, als noch die - durch die bishe-rigen Privilegien und Monopole entstandenen - enor­men Vermögensunterschiede bestehen; sie bedarf daher der Ergänzung durch eine Maßnahme, die einerseits alle auch tatsächlichen Mono- und Oligopole beseitigt, ander­seits allen Vermögenslosen es möglich macht, ihre Arbeits­kraft rationell und konkurrenzfähig, d.h. gestützt auf entspre­chendes Kapital, einzusetzen. Gleichzeitig kommt es darauf an, die Entstehung neuer Monopole zu ver-hindern.

 

Denn neben den "natürlichen" Monopolgütern, wie sie der Bo­den an sich und speziell die Bodenschätze, wie Kohle, Öl, Erd­gas, Erze, Mineralien usw. darstellen, und den vom Staat durch seine Gesetzgebung geschaffe-nen Privilegien und Mono­polen gibt es noch solche Betriebe, die - meist unter Ausnut­zung der bisherigen Pri-vilegien- und Monopolwirtschaft - zu marktbeherrschender Größe herangewachsen sind, wie insbe­sondere Konzerne, Trusts, Mammutbetriebe. Solche Markt­übermacht kann dazu benutzt werden, schwächere Konkur-ren­ten weitgehend auszuschalten, durch unverhältnismäßig hohe Preise die Käufer zu schröpfen und sich eine Monopolrente zu sichern, mittels derer der Betrieb immer übermächtiger wird.

(J.Z.: Unter wirklich freier Konkurrenz haben übergrosse Betriebe, als solche, Nachteile und unterliegen bald. - J.Z., 6.4.04.)

 

Auch z.B. Eisenbahnen, Elektrizitätswerke, Telefonnetze ha­ben einen gewissen Monopolcharakter sowohl durch ihre Be­triebseigenart wie durch ihr Etabliertsein, das neue Konkur­renz schwer aufkommen läßt. Auch in einer herrschaftslosen Gesellschaftsordnung ist die Entstehung von Marktübermacht durch besonders günstige Umstände oder durch die Eigenart des betreffenden Betriebs nicht ausgeschlossen.

 

Gegen die "natürlichen" Monopole durch Bodenschätze, auch

 

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gegen solche, die allmählich durch Größe der Unternehmungen oder durch ihre Eigenart entstehen, nützt erfah-rungsge­mäß keine Kartellgesetzgebung, keine "Sozialisierung" und auch keine "Mitbestimmung", wie man sie sich bisher vor­stellte; denn dabei können statt der "Kapitalisten" (oder neben ihnen) dann die Arbeitnehmer des betreffenden Monopolbe­triebes ihre Vorzugssituation dazu nutzen, sich zu Lasten al­ler anderen durch unge-rechtfertigt hohe Arbeitsentgelte ein Monopoleinkommen zu sichern. Heute ist es ja bereits so, daß einzelne Gewerkschaften, z.B. in Schwerpunktindustrien, aber auch kleine Spezialistengruppen, wie Fluglotsen, Arbei­ter der Elektrizitätswerke oder der Müllabfuhr, im durchaus berechtigten Bestreben, ihre Arbeitsentgelte zu erhö-hen, dies nicht auf Kosten von Zins und Grundrente und tatsächli­cher, nicht nur vermeintlicher Unternehmer-Monopolgewinne tun, sondern sich mittels ihrer Organisationsmacht oder Schlüsselstellung Einkommensvor-teile ohne Rücksicht auf die Arbeitnehmer anderer Beschäftigungsarten und auf deren wie der Konsumenten Kosten sichern, indem die Lohnerhö­hungen - ohne Zins und Grundrente oder den Unternehmer­gewinn zu be-rühren - in die Preise eingehen.

 

Es gibt nun ein bisher kaum diskutiertes, ebenso einfaches wie wirksames Mittel, um die von solchen Mono-polbetrieben ausgehenden Gefahren zu vermeiden und zugleich ein minde­stens ebenso wichtiges Ziel zu errei-chen: die Sicherung des freien Zugangs zu den Produktionsmitteln für jeden Arbeits­willigen.

 

Wie das hinsichtlich des Bodens in wohl optimaler Weise ge­schehen kann, wurde bereits skizziert. Aber auch zur ratio­nellen Bodenbearbeitung und -nutzung ist Kapital erforderlich, das sich unter heutigen Verhältnissen denen, die nichts als ihre Arbeitskraft besitzen, verweigert und auch anderen nur gegen hohen Zins zur Verfü-gung steht. Erst recht gilt dies bei industrieller, gewerblicher, Handels- , Handwerks- und nahezu jeder anderen Tätigkeit auch.

 

Marx hatte richtig erkannt, daß derjenige, der nichts besitzt als seine Arbeitskraft, von dem abhängig ist, der über die Produktionsmittel verfügt, und daher von diesem ausgebeutet werden kann.

 

(J.Z.: Heute geschieht oft eher das Umgekehrte: Das Kapital wird zugunsten der Arbeiter ausgebeutet und erhält nur einen Bruchteil der Werte die es schafft. Um so leichter wird es dadurch, für Arbeiter, sich selbst zu Kapitalisten zu machen, in Bezug auf die Kapitalien, mit denen sie arbeiten. - J.Z., 6.4.04.)

 

Weil er aber die Rolle des Staates als Schöpfer und Verteidiger der Privilegien und Monopole verkannte, durch welche erst die Aussperrung der Arbeitswilligen vom Zugang

 

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zu den Produktionsmitteln und ihre Abhängigkeit von deren Besitzern möglich wird, wollte er den Bock zum Gärtner und den Staat zum Supermonopolisten machen. Er übersah die doch viel näher liegende Möglichkeit, mit dem Staat auch die von ihm geschaffenen und aufrechterhaltenen Privilegien und Monopole zu beseitigen und die verbleibenden natürlichen Monopolgüter, sowie einen durch Größe oder Eigenart der Betriebe entste-henden marktbeherrschenden oder Monopol­charakter durch eine neuartige Betriebsart und Betriebsver­fassung ungefährlich zu machen, wie sie im Prinzip von Theodor Hertzka in seinem Werk "Freiland"  (Dresden und Leipzig 1889) vorgeschlagen wurde (wobei einzelne spezielle Ausgestaltungen dieses Prinzips durch Hertzka anfechtbar sind).

 

Nach diesem Prinzip sind sämtliche Betriebe mit Monopol­charakter - und darüber hinaus möglichst viele wei-tere - in den Besitz "offener" Arbeiterassoziationen zu überführen, die ein Mittelding zwischen privatem und öffentlichem Betrieb darstellen. Wie diese Überführung im einzelnen gesche­hen kann, unter Entschädigung der bisherigen Eigentümer, gegebenenfalls auch unter deren weiterer Mitarbeit und Mit­beteiligung am Ertrag, wird im übernächsten Kapitel behan­delt.

 

Charakteristikum dieser "offenen" Betriebe ist, daß sie je­dem Arbeitswilligen, der in ihnen mitzuarbeiten wünscht, grundsätzlich offenstehen müssen; davon sind lediglich die für die betreffende Arbeit absolut Nicht-geeigneten ausgenom­men. Solche "offenen" Betriebe müssen also, unter entspre­chender Verkürzung der Ar-beitszeit, alle sich zur Mitarbeit Meldenden aufnehmen, ganz gleich, ob dies den bisherigen Betriebsangehö-rigen nun recht ist oder nicht. Dadurch wird u.a. erreicht: wenn sich ein Monopolgewinn in einem solchen Be-trieb gebildet hat, zieht das überdurch­schnittliche Arbeitsentgelt so lange neue Mitarbeiter an, bis die Arbeits-verdienste sich auf den Durchschnitt eingependelt haben; danach hört weiterer Zuzug automatisch auf, da nie­mand ein Interesse daran hat, selbst dabei mitzuwirken, daß er weniger verdient, als er es sonst im Durchschnitt anderer Betriebe tun könnte. Eine möglichst große Zahl (Anzahl! - J.Z.) solcher Be­triebe wäre außerdem (neben dem freien Zugang zum Boden

 

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für jedermann) eine zusätzliche Garantie dafür, daß künftig Arbeitslosigkeit unmöglich würde. Es ist ja ein ge-radezu irrsinniger Zustand, daß es heute in vielen Ländern viele Millionen Arbeitsloser gibt, die von den ande-ren durchgefüt­tert werden müssen, während es ihnen selbst verwehrt ist, durch eigene Arbeit Werte zu schaffen, welche die Gesamtgüterproduktion erhöhen, ferner sich selbst zu erhalten und die anderen von ihrem Unterhalt zu entlasten, und dazu noch den anderen mehr Einkommen zu verschaffen, indem sie nun mit eigenem Einkom-men Kaufnachfrage halten und jenen so Mehrabsatz ermöglichen können.

 

Als Voraussetzung für das Funktionieren dieses Systems der Offenen Betriebsassoziationen nennt Hertzka die Öffentlich­keit aller Geschäftsvorgänge in ihnen, also regelmäßige Ver­öffentlichung von Rohertrag, Spesen, Reinertrag, Einkauf und Verkauf, Arbeitsleistung, Verwendung des Reinertrages, je nach Beschaffenheit der betreffenden Daten alljährlich bis hinsichtlich des Arbeitsaufwandes und seines Ertrages etwa allwöchentlich. Daran können sich dann die Einzelnen leicht orientieren, wo die Arbeitsaufnahme am lohnendsten ist.

 

Hertzka hat für solche Offenen Betriebsassoziationen folgen­des "Musterstatut" vorgeschlagen:

 

1.)  Der Beitritt in jede Assoziation steht jedermann frei, gleichviel, ob er zugleich Mitglied anderer Assoziatio-nen ist oder nicht; auch kann jedermann jede Assoziation jederzeit verlassen (nach Einhaltung der üblichen Kündigungsfrist natürlich).
Über die Verwendung der Assoziationsgenossen entscheidet die Direktion.

 

2.)  Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen seiner Arbeitslei­stung entsprechenden Anteil am Reinertrage der Assoziation.

 

3.)  Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhältnis der geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Maßgabe jedoch, daß älteren Mitgliedern für jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft länger angehören als die später Beigetretenen, ein Zuschlag eingeräumt wird. Ebenso kann für qua­lifizierte Arbeit im Wege freier Vereinbarung ein Zuschlag bedungen werden.

(J.Z.: Das Senioritätssystem ist auch in offenen Genossenchaften nicht wirtschaftlich! - J.Z., 6.4.04.)

 

4.)  Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer mit jedem einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung einer bestimmten Anzahl täglich gelei

 

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steter Arbeitsstunden gleichgesetzt.

 

5.)  Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapital­rückzahlungen zur Verteilung gebracht. (Hertzka spricht noch von einem etwa 30 %-igen Abzug für "das Gemeinwesen", aus dem Alters- und Fürsorgerenten gedeckt werden, aber auch zinslose Darlehn über eine Zentralbank an die Offenen Betriebsassoziationen gewährt werden sollen. Es steht natürlich nichts entgegen, daß Autonome Rechts- und Sozialgemeinschaften solche Sozial- oder Steuerbeiträge von ihren  freiwilligen Mitgliedern erheben. Mit dem hier dargelegten Prinzip hat solche Variation aber nichts zu tun). Inzwischen
erhalten die Mitglieder Vorschüsse in Höhe von. ... Prozent des vorjährigen Reinertrags für jede geleistete oder ange­rechnete Arbeitsstunde.

 

6.)  Die Mitglieder haften für den Fall der Auflösung oder Li­quidation der Assoziation nach dem Verhältnisse ihrer Ge­winnbeteiligung für die gesellschaftlichen Schulden, welche Haftung sich auch auf neueintretende Mit-glieder überträgt.
Auch erlischt mit dem Austritte eines Mitglieds dessen Haftung für die schon kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Die­ser Haftbarkeit für die Schulden der Assoziation entspricht im Falle der Auflösung oder Liquidation der Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermögen.

 

7.)  Oberstes Organ der Assoziation ist die Generalversamm­lung, in welcher jedes Mitglied (das nicht fak-tischer Mitarbeiter zu sein braucht) das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausübt. Die Generalversammlung faßt ihre Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit; zu Statutenänderungen und zur Auflösung und Liquidation der Assoziation ist 3/4-Majorität erforderlich.

 

8.)  Die Generalversammlung übt ihre Rechte entweder direkt als solche oder durch die gewählten Funktionäre aus, die ihr jedoch verantwortlich sind.

 

9.)  Die Leitung der gesellschaftlichen Geschäfte ist einem Di­rektorium übertragen, das von der Generalver-sammlung ge­wählt wird und dessen Bestallung jederzeit widerruflich ist.
Die untergeordneten Funktionäre der Geschäftsleitung werden von den Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehalts dieser Funktionäre - bemessen in Arbeitsstunden - auf Vorschlag der Direktoren durch die General­versammlung.

 

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10.)  Die Generalversammlung wählt jährlich einen Aufsichts­rat, der die Bücher, sowie das Gebaren der Ge-schäftsleitung zu überwachen und darüber periodischen Bericht zu erstatten hat.

 

Die vorstehenden Grundsätze bedürfen eines Kommentars, zu­mal der scheinbare Widerspruch in Punkt 1, wo-nach zwar der Beitritt zu jeder Assoziation von jedermanns freiem Belieben, seine Verwendung in der Assozia-tion dagegen vom Ermessen der Direktoren abhängig gemacht wird, die also darüber zu entscheiden haben, in welcher Weise und ob seine solcher­art angebotene Arbeitskraft auch wirklich zur Verwendung ge­langen soll. Dies hat den durchaus verständlichen Grund, daß kein Unbefugter und Unfähiger die Arbeit der anderen stören soll und auch nicht den organisatorischen Zusammenhang, des­sen Bestimmung ja Sache der Direktion ist.   Diese hat jedoch nur ein Urteil über die Befähigung der sich Anmelden­den; sie darf sich nicht von Erwägungen darüber leiten lassen, ob die Assoziation der Kräfte der Neuen bedürfe, sondern sie muß jeden Tauglichen in einer seinen Fähigkeiten entspre­chenden Weise verwenden, eben unter gleichmäßiger Reduzie­rung der Arbeits-zeit, egal ob dies den bisherigen Mitarbei­tern erwünscht ist oder nicht.

 

Das Beitrittsrecht von jedermann zu jeder beliebigen Assozia­tion (das unabhängig von der tatsächlichen Mitar-beit ist) bietet eine Sicherung dafür, daß die den Betriebsleitungen eingeräum­te Entscheidung wirklich nur in diesem Sinne erfolgt. Denn wenn auch in keiner Assoziation irgend jemand ohne Zustim­mung der betreffenden Betriebsleitung arbeiten kann, so kann doch in der Generalversammlung jeder Assoziation jedermann abstim-men, der sich als Mitglied angemeldet hat. Die Betriebs­leiter aber werden von der Generalversammlung ge-wählt und sind jederzeit absetzbar; die Ausübung der ihnen eingeräumten Disziplinarmacht ist also der ständi-gen Kontrolle nicht nur der jeweiligen tatsächlichen Mitarbeiter, sondern der gesamten öffentlichen Meinung unterworfen und sie werden gewiß kein absichtliches Unrecht tun, sofern ihnen ihre Stellen lieb sind. Bei Mei-nungsverschiedenheiten über die Fähigkeiten der Be­werber entscheiden Prüfungen, notfalls Schiedsgerichte.

 

Umgekehrt kann auch dies Mitbestimmungsrecht kaum dazu mißbraucht werden, durch künstliche Majoritäten die Betriebs-

 

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leitungen zur Verwendung ungeeigneter Eindringlinge zu zwin­gen. Denn jede solche mindert ja den Betriebs-ertrag und ins­besondere mindert ein Zuviel an Mitarbeitern den auf den Ein­zelnen entfallenden Ertrag, so daß jeder Mitarbeiter (auch der neu Hinzutretende) ein Interesse daran hat, dies zu vermeiden. Eher schon könnte ein Monopolgelüst die jeweilige Belegschaft im Einvernehmen mit der Direktion dazu verleiten, sich gegen Neuaufnahmen zu sperren. Da dies jedoch durch das mit dem Beitrittsrecht von jedermann verbundene Ab-stimmungsrecht in den Generalversammlungen in Schranken gehalten wird, ist eine negative Auswirkung nicht zu befürchten.

 

Die Umwandlung in  solche Offenen Betriebsassoziationen ist jedoch nicht nur bei allen heutigen Monopol-betrieben notwendig und allen, die auch künftig noch in einen Monopol- oder markt­beherrschenden Charakter hineinwachsen sollten. Sondern die Bildung solcher OBA-Betriebe muß darüber hinaus in mög­lichst großem Umfang erfolgen, um die gleiche Freiheit Aller in einer ihrer wichtigsten Voraussetzungen zu sichern: indem es (nicht nur gegenüber dem Boden) grundsätzlich jedermann möglich sein muß, allein oder in Verbindung mit anderen eine selbständige, also nicht lohnabhängige Tätigkeit  aufzunehmen, und zwar versehen mit allen not-wendigen Produktionsmitteln, die zu solcher Tätigkeit erforderlich sind. Die Wege zu diesem Ziel wird das übernächste Kapitel zeigen.

 

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DER    WIRKLICHE    ANARCHISMUS   UND    SEINE    ZIELE

 

Der Begriff des Anarchismus ist für viele Leute zu einem ähn­lichen "Gespenst" geworden, wie es der des Kom-munismus zu Marx' Zeiten war. Die Zeitungen und Zeitschriften schrei­ben das unsinnigste und widersprüch-lichste Zeug darüber zu­sammen, Rundfunk und Fernsehen stehen dabei nicht nach, und das wiederholt sich in der Regel sogar dort, wo in Bü­chern und von Seiten solcher, bei denen man eigentlich einige Sachkenntnis erwarten dürfte, über Anarchie und Anarchisten geschrieben oder gesprochen wird.

 

Es ist nicht nur Unwissenheit, Begriffsverwirrung und grobe Fahrlässigkeit im Ausdruck, sondern oft auch be-wußte Fäl­schungsabsicht, wenn für Personen, Ansichten und Taten die Bezeichnung "anarchistisch" gebraucht wird, während es sich dabei um mit wirklichem Anarchismus strikt Unverein­bares, ja geradezu um das Gegen-teil von Anarchismus handelt.

Zur Zeit des Sozialistengesetzes im Deutschen Kaiserreich wurden harmlose Sozialdemokraten von den Behör-den als An­archisten und Terroristen bezeichnet, um die Masse gegen sie aufzuhetzen und voreinzunehmen.  Zu gleichem Zweck be­zeichnet man heute systematisch die Baader-Meinhof-Leute und ihnen nahestehende Chao-ten als "Anarchisten", obwohl den Betreffenden genau bekannt ist, daß es sich bei denen um revolutionäre Marxisten handelt, die das Gegenteil des Anarchismus erstreben und die es auch entschieden abgelehnt haben, als Anarchisten bezeichnet zu werden.

 

Anarchie bedeutet wörtlich und inhaltlich Herrschaftslosigkeit. Daß diejenigen, die nach Herrschaft streben oder sie ausüben, einen Zustand der Herrschaftslosigkeit mit Unord­nung oder gar Chaos gleichsetzen, ist von deren Standpunkt aus begreiflich, weil sie damit ihre eigene Herrschaft zu rechtfertigen versuchen, aber es ist eben tendenziöse Pro­paganda. Denn es hat noch keine Epoche der Menschheitsge-

 

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schichte, auch in deren ersten Anfängen und der Vorgeschich­te nicht, gegeben, in der ein Zustand wirklicher Anarchie be­standen hätte. Dies liegt daran, daß Anarchie eine gewisse Zivilisations- und Erkenntnisreife, auch Erfahrungen voraus­setzt, was alles erst seit etwa Anfang des vergangenen Jahr­hunderts in ausreichendem Maße gegeben ist. Daher ist mangels entsprechender Erfahrung die Behauptung völlig aus der Luft gegriffen, daß Anarchie identisch mit Un­ordnung oder gar Chaos sei. Hingegen liegen mehr als aus­reichende Erfahrungen mit ihrem Gegensatz, der Herrschaft, vor, die fast stets auch mit Ausbeutung Hand in Hand ging, gegen die zu allen Zeiten die Menschen sich immer wieder empört haben, weil sie in die sozialen Beziehungen stets Un­ordnung brachte und in Kriegen und Bürgerkriegen chaotische Zustände schuf.

 

Demgegenüber ist die Freiheit - und die wirkliche Freiheit, die gleiche Freiheit Aller ist identisch mit Herr-schaftslosigkeit - nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung. Un­ordnung ist immer die Folge von Streit und Streit entsteht un­vermeidlich, wenn jemand einen anderen zu beherrschen, d.h. zu unterdrücken versucht. Die gleiche Freiheit Aller schließt von vornherein den Großteil all jener unüberbrückbaren Gegen­sätze aus, die bisherige Ursache von Differenzen und Streit­handlungen waren und reduziert diese auf die Ausnahmefälle, in denen sich jemand noch offen zu aggressiver Gewalt und zum Faustrecht zu bekennen wagt. Alle jene Anlässe zu Strei­tigkeiten aber entfallen, in denen Ansprüche gegen andere sich auf unbeweisbare Behauptungen stützen - und das waren bisher im Weltanschaulichen so ziemlich alle!

 

Die Herrschaftslosigkeit, die Anarchie, die gleiche Freiheit Aller, bietet zudem jedem das Maximum an Frei-heit für seine Bestrebungen, das überhaupt möglich ist und allein schon dadurch schränkt sie die Möglichkeit von Differenzen ein.

 

Zu den wenigen rühmlichen Ausnahmen, die, statt Unsinn über Anarchie und Anarchismus zu äußern oder gar diese Begriffe zu verleumden, sie sachlich zutreffend darstellten, gehört Professor Dr. Ulrich Klug (derzeit Justiz Senator in Hamburg), der 1966 auf einer Anwaltstagung in Köln äußerte, daß zumindest theoretisch denkbar sei, daß niemand herrsche. Der

 

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wertfreie Begriff der Anarchie bedeute aber zunächst nur dies. Die mit ihm allgemein verbundene Vorstellung vom primär Bösen, von der chaotischen Unordnung sei "Vernebelung von harten Machtpositionen durch Theo-rienmystik". Gerade der Begriff der chaotischen Anarchie sei ein Widerspruch in sich selbst. Wenn niemand herrsche, sei folglich auch niemand unterworfen. Das Nebeneinander Nichtunterworfener setze aber Ordnung voraus. Wenn Anarchie aber Ordnung bedeute, müsse sie auch zum Rechtsbegriff werden können, da das Recht nur eine Sonderform der Ordnung sei. In der Tat zeig­ten Beispiele, daß dies möglich sei.

Zu nennen sei hier zunächst die Völkerrechtsordnung. Da es eine Herrschaft im Sinne der Möglichkeit, Normen zu erlas­sen und ihre Beachtung notfalls zu erzwingen, einem souve­ränen Staat gegenüber nicht geben könne - andernfalls fehle die Souveränität -, sei diese Ordnung geradezu ein Muster­beispiel für eine geordnete Anar-chie. Sie bedeute Gleichord­nung aller, das Modell eines runden Tisches, an dem gleich­berechtigte Partner sit-zen. Die den Straßenverkehr regeln­den Vorschriften - "weder mehr Pferdestärken noch etwas anderes vermag Vorrechte zu verleihen" - und das moderne Eherecht mit seinem Prinzip der Gleichberechtigung der Ehe­gatten - "niemand ist unterworfen, niemand herrscht" - waren weitere Beispiele.

Letztlich würden sich sogar die wesentlichsten Voraussetzun­gen der Rechtsstaatlichkeit, wie Freiheit, Gleich-heit, Gewal­tenkontrolle und Gesetzlichkeit, als das von der Anarchie an­gestrebte Ziel ergeben. Wo daher Herr-schaftspositionen an­gestrebt würden, durch die die anarchische Gleichordnung ge­fährdet werde, sei die Rechts Staatlichkeit in Gefahr und die sogenannte Staatsverdrossenheit durchaus am Platze.

 

Der Maßstab für echten Anarchismus

 

Der Maßstab, ob jemand wirklich Anarchist ist oder nicht, liegt darin, ob er selbst darauf verzichtet, andere be-herr­schen zu wollen oder nicht, d.h. ob er freiwillig und aus Prinzip die Grenze der gleichen Freiheit Aller (mit allen Konsequenzen) achten, sich der Aggression durch Verlet-

 

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zung dieser Grenze enthalten und auch bei unabsichtlicher oder fahrlässiger Verletzung dieser Grenze Wieder-gutma­chung leisten will.

 

Wer nur selber nicht beherrscht werden möchte, ist noch lange kein Anarchist, denn das wollen ja auch die meisten Nicht-Anarchisten und erst recht die Herrschsüchtigen. Der echte Anarchist stellt also die Freiheit der anderen im Grun­de der eigenen voran, indem er sie ihr gleichstellt. Ist dies nicht eigentlich ein Muster für das, was man - mit einem schlecht gewählten Ausdruck, aber jedenfalls in Richtung dessen, was man damit meint  - "demokratisches Ver­halten" nennt?

 

Herrschaft, d. h. der Anspruch, das Verhalten anderer ge­gen deren Willen so zu bestimmen, daß dabei die eige-ne Freiheit zu Lasten der Freiheit jener anderen vermehrt wird, geht nicht immer nur von bewußter persönlicher Willkür aus; viel öfter beruht der Herrschaftsanspruch auf der eigenen Be­sessenheit von einer Idee oder Vor-stellung, der Betreffende wird selber so "beherrscht" von dieser, daß ihm gar keine Zweifel an deren Realität und daran kommen, daß auch alle anderen diese anerkennen müßten. Dies wirkt sich besonders verhängnisvoll dann aus, wenn es sich um ein "Ideal" irgend­einer Menschheitsbeglückung handelt, wobei der Betreffende auf seine gute Absicht und seine bessere Erkenntnis gegen­über der vermeintlichen Einsichtslosigkeit oder Torheit jener pocht, gegen die er aggressiv wird. Ob aggressive Gewalt je­doch zum Zwecke der Unterdrückung oder aber zu dem der Beglückung verübt wird, läuft auf dasselbe hinaus; immer ist dabei einer, der bevormunden und gegen den Willen anderer bestimmen will, was diese tun sollen, und der damit für sich ein Mehr an Freiheit auf Kosten der Freiheit jener anderen beansprucht.

Jeder Zwang ist aber nur soweit zulässig, wie er die Grenze der gleichen Freiheit Aller verteidigt; durch Über-schreitung dieser Grenze wird er zur Aggression.

 

Auch der innerlich Unfreie, der von einer Idee oder Vorstel­lung Besessene, der in seiner Entwicklung gehemm-te oder in seinem Charakter Verklemmte, kann ein echter Anarchist sein; denn der Anarchismus geht nicht von "Idealmenschen",

 

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sondern von den konkreten Menschen aus, wie sie sind, und die gleiche Freiheit Aller ist nur ein rein äußer-liches Ver­hältnis gegenseitiger Nicht-Aggression, wobei Solidarität er­wünscht ist und im gegenseitigen In-teresse liegt , aber keine conditio sine qua non darstellt.

 

Es wurde bereits erwähnt, daß der Anarchist auch bereit sein muß, in allen Streitfällen neutrale Schiedsgerichte anzuerken­nen und sich deren Urteil zu beugen, auch wenn es gegen ihn ausfällt, d.h. daß er sich nicht zum Richter in eigener Sache machen darf; wobei sich von selbst versteht, daß solche Schiedsgerichte nach dem Prinzip der gleichen Freiheit ent­scheiden müssen, das für jede konkrete Situation einen Waage­ähnlichen klaren Maßstab bietet.

 

Die einzigartige Besonderheit des Anarchismus

 

Was den Anarchismus von allen anderen Systemen einer Ge­sellschaftsordnung unterscheidet, ihm sogar einen einzigar­tigen Vorrang vor jenen sichert, ist - im Gegensatz zu allen religiös oder ideologisch fundierten - seine Basis in der Erfahrungswirklichkeit. Er sagt nicht: so soll es sein (weil "Gott" oder eine "Offenbarung" oder "mein Gewissen" oder eine "Moral" oder die "Natur oder ein "Entwicklungsge­setz" oder die "Gerechtigkeit" es so bestimmt hat - wobei jedoch sogar die Anhänger desselben Prinzips, geschweige denn die verschiedener,  sich über die Konsequenzen uneinig sind und auch nie sich werden einigen können), son­dern so ist es (und zwar beweiskräftig mit den Mitteln, die unserem Erkenntnisvermögen zur Verfügung stehen): nämlich es gibt zwei Verhaltensweisen, zwischen denen man wählen muß. Entweder Proklamierung des Faustrechts, das nur sich, auf Kosten anderer, durchsetzen will, indem es eine Verständigung ablehnt; oder aber den Willen zur Ver-stän­digung mit den Mitmenschen, weil das Faustrecht abgelehnt wird, wobei diese Verständigung nur auf der Basis der glei­chen Freiheit Aller von Dauer sein kann. Denn jede Lösung, welche den einen ein Mehr an Frei-heit auf Kosten der glei­chen Freiheit anderer gibt, muß immer wieder zur Empö­rung der Benachteiligten und zu unvermeidlichen Kämpfen

 

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führen. Welche weitgehenden Konsequenzen das Prinzip der gleichen Freiheit Aller hat, wurde im vorange-gangenen Ka­pitel erläutert.

 

Wer sich für das Faustrecht entscheidet, dem geschieht nur "Recht", d.h. das von ihm selbst gewählte und an-erkannte "Recht", und er kann sich nicht beklagen, wenn ihm mit glei­chen Mitteln begegnet wird.

Wer hingegen die Verständigung wählt, findet eine feste Ba­sis für diese gerade in der beweisbaren Tatsache, daß unse­re Erfahrungswirklichkeit keinen Maßstab dafür bietet, wie die Beziehungen zwischen den Einzelnen und den Gruppen ge­regelt sein sollen; so daß also von Natur aus der Einzel­ne den anderen Einzelnen und Grup-pen gegenüber rechtlos und pflichtenlos solange dasteht, bis er selber durch Vereinbarung mit jenen Rechte und Pflichten begründet, für die sich logi­scherweise nur der Rahmen der gleichen Freiheit Aller anbie­tet.

 

Denn alle über unsere Erfahrungswirklichkeit hinausgehenden - also metaphysischen - "Erkenntnisse" sind naturnotwendig unbeweisbar; d.h. es bleibt unbeweisbar, ob jene überhaupt Erkenntnisse von Wirklichkeits-charakter und nicht vielmehr bloß gedankliche Vorstellungen und Einbildungen sind, unbe­weisbar also, ob nicht gerade das Gegenteil des Behaupteten "wahr" ist. Wie aber Forderungen, die aufgrund unbeweisba­rer Be-hauptungen erhoben werden, behandelt werden müssen, zeigt die Praxis aller zivilisierten Gerichte.

 

Daß Handlungen, die aufgrund unbeweisbarer Sollensregeln in die Freiheit anderer gewaltsam, d.h. gegen de-ren Willen, ein­greifen und auf deren Kosten den eigenen Freiheitsspielraum zu erweitern suchen, aggressiv sind, das ist heute dem durch­schnittlichen Begriffsvermögen ebenso klar zu machen, wie es z.B. dem der Steinzeit unzugänglich war.

 

Deshalb konnte es in der Steinzeit - wenn es da möglicherwei­se auch landstrichweise mangels näherer Kontakte der Grup­pen (oder Horden) keine gegenseitige Einwirkungsmöglichkeit und damit keine Beherrschungsver-suche, auch nicht innerhalb der eigenen Gruppe, gegeben haben mag, und auch noch lange danach, z.B. im Mittelalter, keine echte Anarchie gegeben

 

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haben, weil diese stets den bewußten Willen voraussetzt, an­dere nicht zu beherrschen und die eigene Freiheit nicht auf deren Kosten zu erweitern.

 

Auch im Mittelalter war Anarchie noch nicht denkbar, weil man da noch fast ausnahmslos Geglaubtes für Ge-wußtes hielt, ganz wie in den Urzeiten, als man noch die Realitäten der Er­fahrungswirklichkeit nicht von bloßen Vorstellungen und Phan­tasieprodukten zu unterscheiden wußte und letzteren ebensoviel Wirklich-keitscharakter zuschrieb wie den ersteren. Die­ser Zustand einer primitiven Bewußtseinslage hält ja noch heu­te bei den meisten Menschen an und daher sind Holzhammer­methoden selbst gegenüber Hochgebildeten notwen-dig, die im allgemeinen zwar schon durchaus kritisch zu unterscheiden vermögen, oft jedoch noch an ihren speziellen fixen Ideen haf­ten, deren Charakter als eingewurzeltes Vorurteil, bloßer Glaube oder rein gedank-liche Vorstellung ihnen nicht zu Bewußtsein kommt.

Das führt mitunter zu geradezu grotesken Äußerungen. So be­klagte der an die Unübertrefflichkeit der parla-mentarischen Demokratie gläubige F.K. Fromme (FAZ, 16.12.76), daß die Weimarer Republik "es nicht schaffte, in den ihrer Herrschaft Unterworfenen die Gewißheit zu erwecken, diese Herrschaft sei legitim. Sie wurde - allenfalls - als notdürftig 'legal' an­erkannt. ... Nur wenige Parteien der Weimarer Zeit strebten nach einer Identität zwischen Herrschaftsform und Herrschaftsunterworfenen".  

Die Unterworfenen sollen also die Herrschaft und ihre eigene Unterwerfung als "legitim" selbst billigen!  Und der Tiger, der nach Identität mit dem Lamm strebt, indem er es frißt, wird als Vorbild hingestellt!

 

Alle bisherigen Systeme der Gesellschaftsordnung haben ausnahmslos eine unhaltbare Basis; sie müs­sen sich mit den im 6. Kapitel ("Die neue Basis") dargelegten Fakten auseinandersetzen und diese künftig berücksich-tigen. Dabei wird klarwerden, daß dies bisher nur seitens des Anar­chismus mit allen Konsequenzen geschehen ist.

Es gibt noch einen weiteren grundlegenden Unterschied zwi­schen dem Anarchismus und allen anderen Sys-temen einer Ge­sellschaftsordnung: während diese anderen sämtlich ihr System an die Stelle aller anderen setzen und sie somit verdrängen

 

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wollen, hat der Anarchismus diese Absicht nicht, sondern läßt im Rahmen der gleichen Freiheit Aller jeder Weltan­schauung und jedem anderen System einer Gesellschaftsord­nung die freie Entwicklungsmöglichkeit in einer entsprechen­den Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaft, ohne also alles in ein einheitliches Schema bringen zu wollen.

Der da­bei zu beachtende Grundsatz der gleichen Freiheit Aller ist ja kein Schema, sondern die denknotwendige Voraussetzung für diese Vielfalt. Es sei an den bereits zitierten Goethe-Spruch erinnert. Man braucht auch nur, wie es von Kant (der übrigens auch gesagt hatte: "Anarchie ist Freiheit ohne Ge­walt ) dem Sinne nach gemeint war, an die Stelle des von ihm gebrauchten Begriffs "das Recht" eben "die Anarchie" oder "die gleiche Freiheit Aller" zu setzen, um ihm zuzustim­men, daß dies

".. .ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des Einen mit der Willkür des Ande­ren nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann".

 

Der Ausgangs- und Mittelpunkt, um den   sich alles dreht

 

In der heutigen Begriffsverwirrung und dem Denkchaos hin­sichtlich der sozialen Beziehungen spielt der Aus-gangspunkt eine Hauptrolle. Dieser ist für den Anarchismus der Einzel­mensch, und zwar das konkrete Indivi-duum, in seiner von al­len anderen Individuen so unendlich verschiedenen Vielfalt, dessen Realität nach den Maßstäben der Erfahrungswirklich­keit unbestreitbar ist; also nicht etwa die Abstraktion ei­nes Einzelmenschen, der dann leicht angebliche Bedürf­nisse und Notwendigkeiten unterstellt werden können, wel­che zumindest eine große Zahl der konkreten Einzelnen überhaupt nicht hat.

 

Alle Thesen, welche dem Einzelnen einreden möchten, daß er "eigentlich" gar keine selbständige Existenz ha-be, daß er vielmehr Teil eines "Organismus" oder bloßes Glied eines "größeren Ganzen" und dessen Gesetzen unterworfen sei, ja daß er überhaupt nur in seiner Einbildung existiere und die "wahre Wirklichkeit" in den Ideen läge - alle diese Thesen

 

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werden nicht etwa von diesen angeblich "höheren Wesenhei­ten", indem sie selbst in Erscheinung treten, vorge-tragen, sondern immer nur von - irgendeinem der so "nichtigen" Einzelnen; dieser kann dabei weder einen Be-weis für die tat­sächliche Existenz jener von ihm nur behaupteten "höheren Wesenheiten", noch - diese Existenz einmal vorausgesetzt - einen Beweis seiner Legitimation, für jene zu sprechen und ihren Willen richtig zu in-terpretieren, erbringen.

Die Gesellschaft ist nach Berdjajeff ("De l'esclavage et de la liberté de l'homme", Paris 1963) "kein Organis-mus, son­dern eine Zusammenarbeit" und dieser Begriff entspricht dem des 'Bündnisses',  den Proudhon  ver-wendet.  In die­ser Sicht ist die Gesellschaft nicht mehr eine Kollektivität, für die jedes Glied ein gelehriger Ge-fangener sein soll, son­dern eine Gemeinschaft freier, verantwortlicher Personen, deren Selbständigkeit so groß wie möglich sein soll", sagt dazu auch Jean Marie Muller ("Gewaltlos", Luzern-München, 1971).

 

Dabei spielen oft auch noch plumpe logische Schnitzer und Begriffsvertauschungen eine Rolle; z.B.wenn man mit dem Begriff "Volk" scheinbar einen offenbar der Erfahrungs­wirklichkeit angehörenden gebraucht (dies je-doch nur, so­weit er eben alle einzelnen Angehörigen des betreffenden Volkes umfaßt, und ohne dem Einzelnen angeborene "Rech­te" oder "Pflichten" gegenüber dieser Gesamtheit anzudich­ten); während man dann mit der Geschicklichkeit eines Falsch­spielers einen ganz anderen "Volks"-Begriff damit gleich­setzt, bei dem die angeb-lichen Repräsentanten dieses "Vol­kes" bestimmen wollen, welche einzelnen Angehörigen dieses "Volkes" und daß gegebenenfalls alle Einzelnen sich den angeblichen Interessen dieses "Volkes" zu opfern haben, das somit keine konkrete Zusammenfassung der Einzelnen, son­dern die ideologische Abstraktion eines metaphysischen Göt­zen ist.

 

Dieselbe, oft unbewußte, Vertauschung nur aus mangelndem logischem Unterscheidungsvermögen und aus übler Gewohn­heit, findet auch bei anderen Begriffen statt, z.B. dem des Proletariats. Die "befreite Arbeiter-klasse" ist beileibe keine Summe nunmehr freigewordener einzelner Arbeiter, sondern eine Fuchtel und Fäl-schung derer, die - in der Mehrzahl nicht

 

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selber Arbeiter, sondern Intellektuelle - sich angemaßt ha­ben, allein und diktatorisch zu bestimmen, was dem "Klas­seninteresse" entspreche, was das "richtige Bewußtsein" zu enthalten, und was aus ihm zu verschwinden habe. Die totale Unmündigkeit und totale Abhängigkeit der "Befreiten", umfas­sender als je zuvor gegenüber einem absoluten Herrscher, wird auch nicht durch einzelne materielle Verbesserungen wesentlich gemildert; denn diese sind ein Nichts gegenüber den ihnen durch die Bevormundung auf Grund einer zum Teil mangel-haften, zum Teil geradezu falschen Theorie vorent­haltenen, die nur die gleiche Freiheit Aller bieten kann. Eben

diese aber wird von jenen Begriffsjongleuren im Namen eines angeblich allein selig machenden Glaubens-Dogmas verneint. Wobei die tollste Verdrehung darin besteht, dies Glaubens-Dogma als Ergebnis objektiver Wissenschaft auszugeben.

 

Wohlgemerkt: in der Anarchie enden nicht die Versuche, über unsere Erfahrungswirklichkeit hinaus in mögli-cherweise exi­stierende (wenn auch unbeweisbare) "höhere Wirklichkeiten" vorzustoßen; es enden also weder die religiösen noch die ideo­logischen Vorstellungen, es endet kein Glaube. Im Gegenteil: all dies findet seinen nunmehr endgültig gesicherten Rückhalt im Grundsatz der gleichen Freiheit Aller und in deren Gren­zen auch die freie Betätigung.

Aber es endet der Wahn, daß die eigene "heilige Überzeugung", die nicht beweisbare Behauptung, ein "Recht" gäbe, al­le anderen der eigenen Meinung zu unterwerfen, in ihre Frei­heitssphäre einzudringen und die eigene Freiheit auf Kosten der anderen zu erweitern.

 

In der Anarchie also scheiden sich die Geister, d.h. diese Entscheidung fällt bereits in jedem Einzelnen, bevor noch allgemein ein Zustand der Anarchie, der Herrschaftslosigkeit, eingetreten ist: die einen erklären sich für das Faust­recht, müssen das nunmehr aber ohne die bisherigen Verhül­lungen durch "höhere Rechte" und "Höhe-res" überhaupt, wie z.B. "das Klasseninteresse", tun. Denn das, was heute erst Gemeingut einer winzigen Min-derheit von Soziologen und Er­kenntnistheoretikern, sowie der teils auf diesen Erkenntnis­sen aufbauenden, teils rein instinkthaft nach ihnen lebenden Anarchisten ist, wird, wenn erst einmal der Durchbruch die­ser im Grunde so einfachen Erkenntnis erfolgt ist, bald auch

 

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jedem Kinde geläufig sein. Dann wird jedermann einen verläßlichen, konkreten Verhaltensmaßstab für jede Situation haben.

 

Die nach Verständigung strebenden haben ein gemeinsames Interesse, die Anhänger des Faustrechts abzuweh-ren. Da ein dauerhafter Zustand der Übereinkunft gar nicht anders mög­lich ist, als auf der Grundlage der Vor-rechtslosigkeit und Gleichberechtigung, der gleichen Freiheit  Aller, ist  auch unumgänglich und unvermeidbar, daß die überwältigende Mehr­heit schließlich zu bewußten Anarchisten wird. Denn diejenigen, die sich offen für aggressive Gewalt erklären, dürften unter heutigen Verhältnissen ohnehin eine nur kleine Minderheit sein und mit ihnen wird kurzer Prozeß gemacht, wenn sie trotz War­nung als ständige Ruhestörer und Angreifer sich be-tätigen.

 

Selbstverständlich wird es teils impulsive, teils aus Torheit oder sogar Gutgläubigkeit erfolgende Eingriffe Einzelner in die Freiheit anderer immer geben, und sogar Grenzfälle, in denen eine bewußte Verletzung des Prinzips - beispielsweise, um jemand am Selbstmord zu hindern - in der Absicht erfolgt, das (in der Sicht des Beurteilers!) wohlverstandene Interesse des Betreffenden, der sich über dieses anscheinend vorüber­gehend nicht im Klaren ist, zu wahren. Wenn solche Verletzer des Prinzips bereit sind, die Verletzung anzuerkennen und ge­gebenenfalls auch Wiedergutmachung zu leisten, selbst dann, wenn sie "in bester Absicht" handelten, - aber eben keine noch so gute Absicht kann einen aggressiven Eingriff in die Frei­heitssphäre anderer rechtfer-tigen! - sind sie nichtsdestowe­niger konsequente Anarchisten.

 

Nur wenn man vom konkreten Einzelnen als einer beweisbaren Realität ausgeht, vermeidet man die Gefahren, die sich bei Kollektiven durch die Vertauschung der Realität mit einer Ideologie oder auch einer personifi-zierten Abstraktion, d.h. einer Gedankenspielerei, ergeben, die in der Erfahrungswirklichkeit keine Stütze fin-det. Diese Vertauschung fand auch bei Marx statt, der zwar behauptete, vom wirklichen, konkreten Menschen auszugehen, diesen dann aber als "En­semble der gesellschaftlichen Verhältnisse" definierte, also als blutleere Abstraktion ohne individuelle Eigenart, wobei er sich über das "falsche Bewußtsein" des konkreten Einzel-

 

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nen zum Richter aufwarf und ihm das "Ideal" des nach sei­nen Vorstellungen "richtigen" Menschen zur "Auf-gabe" setzte, zu deren Erfüllung er ihn diktatorisch zwingen woll­te, weil er sich ebenso erleuchtet und unfehlbar dünkte, wie jeder andere Prophet. Dabei wandelte er jedoch nur getreu in den Spuren der deutschen idealisti-schen Philosophie, denn der "Materialismus" seiner Geschichtsauffassung liegt nur in der Benennung, da ja ein zielstrebiges "Entwicklungsgesetz" nichts anderes ist als ein göttlicher Wille und der Hegel'sche Weltgeist in neuer Verkleidung.

 

Ganz abgesehen von der zumindest mangelhaften, wenn nicht überhaupt fehlenden Begründung dieses angeb-lichen Entwick­lungsgesetzes durch Marx, wobei dieser willkürlich nur sol­che Fakten auswählte, die in seine Theorie paßten, ihr entge­genstehende jedoch unberücksichtigt ließ, fällt jede die Selbst­bestimmung und den Eigenwillen des Einzelnen, sowie die glei­che Freiheit Aller einschränkende "Aufgabenstellung" aus dem Rah-men der Erfahrungswirklichkeit, also des wissenschaftlich Erfaßbaren hinaus und in die Kategorie der (in ihrem Wirklich­keitscharakter unbeweisbaren) Ideologien und bloßer Propagan­da für ein subjektives Ideal.

 

Demgegenüber steht der Anarchist auf dem wissenschaftlich gesicherten, unerschütterlichen, realistischen Standpunkt, daß jeder fremde Wille, der unter Berufung auf eine "Aufga­be" (als Mensch, als Volksgenosse, als Staatsbürger, als Klassengenosse oder sonst etwas) oder unter Berufung auf ein göttliches, sittliches, morali-sches, natürliches oder sonstiges Gesetz seinen eigenen Willen beugen will und dabei die Grenze der gleichen Freiheit für Alle überschreitet, nichts anderes ist als aggressive Gewalt, die sich hinter unhaltbaren "Be­gründ-ungen" zu verstecken sucht. Solange sein eigener Wille und sein Handeln sich innerhalb jener Grenze hält, die dadurch gezogen wird, daß er nicht allein auf der Welt ist, sondern zu­sammen mit anderen, die eine gleiche Freiheitssphäre und Handlungsfreiheit wie er selbst beanspruchen, hat sein Han­deln - mag es auch "objektiv" unvernünftig und für ihn selber schädlich erscheinen - frei von fremder gewaltsamer Einmi­schung zu bleiben, und erst recht natürlich dort, wo eine sol­che nur erfolgt, um ihn einer Idealvorstellung des Aggressors anzu-passen oder einer Vorstellung, die dieser von vorgegebe-

 

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"Rechten" und "Pflichten" hat, also solchen, die nicht auf freiwilligen Vereinbarungen beruhen.

 

Konkret gesagt: der Anarchist lehnt nicht nur den Staat als Zwangsorganisation und Hauptaggressor aus Prinzip ab, son­dern jede Zwangsorganisation, die sich innerhalb oder außerhalb des Staates als dessen Nachfolgeor-ganisation etab­lieren möchte, insbesondere natürlich jede Diktatur, eine fremde ebenso wie die eigene!

Auch Gemeinden, Kommunen oder irgendwelche sonstige Gruppierungen haben kein Recht, die gleiche Frei-heit Aller in irgendeiner Weise einzuschränken, außer mit Zustimmung der Betroffenen. Zwangsversicherungen und Zwangskörper­schaften jeder Art müssen ebenso entfallen wie alle Privile­gien, Mono- und Oligopole.

 

Aber nicht nur jene Gesetze, welche der gleichen Freiheit Aller widersprechen, müssen verschwinden, sondern auch alle Sitten und Gewohnheiten, die dies tun und oft noch ein­schneidender wirken als ein Gesetz! Auch in den Familien muß jeder Rest von Herrschaft, jede Benachteiligung sowohl der Frauen wie der Kinder, ver-schwinden.

 

Nicht alle Gesetze freilich zielen auf Einschränkung der glei­chen Freiheit Aller, sondern einzelne, wenigstens ihrer Ab­sicht nach, auch auf deren Schutz, wenngleich oft in unzweck­mäßiger Weise. Diese können ihrer Ten-denz nach durchaus bestehen bleiben, indem sie von den Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften, die an die Stelle des Staates treten, übernommen werden.

 

Diesbezüglich liegt eines der unsinnigsten Mißverständnisse des Anarchismus vor: die Abschaffung des Staates soll ja ge­rade wegen dessen verbrecherischer Aggressivität erfolgen, weil der Anarchismus sich gegen jede ag-gressive Gewalt wendet; sie bedeutet keineswegs, daß zugleich auch jene Be­schränkungen verbrecherischen Handelns entfallen sollen, z.B. von Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, Raub, Diebstahl, Betrug usw., wie sie in einer Teilfunktion des Staates (die von den meisten irrtümlich als dessen Hauptfunktion angesehen wird) bisher erfolgten. Anarchie oder Herrschaftslosigkeit bedeutet keinen Verzicht auf die orga-nisierte Vertei-

 

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digung von Leben, Freiheit, berechtigtem Eigentum, son­dern hat gerade diese organisierte Verteidigung, auf

freiwil­liger Basis, zur selbstverständlichen Voraussetzung.

Mit anderen Worten: die bestehenden Staaten wären für Anar­chisten dann akzeptabel, wenn sie aus ihren Ver-fassungen und ihrer Praxis alle Privilegien, Mono- und Oligopole ausschal­ten und die gleiche Freiheit Aller als ihr Grundgesetz über­nehmen würden.

(J.Z.: Unter Freiwilligen könnten auch Privilegien, auf deren Kosten und Risiko, aufrechterhalten werden. Grundsätzlich wird von ihnen nur das Austrittrecht für ihre Mitglieder und die Anerkennung der Grundrechte verlangt, deren Anerkennung die Mitglieder anderer Rechtsgemeinschaften für sich in Anspruch nehmen. - J.Z., 6.4.04.)

 

Nicht nur für Institutionen gilt das anarchistische Prinzip der gleichen Freiheit Aller, sondern für ausnahmslos   alle, auch die privatesten Beziehungen von Mensch zu Mensch. Es schließt z.B.ebenso die Belästigung und gesundheitliche Be­einträchtigung anderer durch übermäßigen Lärm, wie durch Verpestung der Luft, Ver-schmutzung des Wassers, Vergif­tung des Bodens aus, wie entsprechende Maßnahmen des Um­weltschutzes ein.

 

Immer ist der konkrete Einzelne, in seiner individuellen Ver­schiedenheit, dabei der Ausgangspunkt. Keine "Aufgabe", kei­ne "Pflicht" (außer selbstübernommener), kein "Ideal" steht über ihm; z.B. auch nicht das "Ideal" der Freiheit, selbst wenn man unter dieser die gleiche Freiheit Aller versteht. Denn diese ist kein "Ideal" in dem Sinne, wie man diesen Be­griff meist verstanden hat, sondern sie ist ein aus Überein­kunft sich ergebender Kom-promiß auf der einzig möglichen Basis, die von Dauer zu sein vermag, weil dabei niemand be­vorzugt oder be-nachteiligt wird; wobei dieser Kompromiß sich einerseits aus der gemeinsamen Ablehnung des Faust­rechts und der aggressiven Gewalt, und anderseits aus der Erkenntnis ergibt, daß mangels einer beweisbaren Existenz "höherer" Gebote oder angeborener "Rechte" oder "Pflich­ten" dieser Kompromiß die einzig mögliche Alter-native zum Faustrecht ist.

 

Alle Versuche, das "allgemeine Glück" oder das "größtmög­liche Glück der größtmöglichen Zahl" zu schaffen, liefen im­mer nur auf die Anmaßung und zugleich Unmöglichkeit hinaus, daß jemand darüber bestimmen will, was das Glück anderer ausmacht oder ausmachen soll.  Während der Anarchismus davon ausgeht, daß sich weder die Vorstellungen der Einzel­nen vom Glück, noch ihre Gefühle, ihre Wünsche und ihr Wille

 

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auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, so daß in Ach­tung der totalen Verschiedenheit aller einzelnen Menschen, deren absolute Einzigartigkeit Stirner mit Recht betonte, was auch von der modernen Anthropologie bestätigt wurde, es nur darauf ankommen kann, jedem Einzelnen eine so umfassende Freiheitssphäre wie mög-lich, gemäß seinem Willen, seinen Gefühlen, seinen Wünschen zu sichern, mögen diese allen anderen auch als noch so abwegig erscheinen. Wo­bei als einzige Grenze die gleiche Freiheitssphäre aller ande­ren sich ergibt, also keiner ein Mehr auf Kosten anderer bean­spruchen darf, was zugleich bedeutet, daß niemand Zwang ge­gen andere ausüben darf, es sei denn zur Abwehr aggressiver Handlungen von deren Seite.

 

Nur diese gegenseitige Nichteinmischung in die Souveränität aller Individuen ergibt auch eine unverfälschte Souveränität des "Volkes", das im nicht-ideologischen Sinn, nach den Maß­stäben der Erfahrungswirklichkeit, nur aus der Gesamtheit aller einzelnen Angehörigen besteht. Während die ideolo­gische Verfälschung dieses Begriffs, mit einem logischen Kurzschluß zudem, über den angeblichen Souverän den tatsäch­lichen einer Staatsbürokratie und die Diktatur von Institutionen setzt, die aus dem - zudem manipulierten - Willen nur eines Teiles des wirklichen Volkes entstanden sind. Wäre das Volk wirklich souverän, gäbe es weder eine Regierung noch Regierte mehr, jedenfalls nicht im heutigen Sinne, sondern nur noch freiwillige Mitglieder Autonomer Rechts- und Sozial­gemeinschaften, oder auch Nicht-Angehörige von solchen.

 

Eine Abstraktion des Begriffs der Freiheit führt ebenfalls in die Irre - die gleiche Freiheit Aller ist höchst kon-kret; denn in jedem Einzelfall läßt sich feststellen, ob die von dem einen beanspruchte Handlungsfreiheit größer ist als die des anderen, gegen dessen Willen und auf dessen Kosten. Es gibt solche, die behaupten, erst dann "wirklich frei" sein zu können, wenn alle frei sind, womit sie meinen, daß alle anderen auch in­nerlich frei wer-den und sich sogar von selbstgewünschten Ab­hängigkeiten lösen müßten. Das ist ein zwar begreiflicher, je­doch utopischer Wunsch, der zu der gefährlichen Folgerung führt, auch jene "befreien" (beglücken) zu wollen, die garnicht "befreit" (beglückt) sein wollen, weil ihnen z.B. Sicherheit mehr erstrebenswert erscheint als Freiheit. Die gleiche Frei­heit Aller schließt auch die ein, Sklave sein oder jedenfalls

 

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in freiwilliger Abhängigkeit von anderen verharren zu wollen.

 

Ebenso ist es eine Verfälschung des Begriffs der Freiheit in sozialer Beziehung, wenn z.B. die "echte Freiheit" darin ge­sehen wird, alle "frei" zu machen von materiellen Sorgen, was auf die totale Konsumfreiheit hinaus-läuft, also auf das Ideal des Kommunismus. Dies bedeutet in der Praxis die Aus­beutung der Fähigen durch die Unfähigen, der Fleißigen durch die Faulen, der Starken durch die Schwachen, und jedenfalls die totale Kon-trolle aller Produktionsmittel, und damit die entscheidende Kontrolle der wichtigsten menschlichen Lebens­äußerungen, durch übergeordnete Instanzen, ob sich diese nun Staat oder anders nennen.

 

 

In allen solchen Fällen eines falschen Freiheitsbegriffes wird diese sogenannte "Freiheit" zur Ideologie ge-macht, die sich als "Aufgabe" über die Einzelnen erhebt und von ihnen ver­langt, daß sie sich ihr anpassen. Aber die Anarchie verwirft jede Herrschaft, auch die einer solchen "Freiheit".

 

"Herrlicher ist nichts als der Mensch, der seine Ketten zer­bricht und sie seinem Unterdrücker ins Gesicht schlägt", sagt John Henry Mackay in seiner "Abrechnung"  (Berlin-Charlot­tenburg, 1932). Und er sagt dort auch:

 

"Was wißt ihr von ihr, der Freiheit? - So gut wie nichts. Ihr müßt ihre einfachsten Grundbegriffe erst lernen.

"Es gibt keine absolute Freiheit.

"Es gibt nur eine gleiche Freiheit Aller.

"Die gleiche Freiheit Aller beschneidet deine Freiheit, sobald du mit anderen in Berührung kommst - sie ist nicht mehr ab­solut (wie sie es wäre, wenn du allein bist).

"Du kannst nicht allein sein.

"Du brauchst die anderen.

"Sorge dafür, daß sie auch dich brauchen. Oder du bist erledigt.

"Was erwarten, was erhoffen wir noch, nachdem wir sie ver­stoßen haben, die uns allein noch retten kann? "Gedankenloser und Träger, der du dich von deiner Zeit ins Schlepptau nehmen und durch dein Leben ziehen lassest - eines Tages wird dich die Freiheit lehren und zwingen, auf deinen eigenen Füßen zu stehen.

" 'Was, die Freiheit zwingt?' -

 

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"Jawohl, sie wird euch in die Notwendigkeit versetzen, eure Angelegenheiten selbst zu vertreten, statt sie an-deren anzu­vertrauen."

 

Auch der nur defensiv sich gegen eine Aggression Verteidigen­de "zwingt" den Aggressor, von seinem Tun ab-zulassen. Klar­stellung und Präzision der Begriffe, die durch den Sprachge­brauch oft verwirrt sind, zeichnen den Anarchismus vor ande­ren Systemen einer Gesellschaftsordnung ebenfalls aus.

 

Der Anarchismus muß vom konkreten Einzelnen ausgehen und ihn auch in den Mittelpunkt seines Bezugssys-tems setzen, weil jedes Kollektiv, welches "Rechte" gegenüber dem Einzel­nen geltend macht (die dieser nicht selbst ihm zugestanden hat) mit einem unbeweisbaren Herrschafts anspruch auftritt; dabei ist noch zu berück-sichtigen, daß ein Kollektiv als sol­ches gar nicht selbst auftreten kann, sondern es sind immer wieder nur Ein-zelne, die im Namen des Kollektivs und als dessen Repräsentanten auftreten möchten. Deren Legitimation da-zu anerkennen, heißt aber nichts anderes, als die Herrschaft von Einzelnen über andere Einzelne anzuerkennen.

 

 

Die Sozialordnung des Anarchismus

 

Der Einzelne muß vor allem ökonomisch unabhängig sein - jeder Einzelne, - und daher auch allein über Pro­duktionsmittel verfügen können, wenn er dies, gegenüber ei­ner Zusammenarbeit mit anderen, vorzieht. Der gleichbe­rechtigte Zugang für jedermann zum Boden, die Beseitigung aller Privilegien und Monopole, sowie die Offenen Betriebs­assoziationen sorgen dafür, daß Privatbesitz an Produktions­mitteln nicht mehr in der bishe-rigen Form mißbraucht wer­den kann.

 

Diese Betonung des Einzelnen bedeutet weder dessen Isolie­rung noch Mangel an Solidarität; letztere aber muß freiwillig sein und darf nicht aufgezwungen werden. Im übrigen ist die soziale Gegenseitigkeit individuelle Notwendigkeit des Eigen­interesses.

 

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Der Marxismus sieht in der ökonomischen Ausbeutung durch private Kapitalbesitzer das eigentliche Übel; er verkennt die historische Rolle des Staates, der diese Ausbeutung nicht nur institutionalisiert, sondern - als seine Hauptaufgabe - auch ständig verteidigt und ihr noch eine zusätzliche, durch den Staatsapparat und für diesen selbst, hinzugefügt hat. Er setzt die Verstaatlichung der Produktionsmittel mit Abschaffung der (von ihm nie-mals genau definierten) Klassen gleich und erwar­tet davon das automatische Verschwinden des Staates - eine schon in sich widerspruchsvolle Theorie, die inzwischen durch die Volksdemokratien mit ihrer neuen Klassen-schichtung und ihrem totalitären Staatsausbau eindeutig widerlegt wurde. Vor allem hat die primitive Mehr-werttheorie des Marxismus, wel­che nur einen Faktor der Ausbeutung, und auch nur in der Produktionssphäre, erklärt und dabei die viel gewichtigeren von Zins und Grundrente übersieht, und die auch die Ausbeu­tung in anderen Wirtschafts- und Sozialsphären, wie z.B. der des Handels, übersieht oder gar leugnet, zu seinen fal-schen Schlußfolgerungen beigetragen.

 

Demgegenüber weist der Anarchismus nach, daß wirtschaftli­che Ausbeutung, politische Unterdrückung und geistige Gebun­denheit nur verschiedene Erscheinungsformen derselben Ursa­che sind - eines Herrschaftsver-hältnisses. Mit Beseitigung al­ler Herrschaftsverhältnisse endet daher nicht nur die wirt­schaftliche Ausbeutung,  sondern auch alle politische und gei­stige Unterdrückung. Dazu bedarf es keiner Diktatur, sondern lediglich einer Defensivorganisation gegen neue Aggressions­versuche.

Der Anarchismus ist das einzige gesellschaftliche System, das keinerlei Unterdrückung anstrebt, denn die bloße Abwehr von Aggressionen, d.h. Unterdrückungsversuchen, kann man nicht als solche bezeichnen. Er kämpft dafür, daß in seiner neuen Sozialordnung auch die bisher Herrschenden und Nutz­nießer dieser Herrschaft ebenfalls in den Genuß der gleichen Freiheit Aller gelangen. Er ist für größtmögliche Toleranz. Er ist jedoch nicht tolerant gegenüber der Intoleranz.

 

Denn selbstverständlich verläßt der Anarchismus sich nicht darauf, daß die bisherigen Unterdrücker, Nutz-nießer des Mo­nopolkapitalismus, aber auch die Anhänger von Herrschafts­prinzipien aus anderer Motivierung, insbesondere die Ideologie-

 

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gläubigen, die Bevormundungs- und gewaltsamen Beglückungssüchtigen, hinfort aus bloßer Einsicht Zurück-haltung üben. Schon um den Einzelnen, oft Schwächeren, vor Anrem­pelungen durch Betrunkene, Rowdys, Psychopathen zu schüt­zen, aber auch vor jeder Aggression, wie sie beispiels­weise auch der einseitige Bruch eines Vertrages darstellt, ist eine (J.Z.: mehrere!) nicht-aggressive,  rein defensive "Polizei" und sind Schieds-gerichte notwendig, was zu den wichtigsten Einrich­tungen der Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften gehört.

 

In den meisten von diesen wird auch, solange es auf der Er­de noch Staaten der heutigen Art gibt, zur Abwehr von deren Herrschaftsgelüsten eine Miliz für notwendig erachtet wer­den. Verschwinden müssen solche Staaten restlos, weil de­ren Existenz sich nicht nur gegen die eigenen "Staatsangehö­rigen", sondern gegen jedermann auf der ganzen Erde rich­tet; schon weil sie mit ihrem Monopolanspruch auf ein be­stimmtes Stück Erdoberfläche den gleichen Anspruch von je­dermann auf die ganze Erde einschränken,  (J.Z.: gegen?) "Ausländer" in ihrem

Gebiet diskriminieren und durch vielfältige Maß­nahmen, wie z.B. Zölle, Dumping-Preise und Exportsub­ventionen aus geraubtem Geld ständig auch über ihre Gren­zen hinaus wirkende Aggressionen begehen.

 

Rein äußerlich betrachtet, unterscheiden sich diese Autono­men Rechts- und Sozialgemeinschaften von den Staaten nur in folgenden - allerdings entscheidenden - Punkten:

 

1.)  Sie haben kein Gebietsmonopol, d.h. keine "Souveränität" im bisherigen Sinne innerhalb eines abgegrenz-ten Gebiets der Erdoberfläche. Ihre Mitglieder können - vergleichbar denen einer Kirche oder eines Vereins  - über die ganze Welt ver­streut leben.

 

2.)  Es gibt keinen Zwang der Zugehörigkeit zu diesen Autono­men Rechts- und Sozialgemeinschaften, sondern sie beruht auf Freiwilligkeit, ähnlich wie bei einer privaten Versicherung. Kündigungsfristen von etwa einem halben oder einem Jahr können vereinbart werden.

 

3.)  Als Grundgesetz von allen solchen Autonomen Rechtsund Sozialgemeinschaften muß die gleiche Freiheit Aller gelten, insbesondere nach außen, gegenüber Nicht-Mitgliedern. Intern, d.h. im Verhältnis nur unter den eigenen Mitgliedern, können durch die Verfassung auch Einschränkungen der Hand-

 

 

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lungsfreiheit der Einzelnen erfolgen, wobei deren Zustimmung dazu durch deren Beitritt erfolgt; eine Ein-schränkung kann aber auch nach dem Mehrheitsprinzip (wenn die Verfassung dies vorsieht) durch Gesetz erfolgen, wobei den diesem nicht Zustimmenden neben ihrem grundsätzlichen fristgemäßen Aus­trittsrecht ein außerordentliches gewährt werden sollte, so daß sie von dem betreffenden Gesetz nicht betroffen werden. Die freiwillige Einschränkung der gleichen Freiheit Aller für sich selbst widerspricht ja nicht deren Prinzip, son­dern nur die Einschränkung der gleichen Freiheit anderer ge­gen deren Willen und auf deren Kosten.

 

Während die Schlichtung von Differenzen unter Mitgliedern derselben Rechts- und Sozialgemeinschaft gege-benenfalls nach deren Sonderbestimmungen erfolgt, ist zweckmäßiger­weise in den Verfassungen aller Auto-nomen Rechtsgemeinschaften festzulegen, daß der Objektivität wegen keines ihrer Mitglieder seine Streitig-keiten mit den Angehörigen an­derer Autonomer Rechtsgemeinschaften gewaltsam austragen darf, sondern sie durch ein Schiedsgericht regeln lassen muß, das aus Vertretern der betreffenden Autonomen Rechtsgemein­schaften unter neutralem Vorsitz zusammengesetzt ist. Im Weltmaßstab kann auch ein oberstes Schieds- und Beru­fungsgericht vereinbart werden, das an die Stelle der heutigen UNO tritt, deren Mängel daraus resultieren, daß sie auf dem "Souveränitätsprinzip , d.h. dem Faustrechtsprinzip der heutigen Staaten aufbaut.

 

Die Anarchie schafft also nur die aufgezwungenen Gesetze ab, nicht jene, welche die Mitglieder der einzelnen Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften - zwecks nur interner Gel­tung - sich geben und denen sie sich freiwillig unterwerfen.

 

Anarchie und Herrschaftslosigkeit bedeutet jedoch nicht, daß nun jemand rein willkürlich und einseitig bestim-men darf, welche seiner Ansprüche an Tun und Lassen anderer diese -  seiner Meinung nach - zu dulden hätten. Denn gerade ge­gen solche Willkür von Einzelnen und Gruppen, wie sie bis­her insbesondere von den Staaten geübt wird, wendet sich ja der Anarchismus. Überall dort, wo keine freiwillige Zustim­mung der Betroffenen, keine Vereinbarung vorliegt, muß sich jeder Anspruch und jedes Handeln im Rahmen der gleichen

 

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Freiheit Aller halten, die einen exakten Maßstab bietet, und beide Streitteile müssen, um sich nicht von vorn-herein ins Unrecht zu setzen, bereit sein, ein neutrales Schiedsge­richt zu akzeptieren, mögen sie auch noch so überzeugt sein, daß ihr Rechtsanspruch evident sei.

 

Im Zustand der Anarchie, der Herrschaftslosigkeit, gibt es also echtes Recht, das aus Verträgen der verschie-densten Art entsteht, wobei für die Einhaltung dieser Verträge Schieds­gerichte mit Vollstreckungsvollmacht sorgen, weil jeder ein­seitige Vertragsbruch eine Verletzung des Grundprinzips dar­stellt, indem dabei der eine auf Kosten des anderen und gegen dessen Willen ein Mehr an Handlungsfreiheit für sich beansprucht. Wenn zwei in Streit geraten über einen Gegenstand oder ein Verhalten, hinsichtlich dessen keine vertragliche Rege-lung zwischen ihnen besteht, bietet das Prinzip der glei­chen Freiheit Aller in jedem Fall einen Maßstab für die Ent­scheidung durch ein neutrales Schiedsgericht. Gehört einer der Streitenden keiner Autonomen Rechts- und Sozialgemein­schaft an, oder lehnt er grundsätzlich die gleiche Freiheit Aller ab, indem er ein Vorrecht bean-sprucht oder sich als Anhänger des Faustrechts bekennt, so bekommt er es mit dem ganzen Gewicht jener Au-tonomen Rechts- und Sozialge­meinschaft zu tun, deren Mitglied sein Gegner ist und er fin­det auch bei keiner anderen Unterstützung. Es ist dann eine reine Zweckmäßigkeits- und Machtfrage, wie er behandelt wird. Will er auf gütliche Regelung durch ein neutrales Schiedsgericht nicht eingehen, kann man sich zunächst auf strikt defensive Abwehr seiner Aggression beschränken und für eine schließliche Verständigung mit ihm die Tür offen lassen, was die Regel sein sollte. Die defensive Abwehr schließt im übrigen einen Zwang zur Wieder-utmachung an­gerichteten Schadens, auch Kostenersatz der Abwehr, ein. Wiederholt der Störenfried jedoch die Aggression oder be­harrt er offen auf dem Faustrecht,  so können die Verteidiger der gleichen Freiheit Aller auch den Spieß umdrehen, das Faustrecht als Vertragsangebot des Aggressors betrachten und es nun ihm ge-genüber anwenden, mit allen zweckmäßigen Mitteln, die bis zur Vernichtung des unbelehrbaren Aggres­sors gehen können.

 

Reiner Unsinn ist also, wenn behauptet wird, in der Anarchie

 

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hätte jeder absolute, unbegrenzte Freiheit zu tun, was er wol­le, oder auch, sie sei ohne Rechtsordnung und mit Gesetzlo­sigkeit identisch. Noch unsinniger ist, wenn behauptet wird, mangels einer Schutzorganisation und jeder Organisation über­haupt könne dann der Starke über den Schwachen jederzeit her­fallen. Denn es sollen ja nur die Zwangsorganisationen ver­schwinden, denen man heute auch wider Willen angehören muß und die aggressive Gewalt praktizieren. Der Anarchismus ist entschiedenster Gegner der aggressiven Gewalt und damit, aus Prinzip, auch des Terrors.

 

Im Zustand der Herrschaftslosigkeit wird es an keiner Orga­nisation und keiner Einrichtung fehlen, die von einer Anzahl Teilnehmern für nützlich und notwendig gehalten wird, wäh­rend sie bereit sind, für deren Kosten selbst  aufzukom­men und sie nicht anderen gegen deren Willen aufzuerlegen.

 

Es wird dann auch für Alle viel mehr Handlungsfreiheit, d.h. Möglichkeiten, ihren speziellen Wünschen gemäß zu le­ben, geben, als dies heute in der freiesten Demokratie der Fall ist. Denn in ihren speziellen Autonomen Rechts- und Sozialgemeinschaften unterliegen sie ja nicht mehr den vie­len Widerständen, Kompromissen und Einschränkungen, die ihnen heute in der Zwangsorganisation Staat von den Anders­denkenden aufgezwungen werden.

 

Der Anarchismus - ein sozialistisches System

 

Der Anarchismus ist weder eine Bewegung, die nur auf die Befreiung des Proletariats abzielt, noch sieht er in der Be­freiung von Ausbeutung seine einzige, oder auch nur Haupt­aufgabe.

Denn unter den bisherigen Verhältnissen unterliegt keines­wegs nur der lohnabhängige Arbeitnehmer einer Ausbeutung, sondern die Herrschaft der Monopole und Privilegien und die daraus folgende Ausbeutung er-streckt sich - wenn auch in ver­schiedenem Grade - auf alle Konsumenten, also auf alle Be­rufsgruppen und jedermann; selbst Monopolisten und Privile­gierte der einen Art unterliegen ihr seitens der Monopolisten und Privilegierten der anderen Arten, wobei nur an den Haupt-

 

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monopolisten, den Staat, erinnert sei. Die Beseitigung der wirtschaftlichen Ausbeutung ist gewiß eine sehr wichtige Auf­gabe, aber durchaus nicht die entscheidende, schon weil sie nur eine der Folgeerscheinungen der Herrschaft ist.

Obwohl die Ausbeutung viel mehrgleisiger und weit umfassen­der ist, als die marxistische Verblendung dies erkannt hat, ist doch der tatsächliche Umfang dessen, was als sogenannter Mehrwert neben Zins und Grundren-te den Arbeitenden ent­zogen wird, verhältnismäßig unwichtig gegenüber der ungleich größeren Masse an Gütern, die insbesondere wegen der Rie­gelfunktion des Monopolzinses (J.Z.: des Geldmonopols!), aber auch wegen anderer Aus­wirkungen des Herrschaftssystems, überhaupt nicht produziert (J.Z.: oder verkauft!) werden können, obwohl die arbeitsmäßigen und technischen Voraussetzungen durchaus gegeben wären. Dies ist ein Scha­den, der nicht nur die Ausgebeuteten, sondern auch die Aus­beuter selbst trifft, während sie von dessen Ausmaß und Aus­wirkungen nichts ahnen.

(J.Z.: Unter der "unwirtschaftlichen" Ausbeutung hätte er hier wenigstens die Steuern erwähnen sollen, die viel grösser als die Monopol- und Zinsgewinne von gesetzlich privilegierten Unternehmen sind. - J.Z., 6.4.04.)

 

In vielen Ländern werden dadurch Millionen von Arbeitslosen zur Untätigkeit gezwungen, vorhandene Kapa-zitäten können nur zum Teil ausgenutzt werden und die an sich mögliche Schaffung neuer Produktionskapa-zitäten muß unterbleiben, obwohl ein enormes Quantum ungestillten Bedarfs allein schon der wider ihren Wil-len zur Arbeitslosigkeit Verurteilten deren Vollbe­schäftigung sichern könnte.

 

Auch in den Staats sozialistischen Ländern, die richtiger als staatskapitalistische zu bezeichnen sind, beweist der niedrige allgemeine Lebensstandard, daß es nicht allein auf gleichmäßi­gere Verteilung vorhandener Pro-duktions- und Konsum­mittel ankommt; denn die Kommandowirtschaft mit ihren stän­digen Planungsfehlern und Versorgungsengpässen, ihrer gerin­gen Leistungseffektivität, vermag nicht einmal mit dem Mono­polkapi-talismus zu konkurrieren, trotz dessen erwähnten Hemm­nissen, und natürlich erst recht nicht mit einer von allen Hemm­nissen befreiten Wirtschaft in der Anarchie.

 

Vor allem aber verwechselt der Marxismus Ursache und Wir­kung, indem er die politische wie auch geistige Beherrschung für eine Folge und bloßen Überbau der wirtschaftlichen Aus­beutung ansieht, während doch um-gekehrt die Herrschaft die Voraussetzung und Ursache der wirtschaftlichen Ausbeutung ist. Die Gläubigen an die "Volksdemokratie"  sind der irrigen Meinung, daß durch diese die "Herrschaft des Menschen über

 

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den Menschen" beseitigt werde. Tatsächlich aber wird die Herrschaft nur durch den Staat, d.h. die Partei, wel-che des­sen Funktionäre kommandiert, übernommen und zugleich totalisiert. Üben die Funktionäre des Staates und die noch über ihnen stehenden der Partei aber etwa keine Herrschaft aus und sind sie keine Menschen?

Selbst dort, wo der Unterschied im Einkommen solcher Funk­tionäre gegenüber dem Durchschnittseinkommen weniger groß und evident ist als zwischen Spitzen- und Durchschnittsverdie­nern der kapitalistischen Länder, genießen sie doch so viele versteckte Privilegien und liegt in den Händen der Herrschen­den in den Volksdemo-kratien doch ein so enormes Machtvolu­men und Prestige, daß dies den meisten mehr bedeutet als die Höhe des Einkommens. Vor allem besteht ein ungeheurer Un­terschied in der Freiheit der einen gegenüber der Freiheit der anderen - auf deren Kosten. Die Anarchisten sind der Meinung, daß dieser - nur durch aggressive Gewalt auf-recht erhaltene - Zustand zu verschwinden hat, so wie jede Herrschaft überhaupt.

 

Anarchisten sind Sozialisten, da sie nicht nur wirtschaftliche Ausbeutung, sondern auch jede sonstige Unter-drückung ableh­nen, nicht nur die ihnen selbst gegenüber ausgeübte, sondern insbesondere auch eigene Unter-drückung oder Ausbeutung an­derer. Ihr - der Ablehnung eigenen Beherrschtwerdens voran­gehender - Grund-satz, niemanden beherrschen zu wollen, kei­ne Aggression gegenüber der Grenze der gleichen Freiheit Al­ler verüben zu wollen, ist ein sozialer, d.h. mit Rück­sicht auf die Mitmenschen, die Gesellschaft geltender, und zu­gleich ein rationaler, auf unbestreitbare Tatsachen sich stützender, nicht-ideologischer Grundsatz. Aber sie sind dog­menfreie Sozialisten und jederzeit bereit, ihren Standpunkt zu revidieren, falls man ihnen Irrtümer nachzuweisen vermag.

 

Der Begriff des Sozialismus ist zu Unrecht von den Staatssozialisten okkupiert und monopolisiert worden, die zugleich unhaltbare ideologische Behauptungen aufgestellt haben. Sozia­listische, wenn auch nicht immer ideologiefreie, Denker, ohne staatssozialistische Scheuklappen, gab es lange vor Marx.

 

Im übrigen kann es natürlich auch Anarchisten geben, die von einer Ideologie ausgehen: wer z.B. den Grund-satz der gleichen Freiheit Aller für eine von Gott gesetzte Ordnung hält, oder

 

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für identisch mit "dem moralischen Gesetz in sich", das in jedermann gleich und unmißverständlich spricht, kann in sei­nem praktischen Verhalten ein musterhafter Anarchist sein; er verzichtet dann nur auf das stärkste Argument, mit dem er Andersdenkende zu der Erkenntnis bringen kann, daß, durch alle Irrungen hindurch, es schließlich keine andere Dauerlö­sung des Problems der Gesellschaftsordnung geben kann als die anarchisti-sche.

 

Benjamin R. Tucker, ein Vertreter des klassischen Anarchis­mus, hat in seiner Abhandlung über "Staatssozia-lismus und Anarchismus"  (Freiburg/Br., 1976) den Franzosen Ernst Lesigne zitiert:

 

"Es gibt zwei Sozialismen.

"Der eine ist kommunistisch, der  andere solidarisch.

"Der eine ist diktatorisch, der andere freiheitlich.

"Der eine ist metaphysisch, der andere positiv.

"Der eine ist dogmatisch, der andere wissenschaftlich .

"Der eine ist gefühlsmäßig, der andere nachdenkend.

"Der eine ist niederreißend, der andere aufbauend.

"Beide erstreben die größtmögliche Wohlfahrt Aller.

"Der eine trachtet das Glück Aller zu gründen, der andere, jeden in den Stand zu setzen, auf seine eigene Weise glück­lich zu sein.

"Der erste betrachtet den Staat als eine Gesellschaft sui generis, von einer besonderen Wesenheit, die Schöpfung eines sozusagen göttlichen Rechtes, außerhalb und über aller Ge­sellschaft stehend, mit besonderen Rechten und der Befug­nis ausgestattet, unbedingten Gehorsam zu erzwingen; der zweite betrachtet den Staat als eine Asso-ziation wie jede an­dere, gewöhnlich schlechter verwaltet als andere.

"Der erste proklamiert die Oberherrschaft des Staates, der zweite verwirft alle Herrschaft.

"Der eine will alle Monopole in den Händen des Staates wissen; der andere  wünscht die Abschaffung aller Monopole.

"Der eine will die regierte Klasse zur regierenden machen; der andere wünscht die Beseitigung aller Klassen. "Beide erklären, daß die herrschende Ordnung der Dinge nicht dauern könne.

"Der erste betrachtet die Revolution als unentbehrliches wirk­sames Mittel der Evolution; der zweite lehrt, daß Unterdrückung allein die Evolution in Revolution verwandelt.

 

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"Der erste glaubt an eine Umwälzung.

"Der zweite weiß, daß sozialer Fortschritt aus der freien Betätigung der Individuen erfolgen wird.

"Beide erkennen, daß wir am Eingang einer neuen Geschichts­periode stehen.

"Der eine wünscht, daß es nur noch Proletarier gebe. Der andere wünscht, daß es keine Proletarier mehr gebe. "Der erste will jedem alles nehmen. Der zweite will jeden im Besitze des Seinigen lassen.

"Der eine will jeden expropriieren. Der andere will jeden zum Eigentümer machen.

"Der erste sagt: 'Tue, wie die Regierung will'. Der zweite sagt: ' Handle nach eigenem Ermessen'.

"Der erste droht mit Despotismus. Der letztere verheißt die Freiheit.

"Der erstere macht den Bürger zum Untertanen des Staates. Der letztere macht den Staat zum Angestellten des Bürgers.

"Der eine erklärt die Notwendigkeit der die Geburt der neuen Welt begleitenden Wehen.

"Der andere erklärt die Schmerzlosigkeit alles wahren Fort­schritts.

"Der erste setzt sein Vertrauen in soziale Kriege. Der andere vertraut nur auf die Werke des Friedens.

"Der eine trachtet zu befehlen, anzuordnen, Gesetze zu geben. Der andere will das Minimum von Befehl, Verordnung und Gesetzgebung erreichen.

"Der eine würde die gräßlichste Reaktion zur Folge haben. Der andere eröffnet dem Fortschritt einen unbegrenzten Hori­zont.

"Der erste wird fehlschlagen; der andere wird durchdringen.

"Beide erstreben Gleichheit.

"Der eine, indem er zu hoch Stehende herunterzieht. Der andere, indem er zu niedrig Stehende emporrichtet.

"Der eine erblickt die Gleichheit im gemeinsamen Joch. Der andere will die Gleichheit der vollkommenen Freiheit.

"Der eine ist intolerant, der andere ist tolerant.

"Der eine schüchtert ein, der andere ermutigt.

"Der erste will jeden unterrichten. Der zweite will jeden in den Stand setzen,  sich selber zu un­terrichten.

"Der erste will jeden erhalten. Der zweite will jeden in den Stand setzen, sich selber zu

 

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erhalten.

"Der eine sagt: 

"Der Grund und Boden dem Staat.

"Das Bergwerk dem Staat.

"Das Werkzeug dem Staat.

"Das Produkt dem Staat.

"Der andere sagt: 

"Der Grund und Boden dem Bebauer.

"Das Bergwerk dem Bergmann.

"Das Werkzeug dem Arbeiter.

"Das Produkt dem Produzenten.

"Es gibt nur diese zwei Sozialismen.

"Der eine ist die Kindheit des Sozialismus; der andere sein Mannesalter.

"Der eine ist bereits die Vergangenheit; der andere ist die Zukunft.

"Der eine wird dem andern Platz machen.

 

"Heutzutage muß sich ein jeder für den einen oder den ande­ren dieser beiden Sozialismen entscheiden, oder aber be­kennen, daß er kein Sozialist ist."

 

Einige der vorstehenden Thesen und Antithesen könnten prä­ziser formuliert sein, dürften jedoch im Zusammen-hang mit dem vorher Gesagten verständlich sein.

 

Zu überlegen wäre, ob man nicht von der bisher üblichen Klassifizierung, die den Anarchismus auf der äußer-sten Lin­ken einreiht, abgehen sollte, da er sich gleich weit entfernt von den rechten und linken Ideologien hält und eigentlich - Prophete rechts, Prophete links, das "Weltkind in der Mitte" darstellt. Dies umsomehr, als, wie dargelegt, jede Ablehnung des Faustrechts konsequenterweise beim Anarchismus landen muß, insbesondere die echte Demokratie mit dem Mündigkeits­anspruch des Einzelnen und dem Pluralismus.

 

Während der Faschismus - ein Halbbruder des Kommunismus, und auch auf dem Boden des Klassenkampfes erwachsen - mit dem Kommunismus Ziele und Methoden weitgehend gemein hat: aggressive Gewalt als Mittel, ein Dogma, das keine Zweif­ler duldet, eine De-facto-Herrschaft Weniger, die ungeachtet der natürlichen Un-gleichheit unter den Menschen und der un­endlichen Verschiedenheit ihrer Empfindungen und Wünsche auf al-len Gebieten alles regeln und kommandieren wollen, und jene Achtung vor der gleichen Freiheitssphäre der anderen, die das Wesen des Anarchismus ausmacht, mit Lenin als "ein

 

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bürgerliches Vorurteil" bezeichnen. Es sind das Faustrechts­anhänger, wenn auch nicht immer bewußte. Es sind - Gläubige an unbeweisbare "Wahrheiten".

 

"Anarchisten", die keine Anarchisten sind.

 

Lincoln fragte einmal: "Wieviel Beine hat ein Schaf, wenn man seinen Schwanz ein Bein nennt?" - Als einer von jenen, die nicht alle werden, darauf antwortete: "Fünf", lächelte Lincoln und erwiderte: "Es kommt doch nicht darauf an, wie man eine Sache - gar willkürlich und einem