Reise an den "Stadtrand" von Tokio (7. bis 12. April 2009)

Die Bonin-Inseln oder Ogasawara-Inselgruppe, wie sie auf Japanisch genannt werden.

Sicher verwundert es viele Leute zu hören, dass die Metropole und Hauptstadt Tokio nicht nur aus Regierungs-, Büro- und Modevierteln wie Ginza, Shinjuku, Shibuya und Harajuku (siehe meine jap. Webseite http://www.hpo.net/users/hhhptdai/harajuku/harajuku.htm ) und endlos erscheinenden Wohngegenden besteht, sondern auch eine Reihe hochaktive Vulkane auf ihrem Stadtgebiet hat. - Nein, nicht den Fuji. Der schläft und gehört auch nicht zu Tokio.
Die Vulkane befinden sich in sicherem (hoffentlich!) Abstand auf den vor der Tokioer Bucht gelagerten Izu-Inselkette. Sieben Inseln an der Zahl, oder acht, wenn man berücksichtigt, dass der Sand zwischen Niijima und Shikine 1703 weggesackt ist. Die Behörden verwalten die beiden Inseln aber immer noch als eine einzige. Naja, Beamte waren noch nie die Schnellsten...
Ooshima ist die größte der Izu-Inseln. In ihrer Mitte liegt der aktive Vulkan Mihara (758m hoch). Als ich 1975 das erste Mal die Insel bereiste. Damals hatten die Japaner ihre Landschaft noch nicht mit Sicherheitszäunen und Warnschildern zugemüllt, wäre ich beinahe, als ich gegen die gleißende Sonne in der Caldera zum eigentlichen Kraterloch ging, hineingefallen. Die Sonne blendete mich so stark, dass ich erst unmittelbar vor dem Abhang, das große, tiefe Loch wahrnahm. Damals haben sich viele Unglückliche, besonders Unglücklichverliebte, Verliebte, deren Familien gegen die Liebesbeziehung waren, dort zu Tode gestürzt. Ich wäre also sicher nicht als Unfallopfer in die Statistik eingegangen, sondern nur als ein weiterer Selbstmörder.
Als ich wenig später die Insel wieder besuchte, hatte der aktive Vulkan selbst das Loch gefüllt und zu einem noch späteren Zeitpunkt durfte man den Krater noch von Weitem bewundern.
Auf der Izu-Insel Miyake, auf der im Jahre 2000 der Vulkan Ooyama ausbrach, wurden sogar die ca. 3000 EW bis 2005 zwangsevakuiert. Angeblich war diese lange Evakuierung wegen erneuter Ausbruchgefahr und giftiger Dämpfe notwendig. Häuser und Besitz der Leute waren dem Verfall ausgesetzt. Haustiere und Vieh kamen um. Wie nach dem Erdbeben in Niigata, wo der Staat die Bewohner nicht mehr zu ihren Häusern ließ, um die großen Schneemassen, die sich in dieser Gegend auf den Dächer ansammeln, zu räumen, so dass sie, wenn sie nicht vom Erdbeben eingestürzt waren, unter den Schneemassen zusammenbrachen, so vergrößerte auch hier der Staat den Schaden, den die Natur anrichtete.
Einige Hunde verhungerten. Natürlich alle, die an der Kette lagen. Aber einige kämpften sich durch, überlebten die giftigen Dämpfe und ernährten sich wohl von Wildkarnickeln, die ebenfalls den giftigen Dämpfen trotzten und sich, wie Karnickel es eben tun, über die Jahre hinweg vermehrten, und so die verwilderten Hunde ernährten.
Blöde dressierte Hunde, wie ein ausgesetztes Vieh, das mal die Glotze hier präsentierte, um uns zu Tränen zu rühren, überlebten natürlich nicht. Dieser blöde präsentierte Hund in der Glotze saß hungrig in der Wildnis und bettelte mit seinen Pfötchen wie am Tisch der Herrchens um Futter. Und da sagen einige religiöse Idioten immer, nur der Mensch habe Religion... Quatsch! Irrationales, religiöses Verhalten findet man viel häufiger in der Tierwelt als bei Menschen.
Aber zurück zur Inselkette:

120 km hinter der letzten Izu-Insel, ca. 500 km vom Stadtzentrum Tokios (aber immer noch Tokio!), gibt ein paar Felsen, die ab und zu mal aus dem Wasser gucken: Myoujin-shou (auch Bayonnaise-Rocks genannte), Gipfel eines großen Unterwasservulkans mit einer Caldera von über 8 km Durchmesser. 1952, also erdgeschichtlich gerade erst vor Kurzem - ich selbst lernte damals allerdings erst an einem norddeutschen Moorrand den aufrechten Gang - kam bei einem Unterwasserausbruch die 31köpfige Besatzung eines Forschungsschiffs um.  

Die Fotos dieser Webseite wurden von meiner Frau, Keiko Daita, gemacht. Dieses Foto von dem Ausbruch 1952 allerdings nicht. Damals hatte sie noch keine Kamera.
Bild stammt von Wikipedia.

Noch 500 km weiter, südsüdöstlich vom Zentrum Tokio liegen die ersten Ogasawara-Inseln (Bedeutung: Klein-Schirm-Felder-Inseln). Die meisten dieser Inseln sind nach Familienmitgliedern benannt: Chichi-jima (= Vater-Insel), Haha-jima (= Mutter-Insel), Ani-jima (= Großer-Bruder-Insel, Japaner können nicht einfach nur Bruder sagen, sie müssen immer definieren, ob er der ältere oder der jüngere ist), Ototo-jima (= Kleiner-Bruder-Insel), ebenso gibt es Große-Schwester- und Kleine-Schwester-Insel, Zwillingskinder-Insel, Enkel-Insel, Nichte-Insel, Braut-Insel und Bräutigam-Insel,. Und wie finden Braut und Bräutigam zusammen? Sie brauchen einen Vermittler, meist auch ein Verwandter oder guter Bekannter. Nakodo-jima (= Ehevermittler-Insel) gibt es auch. Die kleinern Inseln um diesen Hauptinseln nennen sich: Vorne-, Hinten-, Rund-, Flach-, West-, Ost-, Süd-, Südost-, Ziegen-, Vogel- etc.-Inseln.
Noch weiter im Süden liegt Iojima. Io ist Schwefel auf Japanisch. Unter dem englischen Name Iwojima erlang diese 3 km lange Insel Weltruhm für eine der letzten und erbittersten Schlachten des 2. Weltkriegs.

  Im April (2009) fuhr das Schiff nur einmal die Woche von Tokio nach Chichijima. Abfahrt Dienstag 10:00, Ankunft am nächsten Tag um 11:30.
  Letzter Blick auf Tokio.  
  Diese schöne Kalligraphie hing in der Schiffskantine. Der Künstler hat ein Holzeßstäbchen zum Schreiben benutzt.
.Textinhalt (ungefähr): "Chichijima, Hahajima, Iojima, auch bis zu euch reicht der Geist Yamatos (also der japanische Geist, "große Harmonie" geschrieben). Mein Gebet für morgen: Frieden."
Wir durften das Schiff auch besichtigen. Nicht alles. Z. B. nicht die Damenduschen, aber Motorraum und Brücke.
Besonders interessant: Der kleine Shinto-Schrein. Von mir angesprochen, versichterte der erste Offizier, dass der Kapitän jeden Morgen vor diesem Altar betet, dass das Schiff nicht untergeh. - Bis jetzt erfolgreich.
 
  Noch kein Land in Sicht.
  Alter Seebär wie Ochs vorm Berg an den Armaturen.
  Endlich Land.
Chichijima-Kai. Von links nach rechts: 1. "Weil wir Japan sind, schaffen wir es. Die neue Olympiade!",
2. "Ogasawara-Flughafen schnell eröffnen!!" (Eine Forderung der Bevölkerung, die vom Tourismus lebt. Schnell die Berge schleifen und die Korallenriffs zuschütten, wie auf Okinawa, damit noch mehr "Öko-Touristen" (großes Schlagwort im Moment hier) ins Land kommen.
3. Ganz-Japan-Verkehrssicherheitskampagne, 4. Ogasawara-Inselkette soll Weltnaturerbe sein.
Japaner verstehen es, ihr Land mit Schildern und Plakaten vollzumüllen. Bei Reisesendungen im Fernsehen denke ich immer: Nun stellt euch mal vor, das wäre in Japan. Mit wie vielen häßlichen Schildern hättet ihr den Ort entstellt!
 
  Der Hafen von oben. Ganz hinten im Hafen ein paar Segeljachten. Wir kamen mit einem japanischen Einhandsegler, der an der amerikanischen Westküste entlang gesegelt war und fast ein Jahr unterwegs gewesen war, ins Gespäch. Er erzählte unter anderem von japanischen Weltumseglern, die, da ihre Zulassung für ihre Jacht ablief, vor Ort, also in einem fremden Land ihre Jacht neu angemeldet hatten. Die japanische Hafen-Behörden hier erlaubten ihnen daher nur einen 3tägigen Aufenthalt! - Und ich wunderte mich aufs Neue, warum es in einer Demokratie so viele scheißidiotische Schikanen gibt.
Ein Einsiedlerkrebs im Wald.  
  Dieser häßliche Plastikmüll an den Bäumen ist eine Falle für eine ortsfremde Eidechse, die Green Anole. Zwar habe ich die Eidechse gleich bei unserer Pension entdeckt, aber in keiner der Fallen, die ich gecheckt habe, war eine Eidechse kleben geblieben.
Auch grün, aber einheimisch und einzigartig ist der Green Pepe, ein Pilz, der im Dunklen phosphoresziert. Meine erste Frage war: Ist er eßbar? Da wurden meine Erwartungen gleich zurückgeschraubt. Der Pilz ist nur ein, zwei Millimeter groß und keiner hat bisher versucht, sich damit zu ernähren.
Es wurden Nacht-Touren angeboten, auf denen man auch den Pilz sehen kann. Da ich nachts schlafe, bin ich nicht mitgegangen. Daher hier nur ein Bild von ihm auf dem Straßenpflaster. Aber ein junger Schweizer in unserer Pension ist mitgegangen. Tourbeginn Uhr 19:00. Da ist es nämlich schon dunkel gewesen. Ihm zufolge leuchtet der Pilz ähnlich wie das Hinterteil der Glühwürmchen, bloß schwächer, also wohl wie ein Glühwürmchen mit Schwindsucht.
Mehr zum Pilz hier:
http://www.nakanishi.net/og/og4e.htm
 

Höchste Zeit mal zu sagen, dass es fast die ganze Zeit regnete, während ganz Japan sonst das schönste Sonnenwetter hatte. Naja, in diesem Moment regnete es mal nicht. Sonst hätte wir ja unseren Schirm nicht an den Strand gelegt. Das schöne Foto wurde wie alle anderen schönen Fotos auch von meiner Frau Keiko Daita gemacht.

  Traditionelle Out-rigger-Boote.

Mit dem Boot links sind junge Leute sogar die 60 km bis Hahajima gepaddelt. Einen ganzen Tag hin und einen ganzen Tag zurück. Normalerweise klemmen die Leute heutzutage aber wie rechts einen Außenborder ans Boot.

 

Ohne Worte.

Essen:

Spezialität Seeschildkröte. Wir haben sie roh gegessen, in Suppe gekocht und gebraten (rechtes Bild).

 
  Sushi (die sechs Stückchen rechts im linken Bild) werden auf den Ogasawaras traditionell nicht mit Wasabi (extra scharfer, japanischer Meerrettich), sondern mit Senf gemacht.

Hahajima

Wir sind dann auch noch nach Hahajima gefahren. Da war das Wetter besonders schlecht.

Öffentliche Telefonzelle im Hafen von Hahajma. Das Gerät mit den drei Knöpfen oben gibt je nach Wunsch und Knopf die Geräusche, Stimmen oder Lieder, oder wie man das nennen soll, eines Wales, eines Delphins oder des nur auf Ogasawara heimischen Vogels Meguro wieder.  

Auf Hahajima haben wir einen Mietwagen genommen. Die Insel besteht hauptsächlich aus einer Sackgasse nach Norden und einer zweiten nach Süden.

Kanone aus dem letzten Krieg. Gibt viele davon.  

 

 
Ende der Sackgasse. Jetzt geht es wieder zurück.
Unten: Schild von Nahem.

Das Ross-Museum auf Hahajima

1869 kam schon mal ein Deutscher auf diese Insel, Frederik Rolfs (1821 - 1898), ursprünglich ein Wahlfänger aus Bremen. Ihm gefiel die Insel. Er wurde seßhaft und nahm sogar die japanische Staatangehörigkeit an. Er entdeckte, dass das poröse Lavagestein der Insel sich sehr gut als Baumaterial und für andere Gegenstände wie Becken, Vasen, Mörser, Stößel etc. eignete.
Sein Name wurde verkürzt zu Ross. Und ihm ist dieses Museum gewidmet.

"Hier ist das Südende der Tokyo-Metropolitan-Straße." Mit Angaben zur nördl. Breite und östl. Länge.  

Minami-jima


(Dieses Foto hat die freundliche Fremdenführerin von "Papaya" gemacht.)

Meine Frau und ich auf Minamijima, einer kleinen Insel vor der Südküste Chichijimas. Minami heißt Süden. Diese Insel wurde mal von wilden Ziegen, die sich immer mehr vermehrten, kahl gefressen. Danach verhungerten die Ziegen dann. Heute besteht die Vegetation hauptsächlich aus einem giftigen Kraut, das die Ziegen nicht fraßen.

Wale

Die ersten Wale sahen wir vom Schiff, das uns von Hahajima zurück nach Chichijima brachte, aber leider nur in der Ferne. 

Eigentlich sollten wir schon am ersten Tag eine Whale-watching-Tour machen. Unsere Unterkunft, Papa's Island Resort, hatte für Gäste solche Touren als "kostenlosen" Service angeboten und für uns war es auch der Grund gewesen, dass wir diese Pension gebucht hatten. Angeblich wegen des schlechten Wetters, obwohl es am ersten Tag noch am trockensten und ruhigsten war, wurde diese Tour ersatzlos gestrichen. Man kann also Papa's Island Resort trotz der Mühe, die sich die Frauen von der Küche gaben, nicht empfehlen. Andere Gäste machten sofort auf eigene Rechnung bei anderen Unternehmen ihre Whale-watching-Tour und waren begeistert.
Am letzten Vormittag, unserer Abreise war um Uhr 14:00, machten wir mit "Papaya"
http://www.interq.or.jp/blue/papaya/ unser Whale-watching. Diese Erfahrung hat wirklich den Urlaub für uns gerettet!
Der Name "Papaya" ist ein gut gelungener Wortwitz. "Ya" heißt nämlich Laden auf Japanisch. Und tatsächlich haben die Leute später auf Hahajima, also der Mutterinsel, eine Mamaya eröffnet. Die Geschäftsführung dieser beiden Unternehmen teilen sich aber nicht Vater und Mutter, sondern entferntere Verwandte führen die Mamaya.
Papaya-Früchte gibt es übrigens massenweise auf den Ogasawaras.

Wir sahen Wale nicht nur aus der Ferne., sondern eine Walmutter mit drei "Kleinen" kam sogar ganz in die Nähe. Leider gar nicht so leicht mit der Digitalkamera zu fotografieren.
Ganz vorne, das bin ich.
 

Die "Nasenlöcher" eines Wales. Dieses schöne Bild ist meiner Frau dann doch noch gelungen.

Auf der Rückfahrt nach Tokio sahen wir dann auch noch ein U-Boot in freier Wildbahn.

Wenn ich zu Beginn von einer Reise an den "Stadtrand" von Tokio geschrieben habe, so ist das eigentlich nicht ganz richtig, denn noch viel viel weiter östlich, etwa 1848 km von Tokio liegt noch die kleine, 1,4 km² große, dreieckige Insel Minami-Torishima. Laut Wikipedia, der östlichste Teil Japans. Das ist aber nicht ganz richtig. Japan hat nie - wie Deutschland - auf seine Ostgebiete verzichtet. Die Sowjet Union hatte Japan am 8. August 1945, zwei Tage nach dem Abwurf der ersten US-Atombombe auf Hiroshima, den Krieg erklärt. Dafür erhielt die Sowjet Union nach der Kapitulation am 14. Aug. 1945 Inseln östlich von Hokkaido, die zu den Kurilen gehören. Der östlichste Punkt Japans befindet sich dort - nach offizieller, japanischer Ansicht.
Die Ogasawaras waren auch nach dem Krieg bis Sommer 1968 besetzt, aber von den USA.

Wieder Zuhause

Am 13. April war ich wieder in meinem neuen Zuhause in der Fukushima-Präfektur.

In meinem Brief-Kasten fand ich einen "Konsum-Scheck" der Regierung über 12 000 Yen, knapp 100 Euro. Die Regierung Japans "schenkt" jedem "ihrer" Bürger und ansäßigen Ausländern diese Summe, um durch mehr Konsum die Wirtschaft anzukurbeln. Uff, wir haben gerade 30mal mehr ausgegeben.
Einige mögen sich ja freuen und dem Staat dankbar sein, für sein Geschenk, aber das Geld wurde ja zuerst einmal von uns gestohlen. Also ich jedenfalls freue mich erst, wenn ich alles, was mir gestohlen wurde, zurückbekommen habe und die Diebe hängen.
Siehe auch
http://www.hpo.net/users/hhhptdai/politiker.htm

Vielen Dank für den Besuch dieser Webseite

Holger Hermann Haupt


Back to Holger Hermann Haupt's Home Page